Nr.299 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger sSeneral-Anzeiger für Oberhessen) Donnerstag, 22. Dezember 1938
Aus der Stabt Gießen
seinen Weihnachtsteller voller Aepfel und Nüsse, Pfefferkuchen und Dörrpflaumen hinsetzte. Dann stimmte der Wirt mit rauher Kehle ein Weihnachtslied an, alle fielen ein, die kleine Gaststube dröhnte ordentlich von den kräftigen Bässen bärtiger ll^än- ner, gegen die der schüchterne Diskant der Frauenstimmen schlecht aufkam.
Nun las der Bauernwirt aus einer alten, vergilbten Bibel laut und bedächtig die Weihnachtsgeschichte. Sie.klang uns ganz neu und seltsam echt in dieser Umgebung, aus diesem bärtigen Munde. Feierliche Stille lag über dem Stübchen, ja, über dem ganzen verschneiten Haus im Winterwald. Warm lag der Widerschein der Weihnachtskerzen auf den verarbeiteten, andachtsvollen Gesichtern der Schwarzwaldbauern. Die Mägde laßen mit gefalteten Händen und sahen vor sich hin. Wir wenigen Fremden fühlten uns ganz zugehörig, die Stimmung, an der nichts Unechtes oder Gewolltes war, umfing uns wie jeden dieser einfachen Menschen neben uns.
Nachher saßen wir alle um den gemeinsamen Tisch und schmausten Gänsebraten. Dazu gab es
einen selbstgebrauten steifen Grog, der es in sich hatte. Die Stunden verflogen, immer heller wurden die ernsten Gesichter. Einer nach dem andern taute auf, und fröhliche Laune löste die schweren Zungen. Um Mitternacht waren wir ein Herz und eine Seele. Da zupfte mich die Schwester. Sie winkte mit dem Kopf zur Tür. Unauffällig stand sie auf und verschwand. Nach einer Weile folgte ich ihr. Sie stand schon draußen und schnallte die Schier an.
Der Frost klirrte in den Zweigen. Die Luft war glasklar, und obwohl der Mond untergegangen mar, schienen die Sterne so hell, daß wir das Tal weithin übersehen konnten. Ganz unten im Grund blinkten die Lichter der Bahnstrecke. Ueber dem Wald stand der (Sternenreigen. Und als wir uns aufmachten, dem Hügelrand zu, fingen im Dorf die Mitternachtsglocken zu läuten an. Ihr Schall klang in der Frostluft wie der Ton von singenden Sägen. Feierlich und fern, wie eine' riesige Weihnachtsglocke, wölbte sich der schwarze Nachthimmel über uns. Es war, als trügen unsere Schier uns in eine Zauberwelt.
Am Waldrand hielten wir inne und blickten uns wortlos an. Der Schnee selbst schien zu tönen, oder waren es die Sterne? Ohne Worte wußten wir: dies war das feierlichste Weihnachtsfest, das wir je erlebt hatten. Dr. Buresch.
bei wachsendem Licht seinen eisigen Obern zu gebrauchen. Gleichviel, er soll es tun, er hat das Recht dazu. Aber wenn er auch ein gestrenges Regiment führen sollte, sein Nachfolger wird ihm eines Tages ebenso sicher den Kehraus blasen, wie es jetzt von ihm mit dem Herbst geschehen ist. Nur daß wir bann das Geschehen um einige Grade freudiger zur Kenntnis nehmen werden. H. W. Sch.
Lomotizen.
lagesfatenber für Donnerstag.
Stadttheater: 15 bis 17.30 Uhr „Frau Holle". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Zwei Frauen". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Gastspiel im Paradies". — Oberhessischer Kunstvereim 17 bis 18 Uhr Weihnachtsausstellung im Turmhaus am Brand.
Stabtttjeafer Gießen.
Am heutigen Nachmittag finbet eine Wiederholung des großen Märchenerfolges „Frau Holle" von Walter Osterspey statt. Spielleitung: Hermann Schultze-Griesheim: musikalische Leitung: Heinz Markwardt, Tänze: Thea Maaß, Bühnenbilder: Karl Löffler. Die Vorstellung findet außer Miete statt. Anfang 15 Uhr, Ende 17.30 Uhr.
1939 wieder Gesellenwandern und Gesellenaustausch.
NSG. Wie in den vergangenen Jahren, wird auch im Jahre 1939 das Gesellenwandern zur Durchführung gelangen. Es sind hierzu alle Handwerksberufe, einschließlich des graphischen Handwerks, zugelassen. Ausgenommen jedoch sind sämtliche Berufe des Metallhandwerks, sowie aus den Bauhandwerken die Berufe der Maurer, Zimmerer, Dachdecker, Bildhauer und Steinmetze, Stukkateure und Gipser und die Pflasterer. Auskünfte erteilen alle Kreishandwerkswalter der Deutschen Arbeitsfront, die auch die Anträge zum Gesellenwandern entgegennehmen.
Neben dem Gesellenwandern wird auch im Jahre 1939 wieder der Gesellenaustausch durchgeführt. Im Gegensatz zum „Gesellenwandern" haben die Teilnehmer am „Gesellenaustausch" ihr Austauschziel durch Bahnfahrt zu erreichen. Wandern ist somit grundsätzlich nicht gestattet. Zugelassen zum Gesellenaustausch sind alle Handwerksberufe wie beim Gesellenwandern, ausgenommen sind jedoch solche Be
Bauernweihnacht im Schwarzwald
Unvergeßliches Erlebnis am Heiligen Abend.
Der Winter im Amt.
Gespürt haben wir die eisig? Kraft des Winters bereits. Nachdem sich alle Wett darüber gewundert hatte, wie außergewöhnlich mild sich der Dezember in diesem Jahre anlasse, und nachdem verstiegene Optimisten schon einen möglichen Ausfall des Winters in Betracht zogen, kam mit überraschender Plötzlichkeit der hundskalte Oft daher, und aus war es mit der Gemütlichkeit. Aber diese erste Kältewelle unterstand im eigentlichen Sinne noch nicht der Zuständigkeit des gestrengen Herrn. Maßgebend war jedenfalls noch der Herbst, der allerdings weniger mit Amtsaufgaben, als mit Reisevorbereitungen beschäftigt schien und infolgedessen nicht mehr die Zügel in der Hand haben konnte. Der Winter fuhr ihm daher mit seinen respektablen Winden gehörig in die Parade, so daß sich der Herbst genötigt sah, einen recht verschnupften Abschied zu nehmen.
Und nun befindet sich der Herbst auf jener Reise, die ihn für die Dauer von neun Monaten außer Landes führt. Dafür hat der Winter sein Amt in ordnungsgemäßer Weise angetreten. Am heutigen 22. Dezember, an dem Tage, wo die Sonne in das Zeichen des Steinbocks tritt, beginnt kalendarisch das winterliche Regiment. Dieser 22. Dezember beschert uns zugleich den kürzesten Tag im Ablauf des Jahres, da die Sonne um die Mittagsstunde den größten Abstand von ihrem Scheitelpunkt erreicht. Nur sieben Stunden und 39 Minuten währt das Tageslicht, was im Vergleich zu den sechzehn Stunden und 50 Minuten zur Zeit der größten Helligkeit im Sommer gering genug ist. Aber während wir im Sommer die abnehmenden Tage in Kauf nehmen müssen, bringt uns die Wintersonnenwende die tröstliche Gewißheit, daß es nun wieder aufwärts geht, und daß trotz Schnee und Kälte das sieghafte Licht sich freie Bahn schaffen wird.
Dieser Gedanke des wachsenden Lichtes ist es auch gewesen, der schon in altersgrauen Zeiten unseren Vorfahren wichtig genug erschien, um ihm mit Feuerbränden festlichen Ausdruck zu geben. Und wenn wir in der Gegenwart die Lichter an den Tannenbäumen entzünden, so begehen wir die Feier des Lichtes in demselben Geiste.
In seinem bekannten „Lied Hinterm Ofen zu singen" schildert der gemütvolle Mathias Claudius den Winter als einen rechten Mann, „kernfest und auf die Dauer". In der Tat weiß der Winter auch
Wenn man keine andere Wahl hat, muß man sich damit abfinden, daß Weihnachten in der Fremde auch einmal ganz schon sein kann. So ungefähr dachte ich, als berufliche Pflichten mit um die Weihnachtszeit in Paris festhielten. Paris ist ja auch im Dezember durchaus keine trübe oder gar langweilige Stad^ Und doch war ich schließlich heilsroh, als noch gerade zu rechter Zeit eine Anfrage meiner Schwester kam, die als Assistentin in einem süddeutschen Krankenhaus arbeitete, ob wir unsere kurze Freizeit nicht gemeinsam im Schwarzwald zubringen wollten.
So dampfte ich denn am 23. früh mit hastig gepackten Sportsachen in feuchtem Morgengrauen vom Gare de l’Est in Richtung Straßburg ab. Wir trafen uns in Freiburg, ein paar Schier lieh ich mir von Freunden, aus, und am frühen Morgen des Heiligen Abend faßen wir als zünftige Schihasen verkleidet in der Schwarzwaldbahn. Mit zunehmender Höhe wurde es immer kälter und klarer, und als wir in Hinterzarten ausstiegen und die Schier anschnallten, ging gerade die Sonne unter und ihr Abendschein tauchte die festliche Landschaft in einen Strom von Gold. Ein dichter Schwarm von Sportlern hatte mit uns den Zug verlassen.
Noch eine Stunde ungefähr stiegen wir schweigend auf selbstgespurter Bahn in unberührtem Pulverschnee, dann tarnen wir auf der Waldblöße an, die ersten Lichter eines einsamen Schwarzwalddorfes blinkten auf, Zäune, vom Schnee fast zugeweht, Strohdächer von halbversunkenen Häusern, dick mit weißem Pelz verbrämt, geduckte Ställe und Scheunen — wir waren am Ziel.
Wir kannten den kleinen, sauberen Gasthof von früheren Winterfahrten her. Er lag am Rande des Hügels, von dem man weit ins Tal hinuntersehen konnte und der oben von Wald umsäumt war. Eine große Schneewehe hatte das Haus so mit dem Hügel verbunden, daß es wie in den Berg hineingebaut schien. Die von Rauhreif überzuckerten Aepfel- und Kirschbäume des Obstgartens glitzerten im Mondlicht wie Ballettänzerinnen. Wir nahmen mit dankbarem Blick dies Bild in uns auf, während wir den Schnee von Stiefeln und Hosen bürsteten und die Schier an die Hauswand lehnten.
Drinnen erwartete man uns schon. Eine Stube — vorn krachenden Eisenöfchen auf tropische Wärmegrade erhitzt — war uns als Nachtquartier gerüstet. Rasch frischten wir uns auf und saßen dann bald in fröhlichem Verein mit wenigen Gästen, die sich auch hierher verirrt hatten, und mit der bäuerlichen Gastwirtsfamilie rund um die „Kunscht", diesen unvergleichlich gemütlichen Riesenkachelofen, ohne den das Schifahren im Schwarzwald eine halbe Sache wäre. Auf dem Schanktisch stand ein buntgeschmückter Tannenbaum, und aus der Küche kam ein Duft wie von junger Mastgans verheißend uns in die Nasen.
Nicht lange, dann wurde uns bedeutet, einen Augenblick ins Nebenstübchen zu gehen, und kurz darauf begannen unten im Dorf die Weihnachtsglocken zu läuten. Da tat sich auch schon die Tür zur Gaststube wieder auf und wir sahen nun den Baum in vollem Lichterglanz. Unser Wirt und seine Frau standen etwas steif vor feierlicher Würde vor dem Schanktisch in der Stube, sie hatten alle Knechte und Mägde des Anwesens zusammengerufen, die bekamen nun ihre Bescherung. Jeder einzelne wurde vom Wirt an der Hand genommen und an die Stelle der Theke geführt, wo seine Gaben aufgetischt waren. Für jeden hatten der Bauer und seine Frau ein paar Worte des Dankes für gute Dienste in guten und schlechten Zeiten, es war, als gehörten sie alle zu einer großen Familie. Ja, selbst mir Gäste fühlten uns zugehörig, als die Bäuerin mit hochbeladenen bunten Tellern an unsere festlich geschmückten Tische kam und vor jeden
rufe, bei denen ein Austausch saisonbedingt erscheint. Ein Austausch kann nicht nur von Gau zu Gau, sondern auch innerhalb des Gaues erfolgen. Die Austauschzeit beträgt sechs Monate, Anträge werden das ganze Jahr entgegengenommen. Richtlinien für den Gesellenaustausch sind bei allen Kreisdienst- stellen des Deutschen Handwerks in der Deutschen Arbeitsfront kostenlos erhältlich.
Dezember-Eintopf
ein neuer Sieg der Gemeinschaft.
NSG. Der dritte Eintopfsonntag, den das deutsche Volk am 11. Dezember beging, brachte für den Gau Hessen-Nassau einen neuen Sieg der Gemeinschaft. In aller Klarheit legte er den Beweis bafür ab, daß die Opferfreudigkeit der Bevölkerung von Jahr zu Jahr steigt und alle Volksgenossen mit dem Sozialismus der Tat ihr Bekenntnis zum Führer und seiner Weltanschauung ablegen. Von den ehrenamtlichen Helfern des WHW. wurden am Dszem- ber-Eintopfsonntag in den Familien und Gaststätten in unfetem Gau rund 296 000 Mark gesammelt. Gegenüber dem Eintopfsonntag im gleichen Monat des Vorjahres, der 234 590 Mark erbrachte, bedeutet dies eine Erhöhung des Ergebnis- ses um 61 4 0 0 Mark. Fürwahr eine stolze Zahl, die wir zum Abschluß des Jahres verzeichnen können.
Festtagsverkehr
mit Arbeiterrückfahrkarten.
Wie bereits mitgeteilt, dürfen wegen des starken Festtagsverkehrs zuschlagspflichtige Züge am 23., 24., 26. und 27. Dezember 1938, sowie am 2. und 3. Januar 1939 von Reisenden mit Arbeiterrückfahrkarten nicht benutzt werden. Als Ersatz dafür verkehren an diesen Tagen zahlreiche schnellfahrends und zuschlagsfreie Entlastungszüge. Nähere Auskunft hierüber erteilen die Bahnhöfe.
Eine weitere Erleichterung wirb den mit Arbeiter-' rückfahrkarten reifenden Volksgenossen dadurch ge< boten, daß die Geltungsdauer aller vorn 21. Dezember ab gelösten Arbeiterrückfahrkarten von 10 auf 14 Tage verlängert ist. Die Rückfahrt braucht also mit einer am 21. Dezember gelösten Arbeiterrückfahrkarte erst am 3. Januar, mit einer am 22. Dezember gelösten erst am 4. Januar, mit einer am 23. Dezember gelösten erst am 5. Januar ujw. beendet zu sein.
Winterwetter verursacht Zugverspätungen.
Viel Mehrarbeit auch im Dahnhof Gießen.
Durch den starken Frost sind im ganzen Reich erhebliche Verspätungen im Zugverkehr heroor- gerufen worden. Im Bezirk der Reichsbahnbirektion Frankfurt und den angrenzenden Bezirken betrugen' die Verspätungen 3 Stunden, teilweise sogar noch mehr. Die Verspätungen werden dadurch hervorgerufen, daß z. B. das Heizungswasser der Lokomotive und auch der Personenwagen einfriert, so daß die Züge auf offener Strecke halten müssen, um das Auftauen der Heizungen vorzunehmen. Zum Glück ist von schweren Schäden noch nichts bekannt geworben. Wegen der großen Kälte sind überall Derpflegungsstationen eingerichtet worden, wo den Beamten heißer Tee gereicht wirb.
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Von diesen Störungen ist auch unser Bahnhof Gießen weitgehend betroffen. Der Fahrplan läßt sich nur schwer aufrechterhalten. Für die Beamten und Arbeiter des Bahnhofs Gießen gilt es, unter den gegenwärtigen Umständen eine erhebliche Mehrarbeit zu leisten.
Die Zugverspätungen wirkten sich auch für die Zustellung unserer Zeitung ungünstig aus. Die Leser werden sicherlich alles Verständnis für die Sachlage aufbringen und ob der verspäteten Zustellung nicht ungehalten sein.
Die Laufmaschine des Herrn von Drais.
Ein Dezember-Idyll vor 125 Jahren.
Es war ein sonderbares Bild, das sich den illustren Herrschaften auf der Gartenterrasse des Mannheimer Schlosses bot. Die Mäanderwege des dezemberlich kahlen Parks entlang fuhr ein kleiner Mann im scharlachroten Kammerherrenfrack auf einer monströsen Maschine. Er saß in der sattel- artigen Einbuchtung eines hölzernen Gestells, das auf zwei Speichenrädern ruhte; durch eine Achsengabel am vorderen Rad konnte er das Gefährt lenken. Mit beiden Füßen stieß der Mann sich wechselweise vom Boden ab und brachte den Wagen so in Schwung. Die Geschwindigkeit war recht bedeutend, obwohl es Mühe machte, das schwere, von einem Stellmacher gebaute Gefährt im Gleichgewicht zu halten. Auf den Wegen, die zum Rheine abfielen, hockte der Mann sogar mit hochgezogenen Beinen wie ein uniformierter Affe auf der Drehorgel, und die Maschine rollte schwankend weiter, obwohl Gelehrte dem Erfinder messerscharf bewiesen hatten, daß sie den Naturgesetzen nach umfallen müßte. Die bardischen Markgrafen sahen erwartungsvoll auf den Zaren Alexander, der durch fein Lorgnon das Schauspiel beobachtete; in diesem Winter 1813 hing der Bestand des Großherzoatums und ehemaligen'RheMbundstaates von der Gnade des russischen Cousins ab. Aber dem Russen machte die Sache großen Spaß. „C’est bien ingenieux!" sagte er zu dem abgehetzten Erfinder, dem der Schweiß in Bächen über das Gesicht lief. Am folgenden Tag ließ er sich das Laufrad sogar noch einmal vorführen, und das „Badische Magazin" konnte am 22. Dezember seinen Lesern berichten, daß der Kammerjunker und Forstmeister Freiherr von Drais „seinen erfundenen Wagen, der ohne Pferde durch den insitzenden Menschen getrieben, leicht und schnell dahinläuft", dem Kaiser von Rußland gezeigt und von ihm einen Brillantring erhalten habe „für das Vergnügen, welches I. K. M. damit gemacht worben sey"
Dieser Herr von Drais, dessen Denkmal heute in Karlsruhe steht und dessen „Draisine" im Eisenbahnbetrieb noch heute lebt, war ein seltener Kauz. Es war Unglück, daß er einer angesehenen Adelsfamilie entstammte. Er wäre vielleicht ein großer Ingenieur geworden, aber seine Herkunft bestimmte nach den Standesbegriffen seinen Lebensweg. Er wurde ein untauglicher Offizier, ein unmöglicher Hofmann, ein unluftiger Forstmeister, eine jener Gestalten, wie sie Deutschland in Fülle I
hervorgebracht hat; außerordentliche technische Intuition und kindliche Phantasie waren zu einem Amalgam verschmolzen. Er konstruierte eine Fleischhackmaschine und eine Art Periskop; er grübelte über mathematische Probleme, baute eine Tastenschreibmaschine, Telegraphen- und Dampfschiffmodelle und dachte die Technik der Kriegführung zu revolutionieren, indem er es der Artillerie möglich machte, um die Ecke zu schießen; was seiner Meinung nach, wegen der parabolischen Krümmung der Geschoßbahn, sehr einfach sein mußte: man brauchte nur die Kanone auf die Seite zu legen!
Eine einzige feiner Erfindungen hat sich durch- gesetzt: das Fahrrad. Name und Gestalt haben sich verändert und gewandelt. Aus der Marotte eines deutschen Forstmeisters entstand das billigste und am weitesten verbreitete Verkehrsmittel der Erde. Und doch besiegelte gerade diese Erfindung das Schicksal des Herrn von Drais.
Diese Maschine fraß sein Leben auf. Immer arbeitete er an Verbesserungen, ermattete sich in Patentstreitigkeiten. Er trat mit seiner Maschine vor den Teilnehmern des Wiener Kongresses auf, fuhr in vier Stunden die 80 Kilometer von Karlsruhe bis zur Grenze bei Straßburg-Kehl, um die militärische - Brauchbarkeit seiner Laufmaschine zu beweisen; er hielt Vorträge, ließ das Rad in Paris zeigen, verfaßte eine Werbeschrift „Abbildung und Beschreibung einer neuen Lauf- maschine". Sogar eine Preisliste ist erhalten. Die einfache Maschine kostete 44 Gulden; mit verstellbarem Sattel 50, eine zweisitzige, ein Tandem also, sollte für 75 Gulden zu haben sein.
Seine Rührigkeit hatte einen gewissen Erfolg. Die Post stellte ein paar Laufräder in Dienst. Bei der Jugend wurde die Draisine sogar Modesache. In England baute man Sportbahnen, auf denen, die jungen Stutzer ihre hölzernen Pferde tummeln konnten. Karlsruhe entschloß sich zu einer Polizei- Verordnung: Das Laufen auf den Laufmaschinen ist nur in der Mitte auf den Hauptwegen gestattet, auf den Fußpfaden und allen Nebenwegen verboten!" Das Ergebnis war in beiden Ländern das gleiche. Die Draisine fiel der Vergessenheit anheim. Die behäbigen Bürger lachten über den „Knochenschüttler", und es läßt sich' nicht leugnen, daß ein gewisser Körperteil tatsächlich heftig strapaziert wurde. Erst siebzig Jahre später half der schottische Tierarzt Dr. Dunlop diesem Hebel ab, indem er einen luftgefüllten 6>nrtenschlauch um die Räder des Velozipebs wickelte, eine Idee, die ihm mehr Ruhm eintragen sollte, als Herrn von Drais seine ganze Maschine. . . .
Ende der zwanziger Jahre beteiligte sich Drais an einer Forschungsreise nach Brasilien. Aber die
! Maschine rumpelte dusch seine Träume und Gedanken. Er kehrte zurück, ein alternder Querulant, der alle Aemter und Behörden mit umfangreichen Eingaben, Beschwerden und Schriftsätzen behelligte, die seine Laufmaschine betrafen. Alle Wege legte er auf feiner Maschine zurück, und ein Rudel johlender Straßenjungen eskortierte den geifernden kleinen Mann mit der verwahrlosten Kleidung, die aus Resten feiner früheren Glanzzeit zusammen- gestoppelt war, dem rauhen Zylinder und den hohen Vatermördern. Als er sich mit einem Engländer prügelte, der sesn Laufrad verspottete, wurde ihm die Kammerherrenwürde aberkannt. Er starb am 10. Dezember 1851, verbittert und enttäuscht, als Sechsundsechzigjähriger in Karlsruhe.
Die großherzoglichen Gerichtsschreiber, die den Nachlaß aufnahmen, hatten nicht viel Mühe. Das Mobiliar in dem einzigen Zimmer war ärmlich. Im Schranke hingen ein paar verschmutzte Kleidungsstücke: ein dunkelblauer Offiziersspenzer, ein goldbestickter Kammerherrenfrack. In einer Ecke steht eine seltsam ungefüge Maschine. Zwei große Holzräder, durch ein schweres Rahmengestell verbunden. Ein Laufrad = 3 Gulden, schreibt der Beamte in das Verzeichnis. Sonst gibt es im Zimmer nur noch einen Wust von Papieren mit mathematischen Kritzeleien und rätselhafte Modelle un.b Apparate; keinen Kreuzer bietet einer dafür. Rund dreißig Gulden ergeben sich, als man zusammenzählt, 30 Gulden und 40 Kreuzer. Das ist der Nachlaß des Erfinders des Fahrrades, des ehemaligen Forstmeisters, Kammerherrn und Premierleutnants der badischen Leibgrenadiere Karl Friedrich Christian Ludwig Freiherrn von Drais und Sauerbronn.
W. S.
Weihnachtsgeschenke in alter Zeit.
Weihnachten ist bei uns das große Fest des Schenkens. Die Sitte des Schenkens ist uralt. Begann doch früher, bis ins 16. Jahrhundert hinein, bei uns mit dem Weihnachtsfest das neue Jahr, und das Weihnachtsgeschenk ist in Anlehnung an. das altrömische Neujahrsgeschenk entstanden. Aus den Abgaben und naturalen Leistungen, die zum Jahreswechsel fällig waren, wurden allmählich freiwillige Gaben. So wird aus mittelalterlichen Klöstern berichtet, daß die Lehnsleute und Knechte zu Weihnachten ihr befiimmtes Geschenk bekamen, wie Geld, ein Paar Handschuhe, Lebkuchen und anderes. Um das Jahr 1400 schildert der Presbyter Alsso in einem für die Geschichte der Weihnachtsfeier wichtigen Schreiben die Sitte des Weihnachtsgeschenkes folgendermaßen: „Es ist der Brauch, daß die Leute am Abend der Geburt von Jesus sich wechselseitig
einen „Christabend" senden, und Zwar etwas Angenehmes, Wohlschmeckendes und süß Duftendes, Man hat dabei die Sitte, das übersandte Christ-' gescheut anzunehmen, dem Absender danken zu lassen, die Ueberbringer zu beschenken und den Schenkenden wieder durch andere Boten einen Christabend zu senden."
Bei allen diesen Geschenken handelt es sich aber nur um die Erwachsenen. Die Kinder gingen an, diesem Tage leer aus. Für sie war St. Nikolaus, der in der Nacht zum 6. Dezember umging, der Bringer der Gaben, noch früher auch der heilige Martin am 11. November. In beiden Festen verbergen sich wohl Lleberrefte eines alten heidnischen frübminterlimen Schlachtfestes, das von jeher ein Jubelfest der Kinder gewesen war. Beide wurden das ganze Mittelalter hindurch mit Umzügen vermummter Gestalten, die an die Kinder Gaben austeilen, begangen. Der Nikolaus hat sich ja im Süden und Westen Deutschlands in dieser Form ununterbrochen erhalten, in unserer Zeit schickt er sich sogar an, auch Norddeutschland, das ihm jahrhundertelang verloren gegangen war, zurückzuerobern, heute freilich nur noch als eine Art Vorläufer zum großen Gabenfest des Weihnachtsabends, nicht mehr als der eigentliche Festbringer.
Die Sitte, die Kinderbescherung vom Nikolaustag fort auf den Weihnachtsabend zu verlegen, tauchte unter dem Einfluß der Reformation auf.'.Das älteste Zeugnis über den Brauch der „Christbürden", der frühesten Form der weihnachtlichen Kinderbescherung, haben wir aus Straßburg vom Jahre 1568. Danach ist die Chrislbürde ein Bündel, in dem die Geschenke zusammengebunden sind, und das der „heilige Christ" selber bringt. Ueber den Inhalt dieser Bündel erzählt der Pfarrer Thomas Vinita in einer Weihnachtspredigt von 1571: „Die Kinderlein finden in ihren Bündlein gemeiniglich fünferlei Dinge: Erstlich Geld, viel ober wenig, je nachdem der Hauschrist vermag, doch lassen sich auch die armen Kinderlein an einem Pfennig oder Heller, in Aepfel gesteckt, genügen und sind guter Dinge darüber. Danach finden sich auch geniehliche Dinge, als Christstollen, Zucker, Pfefferkuchen und mancherlei Konfekt; daneben Aepfel, Birnen, Nuß und gar mancherlei dieser Art. Zum dritten finden sie ergötzliche und zu Freuden gehörige Dinge als Puppen und mancherlei Kinderwerk. Zum vierten finden sie nötige und zur Bekleidung und zur Zier des Lebens dienstliche Dinge, gar hübsche Kleiderlein von gutem Zeug und Seiden, Gold und Silber in redlicher Arbeit gefertigt. Zum letzten finden sie auch, was zu Lehre, Gehorsam, Zucht und Disziplin gehört, als ABC-Täflein, Bibeln und schone Bücher- lein, Schreib- und Federzeug, Papiere und die angebundene Christrute."


