Frankreich muß mehr arbeiten.
Ministerpräsident Daladier gegen die Vierzigstundenwoche.
Paris, A2. Aug. Ministerpräsident D a l a d i e r hielt am Sonntagabend eine Rundfunkrede. Er mandte sich darin scharf gegen die Vierzigstundenwoche, wenngleich er auch, wie er sagte, das diesbezügliche Gesetz nicht antasten wolle.
Daladier sprach zunächst von den internationalen Meinungsverschiedenheiten und stellte.fest, daß bie meisten Länder der Welt das Beispiel einer intensiven Aktivität gäben. Er wiederholte, daß e r nicht an die Unabwendbarkeit eines Krieges glaube, und sprach dann von der Or- aanisierung der Kräfte Frankreichs im Dienste friedfertigen Willens. Wir haben sie, so sagte Daladier, soeben vervollkommnet und Maßnahmen beschlossen, die geeignet sind, sie zu heben. Nach einem Hinweis auf die Bande der Freundschaft und Solidarität mit den großen Demokratien stellte der Ministerpräsident fest, daß die Garantie der Unabhängigkeit eines Landes nicht nur in der Macht seiner Armee zum Ausdruck komme, sondern mindestens ebensosehr durch die täglichen Anstrengungen an allen Arbeitsplätzen, durch die Stabilität der- Währung und den glücklichen Stand der Finanzen.
Der Friede und die Solidarität könnten nur in dem Maße aufrechterhatten werden, in dem die Franzosen den Mut haben würden, jede Döh- rungs- und Finanzkrife zu vermeiden. Er habe die Ueberzeugung, daß eine neue Abwertung des Franken oder die Einführung der Devisenkontrolle die internationale Zusammenarbeit,
von der er gesprochen habe, erschweren, wenn nicht gar zugrunde richten würde.
Er habe jedenfalls die Sicherheit, daß eine französische Währungs- und Finanzkrise — und er zitiere das Urteil des allerqualifiziertesten Beobachters auf diesem Gebiet — „von denjenigen, die den Krieg wollen, als ein günstiger Umstand angesehen werden würde". Es sei also Pflicht, eine Krise zu vermeiden, die voller Gefahren für Frankreich und den Frieden sein würde. Auf den französischen und ausländischen Märkten habe man an der Festigkeit des Franken und an der Zukunft der französischen Währung gezweifelt, weil das nationale Einkommen Frankreichs seit mehreren Jahren ständig abgenommen habe, während gleichzeitig die Lasten des Staates und der Gemeinden ständig zunähmen. Das nationale Einkommen Frankreichs habe im Jahre 1914 38 Goldmilliarden betragen, im Jahre 1931 sei es bis auf 49 Goldmilliarden gestiegen, im Jahre 1937 aber habe es nur noch 22 Goldmilliarden betragen, von denen der Staat und die Gemeinden 10 Milliarden entnahmen.
Daladier zog aus dieser Tatsache den Schluß, daß Frankreich sein nationales Einkommen erhöhen müsse.
Alan müsse Frankreich wieder an die Arbeit stellen.
Gewiß sei eine Revision der öffentlichen Ausgaben und eine Anstrengung zum Ausgleich des Haushaltes durchaus notwendig; aber er würde nie eine Politik der sterilen Deflation vorschlagen. Er wolle
von den Franzosen keine Opfer verlangen, sondern nur eine entschlossenere und höhere Anstrengung, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln, den Ertrag zu steuern, neue Kapitalien zu bilden und die Einnahmen des Landes im Verhältnis zu den Lasten erhöhen, die jeder moderne Staat sich auferlegen müsse für seine Verwaltung, sowie für seine Verteidigung. Zunächst müsse man das Vierz.ia- stundengesetz ab ändern. In keinem Lande der Welt außer Frankreich und Mexiko werde die Arbeit durch das Vierzigstundengesetz geregelt.
Alan müsse mehr als vierzig Stunden in den Fabriken arbeiten, die für die Landesverteidigung nötig feien. Ohne unnötige Formalitäten und endlose Erörterungen müsse jedes Unternehmen über soviel Arbeitsstunden verfügen können, wie es benötige. Es handele sich durchaus nicht darum, allen Unternehmen die Möglichkeit zu geben, mehr zu arbeiten. Frankreich könne keine Zeit mehr durch Aleinungsverschie- denheiten verlieren, die seine Zukunft in Frage stellten.
Daladier betonte, daß er nicht nur von den Arbeitern, sondern auch von den Unternehmern eine größere Anstrengung erwarte. Uebermäßige Steuerlasten sollten erleichtert werden. Die Stabilität der Gestehungs- und Verkaufspreise sei eine dringende Notwendigkeit. Das Steueraufkommen und die Zeichnungen für die kurzfristigen Schatzbonds müßten fürs erste den laufenden Erfordernissen des Schatzamtes genügen.
Zum Schluß kündigte Daladier an, daß er in den nächsten Tagen die Durchführung des Planes näher präzisieren werde. Für die Verteidigung und Sicherheit Frankreichs sei eine energische Gesundung notwendig.
Wetterbericht
Im Bereich der lebhaften über Skandinavien hin« wegführenden Wirbeltätigkeit brachte das Wochenende auch unserem Gebiet wieder recht unbeständiges Wetter mit teilweise gewittrigen Niederschlägen. Durch einen Einfluß starker Meeresluft gingen die Temperaturen unter den jahreszeitlichen Durchschnitt zurück; doch hat sich dabei ein Zwischenhoch aufgebaut. Da von England her eine neue Störungsfront heranzieht, wird das Zwischenhoch Einfluß auf unser Wetter nur vorübergehend bringen.
Vorhersage f ü r Dienstag: Uebergang zu unbeständigem Wetter mit Regenfällen. Bei lebhaften südwestlichen bis westlichen Winden milder.
Lufttemperaturen am 21. August: mittags 14 Grad Celsius, abends 11,4 Grad; am 22. August: morgens 8,3 Grad. Maximum 17,3 Grad, Minimum heute nacht 7,4 Grad. — Erdtemperaturen in 10 cm Tiefe am 21. August: abends 16,7 Grad; am 22. August: morgens 13,2 Grad. — Niederschläge 6,8 mm.
Hauptschriftleiter Dr. Friedrich Wilhelm Lange. Stellvertreter des Hauptschriftleiters: Ernst Blumschein. Verantwortlich für Politik und für die Bilder: Dr. Fr. W. Lange (in Urlaub), i. V.: Ernst Blumschein; für Feuilleton: Dr. Hans Thyriot; für den übrigen Teil: Ernst Blumschein. Anzeigenleiter: -ans Beck (in Urlaub). Verantwortlich für den Inhalt der Anzeigen: Theod. Kümmel. 2). 21. VII. 38: 9034. Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei R.Lange, K.-G., sämtlich in Gießen. Monatsbezugspreis RM. 2,05 einschließlich 25 Pf. Zustellgebühr, mit der Illustrierten 15 Pf. mehr. Einzeloerkaufspreis 10 Pf. und Samstags 15 Pf., mit der Illustrierten 5 Pf. mehr. 'Zur Zeit ist Preisliste Nr. 4 vom 1. September 1937 gültig.
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