Oer Arbeitseinsatz im Oktober.
lieber eine Million Beschäftigte im Landesarbeitsamtsbezirk Hessen. Nach wie vor ungedeckter Bedarf an Arbeitskräften.
Gtaatsarchivdirettor a. O.
Or. Fritz Herrmann f.
Am 17. November verstarb, wie gestern bereits kurz von uns gemeldet, der frühere Direktor des hessischen Staatsarchivs Dr.Herrmann kurz nach Vollendung seines 67. Lebensjahres: ein Leben im Dienste von Volk und Heimat, reich an Arbeit und an Erfolgen, hat nun seinen irdischen Abschluß gefunden.
F. Herrmann war in Guntersblum geboren, wuchs aber in Mainz, wo er auch das Gymnasium besuchte, auf. Er studierte in Gießen und Berlin, hier als Schüler harnacks, evangelische Theologie, schon damals besonders dem Gebiet der Geschichte zugewandt. 1897 trat er in den Pfa/rdienst ein, den er mit Ausnahme einer zweijährigen Tätigkeit als Repetent der theologischen Fakultät in Gießen bis 1903 ausübte: in diese Zeit fällt seine Promotion zum Lizentiaten. 1903 übernahm er den Religionsunterricht an der Vcktoriaschule und dem damaligen Lehrerinnenseminar in Darmstadt, bis er 1911 an das damalige Haus- und Staatsarchiv als Archivar berufen wurde und damit eine Wirkungsstätte fand, die seinen geschichtlichen Neigungen und Forschungen besonders entsprach; er hat ihm über 25 Jahre, davon über sieben Jahre als sein Leiter, angehört.
Der Beruf' des Archivars vereinigt praktisch zwei Gebiete, die sich sonst wenig zu berühren pflegen, nämlich die Verwaltung und die Geschichtsforschung. Zur Verwaltung allein gehört die eigentliche Amts- leitung, dann die Uebernahme der Behördenregistraturen, der umfangreiche Aktenverkehr mit allen Behörden des Landes, die Erteilung von Urkunden und noch so manches andere. Der geschichtliche Einschlag tritt schon stärker hervor bei der Gliederung und Ordnung der umfänglichen, vielgestaltigen Aktenbestände aus alter und neuer Zeit; hier findet die, Derwaltungskenntnis und -erfahrung ihre notwendige Hilfe in der Kenntnis der Vergangenheit des Londes in ihren verschiedenen Erscheinungsformen. °Jn der wissenschaftlichen Auswertung dieser Urkunden und Akten, chrer Nutzbarmackung für die Kenntnis der Vergangenheit einer Landschaft und ihrer Bewohner mit den Mitteln der methodischen Geschichtsforschung liegt nun die zweite große Aufgabe, die dem Archivar feit über 100 Jahren nicht nur eine amtliche Notwendigkeit, sondern ebensosehr ein persönliches Bedürfnis, wie eine Verpflichtung gegenüber der Volksgemeinschaft bedeutet, wenn anders er den Ehrentitel eines rechten Archivars überhaupt verdient.
Der Erfüllung all dieser Aufgaben hat sich F. Herr- mann mit dem ganzen Ernst und all der Treue, die ein Grundzug seines Wesens waren, gewidmet. Davon zeugt das Vertrauen, das er bei Vorgesetzten und Mitarbeitern in seltenem Maße genoß, davon zeugen die vielen Bände von Aktenverzeichnissen des Staatsarchivs, die Inventare der evangelischen Pfarrarchive und des Landesknehenarchivs, davon zeugt vor allem der Ertrag an wissenschaftlichen Ar- beiten; ein Ertrag nach Umfang und Wert, angesichts dessen nur sehr wenige Geschichtsforscher der engeren und der weiteren hessischen Heimat einen Vergleich nicht zu scheuen brauchen. Eine vor zwei Jahren erschienene Bibliographie seiner Arbeiten liefert den Beweis. So war die Verleihung der Würde eines Doktors der Theologie durch die theologische Fakultät der Lanüesuniversität im Jahre 1909 eine verdiente Auszeichnung.
Freilich ist Herrmanns Wirken damit noch nicht erschöpft. Viele stille, aber nicht weniger ersprieß- liche Arbeit leistete er in den geschichtlichen Körperschaften unseres Landes, besonders im Historischen Verein für Hessen, dessen Zeitschriften er von 1911 bis 1925 herausgegeben hat, in der historischen Kommission, im Denkmalrat und in sippenkund- lichen Vereinen, deren wichtige Aufgaben er schon seit Jahrzehnten besonders gefördert Hatte. Aber auch der evangelischen Landeskirche Hessens, die am Anfänge seines Lebensweges steht, ist er immer der zuverlässige Freund und Mitarbeiter geblieben und hat viele'Jahre lang im Rahmen ihrer damaligen Verfassung tätigen Anteil an ihrer Arbeit und ihrer Entwicklung, zum Teil an leitender Stelle, genommen. hatte so seine Lebensarbeit im Frieden der Heimat mit der Tat gegolten, so hat er auch die schwere Probe des Krieges als ein rechter Deut- scher bestanden: Freiwillig ist er zur Front gegan-
LPD. Die Pressestelle des Landesarbeitsamts Hessen teilt mit: .
Trotz der vorgeschrittenen Jahreszeit hielt sich die Beschäftigung im Oktober auf der Höhe des Vvr- monats. Insgesamt waren am Monatsende im Bezirk des Landesarbeitsamts Hessen nach dem vorläufigen Ergebnis 1033000 Arbeiter und Angestellte beschäftigt (gegenüber Ende September: 4-2000). Der leichte Rückgang der Beschäftigung während der letzten Wtonate (Juli bis September: —16000 oder 1,5 v. H.), der im wesentlichen durch den Einsatz von bisher beschäftigten Arbeitskräften bei auswärtigen, vordringlichen Arbeiten bedingt war, ist damit zum Stillstand gekommen.
Die immer weitergeheudc Einschaltung von Frauen in gewerbliche Arbeit half auch im Berichtsmonat den ungewöhnlich starken Mangel an männlichen Arbeitskräften mUdern. Insgesamt sind im Laufe des letzten halben Jahres (April bis Oktober) rund 17000 weibliche Arbeitskräfte zusätzlich in Arbeit gekom- men, während die Zahl der männlichen Be- schäftigten in der gleichen Zeit unter Berücksichtigung von rund 8600 Arbeitskräften, die seit dem Sommer d. I. aus organisatorischen Gründen von anderen LandeSarbeitSämteru statistisch erfaßt werden, um 7000 zuuahm. Trotzdem besteht nach wie vor ein großer uuge- deckter Bedarf an männlichen, wie auch an weiblichen Kräften, der in zahlreichen Wirtschaftszweigen den Fortgang der Arbeiten erschwert. Die gegenwärtige Beschäftigtenzahl von 1033000, die den Bestand des Vorjahres um rund 51000 und den seinerzeitigen Höchst- stand deS Jahres 1929 bereits um rund 63000, ebenfalls unter Berücksichtigung der 8600 Arbeitskräfte, die von andern LoudeSarbeits- ämtern statistisch erfaßt werden, überschreitet, reicht nicht mehr zur Bewältigung der großen ProduktionSaufgaben aus, die nunmehr auch im LandeSarbeitSamtSbezirk Hessen, und zwar auch in seinem südlichen Teile, anfallen.
Die Arbeitsämter sind daher bestrebt, durch den Einsatz aller irgendwie noch arbeitsfähigen Kräfte aus dem restlichen Arbeitslosenbestand und durch Heranziehung bisher nicht erwerbstätiger Volksgenossen, insbesondere Frauen, zusätzliche Reserven zu erschließen.
Eine jahreszeitliche Abschwächung der Beschäftigung ist bisher — abgesehen vom Gast- und Schankwirtschaftsgewerbe — in kaum einem Wirtschaftszweig eingetreten. Tie Landwirtschaft hatte wegen der im Gange befindlichen Hackfruchternte nochmals einen hohen Kräftebedarf; die Erntearbeiten wurden durch den Einsatz von zahlreichen Erntehelfern erleichtert. In der Forstwirtschaft, die bereits mit dem Holzeinschlag begonnen hatte, fehlte es vielfach an Arbeitskräften. Die Rückführung der sudetendeutschen Flüchtlinge, die bisher beim Bau der Reichsautobahn und ähnlichen Arbeiten beschäftigt waren, hat den Mangel an Tiefbau- und Erdarbeitern weiter ver-
gen, trotz seiner Jahre; erst eine Verwundung führte ihn 1918 in die Heimat zurück.
Die Zeit des Ruhestandes sollte dem Abschluß seines größten wissenschaftlichen Werkes, der Bearbeitung^ der Mainzer Domkapitelsprvtokolle, deren dritter Band er schon vor Jahren veröffentlicht hatte, gewidmet sein; niemand hätte so wie er aus der Fülle heraus, wie sie eben nur eine fast vierzigjährige eindringende Beschäftigung mit dem Gegenstände verlechen kann, diesen vielgestaltigen und spröden Stoff zu meistern vermocht. Hier hat erst der Tod dem Verewigten die Feder aus der fleißigen Hand genommen; doch hat er, -bereits schwer erkrankt, den Abschluß des ersten Bandes noch erreichen können.
Ein Herzleiden hat dann in verhältnismäßig kurzer Zeit zum Tode geführt. Die Beisetzung hat auf seinen ausdrücklichen Wunsch in der Stille stattgefunden. Doch soll dieser Tag nicht vorübergehen,
schärft. Auch im Metallgewerbe ist das Fehlen von Fach- und Hilfsarbeitern nach wie vor stark spürbar.
Hinzu kommt, daß iu den kommenden Monaten im Bezirk deS LandcSarbeitSamles Hessen mehrere große Arbeitsvorhaben in Angriff genommen werden, für deren Durchführung viele tausend Arbeitskräfte aus verschiedenen Berufen notwendig sind; ihre Gestellung wird nach, den bisherigen Erfahrungen nur unter Schwierigkeiten möglich sein.
Die leichte Zunahme der Arbeitslosenzahl, die die Statistik für Ende Oktober ausweist (s- 2000), ist im wesentlichen auf die Neumeldung von Arbeitsmännern und Soldaten zurückzuführen, die sich gegen Ende des Monats nach Ableistung ihres Dienstes bei den Arbeitsämtern zur Vermittlung meldeten; der weitaus größte Teil dieser jungen, voll einsatzfähigen Kräfte ist bereits in den ersten Tagen, des Monats November in Arbeit vermittelt worden. Der Gesamtbestand an Arbeitslosen betrug am Monatsende 12119 (7760 Männer, 4359 Frauen). Die Zahl liegt um rund 25000 oder um 67 v. H. unter der Höhe des Vorjahres. Von den noch gemeldeten Arbeitslosen sind nahezu 5000 nicht voll einsatzfähig und nur 2200 für den Einsatz in örtlicher und auswärtiger Arbeit voll geeignet. Letztere sind zudem fast ausschließlich fluktuierende Kräfte, die nur am Tage der Zählung vorübergehend wegen Stellenwechsels ohne Beschäftigung waren.
Da der Rest der Arbeitslosen nur noch in ganz geringem Umfang für die Aufnahme von Arbeit in Betracht kommt, muß die Bermittlungs- tätigkeit sich vorwiegend auf die Volksgenossen stützen, die ihre Arbeit beendet haben, oder sich neu zur Aufnahme von Arbeit melden (bisher nicht Erwerbstätige, mithelfende Familienangehörige oder Selbständige).
Die Zahl der Zu- und Abgänge von Arbeitsgesuchen übersteigt daher seit dem Sommer d. I. erstmalig den Bestand an gemeldeten Arbeitssuchenden (Monatsbeginn oder -ende). Im Oktober wurden bei einem Anfangsbestand von rund 16000 Arbeitsgesuchen rund 31000 Zugänge und 27000 Abgänge von Arbcitsgesuchen gezählt. Etwa 30000 Arbeitskräfte befanden sich demnach in diesem Monat bei den Vermittlungsstellen der Arbeitsämter in Fluktuation. Von ihnen wurden durch die Dienststellen der Reichsanstalt rund 22000 in Dauerarbeitsstellen vermittelt und etwa 2400 auf Grund von namentlichen Anforderungen für Dauerbeschäftigung zugewiesen. Insgesamt konnten — unter Berücksichtigung des zwischenbezirklichen Ausgleichs — rund 90 v. H. der abgehenden Arbeitsgesuche durch Zuweisung von Dauararbeitsstellen erledigt werden.
Die Zahl der von der Reichsanstalt unterstützten Vollsgenossen betrug Ende Oktober 4429. Bei Notstandsarbeiten waren nur noch 166 Arbeiter beschäftigt.
ohne daß auch in der Oeffentlich dieses verdienten Mannes und ausgezeichneten Charakters gedacht wird. Er wird dem großen Kreise seiner Freunde und Verehrer unvergeßlich bleiben. L. Clemm.
WHW.-Briefmarken der Ostmark.
NSG. Auch in diesem Jahre werden von der Deutschen Reichspost wieder WHW.-Briefmarken hcrausgegeben, die, dazu beitragen sollen, die Schlacht gegen Hunger und Kälte in diesem Winter erfolgreich zu schlagen. In den vergangenen Jahren hatten die Winterhilfsmarken immer großen Anklang gefunden. In ihrer Schönheit reizten sie vor allem auch den Briefmarkensammler zum Kauf. Zu den 1936 und 1937 ausgegebenen Serien „Bauten des Führers" und „Schiffsbriefmarken" reihen sich in diesem Jahre die WHW.-Briefmarlen von der Ostmark. Sie werden wieder von den Volksge
nossen sehr begehrt sein. Entworfen wurden sie von dem Berliner Künstler Axster-Heudllaß.
Gießener Docheumarktpreife.
* Gießen, 22. Nov. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Markenbutter, % kg 1,60 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 9, (Eier, ausländische Kühlhauseier 12, Wirsing, Vi kg 6 bis 9 Pf., 50 kg 5 bis 6 Mark, Weißkraut, % kg 4 bis 7 Pf., 50 kg 4 Mark, Rotkraut, kg 7 bis 8 Pf., 50 kg 5 bis 7 Mark, gelbe Rüben, % kg 10 Pf., rote Rüben 10, Spinat 15 bis 18, Unterkohlrabi 6 bis 10, Grünkohl 15, Rosenkohl 15 bis 35, Feldsalat, 1ly> 8 bis 10, Tomaten, kg 30 bis 35, Zwiebeln 10 bis 15, Meerrettich 35 bis 60, Schwarzwurzeln 25'bis 35, Kürbis 8 bis 9, Kartoffeln, % kg 4 Pf„ 5 kg 40 Pf., 50 kg 3 bis 3,45 Mark, Aepfel, N kg 28 bis 45 .Pf., junge Hähne 1 bis 1,20 Mark, Suppenhühner 90 Pf. bis 1 Mark, Gänse 1,10 bis 1,20 Mark, Nüsse 50 Pf., Blumenkohl, das Stück 10 bis 50, Salat 5 bis 10, Endivien 5 bis 10, Oberkohlrabi 5 bis 10, Lauch 5 bis 10, Sellerie 10 bis 35, Rettich 10 bis 20, Radieschen, das Bündel 10 bis 12 Pf.
Aus der engeren Heimat.
DerkehrSunfall in Klein-Linden.
Am gestrigen Montagnachmittag ereignete sich in Klein-Linden ein Verkehrsunfall, der zum Glück noch glimpflich verlief. In der Hauptstraße kamen sich ein Lastkraftwagen mit Anhänger aus Fellingshausen und ein anderer Lastzug an einer Stelle entgegen, an der ein Personenkraftwagen stand. Um einen Zusammenstoß zu vermeiden, bremste der Lenker des Lastzuges aus Fellingshausen seine Fahrzeuge, jedoch kamen diese auf der durch Regen und Erde von Bauarbeiten schmierig gewordenen Straße ins Rutschen. Dabei stieß der Lastzug gegen den parkenden Personenkraftwagen, der gegen einen Baum gedrückt und erheblich beschädigt wurde. Zum Glück trugen Menschen bei dem Zusammenstoß keinen Schaden davon.
Krieger-Ehrenmal für Allendorf(Lahn)
# Allendo rf (2ahn), 21.Nov. Gemeindeverwaltung und Hess. Hochbauamt haben in diesen Tagen die Vorarbeiten für die Schaffung eines Kriegerehrenmals für die im Weltkriege gefallenen Söhne unserer Gemeinde in Angriff genommen. Das Kriegerehrenmal erhält auf dem freien Platz in der Nähe der Kirche und vor dem Rathaus einen würdigen Platz. Das Ehrenmal wird sich nach Art und Form der Umgebung gut anpaffen. Es soll auf eine Terrasse zu stehen kommen, die in der Form einer kleinen gärtnerischen Anlage geschaffen wird. Die Finanzierung des Ehrenmals wird durch freiwillige Spenden der Ortseinwohnerschaft ermöglicht. Die Gemeindekafse wird keinerlei Belastung erfayren. Das Denkmal soll im Frühjahr nächsten Jahres gesetzt werden.
Skatwettspiele in Weilburg.
* Weilburg, 21.Nov. Zum ersten Male finden am 26. und 27. November, sowie am 3. und 4. Dezember in Weilburg zwecks Werbung für den deutschen Einheitsskat allgemeine Skatwettr spiele statt. Für die Wettspiele liegt die „Neue oeutsche Skatordnung" zugrunde. An diesem Preis» kat sollen nicht nur die besonders guten Spieler teilnehmen, vielmehr kann sich auch ein mittelmäßiger Spieler bei etwas Glück beteiligen. Der Wettkamps soll erneut beweisen, daß der Skat ein Spiel ist, das als Mittel der Entspannung nach des Tages Mühe seine Existenzberechtigung hat und immer haben wird.
Landkreis Gießen
* Alten-Buseck, 21. Nov. Arn Samstag fand im Saale der Gastwirtschaft von Rabenau eine gut- besuchte Sänger-Versammlung statt. Zweck der Versammlung war, einem Zusammenschluß des Gesangvereins „Sängervereinigung" Alten-Buseck mit den Mitgliedern des im Jahre 1933 aufgelösten Arbeiter-Gesangvereins „Germania" die Wege zu ebnen und die Vereinigung der Länger möglichst noch in dieser Versammlung zustande zu bringen. Ortsgruppenleiter Bürgermeister Kahl und der Sängerkreisführer des Sängerkreises Gießen, Mül-
Ein Tag in Marseille.
23 on Dr. Irih Jeffel.
Ein junger Morgen bricht an. Herrlich leuchtend geht die Sonne im Osten auf und wirft ihre ersten Strahlen auf die kahlen Berge der südfranzösischen Küste. Wir haben Kurs nach Westen. Nach geraumer Zeit taucht ein Berg auf, dessen Spitze eine Kirche krönt, auf der weithin leuchtend ein vergoldetes Standbild der Mutter Gottes steht. Wir wissen, in einer halben Stunde werden wir im Hafen von Marseille sein. Majestätisch gleitet unser Schiss über das leicht bewegte Wasser, dreht bei und fährt in die große halbkreisförmige Bucht ein, an deren Ende Marseille sich ausdehnt. Berge umgeben die Stadt und schützen sie vor gefährlichen Winden. Nur wenige Bäume schmücken die Anhöhen. Es ist ein idealer Hafenplatz. Malerisch liegen die ausgedehnten Hafenanlagen vor uns. Am westlichen Ende ist die Einfahrt. Eine langgestreckte Mole schützt den getarnten Hafen vor den Wellen des Mittelländischen Meeres. Der Lotse kommt an Bord und führt uns den sicheren Weg. Unmittelbar am Hafen ragt die im romanisch-byzantinischen Stil erbaute Kathedrale auf. Eine gewaltige Brücke, welche die Hafenanlagen miteinander verbindet, wird aufgezogen und gewährt uns freie Durchfahrt. Eine ungeheure Anzahl von grvßen Schiffen, an denen wir vorüberfahren, deutet auf die Wichtigkeit des Hafens hin. Ueberall regt sich schon das Leben, als wir endlich unseren Ankerplatz erreicht haben. Nachdem die französische Polizei an Bord gekommen ist, können mir an Land gehen. Begierig sind wir alle, diese Stadt, die schon aus der Ferne einen so imposanten Eindruck gemacht hatte, genauer kennenzulernen. Zunächst sei es jedoch gestattet, einen kurzen geschichtlichen Ueberblick über die Geschicke der Stadt zu geben.
Als die Ionier im 7. Jahrhundert v. Ehr. ihre gewaltigen Kolonisationszüge unternahmen, wagten sie sich um 600 auch bis nach Gallien vor. Sie gründeten aber nicht, wie es uns heute vielleicht naheliegend scheinen möchte, im Delta der Rhone eine Kolonie, sondern sie zogen eine östlich gelegene Bucht vor. Massilia war der Name, den die Gründung am Anfang trug. Sehr schnell wuchs die Kolonie infolge ihrer günstigen Lage am Meer und als Ausfuhrzentrum für das gesamte gallische Gebiet. Auch das ganze westliche Mittelmeerbecken konnte von hier aus beherrscht werden. Kühne Seefahrer und Forscher brachte die Stadt hervor, die im Norden bis an die Ostsee und im Süden bis nach Senegal vordrangen. Hier wuchs ein Geschlecht heran, das den griechischen Wegbereitern in keiner Weise nachstehen wollte. In
dem politischen und wirtschaftlichen Kampf zwischen den schärfsten Widersachern des Altertums, Rom und Karthago, ergriffen die Massilianer instinktiv die Partei ihrer Rassebrüder, der Römer, und sind stets mehr oder weniger ihre treuen Bundesgenossen geblieben. Massilia war längst nicht mehr das „gallische Athen", als Südgallien am Ende des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts dem Römischen Reich als Provinz eingegliedert wurde. Als Roms Macht und Pracht in der spätkaiserlichen Zeit dahingesunken war, als die germanischen Volksstämme ihre siegreichen Fahrten durch ganz Europa antraten, da mußte Marseille sich oft den neuen Machthabern unterwerfen. Eine größere Nolle spielte Marseille erst wieder im Zeitalter der Kreuzzüge, als sich viele Ritter hier einschifften. Ein Heer von provenzalischen Rittern lagerte dort, um auf günstigen Wind für die Fahrt nach dem Orient zu warten. Der größte und bleibende Vorteil der Kreuzzüge war die wirtschaftliche Verbindung mit dem Orient. Marseille blühte wieder auf, weil es, wenn auch im Schatten Venedigs und Genuas, ein wichtiger Umschlagshafen der orientalischen Waren wurde. 1481 wurde die Provence und damit auch die „königliche Stadt" Marseille dem französischen Königreich einverleibt.
Nach wechselvollen Schicksalen begann dann im Anfang des vorigen Jahrhunderts die großzügige Entwicklung des modernen Marseille. Die Einwohnerzahl stieg gewaltig. Je größer das Kolonialgebiet Frankreichs im Norden Afrikas wurde, desto mehr wuchs der Handel nach den jungen Kolonien.
Das alles erfahren wir aus dem Munde eines Bewohners dieser Hafenstadt. Wir gehen die langgestreckte Straße entlang, die durch den ganzen Hafen führt. Nicht immer begegnet uns der schönste Geruch. Gewaltige Docks und riesige Schuppen sieht man liegen. Ueberall wird kräftig gearbeitet. Unser erster Besuch gilt dem alten Hafen. Er sieht aus wie ein Meeresausläufer, der tief in das besiedelte Land ein- gedrungen ist. Eine gewaltige Schwebebrücke verbindet die beiden Ufer. In diesem alten Hafen herrscht an allen drei Seiten ein reges Leben. Hier haben nur kleinere Schisse Platz. Größere und kleinere Motorboote sowie Segelschiffe liegen in zahlloser Menge am Ufer und an den Stegen. In der aufdringlichen Form der Südländer bieten sich die Schiffsbesitzer an, die Gäste nach den nahe gelegenen Ausflugsorten zu fahren. An dem lebhaften Verkehr auf den Uferstraßen erkennt man, daß hier das Herz der weit ausgedehnten Stadt ist mit ihren 800 000 Einwohnern. Ein Lokal reiht sich an das andere. Tische und Stühle stehen davor und laden zu einem kurzen Aufenthalt ein. In den Cafss sitzen viele Menschen, jchauen auf den Betrieb im Hasen und
diskutieren über die politischen Ereignisse sowie über die Warenpreise. Zahlreiche Stände gewahrt man, wo Muscheln, Seeigel und andere Seeprodukte feil- gehalten werden.
Nach diesem ersten Eindruck zieht es uns zu der eigenartigen Kirche St. Victor. Sie hat mit ihren Zinnen auf den dicken Mauern mehr das Aussehen einer Festung. Bereits im 11. Jahrhundert wurde sie erbaut auf den Katakomben der ersten Christen. In derselben Richtung auf einem Berge liegt die bereits vorn Meere sichtbare Kirche Notre Dame. Sie scheint den Seefahrern und Piloten geweiht zu sein, denn im Innern bemerkt man, daß aus Dankbarkeit für Errettung aus Not und Gefahr kleine Flugzeuge und Schiffe frei schwebend aufgehängt sind. Die Kirche hat einen Seitenvaum, in welchem viele Besucher eine brennende Kerze abgeben, die dort aufgestellt wird. So befindet sich dort ständig ein Lichtermeer brennender Kerzen. Ueberraschend ist die großartige Aussicht, die man von diesem Berge hat. Er beherrscht die ganze Stadt und gibt uns erst eine richtige Vorstellung von ihrer wahren Größe.
Wir steigen wieder hinab in das laut tönende Alltagsleben, in das Gewirr der rasenden Autos. Wir wenden uns dem Börsenplatz zu, um dort Kaffee zu' trinken. Hier, unmittelbar beim alten Hafen, ist die Abfahrtsstelle aller Autobusse. Ein Gast erzählt uns von dem gewaltigen Aufblühen Marseilles, seit der Kanal nach der Rhone gebaut ist. Vor seinem Bau mußten die Schifte, welche diesen Fluß hinabkommen, noch ein Stück ostwärts an der ungeschützten Küste entlang fahren, um in den großen Hafen zu gelangen. Jetzt ist für einen sicheren Wasserweg gesorgt, den auch größere Schiffe befahren können. Seit der Erbauung dieses Kanals hat der Verkehr im Hafen von Marseille gewaltig zugenommen. Man beabsichtigt, noch gewaltige Projekte an diesem Kanal durchzuführen. Vorerst dürfte aber noch das nötige Geld fehlen, meint der Franzose.
Als der Abend hereinbricht, kehren wir aufs Schift zurück. Marseille hat auf uns den Eindruck einer lebhaften, doch keineswegs strahlenden Hafenstadt gemacht. Ausgeprägter und schöner ist das Antlitz anderer großer Hafenstädte, wie etwa Hamburg, Bremen, Antwerpen oder Vendig, die ebenfalls auf eine wandelreiche Geschichte zurückblicken können.
Hochschulnachrichten.
Dem Studienrat und Dozenten Dr. phil. habiL Richard K i e n a st ist unter Ernennung zum ordentlichen Professor der Lehrstuhl für Deutsche Philologie an der Universität Heidelberg übertragen worden. - —
Heringe mit Hausnummern.
Wissenschaft und Technik sind in den letzten Jahren treue Bundesgenossen der Fischerei geworden. Mit wissenschaftlichen Beobachtungsmethoden hat man systematisch die Fanggründe erforscht, hat festgestellt, welche Wege die einzelnen Fischarten beoonugen, hat akustische Apparate konstruiert, um das Auftreten von Fischschwärmen einwandfrei auszumachen. Das amerikanische Bureau of Fisheries ist jetzt einen neuen Weg gegangen, um zu einwandfreien Feststellungen zu gelangen.
Die Kennzeichnung der Heringe kann natürlich nur in einer Weise erfolgen, die den Hering in seiner Lebensweise nicht behindert. Deshalb wird der Fisch mit einem ganx dünnen, besonders präparierten Eisen Plättchen gekennzeichnet, das eine Kennzahl aufweist, und dann wieder ins Meer ausgesetzt. Wird ein gekennzeichneter Hering dann später einmal gefangen, so kann man auf Grund feiner Kennummer feftfteuen, welchen Weg er genommen hat und welchen Fischgrund er besonders bevorzugt. Leider begegnete es aber bisher großen, fast unüberwindlichen Schwierigkeiten, aus der Unmenge von Heringen, die im Schlepp- oder Treibnetz aus dem Meer gezogen werden, gerade die gekennzeichneten Heringe herauszuflnden. Das Institut hat deshalb einen ganz modernen Weg der Entladung der Heringslogger eingeschlagen, auf dem einwandfrei alle gekennzeichneten Heringe ausgesondert werden.
Man hat nämlich in den amerikanischen Fischereihäfen das „laufende Band" für die Entladung der Heringslogger eingeführt, dieses aber mit Zusatzgeräten ausgestattet, die den Maschinenantrreb in dem Augenblick außer Betrieb setzen, in dem ein markierter Hering vorüberrutscht. Um das zu erreichen, schickt man durch eine Drahtspule einen elektrischen Gleichstrom, der in der Spule ein magnetisches Feld entstehen läßt, das dann gestört wird, wenn ein magnetisierbarer Körper in dieses magnetische Feld hineingelangt. Gerät also ein auf dem Kaufenden Band" vorbeigleitender mit einem Eisenplättchen gekennzeichneter Hering in dieses magnetische Feld, so ruft er eine Störung hervor, die dann auf elektrischem Wege ein Relais betätigt und so das „laufende Band" stillegt. Der Kontroll- beamte kann dann den gekennzeichneten Hering ohne weiteres auffinden, bte Kennmarke entfernen und an das Bureau of Fisheries zurückschicken, das damit in die Lage versetzt wird, die richtiges Schlüffe auf .Wanderung und Aufenthalt der Herings zu ziehen. M-Ko.


