Ausgabe 
22.6.1938
 
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Nr. H5 Drittes Statt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)

Mittwoch, 2?. Juni 1938

Aus Der Stadt Gießen.

Sonnwendfeuer.

In allen deutschen Landen flammen in der Sonnwendnacht die Feuerstöße zum Himmel, von Bergeshöhen, auf weiter Heide, an besonderen Weihestätten. Die Reichshauptstadt besitzt im Sta­dion einen Ort, der es ihr ermöglicht, die Sonn­wende in einer Großartigkeit au begehen, die sie für alle, die daran teilnehmen dürfen, zum unver­geßlichen Erlebnis macht. Aber auch im kleinsten Dorf, wo die Jugend um ihren Holzstoß steht, ihre Feuersprüche spricht und die Flamme überspringt, loht in den Herzen dieser Jugend die gleiche Be­geisterung.

Die deutsche Jugend ist sich bewußt, in den Sonn­wendfeiern das Brauchtum der Väter zu erneuern, die in gläubiger Ehrfurcht zu den Gestirnen auf­schauten, in dem gewaltigen Tagesgestirn die Ver­körperung ihres Lichtgottes Baldur erblickten, des- en Mythos im Ablauf des Jahres sein Gleichnis and. Der höchste und der tiefste Stand des Ge- tirns, die Sommer- und Wintersonnwende, waren geheimnisvoll feierliche Zeiten, wo Geisterstimmen in den Lüften raunten und man sich den Göttern näher fühlte als sonst. In unheimlicher Nähe be­rühren sich zur Zeit der Sonnwende Leben und Tod. Wie in denZwölfnächten" der Wintersonn­wende Wodan mit dem Geisterheer durch die Lüfte brauste, so erneuerte sich in der kürzesten Nacht des Jahres immer wieder jener geheimnisvolle Punkt, wo Baldur auf der Höhe seines Lebens vom Todes­pfeil Lokis, der den Händen des blinden Hödur entgleitet, getroffen wird. In dieser Nacht war das Leben dem Einströmen der Mächte vondrüben" offen, mit allerlei Zauber und Beschwörungen schützte sich der Mensch gegen die Dämonen, nützte aber auch die Stunde, um sich die Geister dienstbar zu machen, Heilkraft zu erlangen oder die Zukunft zu erforschen. Wenn in dieser Nacht einstmals die Feuer auf den Bergen auflohten, die Flammen­räder zu Tal rollten, so war es ein Gleichnis von Baldurs Scheiterhaufen, Gleichnis des kosmischen Geschehens selbst, zugleich aber auch Notfeuer zur Abwehr der Unholden.

So lebenskräftig war das Brauchtum aus ger­manischer Vorzeit, daß es sich Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch erhalten hat, vielfach abge­wandelt und in seinem ursprünglichen Sinn über­malt, aber doch überall die gemeinsame Wurzel er­kennen lassend. Wußten auch die Städte längst nichts mehr von den alten Bräuchen, so sind sie doch in den abgelegensten Teilen unseres Vaterlandes, in einsamen Älpentälern, wie in den masurischen Wäldern, nie ganz erloschen, und vielerlei Volks­glauben knüpft sich an ihre Begehung. Das Sonn­wendfeuer wird als heilkräftig angesehen, besonders wenn der Brand, wie es in Masuren zum Teil ge- sachh, durch rasche Umdrehung eines Wagenrades um einen eingerammten Pfahl gewonnen wurde.

Die heilende reinigende Kraft des Feuers nützt der Mensch, indem er sein Vieh durch die nieder­gebrannten Gluten treibt, selber aber, einzeln oder noch besser zu zweit, über die Flammen springt. Zur Erfüllung welcher Wünsche ihm dabei das Feuer insbesondere helfen soll, verraten allerlei Sprüche; so etwa:St. Johann, mach's Werg drei Ellen lang", und so hoch der Sprung über das Feuer, so hoch gerät der Flachs. Oder:Stärk meine Augenlider, daß ich dich aufs Jahr seh wie­der", denn wie das Feuer für mancherlei Gebrechen Heilkraft besitzen soll, so ganz besonders zur Stär­kung des Augenlichts. Nach einem alten fränkischen Glauben konnte man diese Wirkung noch erhöhen, indem man eine Ritterspornblume in der Hand hielt und so lange wie möglich ins Feuer schaute. Daß für die jungen Liebespaare der gemeinsame Sprung übers Feuer ganz besondere Bedeutung bat, ist selbstverständlich, ist diese Nacht doch auch sonst Hochstunde für viele Liebesorakel. Auch noch der Asche des Feuers wohnt Heilkraft inne, sie wird sorgfältig aufbewahrt und dem Vieh ins

Futter gemischt oder im Acker vergraben. Das bren­nende Rad, ,chas Segen brennt, brennend den Berg hinunter rennt", Abbild der Sonne selbst, ist Schick­salsrad. Aufmerksam wird sein Lauf verfolgt, der Ort, wo es niederfällt, bleibt das Jahr über von Hagel und Blitzschlag verschont.

Die heutige Jugend, besonders so weit sie in

Städten wohnt, weiß wenig mehr von diesen alten Ueberlieferungen. Indem sie die ehrwürdigen Bräuche erneuert und übt, erfüllt sie sie mit neuem Sinn. Für sie sind die Sonnwendfeuer Sinnbild der ewigen Erneuerung des unsterblichen Deutsch­lands, ihre Feuersprüche das Gelöbnis, diesem Deutschland die Treue zu halten. C. K.

Der Auftakt des Kreistages der ASDAp.

Nächsten Samstag Einweihung der Gauschule in Gießen.

Im Rahmen des Kreistages der NSDAP., Kreis Wetterau, der am nächsten Samstag und Sonntag in Gießen, bzw. Friedberg, stattfindet, wird nächsten Samstagvormittag die feierliche Einweihung der Gauschule in Gießen erfolgen. Mit dieser Feier erfährt der Kreistag der Partei seinen Auftakt.

Die Gauschule liegt in der Richtung nach Leih­gestern zu in einem schönen parkartigen Gelände, rings von Wald umgeben. Sie enthält eine Reihe schöner Wohn- und Arbeitsräume, einen neu ein­gerichteten Speisesaal, sowie alle erforderlichen Ne­benräume.

Der Lehrgang in der Gauschule wird jeweils acht Tage dauern, so daß alle Lehrgangsteilnehmer während ihrer politischen Ausrichtung immer für acht Tage in der Gauschule Quartier beziehen wer­den. Die Politischen Leiter, die sonst immer nur die

Pflichten ihres Amtes zu erfüllen haben, werden bei Gelegenheit dieser Lehrgänge auch eine Aus­spannung erfahren und dadurch neue Kraft sam­meln können für ihre weitere Arbeit im Dienste des Führers zum Wohls unseres Volkes.

S^t.-Standarte 116 beim Kreiöparteitag.

Die gesamte SA.-Standarte 116 nimmt mit sämt­lichen Fahnen und der Standarte an dem Kreispar­teitag Wetterau am 25. und 26. Juni in Friedberg teil.

Der Spielmanns- und Musikzug der Standarte wird dort Standkonzerte geben.

Die Abfahrzeiten der einzelnen Stürme und des SZ. und MZ. gibt die Standarte noch bekannt.

Lin Erinnerungszeichen vor der Verglasen

Im Zusammenhang mit der 125-Jahrfeier des Infanterie-Regiments 116 wurde vor der Berg­kaserne, inmitten einer grünen Rasenfläche, und vor einem Blumenbeet ein Stein aufgestellt, der in verschiedener Hinsicht interessantes Erinnerungs­zeichen darstellt. Es handelt sich um einen Grenz­stein, der dort als Mahnmal und als Erinnerungs­zeichen aufgestellt wurde. Der Stein hat eine inter­essante Geschichte, die in ihrem ersten Teil Jahr­hunderte zurückliegt, in ihrem zweiten Teil aber in jüngster Vergangenheit spielt. Der Grenzstein, der jetzt vor der Bergkaserne Aufstellung gefunden hat, stand ursprünglich in etwa 820 Meter Höhe in her Nähe des Dammersfeld-Kopfes im Gelände des Truppenübungsplatzes Wildflecken. Der Grenzstein war Besitzmarkierung zwischen dem Fürstbistum Würzburg und der Abtei Fulda. Der Stein trägt die Jahreszahl 1557. Das Wappen, das sich unter der Jahreszahl befindet, ist das des ehemaligen Fürstbistums Würzburg, das Wappen auf der Rück­seite das der Abtei Fulda. Sehr deutlich sind die Zeichen allerdings nicht zu erkennen. Die Witterung über 400 Jahre ljatte ihre Wirkung getan. In späterer Zeit war der Stein Grenzmarkierung zwi­schen Bayern und Preußen.

Von den Soldaten unseres Regiments wurde der Stein im Einverständnis mit dem Landrat von Fulda, sowie nach Anhörung des Kommandeurs des Truppenübungsplatzes ausgegraben und dem Oberbürgermeister unserer Stadt zum Geschenk gemacht, als er zu einem kurzen Besuch bei der Gießener Truppe auf dem Uebungsplatz weilte. Dem Infanterie-Regiment 116 war dieser Stein in sinnbildlicher Auslegung deshalb überlassen wor­den, roril unser Regiment das erste war, das auf dem neuen Truppenübungsplatz Uebungsdienst tat.

Oberbürgermeister Ritter übernahm de^i Stein mit herzlichen Worten des Dankes und veranlaßte, nachdem der Stein in Gießen eingebracht war, daß er unmittelbar vor der Bergkaserne und vor dem Klinker - Schmuck - Relief an der linken Seite des Tores Aufstellung fand. Oberbürgermeister Rittes hielt in Anwesenheit vieler Angehöriger des Regi­ments eine kurze Ansprache, in der er den Stein als ein Mahnmal bezeichnete, das an Zeiten einer unseligen Zersplitterung erinnerte, Zeiten, die nie­mals wiederkehren dürften in unserem Vaterlande,

Der alte Grenzstein als Erinnerungszeichen vor der Bergkaserne. (Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)

er bezeichnete den Stein ferner als eine Erinne­rung an Wildflecken und schließlich als eine Mah­nung zur Einheit, als den Ausdruck einer stetigen Verbundenheit von Partei, Staat, Stadt und Wehr­macht. In dieser Sinngebung fand der Stein seinen Platz vor der Bergkaserne.

Erwähnenswert ist, daß der Stein bei einem Ge­wicht von 17 bis 18 Zentner eine Länge von etwa zwei Meter hat und zu seinem größten Teil im Erdreich steht.

Dornotizen.

Tageskalender für INillwoch.

Stadttheater: 20 bis 22.30 UhrSchauspielerin", Gastspiel Agnes Straub. Gloria-Palast (Selters­weg):Unter vier Augen". Gießener Sänger­schaft: 20.30 Uhr: Gesamtprobe im Katholischen Vereinshaus.

heute Gastspiel Agnes Straub im Stadttheater.

Heute um 20 Uhr findet das einmalige Gastspiel von Agnes Straub, die dem hiesigen Publikum aus verschiedenen Filmen bekannt ist und zu den be­kanntesten und besten Bühnen- und Filmschauspiele­rinnen Deutschlands zählt, mit Roland Schachts Ko­mödieSchauspielerin" statt. Ende gegen 22.30 Uhr.

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IIS-GemeinschaftKraft durch Freude-.

Betr.: Gastspiel Zirkus Europa.

Der vom 24. bis 26. Juni 1938 in Gießen gastie­rende Zirkus Europa hat uns Verbilligungsscheine zur Verfügung gestellt. Genen Vorzeigen dieser Scheine gewährt die Zirkuskasse 50 Prozent Preis­ermäßigung auf alle Platze ab 2. Platz.

Die Betriebswarle werden gebeten, die Scheine und das Propagandamaterial auf der Verkaufs­stelle, Seltersweg 60, umgehend abzuholen. [4272D

Achtung, Master sparen!

In einer Bekanntmachung weist der Oberbürger­meister unserer Stadt darauf hin, daß es unbedingt erforderlich ist, sich im Wasserverbrauch alle Be­schränkung aufzuerlegen. Infolge der anhaltenden Trockenheit hat die Ergiebigkeit der Quellen nach­gelassen. Der Oberbürgermeister gibt der Hoffnung Ausdruck, daß das Verständnis der Bürgerschaft besondere Maßnahmen nicht notwendig werden läßt.

Eröffnung

des Gießener Militärschwimmbades.

In intensiver Arbeit ist in den vergangenen Mo­naten an der Grünberger Straße, im Wiesengrund vor Annerod, das Militärschwimmbad entstanden und nunmehr fertiggestellt worden. Diese Heeres-

Zehn pflichten?

eigene Schwimmanstalt wird nun am kommenden Freitag durch das Heeresbauamt an den Standort­ältesten übergeben, der dann in einer kurzen An­sprache das Bad eröffnen wird. Im Anschluß daran werden einige schwimmsportliche Wettbewerbe den Bade- und Sportbetrieb im Militärschwimmbad ein­leiten. Die heereseigene Schwimmanstalt kann nur von Soldaten, Beamten, Angestellten und Arbeitern derWehrmacht desStandortes Gießen benutzt werden.

Ein Abend im Kolonialgedanken.

Von der Studentenführung der Universität Gie­ßen, Amt Presse und Propaganda, wird uns be­richtet:

Am Samstag fand im Studentenhaus ein Vor­tragsabend der Akademischen Auslandsstelle an der Universität Gießen in Verbindung mit der Kultur­wissenschaftlichen Fachgruppe statt: Die an der Uni­versität Gießen studierenden Ausländer, zahlreiche Professoren mit ihren Damen, Dozenten und Stu­denten waren erschienen. Zu Beginn des Abends be­grüßte im Auftrage des Leiters der Akademischen Auslandsstelle, Prof. Dr. Fischer, der Leiter des Außenamtes der Studentenführung, cand. phil. M a h r, die geladenen Gäste. Dann hielt cand. med.

Oer Abschied.

Äon Max Lippold.

Diele Jahre sind seit dem Sommer vergangen, da ich mit Wenns auf einem großen Hofe in Masuren war, aber noch immer muß ich an ihn denken. Er war ein gewissenhafter Mensch, tüchtig und strebsam und nur darauf bedacht, es im Lause der Zeit zu einem kleinen Eigentum zu bringen. Wenn er mit jemand sprach, hielt er stets die Hände auf dem Rücken, das war so seine Gewohn­heit.

Sein Mädchen hieß Magda und gehörte zum Personal des Hofes. Sie war schon recht für Wenns, wenn ich auch nicht viel Vertrauen zu ihr hatte. Arbeitsam und fleißig war sie gewiß, zudem nicht unansehnlich vielleicht gerade die rechte Frau für einen kleinen Hof.

Kurz bevor die Ernte begann, kamen noch einige fremde Kräfte auf den Hof, Elmar war einer von ihnen. Mir fiel gleich am ersten Tage auf, daß er Magda kennen mußte, denn er begrüßte das Mäd­chen sehr freundschaftlich. Vielleicht ein alter Be­kannter, eine Jugendliebe, was wußte ich.

Am selben Abend, wir waren im Begriff zur Ruhe zu gehen, hörten wir plötzlich Lärm auf dem Hofe. Es war längst dunkel draußen und Schlafens­zeit, wer konnte jetzt noch mit jemand in Streit geraten? Wir gingen hinaus. Wenns kam uns ent­gegen, den Kopf gesenkt, die Hände auf dem Rücken. Was in aller Welt? Doller Zorn stieß er uns beiseite und ging in den Schlafraum.

Auch am nächsten Morgen hatte sich sein Zorn noch nicht gelegt, wir sahen, wie er an Magda ohne Gruß und ohne sie anzusehen vorüberging. War es möglich, daß Magda sich von Wenns ab- gewandt hatte? Jetzt noch, da er schon über einen kleinen Hof verhandelt und sie in sein Leben ein­bezogen hatte?

Im Laufe des Tages hörte ich, was Magda zu einigen Mägden sagte. Sie machte fein Geheimnis aus ihrem Verhältnis zu Elmar, sondern sagte, daß sie Elmar schon lange kenne und daß ihre Tage hier schon gezählt seien. ,

So, willst du denn fort?" fragten bie Mädchen. Willst du Elmar heiraten?"

3a, habt Ihr denn nicht meinen Ring gesehen, seht her."

Wahrhaftig, sie trug einen Ring.

Ich ging zu Wenns und glaubte, daß diese Nach­richt ihn überraschen würde. Aber er tat sehr gleich­gültig. Ich fragte ihn, ob er denn nie mit Magda über jein zukünftiges Leben gesprochen hätte.Sie

nen ausgewachsenen Fuchs, der sich mit den Hum

Uhu, der

des Rockes ihn plötzlich gereizt hatte.

In einem anderen Fall war es ein

vom spät.

über ihn, bis wir dann erfuhren, was ihn zwischen Gut und Böse pendeln ließ: Wenns hatte schon

dienen konnte. Wo ist er? Rufe ihn zurück!

Wenns!" rief Elmar.Wenns!" Er lies Hose und rief noch einmal, aber es war zu

gute Wenns! Er hat nicht vergessen, daß ich mir immer schon eine Uhr gewünscht tjabe." Plötzlich wurde sie ernst:Wir dürfen das Geschenk nicht annehmen", sagte sie und brach in Tränen aus. Sieh her, er hat mir eine goldene Uhr gekauft, und sie kostet mehr, als er in drei Monaten ver-

den im gemeinsamen Zwinger tummelte, wenn er auch keine wahre Freundschaft mit ihnen schloß. Eines Tages betrat er den Zwinger im grünen Waffenrock, der mit knallroten breiten Aufschlägen, Kragen und Achselklappen neu besetzt war. Er nahm den Fuchs auf den Arm, um nach einer klei­nen Augenverletzung zu sehen, und in diesem Augen­blick biß dieser sich in seinem rechten Unterarm so fest, daß Kameraden mit der Spitze des Hirschfän­gers den Fang aufbrechen mußten, um ihn zu be­freien. Man konnte keine andere Ursache für diesen Angriff des Fuchses finden, als daß das rote Tuch

wußte vielleicht gar nicht, daß du >es ernst meintest?"

Ist sie denn ein Kind?" schrie er mich an.Gewiß wußte sie es."

Auch daß du einen Hof kaufen wolltest?"

Ja, auch das. Aber das schlimmste ist, daß sie mich die ganze Zeit betrogen hat. Wenn sie fortging, sagte sie, sie geht zu ihren Eltern. Und zu wem ging sie? Aber ich sage nur, sie wird mich noch kennen lernen!"

Von diesem Tuge an ging eine große Wandlung in Wenns vor, er geriet mit uns -jedem in Streit. Wir begannen zu fürchten, daß er etwas gegen Magda und Elmar vorhätte. Wir fanden eine Pistole in seinem Schrank und erschraken nicht wenig. Und von diesem Tag, als wir ihm die Waffe fortnahmen, gehörte er nicht mehr zu uns. Wie ein drohendes Ungewitter ging er umher.

durch die rote Farbe stark erregt wurde. Bei einer Hüttenjagd hatte der Förster den Uhu einem Jaqd- gast gereicht, aber der gut abgerichtete Vogel, der schon oft an den Fängen gefaßt und getragen wor­den war, ohne daß er je gebissen hätte, griff mit seinem kräftigen Schnabel den Gast sofort an und verletzte ihn schwer am Halse und an der linken Wange. Der Uhu biß sich so fest, daß die Befrei­ung des Angegriffenen von dem wütenden Tiere nicht leicht mar. Als Grund für diesen Angriff fand man keinen anderen, als daß ein rotes seidenes Halstuch, das der Jagdgast bei dem kühlen Wetter um den Hals gebunden hatte, den Vogel plötzlich geblendet und gereizt haben muß.

Im Forsthaus Mohnesse, in dem der Erzähler längere Zeit wohnte, bewegte sich ein Wildschafbock frei auf dem Hofe herum. Als eines Tages rotes Bettzeug in das Haus gebracht wurde, stürzte sich das Tier, augenscheinlich durch die Farbe gereizt,

Das rote Tuch wirkt nicht nur auf den Stier.

Und niemand konnte wohl Wenns recht ver-' man sie im allgemeinen nicht beobachtet. Er hatte stehen, denn es war doch nur etwas Alltägliches, I in den achtziger Jahren während seiner forstlichen was ihm widerfahren. Einige spotteten und lachten Ausbildung in Bückeburg einen von ihm aufgezoge- ithm- ik» hta mir hnnn orfithron mna ihn imifrhon 1 , -l. - r;j,. s. ' c...

InReclams Universum" führt der Hegemeister i. R. Adolf Bahne aus seinen reichen Erfahrungen eine Anzahl Beispiele an, in denen die rote Farbe besondere Wirkung bei Tieren zeigte, bei denen

einen Hof gekauft, einen kleinen Hof unten am Nied er fee...

So kam dann jener Abend, an dem Magda und Elmar für immer von uns Abschied nahmen, um ein neues gemeinsames Leben zu beginnen. Es wurde ein kleines Abschiedsfest mit Tanz und Spiel, und wir überreichten unser Hochzeitsgeschenk an das junge Paar, daran alle, mit Ausnahme von Wenns, sich beteiligt hatten. Es wurde ein schöner Abend, 2stagda tanzte mit jedem einen Tanz und wollte auch mit Wenns tanzen, aber er war fort, schon am Tage war er verschwunden. Gott wußte, wo er war.

Am anderen Morgen, kurz bevor wir auf die Felder gingen, erschien er, streckte jedem die fianb entgegen und sagte Lebewohl zu uns.

Warum in aller Welt? Willst du fort?"

3a, ich gehe, lebt wohl! Ich muß auf meinen Hof."

Wir standen alle vor dem Schlafraum und sahen, wie er zu Magda und Elmar hinüberging, die reisefertig auf den Wagen warteten.

Wenns trat zu ihnen, zog etwas aus der Tasche und sagte:Glaubt nicht, daß ich so schlecht bin und euch nichts zur Hochzeit schenken will. Hier, Magda, ich übergebe dir ein kleines Andenken. Und nun lebt wohl." Damit reichte er ihnen die Hand und verließ den Hof.

Die beiden waren im Augenblick sehr überrascht. Magda lachte verlegen, während sie das kleine Päckchen öffnete, das Wenns ihr gegeben hatte.

Da, sieh her", rief sie,eine Uhr! Ach, der

mit unglaublicher Wildheit auf den roten Ballen und griff diesen immer wieder von neuem an. Ein anderes Mal hatte der Förster mit einem kleinen Mädchen, das ein rotes Mäntelchen und ein blut­rotes Mützchen trug, eine sehr hoch angebrachte 3agdkanzel bestiegen, um dem Kinde recht viel W'.ld vorzuführen. Die Kanzel lag ganz in der Nähe von Nestern von Waldkäuzen, die die Brüstung des Hochsitzes augenscheinlich als Ruheplätzchen benutz­ten. Wenn sie auch sonst schon die Kanzel um­flattert hatten, sobald Menschen sich darauf zeigten, so zeigten sie diesmal eine so leidenschaftliche An­griffslust und hieben so heftig besonders auf das kleine Mädchen ein, daß man mit dem Gehstock nach den wütenden Tieren schlagen mußte, um sie zu vertreiben. Das merkwürdige Verhalten konnte nur durch die rote Kleidung des Kindes hervorgerufen fein.

Eine neue Oper.

Die schon für die vorige Spielzeit angekündigte - Uraufführung der Oper3rrwisch" von Ernst Meyerolbersleden (Ttzxt von Olga Brügger) wurde im Deutschen Theater Wiesbaden unter Karl Fischers musikalischer und Hans Springers szenischer Leitung verwirklicht. Ohne dem fühlenden Geiste des Hörers Gewalt anzutun, behandelt die dramattsche Gestaltung der 3rrlicht- Sage zeitnahe Stilprobleme. Es geht hier um die Rechtfertigung der wahren, schlichten und unver­fälschten Kunst und um die Verdammung häßlicher atonaler Verirrungen. Um diese auseinanderstreben­den Richtungen sinnfällig zu beleuchten, wurden die widerstreitenden musikalischen Elemente scharf ge­zeichnet und unvermittelt gegenübergestellt. Da­bei erkennt man doch die persönliche 'Ausdrucksart des Komponisten, die sich in der Einhaltung und klaren Fortsetzung der Linie WagnerHumper­dinckPfitzner äußert. Da Meyerolbersleden um Einfälle nicht verlegen ist,,weist seine Musik stetigen Fluß auf, zumal der Orchesterpart sehr mannig­faltig instrumentiert und kontrapunktisch gediegen durchgearbeitet ist.

So errang die Uraufführung einen starken Publi­kumserfolg, der durch weitere Vorstellungen zweifel­los noch erhärtet wird. Marga Mayer als körperlich geschmeidige und gesanglich ausdrucks­fähige Vertreterin der Titelrolle, Daga Söderqvist als edel singende und wundervoll verklärte Marlene, und Waldemar B i e n e f als natur- und stimm­frischer Spielmann hatten entscheidenden Anteil an dem Gelingen des Werkes, dem man den Weg über viele deutschen Bühnen voraussagen darf.

Gerhard Weckerling.