Ausgabe 
24.12.1938
 
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Nr. ZV» Erstes Blatt

»88. Jahrgang

Samstag, 24./§onntag,25. Dezember »958

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Des deutschen Volkes Weihnachtsfefi.

Fest der Stille.

Äon Otto Gmelin.

Kein Fest von allen kirchlichen christlichen Festen ist im Lauf der vielen Jahrhunderte so sehr zu einem deutschen Fest geworden wie das Weihnachtsfest. Es ist geradezu zum Fest deutscher Art geworden und ist eines der besten Beispiele, wie die Germanen, indem sie in Deutschland allmählich nach der Völkerwande­rung zur Ruhe kamen, durch die Einschmelzung christlicher Gedanken in ihr eigenes Wesen und die innere Durchdringung mit ihrem Blut das Christliche zu ihrem Eigentum machten, so daß es wie ein Urdeutsches wurde. Da wurden die Ideen des Christentums bis zur Unkenntlichkeit verwandelt, von Gemütskräften durchdrungen und von deutscher Phantasie umrankt.

Weihnachten ist für die Deutschen das Fest der Familie geworden, denn es war die heilige Familie, um die der Glanz des Gött­lichen war. Und es ist das Fest der Kinder, denn das Göttliche offenbarte sich in dem Kinde. Gerade dies haben die Deutschen herausgesühlt oder hineingelegt: Im Kinde liegt etwas Rei­nes, das der ältere Mensch immer mehr ver­liert, und das er immer mehr ersehnt. Wenn man ein Kind anbetet, so betet man etwas an, das jeder von uns versteht und jeder von uns liebt. Wenn aber gewissermaßen der Herr der Welt in Kindesgestalt erscheint, so liegt darin die unendliche Weisheit, daß alle Gelehrsamkeit, aller Reichtum, alle Fülle des Lebens nicht so mächtig sind, wie die schlichte Einfalt. Arm und als ein Kind erscheint der Erlöser; er erscheint nicht als ein mächtiger König, nicht als ein Fürst in Pracht. Ist es nicht wirklich wahr, fühlen wir Deutsche es nicht alle so: Ist Ndcht ein Kind mächtiger als alle Gewaltigen der Erde, und ist es nicht die Kindlichkeit, in der wirerlöst" sind, d. h. uns nicht belastet fühlen vom Zweifel, von der Unsicherheit, von der Frage an uns selbst, vom Gewissen. Unaus­sprechlich rührend ist das Bild von dem armen unbekannten Kinde in einer Krippe eines Stal­les, das der Welt den Frieden bringt. Indem die Eltern ihre Kinder beschenken am Weih­nachtstage, bringen sie dem Kind Opfer, ver­ehren sie das Kind.

Wenn auch in den Kaufhäusern und aus den Straßen Weihnachtsbäume stehen, der wahre Zauber des Weihnachtsfestes ist doch i n d e r Familie, im Haus, im Heim, denn unsere nordischen Winter machen es ja unmöglich, daß wir draußen uns in der kalten und nassen Nacht heimisch fühlen.

Weihnachten ist aber auch das Fe st des Lichtes, denn es ist das germanische Fest der Wintersonnwende und zugleich das christ­liche Fest des göttlichen Lichts, das zu den Men­schen kam. Wenn dies auch in der Heiligen Schrift angedeutet ist durch den Stern, der über Betlehem steht, so konnte gerade dieser Sinn des Weihnachtsfestes zu einer wesentlichen Kraft erst in nördlicheren Gegenden, wie in Deutschland, werden. In dem Maße, in dem sich das Leben der Kultur in unseren Breiten mehr und mehr in die Häuser und die Stuben zurückzog in den winterlichen Monaten, in dem­selben Maße wurde aus dem brennenden Holz­stoß im Freien der Weihnachtsbaum mit seinen Lichtern. Auch hier durchdringen sich aus wun­derbare Weise Germanisches und Christliches. Die Tanne wurde für uns ein Symbol des alle Schrecknisse überdauernden Lebens, und die daran gehängten Aepfel und Nüsse waren das Symbol des Fruchtbringens überhaupt. Die Kerzen aber sind das Symbol der ewigen Flamme, der Flamme des Sonnwendfeuers, die ja selber nur wieder ein Symbol für die gött­liche Kraft ist, die der Geist darstellt. Für die Kinder ist der Lichterbaum wirklich ein Zeichen alles hohen Glanzes, aller ihrer Freude. Das deutsche Gemüt ist es, das in dem Lichterbaum das Geheimnis der Flamme erahnt, aus der alle Welt ist und lebt.

Denn Weihnachten ist auch das Fe st des Geheimnisses. Es ist das Geheimnis der Schöpfung, daß die Sonne sich wendet und von nun an wieder aufsteigt, und es ist das Geheimnis Gottes, daß er Mensch wurde in dem Kinde. Wenn die Germanen die Sonn­wende feierten, so feierten sie zugleich dahinter die Kraft göttlicher Schöpfungsfülle. Dieses Ge­heimnis schwebt auch um unser Weihnachtssest Es ist kein richtiges Fest, wo es nicht Geheim­nisse gibt. Das Geheimnisvolle ist einer der schönsten Reize jungen Lebens. Wenn dem Kinde gesagt wird, der Weihnachtsmann oder das Christkind brmge b^n Baum o^r die Ge­schenke, so erhöht sich damit der Wert dieser

Geschenke, sie sind umgeben von einem Flim­mern der Phantasie; welches Kind hat nicht einmal hinter flimmernden eisüberzogenen Scheiben in der Winternacht den Weihnachts­engel gesehen! Wenn die Türe verschlossen ist, hinter der die Weihnachtsgaben und der Christ­baum sind, so ist das Herz des Kindes voller Erwartung und voller zitternder Erregung. Denn alles Geheimnis ist ein Zeichen und Sym­bol der größten und letzten Geheimnisse, die das Leben durchziehen, von denen mir alle nur in Bildern reden können.

Ein Ausdruck unserer deutschen Weihnacht sind unsere Weihnachtslieder, die zu den meist geliebten und verbreiteten Volksliedern ge­hören. In ihnen singt deutsche Seele. Kein Kind, kaum wir Erwachsenen denken dabei an ihren wörtlichen Sinn, denn wir spüren alle hinter diesem den ewigen und tieferen Sinn.

Es ist schade, wenn diese Lieder vielfach in unserer Zeit durch mechanische Musikinstru­mente verbreitet und so ihrer inneren Wirk­lichkeit beraubt werden, ebenso wie es schade ist, wenn die Kerzen des Baumes durch elek­trische ersetzt werden. Die Lieder müssen er­klingen von menschlichen Stimmen, von den Stimmen der Kinder. Dann tragen sie etwas zu uns von dem Lobgesang der himmlischen Heerscharen.

Weihnachten wird für uns Deutsche immer ein F e st der Stille, der Besinnung, der Innerlichkeit sein. Wir werden in der Freude mit den Kindertt das Geheimnis spüren, das Geheimnis der Göttlichkeit des Kindes, das Ge­heimnis der Flamme in der Winternacht, das Geheimnis der Macht der Schlichtheit und Ar­mut, über der der Stern Gottes steht, und vor der die Könige knien.

Weihnachtliche Madonna von Albrecht Dürer.

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Der Dürersche Kupferstich, den wir hier ab­bilden, stammt aus dem Jahre 1495 und ist bekannt unter dem NamenDie heilige Fa­milie mit der Heuschrecke" oder auch, da die Mutter Gottes nicht nur äußerlich-räumlich die Mitte des ganzen Blattes einnimmt und den Eindruck bestimmt, dieMadonna mit der Heu­schrecke". Die Heuschrecke ist am unteren rechten Bildrande zu erblicken; in der Mitte, zu Füßen Marias, die berühmten Initialen, mit denen Dürer seine Bilder zu kennzeichnen pflegte. Zwar gehört dieser schöne Stich nicht unmittel­bar zu den Blättern, die uns einsallen, wenn wir uns ein Weihnachtsbild vorstellen wollen, aber Mutter und Kind, die lieblichsten Ge­stalten der Weihnachtsgeschichte, sind von Dü­rer so ganz in den Mittelpunkt und den Vor­dergrund seines Bildes gerückt, daß manche auf den ersten Blick den links an die Rasenbank gelehnten, schlafenden Joses gar nicht bemerken werden, von der winzigen, geflügelten Heu­schrecke zu schweigen, welche diese Madonna von manchen andern sogleich unterscheidet. Hoch oben schwebt auch nicht jubelnd ein Engelchor, sondern in Wolken wird Gott Vater sichtbar in thronender Majestät und auch die Taube des Heiligen Geistes; damit ist zwar der Gegenstand sogleich jeder profanen Welt­lichkeit entrückt, und man könnte sich die Gruppe auch während einer Ruhe auf der Flucht nach Aegypten vorstellen. Was wir sagen wollen«

ist aber dies: selbst wenn wir nicht wüßten, daß das Blatt aus Dürers Hand stammt, würden wir doch seine deutsche Herkunft empfinden; Dürers Madonnen, so hat jemand mit Recht bemerkt, sind alle deutsche Bürgerfrauen, wie er sie in Nürnberg auf Markt und Straßen sah. Diese, mit der Heuschrecke, macht keine Aus­nahme, und eben darum ist sie uns lieb und vertraut. Das Bübchen auf Marias Arm ist ein ganz lebendiges, ganz kindliches und gar nicht stilisiertes Kind, wie man es, mit Blick und Haltung eines Erwachsenen, auf manchen an­dern Madonnenbildern sehen kann. Daß der schlafende Joses wirklich ein müder, geplag­ter Handwerksmann ist, braucht kaum bemerkt zu werden. Doch nimmt keine dieser Wahrneh­mungen dem Bilde etwas von seiner natür­lichen Anmut, Hoheit und Würde; wir erkann­ten schon die betont zentrale Anordnung der Figuren, auf die es ankommt, und wir fügen hinzu, wie, etwa statt eines Heiligenscheines, hinter dem Haupte der Madonna die Land­schaft sich öffnet und ins Unendliche verliert. Es ist wohl übrigens keine deutsche Landschaft, aber sie ist auf altdeutsche Weise dargestellt, und Dürer würde man ebenso an den haarscharfen Einzelheiten des Hintergrundes erkennen, dem Fischer in seinem Nachen rechts, wie an der liebenden Sorgfalt, mit der er Marias Kleid und Mantel in schwere, große, gebrochene Fal ten gelegt hat. hth.

Drinnen und draußen.

Äon Maria Kahle.

In der grauesten Zeit des sinkenden Jahres, wenn die Tage nur schattenhaft aus dem Dun­kel herauftauchen und das Leben der Natur in Vereisung erstarrt unter dem schneekalten Mond, da wächst ein Baum hoch über alle Bäume, breitet die Zweige wohl über das ganze deutsche Land und schimmert mit zahllosen Lich­tern, verstrahlt sinnbildhaft das Licht der Win­tersonnwende: der deutsche Weihnachtsbaum.

Und die Herzen der Deutschen, wo immer sie leben mögen auf weiter Erde, wenden sich in diesen Tagen dem hohen Lichterbaume zu, ver­sunkene Lieder der Kinderzeit beginnen zu klin­gen, Weihnachtslieder. Aller Märchenzauber des deutschen Gemütes webt sich um den Lich­terglanz, um den immergrünen Lebensbaum aus unferm Walde.

So erlebte ich es einmal im hohen Norden: Eine riesige Tanne stand allein, düster aus­gebreitet, auf verschneiter Anhöhe; deutsche Ju­gend kam durch die Abenddämmerung fackel- tragend herangewandert und steckte Lichter auf in dem grünen Geäste. Und nun schien die Tanne noch zu wachsen, die dunkel Ragende, als ob sie der Weltenbaum wäre und alle Sterne in ihren Zweigen hingen.

Wir Deutschen tragen aus ferner Vorzeit noch im Blute das Lichtrufen der Ahnen; die graue Sage von dem Lebensbaum, der Weltesche, hat sich verzweigt in unser Wesen. Sie wurde nie ganz vergessen, und darum ist uns das Fest des Weihnachtsbaumes, des Lichtes, das deutscheste F est geworden. Viele Völker feiern Weihnacht, in ihren Kirchen klingt die fromme Friedensbotschaft:Seht, ich verkün­dige euch eine große Freude!" aber die lichtgesegneten Menschen in den heiteren Mit­telmeergärten oder im ewigen Sommer der Tropen, in den glühenden Wüstensteppen wissen nicht um die Einsamkeit dunkler Winternächte, in d«en Adventsklage zum verborgenen Gott aufsteigt, wissen nicht von der vergrübelten Sehnsucht im Nordland. Das Verhangene, mit den Naturkräften Verbundene in der deutschen Seele, das die klaren lateinischen Völker nie verstehen, das in allen Sprachen unübersetzbare G e m ü t", es ist aus dem Dämmer der langen Nächte gewachsen und aus dem nordischen Wälderland, wie unsere Mythen und Märchen daraus wuchsen und unsere Dome. Gottes Stimme, Schauer des Ewigen nahen der deut­schen Seele in den Wundern und Gewalten der Natur, nahen unserer Dunkelheit und Sehn­sucht im Licht!

So waren heilig unseren frühen Ahnen die zwölf geweihten Nächte,ze wihen nachten", in denen sie die Wiederkehr des Lichtes, der Sonne, feierten mit überlieferten Bräuchen, die heute noch im Bauerntum leben, und be­sonders rein und echt sich i n d e n d e u t s ch e n Alpenländern erhielten. Christlicher Glaube und uralte Volkssitte verschmolzen hier in eins; aufgespeicherte Gottsehnsucht vergange­ner Geschlechter wurde Stimme im deutschen Weihnachtslied, neigte sich vor den treuherzigen Krippenbildern, die von bäuerlichen Künstler­händen geschnitzt waren. Die Sarntaler in Tirol fangen:

O Schein, o Glanz, o Wunder!

Wer hat die finstre Nacht Ganz unverhofft itzunder So hell, fo glänzend gemacht?

In Tirol fährt nach dem Volksglauben Frau Berchta" in den zwölf Rauhnächten durch die Lande, und die Spinnerinnen sorgen ängst­lich, daß ihr Rocken sauber abgesponnen ist, wenn FrauPerchtl" (Frau Holle) mit der wilden Jagd durch die Lüfte braust. Am Abend trägt der Bauer, gefolgt von Frau und Kindern und Gesinde, die mitDreißigenkräutern" ge­füllte Rauchpfanne (Rauhnächte: Rauch-Nächte) dreimal um Haus und Hof und durch alle Räume, durch Stall und Scheuer, um die Feinde der Fruchtbarkeit, Winter, Krankheit, Tod, zu bannen. Im deutschen Südland backt die Bauernfrau zur Weihnacht den Zelten. Rog­genbrot mit Früchten, das alte einst Freya ge­weihte Opferbrot.

Die SiedenbürgerSachsen läuten in ihren Dörfern denKristtag" schon am Vor­mittag ein. Dr. Adolf Schullerus erzählt: Höhenfeuer, Fackelschwingen vom Turm in der Kristnacht halten alte Sonnwendbräuche fest, mährend der Choral von der Berghohe oder dem Turm und das Ansingen der Burschen vor