Zwei hinter Gisela.
Vornan von Hans HiiOammer.
Urheberrechtschutz Verlag Oskar Meister, Werdau/Sa.
33 Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
„Diese Fahrt ist sicher auch für Sie ein großes Erlebnis! pder haben Sie öfter Gelegenheit, im Auto durchs Land zu reisen?"
„Leider nicht, Herr Bürger! Wenn man beruf« lich tätig ist und sein bißchen Brot in einem Büro verdienen muß — woher sollten da die Gelegenheiten kommen?"
„Nun — man könnte einen Freund haben, der ein Auto besitzt!"
„Ach!" sagte sie — und sonst nichts.
Lore Jasper hatte mit jähem Herzklopfen zu- gehört. Jetzt atmete sie erleichtert auf. Sieh mal an, Gisela schwieg. Warum unterschlug sie Herrn Radegast?
Gisela legte sich zu der gleichen Zeit dieselbe Frage vor. „Warum verschweige ich ihm eigentlich, daß ich verlobt bin? Bei der nächsten Gelegenheit werde ich es erwähnen, ganz nebenbei."
Peter blickte sie lächelnd an. „Meine Heimat wird Ihnen sicher gefallen. Kommen Sie zum erstenmal hin?"
„Ja!" log sie. „Fräulein Jasper erzählte mir schon. Es ist auch ein altes Schloß in der Nähe, nicht war?"
„Oh, und was für ein Schloß! Ich könnte Ihnen manche tolle Räubergeschichte davon erzählen. — Weißt du noch, Lore, wie wir dich aus der Gewalt des schwarzen Grasen befreiten, der dich im Burg« verlies von Lauterbrunn schmachten ließ ' Der Der« «alter hat nicht schlecht geflucht, als er, vom Lärm aufgeschreckt, nach unten kam und feststellen mußte, daß mir nicht weniger als drei Kellertüren mit dem Beil zertrümmert hatten."
Lore nickte. „Es war eine unsagbar schöne Zeit! Stellen Sie sich vor, Fräulein Werner: gefesselt haben Sie mich armes Ding, verschnürt wie ein Postpaket, und dann wurde ich in diese schrecklichen, finsteren Verliese geschleppt, die noch aus der Raubritterzeit erhalten sind. In meinem Leben habe ich nicht mehr soviel Angst ausgestanden, wie damals. Aber die Jungs waren unerbittlich. Ich mußte schmachten, ob ich wollte oder nicht."
„Na, ich habe ja auch manchmal daran glauben müssen. Weißt du noch, Lore, damals die aufregende Geschichte im Turmzimmer?
„Ach du lieber Gott!" prustete Lore los. „Wie dich dann die Handwerksleute halbverhungert herunterholten! Das wäre um ein Haar schief gegangen!" '
„Erzählen Sie doch!" sagte Gisela begeistert.
Peter lächelte. „Wir spielten gefangener Ritter! Tasso — das war der Sohn des Verwalters, trotz feines verrückten Namens ein prächtiger Kerl — also Tasso hatte mich, den feindlichen Ritter, mit seinen Söldnern gefangen genommen und ins Turmzimmer gesperrt. Dieses enge Gemach befindet sich ganz oben unter dem Helm des Lauterbrunner Schloßturmes und ist nur über eine hohe Leiter zu erreichen, da die Wendeltreppe im Innern nicht ganz bis oben führt. Damals wenigstens war es so. Als ich glücklich oben war, wurde ich mit dicken Stricken gefesselt, nicht zu fest, denn ich sollte imstande sein, mich später zu befreien und mit Hilfe der Stricke nicht nur die Lebensmittelkörbe von Kunigunde hochzuziehen, sondern auch, wenn es soweit war, mich selbst an ihnen herunterzulassen. Kunigunde war das Schloßfräulein, das in heimlicher Liebe zu mir entbrannt war."
„In Wirklichkeit hatte ich eine Riesenwut auf ihn!" warf Lore Jasper ein. „Weil er damals ein anderes Mädchen als Spielkameradin bevorzugte. So, mein Lieber, jetzt kannst du weiter erzählen!"
„Tasso war auf den waghalsigen Einfall gekommen, die Leiter umzulegen. Meine Gefangenschaft sollte eben einen möglichst echten Charakter haben. Daß seine Kräfte viel zu gering waren, das schwere Ding zu halten — daran dachte er nicht. Kurz, die Leiter verlor den Halt, rutschte ab und prasselte über die Wendeltreppe in die liefe. Cs mar noch ein großes Glück, daß Tasso nicht erschlagen murde."
„Und dann ließen wir ihn sitzen. Tasso wagte seinem Vater nicht zu gestehen, daß er die Leiter zerbrochen hatte — sie war nämlich beim Sturz in Bruch gegangen — und ich selbst freute mich über die Gelegenheit, schreckliche Rache zu nehmen, ging nach Hause und tat keinen Mucks."
_„Um Gotteswillen!" flüsterte Gisela zwischen Schreck und Lachen. „Und wie ging es weiter?"
..Ich rvar die ganze Nacht im Turm! Am anderen Morgen kam meine Mutter krank vor Angst ins -schloß — und da kam dann der böse Streich ans Licht. Der Fürst ließ Zimmerleute holen, die dann ein Gerüst bauten und mich halbtot herunterholten."
„Und Tasso?" wollte Gisela wissen.
„Na, daß der Bengel den Hosenboden ordentlich versohlt bekam, können Sie sich denken."
I „Es muß trotzdem schön gewesen sein. Wir Groß«
ftabtfinber wissen ja von solchen Herrlichkeiten nichts."
„Unb ob es schön war! Wenn es auch manchmal Hiebe setzte — was tat's! Die waren nach einer halben Stunbe roieber verschmerzt unb vergessen."
„Das möchte ich alles sehen, bie bunklen Verliese unb bas Turmzimmer! Hoffentlich habe ich ben Mut, ba hinaufzuklettern!"
„Wenn Sie schwinbelfrei finb — wir können es ja einmal versuchen — falls Sie gestatten sollten, baß ich habet bin!"
„Gern!" lachte sie, „Sie werben boch auch bie Schauplätze Ihrer Kinberzeit gern miebersehen wollen?"
„Ich freue mich herauf!" sagte Peter Stoll. „Du auch, Lore?"
Lore Jasper nickte versonnen.
36.
Nun war Gisela Mertens in Lauterbrunn ein- gezogen, ein junges Mädchen, in dessen Augen die Freude strahlte.
Der alte Schmidt selber, von ihrer unbeschwerten Jugend gerührt, hatte ihr den Vorschlag gemacht, bie Trauerkleiber ein für allemal in ben Schrank zu hängen unb bie fröhlichen, Hellen Farben bei« zubehalten, in benen sie angekommen war.
Es fiel ihm nicht allzu schwer, ihre Bebenken zu zerstreuen. „Es ist durchaus im Sinne meines ver« ftorbenen Herrn. ,Daß bu sie mir nicht etwa in einem schwarzen Fetzen Herumlaufen lä^t!' befahl er mir. .Unser Haus', sagte er, ,soll nach all bem Griesgram endlich mal was Hübsches unb Lustiges sehen. Unb biese Wänbe hier, bie seit zwanzig Jahren nichts als unsere alten, brummigen Bässe zu hören bekamen, sollen nach meinem Tod von Singen und Lachen widerhallen. Sag bas der Gisela gleich, wenn sie ankommt! Und sag ihr auch: es soll mir recht (ein, wenn sie zuweilen an mich denkt, aber es ist nicht nötig!'"
„Warum hat er mich nicht früher zu sich gerufen?" fragte sie mit umflorten Augen.
„Er wollte niemand mit feinem Dasein beschweren."
„Dafür will ich mich aber jetzt um alles kümmern und tüchtig mithelfen!"
„Oh, das lassen Sie nur für später!" lächelte Mutter Schmidt, die hinzugekommen war. „El^t müssen Sie einmal Ferien machen unb ordentlich Farbe bekommen!"
„Ganz meine Meinung?" stimmte ber Alte zu. „Sie btirfen sich schon auf uns verlassen, daß alles seinen geordneten Gang geht!"
I „Wenn Sie glauben--?" meinte Gisela etwas
heute in demselben Maße im Abbau begriffen, als jedem jungen Mann die Möglichkeit gegeben wird, außerhalb ber Schule noch einmal, ja wiederholt, zur Leistungsprobe anzutreten und sich einen guten Absprung für’s Leben zu sichern. Auf der anderen Seite bleibt der Schule i h r Recht, und diese Eigen- ständigkeit der Schule wird von bem Reichser«
ziehungsminister dadurch unterstrichen, daß nach seinem Erlaß die Note „sehr aut" (1) nur dann erteilt werden soll, wenn die Leistungen w e 11 über gut hinausgehen, und die Note „gut", wenn die Leistungen wesentlich über dem Durchschnitt stehen.
Partei im Ernteeinsatz vorbildlich!
NSG. Drm deutschen Volk ist in diesem Jahr eine sehr gute Ernte beschieden gewesen. In allen landwirtschaftlichen Gebieten des Reickes brachten die Felder reiche Erträge. Die Halmfrüchte restlos in den Scheunen und Tennen zu bergen unb bas kost« bare Gut ber Ernährung des deutschen Volkes zu sichern, ist für bie Bauern eine nicht leichte Aufgabe, da der Mangel an Arbeitskräften auf dem Lande noch groß ist.
Die Sicherung der Ernte ist aber eine Lebensfrage der ganzen deutschen Volksgemeinschaft. Der Bauer durfte daher nicht sich selbst überlassen bleiben. Ihm mußte bie Sorge, wie er seine Ernte einbringt, abgenommen werden, indem sich ihm genügend Hilfskräfte zum Bergen der Ernte zur Verfügung stellten. Dieser Verpflichtung sind erfreulicher Weise im Gau Hessen-Nassau viele Volksgenossen n a ch g e k o m m e n , die für die überlasteten Ar- beitsfräfte auf ben Gehöften eine große Hilfe darstellen.
Wie immer bei Diensten für die Gemeinschaft unb bas deutsche. Volk ging auch bei ber Erntehilfe
die Partei mit gutem Beispiel voran. Neben den Mannern der Gliederungen stellten sich in den letzten Wochen in vielen Kreisen des Gaues Hessen-Nassau die Politischen Leiter der Landwirt- schäft zur Verfügung, um mitzuhelfen, die reiche Ernte sicherzustellen. Sie gingen hinaus auf bie Dörfer und reihten sich mit ein in die Front ber Erntehelfer. Obwohl bie Arbeit für manchen sehr ungewohnt war, griff jeder kräftig zu. Niemand achtete auf die Schwielen an den Händen und auf den Schweiß. Alle waren nur von dem Gedanken durchdrungen, tüchtig zu schaffen, damit die Früchte harter Arbeit sobald als möglich unter Dach und Fach gebracht werden können.
Die Bauern unseres Gaues erkennen die Mitarbeit dieser freiwilligen Helfer dankbar an. Durch diesen Einsatz wurde in ihnen das Bewußtsein erneut gestärkt, daß ihre Arbeit Ehrendien st an der Nation ist. Die Politischen Leiter wiederum erfüllt dieser Einsatz mit Stolz, da sie zeigen können, daß sie jederzeit bereit finb, ihre ganze Kraft bem Wohle der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen.
Joseph Hitlebrand znm ^50. Geburtstag
Die folgenben Zeilen wollen, inbem fie' einen nicht gerabe gewöhnlichen Lebenslauf erzählen, bas Andenken eines Mannes er« neuern, der im vorigen Jahrhundert fast dreißig Jahre als erfolgreicher und beliebter Leh- rer an ber Ludwigs-Universität gewirkt hat.
Joseph Hillsbranb wurde heute vor 150 Jahren, am 2 4. Aug ust 1 788 in Großdüngen bei Hildesheim geboren. Die Glücksumstände des kinderreichen Vaters, eines schlichten Handwerkers, der neben Stellmacherei auch eine kleine Landwirtschaft betrieb, waren nicht so beschaffen, daß er seinem lernbegierigen Jungen eine gelehrte Erzie- hung hätte anaebeihen können. Der Fürstbischof von Hildesheim nahm ilym biese Sorge ab. Hillebrand würbe als Schüler in bas von ben Jesuiten gegründete Gymnasium Josephinum aufgenommen. Ein kurzes Studium in Göttingen, das ihm die Königlich Westmlifche Oberste Studiendirektion zu Kassel ermöglichte, beschloß 1812 seine Ausbildung zum Lehrer. Nachdem er drei Jahre als Professor für alte Sprachen am Josephinum gewirkt hatte, nötigte man ihn, die geistlichen Weihen zu nehmen. Er beugte sich dem Zwang, obwohl er schon seit geraumer Zeit Zweifel an der Kirchenlehre hegte. Doch war sein Eintritt in den Priesterstand zur Bedingung für die Fortdauer seiner Lehrstelle gemacht worben, auch mochte er selbst sich zu einiger Dankbarkeit gegen seine früheren Wohltäter verpflichtet fühlen.
Der Zusammenstoß zwischen bem jungen, ber Kantischen Philosophie aufgeschlossenen Lehrer unb seinen geistlichen Oberen konnte nicht ausbleiben. Man bezichtigte ihn der Ketzerei. Da ließ er entschlossen alle Rücksichten fahren und bekannte sich zur lutherischen Lehre (1815).
Nun mußte er für zwei Jahre bas unstete unb bedrückende Dasein eines Hofmeisters auf sich nehmen. Er betreute einen jungen Holländer auf verschiedenen Hochschulen. Welche Gedanken und Stimmungen ihn in diesen Jahren unb auch in ber Zeit vor seinem Aufbruch aus Hilbesheim bewegten, erfährt man aus bem autobiographischen Roman „Eugenius Severus, ober einige Stationen aus der Lebensreife eines Philosophen" (1819). Die äußeren Geschehnisse unb Erlebnisse sind barin allerdings erheblich umgestaltet, erweitert und auch zu einem großen Teil frei erdichtet, doch lassen die überall eingestreuten nachdenklichen Betrachtungen, die den
künstlerischen Wert des Romans stark mindern, recht deutlich werden, wes Geistes Kind ber Verfasser ist.
Von Würzburg aus, im Oktober 1817, bewarb sich Hillebranb um eine Professur in Heibelberg. Sein vor Jahresfrist erschienener umfänglicher „Versuch einer allgemeinen Bildungslehre" wie auch der eben ans Licht getretene zweibändige historische Roman „Germanikus", nach des Verfassers eigenem Wort ein „lebendiger Kommentar" zu der „Bildungslehre", empfahlen iyn hinreichend, so daß die Heidelberger Fakultät von einer förmlichen Habilitation absah und ihn als Doctor legens zuließ. Seine philosophischen und ästhetischen Vorlesungen fanden guten Anklang. Ein Vierteljahr später wurde er zum außerordentlichen Professor der Philosophie ernannt, 1820 zum Ordinarius. Obwohl ber rasche Aufstieg bes jungen Gelehrten von ben Heidelberger Kollegen zunächst mit Eifersucht und Mißgunst beobachtet wurde, suchte man ihn im Jahre 1822, als die Universität Gießen sich um ihn bemühte, mit allen Mitteln zu halten. Aber weder eine Aufbesserung des Gehalts noch der Hofratstitel vermochten Hillebrand zu bewegen, den Ruf nach Gießen abzulehnen, wo man ihn einem Herbart, einem Schopenhauer vorgezogen hatte. Inzwischen hatte er ein Buch „Ueber Deutschlands National-Bildung" (1818) veröffentlicht, ferner eine Schrift „Deutschland und Rom, oder über das Verhältnis der deutschen Nation zum römischen Stuhle, historisch und rechtlich entwickelt" (1818), bann eine „Propädeutik ber Philosophie" in zwei Teilen (1819), einen „Grunbriß ber Logik unb philosophischen Dorkenntnislehre" (1820); in seinen Nebenstunden hatte er den bereits erwähnten Roman „Eugenius Severus" (1819) ge» schrieben, bem 1822 ein weiterer folgte: „Parabies unb Welt, ober Liebe unb Schicksal" — ein Werk, bas offenbar fein Glück machte; benn es mußte bereits im nächsten Jahre neu aufgelegt werben.
In Gießen war Hillebranb bald einer der beliebtesten Lehrer. Neben seinem Lehramt an der Universität hatte er (1824 bis 1838) als „Päbagogiarch" auch bie Leitung bes Gymnasiums inne. Carl Vogt hat unter Hillebranb bas Gymnasium besucht unb später als Student auch seine Vorlesungen gehört. Er weiß davon in seinem Erinnerungsbuch „Aus meinem Leben" manches zu erzählen. 1832 wurde Hillebrand in ben hessischen Dberftubienrat, bie da- mals gegrünbete oberste Unterrichtsbehörde bes Laubes, berufen.
Schon im „Eugenius Severus" wird offenbar, daß Hillebrand eine in hohem Maße politische Na- tur war. So ist es nicht zu verwundern, daß er an den Verfassungskämpsen seiner Zeit tätigen Anteil nahm. Auf fünf Landtagen (seit 1848) war er Abgeordneter, einmal sogar Präsident, ein anderes mal Vizepräsident der zweiten Kammer der Landstände zu Darmstadt. Die bewegte Zeit brachte ihm manche Sorge um seine in alle Welt verstreuten ui,er Sohne. Zwei wanderten nach Amerika aus. Der älteste, Julius, konnte sich einer Verfolgung wegen politischer Betätigung rechtzeitig durch bie Flucht nach Zürich entziehen. (Er mürbe bort spater Professor für deutsches Recht.) Der jüngste dagegen, der nachmals berühmte Essayist Karl Hillebrand, dessen Andenken eine Tafel über der Tür seines Geburtshauses (heute das „Gasthaus zum Lamm" am Horst- Wessel-Wall) wachhält, wurde in den Kasematten von Rastatt ein Vierteljahr lang gefangen gehalten, bis er nach Frankreich entkommen konnte.
Auch den Vater traf das Schicksal, als die Reak- tion gesiegt hatte. Am 30. Oktober 1850 wurde er feines Amtes enthoben, zunächst sogar unter Verweigerung seines Ruhegelds. Er verbrachte feinen Lebensabend mit einer feiner drei Töchter, Marie, in Offenbach, Rödelheim unb Soden am Taunus. Seine zweite Frau, Karoline Hoffmann, war 1847 gestorben. (Die erste, Maria Barbara Eschborn, hatte er 1824 verloren.) In Soden starb Hillebrand am 25. Januar 1871.
Sein menschlich gewinnendes und umgängliches Wesen wird von seiner Nichte Ida Hoffmann, der Tochter des Gießener Botanikers, treffend gekenn« zeichnet, wenn sie sagt: „Er war das unschuldigste, naivste Kind, das mir je vorgekommen ist —- harmlos heiter, doch auch schalkhaft witzig. Dabei so vornehm und bis zu gewissem Grade zurückhaltend, daß es wohl niemals vorgekommen ist, daß jemand in Scherzen oder in Belehrung seines Welt-Unverstandes zu weit ging. Wurde mitten in scherzhaften Spielen der Unterhaltung ein ernstes Thema zufällig berührt, war er im Handumdrehen der fest
I felnde Redner, der geistreiche Denker, der einen mÜ ] fortriß durch sein eigenes Hingenommensein. In ! schöner Sprache, klar und warm, drückte er dann । feine Gedanken aus. Man konnte nicht aufhören, [einen feinen Kopf anzuschauen, fein interessantes Gesicht, die beherrschenden Augen, die doch zugleich so tiefinnerlich blickten, als ob er von seiner Umgebung nichts wisse."
Es ist nun noch übrig, das Verzeichnis feiner Werke um die Titel feiner Gießener Schriften zu ergänzen. Noch in Heidelberg begonnen mar „Die Anthropologie als Wissenschaft", deren drei Teile in ben Jahren 1822 und 1823 erschienen. Das „Lehrbuch der theoretischen Philosophie und philosophischen Propädeutik" kam 1826 heraus, ein Jahr darauf das „Lehrbuch der Literar-Aefthetik, oder Tbeoris und Geschichte der schönen Literatur, mit befonDe* rer Berücksichtigung der deutschen", abermals ein Jahr später in lateinischer Sprache eine „Aesthetica litteraria“. Die Schrift „Universal-philosophische Pro- legomena, ober enzyklopädische Grundzüge der gesamten Philosophie" {1830) mar die Vorbereitung zu dem 1835 und 1836 vollendeten, 1842 in zweiter Auflage erschienenen philosophischen Hauptwerk „Philosophie des Geistes od-er Enzyklopädie ber gesamten Geisteslehre". Auch das letzte philosophische Werk „Der Organismus ber philosophischen Idee in wissenschaftlicher unb geschichtlicher Hinsicht erlebte zwei Auflagen (1842 und 1850), unb bie dreibändige Literaturgeschichte mit dem Titel „Die deutsche Na« tionalliteratur im 18. unb 19. Jahrhundert, historisch und ästhetisch-kritisch dargestellt", gar deren drei (1845 und 1846; 1850; 1875).
Erfreulicherweise hat die Stadt Gießen, die ihren bedeutenden Mitbürger schon seit langem dadurch ehrt, daß sie eine Straße nach ihm benannt hat, nun den heutigen Gedenktag zum Anlaß genommen, Hillebrands fast vergessenes Grab auf dem Alten Friedhof (zwischen der Kapelle und der Straß« Am Nahrungsberg) wieder würdig Herrichten zu lassen. B.
SA. im Einsatz zur Alteisen-Sammlung!
Stellt Altmaterial bereit!
Die Sammlung eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit!
NSG. Das deutsche Volk hat heute schon in vielen Dingen praktisch denken und handeln gelernt. Die Eimer des Ernährungshilfswerkes der NSV. vor den Häusern in Deutschland, die ungenießbare Nahrungsmittel für bie Schweinezucht ber NSV. aufnehmen, sind bas beste Zeugnis hierfür. Es ist dies auch nicht bie Not, bie eine gewisse auslän» bische Hetzpresse immer schilbert, fonbern die vernünftige Ueberlegung und Einsicht des deutschen Volksgenossen, bie berartige Einrichtungen in Deutschland möglich werben läßt. x
Unb trotzdem, wird nicht noch auf vielen anderen Gebieten geradezu Verschwendung betrieben? Deutschland braucht für seinen Aufbau gewaltige Mengen Eisen. Es steht in diesem Jahr zum ersten Male an der Spitze ber Eisen unb Stahl erzeugen* ben Länder. Unb dennoch:
Wie viele Tonnen des wertvollen Rohstoffes (Eifen verkommen und verrosten jährlich in den Haushaltungen, auf den Bauernhöfen oder sonst dergleichen Orten und gehen somit der deutschen Volkswirtschaft verloren!
Alte verbrauchte Wasserkessel unb Eimer, ja sogar ganze Babewannen unb eiserne Bettstellen findet man im trauten Durcheinander auf den bekannten Schuttabladeplätzen am Rande der Städte. Sie verunzieren die Landschaft bis sie der nächste Abfallhaufen überdeckt und gehen so den Hochöfen, die gerade derartigen Schrott für die neue Eisengewinnung benötigen, verloren.
Was liegt also näher, als daß Schritte unternommen werden, bie diesem Uebelstand in Deutsch- lanb abhelfen. Und es wird ihm auch zu Leibe gegangen. Hermann Göring, der „größte Lumpensammler der Welt", wie er sich einmal selbst mit Stolz genannt hat, wirb nun auch ber größte Eisensammler werben, benn auf seinen Befehl hin wird sich die SA. daran machen, diesen wertvollen
Schrott wieder den Stellen zuzuführen, die hierfür bie geeignete Verwendung zum Nutzen unserer Volkswirtschaft haben.
Wenn auch einige Besserwisser nun wieder die Nase rümpfen unb mit unmißverständlichem Hochmut von biefer Arbeit der SA. sprechen werben, bie disziplinierten Sturmsoldaten des Führers wissen es besser, worauf es hierbei ankommt. Sie werden der Engstirnigkeit einiger Zeitgenossen ihre Tat entgegenstellen, die sich Darin auswirken wird, daß unzählige Güterzüge in den nächsten Wochen durch Deutschland rollen werden, um ihren wertvollen Inhalt an Schrott dem Produktionsprozeß wieder zuzuführen.
Gewiß, eine Schrottsammlung war noch nie etwas für „feine Deute“, denn schmutzige Hände und schwere Arbeit ist nichts für diejenigen, die immer zuschauen, wo andere freiwilligen Einsatz leisten. Der SM.-ZHann erhebt aber weder ben Anspruch darauf, zu den „feinen Deuten“ gerechnet zu werden, noch ist er gewillt, den Wert einer Arbeit nach Aeußerlichkeiien zu beurteilen.
Er weiß nur, baß biese Arbeit auch D i e n st am Volksganzen ist, unb beswegen ist er ja auch SA.-Mann geworben. Als er bamals den roten Terror auf den Straßen mit feinen Fäusten brach, da war er ja auch bei einer ganz bestimmten Gesellschaft nicht der Kämpfer für eine bessere deutsche Zukunft, sondern der „politische Rowdy", der nicht in ber Lage mar, seinen Gegner mit geistigen Waffen zu begegnen. Warum soll er sich also heute an bie Meinung der eroig Gestrigen halten, die sowieso schon auf dem Aussterbeetat stehen!
Die SA. wird sich also in den kommenden Wochen an die Arbeit machen, bie einmal dem Vierjahres, plan wertvolle Hilfsdienste leistet und darüber hin-
kleinlaut, aber bann überwog boch die Freude, daß man ihr noch keine Lasten aufbürbete.
Unb es kamen herrliche Tage.
Sie erlebte ihr neues Dasein wie einen munber« baren Traum. Mit glühenben Wangen und leuchtenden Augen streifte sie durch die Räume des Hauses, durch Scheunen und Ställe, lief treppauf und treppab, drang bis in die verborgensten Winkel unb mußte ost lange gesucht werben, wenn es galt, sie zu einer bereitstehenden Mahlzeit zu rufen.
Unb ber Walb mit feinen tausend Geheimnissen und Herrlichkeiten! Mit seinen uralten Bäumen, mit den verschlungenen Wegen und den tiefonnten Wiesenhängen! Als Gisela angefangen hatte, ihn zu entdecken, mar es vollends um sie geschehen.
Schon am Morgen, wenn die ersten Sonnen- strahlen golden durch bie Wipfel lugten und bie taubeglänzten Wiesen verlockend dufteten, mar Gisela auf dem Plan, zog Strümpfe und Schuhe aus und jagte mit nackten Füßen durch das silbrig glitzernde Grün. Dabei mürbe sie einmal von Peter Stoll überrascht, der eines Morgens, von einer merkwürdigen Sehnsucht getrieben, von Hengers- borf herübergekommen war.
Er'wollte sie, als er ihr helles Kleib zwischen den Bäumen schimmern sah, mit einem Zuruf begrüßen, aber seine Stimme versagte, so schon erschien ihm der unerwartete Anblick.
Er starrte befangen auf bie zierliche, schlanke Ge« stakt, die sich im Rhythmus eines halblaut hinge- jungenen Tanzliedes anmutig bewegte. Er sah den jungen Körper, das schöne unb doch kraftvolle Spiel her Muskeln, er glaubte etwas zu spüren von bem frohen Rausch ihres Blutes.
Das Bild jener Gisela Mertens verblaßte und versank ins Nichts vor bem Anblick ber Lebenden. Ein komischer Zufall, daß die beiden den gleichen Vornamen hatten.
Gisela Werner!
Indessen hatte sie ihn bereits bemerkt und eilte ihm ohne Verlegenheit entgegen.
"Herr Bürger, bas ist reizend! Ich fürchtete schon, baß Sie Lauterbrunn vergessen hätten!" Sie zeigte lachenb auf ihre blanken Beine. „Sie müssen mein verwilbertes Aussehen entschulbigen! " In Berlin mürbe ich es nicht wagen, Ihnen so unter die Augen zu treten, aber hier ist es ja etwas anderes. — Ich habe noch nicht gefrühstückt, wollen Sie mit- halten?"
Peter wurde von ihrer übermütigen Fröhlichkeit angesteckt. „Warum nicht?" lachte er. „Ich wüßte aber noch etwas Feineres?"
„Noch etwas Feineres als Frühstücken?" (Fortsetzung folgt!)


