Nr. ZVü Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Sreitag, 23. Dezember (938
Der Gauleiter beschenkt 550 Kinder.
Schöne Feiern in Frankfurt und Darmstadt.
NSG. Am Vortag der Dolksweihnachten bereitete Gauleiter Sprenger 300 Kindern in. Frankfurt am Main und 250 Kindern in Darmstadt eine besondere Freude. Er hatte sie zu einer schlichten Feier eingeladen, in der er ihnen einige Geschenke überreichte, die den Jungen und Mädeln bedürftiger Eltern große Freude bereiteten.
Am deutschesten aller Feste soll neben dem Erwachsenen auch das Kind der ärmsten Eltern nicht ohne Freude sein. Die Gemeinschaft des Volkes sorgt dafür. Den festlichen Auftakt zu der Volks- weihnacht im Gau Hessen-Nassau, in der die Verbundenheit des Volkes eindeutig zum Ausdruck kommt, bildete am gestrigen Donnerstag die Bescherung von 550 bedürftigen Kindern in Frankfurt am Main und Darmstadt durch Gauleiter Sprenger, der kein Jahr vorübergehen läßt, ohne eine Anzahl Jungen und Mädel, deren Eltern vom WHW. betreut werden, zu beschenken und zu erfreuen.
Während sich am Nachmittag im Saalbau in Darmstadt 250 Jungen und Mädel mit ihren Eltern zu der Feierstunde eingefunden hatten, versammelten sich am frühen Abend 300 Kinder im Tiergarten in Frankfurt am Main. An langen, weiß gedeckten Tischen faßen die Jungen und Mädel mit ihrem Vater oder mit ihrer Mutter. In ihren leuchtenden und erwartungsfrohen Augen spiegelte sich der Schein unzähliger Kerzen, die die Tische schmückten. Auf den Bühnen der Säle standen große Weihnachtsbäume, auf denen flammende Lichter festlichen Glanz verbreiteten.
Festliche Stimmung erfüllte die Säle, als Gau
leiter Sprenger zu den Feiern erschien und sich zu den Kindern setzte. Nach einleitenden Mufik- vorträgen sprach der Gauleiter zu den Kindern über das deutsche Weih nachts fest, das wir in diesem Jahr besonders froh begehen könnten. Mehr Kinder zähle nun das Vaterland, zu dem das Sudeten land und die Ostmark he im gekehrt seien. Große Not hätten sie gelitten, und dieses Jahr würden sie zum ersten Male ein deutsches Weihnachtsfest feiern und durch die Opfer der Volksgemeinschaft frohe Stunden erleben. Wir freuten uns alle, diese Kinder glücklich zu machen. Auch unsere Kinder im Altreich, deren Eltern nicht mit irdischen Gütern gesegnet seien, würden nicht vergessen. So sei er zu ihnen gekommen, um ihnen auch etwas zu bescheren. Er hoffe, daß seine Gaben den Jungen und Mädeln Freude machten, die bis zum nächsten Jahr andauere.
Nachdem dann die Jungmädel in Darmstadt ein Märchenspiel aufgeführt und in Frankfurt in einem lebenden Bilderbuch verschiedene Märchenfiguren dargestellt hatten, die bei den Kindern viel Freude auslösten, kam, von allen Jungen und Mädeln mit Jubel begrüßt, Knecht Rupprecht und führte sie an den langen Tisch, wo die Geschenke ausgebreitet waren. Welcher Glanz strahlte aus ihren Augen, als sie die Gaben entgegen nehmen konnten. Glücklich kamen sie zum „Onkel Sprenger" und reichten ihm das Händchen. Mit frohem Jauchzen kehrten sie dann zu ihren (Eltern zurück, denen sie voll Stolz die Geschenke zeigten, die ein Beweis dafür sind, daß im Dritten Reich niemand vergessen wird und daß beim Nationalsozialismus Kameradschaft und Gemeinschaft keine leeren Worte sind, sondern heilige Verpflichtung.
Großfever in Mendorf (Lahn).
Kaum ist die Erinnerung an das Brandunglück in Dorf-Gill am vorigen Samstagabend etwas in den Hintergrund getreten, so kommt schon wieder Kunde von einem neuen großen Brand. Diesmal war das Dorf Allendorf (Lahn) der Schauplatz des folgenschweren Ereignisses.
In der letzten Nacht, am heutigen Freitagfrüh gegen 1.35 Uhr, heulte in Allendorf (Lahn) die Feuermeldesirene auf und alarmierte mit der Freiwilligen Feuerwehr des Ortes auch die ganze Einwohnerschaft. Es brannte auf den Grundstücken der Dau- und Möbelschreinerei Otto Wolf, Schulstraße 38, und des Schaffners Philipp Wall- häuser, Schulstraße 40, am Ortsausgang nach Großen-Linden zu gelegen. Die Flammen breiteten sich mit großer Schnelligkeit aus und richteten, trotz der eifrigen Löscharbeit der Feuerwehren, große Verheerungen an. Auf dem Grundstück von Wall- Häuser fielen die Scheune mit ihrem Inhalt und die Stallungen dem Brand zum Opfer, auf dem Grundstück von Wolf wurden die Stallungen eingeäschert und die Werkstatt beschädigt, ferner verbrannten mit den Wolfschen Stallungen eine Kuh und ein Rind. Die Wohnhäuser der beiden Brandgeschädigten wurden geräumt, die Feuerwehr konnte jedoch zum Glück beide Häuser retten. Der Lagerraum der angrenzenden Eisenwaren- Großhandlung von Keiner war stark gefährdet', durch Funkenflug geriet der D a ch st u h l dieses Gebäudes in Brand, die Flammen konnten aber von dem vorsichtshalber auf dem Dache bereit- gestellten Brandposten im Keime erstickt werden. Im Laufe der Löscharbeiten ergab sich die Notwendigkeit, eine hohe Brandmauer auf dem Wallhäuserschen Grundstück, die ein unbebautes Gelände abgrenzte und sich durch die Gewalt der Flammen und durch die Wasserabgabe in gefährlicher Weise geneigt hatte, mit Brandhaken umzulegen; es war ein gefahrvoller Augenblick, als die von Feuer, Wasser und Eisbildung arg
mitgenommene Mauer mit großem Getöse in einer gewaltigen Staubwolke in sich zusammenstürzte.
Bereits kurze Zeit nach dem Ausbruch des Brandes begaben sich der ^Feuerwehrdezernent des Kreisamts Gießen, Regierungsrat Dr. Fuhr, Kreis- feuerwehrführer Bouffier und Gendarmerie- Obermeister Schumacher an die Stätte des Brandunglücks. Dort war außer der Ortsfeuerwehr als erste Löschhilfe die Motorspritze von Lützellinden eingetroffen, kurze Zeit später kam auch die Bezirks-Motorspritze Großen-Linden an, mit der auch der Gendarmeriebeamte aus Großen-Linden zur Dienstleistung eintraf. Später kam noch die Motorspritze aus Dutenhofen an, die aber nicht mehr einzugreifen brauchte. Die Motorspritzen aus Lützellinden und Großen-Linden hatten ihre Schlauchleitungen am Brandweiher angelegt und gaben von dort aus kräftig Wasser. Bis zum Eintreffen des Kreisfeuerwehrdezernenten und des Kreisfeuerwehrführers hatte Oberbrandmeister Schupp von der Freiwilligen Feuerwehr Allendorf (Lahn) die Leitung der Löscharbeiten, die er in sehr umsichtiger und zweckdienlicher Weise gegen das gewaltige Feuer einsetzte. Der außerordentlich tatkräftigen Tätigkeit aller Feuerwehrmänner, die auch hier, wie vor einigen Tagen in Dorf-Gill, unter gewaltigen Schwierigkeiten bei Kälte und Eisbildung, dazu noch bei Schnee zu arbeiten hatten, gelang es, ein weiteres Umsichgreifen des Brandes zu verhindern. Vor den Häusern bildeten sich teilweise kleine Seen, die in kurzer Zeit von einer Eisdecke überzogen waren und die Gefahrenmomente wesentlich erhöhten. Glücklicherweise waren aber keine Unglücksfälle zu verzeichnen. Gegen 5 Uhr heute früh war der Brandherd soweit niederaekämpft, daß die Feuerwehren bis auf eine Brandwache entlassen werden konnten. Den Feuerwehrmännern und den Gendarmeriebeamten, sowie allen Helfern gebührt für ihr wackeres Wirken volle Anerkennung.
Der Brandschaden ist natürlich groß. Die Ermittlungen über die Brandursache sind im Gange.
Aus der Stadt Gießen.
Spiel am Fenster.
Als ich am Morgen die Fenstergardinen beiseite zog, zeigten die Scheiben zierliche, zarte Blattgebilde aus weißen Eiskristallen, wundervoll hingestrichelt, in ihren Formen an einen winzigen Nadelwald erinnernd, der aus dem Grunde der Scheibe, die über der Fensterbank handhoch undurchsichtig vereist war, zu einer phantastisch wirren Wildnis emporwuchs. In ihr stand kein Stämmchen viel dicker als ein mit einer Nadel gezogener Strich. Manche strebten kerzengerade und unmäßig wie hoch geschossene Kräuter hinan, manche legten sich schräg über die Scheiben, wie im Sturz von unsichtbaren Händen aufgefangen, andere waren in vielfältiger Bewegung festgehalten, wie Schilf im Winde, wehende Graser ober ein durchfächeltes Farndschungel. Den Farnstengeln ähnlich war auch die seitliche Verästelung und Befiederung der Stämmchen gebildet. Zu winzigen Pyramiden geordnet setzten sich die Wedel der Blättchen an, so zart, daß man meinen konnte, sie seien mit einem Hauch des Mundes fortzublasen, zumal überall kleinste Federchen, einzeln und verstreut, wie vom Winde abgezupft und verwirbelt an den Scheiben hingen. Sie waren zum Teil so winzig wie feinste Blütenblättchen ober Schuppen von Falterflügeln.
Die warme Luft hat auf bem kalten Glas den seltsamen Zauber hervorgerufen, und so begann ich, auf neue Formenwunder begierig, nun selbst die eisigen Scheiben anzutasten. Sofort wurden sie in kreisförmigen Ausschnitten, deren unregelmäßige Ränder wie von zitterigen Händen gezogen waren, blind, und die kleinen Schüppchen und Federchen schmolzen hin wie Schneeflocken an der Sonne. Aber mit jedem Vergehen und Verschwinden hielt ein neues Werden gleichen Schritt: Die unteren Ränder des blinden Spiegels, der als sichtbarer Niederschlag meines Mundhauchs mich anblickte, begannen Zacken, Spitzen und Fransen zu bekommen, die langsam einen weißen Schimmer annahmen und sich zu Federchen, Nadeln und Haaren formten, denen gleich, die verschwunden waren, und doch wieder anders und überraschend in ihrer zauberhaften Erscheinung. Ich setzte bas Spiel fort, ließ in meiner Phantasie die zierlichsten Pflanzenformen, die ich kannte, aufleben, zarte Mimofenwedel und Lianen, Girlanden und Schnüren von spielenden Wasserkräutern, feinste Rispen und Schwingel, Kätzchen und Aehren, ich durchstöberte Frühling und Sommer der Wiesen und Walddickichte, der Wasserwildnisse und Getreidefluren, und was ich auch dachte, träumte und wünschte, wie mit Schöpferodem warf es mein Mundhauch auf die Scheiben ...
Ein Stück Traumland wurde sichtbar und entzückte mit anmutigstem Gestaltwanbel Aua und Herz, während draußen der endlose Schneehimmel die weite Erde in dichte Flocken einbettete und einebnete. Br.
Dornotizen.
Tageskalender für Freitag.
Volksweihnachtsfeiern der Gießener Ortsgruppen ob 18.30 bzw. 19 Uhr. (Siehe lokaler Teil.) — Gloria-Palast, Seltersweg- „Der Blaufuchs". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die Pfingftorgel".— Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr Weihnachtsausstellung im Turmhaus am Brand.
OAF.- und KdF.-Oienststellen
bis 2. Januar geschlossen.
Auf Grund einer Anordnung des Reichsschatzmeisters der NSDAP, bleiben die Dienststellen der Deutschen Arbeitsfront und ihrer Unterorganisationen, der NSG. „Kraft durch Freude" in den Gau- waltungen sowie in den Kreisen in der Zeit vom 23. Dezember 1938 bis einschließlich 2. Januar 1939 für jeglichen Publikumsverkehr geschlossen. In dieser Zeit werden auch keine Telephonanrufe entgegengenommen. In dem gleichen Zeitraum können ebenfalls keinerlei Unterstützungsanträge gestellt werden.
Weihnachisbriese.
Don Walther Gchwerdtfeger.
Weihnacht ist das deutscheste aller christlichen Feste. Aus bem Haus am Weimarer Frauenplan verschwand alle klassische Kühle, wenn es auf der großen Treppe nach Aepfeln und den Maronen duftete, die zum Christtag von der Frau Rat aus Frankfurt kamen. Hebbels dunkles Grübeln versank in jener „großen Freude". Und Nietzsche, lodernde Flamme, „leuchtend und verzehrend", konnte wie ein glückliches Kind nicht erwarten, das Weihnachtspäckchen der Mutter aufzumachen.
Der Brief, den der junge Goethe von seinem ersten Weihnachten nach der Abreise aus Wetzlar schreibt, ist an Kestner gerichtet, den Verlobten jenes Mädchens, das er über alles liebt. Durch die Zeilen des Briefes schwingt jene Schwermut Wer- thers, an der sich eine Generation berauschen wird:
„Es ist noch Nacht, lieber Kestner, ich bin auf- gestanden, um bei Licht morgens zu schreiben. — Ich habe mir Coffee machen lassen, dem Festtag zu Ehren. Der Türmer hat fein Lied schon geblasen, der Nordwind bringt mir seine Melodie, als bliebe er vor meinem Fenster. — Gestern war ich mit einigen guten Jungen auf dem Lande, unsere Lustbarkeit war sehr laut und Geschrei und Gelächter von Anfang zu Ende. Das taugt sonst nicht für die kommende Stunde, doch was können die heiligen Götter nicht wenden, wenn es ihnen beliebt? Sie gaben mir einen frohen Abend. Auf einer Brücke hielt ich still. Die düstere Stadt zu beiden Seiten, der stilleuchtende Horizont, der Widerschein im Fluh machte einen köstlichen Eindruck auf meine Seele, den ich mit beiden Armen umfaßte. Als ich über den Markt ging, und die vielen Lichter und Spielsachen sah, dachte ich an Euch und meine Buben ..."
*
1837. Nikolaus Lenau schreibt an einen Freund: „Ich ritt über die Heide, sie war schneebedeckt, auf« flatternde Raben nur waren die schwarzen Gedanken der Heide. Es kam mir lächerlich vor, mit dem kleinen Lebensfunken Trotz bieten zu wollen dem alles starr machenden Winterozean. Endlich mußte er doch siegen. Ich fühlte mich sehr einsam in der Welt und 'tieftraurig — und so war ich, mich meinem Pferde überlassend, in einen Wald gekommen. Plötzlich spielte ein Lichtschimmer über die schneebedeckten Tannenzweige, und bald sah ich mir zur Linken ein Jägerhaus. Mich lockte ein seltsamer Zlzg. — ich möchte es nicht Neugierde nennen —
das Tun in dem einsamen Jägerhause zu belauschen. Ich stieg vom Pferde und schritt leise zum Fenster. Drin brannte ein lustiger Weihnachtsbaum, glückliche Kinder halb fröhlich, halb erschrocken, ließen sich von ihren freudig bewegten Eltern Gaben hinabreichen, die an den Zweigen hingen. Ich konnte die Worte nicht hören, die sie sprachen, aber ich konnte sehen, daß die Eltern warm und selig bewegt sind, und ich fühlte mit ihnen, und die Tränen hingen als Reifperlen an meinen Wimpern..."
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Zwei Seiten aus Hebbels Tagebüchern. Die erste stammt aus der Zeit, da der junge Student bei Elise Lensing Zuflucht gefunden hatte:
„Die Weihnachtstage habe ich bei ihr, die ich nicht mehr zu nennen brauche, wieder schön verlebt. Sie hat mir einen prächtigen Shawl geschenkt, außerdem noch gestickte Schuhe, eine feine Geldbörse und, was mich immer tief in meine Kinderzeit zurückversetzt — nicht, weil ich es damals hatte, sondern weil es mir fehlte — Nüsse, Kuchen und Aepfel. Ich bin Gott unendlich dankbar für jeden frohen Tag, den wir in Freude und Heiterkeit miteinander verbringen."
Die zweite ist sieben Jahre später niedergeschrieben, 1848. Sein Name hat Klang bekommen in Deutschland. Er wohnt in Wien, und durch die Heirat mit der Burgschauspielerin Christine E n g h a u s ist in sein Leben etwas von jener Bürgerlichkeit gekommen, für die er — nach seinem Geständnis — Shakespeares Genie hingegeben hätte:
„Der gestrige Weihnachtsabend wurde auf eine fast vornehme Weise bei uns gefeiert. Ein Tannenbaum für das kleine Titele, an dem mehr hing, als ich mein ganzes Lebenlang erhalten habe ... Gesellschaft; Fasanen, Karpfen, Champagner, unerhört, wie weit man es auf Erden bringen kann. Meine liebe Frau schenkte mir Walter Scotts Romane, die ich längst gern besessen hätte; Frau von la Roche überraschte mich mit einem Autograph von Goethe!"
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Der Brief, den der Zürcher Staatsschreiber i. R. Gottfried Keller bedächtig auseinanderfaltet, kommt aus Friesland von feinem Freunde Storm:
„Liebster Keller! Drunten im größten Zimmer ist schon die über zwölf Fuß hohe Tanne aufgestellt und biegt ihre Spitze unter der Decke; achtzehn Weihnachtspakete sind erpebiert, und gestern abend sind Netze geschnitten, Bonbons eingewickelt, ist vergoldet usw. Und ich kann mir nicht helfen, ich muß Ihnen diesen kleinen Weihnachtsbrief schreiben ... lieber» morgen kommt mein Junge, Karl, der „stille Musikant"; daraus freuen sich infonbpr die beiden jüngsten
Mädel, Gertrud und Dodo, die ich die.smal nur zu Hause habe. Mir selbst und ihm schenke ich die neueste Ausgabe von Mörikes Gedichten; aber auch einen kleinen Teppich und eine lange Gesundheitspfeife; er fchmökt gern aus langen Pfeifen.
Dienstag abend wird der Baum geputzt und der Märchenzweig nicht vergessen. — Erst gehen wir in die Kirche, hören, was unser Pastor sagt, hören die Kinder mehrstimmig singen und sehen die beiden hohen Tannen am Altar brennen. Das gehört dazu. Dann brennt der schönere Baum zu Hause; und nach bem Abenbessen kommt mein Bruber Johannes mit seinen vier Söhnen, zwei Töchtern, Schwiegertochter unb seinem Weibe, unb bann gibt es ein Glas nordischen Punsches. So beschließt sich der Weihnachtsabend, und ich werde Ihnen eines nach Zürich hinübertrinken! Auf weitere Freundschaft und noch ein paar Jahre leidlich Leben!"
*
Die kindliche Hast, in der der hagere Mann mit dem buschigen Schnurrbart und den kurzsichtigen Augen sein Naumburger Weihnachtspäckchen auf der Straße auskramt, läßt schwerlich vermuten, daß dieser Mann mit seinen Büchern, zuletzt bem „Zarathustra", bie Jugenb Deutschlanbs in Aufruhr versetzt hat. Unb boch ist es Friebrich Nietzsche, ber schreibt:
„Mittags bekam ich Eure liebe Sendung zu Händen, unb geschwind, hing bie Kette um ben Hals, unb das artige Kalenberchen kroch in bie Westentasche. Darüber ist nun freilich Gelb entschlüpft. Verzeiht es Eurem blinben Tiere, bas feinen Kram auf der Straße auspackte: da mag wobl etwas daneben gerutscht fein, denn ich suche sehr eifrig nach dem Briefe. Hoffentlich war ein armes altes Weibchen in der Nähe gewesen unb hat auf biefe Weife ihr Christkinb- chen auf der Straße gefunden ..."
Engelsmusik.
Von der schönsten Begrüßung, die je einem Seemann zuteil wurde, ,erzählt ein alter Hamburger Segelmacher.
Dieser war vor dem Krieg in ber Nähe von Deutsch-Neu-Guinea mit seinem Schiff auf einem Korallenriff gestrandet. Nach siebenstündigem Kampf mit den Wellen wurde er an eine kleine Insel getrieben. Das Eiland schien bewohnt, denn an einer Stelle im Busch bemerkte der Schiffbrüchige aufsteigenden Rauch. Seme Freude über diese Entdeckung schlug jedoch sofort ins Gegenteil um, als ihm klar wurde, daß es sich hier wahrscheinlich um Menschenfresser handelte. Enttäuscht
Volksweihnachtsfeiern der
Gießener Ortsgruppen der 71SOAP.
Zu gleicher Zeit feiern heute abend die Ortsgruppen ber NSDAP, in unserer Stabt bie Volksweihnachtsfeier. Dabei wird eine Anzahl Kinder bedürf-« tiger Volksgenossen mit Geschenken bedacht. Im Rahmen der Feiern findet die Uebertragung ber Rebe bes Reichshauptamtsleiters Hilgen selb,! ber an Stelle bes erkrankten Reichsminifters Dr.' Goebbels sprechen wirb, statt.
Die Ortsgruppe G i e ß e n - O st veranstaltet ihre, Feier roieber, wie im vorigen Jahre, im Großen' Hörsaal ber Universität. Die Feier beginnt um 19 Uhr. Die Politischen Leiter treten um 18.30 Uhr vor der Universität an. Die Amtswalter de/ NSV.
und die Amtswalterinnen der NS.-Frauenschast sind zur Teilnahme ebenfalls eingeladen.
Die Ortsgruppe Gießen - Nord hält ihrs Volksweihnachtsfeier im Cafe Leib ab. Dort werden etwa 550 Kinder beschert werden. Die Feier beginnt um 18.30 Uhr.
Die Ortsgruppe Gießen-Mitte vereinigt Eltern und Kinder in der Turnhalle an ber Stein-? straße. Die Feier beginnt ebenfalls um 18.30 Uhr. An ber Bescherung werden 162 Kinder teilhaben.
Die Kinder der Ortsgruppe Gießen-Süd werden sich mit ihren Müttern im Saal des Studentenhauses am Leihgefterner Weg einfinden. Die Feier beginnt um 19 Uhr.
Steuerkarte und Bürgersteuer.
Die Stadtverwaltung weist darauf hin, daß die Steuerkarten für das Jahr 1939 zugestellt worden sind. Personen, bie zur Zeit ohne Verdienst sind, wollen die Steuerkarte für den Fall, daß sie im Laufe des Jahres in Arbeit oder Verdienst kommen sollten, sorgfältig aufbewahren, da die Ausstellung einer neuen Steuerkarte nur gegen Zahlung von 1 Mark erfolgt.
Aus Seite 4 der Steuerkarte ergeben sich die Bestimmungen über die Höhe der Bürgersteuer. Die Anforderung der Bürgersteuer gilt mit der Zustellung der Steuerkarte als bewirkt.
Brandgefahr
durch den Weihnachtsbaum.
LPD. Das Weihuachtsstst steht vor der Tür. Urberall wird am Heilige,n Wend und Iben darauffolgenden Abenden ein Tannenbaum mit glitzerndem Behang erstrahlen. In dieses Fest ber Liebe und Freude mischt sich nicht selten herbes Leid. Alljährlich hören wir von Bränden, Unglücks-, ja Todesfällen, die auf unvorsichtiger Behandlung bes';
Oie Familienbläiier erscheinen als Weihnachtsnummer ausnahmsweise nicht heute, sondern erst morgen, Samstag, im Rahmen der allgemeinen Weihnachtsausgabe des * Gießener Anzeigers.
unb erschöpft verkroch er sich ins Gras: ihm war- jetzt alles gleich.
Plötzlich trug der Wind eine Stimme herüber, und er vernahm bie Worte: „Du Rindvieh, warum nimmst du den Stich nicht mit dem As?"
Das waren die schönsten Begrüßungsworte, dis» je an die Ohren des alten Seemannes gedrungen» sind. Wei.
Hochschulnachnchten.
Geheimrat Professor Dr. phil. Dr. theol. h. c. Hein«, rief) Finke, em. Ordinarius für mittelalterliche Geschichte an der Universität Freiburg, ist im Alter von 83 Jahren in Freiburg g e ft o r b e n. Finke, am 13. Juni 1855 in Krechting in Westfalen geboren, habilitierte sich 1887 in Münster und folgte 1898 einem Rufe als Ordinarius nach Freiburg. Er begründete dort mit Georg von Below und Friedrich Meinecke den Ruhm der Freiburgers historischen Schule. Finkes Arbeiten umfassen den? gesamten mittelalterlichen Kulturkreis und betreffen» insbesondere das Konstanzer Konzil, die Geschichtet der mittelalterlichen Weltanschauung, die Zeit ber* Vorreformation und der Renaissance; er gab u. a., das „Historische Jahrbuch" und das „Archiv für Kul-^ turgefchichte" mit heraus. Geh. Rat Finke war Mit-, glied sämtlicher gelehrten Akademien Deutschlands undj: Oesterreichs, mehrfacher Ehrendoktor, u. a. von Sala-t manca, Valladolid und Barcelona. 1935 wurde er| vom Führer für seine Verdienste um die ©e=; schichtsforschung mit dem Adlerschild des Deutschen Reiches ausgezeichnet.
Geh.-Rat Professor Dr. Gustav Tammann in, Göttingen ist gestorben. Er war als Assi-t ftent am Chemischen Institut der Universität Dor-) pat tätig, wurde bald zum Extraordinarius für f Chemie und 1894 zum Ordinarius ernannt. 1903 r übernahm Tammann den in Göttingen neugegrün4 beten Lehrstuhl ber anorganischen Chemie; später 1 würbe ihm bie Professur der physikalischen Chemie übertragen, ben er bis zu seiner Emeritierung inne- hatte. Berufungen nach Petersburg und Riga lehnte er ab. Kurz vor seinem 75. Geburtstage würbe er burch Verleihung bes Adlerschilbes des Deutschen.» Reiches geehrt.
Geh. Rat Professor Dr. Richard Henneberg^, ber frühere Ordinarius für Psychiatrie an der Uni-( versität Berlin, vollendete das 7 0. Lebens-,' j a h r. In Berlin habilitierte er sich 1902 für' Psychiatrie unb Neurologie, 1906 erfolgte seine Er-l Nennung zum ao. Professor, 1918 wurde ihm öül* Titel Geh. Scmitätsrat verliehen.


