Ausgabe 
22.6.1938
 
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Heue SKlachffchiffpMk.

Xton ^onfernbmiral a. D. GaOow.

Vor kurzem wurden Besprechungen zwischen eng­lischen, amerikanischen und französischen Sachver­ständigen über die Frage der künftigen Schlachtschiffgrößen abgeschlossen. Als Er­gebnis wurde bekannt, daß man die bisherige Größenbeschränkung verlassen und zu den größten Typen mit den schwersten Geschützen übergehen wolle. Die Vorgeschichte hierzu lautet: Im Londoner Flottenoertrag von 1936 hatte man sich auf eine Höchstgrenze von '35 000 Tonnen mit 35,6-cm-Geschützen geeinigt, auf amerikanisches Drängen jedoch, auch weil in Ita­lien und Frankreich bereits Schiffe mit 38-crn-Ge- fchützen im Bau waren, die Kalibergrenze auf 40,6 cm hinaufgesetzt.

Im Februar d. I. traten Gerüchte auf, Japan wolle neue Schiffsbauten von wesentlich höherer Wasserverdrängung bauen, und die dreiwestlichen" Mächte richteten daher eine entsprechende Anfrage dorthin. Japan antwortete am 12. Februar, es ziehe vor, keine Mitteilungen über seine Baupläne zu machen, und wies daraufhin, daß es nicht Teilhaber jenes Vertrages sei, daß es wiederholt vergeblich auf Seeabrüstung nach fairen Maßstäben gedrängt habe und in der gewünschten Auskunftserteilung keinen Ersatz dafür sehe, auch bloße Gerüchte über seine angeblichen Baupläne nicht als Grund für die anderen anerkennen könne, die Vertragsgrenzen zu verlassen.

größte Fernabstänüe *u erlangen, wozu man eine zwei- bis dreifache Stärke gegen­über Japan für notwendig hält. Bisher war das Schlachtschiffverhältnis wie 15 :9. Bei Eng­land spricht die hocherwünschte Stärkung der Stellung im Mittelmeer mit wo sich die Bereinigung der Spannungen verzögert, und vor allem in Ostasien, wo man mit der japa­nischen Südoffensive, der Bedrohung Cantons und der Besetzung von Inseln im südchinesischen Meer den Druck auf die Reichsgrenzen näher kommen fühlt. Im übrigen hat England allein die Beschrän­kungen laut Flottenoertrag bei sich durchgeführt und 5 Schlachtschiffe von 35 000 Tonnen mit 35,6-cm- Geschützen in Bau gegeben, es fühlt sich damit nicht befriedigt Was Frankreich betrifft, so ist sein Zögern mit der Arbeits- und Finanzlage hinreichend begründet. Es möchte wohl ehrgeizige Flotten­wünsche gegenüber seinen Nachbarn verwirklichen, jedoch fehlt es an Atem. Die tägliche Klage über Bauverzögerung und schleppendes Arbeitstempo in der Industrie und in den Werften und Werkstätten sprechen ihre Sprache.

Ein Ueberblick zeigt im Äugenblick folgendes Bild: S ch l a ch t s ch i f f b e st a nd : England: fertig 15, im Bau 5 zu 35 000 Tonnen, geplant 5 zu 40 bis 45 000 Tonnen; USA.: fertig 15, im Bau 2 zu 35 000 Tonnen (?), geplant 2 zu 40 bis 45 000 Tonnen; - Japan: fertig 9, im Bau ?, geplant ?; Frankreich: fertig 7, im Bau 1 zu 26 500 Tonnen, 2 zu 35 000 Tonnen, geplant 2 zu ?; Italien: fertig 4 zu 21 bis 23 000 Tonnen, im Bau 2 zu 35 0Ö0 Tonnen, geplant 2 zu 35 000 Tonnen;

Deutschland: fertig 1 zu 26 000 Tonnen, 3 Panzer­schiffe zu je 10 000 Tonnen, im Bau 1 zu 26 000 Tonnen, 2 zu 35 000 Tonnen, geplant.

Mit den vorstehenden Entschlüssen und Bau­plänen erkennt man zugleich die Revision der mili­tärischen Auffassung und Beurteilung des Schlacht­schifftyps. Die ersten Nachkriegsjahre ließen gewisse Zweifel an der Unentbehrlichkeit dieser stärksten aller Schiffsklussen erkennen, da es einmal nicht zur entscheidenden Seeschlacht gekommen war und die schweigende Wirkung der Schlachtflotten hinter der Blockade und Gegenblockade (U-Boots- und Kreuzerkrieg) verkannt wurde, ferner, weil die Ent­wicklung der neuen Waffen der Luft, der Mine und des Torpedo- sich den großen Schiffen wachsend gefährlich zeigte. Aber hiermit wurde die Schiffbau- und Waffentechnik fertig in Gestalt ver­besserter Sinksicherheit, Panzerung, Geschwindigkeit und Luftabwehr. Heutige Schlachtschiff-Konstruktio­nen zeigen die hohe.Geschwindigkeit von 31 Knoten, sie führen 30 bis 40 Flugabwehrgeschütze, sind doppelt gepanzert gegen Luf'tbomben und im In­nern hochgradig geschützt. Damit hat sich dem Schlachtschiff neues Vertrauen zugewendet, man findet wieder in ihm die schwere Kampf- und Widerstandskraft und auch Beweglichkeit, von denen letzte Entscheidungen erwartet werden. Daß ein treues Rüstungsrennen mit dieser Entwicklung ver­bunden sein soll, ist das trübe Kennzeichen der immer noch schwebenden Machtprvbleme aus der Erbschaft des Weltkrieges oder des Widerstandes gegen eine neue Ordnung der Welt, die allen gerecht wird.

Daraufhin gaben die drei Flottenmächte am 1. April d. I. bekannt, daß sie übereingekommen feien, die Beschränkungen für Schlachtschiffe zu lockern. Die amerikanische Note fügte hinzu, daß die Lockerung sich a u ch auf S ch i f f s f a I i b e r beziehe also über 40,6 cm hinaus und die Regierung trat alsbald an den Senat heran mit dem Ersuchen, den Bau von drei 45000- Tonnen-Schisfen gutzuheißen. Der Senat stellte die Entscheidung dem Präsidenten nach Maß­gabe der angekündigten Besprechungen anheim. Die französische Note war zurückhaltender und besagte, daß Frankreich trotzdem an den Beschränkungen fest­halten wolle, solange,feine andere europäische Macht davon abweichen wolle". In diesen Din­gen sind politische und militärische Momente ent­halten.

Zunächst hat sich kein verbürgter Anhalt dafür ergeben, daß Japan, mit einem kontinentalen Krieg vollauf beschäftigt, tatsächlich zu ganz großen Schiffsbauten übergegangen ist. Seine ablehnende Antwort war der Ausdruck verletzten Stolzes, daß man es ausfragen wolle, ohne von feiner stets wiederholten Forderung paritätische Abrüstung Notiz zu nehmen. Die Anfrage wurde daher in Japan als reiner Vorwand der angelsächsischen Mächte bettachtet, von denqualitativen" Vertrags­fesseln loszukommen und riesige Schlachtschiffe auf Stapel zu legen, denen Japan (und andere) nichts Gleichwertiges entgegenstellen könne. Wohin dieses Prinzip führen kann, hat schon einmal dieDread- nougbt-Periode" von 1906 und späte? gelehrt, wo der Sprung zum größeren Schlachtschiff plötzlich alles ältere Material entwertete und damit, gerade das Stärkeverhältnis zwischen den Flotten zerstörte. Denn in dem größeren Typ konnte England z. B. nicht so schnell seine alte zahlenmäßige Ue.berlegenheit Herstellen, was sein Drängen auf baldige Kriegsentscheidung stark beeinflußte. 'Ebenso könnte es heute gehen, jedenfalls würden neue Riesenschiffe kaum in England nnd Amerika allein entstehen, und die Rüstungslasten der Welt müßten sich erneut drohend verstärken. Ein Schlachtschift von rund 45 000 Tonnen wird englischerseits auf 200 Millionen Reichsmark geschätzt.

Das treibende Motto ist natürlich hie Wieder­herstellung der Seeherrschaft der befreundeten angel­sächsischen Großmächte. Für die USA. steht die alte Forderung voran, im Stillen Ozxan die absolute Ueberlegenheit selbst auf

Neues für frei

Triibners Deutsches Wörterbuch. Im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft für deutsche Wortforschung herausgegeben von Alfred Götze. Achte Lieferung: Geschmeide Glaube. (Band 2, Lieferung 3.) Preis 1 Mark. Verlag Walter de Gruyter & Co., Berlin, 1938. (170) Das Wörterbuch macht erfreulich schnelle Fortschritte: die achte Lieferung ist schon erschienen, nachdem wir erst eben die siebente angezeigt hätten. Der schwie­rige Buchstabe G ist munprehr zu einem beträcht­lichen Teil seines starken Umfanges bewälttgt. Die neue Arbeitsmethode hat sich bewährt; die beiden anschließenden Lieferungen stehen, wie dem Vor­wort des Herausgebers zu entnehmen ist, kurz vor der Vollendung. Auch diesmal hat Professor Wolf­gang Stammler die Durchsicht und Ueber- arbeitung für den Druck geleistet. Die Wortge­schichten sind in der achten Lieferung großenteils bemerkenswert eingehend und umfangreich; auch der wissenschaftlich unbefangene Leser wird sich mit Genuß und Nutzen darin verttefen, Erfreulich reichhaltig ist das ausgeschöpfte Quellenmaterial; die Belege verweisen des öfteren auf Neuerschei­nungen der allerjüngsten Zeit. Wir möchten dies­mal die folgenden Beiträge hervorheben: geschmei­dig; Geschoß; Geschütz; Geschwader; Gesellschaft;- Gesicht; Gesinnung; Gespenst; Gestalt; gesund; ge­währen; Gewehr (mit 100 Belegen!); Gewerkschaft; Gewissen; Gewitter; Gift; Glas und glatt.

Hans Thyriot.

Gunther Haupt?Der Empörer. Das Leben Heinrich von Kleists. 278 Seiten mit einer Federzeichnung von Kleists Ruhestätte. Kartoniert 4,50 Mark, in Buckram-Leinen 5,40 Mark. Haube und Spenersche Buchhandlung Max Paschke, Ber­lin, 1938. (144) Dies ist die erste einer Reihe von Biographien großer Deutscher, welche, von Gunther Haupt, herausgegeben, bei Haude und Spener erscheinen sollen; so werden noch für dieses Jahr Lebensbeschreibungen von Arndt und Nietzsche angekündigt. Was Kleist betrifft, so ist die Zahl der Darstellungen und Deutungen seines Lebens und seines Werkes beträchtlich; Haupts Beschreibung ver­zichtet auf die Anführung der mehr oder minder .bekannten früheren Monographien, auch auf die

i Büchertisch.

Beigabe eines wissenschaftlichen Apparates, der den größeren Teil der Leser von vornherein abgeschreckf. haben würde, zieht aber dafür die Quellen heran, die für jede Lebensbeschreibung solcher Art immer von entscheidender Gültigkeit bleiben werden, die persönlichen Zeugnisse nämlich des Dargestellten, in diesem Falle die Dichtungen, Briefe und sonst über­lieferten Aeußerungen Kleists. Es geht Haupt in seiner Darstellung in erster Linie um ein Kleist-Bild vor dem Hintergründe und in den Zusammen­hängen seiner Zeit, gereinigt von den Mißverständ­nissen und Entstellungen psychoanalytisch verrannter Biographen, und mit ausgeprägter Betonung des politischen Gehaltes im dichterischen Gesamttverk. Dem in der Ankündigung des Verlages geäußerten Wunsche, es möge von diesem Buche eine neue Epoche der Kleist-Verehrung und der Kleist-Dar­stellung auf unseren Bühnen ausgehen, wird man sich um so nachdrücklicher anschließen, je ernstlicher man von der Notwendigkeit überzeugt ist, solche Jdealforderungen zll verwirklichen. Hans Thyriot.

Paul Wolfrum: Reiseland Süd­bayern. Mit 80 Kunstdruckbildern. Verlag Knorr & Hirth, München. Preis in Leinen 3,50 Mark. (165) Südbayern hat sich als Reiseland die Welt erobert. In diesem von dem Münchner Verkehrs­direktor Paul Wolfrum herausgegebenen Werk ist zum erstenmal mit der Schilderung von Natur und Kultur auch in weitestem Maße die Rücksicht auf die praktischen Bedürfnisse des Reisenden verbun­den. Wir lernen die Schönheiten der Ebene ken­nen, die sich nördlich von München zur Donau hin breitet, die Ufer der Seen und Flüsse und die stolze Gebirgswelt, die bodenständige Kultur und Theater­kunst. Von kundiger Hand werden wir durch die Städte Südbayern in die herrlichen Kirchenbauten, die Königsschlösser, die Museen und zu den Bau­ten des Dritten Reiches geführt. Von den Verkehrs­einrichtungen, von Autobahnen, Alpenstraße, Berg­bahnen, die das Reisen in Südbayern so bequem machen, wird berichtet. Weitere Beiträge zeigen die ungezählten Sportmöglichkeiten, Bäder und ihre Heilmittel. Die praktische Benutzbarkeit des Buches wird noch erhöht durch Verzeichnisse der Volksfeste, der Rodelbahnen, der Berggasthäuser und der Berg­

bahnen, ferner durch eine Uebersichtskarte und eint ausgezeichnete farbige Reliefkarte.

Potsdam. Ein Heimatbuch. Im Auftrage des Nationalsozialistischen Lehrerbundes (NSLB.) herausgegeben von Dr. Max P echs e , Kreissach­bearbeiter für Geschichte. 256 Seiten, über 35 Bil­der, 4 Pläne. Steif kart. 3 Mk., Ganzleinen 4,50 Mk. Ludwig Voggenreiter Verlag, Potsdam. (190) Das Buch schildert die Bedeutung und die Schön­heiten Potsdams, seine Geschichte von der Urzeit bis zur Gegenwart, seine Bau- und Kulturgeschichte. Die besten Kenner Potsdams haben hier ihre For­schungsergebnisse in klarer Form oorgelegt. Für die Jugend wird das Buch eine gediegene Einführung in die Geschichte Potsdams und Preußens über­haupt fein. Die vielen Deutschen, die alljährlich nach Potsdam kommen, werden gern zu diesem Buch greifen.

Neil M. Gunn:Früh flut". Roman. In Leinen geb. 4,80 RM. Verlag Albert Längen/ Georg Müller, München. (182) Diesem 'chot- tischen Dichter wurde als höchste literarische Aus-' Zeichnung des britischen Weltreiches kürzlich der

Du trügst mit Die Verantwortung < vor Den hommenDen Generationen,

tritt ein in Die NSV.!

James Tait Black Memorial Book Prize ver­liehen. 'Seine Erzählung spielt in jener einfachen großen, fast urweltlichen Landschaft, die durch das Meer ihr elementares Gepräge erhält. In einem der Fischerdörfer dort oben vollziehen sich die Ge­schehnisse, durch deren Gewalt der 12jährige Hugh, ein kleiner tapferer Bursche, aus der Verträumtheit seiner Jugend in den Alltag der Wirklichkeit hin­eingerissen wird. Das eine Mal ist es die Macht der aufgewühlten Elemente, in deren Toben die Fischerboote nach einer unheimlichen Sturmfahrt an den Klippen zu zerschellen drohen, das zweite Mal der Abschied des älteren Bruders, der auf Nimmerwiederkehr in die Welt hinausfährt, und das dritte Mal das Sterben der Mutter. Diese drei Ereignisse schließen Hugh das Tor zum Leden auf bis tief hinein jn die letzten geheimen Bezirke. Es ist eine ganz und gar unpathetische, aber in ihrer Wirklichkeitstreue dafür um so abgründigere Kunst, die sich hier ausspricht.

Else Steup: Miete erlebt Afrika. .In Ganzleinen geb. 2,85 Mark. Deutscher Verlag Berlin.' (89) In ihrem früher erschienenen BucheMiete will nach Afrika" erzählt Else Steup, wie unsere jungen Mädchen auf das Leben in Ucberfee vorbereitet werden.Miete erlebt Aftika" schildert nun die Erlebnisse der Schülerinnen unter deutschen Farmern in Arika. Miete fährt mit ihrer Freundin Sigrid nach Südwest. Ehe sie auf der Farm von Sigrids Vater ankommt, lernt sie große' Teile des Landes kennen. Die wechselvolle Schön­heit der herben Landschaft, das arbeitsreiche, harte Leben der Farmer, die unendliche Weite und Frucht­barkeit des schwarzen Kontinents die Fülle der fremden Eindrücke bezaubert das junge Mädchen. Und bald zeigt sie, daß sie auf der Kolonialschule viel gelernt hat.

Paul Schmitthenner: Das deutsche Soldatentum, Wesen, Entwicklung und Lei­stung.Schriften zur völkischen Bildung". Verlag Hermann Schasfstein, Köln. Preis drosch. 0,40 Reichsmark. (179) Der' badische Staatsmini­ster und Direktor des wehrgeschichtlichen Seminars an der Unioetfität Heidelberg, Professor Dr. Paul Schmitthenner grenzt in seiner neuen Arbeit das deutsche Soldatentum von dem anderer Volker ab und schildert es in seiner völkischen Besonderheit. Die beiden Hauptwurzeln, aus denen es in der neueren Zeit heroorgewachsen ist, die deutsche Wehrhaftigkeit und das allgemeinpolitische deutsche Schicksal werden nach Wesen und Entwicklung be­handelt und sodann das von ihnen in der neue­ren Zeit heroorgebrachte deutsche Soldatentum in den einzelnen Epochen seiner Geschichte in seiner Art und Leistung geschildert und gewertet.

Vor 60 Jahren.

Bismarck auf dem Berliner Kongreß.

Von Eugen Siebert.

Sechs Kriege gegen die Türkei hat Rußland ge­führt, um das sogenannte Testament Peter des Großen zu erfüllen und die Hagia Sophia 'in Kon­stantinopel mit dem russischen Kreuz zu zieren, im­mer wieder war es von England daran gehindert worden, und auch der sechste, der russisch-türkische Krieg von 1877/78, >st durch das Einschreiten Eng­lands in das Gegenteil eines Sieges verkehrt wor­den. Ruhland hatte, um dieslawischen Brüder" auf dem Balkan zu befreien, ungeheure Opfer gebracht, aber die russische Nachlässigkeit und Bestechlichkeit trugen zu einem erheblichen Teil die Schuld an den großen Aufwendungen. Auf dem Balkan wies zu­nächst Osman Pascha 1877 bei Plewna die russi­schen Angriffe zurück, der Schipkapaß und seine Kämpfe blieben lange im Gedächtnis der Zeit­genossen, aber am 10. Dezember mußte sich Osman Pascha mit 40 000 Türken nach monatelanger Be­lagerung Plewnas ergeben, am 9. Januar 1878 wurde der Schipkapaß den Türken entrissen und die Verteidiger gefangengenommen, am 22. Januar wurde Adrianopel, am 29. Januar bei Rodosto das Marmarameer erreicht. Die Russen rückten bis dicht vor Konstantinopel. '

Aber England wachte. Rußland hatte allein auf den europäischen Kriegsschauplätzen 172 000 Tote gelassen, es hatte eine halbe Milliarde Rubel aus- gegeben und war am Ende seiner Kraft. Die Ru­mänen grollten, da sie den Russen kräftig geholfen hatten, aber im Dorfrieden von San Stefano ge­zwungen worden waren, den Bulgaren Gebiete ab­zutreten Bulgarien machte den Hauptgewinn. Un­ter russischer Verwaltung sollte ein Großbulganen entstehen, das bis an das Ägäische Meer reichen sollte. Bulgarien sollte, das war Rußlands Absicht, eine russische Zitadelle auf dem Balkan werden. Die Türkei war durch den Frieden in zwei Teile zer­schnitten worden. Da ließ England 'seine Kriegs­flotte in das Marmarameer einlaufen, es zog in­dische Truppen nach Malta und drohte mit Krieg, wenn Rußland nicht den Vorfriedensoertrag e-nem Kongreß unterbreiten würde. In Moskau mußte man nachgeben, wenn man nicht in einem neuen Kriege einer Koalition Oesterreichs und Englands erliegen wollte. Schon der letzte Krieg hatte ge­zeigt, daß im russischen Verpflegungs- und Laza­rettwesen arge Mißstände herrschten. Das Volk war kriegsmüde, und Rußland stimmte daher dem.Vor­schläge ober vielmehr dem Diktat zu. Am 13. Juni 1878, also vor nunmehr 60 Jahren, trat der Kon­greß in Berlin unter dem Vorsitz Bis­marcks zusammen^ der alsehrlicher Matter" be­

müht war, Rußland nicht zu sehr den englischen Erpressungen auszuliesern, aber nicht verhindern konnte, daß nachher Rußland, das infolge der eng­lischen Drohung den Krieg vorzeitig beendet hatte, ihn mit Groll überhäufte. Damals ist das Band, das zwischen Petersburg und Berlin so viele Ge­nerationen hindurch bestand, durch verlogene rus­sische Demagogie geschwächt und nach der Amts­entlassung Bismarcks durch Nichterneuerung seines Rückoersicherungsvertrages mit Rußland endgültig zerrissen worden. Die Konstellation des Weltkrieges, die Rußland an der Seite Englands und Frank­reichs zeigte, ist damals entstanden.

Einige deutsche Geschichtsforscher haben Bismarck den Vorwurf gemacht, nicht aktiv gegen Rußland in den Krieg eingegriffen zu haben. Aber Bismarck war weit von solchen Präventivkriegsgedanken ent-, fernt. Er erinnerte daran, daß während des Krim­krieges Preußens Neutralität unter schwerem west? lichem und russischem Druck gestanden hatte, er be­fürchtete, ein geschlagenes, revanchelüsternes Ruß­land werde eine ständige Gefahr für Europa wer­den. Was die Zukunft bringen würde, das war eine Angelegenheit der kommenden Generation. Er war zufrieden damit, den Frieden zu sichern. Als die führenden Staatsmänner ganz Europas im Juni .nach Berlin kamen, war der Wandel der Zeiten recht sinnfällig geworden. Die Beschlüsse des Pariser Kongresses nachdem Krimkrieg, im Jahre 1856, standen unter dem Schatten des Lichtes Na­poleons III.; damals war Frankreich Herr Europas. Jetzt war das neue Deutschland im Aufstieg, und Bismarck paßte die Bestimmungen des Pariser Kon­gresses den veränderten Verhältnissen an.

Sieben Nationen hatten zu jhm ihre Vertreter entsandt. .Aus England kamen der Premierminister Lord Beaconsfield und der Außenminister Lord Salisbury sowie Lord Odo Rüssel, aus Frankreich Außenminister Waddington und Graf St. Ballier, aus Italien Außenminister Corty und Graf de Lau­nay, aus Oesterreich der Minister des Auswärtigen, Graf Andrafsy, ferner Graf Carolyi und Baron Haymerle, aus Rußland Reichskanzler Fürst Gor- tfchakoff, Graf Peter Schuwaloff und Freiherr von Oubril und schließlich aus der Türkei Karatheodory, Mehemet Ali und Sadulla Bey. Deutschland -war durch Bismarck vertreten, ferner durch den Staats­sekretär des Auswärtigen von Bülow, dem Baker des späteren Reichskanzlers und durch Fürst Hohen­lohe. Die Empfänge und Festlichkeiten währenddes Kongresses beschränkten sich auf das gewohnte preu­ßisch-sparsame Maß. Unangenehm fiel der russische

Reichskanzler Fürst Gortschakoff auf, eine gezierte, greisenhafte Persönlichkeit von ungeheurer Eitelkeit, die es nicht verwinden konnte, daß Bismarck, in dem er seinen diplomatischen Schüler sah, ihn glatt überspielt hatte.

Der Verlaus des Kongresses braucht hier im ein­zelnen nicht geschildert zu roerSen. Zwischen dem 21. und 24. Juni mußte Rußland unter englischem Druck auf seine Schöpfung eines Groß-Bulgarien verzichten und sich mit einem Bulgarien nördlich des Balkan zufrieden geben, der südliche Teil jenes Neu­bulgarien sollte als Ostrumellen unabhängig von Rußland organisiert werden und die Türkei we­nigstens südlich des Balkans als lebensfähige Macht erhaltenbleiben. Dagegen erhielt Rußland1 zwei Konzessionen. Einmal wurden die Donaubefestigun- gen einschließlich Varnas geschleift und Bulgarien übergeben, und bann erhielt biefes Fürstentum auch seine Hauptstadt Sofia. Gortschakoff roat gegen diese Konzessionen .Rußlands, die aber auf Antrieb Schuwaloffs, eines persönlichen Freundes Bis­marcks, angenommen wurden. Am 26. Juni erschien Gortschakoff, der eine diplomatische Krankheit über­wunden hatte, weil der Zar und Schuwaloff gegen seinen und der panslawistischen Partei Widerstand ihren Willen durchgesetzt hatten, wieder im Kon­greß und drechselte Sätze wie:Ich glaube, nie­mand wird den Ruhm der russischen Armee, welche die glänzendsten. Siege errungen hat, in Frage stel­len, aber Rußland wünscht, daß es offenkundig sei, daß es die'Lorbeeren des Sieges, die mit dem kost­barsten Blute errungen sind, gegen die Palme des Friedens vertauschen mochte", worauf der englische Premier Lord Beaconsfield den Fürsten Gortscha­koff folgendermaßen apostrophierte:Ich bin über­zeugt, der Dolmetscher der Gefühle aller zu sein, wenn ich der tiefen Bewunderung Ausdruck gebe, welche ich für die Worte meines edlen und er­suchten Freundes und die Weise hege, in der er den wahren Gesinnungen seines Landes Ausdruck ver-. liehen hat. Ich bin glücklich in dem Gedanken, daß es der Wunsch nach Frieden war, der die Entschlie­ßungen Rußlands in den letzten Beratungen gelei­tet hat."

Am 28. Juni übertrug der Kongreß auf den for­mellen Antrag Englands Oesterreich die Besetzung und Verwaltung der Herzegowina, die Türkei pro­testierte hiergegen. Fürst Gortschakoff erklärte pur et simple seine Zustimmung zum englischen An­trag. Deutschland bewahrte Schweigen. Als die Türkei Einwendungen machte, erhob sich Fürst Bis­marck und forderte die türkischen Bevollmächtigen auf, neue Instruktionen einzuholen, die mit dem ein­mütigen Willen des Kongresses übereinstimmten. Ein süddeutsches Blatt schrieb damals:Oesterreich geht nach Osten, xes legt sich nach dem Beispiele Rußlands auf der Balkanhalbinsel fest und verliert natürlich qn Bedeutung und Aktionsfähigkeit für die I eigentliche europäische Politik", und schließlich wird gesagt, eigentlich habe Oesterreich nur für Ser-1 bien gearbeitet Das waren die Worte eines wirt;1

lichen Propheten. Die griechische Frage wurde nach den Wünschen Englands entschieden, Rumänien mußte, da es von allen Mächten im Stich gelassen wurde, auf B.eßarabien zugunsten Rußlands ver­zichten, dagegen erhielt es die Dobrudscha. Serbien erhielt Nisch, Montenegro Nicsich und alle drei wur­den für unabhängig erklärt. Das türkische Latum wurde schließlich an Rußland abgetreten. Damit waren die eigentlichen Ausgaben des Kongresses er­ledigt

In 64 Artikeln wurden am 13. Juli die Kon­greßbeschlüsse zusarnmengesaßt, aber der Kongreß selbst wurde zu einer Quelle immerwährenden Aer- gers für den Kanzler. Die Wut über die durch eigene Ungeschicklichkeit verursachte Niederlage der Russen machte sich in einer wüsten Deutschenhetze ßuft, obgleich Fürst Bismarck versicherte, er habe sich auf dem Kongreß gleichsam als russischer Be­vollmächtigter gefühlt und alle russischen Anträge ynterstützt. Die Russen nahmen sofort Truppenver­schiebungen in Polen vor, der Panslawismus der Kattkow und Aksakow wurde Modesache und Be­ziehungen zu Frankreich und Italien wurden an- geknüpft. Ein naiver Brief des Zaren Alexander II. an Kaiser Wilhelm I. vom 15. August 1879 ver­langte sogar, daß Deutschland in allen Kommissio- nen, die zur endgültigen Regelung der nur in gro­ben Zügen geordneten Balkanangelegenheiten ein­gesetzt würden, von vornherein den russischen Stand­punkt ohne weiteres unterstützen sollte. Das wäre eine Abhängigkeit von Rußland gewesen, die sich Deutschland niemals gefallen lassen konnte. Zudem lehnte es Rußland ab, den Verbleib der Reichs­lande Elsaß-Lothringen beim Deutschen Reich zu garantieren!

Alle diese Momente bewogen Bismarck, als Ge- gengewicht das Bündnis mit Oesterreich- Ungarn zu erstreben. Kaiser Wilhelm I., ausge­wachsen in der traditionellen Freundschaft mit dem Zarenhaufe, war dagegen bemüht, einen Bruch mit Rußland zu vermeiden. Am 3. und 4. September besuchte er Alexander II. in Ale-Kndrowo, der Zar gab dem Oheim gegenüber zu, daß sein Bries mit seiner drohenden Sprache eineDummhest" gewesen sei, und das bestärkte den deutschen Kaiser noch in den Bedenken gegen das Bündnis. Aber schließlich siegte der Kanzler, der immer wieder auf die Un­zuverlässigkeit und Undankbarkeit Rußlands hm- wies. Vom 7. Oktober 1879 datierte das deutsch- osterreichische Bündnis, über bas Bismarck in feinen Gedanken und Erinnerungen" das Urteil fällfe: "Die Haltbarkeit aller Verträge zwischen Groß­staaten ist eine bedingte, sobald' sie in den Kampf ums Dasein auf die Probe gestellt wird. Keine große Nation wird je zu bewegen fein, ihr Be- ftehen auf dem Altar der Vertragstreue zu opfern, wenn sie gezwungen ist, zwischen beiden zu wäh- leu.. Trotzdem haben wir 1914 zu dem Bündnis gestanden aus dem Gefühl heraus, Oefter» reidjs Großmachtstellung im eigenen Interesse nicht aufs Spiel.setzen zu dürfen.