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Hr.68 Zweites Blatt

Oienstag, 22. Marz 1938

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Aus der Stadl Gießen.

Höhlenbrüter suchen Wohnung.

Wo stehen heute noch alte Bäume, in deren morschen Stamm der Zimmermann Specht für sich und andere Höhlenbrüter Nester klopfen kann? Wo sind an Feldrainen noch Hecken und im Wald Unterholz geblieben, das den Strauchbrütern natür­liche Nistgelegenheiten bieten könnte? Nur selten sind sie zu finden. Die fortschreitende Kultivierung des Landes fordert die Rodung der morsch geworde­nen Bäume, der Hecken und des Unterholzes. Aber in eben dem Maße, in dem sie vor sich getyt, werden die Lebensbedingungen vieler heimischer Vögel beschnitten. Sie können ihre Zahl nicht mehr vermehren, werden zurückgedrängt und würden schließlich aufhören, den Menschen zu nützen, wenn wir ihnen nicht Hilfe brächten.

Und dazu ist es jetzt Zeit. Nun wird der Vogel­zug einsetzen. Die Winterreisenden unter unseren Vögeln werden heimkehren und mit den winter­treuen ans Brutgeschäft gehen wenn wir ihnen Nistgelegenheiten schaffen. Sonst ziehen sie weiter! Um die Strauchbrüter brauchen wir uns in diesen Wochen noch nicht so zu kümmern, dafür um so mehr um die Höhlenbrüter. Für sie müssen wir Nisthöhlen oder Nistkästen aushängen.

Nisthöhlen sind wohl das natürlichere, da sie den Höhlen, die der Specht zimmert, nachgebildet sind. Die Selbstherstellung bereitet jedoch allerhand Schwierigkeiten. Daher kauft man sie entweder im Handel (sie sind sehr billig), oder man nimmt Nist­kästen, die leicht herzustellen sind und von den Vögeln ebenso gern bezogen werden wie Höhlen.

Aus einem wenigstens 18 Millimeter starken Brett (innen rauh, außen gehobelt) sind sie schnell zusammengenagelt. Man muß nur annähernd wissen, für welchen Vogel sie bestimmt sind, damit man die Maße richtig wählt. So soll ein Meisen- kasten eine Grundfläche von 12 mal 12 Zentimeter, eine Höhe von 20 Zentimeter, einen Fluglochdurch­messer von 3,2 Zentimeter und einen Abstand des Fluglochs vom Dach von 4 Zentimeter haben. In ein solches Haus werden dann auch Kleiber, Baum­läufer, Trauerfliegenschnäpper, Gartenrotschwanz, Wendehals und kleiner Buntspecht einziehem

Meister Star verlangt schon ein geräumigeres Heim. Es soll eine Grundfläche von 15 mal 15 Zentimeter, eine Höhe von 25 Zentimeter, einen Fluglochdurchmesser von 5 Zentimeter und einen Abstand des Fluglochs vom Dach von 4 Zentimeter haben. Für Rotschwänze, Bachstelzen und graue Fliegenschnäpper baut man den Kasten 12 Zenti­meter breit, 12 Zentimeter tief und 12 Zentimeter hoch. Die 12 Zentimeter breite Vorderöffnung wird aber nur zur halben Höhe durch ein 6 Zentimeter hohes Brettchen abgeschlossen.

Alle diese Vogelhäuser sollen an der Seite eine Oeffnung haben, damit man sie reinigen und die unerwünschte Sperlingsbrut entfernen kann. Außen versieht man sie zweckmäßig mit einem Anstrich, und das Dach benagelt man mit Pappe. Dann kann auch der Regen nicht eindringen. Zwei Bohr­löcher von 5 Millimeter Durchmesser im Boden sorgen außerdem für den Abflllß des Wassers aus dem Innern.

Von diesen Kästen kann man getrost 12 für Meisen, 12 für Stare usw. je Hektar Gartenland anbring-en, wenn der Gehölzbestand gut ist. Nur sollen sie nicht zu nahe beieinander hängen; das stört nämlich die Vögel beim Brüten. Auch sollen sie nicht gar zu hoch in der Baumkrone wippen; für Meisen genügt ein Abstand vom Boden von 2 bis 4 Meter, für Stare von 3 bis 6 Meter. Wichtig ist nur, daß sie ka-tzensicher hängen und schräg nach vorn geneigt sind, damit es nicht zum Flugloch hineinregnen kann.

7000 Privatquartiere für Sänger.

Quartiermacher für das Gau-Sängerfest in Gießen sind unterwegs.

Den Vorbereitungen für das 3. Hessische Gau­sängerfest, das in der Zeit vom 8. bis 11. Juli in Gießen abgehalten und viele Tausende Gäste nach Gießen bringen wird, galt eine Sitzung des Woh­nungsausschusses am gestrigen Montagabend im Schipkapaß".

Der Vorsitzende des Wohnungsausschusses Adam Urhan ging zunächst auf die kulturelle und wirt­schaftliche Bedeutung dieses Festes für die Stadt Gießen ein. Vor allem hob er hervor, daß von ihm ein neuer Auftrieb des Sangeslebens in der alten Sängerstadt Gießen erwartet wird.

Das Festprogramm gab er wie folgt kurz an: Am Freitag, 8. Juli, findet in der Volkshalle ein Begrüßungsabend statt, bei dem die Gesangver­eine von Gießen und Umgebung mitwirken. Am Samstag, 9. Juli, wird der Gau-Sängertag abge­halten. Um die Mittagszeit wird das Gau-Banner, das die Darmstädter in Verwahrung haben, in Gie­ßen eingebracht. Nachmittags finden Sonderkonzerte von 2500 auswärtigen Sängern statt. Am Abend wird die Hauptaufführung der KantateHeiliges Vaterland" erfolgen. Sonntags singen die Sänger in den beiden evangelischen Kirchen. In der Volks­halle wird das OratoriumDie vier Jahreszeiten" aufgeführt. In den Straßen werden Gruppen von Vereinen Volkskonzerte geben, am Nachmittag tre­ten die hessischen Sänger mit einer großen Kund­gebung für den deutschen Männergesang an die Öffentlichkeit. Von hier aus marschieren sie zur Volkshalle, wo ein Volksstück des Heimatdichters Georg Heß zur Aufführung gelangt. Der Montag bringt ein Volksfest und den Ausklang.

Für die gute Durchführung dieses Festes ist die Quartierbeschaffung eine der wichtigsten Aufgaben. Unsere Gießener Hotelverhältnisse sind unzureichend. Massenguartiere würden zu teuer kommen. Deshalb wenden sich die Sänger an die Gießener Bevölkerung mit der Bitte um Bereitstellung von Nachtquartieren. Der Ober- biirgcrmeister hat bereits in einem Aufruf diese Bestrebungen unterstützt. Es werden rund 7 000 Privatquartiere benötigt. Jeder Volks­genosse, der in der Lage ist, eine wohnliche Unter­bringung zur Verfügung zu stellen, wird gebeten, dies den Quartiermachern, die in diesen Tagen mit ihrer Arbeit beginnen, anzugeben. Die Festleitung wird für eine Uebernachtung mit erstem Frühstück einen noch festzusetzenden Einheitsbetrag von vor­aussichtlich 2 RM. gewähren, der nach dem Feste gegen Rückgabe der Quartierkarte erstattet wird. In erster Linie werden die Quartiere für die Nacht zum Sonntag, 10. Juli, benötigt. Wer für zwei Nächte Quartier stellen kann, gebe dies den Quar­tiermachern an. Es wird weiterhin gebeten, den Quartiermachern bereitwilligst Auskunft zu ertei­len, ob die Möglichkeit für ein kostenloses Mittag­essen besteht, um bedürftigen Sängern die Teil­nahme zu erleichtern. Die Stadt ist zur Erfassung der Privatquartiere in Bezirke eingeteilt, so daß kein Haushalt übergangen werden wird. Den Wünschen nach Aufnahme bekannter oder ver­wandter Sänger und Sängerinnen wird nach Mög­lichkeit entsprochen, wenn diese Sänger bei den Quartiermachern vorgemeldet werden.

Kyffhäuier-Gchießleiter iagien in Gießen.

Am Sonntagvormittag fand imBayrischen Hof" in Gießen eine Besprechung der Kameradschafts­schießleiter des Kreisverbandes Gießen im Deut­schen Reichskriegerbund Kyffhäufer über die Durch­führung des Schießens innerhalb der Kamerad­schaften statt. Zu dieser Zusammenkunft mar auch der Kreisführer Dr. M o n n a r d mit seinem Adjutanten Weber und dem Kreisgeschäftsführer Glebe erschienen.

Der Kreisschießwart Kamerad Hanf begrüßte die Kameraden nur einige Kameradschaften hatten keine Vertreter entsandt und gab einen kurzen Bericht über die Kreisschießleitertagung in Fulda. Weiter sprach er über die Schützenversicherung und gab bekannt, daß für die Folge die Patronenver­teilung nach der Zahl der am Schießen teilnehmen­den Schützen erfolgen soll.

Kreisfuhrer Dr. Monnard gab seiner Freude darüber Ausdruck, daß nach einer Mitteilung des Oberkommandos der Wehrmacht der Zusammen­schluß aller Soldatenverbände im Deutschen Reichs­kriegerbund Kyffhäufer erfolgen soll, was lebhaften Beifall auslöste, und bat die Kameraden, die noch fernstehenden ehemaligen Soldaten dem Reichs­kriegerbund zuzuführen. Weiter sprach er über die Durchführung des Schießens in den Kamerad­schaften, und er teilte dabei mit, daß nach einer Besprechung mit der Bannführung der Hitler- Jugend die HI. bei den Kameradschaften im Schießen ausgebildet werden soll. Hierauf über­reichte er mit ehrenden Worten an drei verdiente Schützen: Wilhelm Jacobi, Leihgestern (161 Ringe), Heinrich Wendel (152 Ringe) und Philipp D a m m XI. (164 Ringe), beide von Reis­kirchen, die große goldene Schützenehrennadel, dem Kameraden Glaub, Reiskirchen, die goldene Ehrennadel des Kyffhäuserbundes für 50jährige Mitgliedschaft.

Der HJ.-Stellenleiter für Leibeserziehung im Bann 116, Raabe, Gießen, sprach in längeren Ausführungen über die Schießausbildung der HI. und gab ferner bekannt, daß die HI. beim Schießen in Nürnberg eine Durchschnittsringzahl von 10,5, eine beachtenswerte Leistung, erzielt habe. Alles Nähere wird er mit den einzelnen Kameradschaften besprechen.

Nachdem der Kreisschießwart noch bekanntgemacht hatte, daß das Bundesschießen am 3. Juli statt­findet, und der Geschäftsführer kurze Erläuterun­gen zu den Kreisbefehlen gegeben, erfolgte die Ausgabe von Patronen an die einzelnen Kamerad­schaften.

Kreisführer Dr. Monnard schloß hierauf die Tagung in der üblichen Weise.

Dornotiren.

Tageskalender für Dienstag.

Stadttheater: 20 bis 22.45 UhrWilhelm Tell". Gloria-Palast (Seltersweg):Zwei gute Kame­raden." Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): Rote Rosen, blaue Adria." Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brand.

Großer bunter Abend zugunsten der Winterhilfe.

Die Intendanz des Stadttheaters veranstaltet am Donnerstag, 24. März, um 20 Uhr, zugunsten der Winterhilfe einen großen bunten Abend. Der Abend bringtEine Fahrt ins Blaue", Frühlingszug im 100-Kilometer-Teinpo mit bunten Stationen. Fahrt- dienstleiter sind: Hans Geißler und Karl-Ludwig Lindt. Für die Musik während der Fahrt sorgen: Heinz M a r k w a r d t und Joachim P o p e l k a. Vergnügungsbeamte: das Solopersonal, die Tanz­gruppe, der Chor des Stadttheaters und das

städtische Orchester.Eine Fahrt ins Blaue" findet außer Miete statt. Ende 22 Uhr.

WiederholungWilhelm Tell" im Sladlthealer.

Heute um 20 Uhr findet im Stadttheater eine Wiederholung des SchauspielsWilhelm Tell" von Schiller statt. Spielleitung Hermann Schultze- Griesheim, Bühnenbilder Karl Löffler«

Wiederholungsübung

zum Reichssportabzeichen am 24. April

DNB. Wie die NSK. mitteilt, finden die wegen der bevorstehenden Reichstagswahl verschobenen Wiederholungsübungen zum SA.-Sportabzeichen nunmehr endgültig am 2 4. April statt.

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Frühlingsblumen in jedem Betrieb!

NSG. Zehn Blumen wollen Einzug halten in die Betriebe Hessen-Nassaus. Kunstvoll sind sie gedreht, geschnitzt und bemalt von den Elfenbeinschnitzern im Odenwald. Am 26. und 27. März werden die Män­ner der Deutschen Arbeitsfront sie auf allen Stra­ßen und in allen Betrieben bei der sechsten und letzten Reichsstraßensammlung für das Winterhilfs­werk des deutschen Volkes 1937/38 anbieten. Walter und Warte der DAF., Betriebsführer, Werkschar­männer und -führer fordern wieder im freiwilligen Einsatz das Opfer eines jeden Volksgenossen. Chöre, Musik- und Fanfarenzüge der Werkscharen rufen jeden zum Geben auf. KdF.-Sportler, Sing- und Volkstanzgruppen setzen sich an diesem Tag ein. Der Marschtritt von Werkscharen mahnt, zur letzten Straßensammlung doppelt zu geben. Die Parole am nächsten Samstag und Sonntag lautet: Früh­lingsblumen in jedem Betrieb!

Reizvolle Blumen werden hergestellt. (Aufn.: DAF.)

Gchwedenpunsch und Seemannsliebe.

Don Walter Sperling.

Wer die beiden Vettern Einar und Axel Gun- narson die Borgaten in Malmö entlangschlendern gesehen hätte, wäre nicht auf den Gedanken gekom­men, daß sich beide todfeind sind und nur dank ihrer verwandtschaftlichen Beziehungen davon absahen, sich gegenseitig die werten Köpfe einzuschlagen. Der Grund' allen 'Haders war, wie immer, wenn auf dieser Welt etwas .Menschliches schief geht, ein Mädchen. Das hatte schwedenblondes Haar, war stets propper und hörte auf den sogar für Matro­senohren wohlklingenden Namen Jngeborg Eng- ström.

Einar und Axel Gunnarson waren beide mit glei­chem Eifer hinter ihr her, und es schien, daß sie Einar lieber mochte als Axel. Das verdroß den Verschmähten mächtig, denn für ihn war Einar die Dummheit in Person, und er konnte das Mädel nicht begreifen, das keine Augen für seine eigenen Qualitäten zu haben schien.

Axel Gunnarson, mit mäßigen Geistesgaben ge­segnet wovon er aber nie etwas hören wollte, hatte lange seinen harten Schädel zerquält, wie er es anstellen müßte, um fein Ziel doch noch zu erreichen und kam auf die Idee, den anderen von Schwedens grünen Gestaden verschwinden zu las­sen; eine Aktion, von der er sich viel für sein Lie­besglück versprach, und die ihm sehr leicht schien, wenn er an Einars stadtbekannte Beschränktheit dachte.

Einar und Axel bogen jetzt von der Borgaten in die Storgaten ein, und über Einars Stoppelgesicht, in dessen Mundwinkel die kurze Pfeife hing, von der böse Zungen behaupteten, daß sie diesen Platz selbst nachts nicht verlasse, breitete sich ein freundliches, bevorstehende Genüsse anmeldendes Grinsen. In der Storgaten, ganz unten am Ende, wo man schon die im Wasser schaukelnden Boote sieht, wo das Tuten der Dampferpfeifen in den Ohren dröhnt, ist Peddersens Bar; eine halbe Treppe im Keller, ein beliebter Winkel, wo man bei Punsch und anderen die Heiterkeit fördernden Wässern seine Sorgen abladen kann.

Na, da wären wir ja", brummte Axel.

Na ja", brummte Einar zurück. Sein Kopf schaute mit unnachahmlich teilnahmslosem Gesicht aus dem dicken Sweaterkragen.

Wollen mal sehen, ob Engdahl da ist, nicht?" fing der erste wieder an.

Engdahl war Heuerbas, und Peddersens Bar war sein Vergnügungslokal und Büro zugleich.

Einar sagte gar nichts, und dann stolperten die beiden die ausgetretenen Granitstufen hinunter, öffneten die Butzenscheibentür und standen in dem niedrigen Schankraum. Aus einem Nebenzimmer war gewaltiges Gebrüll vernehmbar, denn der Heuerbas war gerade dabei, einen Heizer für die Arild" herumzukriegen ...

Einar und Axel hatten schweigend an einem der klobigen Tische Platz genommen. Einars Fäuste ruhten nach wie vor in den unergründlichen Tiefen seiner Hosentaschen, und die Rechte kam erst zum Vorschein, als er das schwere Gußglas auf dem Tisch stehen sah, in dem sich wundertätiger Punsch schaukelte.

Krachend stellten die beiden die Gläser auf den Tisch zurück. Schweigend hatte sie Axel wieder ge­füllt.

Da ist doch die »Arilds nicht?" fing Axel wieder an.

Na, und?" grunzte Einar.

Ich meine man bloß."

Schweigend gossen die beiden den neuen Inhalt der Gläser hinunter.

Du hast doch lange nichts gehabt, Einar, das wäre doch was."

Im Nebenzimmer war der Krach zum orkan­artigen Tosen angeschwollen.

Ich fahr nicht", brummte Einar,fahr du! Mir gefällt es hier." Behaglich lehnte er sich zurück und ließ es gerne geschehen, daß Axel die Gläser von neuem füllte. Glas auf Glas gluckerte zu dem llebrigen, und es schien den Vettern, als weite sich Peddersens Bar zu einem riesigen Saal, um sich sofort wieder zu einer niedlichen Schachtel zu verkleinern; bedrohliche Visionen, die durch immer neue Punschspülungen verwischt wurden.

Axel rückte schon gesprächiger näher, und Einar ging bereits so weit aus seiner Reserve heraus, daß er dem anderen die Arbeit des Einschenkens ab­nahm. Der Krach von nebenan war jetzt für die Ohren der wackeren Zecher nur als lindes Säuseln vernehmbar. Die Dinge im Raum begannen zu schaukeln, genau wie im Logis eines schlingernden Frachters, bei Windstärke 8.

Einar und Axel Gunnarson tranken und um­armten sich abwechselnd, und wie von ungefähr kramte Axel ein Formular aus seiner speckigen Wachstuchtasche, hervor und begann wieder, dem vor sich hinlallenden Einar die Vorzüge einer vier- monatigen Seereise auf der unter Dampf liegenden ,Arild< auszumalen.

Dann steckte er dem in überirdischen Gefilden schwebenden Einar einen violetten Tintenstift in die Faust und deutete mit seinem von mannig­fachen Ereignissen zernarbten Finger auf die Stelle des Heuerscheins, wo Einar seine Firma hinsetzen sollte.

Von draußen scholl der Lärm des nahen Hafens herüber, und das schien in Einars Schädel die Er- mnerung an Dinge wachzurufen, denen er fürder­hin aus dem Wege zu gehen, sich fest vorgenommen hatte. Schwer schaukelte sein massiver Oberkörper hin und her', und dann haute er den Stift auf den Tisch und bedeutete dem anderen, daß er doch des Schreibens unkundig sei, was er, Axel, doch genau wisse, und Kreuzchen mache er nicht. Hupp...

Schreib du für mich und bann ist gut Pedder- sen, Peddersen, noch eine auf meine Rechnung!" brüllte er.

Als Peddersen die helle Flasche auf den Tisch stellte, sah er, wie Axels ungelenke Finger ein Ge­bilde aufs Papier setzten, das nur Eingeweihte als: Gunnarsen entziffern konnten.

Als Engdahl später' in die große Gaststube trat, waren von den beiden nur Axels große Beine zu sehen, die unter dem Tisch hervorragten. Einar war verschwunden. Neben Axel lag der unter­schriebene Heuerschein.

Welcher von den beiden Halunken hat. ihn unter­schrieben?" fragte Engdahl, als er ihn aufhob. Einar wollte doch heute mit, sagte mir Axel!"

Na, Axel hat ihn unterschrieben ich hab es selbst gesehen", bestätigte der Wirt.

So ein Saufkopp", spuckte Engdahl, als man den schnarchenden Axel packte und zum Hafen hinunter­trug, auf dieArild", um ihn im Logis zu ver­stauen ...

Erst zwei Monate später erfuhr Axel in Reval von der mittlerweile vollzogenen Trauung Einar Gunnarsons mit besagter Jngeborg Engstrom.

Zeitschriften.

Ein Volk wird frei" betitelt sich der erste Bildbericht von der Machtergreifung des National­sozialismus in Deutsch-Oesterreich in derIltu­st r i r t e n Zeitung Leipzig". Der Tag von Linz, der Einmarsch der deutschen Truppen, der Ju­bel der Bevölkerung, die Proklamation des Füh­rers, die Rede des Führers und Dr. Seyß-Jnquarts in Linz, alle diese welthistorischen Daten und Er­eignisse sind in hervorragender Weise gewürdigt. Eine sinnvolle Ergänzung zu dem Bericht aus Deutsch-Oesterreich bildet der BeitragDas Jahr der Volkserhebung", der zur Erinnerung an die preußische Erhebung 1813 veröffentlicht wird. In lebendigem Zusammenhang mit den Veröffentlichun­gen über Deutsch-Oesterreich steht auch die ein­drucksvolle BildseiteTiroler Bauernschlag". Aus dem weiteren Inhalt verdient der fesselnde Bild­berichtDie Reichs-Reiterführerschule der SA. in Düppel" besondere Hervorhebung. Unter dem Titel Die deutsche Gralsburg" werden Bilder von der Ruine Wildenburg im Odenwald gezeigt.

Schicksale eines Bildes.

Seit über dreißig Jahren hing das Oelbild eines eleganten Herrn aiis der Zeit der Französischen Re­volution fast unbeachtet an einer Wand in einem Landhause in Südengland. Der Besitzer hielt wenig davon, bis er eines Tages in einer Buchkritik über ein neu erschienenes WerkDer Blutprinz", eine Biographie des Herzogs von Orleans, der als Philippe Egalite bekannt geworden ist, eine genaue Abbildung seines Bildes entdeckte. In der Bespre­chung war gesagt, daß das Porträt die Wiedergabe eines berühmten Gemäldes von Reynolds sei, und als sich der Besitzer des Bildes das Buch kommen ließ, fand er die Angabe, daß das Originalgemälde zerstört fei. Er wandte sich darauf an den Verfas­ser des Buches, Evarts Scudder, der ihm mitteilte, daß der Herzog von Orleans im Jahre 1785 nach London gekommen sei, um sich von Reynolds malen zu lassen, und daß das Porträt von dem Herzog dem Prinzen von Wales geschenkt worden sei und im Carlton House gehangen habe. An dem Tage aber, als der Prinz erfuhr, daß Philippe Egalite in Paris dafür gestimmt hatte, daß sein Vetter, der französische König, auf die Guillotine geschickt wurde, riß er, wie berichtet wird, das Porträt von der Wand und zerstörte es. Als man das neuentdeckte Bild näher untersuchte, entdeckte man Anzeichen einer Beschädigung an der rechten unteren Ecke. Da man es für eine Uebertreibung halten mußte, daß ein einzelner Mann ein so großes schweres Bild völlig zerrissen haben sollte, so erhob sich die Frage, ob das Bild nicht doch das oerlorengeglaubte Original war, zumal festgestellt werden kannte, daß es lange nach der Zeit, in der die Geschichte von seiner Zerstörung spielt, öffentlich zu sehen gewesen ist. Eine neue Schwierigkeit erhob sich, als man darauf hinwies, daß ein Bild, das das Original von Reynolds fein soll, im Buckingham Palast hängt. Es wurde aber festgestellt, daß dieses durch Feuer so schwer beschädigt worden ist, daß nur noch wenig von dem ursprünglichen Zustand erhalten ist. Wel­ter fand man in einem Katalog einer Versteigerung von Werken von Sir Thomas Lawrence bei' Cbri- ftie im Jahre 1831 ein Porträt des Herzogs von Orleans von Reynolds angeführt,das im Carl­ton House zerstört wurde". Der Name des Käufers, Evans, war mit Bleistift am Rande vermerkt, uni) tatsächlich entdeckte man an dem neuen Bilde auf der Rückseite die Katalognummer und kaum noch leserlich den Namen Elvans. Der Besitzer hofft also noch immer, daß fein Bild das Original von Rey­nolds ist, das natürlich einen außerordentlichen Wert darstellen würde; aber selbst wenn es nur eine Kopie von Lawrence wäre, könnte er sich beglück­wünschen. Das Bild befindet sich jetzt in London und wird von Sachverständigen untersucht.