Junimorgen im Garten.
Wie ist es still! Die Sonne liegt hell über all den Beeten, am Tisch unter dem großen, allen Apfelbaum ist flirrender Sonnenschatten. Leise kommt manchmal der Wind und streichelt mich und die Blumen und Gräser zärtlich. Ein verliebtes Schmellerlingspaar gaukelt über den Akelei.
Nun fangen die Erdbeeren an sich immer mehr au röten, langersehnt, aber — nicht wir ernten sie, sondern die Amseln und Stare! Wie es nach Juni riecht! Der Hollunder duftet betäubend, die Kletterrosen an der alten Gartenhütte hängen wie rote Trauben hernieder und leuchten in der Sonne. Em Buchfink sitzt auf dem Zwetschenbaum und schmettert immer wieder seinen Triller in den Morgen.
Im Steingarten, zwischen gelbleuchtender Iberis und ziegelroten Nelken, wohnt ein Eidechsenpärlein: grün das Männchen und braun die Frau. Sie sitzen auf den weißen Steinen und lassen sich's wohl sein in der Sonne. Wir haben ihnen Ameiseneier zum Frühstück hmgelegt, die sind jetzt verschwunden. Vorsicktig schleiche ich näher, um die Tierlein zu bettacyten. Da fangen sie an, miteinander zu spielen. Eine unvorsichtige Bewegung von mir, und husch — sind sie verschwunden.
Nun sehe ich nach, ob die Stachelbeeren noch nicht zu ernten sind; wirklich, schon eine ganze Menge sind groß genug, um heute zum Nachtisch verspeist zu werden. Einige Salatköpfe müssen auch mitgehen, nun noch Petersilie und Dill. Wie herrlich alles duftet! Oho! Was sehe ich? Bald gibt es auch Erbsen! Ein Hausfrauenherz freut sich.
In einer Ecke des Gartens ist eine grüne Wildnis: Feuerlilien stehen da, Nelken und Rosen, ganze Büsche gelber Margeriten sind wie Speere in die Höhe geschossen, Walderdbeeren haben sich angesiedelt. Wie still es ist! Wie herrlich die Sonne! Eine Hummel, mit einem Pelz, der für diese Jahreszeit entschieden übertrieben ist, kommt brummelnd und holt sich süßen Trank.
Aber was ist denn dort los? Ein Rotschwänzchen flattert aufgeregt umher und schreit zum Erbarmen. Aha! Da schleicht eine Katze durch das hohe Gras. Sie wird verjagt, und das Vögelchen kann sich wieder beruhigen.
Ich liege nun, mich sonnend, im Liegestuhl und schaue in den Himmel.
Draußen, jenseits der dicken Hecke, ziehen zwei Kinder vorbei, ein Mädel und ein Junge. Ich höre ihre hellen Sümmchen. Das Mädelchen hat einen Puppenwagen mit, sie spielen „Familie". Nun bleiben sie stehen: „Jetzt mußt du aber auch mal das Kind nehmen!" sagt die „Mutter". „Nein", lautet die entrüstete Antwort, „Der Vatter muß jetzt in die Kasern'." E. L. St.
Vornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Rekrut Willi Winkle". — Gießener Radfahrer-Vereinigung: 20.30 Uhr „Burghof", Versammlung.
331. Jahresfeier der Universität verlegt
In Anbetracht einer Reihe anderer Veranstaltungen am kommenden Wochenende, insbesondere im Hinblick auf den Kreistag der NSDAP., wurde die Jahresfeier der Universität, die am kommenden Samstag, 25. Juni, stattfinden sollte, auf Mittwoch, 29. Juni, verlegt.
Direktor von Stadter tritt in den Ruhestand.
Der langjährige Leiter des Ueberlandwerkes Oberhesien, Direktor vonStadler, tritt demnächst in den verdienten Ruhestand. Seit dem Jahre 1911 stand er im Dienste des Ueberlandwerkes Oberhessen (jetzt: Zweckverband der oberhessischen Versorgungsbetriebe) und er hat sich durch sein umfangreiches Wissen, wie auch durch sein oft humorvolles und aufrechtes menschliches Wesen die Sympathie aller errungen, die mit ihm zu tun hatten. Aus Anlaß der Versetzung in den Ruhestand wird im Verwaltungsgebäude des Zweckoer- bandes in Friedberg am Freitagvormittag eine Abschiedsfeier stattfinden, bei der die gesamte Gefolgschaft des Zweckverbandes, soweit sie den Arbeitsplatz verlassen kann, anwesend sein wird.
Soherodskops-Vergfest in Vorbereitung.
Turner und Sportler feiern wieder gemeinsam mit SA. und DHC
Der Vorbereitung des am 27. und 28. August auf dem Hoherodskopf, dem oberhessischen Heimatberge, stattfindenden Bergfestes des DRL. galt eine Sitzung des Hoher odskopffe st-Ausschüsse s , die unter dem Vorsitz von Kreisfachwgrt Dr. Siegert (Stockheim) im „Darmstädter Hof" in Nidda stattfand. Don den Ausschußmitgliedern waren anwesend DRL.-Kreisführer SA.-Obersturm- führer O t t e r b e i n (Friedberg), Kreisgeschäftsführer Strauch (Friedberg), Kreisfachwart Lotz (Massenheim), die Schottener Kamercttren Grand- Homme, Straub und N e u<m a n n , ferner Dr. Bruchhäuser (Ulrichstein) und Dr. Damb - mann (Schotten) vom DHC. (Vogelsberger Höhen- Club). Dem von seinem Amte als technischer Leiter und Oberturnwart zurückgettetenen Kreisfachwart A. Langsdorf (Bad-Nauheim) sprach Dr. Sie- gert befonDeren Dank aus für die treue Arbeit, die er in den drei Jahren seit Wiedereinführung des Hoherodskopfturnfestes in nimmermüdem Einsatz geleistet hat. An Langsdorfs Stelle wurde der Kreisfachwart für Leichtathletik, Heinrich Lotz (Massenheim) mit der technischen Oberleitung beauftragt, während die Kassenführung der Kreisgeschäfts- führer Strauch (Friedberg) übertragen bekam.
Nach angeregter Aussprache einigte man sich über den Festverlauf des 6. Hoherodskopf-Bergsestes wie folgt:
Am Vorabend findet im Vororte Schotten durch den Schottener Turn- und Gesangverein die Weihe eines Jahngedenksteins auf dem allen Turnplatz statt. Es schließt sich ein Kamerad- schaftsabend in der Turnhalle an. Der vom Schottener Verein gestaltet wird.
Am Sonntag leitet eine Morgenfeier mit Flaggenhissung über zu den Wettkämpfen, die in den nächsten Tagen zur Ausschreibung gelangen. Die Wettkämpfe sind offen für alle DRL.-Mitglie- der des Gaues Hessen. Man erwartet besonders starken Besuch wieder aus den Kreisen: 4 Rhön, 8 Gießen, 11 Friedberg und 12 Hanau. Der Nachmittag bringt die Mannschaftskämpfe und Staffeln
und Den Austrag der Wilhelm-Will-Staf» fel zwischen Den Kreisen Gießen unD Friedberg.
Auch Die SA. - Brigade 147 beteiligt sich wieder mit eigenen wehrsportlichen Kämpfen an dem großen Bergtreffen. Darüber hinaus werden sich unsere SA.-Männer, soweit sie Mitglieder von SA.-Kampfgemeinschaften sind oder DRL.-Dereinen angehören, auch in größerer Zahl zu Den Wettbewerben Des DRL. einsinden.
Es ist bekannt und wurde lebhaft begrüßt, daß der VHC. schon in den Vorjahren auf sein traditionelles Hoherodskopffest verzichtet mid gemeinsam mit der großen Reichsbundkameradschaft seinen Bergtag begangen hat. In diesem Jahre soll, wie Dr. Bruchhäuser ausführte, die Teilnahme der Wandervereine in noch stärkerem Maße erfolgen. Der DHC. hält Sonntagmorgen seine Totengedenk- feier auf der Herchenhainer Höhe ab. Gegen Mittag treffen Die KameraDen Der WanDervereine nach Sternwanderungen auf Dem HoheroDskopf ein. Daselbst vereinigen sich Die Dietwarte Der Turn-, Sport- und WanDervereine im alten Klubhaus zu einer Tagung, auf Der Dr. Damb - mann, Der Diettvart Des DHC., einen Dortrag über Das Wandern im DRL. halten wird.
Die Siegerehrung durch Kreisführer SA.-Ober- sturmführer Dtterbein wird am Nachmittag SA., Turn-, Sport- und Wanderkameraden zu einer gemeinsamen Kundgebung am Adolf-Hitler-Stein vereinen.
Das sind die wesenllichsten Züge der diesjährigen Festplanung. Man Darf erwarten, daß Das Hohe- robsfopfbergfeft wieder Das große oberhessische Heimat- uick> Gemeinschaftsfest wirD.
Feldbergfest am 14. August.
Das 85. Feldbergfest, das ursprünglich am 3. Juli stattfinden sollte, mußte auf einen späteren Zeit- punkt verlegt werden. Das Fest findet nunmehr endgülttg am 14. August statt.
Achtung, Wasser sparen!
Der Oberbürgermeister unserer Stadt weist auch heute noch einmal nachdrücklich darauf hin, daß es unbedingt erforderlich ist, sich im Wasserverbrauch alle Beschränkung aufzuerlegen. Infolge der anhaltenden Trockenheit hat Die Ergiebigkeit Der Quellen nachgelassen.
NS.-Gemelnschaft „Kraft durch Jreube*4.
Belr.: Gastspiel Zirkus (Europa.
Der vom 24. bis 26. Juni 1938 in Gießen gastierende Zirkus Europa hat uns Derbilligungsscheine zur Verfügung gestellt. Gegen Dorzeigen dieser Scheine gewährt die Zirkustasse 50 Prozent Preisermäßigung auf alle Platze ab 2. Platz.
Die Betriebswarte werden gebeten, die Scheine und Das Propagandamaterial auf Der Verkaufsstelle, Settersweg 60, umgehend abzuholen. (4272D
HI. Bann 116 - L-Stelle.
Belr.: Gebietssportfest.
Die drei ersten Sieger aller Einzelwettbewerbe und Mehrkämpfe beim Bannsportfest in Gießen sind bis zum Gebietssportfest von jeglichem HI.- Dienst zu beurlauben. Den betretenen Jgg. wird ein intensives Training als Vorbereitung zum Gebietssportfest zur Pflicht gemacht. Die endgültige Entscheidung über die Teilnahme der einzelnen Jgg. am Gebietssportfest trifft Das Gebiet. Die Einberufungen gehen Den betreffenden Jgg. noch zu.
Vetr.: Vannfachwarte.
Am Samstag, 25. Juni, um 20.15 Uhr, findet auf Der Geschäftsstelle des Bannes 116, Gießen,
Bahnhofstraße 92, eine Besprechung der Bannfachwarte statt, an Der auch die Kreisjugendfachwarte des Kreises Friedberg teilnehmen.
Ortsgruppe Gießen-Süd zur Sonnwendfeier bei Klein-Linden.
Am Dienstagabend traten die Politischen Leiter Der Ortsgruppe Gießen-Süd vor Der Geschäftsstelle an, um nach Klein-Linden zu marschieren zur ge- meinsamen Feier Der SommersonnwenDe. Am Sud- ausgang von Klein-LinDen schloß sich Die Dortige Ortsgruppe an. Nach flottem Marsch traf man bald auf der Anhöhe südlich von Klein-Linden, nahe Dem „Allendörfer Wäldchen", ein. Die HI., der BDM., das ID., sowie der Trupp Klein-Linden vom SA- Sturm 42/116 waren im weiten Viereck um Den gewaltigen Holzstoß aufmarschiert. Mit dem Liede „Heilig Vaterland" nahm Die Feierstunde ihren Anfang. Nach einem Dorspruch, vorgetragen von vier Hitlerjungen, wurde unter Dem Gesang Des Liedes „Flamme empor" Der Holzstoß entfacht. Hierauf hielt Kreishauptstellenleiter Gräf (Gießen) Die Feuerrede.
Wiederum lodern, so führte er u. a. aus, feurige Mahnmale von unseren heimatlichen Höhen und künden, daß Die schöne Sommerzeit ihren Einzug hält. Das Korn wogt in heller Sonne, unD unsere herrlichen Deutschen Wälder rauschen in üppiger Pracht. Die Sonne hat ihren Hochstand erreicht, und Die Zeit der Reise beginnt. Abende wunDer- barer Schönheit lassen unsere Herzen wieder höher schlagen. Wenn auch Die Sonne sich anschickt, nun roieDer zu Tal zu roanDern, so wollen wir nicht traurig sein, Denn zwischen Aufgang unD NieDer- gang liegt die Erfüllung unD Die VollenDung. Einem alten Brauch foIgenD, sind wir hier auf dieser Höhe zusammengekommen und halten Wacht bei dem Feuer, das in uns brennen muß, solange wir leben unD Das wir weitertragen müssen als eine
heilige Verpflichtung, weil es bas Gesetz unseres Blutes ist unD weil wir es übernahmen von unseren Ahnen. Wir halten Wacht, Daß nie mehr Uneinigkeit unD Zerrissenheit in unser deutsches Volk hinemgetragen wird, daß nie mehr Tage vom November 1918 uns in Knechtschaft legen, daß es nie mehr heißt, wie in Kleists „Hermannsschlacht": „Deutschland, Der Wolf bricht ein in Deine Herden, und Deine Hirten streiten sich um eine HanD voll Wolle." Wir halten aber auch Wacht, daß nie mehr ein Feind es ungestraft wagen kann, in unsere deutschen Gaue einzufallen und mit frevelnder Hand uns zu bedrohen. Diese Flammen, die heute brennen, sind wohl morgen erloschen, aber in unseren Herzen müssen sie meiterbrennen und uns verpflichten, jederzeit durch Einsatzbereitschaft und Opfermut Das Höchste zu geben für unser Vaterland. Mit einem Bekenntnis zu Führer unD Vaterland schloß die Ansprache.
Im Anschluß hieran warfen sechs Hitlerjungen sechs Kränze in die Flammen zur Erinnerung an den Freiheitskampf, an Die Gefallenen aller deut-
Zehn psi chten für Dich!
scheu Kriege, an die Toten Der deutschen Erhebung, zur symbolischen Bekräftigung der deutschen Einheit, Der Deutschen Ehre und Der deutschen Treue zu Führer und Reich.
3um Schluß wurde Das Lied „Volk ans Gewehr" gesungen. Ortsgruppenleiter Grahlmann brachte das „Sieg-Heil" auf den Führer aus. Für die Hitler-Jugend nahm Gefolgschaftsführer Volk (Klein-Linden) eine Siegerehrung für die Sieger im Reichssportwettkampf vor.
Im Saale der Wirtschaft „Burg" in Klein-Linden fand Dann ein kameradschaftliches Beisammensein statt. Nach einem Eröffnungsmarsch begrüßte Ortsgruppenleiter Dr. Crößmann (Klein-Linden) die Politischen Leiter der Ortsgruppe Gießen-Süd. Gesangsvorträge und Vorträge in oberhessischer Mundart trugen zur Verschönerung Des Abends bei. Allzu schnell gingen Die StunDen vorüber, Die von echtem Kameradschaftsgeist getragen waren.
Gießener Möbeltransport auf der Reichsoutobahn in Brand geraten.
Auf Der Reichsautobahn ereignete- sich, unweit von Nieder-Mörlen, ein Brandunfall. Der Möbel- transportroagen einer Gießener Möbelhandlung war aus bisher nicht bekanntem Grunde in Brand ge-, raten. Die ganze Ladung, eine komplette Woh-' nungseinrichtung, fiel dabei J)en Flammen zum Opfer. Der Schaden beläuft fsch allein an Möbeln auf eine Höhe von 3500 Mark. Glücklicherweise ' fielen Menschenleben dem Brand nicht zum Opfer. ' Fahrer und Beifahrer befanden sich in großer Gefahr insofern, als sie von dem Brande während der Fahrt überhaupt nichts bemerkten und erst von entgeLenkommenden Fahrzeuglenkern aufmerksam gemacht wurden. Da sich der Benzintank unter Dem Führersitz befand, konnte es sehr leicht sein, daß eine Explosion erfolgte, Die sich verhängnisvoll auswirken konnte. Fahrer und Beifahrer konnten sich noch rechtzeitig in Sicherheit bringen.
Siebener wochenmarktpreiie
* Gießen, 23, Juni. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Feine Molkereibutter, % kg, 1,52 Mark, Markenbutter 1,55 bis 1,60 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, Das Stück, 4 bis 10, (Eier, deutsche, Klasse S 13, Klasse A 12 S, Klasse B 12, Klasse C UN,-Klasse D 10^, (Enteneier 11% bis 12%, Wirsing, grün, kg, 10 bis 12, Weißkraut 20, gelbe Rüben, das Bündel, 10 bis 18, rote Rüben, % kg, 10 bis 12, Spinat 10 bis 15, Römischkohl 8 bis 12, Bohnen, grün, 30 bis 35, Spargel, 1. Sorte 52 bis 55, 2. Sorte 48 bis 50, 3. Sorte 40 bis 45, 4. Sorte 20 bis 25, Tomaten 40 bis 50, Zwiebeln, neue, das Bündel 10 bis 15, % kg 20, Rhabarber 10 bis 15, Kartoffeln, alte, 5, 5 kg 44 Pf., 50 kg 3,50 bis 3,90 Mark, neue, % kg, 13 bis 15 Pf., Aepfel, amerikanische, 60 bis 65, Kirschen 50 bis 65, Stachelbeeren 25 bis 30, Erdbeeren 40 bis 55 Pf., junge Hähne
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Roman von Hans von Hülsen.
Copyright by Prometheus-Verlag, Dr. Eichacker, München-Gröbenzell.
9. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
„Nein. So war es nicht. Sondern ich fühlte im* merfgrt, wie die Toten aufstanden. Die Toten in mir. — Sieh, Giuseppe", fuhr der Blinde nach einem langen Schweigen fort, „es gibt immer etwas, ich möchte sagen, es gibt ein Gebiet im Her- zen, das allen anderen verschlossen bleibt, außer einem selbst. Das auch dem besten Freund verschlossen bleibt. Und ich habe mir unablässig überlegt in diesen Tagen — es war doch eigentlich schlecht von mir, schlecht und undankbar, daß ich mich all die vielen Jahre unserer alten Freundschaft lang mit einem Geheimnis herumgetragen habe, von dem ich selbst dich nichts habe wissen lassen."
Der Pfarrer wunderte sich im stillen.
„Ein solches Geheimnis hat wohl ein jeder", meinte er. „Wer so viele Beichten gehört hat wie ich, der weiß es. Wenn es Dir das Herz so schwer drückt — willst du es jetzt nicht sagen?"
Der Blinde griff mit allen Fingern in Die Tasten, daß sie aufstöhnten.
„Ja, jetzt muß ich es sagen. Und jetzt kann ich es sagen."
„So sprich, Francesco. Und denke immer: Wenn du es mir sagst. Das ist nur so viel, als sagtest Du es dir selber."
Bartold schwieg lange, die Lippen zusammengepreßt, Den Kopf gesenkt. Es war, als wären seine Gedanken fern von hier. Als wären sie durch das offene Fenster hinausgeschwebt und in der Nacht verloren. Immer wieder lockte er eine kleine Melodie hervor, an der der Freund wie an einem Meilenstein ablesen konnte, wo er im Geiste war — und Dann versickerten Die Töne, und es stand wieder viele Herzschläge lang Dies undurchdringliche Schweigen im kleinen Raum.
„Denkst du noch an den Tag in Brescia", kam plötzlich die (Stimme aus der Dunkelheit, „den Tag, an dem du mir vorschlugst, dich hierher zu begleiten und bei dir zu bleiben in Sant Ambrogio? An Dem Tage habe ich Dir ein Wort gesagt, das ich gar nicht sagen wollte — das mir so entschlüpfte — und das Du nicht verstehen konntest."
„Gewiß erinnere ich mich. Ich habe mir Damals Den Kopf Darüber zerbrochen, ich wollte dich fragen und ließ es doch, weil ich fühlte, daß ich nur ein
Schweigen zur Antwort bekommen hätte. Du sagtest: ,So werde ich in der ewigen Heimat meines Herzens sein/ War es so?"
Bartold nickte langsam.
„So war es. Das sagte ich. Der Gedanke, für lange, vielleicht für Den ganzen Lebensrest hier am Gardasee zu bleiben. Der preßte mir Dies Wort heraus."
„Und warum — warum nanntest du den See Da Drunten die ewige Heimat Deines Herzens, Francesco? Das verstehe ich auch heute nicht, soviel ich heute von Dir kenne und verstehe."
Wieder dieses lange Schweigen, in das nur dann und wann ein Ton hineinsprach.
„Du wirst verstehen — höre zu", sagte der Blinde. „Du weißt, ich habe in München studiert. Es war im letzten Frühling vor dem Weltkrieg, ich war gerade fertig geworden mit meinem Studium und Examen und sollte zum Herbst ein (Engagement antreten. Als Kapellmeister — so sonderbar mir das jetzt vorkommt. Aber wer weiß, was aus einem geworden wäre. Ich hatte in München einen alten Lehrer, Der meinte es immer gut mit mir. Vielleicht wegen meiner Begabung, von Der er etwas hielt. Aber wahrscheinlicher, weil er wußte, daß ich keinen Vater mehr hatte, nur eine alte und kränkliche Mutter, und daß ich so gut wie allein stand in der Welt. Als ich nun fertig war, sagte Der zu mir — ich höre seine Stimme, als wäre es gestern gewesen: .Bartolds sagte er, ,ich rate Ihnen gut. Sie sind überarbeitet. Spannen Sie noch gründlich aus, bevor Sie sich unter Das Joch begeben. Denn Das Theater ist ein Joch für jede freie Seele. Man muß robust sein, Damit es einem nicht Den Nacken wund scheuert. Und wie Sie jetzt sind, sind Sie mir nicht robust genug/ Ich höre deutlich die gute Stimme! .Spannen Sie aus', sagte er, .gehen Sie irgendwohin in Gottes freie Natur! Legen Sie sich wochenlang in eine Bergwiese, schauen Sie in den Himmel — es gibt nichts Besseres!'"
„Ein guter Rat. Und Du befolgtest ihn?"
„Natürlich befolgte ich ihn. Was lag Damals einem jungen Menschen, Der in München studierte, näher, als über Die Alpen zu fahren? Daheim in Bauern war es noch unwirtlich. Am Gardasee blühte es bereits. Ich vergesse Die Tage nicht. Die Blüten hier unten. Und drüben die Schneegipfel. Und Die Bergbäche, Die von Der Schneeschmelze rauschten. Immer sehe ich Das noch vor meinem inneren Auge und höre es immer noch. Ich war Damals wochenlang in Torbole, Das zu Der Zeit noch österreichisch war, ich wohnte in einem alten Albergo mitten im Ort. Und jeden Morgen lief ich hinaus in Den göttlichen Tag und kletterte in Den
Bergen umher und lag im Schatten der hundertjährigen Delbäume. Und ahnte nicht, daß Die Schritte meines Schicksals schon auf Dem Weg zu mir waren —"
Er schwieg eine Weile urtD fuhr Dann fort:
„Es gibt ein Lied von Wagner, Das heißt .Träume, darin kommt eine Stelle vor — merk auf —, so:"
Und er griff ein paar Akkorde und öffnete ein wenig Den Mund und summte vor sich hin:
„Träume, wie wenn Frühlingssonne Aus dem Schnee Die Blüten küßt —"
„Du mußt es mir einmal ganz fingen und spielen", sagte Der Pfarrer. „Erzähle weiter!"
Hingegeben an Die (Erinnerung, spielte Bartold immer noch die Melodie.
„Dieses Lied ist mir zum Schicksalslied geworden", sagte er Dann, und seine Stimme schwankte Dabei: „Denn eines Taaes, auf einem Spaziergang, wett vor dem Dorf, habe ich es gehört — ich kannte es wohl, aber mir war, als hörte ich es damals Aum ersten Male. (Es klang aus einem Fenster des letzten Hauses. (Eine Frauenstimme fang es. Eine schöne Frauenstimme. Ich blieb wie gebannt stehen, so mächtig griff es mir ans Herz. Ich versteckte mich hinter einem blühenden Ginsterstrauch, um zu lauschen. Immer wieder hob das Lied von neuem an. Ich verstand: eine Sängerin, die es übte. Obwohl sie es für mein Gefühl so vollendet sang, daß Da nichts mehr zu üben war. Und dann — Dann sah ich sie. Sie kam ans Fenster. Sie stand lange im Fensterrahmen und schaute auf Den See hinaus. Und plötzlich — weißt Du, mit einer bei- nahe wilden Bewegung, breitete sie beide Arme aus, als wollte sie die. ganze herrliche Landschaft umarmen und ans Herz ziehen. In diesem Augenblick war es um mich geschehen. In diesem Augenblick war ich ihr verfallen. Als ob ich selbst ein Teil dessen wäre, was sie an ihr Herz preßte."
„War sie schön?" fragte der alte Pfarrer in das Schweigen hinein; und Da er keine Antwort bekam, sondern nur den schweren Atem des Freundes hörte: „Du hast sie bann tennengelernt?"
„Kennengelernt, ja", sagte Bartold. -.Aber was will das arme Wort bedeuten, kennengelernt! Gar nichts bedeutet es! Leicht wie die Luft wiegt es. Sie war Italienerin", fuhr er fort, „Tochter eines Beamten, eines Diplomaten, .glaube ich Sie war in Wien ausgewachsen. Sie sprach Deutsch wie Italienisch. Sie hatte Gesang studiert. Nicht als Berus, nur um ihre Stimme auszubilden. Und nun war sie hier bei österreichischen Freunden am Gardasee, für ein paar Frühlingswochen. Ich habe
nicht gerastet und geruht, bis ich sie kennenlernte, so ist man mit fünfundzwanzig — und Dann —"
Er brach ab, verlor sich in tiefes Sinnen, Das nicht mehr zum Wort werden wollte. Aber plötzlich begann er die Balge zu treten, er zog ein paar Register, er Hub an zu spielen, und Majelli lauschte bewegt: Denn was sich Da in Der Dunkelheit loslöste und emporschwang, das war ein Motiv, das er immer und immer wieder gehört hatte, wie es zag und zärtlich erst, dann jauchzend und jubelnd vom Orgelchor niederschwebte, das immer wiederkehrte und nicht enden wollte: nun erst verstand er es ganz.
.Hast Du sie so liebgehabt? fragte er leise.
„Liebgehabt!" Der Blinde stieß es hervor. „Lieb« gehabt! Das sagst Du so hin! Aber wie — nein, Giuseppe, das weißt Du nicht! Das kannst Du nicht wissen. Ich selber habe ja vorher gar nicht gewußt, daß man einen Menschen so lieben kann. Ich war so jung, so glühenD! Ich hatte nie vorher eine Frau gekannt. Ach, wenn ich zurückdenke, ist mir’s, als hätte ich nur ein einziges Mal in meinem Leden wirklich geliebt — in meinem Leben Drüben am anderen Ufer, verstehst Du? Als hätte ich nur in Diesen Frühlingswochen, diesen heißen Wochen voller Liebe gelebt und geblüht! Wahrhaftig, so ist mir heute noch zumute! Und Dann Der Krieg! Ich mußte nach München. Mußte ins Feld, nadjjftranf* reich. Und Dort — Dort bekam ich, im tiefen Winter, Die furchtbare Nachricht —" Wieder schwieg er. Schwieg unD seufzte tief.
„Welche Nachricht?" fragte der Pfarrer vorsichtig.
„Daß sie von zu Hause fort war. Im Bösen fort, verstehst Du? Weil sie ihren Zustand —"
„Madre di Dio!“ jnunflelte Majelli und faltete in Der Dunkelheit Die Hände. „Sie hat ein Kind von Dir?"
Lange kam keine Antwort. Dann nur ein Flüstern, ganz fern..
„Ich weiß nicht. Ich weiß nichts mehr. Alles ist dunkel. So dunkel wie um mich her. Und wie in mir."
Das Flüstern losch. Nichts war im Raum als bas leise Lispeln und Rauschen Der harten Del« baumblätfer im Nachtwind.
Majelli hörte Die f^IurfenDen Schritte Des Freundes, der sich von der Bank hob und durch das Zimmer tastete. Er ging ihm nach, das Herz voll Angst und MiÜeid, rührte ihn an der Schulter, strich über seinen Kops, Der die Stirn gegen die Kalkwand preßte.
(Fortsetzung folgt!)


