Ausgabe 
22.9.1938
 
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Helfi sudetendeuische Not bannen?

Aus der (Stabt Gießen

Herbstanfang.

21m morgigen September, um 18 Uhr, nimmt für. uns Bewohner der nördlichen Halbkugel der Herbst seinen astronomischen Anfang. Der Kalender ver­zeichnet an diesem Tage den Uebertritt der Sonne aus dem Zeichen der Jungfrau in das der Waage. Mit den gleichlautenden Tierkreissternbildern stim­men allerdings die Kalenderzeichen heute nicht mehr überein. Durch die Wirkung der Präzession, des Dorrückens der Sterne gegen die Ordnung der Zei­chen um jährlich 50,26 Bogensekunden, hat sich der Herbstpunkt, in dem die Sonne zur angegebe­nen Zeit steht, ebenso wie der Frühlingspunkt seit der Entdeckung der Präzession durch den griechischen Astronomen Hipparch um 200 v. Ehr. bereits um die volle Breite eines Tierkreisbildes rückwärts, nach Westen, verlagert und befindet sich gegenwärtig schon im westlichen Teil der Jungfrau.

Während so der astronomische Anfang des Herb­stes feststeht, schwankt das Volk in den Angaben über den Begiirn dieser Jahreszeit. Wenn die Ernte eingebracht ist, der Wind über die Stoppelfelder weht, dannherbstet" es schon. So gilt vielfach be­reits der Bartholomäus-Tag, der 24. August, als Herbstanfang. Häufiger finden sich aber Daten, töte der 1. September oder der 8. September oder der Tag, der das ganze Mittelalter -hindurch und bis in 'die neueste Zeit hinein im öffentlichen Leben eine bedeutende Rolle spielte, der Michaels^Tag am 29. September. Tacitus berichtet von den Germanen, daß sie ein eigenes Wort für den Herbst nicht kannten. Die Bezeichnung, die die Zeit bedeutet, in der die Früchte reif sind, taucht erst später auf, und als Herbstmonat wird der September angegeben. In dieser Jahreszeit erlebt das Volk jenen Umschwung der Witterung, der es mit ahnungsvollem Schau­der erfüllt. Daher ist der Herbst bei allen Völkern die Gersterzeit, in der man sich besonders vor Dä­monen hüten muß. Neben dem Kult d?r Frucht­barkeit, der durch die Ernte bedingt ist, dienen da­her die meisten Herbstfeste der Abwehr feindlicher Mächte. Die Germanen begingen im Herbst ein Fest zu Ehren der Tanfana, die wahrscheinlich eine Ernte­göttin war. Damit mag wohl die Feier der Jahres­wende verbunden gewesen sein, denn bei den alten Deutschen begann das Jahr mit dem 1. Oktober. Das überzählige Vieh, das vor Einbruch des Winters geschlachtet werden mußte, gab Anlaß zu Opfer­festen. Bei den altdeutschen Gemeindeversammlung gen, die im Herbst begangen wurden, zündete man schon in uralter Zeit Herbstfeuer an, die die bösen Dämonen vertreiben und die Felder für das nächste Jahr fruchtbar machen sollten.

In den Weinländern gipfelte der herbstliche Brauch in dem Weinlesefest, das sich auch in Deutschland bald nach der Einführung des Wein­baues durch die Römer eingebürgert und mit noch älterem deutschen Brauch verbunden haben mag. Früh finden wir die Sitte des Herbstfeuers mit dem Winzerfest verknüpft. Singende Knaben zogen mit Fackeln in geordnetem Zuge zur Nachtzeit umher undleuchteten den Herbst aus". Dieses Herbstaus­leuchten" findet sich noch heute tn manchen Gegen­den Süddeutschlands und der Untersteiermark. Das festliche Herbstmahl, die Krönung einer Herbstköni­gin, zu der das Mädchen erwählt wird, das die letzte Traube schneidet, das Aufstecken eines Herbstmaies, eines mit Blumen und Bändern geschmückten Bäum­chens, das alles sind Züge, die auf alten germani­schen Fruchtbarkeitskult Hinweisen. Geheimnisvolle Gestalten geistern dabei bisweilen umher, so die elsässischenHerbstschmudeln", die an die Dämonen antiker Erntefeste gemahnen, so am Rhein die Herbstnarren, die ihr ausgelassenes Wesen treiben. Der Herbst ist eben der Anbruch einer gefürchteten Geisterzeit, in der sich Irrlichter sehen lassen und in stürmischen Nächten die wilde Jagd dahintobt. Sogar der gewaltigste Heilige des deutschen Mittel­alters, dessen Fest im Jahre 813 auf den 29. Sep­tember festgesetzt wurde, der heilige Michael, trägt deutliche Züge von Wodan.

In der Volksmedizin ist der Herbst ebenso wie der Frühling als Uebergangszeit gefürchtet, denn er nimmt die Kranken mit". Anderseits ist er die beste Zeit, um Heilmittel einzusammeln. Jetzt halten die Wurzel- und Kräuterweiblein in Wald- und Feld

Tausende aus dem sudetendeulschen Gebiet ge­flüchtete deutsche Volksgenossen stehen ohne hab und Gut bereits im deutschen Reichsgebiet. Erneute große Aufgaben erwachsen der RS.'Volkswohlfahrt durch bk Betreuung der sudetendeutschen Flücht­linge.

Die deutsche Volksgemeinschaft muß daher die erforderlichen Mittel in selbstverständlicher Pflicht­erfüllung sofort ausbringen. Opfert daher alle für dieses erneute große nationalsozialistische Hilfswerk echter Tatge meinschaft!

NSG. Der Arbeitsdienst für die weibliche Jugend baut auf. 1936 standen 10 000 Mäd­chen unter seiner Fahne, im vergangenen Jahr waren es 25 000, in diesem Jahr sind es 30 000, im kommenden Jahr werden 50 000, und binnen kurzem alle deutschen Mädchen für ein halbes Jahr im Arbeits­dienst Dienst für die deutsche Nation tun.

Diese Vergrößerung des Arbeitsdienstes bedeutet gleichzeitig -einen umfassenden organisatorischen Ausbau, eine Vergrößerung und Erweiterung der Dienststellen, der Bezirksleitungen, Gruppenleitun­gen und Schulen des Reichsarbeitsdienstes. In diesen Dienststellen arbeiten Führerinnen, die die Tätigkeit im Arbeitsdienst als Lebensberuf erwählten und sorgfältig ausgebildet ihr fachliches Können in den Dienst des Ausbaues derSchule der Nation" stellen.

Auch für alle Mädel, die eine gute hauswirtschaft­liche, oder hauswirtschaftlich'-landwirtschaftliche Aus­bildung haben, ist im weiblichen Arbeitsdienst die Möglichkeit führender Mitarbeit gegeben. In jedem der 700 Lager des Arbeitsdienstes für die weibliche Jugend, die es heute schon gibt, ist eine der Lager­gehilfinnen als Wirtschaftsgehilfin eingesetzt. Sie hat den Küchenbetrieb zu überwachen, die Arbeits­maiden, die zum Küchendienst eingestellt sind, an­zulernen, und für gute und pünktliche Mahlzeiten Sorge zu tragen. Ihr unterstehen die Waschküche, die Plättkammer, die Reinigung des Lagers und all- seiner Räume. Auch der Garten, den fast jedes Lager hat, gehört zu ihrem Aufgabenkreis. So hat sie die Arbeitsmaiden, die täglich in diesen Jnnen- betrieben des Lagers angesetzt sind, anzuleiten und für ihre hauswirtschaftliche Ausbildung zu sorgen, damit sie bei ihrem späteren Einsatz in den Fa­milien richtig mithelfen und die Frau auch tatsäch­lich entlasten können. Sie ist Führerin und steht im Rang einer Gehilfin, äußerlich kenntlich durch eine braun-silberne Schnur am Kragen der Tracht. Sie erhält auch das Gehilfinnengehalt, das zwischen 50 und 120 RM. bei freier Verpflegung, Unterkunft und Dienstkleidung liegt.

Selbstverständlich ist es, daß für ein so wichtiges und großes Aufgabengebiet auch estre gründliche und sorgfältige Ausbildung verlangt wird. Als Aus­bildung roitf) anerkannt der Besuch einer staatlich anerkannten Frauen- oder Haushaltungsschule, einer BDM.-Haushaltungsschule oder einer Landfrauen­schule.' Hat die Fül)reranwärterin diese Vorbildung noch nicht, so kann sie während der Arbeitsdienstzeit dazu beurlaubt werden. Viele Führeranwärterinnen werden diese Ausbildung aber bereits in den Ar-

Spenden nehmen alle Dienststellen der RZV. ent­gegen, insbesondere die Konten der Gauamts- teitung:

Postscheckkonto Frankfurt a. 21t 23 000,

Girokonto 6800 bei der Bank der deutschen Ar­beit Frankfurt a. IN..

Girokonto 7300 bei der Städtischen Sparkasse Darmstadt

beitsbienft mitbringen. Dann verkürzt sich ihr Aus­bildungsgang zur Führerin im Reichsarbeitsdienst wesentlich. Sie treten als Arbeitsrnaid für em hal­bes Jahr in den Arbeitsdienst ein, um während dieser Probezeit zu beweisen, daß sie für ihre spä­tere Tätigkeit die selbstverständlichen politischen und charakterlichen Voraussetzungen mitbringen. Hat sich die Führeranwärterin als geeignet bewiesen, so wird sie nach einigen Monaten zur Kameradschaftsältesten ernannt und oft gleichzeitig in ein anderes Lager versetzt, um ihren Erlebniskreis zu erweitern. Als Kameradschaftsälteste bekommt sie em tägliches Taschengeld von 0,40 RM. bei freier Unterkunft, Verpflegung und Dienstkleidung. Ist sie tüchtig, kann sie sehr bald zur außerplanmäßigen Gehilfin mit 0,80 RM. Taschengeld pro Tag ernannt werden, später erfolgt ihre Ernennung zur planmäßigen Gehilfin. Im allgemeinen wird sie aber noch vor dieser Ernennung zu einem Lehrgang einer Lager­schule des Arbeitsdienstes für die weibliche Jugend einberufen werden, um sich dort die notwendigen allgemeinen und pädagogischen Kenntnisse anzueig­nen. Nach Abschluß des .Lehrgangs wird sie dann mit den Aufgaben einer Wirtschaftsgehilfin im Lager betraut und erhält ein selbständiges und verant­wortliches Aufgabengebiet.

Die Wirtschaftsgehilfin hat, wenn sie sich in dieser Arbeit bewährt, noch weitere Aufstiegmöglichkeiten. Sie kann als Lehrkraft an eine der Schulen des Reichsarbeitsdienstes versetzt werden, wo ihr die Ausgabe anvertraut ist, selbst Führeranwärterin­nen auf hauswirtschaftlichem Gebiet zu schulen und zu erzichen. Als solche erhält sie ein Gehalt von 80 RM. bis 150 RM. und steht im Range einer Lagerführerin. Sie kann auch als Sachbearbeiterin für hauswirtschaftliche Erziehung an einem der Be­zirke des Reichsarbeitsdienstes eingesetzt werden, wo sie nach dem TOA.-Tarif, Gruppe VI und V bezahlt wird.

Die Stellung als Wirtschaftsgehilfin kann das Ziel und die Endstellung einer Führerin im Ar­beitsdienst ebenso gut sein, wie beispielsweise die der Verwalterin. Die Aufstiegsmöglichkeiten zur Lagerführerin und zur späteren Führerin in höheren Dienststellen sind aber keineswegs ausgeschlossen, sondern sichen jedem tüchtigen und seiner Persön­lichkeit nach geeignetem Mädel offen.

An welcher Stelle die Führerinnen des Arbeits­dienstes auch stehen, ob sie die Leibeserziehunader Arbeitsmaiden betreuen, oder den staatspolitischen Unterricht, oder als Wirtschaftsgehilfin die haus- wirtschaftliche Erziehung leiten, sie alle arbeitep an einem nationalsozialistischen Aufbauwerk mit, das die besten Kräfte der Nation braucht.

Wessel-Wall, In Löbershos, Johannesstraße, Kap- lansgasse, Katharinengasse, Kleine Mühlgasse, Korn« blumengasse.

Freitag, 2 3. September, von 9 dir 12 Uhr: Kreüzplatz, Löberstraße, Löwengasse. Lonystraße, Ludwigstraße, Mäusburg, Maigasse, Marktplatz, Marktstraße-, von 15 bis 18 Uhr: Mühlstraße, Neuenweg, Neustadt, Plockstraße, Rtt« tergasse, Schanzenstraße, Seltersweg, Sandgasse.

Samstag, 24. September, von 9 bis 13 Uhr: Teufelslustgärtchen, Tiefenweg, Wagen- qasse, Weidengasse, Wolkengasse.

Dorzuleqen sind Mietbuch und Beleg über Em- kommen, Unterstützungen, Renten und sonstige Ver- dienste (Meldekarte des Arbeitsamtes).

Beamte im NS.-Altherrenbund.

NSG. Der Reichsminister des Innern hat durch Runderlaß t>om 22. August 1938 angeardnet, dah Beamte und Angestellte des Reiches, der Lander, der Gemeinden, der Gemeindeverbande und sonsti­gen Körperschaften des öffentlichen Rechts zur Ver­vollständigung ihrer Personalakten ihrer vorgesetzten Dienststelle anzuzeigen haben, ob und seit wann ste dem NS.-Altcherrenbund der Deutschen Sti^enten angehören und welche Aemter sie in ihm bekleiden.

Derdunkelungsübung verlegt.

Die ursprünglich für diese Tage vorgesehene groß­räumige Derdunkelungsübung ist wie uns vom Kreisamt Gießen mitgeteilt wird abgesagt wor- den; sie soll erst im Spätherbst, oder zu Anfang des Winters stattfinden.

Habt ihr Löschgeräte für den Lustschuh?

Ausschneiden! Ausbewahren!

Jedes Haus muß für die Brandbekämpfung im Luftschutz vorbereitet sein und mindestens über ein­fache Luftschutzgeräte verfügen:

1. Wassereimer in möglichst großer Zahl.

2. W a s s e r f a ß mit mindestens 100 Liter In­halt.

3. Feuerpatsche zum Ausschlagen von Flam­men und zur Bekämpfung schwer erreichbarer Brandherde. Sie besteht aus einer Stange mtt einem Stück Tuch, das vor Gebrauch ins Wasser eingetaucht wird.

4. S a n d k i st e mit mindestens V< cbm Sand oder Erde und einfacher Handschaufel (z. B. Kohlen­schaufel).

5. Schippen, Spaten oder Schaufel.

6. A e x t e und Beile.

7. Einreißhaken (Holzstange mit Stahl« haken).

8. Seine (lange kräftige Wäscheleine).

Solche Geräte sind größtenteils in den Haushal» tungen- vorhanden, oder können ohne besondere Kosten hergestellt werden. Bei Aufruf des Luft­schutzes müssen die Geräte nach den Anweisungen des Luftschutzwartes im Treppenhaus verteilt auf- gestellt werden.

Ein Ehampignon-Niese.

Von dem früherenSchipkapaß"°Gastwirt, jetzigen Privatier Arnold, wurde uns ein Champignon vorgelegt, den er auf dem Ziegenberg bei Steinbach gefunden hat. Der Pilz, ein wahrer Riese, hatte eine Höhe von 10 Zentimeter und einen Durch­messer des Hutes von 24 Zentimeter, er besaß noch Öen würzigen Geruch der Champignons und war trotz feiner Größe in allen Teilen gesund und für den menschlichen Genuß geeignet. Der als Pilzken­ner bewährte Universitäts-Garteninspektor i. R. Rehnelt, der zufällig beim Dorweisen dieses Pilzes zugegen war, erklärte, daß dieser Riesen- Champignon eine große Seltenheit sei, jedenfalls habe er einen derartig großen Champignon bisher noch nie gesehen. Dem Finder wird der Pilz eine gute und schmackhafte Mahlzeit gegeben haben.

Dornotizen.

Tageskalender für Donnerstag.

Gloria-Palast (Seltersweg):Heimat". Licht­spielhaus (Bahnhofstraße):Die Frau am Scheide«

ihre Ernte, um die heilkräftigen Mittel einzubrin­gen und die Tränke für den Winter zu brauen. Ueberhaupt zeigt der Herbst neben feinem düsteren und unheimlichen Gesicht auch ein heiter^freudiges. So wie die stürmischen Nebel- und Regentage mit Tagen voll mildesten Sonnengoldes und der klar­sten Luft des ganzen Jahres wechseln, so ist der Herbst von altersher nicht nur die Zeit des Todes und der Geister, sondern auch Hochzeitszeit. Das hat zum guten Teil wirtschaftliche Gründe. Wenn die Ernte eingebracht ist, Scheunen und Keller voll sind, dann ist auch Zeit, an Liebe und Ehe zu denken. Noch heute ist es in bäuerlichen Kreisen fast allge-

mein üblich, bie Hochzeit auf den Herbst, auf die Zeit nach der Ernte zu legen.

WHW. Ortsgruppe Sießen-Mitte.

Die Aufnahme von WHW.-Anfrägen für das Winterhilfswerk 1938/39 erfolgt für den Bereich der Ortsgruppe Gießen^Mttte nach folgendem Plan:

Donnerstag, 2 2. September, von 9 bis 12 Uhr: Alicestraße, Am Pfarrgarten, An der Johanneskirche. Bahnhofstraße, Bismarckstraße, Bleichstraße, Bruchstraße, Erlengasse, Burggraben, Goetyestraße, Grabenstraße, Hindenburgwall; von 15 bis 18 Uhr: Hinter der Westanlage, Horst-

Wirtschastsgehilfin im Arbeitsdienst.

Kleine Führerin in Tirol.

Von Ursula von Wihendorff.

Der späte Nachmittag ließ seine DuHtschleier über den Achensee gleiten. Drüben, in die minflen Berge geschmiegt, lag Pertisau. Die Sonne bildete eine goldene Furt auf dem See. Wir standen am Ufer und sprachen nicht, weil wir den Tag über zuviel Schönes gesehen hatten und nun keine Worte fan­den, das Lod des verzauberten Sees zu singen.

Da war die Fahrt nach Innsbruck gewesen mit dem absonderlichen Glücksgesiihl, über eine Grenze zu fahren, die keine mehr war. Die Liebe zu Oester­reich steckt in jedem Deutschen, und kaum einer hat in diesem Sommer die Grenze überschritten, ohne das Gefühl zu haben: ich darf endlich wieder nach Hause.

Da war Innsbruck, der Blick vom Turm über die grünen Dächer der bischöflichen Residenz auf die Nordkette. Danach waren wir an den Achensee gefahren, oder besser: das befreundete Ehepaar hatte mich mitgenommen. Der Weg war lebensgefährlich schmal und steil gewesen. Da hatten es die Jungen auf Rädern besser, die, nur mit einer Hase beklei­det, denAffen" hintenauf geschnallt, uns entgegen­kamen. Alles war kastanienbraun an ihnen, nur ihre weißen Zähne lachten uns an. Die Mädchen trugen bunte Tücher, als wollten sie der farben­freudigen Natur ein wenig nachhelfen.

Glückliche Jugend. Glückliche Ferien. Glücklicher Tag.

Man war es gewohnt, daß hin und wieder ein Junge ober ein Mädel an der Straße stand und winkte, um mitgenommen zu werden, weil der Weg auf der Karte so nah geschienen hatte und nun kein Ende nehmen wollte. Sicherlich erging es auch den beiden Mädchen so, die am Waldrand saßen. Die ältere und größere von beiden sprang beim Heran­nah en des Wagens auf und hob in einer merk­würdig rührenden Art die Hände hoch, so daß der Herr am Steuer gegen seine Gewohnheit bremste, und seine Frau sagte freundlich aus dem Wagen heraus, daß leider kein Platz mehr zu vergeben sei. Das Mädchen lächelte zurück. Sie war blond vielleicht zwanzigjährig und trug das Haar in einem dicken Knoten am Hinterkopf. Etwas un­sagbar Strahlendes ging von ihr aus.Bitte schön", sagte sie unbekümmert und klinkte die Tür auf,wenn Sie dann nur die Freundlichkeit hoben wollten, unten im Dorf nach dem Doktor zu fragen. Das Mädel hier ist mir krank geworden." Sie wandte sich besorgt nach der schmächtigen, unbeweg-

lich im Grase hockenden Gestalt um.Ist es wieder arg schlimm?" Die Kleine schüttelte den dunklen Kopf.

Wahrscheinlich Blinddarm", fuhr die Monde fort.Und wir haben es noch weit. Die anderen Mädeln sind schon voraus, den Doktor holen. Aber mit dem Wagen geht es doch schneller." Ruhe und Sicherheit des Mädchens waren erstaunlich. Es mar auch kein Drängen in ihrer Stimme:Man kennt sich halt nach drei Tagen noch nicht aus mit, den Mädeln, und wir find immerhin dreißig alle zu­sammen."

Jungmädel?" fragten wir,und Sie sind die Führerin?"

Ja", antwortete sie heiter und sah an den Blicken des Herrn, daß vielleicht doch noch etwas mit einem Platz im Wagen zu machen märe, da der vierte nur von Mänteln und dem unwahrscheinlich kleinen Terrier Seppl belegt war, der jetzt seinerseits in das Gespräch eingriff.Ja, mei", lachte das Mäd­chen,was ist den das?"

Ein Hund", sagte der Herr ernsthaft und sah dem Mädchen in die lachenden Augen. Sie stand wie die verkörperte Sauberkeit vor uns, mst hellen Augen, die sich vor nichts fürchten, nur einen Weg suchten, der gesunden werden muß.Wenn Sie bas Mädel wenigstens mitnehmen könnten. Bis hierher jinb wir tapfer gelaufen, aber jetzt will es flimmer gehen. Und man hat doch die Verantwortung."

Natürlich, das würde sich schon machen lassen, sagten mir einstimmig. Das Mäbchen mar uns nach diesen wenigen Sätzen vollkommen verttaut.

Vergelt's Gött", rief sie urtb lief auf bie kleine Kamerabin zu.Sixt, jetzt hast bu es aber fein. In einem so scyönen großen Auto fährst du. Komm, ich Helf bir." Dabei hob sie die Steine auf, legte wie eine Mutter ben Arm um sie und geleitete sie mit kleinen freundlichen Worten zum Wagen. Wir, die beiden Frauen, hatten uns inzwischen samt Seppl hinten häuslich eingerichtet.Ja", sagte da die Blonde,jetzt bin ich aber doch ganz ausner» schämt ..." sie stockte kaum merklich, ... wenn ich halt die Kleine auf den Schoß nehmen täte, bann könnt ich gleich mitkommen, unb Sie müßten nicht erst lange nach bem Doktor suchen." In ben Augen bes Jungmäbels glomm ein dankbares Leuchten auf.

Gern wenn es Ihnen nicht zu unbequem ist", sagte der Herr, unb keiner von uns breien sah die­ses Mädchen ungern mitkommen. Sie stieg ein und zog die Kleins auf ihre Knie.Na", sagte sie fröhlich zu ihr.Wie ist bas nun? Wie haben wir das ge­macht?"

Wir sind aus dem Tirolischen, hinter Innsbruck her", erzählte sie ungefragt.Unb Sie sind aus

Berlin", fügte sie stolz hinzu.Das kenne ich näm­lich auch, noch aus der Notzeit her. Da sind mir mit dem Rad herüber mit den Jungen. Aber nicht am Grenzbeamten vorbei das mar ein Gaudi."

Dabei war die Fahrt losgegangen, vorsichtig, denn der Straße sah man noch die Notzeit des österreichischen Landes an.

Solche gefährlichen Sachen haben Sie gemacht?" Gefährlich?" Das Mädchen lachte.Ja mei Spaß hat's halt gemacht." Das war nichts lieber» hebliches in ihrer Stimme, als sie fortfuhr:Wir mußten doch einmal sehen, wie die Jungen und Mädel das drüben machen."

,^eute sind wir baden gegangen", erklärte uns die kleine Führerin ernsthaft.Und immer fragt man vorher, obs einer leicht zuviel wird. Aber so sind die Mädeln: trauen sich nichts zu sagen, weil man die Führerin ist und manchesmal eilt bissel streng tun muß."

Na, Fräulein, Sie sein doch nicht streng." Wir sahen ganz erstaunt auf die kleine Kranke, die plötz­lich rote Backen bekommen hatte, als sie sich zu der Großen herumdrehte.

Sixt", lachte die Blonde",da sagst schon wie­der Fäulein und Sie zu mir. Als ob man was be» fonderes wäre. Und dabei sollt's ihr doch zU mir kommen rote zu eurer Mutter."

,Lch hott' mich so sehr aufs Baden gefreut", mur­melte die Kleine beschämt,darum hab ich dir nichts sagen wollen."

3a", schalt bie Große unb lachte uns so glück­lich an, als ob Verantwortung bas einfachste Ding auf ber Welt sei.Autofahren hast wollen, was Besonderes haben unb mir einen Schreck einjagen."

Wir näherten uns dem Dorf und sahen Trupps von Mäbchen, allesamt in Dirndlkleidern, vor uns hergehen.Das sind meine Mädeln", sagte bie Füh­rerin voller Stolz.Kluft haben wir noch keine aber barauf kommt es ja auch nicht an, wenn es nur ordentliche Möbel werben." Das sei bie Kati und die mit den roten Haaren bie Luis als müßte sie uns jebe einzeln vorstellen.Aber jetzt", sie wandte sich voll Heiterkeit der Kranken zu,jetzt machst fünf Minuten fern Gesicht, als ob dir was weh täte. Wir winken aus dem Fenster, wie wenn wir Prinzessinnen sein, daß sie ganz neidisch wer­den und auch alle einen Blinddarm haben möchten. Du gell?"

Der Herr fuhr ganz langsam. Man wußte fetzt wirklich nicht, wer glücklicher war: das kleine Mäd­chen oder die Führerin, als sie sich aus dem Fenster bogen und winkten. Muß denn ein Ungeschick im­mer gleich ein Unglück sein? Dieses Tiroler Mäd­chen bewies uns das Gegenteil. Vielleicht lag das

ihr airoertraute Kind in wenigen Stunden auf dem Operationstisch. Aber jetzt feierte es, kraft der Be­gabung seiner Führerin noch ein kleines sorgloses Fest. Es lachte von allen Seiten über uns her. Rufe wurden laut und Hände in den Wagen ge­reicht.Wie gehts denn du hast es aber gut der Doktor weiß schon, daß du kommst." Wie wenn der Herrscher eines Landes empfangen wird, bahnte sich der Wagen den Weg durch die schwirrenden Mädchen. Unsere beiden Begleiterinnen hatten heiße Backen.Das war luftig", sagte die Führerin.Aber jetzt müssen wir leider aussteigen. Wir danken Ihnen sehr. Das war schön freundlich von Ihnen." Sie schob das Mädchen behutsam aus dem Wagen. Gell, wir habens gut gehabt. Da wirst dann auch beim Herrn Doktor tapfer sein."

Das Lachen des blonden Tiroler Mädchens blieb die Fahrt über bet uns im Wagen. Wir hatten an diesem Tag nicht nur ein schönes Stück Land, sondern eines seiner schönsten Geschöpfe kennenge« lernt.

Hochschulnachnchten.

Professor Dr. Karl Blomeyer, Ordinarius der Rechts- und Staatswissenschaften an der Universität Jena, ist in gleicher Eigenschaft an die Universität Münch°en berufen worden. Seine Veröffentlichun­gen betreffen in der Hauptsache das Zivilprozeßrecht.

Dem nb. ao. Professor Dr. Franz Altheim wurde an der Universität Halle der Lehrstuhl für Klassische Philologie (Latein) überfragen.

Professor Dr. Hero Moeller, Ordinarius für Nationalökonomie, Finanzwisfenschaft und Statistik an ber Universität Erlangen, mürbe zum Mit- glieb ber Akabemie für Deutsches Recht ernannt.

Professor Dr. Robert R ö ß l e , Ordinarius für Pathologie und pathologische Anatomie an der Uni­versität Berlin, mürbe von ber Finnischen In- terniften-SBereinigung in Helsinki zum Ehren- mitglieb ernannt.

Professor Dr. Viktor Graf Haller von Hal­le r st e i n , Drbinarius für Anatomie an der Uni­versität Halle, ist auf feinen Antrag von den und* lichen Verpflichtungen entbunden morden.

Professor Dr. Karl W e i m a n n , Extra-Ordina­rius für historische Hilssmissenschaften an der Uni­versität Leipzig, ist wegen Erreichung der Altersgrenze in den Ruhestand getreten.

Professor Dr.-Jng. Friedrich Emde, Ordinarius für Elektrotechnik an ber Technischen Hochschule Stuttgart, ist wegen Erreichung der Alters­grenze von den amllichen Verpflichtungen entbunden worden.