Ausgabe 
24.9.1938
 
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Nr. 224 Drittes Blatt

(Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

24./2S. September 1958

Aus Der Stadt Gießen.

Besinnliche Stunde.

Dreimal schon hat es der Buchfink versucht, sich der Bank zu nähern. Aber jedesmal wurde er wie­der durch irgendein Geräusch in der Nähe gestört. Oder war es nur das mangelnde Zutrauen, das ihn zu guter Letzt doch wieder aufflattern ließ? Jetzt kommt er abermals heran. Er ist ein hübscher klei­ner Bursche mit braunroter Brust und klug blicken­den Augen. Langsam trippelt er näher, bis er noch eme Handbreit von den Krumen entfernt ist, die ich gestreut habe. Nun hebt er den Kopf. Wird er wie­der davonflattern? Nein, diesmal hat er offenbar die Scheu überwunden. Er hüpft vorwärts und beginnt zu picken. Aber nach jedem winzigen Krüm­chen, das er aufpickt, hebt er sichernd den Kopf.

Ich sitze auf einer Bank in der Anlage vor der Stabt und betrachte das kleine Schauspiel. Es ist eine Stunde besinnlichen Ausspannens, zu der die vlötzlich scheinende Sonne des Septembertages ver- fiityrte. Welch ein behagliches Gefühl, die warmen Strahlen zu spüren. Die Brust atmet genießerisch die nach herber Reife schmeckende Luft, der ganze Körper empfindet wohlig die Köstlichkeit des Augen­blicks, und die Augen wandern immer wieder zu dem kleinen munteren Fink, der sich die Krumen schmecken läßt.

Drüben liegen die Häuser der Stadt. Sie ver­sinnbildlichen mit ihren Türmen und Spitzen mensch­liche Tatkraft und menschlichen Gestaltungswillen. Rauchfahnen gehen darüber hin als Zeichen im- Merwährenüen Arbeitsfleißes, zu dem die verhalten dingenden Geräusche die Grundmelodie sind. Merk- vürdig, man hat die Stadt manchmal gescholten md wenig Gutes von ihr gesagt. Aber ist in ihr richt auch sehr viel Positives, viel Erfreuliches, das Vir gar nicht missen möchten? Gewiß, die Stadt ist nicht das Land, auf dem Straßenpflaster können keine Blumen sprießen, und der Buchfink dort würde sich sicher nicht in einen Fabriksaal wagen. Aber ist die Stadt darum verdammenswert? Lebt dafür nicht in ihr ein ungestümer Lebenswille, der mit all' seinen Äußerungen in der Industrie und in Handwerk, in der Kunst und Kultur hervor- rogenbe Werte schafft?

Die Sonne wirft zitternde Kringel auf den Weg rnr der Bank. Der Buchfink trippelt ein wenig hin md her und beginnt dann wieder zu picken. Ist diese Anlage nicht auch eine schöne Leistung der restlos schaffendem Stadt? Nimmt sie sich gerade szt im blitzenden Sonnenschein nicht einzigartig aus? £ ja, man soll die Stadt nicht ungerecht schmähen, t r allem nicht, wenn man ihr in Wirklichkeit mit o. en Fasern des Daseins verbunden ist.

Ich erhebe mich, um meinen Weg fortzusetzen. T-r Buchfink flattert sofort auf einen Zweig des Mchsten Baumes. Er braucht keine Sorge Zu haben, bir kleine Kerl. Eigentlich muß ich ihm ja dankbar sln, daß er mir zu einer besinnlichen Stunde ver- hilfen hat. Ihm und der Septembersonne, die mit ifcem Hellen Schein die Stadt so verschönt.

H. W. Sch.

Bornofigen

Tageskalender für Samstag.

iGloriwPalast (Seltersweg):Heimat". Licht- spelhaus (Bahnhofstraße):Die Frau am Scheide- mge". Gastspiel Johann Strauß: 20 Uhr Bolks- tzlle.

Tageskalender für Sonntag.

Gloria-Palast (Seltersweg): Heimat". Licht­spielhaus (Bahnhofstraße):Die Frau am Scheide­wege". Kreisfachgruppe Kaninchenzucht Gießen: 16 UhrBurghof", Vortrag über Angorakaninchen- Ächt.

Bund Deutscher Mädel.

217.3/116.

Sonntag, 25. September, Pflichtfahrt le Mädelgruppe Mitte. Antreten um 8 Uhr auf bin Ludwigsplatz. Tagesverpflegung und,50 Mk. firö mitzubringen.

Münchener Okioberfest.

Von Max Unold.

Nächtliche Vorschau.

Draußen auf der Theresienwiese ist eine Sied­lung ganz kurioser Art entstanden. Hunderte von Sauten hemmen den Blick. Phantastische Gerüste Hilen in den Himmel, zwischen Prunkschlössern und Ärmen stehen Hütten winzigen Formats. Und als tacke die Willkür eines toll gewordenen Architekten ausgetobt, so sind hier die Stile aller Zeiten unb alter Erdteile durcheinander gemischt. Lange Sei)en von Bogenlampen stehen da aufgepflanzt, die jetzt, nachdem der regnerische Septembertag zu ßnöe ging, ihr eiskaltes weißes Licht hernieder- fatben. Alle Farben wirken falsch und'unnatürlich: Elen, Kurven, Ornamente werden von der wider­sinnigen Belichtung verzerrt und aus jedem Zu­sammenhang gerissen. Hammerschläge schallen durch bie Nacht, rätselhafte Kommandos ertönen hinter Vorhängen, hinter Scheinfassaden, auf denen, sünd­haft schlecht gemalt, exotisckses Getier und neckilche Gespenster sich tummeln. In der einen Gasse schie­ben sechs Männer zerrend einen halbhohen Wagen :n ein Sparrengerüst.Däumlingsmenschen steht nif der Leinwand geschrieben. Und jenes Paar, das Port im Hintergrund auf der Veranda eines Trans- portmagens im grünlichen Schein der Azetylen- am'pe sich gegenüber sitzt: sind das nicht Wachs- i^uren, die van unsichtbarer Mechanik betrieben, Hit Messer und Gabel hantieren und sich zutrni- !en? Den einsamen Spaziergänger befällt das Gefühl, in die Szenerie eines ängstigenden Trau­ms geraten zu fein.

Die Wies' n.

Den Menschen zur Freude war dies alles mit zitier Müh und Arbeit aufgebaut, undgrab lustig Met es einen an, wenn man es, wenige Tage Pater, an einem heiteren Septembernachmittag viederfieht. (Von den drei Wochen, die das Ok- üoberfeft dauert, fällt nämlich nur die letzte in den ÜJlonat, nachdem es benannt ist, und während die­ses Zeitraumes heißt das Areal, auf dem es statt- t inbet, samt allem Zubehör im Oberbayerischen ein- i'ad)Die Wies'n".) Gottseidank, daß Vernünftigkeit Biber gar zielbewußtes Kunstgewerbe hier so wenig ^ureben hatten! Man fragt sich, wer nun eigent- Ülid) o ein Karussell entwirft, in welchen Gehirnen Mo (Einfälle für die Ausgestaltung der Buden und Zcü, dieser Teufelsbahnen,Krinolinen" und Rus- Men Schaukeln entspringen. Nur wer mit allen

25 Lahre Berufsvormundfchast der Stadt Gießen.

In den nächsten Tagen kann die Stadt Gießen \ i1? . y^biläum begehen. Es handelt sich um bas 1 2 5 ] a t) r i g e B e st e h e n ber Berufsvor­mundschaft der Stabt Gießen am 1. Okto- ber 1938. Ein Vierteljahrhundert sozialer Arbeit auf oiesem Gebiete ist ein Markstein in ber Geschichte ber Stabt, an dem es sich schon verlohnt, die Blicke einmal rückwärts zu lenken und sich in großen Zü­gen diese Tätigkeit im Dienste der Jugend vor Augen zu halten.

Hessen war auf dem Gebiete ber sozialen Für- lorgegesetzgebung zum Schutze hilfsbebürftiger, ins- befonbere unehelicher Kinber, schon früh allen deut­schen Bundesstaaten der Vorkriegszeit weit voran­gegangen. Als erster deutscher Bundesstaat der da­maligen Zeit hatte es durch Gesetz vom 10. Septem­ber 1878 den Schutz ber in frembe Pflege gegebe­nen Kinber unter 6 Jahren geregelt unb bie bis dahin völlig ungeschütztenZiehkinber" einer ge­regelten behörblichen Ueberwachung unterstellt. In Rheinhessen würbe bann bie Amtsvormundschaft. eingeführt, bie burch Gesetz vom 19. August 1905 auf ganz Hessen ausgebehnt würbe. Nach biesem Gesetz konnten die Gemeinden, oder die Kommunal- Derbände durch eine Ortssatzung oder durch ein Ge­meindestatut bie Anstalts- bzw. Berufsvormunb- schaft einführen. Das Gesetz über bie Anstaltsvor- munbschaft wurde bas Sprungbrett für bie Einfüh­rung ber Berufsvormunbschaft, für bie neben den anderen großen hessischen Städten auch Gießen bahnbrechend wurde.

Den Anstoß zur Einführung der Berufsvormund­schaft in der Stadt Gießen gab unser früherer Ober­bürgermeister, damaliger Beigeordneter Keller im Juli 1912 mit einer Denkschrift über die Ein­führung der Berufsvormundschaft in Gießen. Bei­geordneter Keller erläuterte darin bie formal­rechtlichen Voraussetzungen unb begrünbete seine Vorschläge so überzeugenb, baß bie maßgebenben stäbtischen Körperschaften seinen Vorschlägen zu- stimmten. ImGießener Anzeiger" Nummer 29 vom 4. Februar 1913. wurde eineOrtssatzung betreffend bie Einführung ber B e - rufsvormundschaft in Gießen" veröffent­licht, bie mit Wirkung vom 1. März 1913 in Kraft gesetzt würbe. Damit war bie Berufsvormunbschaft in Gießen formell eingeführt, jedoch verging bis zum Beginn ihrer praktischen Wirksamkeit noch ge­raume Zeit, da zunächst eine Reihe von Vor­arbeiten zu erfüllen waren. Die Praxis der Berufs­vormundschaft in Gießen begann am 1. Oktober 1913, so daß man den kommenden 1. Oktober als den Jubiläumstag ber Vollenbung bes ersten Viertel? jahrhunderts der Gießener Berufsvormundschaft an­zunehmen hat.

Als erster Berufsvormund iy Gießen wurde ber Verfasser ber begründenden Denkschrift und Organi­sator ber Einrichtung, Beigeorbneter Keller, burch Beschluß ber Stabtoerorbneten-Versammlung vom 20. Februar 1913 bestellt. Bei seinem Wirken als Berufsoormund sollte er, im Hinblick auf seine viel­fachen anderweitigen dienstlichen Aufgaben, von dem damaligen Armenamtssekretär Loh unterstützt werden, ferner wurde zur Mitarbeit, insbesondere vom Gesichtspunkt ber juristischen Erfordernisse aus, ber bamalige Gerichtsbeamte Rudolf Keitzer vom Amtsgericht Gießen mit Wirkung vom 1. Oktober 1913 ab in den städtischen Dienst hinzugezogen. Mit dieser personellen Regelung und der Verteilung ber Arbeitsaufgaben hatte bie Berufsvormunbschaft in Gießen nun auch ihr praktisches Fundament erhal­ten, so baß jetzt mit ber Arbeit begonnen werben konnte.

Diese brei Männer konnten indessen nicht lange Zusammenarbeiten. Bereits im nächsten Jabre, am 1. April 1914, mußte ber inzwischen "zum Oberbür­germeister von Gießen gewählte Beigeorbnete Keller auf bas Amt bes Berufsvormunbs ver­zichten, ba feine größeren Amtspflichten ihm für biete Sonberaufgabe keine Zeit mehr ließen. Mit Zustimmung ber Stabtoerorbneten-Versammlung

| würbe ber bamalige Stadtamtmann und Dezernent ! des Armenamtes, Dr. S e i b , zum Berufsvormund bestimmt. Bald darauf brach der Weltkrieg aus. Bereits am ersten Mobilmachungstage rückte der erste Mitarbeiter des Berufsvormunbs, Armen­amtssekretär Loh, ins Feld; seit bem 20. Sep­tember 1916 würbe er vermißt, unb im Jahre 1919 erfolgte seine Tobeserklärung. Der bamalige Stabt- obersekretär Keitzer übernahm mit allen Vollmach­ten bie Tätigkeit Lohs, bann auch, als ber Berufs- Dormunb Dr. Seib zum Heeresdienst eingezogen. wurde, auf Grund direkter gerichtlicher Bestellung und Verpflichtung das Amt des Berufsvormunds der Stadt Gießen, das er seitdem ununterbrochen führt. In diesem Zusammenhänge sei erwähnt, daß der Berufsvormund der Stadt Gießen seit der Ein­richtung dieses Amtes von bem beim Amtsgericht Gießen als Vormunbschaftsrichter wirkenden Amts­gerichtsrat Franz Gros, der diese Amtspflichten bis zu feinem Uebertritt in den Ruhestand am!

1 30. September 1937 versah, stets in vorbildlicher unb von ben beteiligten Amtsstellen, sowie von ben Eltern vorbehaltlos anerkannter Weise bei ber Er­füllung ber vielfältigen schweren Aufgaben unter­stützt würbe. e

Die Tätigkeit bes Berufsvormunbes ber Stabt Gießen begann naturgemäß in bescheibenem Rah­men, ba ja bas Wirken bieses Amtes etwas ganz Neues in unserer Stabt barstellte. Zu Beginn hatte ber Berufsvormunb insgesamt 62 Münbel zu be­treuen, von benen 29 unehelicher unb 33 ehelicher Abstammung waren. Balb erfuhr jeboch ber Wir­kungskreis bes Berufsvormunbes eine erhebliche Er­weiterung. Der Ausbruch bes Weltkrieges unb ber Verlauf ber Kriegsjahre brachten ihm ein ganz erheblich vergrößertes Maß von Aufgaben, ba er sich ja auch nicht nur um bie Münbel nach deren Geburt zu kümmern hatte, sondern sich in durchaus berechtigter Weise auch schon der werdenden Mutter annahm und damit für das kommende Kind Sorge trug. Die Entwicklung des Amtes unb ber Aufgaben brachte es schließlich mit sich, baß ber bamalige Stabt- obersekretär Keitzer, ber jetzt als -Verwaltungs- amtmann Vorstanb bes gesamten Städtischen Wohl­fahrtsamtes ist, im Frühjahr 1920 von dem Ober­bürgermeister zum Berufsvormund für die Stadt Gießen bestimmt wurde, nachdem Dr. Seib dieses Amt niedergelegt hatte. Der Berufsvormund war weiterhin auch als Sammelvormund tätig, der nicht nur die Mündel der Stadt Gießen, sondern auch die des Landkreises Gießen zu betreuen hatte.

Nach den Kriegsjahren brachten die unmittelbare Nachkriegszeit, insbesondere die Zeit der Inflation mit all ihren schweren Begleiterscheinungen, ferner die jahrelange Massenarbeitslosigkeit bem Amt des Berufsvormunds eine gewaltige Steigerung der Aufgaben und der Arbeit. Die Erfüllung dieser Ob­liegenheiten war mit vielfachen Schwierigkeiten verbunden, die insbesondere in unzulänglichen gesetz­lichen Maßnahmen und in vielfachen wirtschaftlichen Mißhelligkeiten bei den als Väter in Betracht kom­menden Personen als Folge der Arbeitslosigkeit ihren Grund hatten. Daß es dennoch dem Berufs­vormund in jenen Jahren gelang, für den größten Teil feiner Mündel eine sehr fruchtbare Tätigkeit zu entfalten, für 'viele dieser Kinder auch ein ge­wisses Kapital aus den väterlichen Zahlungen als Sicherstellung für die Zukunft des Kindes anzusam­meln, muß als ein besonderes Verdienst des Gie­ßener Berufsvormunds hervorgehoben werden. Er­freulich ist es ferner, daß es ihm in vielen Fällen möglich war, auf dem Wege über das Kind die öfter einander entfremdeten Väter und Mütter wie­der zusammenzuführen, so daß schließlich, zum Besten bes Kindes, die Eheschließung der Eltern zu- standekam. Einige wenige Zahlen mögen einen An­halt geben für das Anwachsen der Tätigkeit des Berufsvormunds. Hatte er zu Beginn dieser Amts­tätigkeit 62 Mündel zu betreuen, so war Hie Zahl der Vormundschaften und Pflegschaften im Jahre 1926 bereits auf 826 angewachsen, im Jahre 1936

war diese Zahl aber schon auf 3944 angestiegen. Neben der Betreuung der Mündel mußte der Be­rufsvormund natürlich auch den Eingang der von den Vätern zu zahlenden Unterhaltsgelber über­wachen unb für bie einroanbfreie Verwendung bzw. Anlegung dieser Gelder Sorge tragen. Dabei han­delte es sich in jedem Jahre um Beträge von erheb­lichem Ausmaß.

Im Interesse der von ihm betreuten Kinder war der Gießener Berufsvormund auch bemüht, für seine Schützlinge, falls der naturgegebene elterliche Schutz nicht sicherzustellen war, soweit als möglich Adoptio-Eltem zu gewinnen. Er leistete dadurch für die Zukunft der betreuten Kinder ein gutes Stück Arbeit, verschaffte aber auch solchen Ehepaaren, denen das Glück eigener Kinder versagt geblieben war unb bie gern ein Kind in ihren Lebensbund aufnehmen wollten, die Freude der Erfüllung dieses Wunsches. So konnten durch den Berufsvormund allein von 1919 bis 1936 insgesamt 42 Kinder als Adoptiv-Kinder in gute Obhut von Adoptiv-Eltern

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gegeben werden, wobei selbstverständlich alle Siche­rungen für das Kind, aber auch die Gesichtspunkte der Rassenpflege oberste Leitgrundsätze waren. In geeigneten Fällen hat der Amtsvormund aus seinem Bereich auch Vormundschaften an Einzelvormünder abgegeben, soweit die Fälle und bie Personen ber- art beschaffen waren, baß dieser Weg der Betreuung des Kinbes ohne Bebenken beschritten werben konnte.

Seit dem Beginn der Arbeit der NS.-Volkswohl- fahrt steht der Berufsvormund mit dieser Dienst­stelle der Partei in enger Zusammenarbeit unb in guten persönlichen und amtlichen Beziehungen, da ja beide Dienststellen ihre Arbeit unter den beson­deren Gesichtspunkt des Dienstes für die Jugend und damit für das kommende Deutschland stellen. Die Gießener Rechtsanwaltschaft hat es sich eben­falls allezeit angelegen fein lassen, den Berufsvor­mund bei der Prozeßführung für das Jugendamt durch unentgeltliche Mitarbeit wirksam zu unter­stützen, so daß auch sie an dem segensreichen Wirken dieser stäbtischew-Dienststelle in hervorragenber Weise mitbeteiligt ist.

Der Berufsvormund ber Stabt Gießen, als Amts­stelle sowohl, als auch in seiner Person, kann an bem Tage ber Vollendung des ersten Vierteljahr- Hunderts Gießener Berufsvormundschaft auf ein Wirken zurückblicken, das stets von dem großen und vorbildlichen Gesichtspunkt geleitet mar: Nicht neben, sondern helfen! Nicht nur Sozialfürsorge, sondern Sozialerziehung! Unter diesen Leitgedanken hat der Berufsvormund der Stadt Gießen sich in den 25 Jastren seines Wirkens große Verdienste um das Wohl unb um bie gute Gestaltung bes Lebens­weges der von ihm betreuten Mündel erworben, damit zugleich auch gute Aufbauarbeit im Dienste unserer Volksgemeinschaft geleistet. Hierfür gebührt diesem städtischen Amt, dem Berufsvormund selbst unb allen seinen Mitarbeitern ber aufrichtige Dank ber Gesamtheit unserer Stabt. B.

HMNllWjMilWlll

Sportamt NSG.Kraft durch Jreube.

Prüfung zum Reichsfportabzeichen.

Heute, Samstag, ben 24. 9., finbet um 17 Uhr auf bem Universitätssportplatz eine Prüfung zum Erwerb bes Reichssportabzeichens statt. Bewerber müssen orbnungsmäßig ausgefülltes unb abgestempeltes Ur= kunbenheft mitbringen. 6111V

Sinnen sich hingibt, genießt unb erlebt basGe­samtkunstwerk" ber einzigartigen Veranstaltung. Sie wuchs aus einem Fest ber Landwirtschaft, bas Bayerns Könige gründeten, und wenn in der Gegenwart Kirmes- unb Jahrmarkts-Trubel die bescheibenen Anfänge überwuchert hat, so ist boch genug Bobenstänbiges übrig geblieben, das, im Volkscharakter verwurzelt, sich anderswo nicht wie- berfinbet.

Wie überall lärmen und dudeln auch hier die Orgeln, die mechanischen und die lebenden Orchester in fröhlicher Kakophonie durcheinander, preisen heisere Ausrufer ihre unerhörten Sensationen an, rattern die mit höllischem Scharfsinn konstruierten Schüttel- unb Rüttel-Bahnen, bei beren bloßem Anblick bich ber Schwinbel ergreift. Aber sieh bort: ba kommt, imponierenb nicht nur durch die mächtige Ladung an Nationalgetränk, ein Braugespann einhergefahren: vier belgische Hengste schwersten Schlages, braune unb hellblonbe Mähnen, ziehen ben Wagen. In ihrem wundersamen Gala-Geschirr aus verschwenderisch breitem Leder, mit Nickelket­ten unb Messingblech behangen, stampfen diese ge­bändigten Kolosse dahin, stolz unb feurig wie die Schlachtpferbe auf ben Reiterporträts ber alten Meister.

Im Brennpunkt.

Da stehen hochragend, von klotzigen Türmen flan­kiert. girlandengeschmückt, von Flaggen überweht, bie Bierhallen. Einer von ihnen strebst bu zu. An dem wahrlich nicht kleinen Tor staut sich die Menge der Dürstenden, verflicht sich zu Knäueln, dreht sich (unb bich) einige Male um sich selbst, unb ehe bu zum enbgültigen Entschluß kamst, bist du hineinbe- förbert. In gewaltiger Hohe über dir ahnst bu ein Dach, Pfeiler verlieren sich nach oben, Wimpel hän­gen von bort herab doch alles Begrenzende ver­dämmert in einer bläulichen Rauchwolke, in die schräge Lichtbündel der schon tiefer stehenden Sonne einfallen. Wie Prozessionszüge wandeln eng ge­drängte Scharen in diesem seltsamen Dom: ohne Aufhören, ohne Unterbrechung schieben sie sich durch die Gassen zwischen den vollbesetzten Tischen hin­durch. Doch wenn du an einer Ecke des Gevierts bekümmerten Herzens um bich schaust, hörst bu aus rauher Kehle die beglückenden Worte:©efyens her, Herr Nachbar, wir harn scho' noch Platz'" Nach kurzem sitzt bu wirklich unb wahrhaftig unb eigentlich erst in biesem Moment bist bu auf bem Oktoberfest.

Freunblich schauen bir bie Tifchgenofsen alle Stände unb Klassen sind hier frieblich vereint in bie Augen, lassen es an Zutrinken unb fröh­lichem Spruch nicht fehlen. Nach ber Kellnerin, bie

ohne lang zu fragen, den schäumenden Krug vor dich hingestellt hat, naht bas Rabiweib; bie Frau mit Brot und knusprigen Brezeln folgt, und der RufEin Herz! fürs Herz" soll dich verführen, mit so einem Schokolabenungetüm die hübsche Kleine neben bir zu beglücken.

An ben Wänben entlang zwischen ben Schank- stellen sind Küchenabteilungen besonderer Art im­provisiert: ba breht sich von kunstreicher Maschi­nerie langsam bewegt, ein ganzer Ochse am Spieß: Hühner in Reihen hinter- und übereinanber werden von ben barunter glühpnben Holzkohlen mählich gebräunt; in immer neuer Auflage brutzeln die Schweinswürstl auf bem heißen Rost und verwan­deln sich aus blassen teigigen Gebilden in kleine knusprige Dinger. Ein ungeheures Getose erfüllt den Raum, ohrenbetäubendes Lachen, Quietschen, Singen und Schreien hallt von Wänden und Decke wider. Aber die Oberländler Musik kommt doch noch dagegen an mit ihren drei Dutzend Blechin­strumenten. Und nun blasen sie den Schuhplattler unb stehen auf unb brehen sich selbst bazu im Kreise. Auf ihre Stühle klimmen sie, bie Trompeten richten sie gegen bas Publikum, und von einem Unisono- Ehor ber ganzen Halle begleitet schmettern sieEin Prosit ber Gemütlichkeit!^ in bie tobenbe Menge. Grad zünftig ift's!" brüllt bir bein Nachbar durch ben Lärm ins Ohr, unb über ben Rand beines schon zum zweiten Male gefüllten Maßkruges hinweg zwinkerst bu ihm bankbar zu, weil bu aus tiefstem Herzen einverstanben bist.

Die Kunst/ Gurken einzuleqen.

Zufällig ist eine Anweisung aus bem Jahre 1591 erhalten geblieben, aus der hervorgeht, wie nan damals in Norddeutschlanb die Gurken einmachte. Die einfachste Weise bestand darin, daß man in ein Faß oder großes irdenes Gefäß eine Schicht Dill unb Weinlaub, ober als besten Ersatz Pfirsichlaub legte, barüber eine Schicht Gurken, unb so abwech- felnb, bis bas Gesäß gefüllt war. Dann würbe bas Ganze mit Salzwasser übergossen, nicht stärker gesalzen, als man es zum Kochen von Fleisch ver- roenbet, wie bie Anweisung sagt, unb dann der In­halt mit Steinen beschwert.

Etwas umstänblicher war eine anbere Art. Man ließ bie Gurken erst 24 Stunben mit ein wenig Essig bespritzt stehen, bann legte man sie in ein eichenes Faß, besten Boben mit etwas Sauerteig bestrichen war. Darauf schichtete man bie Gurken zwischen Weinlaub, Dill unb etwas Aniskraut, über­goß sie mit Salzwaster und beschwerte sie mit Stei­nen. Dieses Verfahren wurde als die feinere Art

geschätzt. Jeboch wirb gewarnt, nicht zu viel Sauer­teig zu verwenden, da sonst die Gurken leicht schlei­mig würden.

Schließlich war noch ein drittes Rezept beliebt, das als französisch galt. Hier verwendete man Weinblätter, Pfirsich- und Kirschenlaub, ein wenig Koriander, viel Dill, dazu etwa Thymian und Pfesfekkraut, schichtete Lage um Lage die Gurken dazwischen und übergoß sie mit Salzlake so stark, wie wenn man Fische einsalzen wollte. Das Ganze wurde wieder mit Steinen beschwert und daraus geachtet, daß die Lake allzert überstand. Diese alte Anweisung zeigt also, wie mannigfaltig damals schon die deutsche Hausfrau es verstand, den Segen während der Gurkenzeit haltbar zu machen. Jedoch hatten viele Hausfrauen noch ihre eigenen, oft er­erbten Rezepte und liebten es, ihre Gäste durch den feinen Geschmack der Gurken zu überraschen, wobei es hauptsächlich auf die Zusammensetzung der Würzkräuter ankam.

Hochschulnachrichten.

Der hervorragende Zoologe Geh. Reg.-Rat Pro­fessor Dr. Eugen K o r s ch e l t wird am 28. Septem­ber 80 Jahre alt. Korschelt, in Zittau geboren, habilitierte sich 1885 in Marburg und wirkte bort bis zu feiner Emeritierung. Korschelt tjat ein um­fangreiches Lehrbuch ber vergleichenben Entwick­lungsgeschichte ber wirbellosen Tiere unb ein Zoolo­gisches Wörterbuch, bas zehnbänbige Hanbwörter- buch ber Naturwissenschaften, unb lange Zeit ben Zoologischen Anzeiger herausgegeben. Er ist Mitglied der Akademien von Berlin, München unb Wien unb der Wissenschaftsgesellschaften in Göttingen unb Lunb.

Geh. Reg.-Rat Professor Dr. Anton Stoß, ber ehemalige Orbinarius für Anatomie, Histologie unb Entwicklungsgeschichte in ber tierärztlichen Fakultät ber Universität München, ber 1933 in ben Ruhe- ftanb trat, begeht am 24. September seinen 8 0. G e - b u r t s t g g. Geh. Rat Stoß war auch als Lehrer an ber Akabemie ber Bilbenben Künste tätig.

Dem Professor Dr. Leo T s ch e r m a f würbe unter Ernennung zum orbentlichen Professor an ber Uni­versität Freiburg ber Lehrstuhl für Walbbau übertragen.

Dem Dr. phil habil. Franz Dirlmeier wurde unter Ernennung zum persönlichen Ordinarius die Planstelle eines außerordentlichen Professors für. klassische Philologie an ber Universität München übertragen.