Ausgabe 
24.8.1938
 
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ttr.197 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheilen)

Mittwoch, 24. August 1958

Aus der Stadt Gießen.

Der kleine Ausreißer.

Kaiserallee und Ludwigsplatz gewinnen neue Form.

Der schmale Gartenweg zwischen den Hecken- und aittergesäumten Kulturen der Kleingärtner war er­füllt vom kläglichen Geschrei eines jungen Sper­lings, der vor dem engmaschigen Drahtgeflecht einer Einfriedigung am Boden hin- und herflatterte und, sich ständig den Kopf anrennend, vergeblich nach einem Durchschlupf suchte. Es half nichts, daß er sich zuweilen mit äußerster Anstrengung fußhoch emporschnellte er fand nicht den Weg zurück aus der gefährlichen Welt in die Geborgenheit seiner Kinderstube.

Von ihr aus hatte er alles anders angesehen. Da war ihm die nahe Umgebung wie ein Paradies erschienen, in dem es nur Sonne gab, blauen Him­mel und fröhliches Spatzengeschilpe, wo selbst Re­gengüsse als willkommene Brausebäder mit lautem Behagen hingenommen wurden. Aber immer hat­ten seine kleinen Augen nach dem dahinterliegenden Unbekannten geschielt, wohin die Eltern ihre ge­wohnten Ausflüge unternahmen und stets seinem hungrigen Schnabel etwas mitgebracht hatten. Die­ses Unbekannte mußte noch schöner sein als das Kinderparadies, und oft hatte er flügelschlagend mitgewollt, aber im letzten Augenblick doch den Sprung ins Ungewisse nicht gewagt.

Um so verführerischer lockte die geheimnisvolle Ferne und um so stärker fühlte sich das kleine Herz täglich bestürmt und den Versuchungen ausgesetzt. Ein winziger Schmetterling, der über ihn hingau­kelte, schien kein anderes Ziel zu haben, als diejes Wunderland der Sehnsucht, denn er entschwand bald seinem Gesichtskreis. Vielleicht wartete der kleine Sperling auf die Rückkehr des Falters. Aber dort schien es zu schön zu sein, als daß man sich noch einmal zurückwünschte. Flögen sonst seine Eltern immer so eilig über die Grenzen des Para­dieses hinaus...?

Unwiderstehlich fühlte sich der junge Sperling hin­gezogen, und eines Tages trippelte er auf die äußerste Astspitze und gab sich einen Schwung wie ein Schwimmer, der sich mit rudernden Armen und Beinen der Flut vertraut. Aber er schwebte gar nicht, er blieb gar nicht hoch oben wie der win­zige Schmetterling, sondern fiel und fiel,, bis er wie ein Stein ins Gebüsch plumpste. Vielleicht geschah ihm dieses Mißgeschick, das er nicht begreifen konnte, vor einer Stunde, vielleicht schrie und flatterte der kleine Ausreißer schon einen halben Tag umher. Er sah abgekämpft aus. Wieviel menschliche Schritte moch­ten ihn schon erschreckt, wieviel bislang ungehörte Geräusche und Laute sein kleines Vogelherz mit Schaudern befallen haben! Wie war den Blicken des Unerfahrenen alles so fremd, eng und feind­selig, was ihm vorher groß, weit und herrlich ge­dünkt! Das Paradies der Kindheit war ihm zu klein gewesen, und nun hetzte er sich angstvoll ab wie in einem Gitterkäfig gefangen.

Das kleine Herz bebte, als ich den Schreienden in meiner Hand hielt und behutsam in den Garten setzte. Vielleicht, so gern ich ihm geholfen hätte, nur aus einer Gefahr in die andere. Ins einmal auf» gegebene Kinderland führt fein Weg zurück

Mädel- und Zungmädeluntergau <5ie6cn/116.

Heute abend beenden wir für die Gießener M.° und JM.-Gruppen den Unterführerinnen-Dreikampf. Wir beginnen damit pünktlich um 18.30 Uhr auf dem Universitätssportplatz.

Zum höheren und Polizeiführer ernannt.

NSG. Der Reichsführer ff und Chef der deut­schen Polizei hat den ^-Obergruppenführer Erb­prinz zu Waldeck und Pyrmont zum höheren ff= und Polizei-Führer Fulda-Werra er­nannt. Sein Dienstbereich für diese Aufgabe deckt sich mit dem des ^-Oberabschnittes Fuloa-Werra.

Zu unseren Bildern:

Oben rechts: Die neue Linie" am Lud- wigsplatz zeigt, um welche Breite der Bürgersteig zurückverlegt wird.

Oben links: Die

Straßenverbreiterung zwischen Gaswerk und Wieseckbrücke. Die Stütz­mauer im Bau.

Unten links: Noch immer gibt es viel Ar­beit mit der Entfernung der Stämme und der mächtigen Wurzelftöcke.

Unten rechts: Die Gleisverlegungsarbeiten haben gestern begonnen. Im Hintergrund die Kai­serallee, wie sie sich nach .der Fällung der Bäume darbietet.

(Aufnahmen [4]: Neuner, Gießener Anzeiger.)

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Wer auf seinem Wege zur Arbeit mehrmals den Lubwigsplatz und die Kaiserallee passieren muß, hat nun täglich etwas Neues zu sehen. Seit einigen Wochen ist man nun schon gewohnt, die Bürger­steige nur mit Vorbehalten zu benützen, auch den Absperrungen auszuweichen, die eingerichtet werden mußten, solange die Arbeiter damit beschäftigt wa­ren, die Bäume zu fällen. Man biegt mit Sorgfalt und Geduld um die Sandhaufen, die am Ludwigs- platz aufgeschüttet wurden, springt auch über die Wasserpfutzen, die sich in der Gosse stauen und beobachtet eifrig, wenn auch nur so im Vor üb er­gehen, den Fortgang der Arbeiten, die der Lösung der Fragen des Verkehrs in der unteren Kaiserallee dienen. Wie mächtig sehen doch die Stämme der Bäume aus, die jetzt am Boden liegen und in der StraßeAm Nahrungsberg" der Säge harren! Wie breit ist die Kaiserallee zwischen Häuserreihe links und Häuserreihe rechts geworden?

Die Arbeiten sind nun schon weit gediehen. Auf der rechten Straßenseite (vom Lubwigsplatz aus gesehen) sind die Vorgärten restlos beseitigt und der Grund wird schon für den Unterbau des Straßen­bahngleises ausgehoben, das weiter nach rechts ver­legt werden wird. Auf der linken Straßenseite har­ren noch einige Vorgärten der Entfernung. Zwar, etliche Blumensträucher blühen noch in schönster Pracht, aber es ist nicht mehr die rechte Freude an ihnen, denn man weiß zu gut, daß sie bald einem harten Pflaster weichen müssen.

Am Ludwigsplatz selbst wurde nun gestern mit den ersten Arbeiten der Verlegung der Straßen­bahnschienen begonnen. Die Ueberholungsweiche wird etwas nach rechts gerückt, und die Schiene wird in Zukunft in leichter schräger Linie nach der Kaiserallee zu verlaufen, um bann in der Kaiserallee selbst wieder schnurgerade bis zur Moltfestraße zu führen.

Der Ludwigsplatz hat außerdem recht eindeutig eine neue Linie bekommen. Vor dem Pfarrhaus ist I an Stelle des bisherigen Holzgitterzaunes eine feste

Betonmauer entstanden, die in ihrem Verlauf deut­lich erkennen läßt, wie weit der Bürgersteig zurück- verlegt werden wird und um wieviel die Fahrbahn verbreitert wird. Die Seite an der Anlage wird keine Veränderung erfahren. Die Grünanlage wird in ihrer gegenwärtigen Form erhalten bleiben. Man kann sich also weiterhin an den schönen Geranien erfreuen.

Die Mauer findet übrigens ihre Fortsetzung auf dem Stück zwischen Wieseck-Brücke und dem Ver­waltungsgebäude am Gaswerk. Das Mauerstück stößt dabei unmittelbar auf die Ufermauer der Wie- seck.

Äroßraum-Bagger löst 20 000 cbm Sand.

Gestern vormittag fuhr unter großem Getöse ein Großraum-Bagger eines hiesigen Bauunternehmens (nach der Ausladung an der Haltestelle Erdkauter­weg) über die Bahnüberführung am Schisfenberger Weg und bann gleich auf bem schmalen Weg zwischen ben Gärtnereien am Nahrungsberg ent­lang ber Bahnlinie GießenFulba unb burch bas Ostmarkenviertel nach der Licher Straße. Der Bagger erregte babei auf feiner langsamen Fahrt (er legt je Stunde nur etwa vier Kilometer zurück) in bem stillen Wohnviertel allgemeines Aufsehen. Nun aber steht ber Bagger an ber Sandgrube in ber Licher Straße unb nimmt heute morgen bie Arbeit auf. 20 000 Kubikmeter Sanb hat er bort zu lösen, wo bisher mit Picke unb Schaufel einige Arbeiter be­schäftigt waren. Die große Sanbmenge wirb zur Aufschüttung ber Straßen bes erweiterten Wohn­viertels in ber Schwarzlach verwanbt.

Bornotizen.

Tageskalender für INillwoch.

Gloria-Palast, Seltersweg:Heimkehr ins Glück".

Oie verfeinerte Noten-Skala.

Ganz allgemein werden künftig im ganzen Deut­schen Reich, also ohne Sonderregelung in diesem ober jenem Lanb, bie Fortschritte der Schüler in allen Anstalten nach sechs Leistungsstufen unter­schieben. Hebersehr gut" (ober 1),gut" (2) und befriebigenb" (3) geht es zuausreichenb" (4) und mangelhaft" (5), währendungenügend" (6) das traurige Ende darstellt. Wie überall im Leben, zeichnet sich auch in dieser neuen Noten-Skala die Absicht aus, den Leistungswillen zu beflügeln unb bie ausgesprochen gute Leistung klar herauszustel­len. Bei ben ganz guten ober ganz schlechten Noten wird das naturgemäß weniger augenfällig. Aber nehmen wir einmal die früheren Zensurengut" undgenügenb". Sie mußten sehr viel Tatbestände decken, die heute klarer herausgestellt werden. Nach ausdrücklicher Anweisung werden künftighin nur Leistungen alsgut" betrachtet, die wesentlich über dem Durchschnitt stehen. Dasbefriedigend" charak­terisiert, wie der Name sagt, eine rechtschaffene Normalleistung, währendmangelhaft" den äußer­sten Grenzwert desgenügend" nach unten sehr merklich umschreibt. Selbstverständlich gehen bie Grenzwerte" ineinanber über, unb es kann burch- aus sein, baß eine Leistung, bie jetzt alsmangel­haft" bezeichnet wirb, früher nicht mehr alsge­nügend", sondern schon alsnicht genügend" be­zeichnet wurde. Aber eben dieser Umstand unter­stützt den Hinweis, daß durch bie Erweiteruna ber Noten-Skala eine klarere Abgrenzung, eine schär­fere Begriffsbestimmung herbeigeführt wirb. Wenn es sich nicht um eine vorübergehenbe Erscheinung hanbelt, so werben bamit Entschlüsse der Eltern be­schleunigt, was immer gut ist. Wenn wir sagen, baß rechtzeitige Entschlüsse ber Eltern immer gut sinb, so soll bamit nur gesagt sein, baß ein jahre­langes Herumquälen keinen Sinn hat. Das alte Berechtigungswesen, bas soviel beigetragen hat, bem Studium seine eigenständige Würde zu' nehmen, ist

Kameradschaft.

Erzählung von Werner Schumann.

Es war im Sommer 1914, als die Unterprima «einer Mittelstadt unweit der böhmischen Grenze noch einmal den schönen Rausch des Freiseins und Friedens in vollen Zügen auskosten durfte, ehe der Schatten des Krieges sich über die Lande breitete. Auf den Feldern standen feierlich aufgereiht die Garben, unb süßer Heubuft erfüllte die Luft.

Die Bergbahn, die die Unterprima hinaus- und hinauftrug in den Spätsommerglanz rauchblau ver­schleierter Höhenzüge, erklomm beim Austritt aus dem nachtschwarzen Tunnel ein Plateau mit wun­dersamem Rundblick: wie aus einer Riesenspielzeug­schachtel erbaut lag da das Städtchen mit den Schie­ferdächern, jener winklige Gebirgsflecken, den die jungen Menschen noch vom vergangenen Jahre in guter Erinnerung hatten und wo sie gleich am Bahnhof ein geräumiger Kastenwagen erwarten unb zum Schülerheim bringen würbe.

Klopfenben Herzens stanb Paul Rupnow am Fen­ster des Abteils unb suchte, als bas Bähnchen pru- ftenb einlief, ungebulbig ben Bahnsteig ab. Hinter seinem Rücken brängten sich Oskar Luther, Hans Nimmergut unb all bie anberen, die geheime Bot­schaft vorausgeschickt unb ben Freunbinnen vom letzten Sommer mehr ober weniger poetisch bie Stunbe ihres neuerlichen Besuchs angekünbigt hatten.

Es war ja alles nur ein holdes Spiel der Ju­gend, sich nach anstrengenden Wintermonaten mut­willig austobende Abenteuerlust, die hier einst zärt­lich-lockere Bekanntschaften geknüpft hatte, und kei­nem der kurz vor dem Abitur stehenden Jünglinge war daraus etwas wie ein Konflikt erwachsen.

Nur bei einem, der stiller und reservierter die Wiedersehensfreude der Kameraden beobachtete, bei Martin Albrecht, hatten die Begegnungen mit einer jungen Laborantin aus der Universitätsklinik, von denen auch die Mutter wußte, tiefere Gefühle ge­weckt. Sein Schweigen gerade in diesen Minuten der Ankunft war nicht zufällig, er fühlte sich einem Mädchen wirklich verbunden, cs erschien ihm, dem früh Ernsten, unwürdig, ein Erlebnis durch ober­flächliches Feriengetändel wieder in Frage zu steilem

Die Freunde kannten Martin gut genüg, als daß fie fein Abseits als pedantische Korrektheit, als un- kameradfchafttiches Strebertum gedeutet hätten. Und fo nahmen sie's denn auch nicht krumm, als sie auf ihre Fragen, oh er morgen bas spätabenbliche Stell­dichein mit den Mädels nicht doch mitmachen wolle,

nur gelassen zu hören bekamen:Ach, macht was Ihr wollt, aber laßt mich bitte in Ruh!"

Wer aber", hieß es,wer sorgt dafür, daß wir nicht überrascht werden? Wer steht Schmiere?" Sie blickten einander an.Ja wer?!"

Alle wollten dabei sein, alle freuten sich auf die ungewöhnliche Exkursion, und so war in ber Tat die Frage gar nicht leicht zu beantworten.

Da stand Marttn langsam auf und tat so, als ob er in seinem Rucksack etwas suchte, unb er sagte mit ber gleichen, lässigen Selbstverstänblichkeit:Ge­macht. Ich passe schon auf, wenn ihr abhaut." Ja, sie kannten Marttn, sie schätzten ihn alle als guten Kameraben, ber noch bei keinem gemeinsamen Streich fehlte. Er machte niemals viele Worte aber er war babei. Unb ein Schweiger, wenn's sein mußte, ein ganzer Kerl!

Der geschmückte Kastenwagen rumpelte mit Hüh! unb Hott! burch eine Ebereschen-Allee. Die rot- glühenben Selben hingen ben Singenben beinah ins Gesicht, ein Häher schrie im nahen Buchenwalb, unb in den satten, schweren Wiesen musizierten die Grillen.

Und dann hielten sie, der gütige Lehrer Dr. Kra­mer vorauf, unter flotten Mundharmonika-Weisen ihren Einzug in das vertraute Heim. Man saß hier oben wie auf einer Burg, niemand konnte unge­sehen aus dem Städtchen unten durch die Allee heraufkommen.

So war es für die abenteuerlustigen Unterpri­maner am folgenden Abend währenddessen der Dr. Kramer mit dem Herbergsvater in einem ber Hinterzimmer eine Partie Schach spielte nicht gar so schwierig, sich auf ein Signal aus ben Felb- betten zu erheben, flugs einen Mantel über ben Schlafanzug zu werfen, auf ben Zehenspitzen unb recht komisch anzusehen bie Treppe herunter- unb durch den Waschraum zu schleichen und ein Stück noch den kichernden, verliebten Pilgerinnen aus bem Tale entgegenzugehen.

Die Ivahrscheinlich unschulbige, obzwar burchaus unerlaubte Aktion war auf eine Diertelstunbe be­rechnet, eine sommerlich-holbe, fternburrfifunfelte Nacht-Viertelstunbe, währenb ber junge Menschen ein tuschelnbes, flüsternbes, scherzenbes Wiebersehen unter ehrwürbigen Hainbuchen feierten. Denn auch die Mäbchen bürsten nicht zu lange verweilen, woll­ten sie baheim nicht beargwöhnt unb verbächttgt werben. Ruhig waltete im ersten Stock Martin Al­brecht seines Amtes: scharf aufzupassen unb mit dem Taschentuch zu signalisieren, wenn Gefahr im Verzüge sei.

Aber es gab ebenso glücklicher- wie erstaunlicher- weise keinen Zwischenfall, im Gänsemarsch kehrten

bie Ausreißer heim unb gewannen auf leisen Soh­len flink ben rettenben Schlafsaal. Marttn, ber sich für bas Unternehmen verantwortlich fühlte, über­wachte noch bas geschwinbe Zubettgehn der auf­geräumten Klassenkameraden.

Just in dem Augenblick, als er sich als Letzter zurückziehn und zu seiner hochgelegenen Pritsche hinaufklettern wollte, öffnete sich der Klasse ver­schlug es den Atem bie Tür, unb im Lichtstrahl, ber vom Korridor in das überstürzte Schweigen bes Saales fiel, stand groß und Antwort heischend Dr. Kramer.

Was war hier los?" fragte feine milde Stimme.

Keine Antwort.

Martin Albrecht! bitte mir Auskunft zu geben: was hat sich soeben hier abgespielt? Ich sehe, Sie sind jetzt erst im Begriff, ins Bett zu gehn." Nachdrücklicher forschte die Stimme des Lehrers, unerbittlicher, als man es sonst an ihm gewohnt war.

Mit einem Satz stand Martin vor seinem Lehrer. Die Frage nahm ihn mitleidlos in die Zange. Sollte er stur und dumm leugnen was bie heikle Situation gewiß verschärft hätte, ober sollte er alles aufbeefen unb seine auf ihn bauenben Kame­raben preisgeben?

Da schoß aus bem jungen Menschen auch schon bie Antwort heraus, eine unüberlegte, boch augen- blicks ablenkenbe unb Rettung versprechenbe Ant­wort: ,Bitte zu entschulbigen wir waren eben unten im Waschraum!"

Dr. Kramer lachte nicht, er setzte was niemanb von ben angstvoll unter ihren Decken Lauschenben oerrounberte folgerichtig bas Verhör fort:

Immerhin eine etwas ungewöhnliche (Stunbe, ben Waschraum aufzusuchen, nicht wahr? Ich for­dere von Ihnen eine Erklärung!"

Der Angerebete in seiner Bebrängnis hätte sich am liebsten unsichtbar gemacht, es würbe ihm heiß unb kalt vor seinem Richter, aber er hielt sich auf­recht unb brachte enblich knapp unb klar heraus: Es war nichts weiter, Herr Doktor. Wir haben uns nur bie Zähne genutzt. Müller hatte eine große Packung Pralinen verteilt unb ba bachten wir, baß es nicht gut sei, mit bem fiebrigen Zeugs im Munb schlafen zu gehen!"

Nun war es also heraus, eine scheinbar harmlose, ja beinah törichte Erklärung, zwar geistesgegen­wärtig konstruiert, aber boch reichlich unglaubwür- big, unb eigentlich war feiner im Saal, ber ver­mutet hätte, baß ber Zwischenfall bamit beigelegt unb bas Verhör beenbet sei.

Wiber Erwarten schwieg Dr. Kramer einen Augenblick lang unb sagte bannso jo, so" und

nach einer Weile:Essen Sie gefälligst Ihre Nasche­reien am Tage. Gute Nacht!", um bann Kehrt zu machen unb bie Tür roieber zu schließen.

Langsam nur ebbte bie Erregung unter ben Pri­manern ab, Hände tasteten im Halbdunkel der Som­mernacht nach Martin unb einer sagte, baß er be» stimmt ein Morbskerl sei, bem man bas nie ver­gessen werbe. Verweht war schon bas furze Liebes­spiel, bas sie noch vor einer halben Stunde ganz in Anspruch genommen, zurückgedrängt von einem größeren Ereignis: einer beispielhaften Kamerad­schaft.

Martin Albrecht selbst jedoch wurde so schnell nicht fertig mit dieser ersten, mächtigen Gewissens­und Kameradschaftsprobe. Er war erschüttert, im Innersten aufgewühlt, weil ihm plötzlich klar wurde, daß Dr. Kramer jene eilends improvisierte unb blöbe Antwort keineswegs glaubte unb er selbst, Martin, im Grunbe ber Besiegte unb Betrogene war. Die Nachsicht bes Lehrers, sein unter kluaem Schweigen, nichtssagenben Worten verborgenes Ver­stehn unb Verzeihst mußte man vor solcher Größe nicht bie Waffen kleinlicher Lüge gänzlich strecken unb bas ach so erbärmliche Jungenherz de­mütig neigen? Währenb Martin noch lange un­ruhig sich mit einer Lösung bieser verzwickten Dinge abquälte, erwog er auch noch biefe Möglichkeit: daß es für ben Gütigen, ba nun einmal bie Frage ge­stellt unb Antwort geforbert war, selbst kein Zu­rück mehr gegeben hatte unb baß er wohl ober übel gehalten war, bie peinliche Nachtszene zu irgenbeinem Ende zu bringen.

In solcher Verwirrung, boch auch geläutert im schmerzlichen Erkennen, tauchte er, ber brei Monate später als junger Kriegsfreiwilliger bie Englänber gegen bie Pser zurückwerfea half, in ben Schlaf, um ben noch bie linben Düfte bes Walbfriebens wehten.

Hochschulnachrichten.

Professor Dr. Georg Gür ich, Direktor des Hamburgek Geologischen Staatsinstituts unb Professor für Geologie und Paläontologie an ber Hansischen Universität, seit 1933 emeritiert, ist in Berlin g e st o r b e n. Professor Gürich, 1859 in Guttentag (Oberschlesien) geboren, habilitierte sich 1887 in Breslau. 1900 würbe ihm bas Präbikat als Universitätsprofessor verliehen, unb 1901 würbe er zum Mitarbeiter an ber Geologischen Lanbesanstalt in Berlin ernannt. Seine akabemische Tätigkeit er­streckte sich auf Mineralogie, Geologie unb Pa­läontologie. ---------