Ur. 298 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Mittwoch. 21 Dezember (938
Aus der Stadl Gießen.
Wintersonnenwende.
U^jlser deutsches Wesen, unser Sehnen, tritt uns am reinsten in den Volksmärchen und in den Heldensagen entgegen. Sie sind die Spiegelbilder unserer Vorfahren. Wir verstehen voll und ganz die alte nordische Sehnsucht nach der Sonne, verstehen die Freude, die unsere Ahnen empfanden, wenn die Sonne wieder ihren Aufstieg begann. Tief im Herzen besaßen sie den Glauben an den Sieg des Guten.
Da stehen vor uns die vertrauten Gestalten des deutschen Volksmärchens: Rotkäppchen, Dornröschen, Aschenputtel und viele andere. Sie erlagen vorübergehend im Kampfe gegen die bösen Mächte, aber um so herrlicher war ihre Wiederkehr. Für hundert Tage verschwindet die Sonne in den nordischen Ländern, und hundert Fahre mußte Dornröschen schlafen, bis es vom Königssohn geweckt wurde. Der Tag siegte über die Nacht, das Gute über das Böse.
Nun kommt das Sonnwendfest. Wir stehen wieder — wie unsere Vorfahren — am brennenden Gedentt der hungernden Vögel. Holzstoß. Es ist nicht nur ein Freudenfeuer. Der brennende Holzstoß bedeutet uns mehr. Bei seinem Anblick fühlen wir die Verbundenheit mit unseren Vorfahren. Wie es für sie Stunden der Andacht waren, so soll es auch bei uns sein: Stunden der Einkehr, der ernsten und stillen Versenkung in Vergangenheit und Gegenwart.
Aber auch mahnen soll uns das Sonnwendfeuer an die Verpflichtungen dem deutschen Volke gegenüber. Wir haben alle ein Fahr großer deutscher Geschichte erlebt, wie es nur wenigen Geschlechtern vor uns beschieden war. Die deutschen Brüder in der Ostmark, die Sudetendeutschen konnten zum Reich zurückkehren. Ein solches Fahr vergißt man nicht. Und im Scheine des brennenden Holzstoßes soll uns das von neuem mit Stolz erfüllen. Zu gleicher Zeit aber wollen wir geloben, in alle Zukunft auszuharren, unferrn Volke zu dienen und allen in Not geratenen Brüdern zu helfen.
Fn diesem Sinne müssen wir das Sonnwendfest begehen. Es muß uns zum inneren Erlebnis werden.
Zum Himmel soll'n die Flammen schlagen, unfern Glauben zu den Sternen tragen. H.
Domotizen.
Tageskalender für Mittwoch.
Kreisleitung der NSDAP.: 20.30 Uhr Sonnwendfeier auf dem Trieb. — I./83. ^-Standarte: 22 Uhr Sonnwendfeier auf dem Gleiberg. — Stadttheater: 15 bis 17.30 Uhr „Frau Holle". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Zwei Frauen". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Gastspiel im Paradies". — Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr Weihnachtsausstellung im Turmhaus am Brand.
Stadttheater Gießen.
Heute nachmittag Wiederholung des Märchens „Frau Holle" von Walter Osterspey. Musik: Walter Osterspey, Spielleitung: Hermann Schultze-Griesheim. Musikalische Leitung: Heinz Markwardt. Tänze: Thea Maaß. Die Vorstellung findet außer Miete statt. Anfang 15 Uhr, Ende 17.30 Uhr.
Don der Universität Gießen.
Von der Pressestelle der Universität Gießen wird uns mitgeteilt:
Die an der hiesigen Universität seit Sommersemester 1936 bestehenden schwedischen Sprachkurse werden in diesem Semester von Lektor Torsten Ljunggren weitergesührt. Die Kurse beginnen am Donnerstag, 5. Januar 1939, und finden im Vorlesungsgebäude statt. Der Anfängerkurs von 16 bis 17 Uhr in Hörfaal 54, der für Fortgeschrittene von 18 bis 19.30 Uhr in Hörsaal 39.
Fahrzeuglenker Achtung! Die Vorfahrt im Straßenverkehr.
Allgemeines.
Die Dienstanweisung zur Durchführung der Stra- tzenverkehrsordnung (StVO.) sagt zu § 13 StVO, u. a.: „Die Ursache der meisten schweren Verkehrsunfälle ist die Nichtbeachtung der Vorfahrt an Straßenkreuzungen und -einmündungen." Aus dieser Erkenntnis heraus ist man nach Inkrafttreten der StVO, dazu übergegangen, die Vorfahrtregelung weitgehend durch Verkehrszeichen kenntlich zu machen, weil die Verkehrsteilnehmer erfahrungsgemäß eine durch solche Zeichen gekennzeichnete Regelung besser verstehen und beachten als die einzelnen Vorfahrt g r u n d s ä tz e, die im Einzelfall angewandt werden müssen. Trotz aller Maßnahmen der Verkehrspolizeibehörden ereignen sich nach wie vor an Straßenkreuzungen schwere Zusammenstöße, was zu der kürzlich erfolgten Einführung der sog. Stopschilder führte. Bei Aufklärung der Ursachen der Verkehrsunfälle kann immer wieder die Wahrnehmung gemacht werden, daß die Verkehrsteilnehmer die grundlegenden Bestimmungen über d i e Vorfah-rt und die Bedeutung der zu ihrer Regelung aufgestellten Verkehrszeichen nicht genügend kennen. Eine merkliche Senkung der Verkehrsunfallziffer kann aber nur erreicht werden, wenn jeder Fahrzeugführer die einschlägigen Bestimmungen beherrscht und nach ihnen handelt. Selbst eine noch so weitgehende Anbringung von Verkehrszeichen zur Regelung der Vorfahrt macht die Kenntnis der Bestimmungen über die Vorfahrt nicht überflüssig, da die Verkehrszeichen nicht überall — insbesondere nicht bei gleichberechtigten Straßen — angebracht werden können. Um deswillen seien nachstehend die wichtigsten Bestimmungen über die Vorfahrt besprochen.
Die Vorfahrt ist gesetzlich geregelt in §13 StVO, vom 13. November 1937. In dieser Bestimmung hat man absichtlich von der bisherigen Bezeichnung „Vorfahrts r e ch t" abgesehen, weil man durch den Ausdruck „V o r f a h r't" im Gegensatz zum „Vorfahrts recht" schärfer hervorheben wollte, daß die Regelung der Vorfahrt nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht bedeutet. Derjenige, dem die Vorfahrt zusteht, wird im allgemeinen altz „V o r f a h r t b e r e ch t i g t e r", derjenige, welcher einem anderen die Vorfahrt zu lassen hat, als „V o r f a h r t v e r p f l i ch t e t e r" bezeichnet.
Begriff und Voraussetzungen.
Das Recht zur Vorfahrt ist das Recht eines Fahrzeugführers, vor anderen Fahrzeugen, deren Fahrbahn sich mit der seinen schneidet, vorbei zufahren. Voraussetzung für die Anwendung der Vorfahrtregel ist nüthin ein Zusammentreffen von mindestens zwei Fahrzeugen an einer Straßenkreuzung oder -einmündung in der Weise, daß sich die Fahrtlinien dieser Fahrzeuge bei Fortsetzung ihrer seitherigen Geschwindigkeit in der beabsichtigten Fahrtrichtung schneiden oder doch so nahe aneinander kommen würden, daß ein Zusammenstoß oder wenigstens eine Gefährdung der Fahrzeuge eintreten müßte. Die A r t der zusammentreffenden Fahrzeuge spielt dabei zunächst keine Rolle, auch bei Begegnen von Kraftfahrzeugen oder Straßenbahnen (sog. schnellfahrende Verkehrsteilnehmer) mit Radfahrern oder Fuhrwerken (sog. langsarniahrende Verkehrsteilnehmer) greifen die Regeln über die Vorfahrt ein. Eine Vorfahrt zwischen Fahrzeugen und Fußgängern oder zwischen mehreren Fußgängern untereinander gibt es dagegen nicht. Reiter haben gemäß § 39 Abs. 2 StVO, die Dorfahrtregeln zu beachten.
Wann ist ein Vorfahrisfall gegeben?
Nach § 13 StVO, ist eine Vorfahrt des einen Verkehrsteilnehmers vor einem anderen in folgenden Fällen vorgesehen:
1. An Straßen kreuzungen (bei Fortsetzung von zwei oder mehr Fahrbahnen über ihren Schnittpunkt hinaus).
2. An E i n m ü n u d n g e n von Straßen in eine andere Straße (ober in einen Platz), wobei es auf den von beiden Straßen gebildeten Winkel nicht ankommt, so daß auch die sog. Wegegabeln hierherzurechnen sind.
3. Beim Abbiegen aus einer Straße und dem damit verbundenen Kreuzen des sich in der gleichen Straße bewegenden Gegen Verkehrs.
Vorfahrt bei Verkehrsregelung.
Der Schwerpunkt bei der gesetzlichen Regelung der Vorfahrt liegt in der Lösung der Frage, wer im E i n z e l f a l l die Vorfahrt hat. Keine Schwierigkeiten für den Verkehrsteilnehmer bietet diese Frage, wenn der Verkehr an einer Straßenkreuzung durch Weisungen oder Zeichen von Verkehrspolizeibeamten oder durch Farbzeichen (Verkehrsampeln) geregelt wird. In diesem Fall gelten die allgemeinen Vorfahrtsregeln nicht: die Vorfahrt hat alsdann derjenige, dem der Verkebrs- polizeibeamte (oder die Verkehrsampel) durch Weisung oder Zeichen das Recht und die Pflicht gibt, vor anderen Fahrzeugen die Kreuzung oder' die Straßeneinmündung zu passieren. Die einzelnen Zeichen der Verkehrspolizeibeamten und ihre Bedeutung sowie diejenige der Farbzeichen sind in § 2 StVO, aufgeführt.
Grundregeln der Vorfahrt.
Wenn eine Regelung durch Polizeibeamte (Verkehrsampeln) im Einzelfall nicht erfolgt, gelten folgende Grundregeln:
1. Bei Zusammentreffen von Haupt- und Nebenstraßen hat der Benutzer der H a u p t st r a ß e die Vorfahrt, § 13 Abs. 1 StVO.
2. Bei Straßen gleichen Ranges hat die Vorfahrt, wer v o n r e ch t s kommt. Jedoch haben —aber nur in diesem Fall! — Kraftfahrzeuge und durch Maschinenkraft anqefriebenc Schien en fahr- zeuge (insbesondere Straßenbahnen) die Vorfahrt vor anderen Verkehrteilnehmern, § 13 Abs. 2 StVO.
Hauptstraßen.
Die richtige Anwendung dieser Grundregeln über die Vorfahrt setzt Kenntnis des Begriffs der Haupt
straße voraus. Haupt st raßen sind nach § 13 Abs. 1 StVO.:
1. Reichs st raßen (einschließlich der Ortsdurchfahrten). Nach dem Gesetz über die einstweilige Neuregelung des Straßenwesens und der Straßenverwaltung vom 26. 3. 1934 (RGBl I S. 243) sind die deutschen Straßen in folgende Straßengruppen eingeteilt:
a) Kraftfahrbahnen (Reichsautobahnen),
b) Reichsstraßen,.
c) Landstraßen I* Ordnung,
d) Landstraßen II. Ordnung.
Ob eine Straße die Eigenschaft als Reichsstraßö oder als Landstraße I. bzw. II. Ordnung hat, bestimmt der Generalinspektor für das deutsche Straßenwesen. Nur die auf Grund des vorerwähnten Gesetzes besonders Mt^^en Straßen sind Reichsstraßen und damit Hauptstra
ßen im Sinne der Regelung über die Vorfahrt. Für den Verkehrsteilnehmer ergibt sich die Eigenschaft einer Straße als Reicysstraße aus ihre^r Kennzeichnung. Nach der Anlage 1 zur StVO, sind Reichsstraßen wie folgt gekennzeichnet:
Entweder durch viereckige gelbe (schwarz umrandete) Schilder, welche die Nummer der betreffenden Reichsstraße als Aufschrift tragen (sog. Nummernschilder), oder durch runde gelbe Schilder mit der Aufschrift „Fernverkehr" (sog. Zeichen für Ringoder Sarnrnelstraßeu für Fernverkehr). Die Nummernschilder der Reichsstraßen sind an den Wegweisern, Ortstafeln, Randsteinen und dgl. jeweils in etwa rechtem Winkel zur Verkehrsrichtung der Hauptstraße auf der rechten öeite aufgestellt, so daß sie für den Verkehr auf der Hauptstraße gut sichtbar sind. Darüber hinaus sind die Nummernschilder an den Einmündungen von Nebenstraßen in Reichsstraßen in etwa rechtem Winkel zur Verkehrsrichtung der Nebenstraßen so aufgestellt, daß sie von der Nebenstraße aus wahrgenommen werden können.
Zur Vervollständigung der vorstehenden Aussüh-
DerGauHessen-MaubegediLollsweihvachlen
_ RSG. Weihnachten, das schönste aller deutschen Feste, das mit seinen Feiern vor allein in die Familie hineingestellt ist, hat im Dritten Reich durch die Volksweihnacht einen besonderen Sinn erhalten. Es ist ausgerichtet worden aus die Volksgemeinschaft. Durch diese Volksweihnacht, die der Ausdruck der Zusammengehörigkeit aller Volksgenossen unseres großen Vaterlandes ist, ist der Wunsch des Führers verwirklicht worden, daß zu Weihnachten auch dem Bedürftigen unter uns der Lichterbaum im Glanze der Kerzen erstrahlen soll, Niemand mehr im Großdeutschen Reich wird zu Weihnachten von aller Freude^abseitsstehen und sich einsam und verlassen fühlen. Für alle ist der Gabentisch bereitet.
Auch im Gau Hessen-Nassau werden überall am 23. Dezember Volksweihnachtsfeiern veranstaltet, zu henen. die Betreuten des WHW. und deren Kinder eingeladen werden. Die Feiern beginnen um 19 Uhr mit einer Ansprache von Reichsminister Dr. Goebbels, der in der Volksweihnachtsfeier im Saalbau Friedrichshain in Berlin über alle deutschen Sender zu den Kindern im gesamten Reich und damit erstmalig zu den Kindern der Ostmark und des Sudetenlandes sprechen wird. Anschließend werden sich gemeinsam mit den vom WHW. betreuten Volksgenossen und deren Kindern die Hoheitsträger, die
I Politischen Leiter und die ehrenamtlichen Helfer und I Helferinnen des WHW. beim Schein des Lichterbaumes zu einer frohen Stunde der Weihnachts- ! freube zusammenfinden. Damit werden die Veran- ! staltungen in den Orten unseres Gaues zu rechnen I Volksweihnachtsfeiern. Alle Volksgenossen, die sich uneigennützig für das große soziale Hilfswerk ein- setzen, sind mit den Eltern, die nicht mit irdischen Gütern gesegnet sind, und ihren Jungen und M ibeln zu einer festlichen Gemeinschaft zusammengefügt.
Die Volksweihnachtsfeiern am Freitag in unserem Gau stehen im Zeichen des großen historischen Geschehens in diesem Jahr, der Wiedervereinigung der Ostmark und des Sudetenlandes mit dem Reich. Alle Volksgenossen des Gaues Hessen-Nassau werden bei der Teilnahme an diesen Feiern zutiefst das Wort des Führers verstehen, das der deutschen Weihnacht des Jahres 1938 seinen Sinn gibt: „Wir alle in Deutschland können uns in diesem Jahr zum ersten Male wirklich freuen auf das Weihnachtsfest. Es soll für uns alle ein wahres Fest des Friedens fein. Um so wichtiger aber ist es in dieser Zeit, nun erst recht für unsere deutsche Volksgemeinschaft zu sorgen, zu ringen, für sie zu werben und für sie zu opfern."
VWMUWW?
Roman von Hubert Nausse.
Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München.
11. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
Am Vormittag kommen in Wismar vier Züge an. Jago Schmit» wartet schon am ersten, wartet am zweiten, mit dem dritten kommt dann Elisabeth. Sie trägt einen großen Strohhut, ein zartblaues Kleid, und Jago findet, daß sie aussieht wie eine Königin.
Sie gehen in die Stadt. Sie stehen vor der gewaltigen Turmfront von St. Nikolai und um- wandern den machtvollen Bau bis zu den hohen Linden und den kleinen Giebelhäusern. Die Menschen schonen sie an.
„Wundervoll", sagt Jago, „man kann hier mit den Händen in den Taschen spazieren gehn." Elisabeth stellt Frage auf Frage und Jago gibt geduldig Antwort auf Antwort. Sie verlaufen sich und stehen plötzlich beim Wassertor am alten Hafen. Das Wasser liegt ruhig und dunkel in all der Sonne und träumt von vergangenen Zeiten.
„Wie in Brügge!" sagt Jago. „Aber da heißt es Minnewater oder lac d’amour."
„Und ihr habt mich also oft vermißt?" fragt Elisabeth.
„Nicht oft", sagt Jago, „immer!"
Der Turm von Marien zeigt ihnen den Weg zum Rathausplatz. Die Welt der Hansa wird um sie lebendig, und Elisabeth will dem Fremdling die Heimat deuten und erklären.
Aber Jago hat alles schon gesehen und hat Hunger. Er kennt auch schon die kleine Weinstube und nötigt zum Eintritt. In einer Nische ist ein Tisch feierlich gedeckt, Flaschen schauen aus dem Kühler, Rosen stehen in der Mitte.
Es gibt frische Krabben, eine klare Brühe, Seezungen in Weißwein, schließlich Käse und Pumpernickel.
„Sie sind so feierlich heute!" sagt Elisabeth.
„Nicht feierlicher, als es sich für einen solchen Anlaß geziemt. Gestern abend war ich ein wenig schwermütig: so ganz allein in einer alten verwitterten Stadt, das passiert mir nicht häufig."
„Sie — und schwermütig?" Elisabeth lachte.
Er nickte nur.
„Und nun auf einmal sind sie da, lieber und schöner als je, und ich merke erst, was mir in diesen Monaten alles gefehlt hat." Er seufzte. „Wissen Sie noch — in Bamberg?"
Der gute Jago!
Elisabeth nickte. Wl.e schön jejlie Stimme tjonfll 1
Wieviel weiche Töne diese Trompete hatte. Sie lauschte, drehte ihr Glas in der Hand, sah das Licht, das im Wein sich spiegelte.
„Ich will ja warten, Elisabeth — du Schöne, du Gute, du Schönste weit und breit."
Sie schloß die Augen, Halme rauschten um sie auf, ein braunes Gesicht beugte sich über das ihre— „Kommen Sie, Jago, der Wein macht uns be-ibe verliebt!"
Unter den kleinen alten braunen B allste inhäu- sern, die so treu und brav den guten Bürger spiegeln, mitten zwischen den gewaltigen Backsteinkirchen, die den Stolz und die Größe vergangener Zeiten künden, liegt fremd und wie aus einer anderen Welt der Fürstenhof. Irgendein Machtherr der Renaissance hatte ihn in diese nördliche Welt gestellt.
„Der Pfau im Hühnerhof!" sagt Ja^o.
Elisabeth wehrt sich.
„Ein Hühnerhof ist keine Beleidigung!" meint Jago.
Sie freuen sich an den Terrakotta-Ornamenten über den Fenstern und Friesen.
„Was heißt denn Terrakotta?" fragt Elisabeth. „Ist es nicht im Grund das gleiche wie Backstein?"
„Gebrannte Ede!" sagt Jago und nimmt seinen Hut ab. „Gelehrt bist du auch noch!"
Und beißt sich auf die Zunge und lacht:
„Gestern, Elisabeth, haben Sie du zu mir gesagt, und heute sage ich zu Ihnen du — das gibt einen heillosen Wirrwarr. Wollen wir nicht endlich beim du bleiben?"
Er reichte ihr die Hand.
Sie reichte ihm die Hand.
„Schade", sagte Jago, „daß wir hier mitten auf dem Marktplatz in Wismar sind!"
Lachend gehen sie durch die alten Gassen zum Hafen. Auf den Pfählen im Kai sitzen die Bachstelzen und schauen den Möoen zu. Es riecht leise nach Tang. Ein Dampfer nach Kirchdorf — am Bug steht „Insel Poel" — füllt sich langsam mit Menschen.
„Ist das eigentlich Ostsee oder Nordsee?" fragt Jago.
„Schäm dich, zuweilen merkt man sehr, daß du ein Spanier bi ft."
„Ich wollte nur sagen, daß ich noch nie in der Ostsee gefahren bin."
Hinter den trägen Frachtdampfern, die wie an- gewachsen im schwarzen Wasser liegen, lungern einige Matrosen bei schlanken Motorbooten.
DZohin man fahren könne?
Kurz daraus schießen sie durch die baumdicken Pfähle der „Schwedenköpfe" in die Wismarer Bucht hinaus. An den waldigen Ufern wechseln dunkle Kicjeru mit Mm Buchen. Rechts fcUihen dsi gelbe i
I Strand und die weißen Sanddünen von Insel Poel I mit dem Leuchtturm von Timmendorf. Nach links atmet mit leichter Dünung die offene See.
Es geht nach Langenwerder, zu der Vogelschutzinsel, die auch Elisabeth noch nicht kennt. Die Fahrt zieht sich endlos hinaus. Aber dann ist der Lohn um so größer.
_ Langenwerder ist ein Paradies der Möven, der öturmmöDen, der Silbermöven, der Bachmöven. Eine ganze Wolke der weißschimmernden Vögel — ein lebendiges Schneegestöber — umkreist schreiend das Boot.
Elisabeth schaut ängstlich in das Gewimmel.
„Ja", schreit der Matrose, „in der Hauptbrutzeit ist so eine Möve ein starkes und tapferes Tier. Aber jetzt!"
Er reicht Elisabeth ein großes Stück Brot.
Sie wirft die Brocken in die Luft, und die Möven sicheln in wilden Knäueln um jeden Bissen. Sie schießen zwischen Kopf und Hand herum, sie umfliegen, umflattern, umkreisen Elisabeth, die jauchzend und lachend in dem Gewimmel die Arme breitet. Keine Möve berührt die andere auch nur mit einem Flügelende, kein Flügelschlag streift Elisabeths Arme oder Hönde.
Sie steht da, schlank und rank, und lacht und jauchzt in das Schwirren der Möven. Auf dem Heimweg sitzt sie müde neben Jago vorn im Boot. Der Blick geht in die offene See, wo zwischen Himmel und Wasser die Grenzen im Sonnenlicht sich verlieren. Sie hat Sehnsucht nach Liebe.
„Wenn wir in Wismar anfommen, muß ich sofort zum Zug!" mahnt Elisabeth.
„Ja, was wir uns zu sagen haben, müssen wir jetzt sagen. Der Matrose beim Motor versteht kein Wort!" Er macht eine kleine Pause. „Hast du Sorgen, Elisabeth."
Sie schüttelt den Kopf.
Die Zeit sei hart und schwer nir alle Deutschen. Jago spricht lange und eindringlich. Seit dem vergangenen Monat sei der Dollar um das Doppelte gestiegen. Und der Franzose stehe an der Ruhr.
Wo will er denn nur hinaus, denkt Elisabeth. Immer redet er vom Geld!
Trotz flieg in ihr auf.
„Ihr wißt alle nicht, worum es geht! Es geht um Deutschlands Existenz, um euer aller Existenz!" „Und wenn schon, Jago? Wir Deutsche sitzen alle in einem Boot, wir tragen alle dasselbe Schicksal, wir Deutsche sind alle gleich. Ich will nichts voraus haben vor den andern! Aber das versteht ihr Ausländer nicht!"
„Ich bin kein Ausländer, ich bin ein Deutscher!" „Gut, aber ein Auslandsdeutscher. Du hast deine Peseten, und damit stehst du außerhalb unserer .GemeinjchafU"
Sie verstehen sich nicht.
Sie sind die besten Freunde, aber sie reden, als ob sie aus verschiedenen Weltteilen kämen.
„Elisabeth!" sagt Jago. Er zwingt sein Organ zu einemJanften Kantabile. Er hat sie ja lieb und bei aller Siegessicherheit, die ihm angeboren ist, hat er Angst um sie. Er kennt ober ahnt ihre trotzige und doch so leicht verwundbare Seele.
Er ahnt nicht, daß sie heimlich und aus Trotz an Losnitz denkt, daß sie mit Gewalt die Szene im Aehrenfeld vor die Seele ruf, um sich den letzten Kampf zu erleichtern.
„Elisabeth!"
Er streckt ihr die Hand hin.
Die Türme von Wismar stehen schon klar am Horizont. Sie aber will jetzt keine Entscheidung. Sie kann keine Entscheidung brauchen. Elisabeth schüttelt den Kopf.
„Verdammt!" sagt Jago. „Ich weiß!"
Er rückt von ihr weg. Er macht mit seiner rechten Hand eine große abschließende Geste.
„Geld allein ist keine Schande, Elisabeth Hell- fahr!" Und Trotz allein ist kein Verdienst. Jte hat schon recht gehabt. Aber wir sprechen uns wieder! Vielleicht gelingt es mir, ein armer Mann zu werden, ober Ihnen, eine reiche Frau zu werben. Den Bettler würben Sie ja nehmen, Fräulein Hellfahr, soweit ich Sie kenne?" Noch niemals ist Jago Hönisch gewesen. Die Kränkung tut ihr weh, bitter weh.
„Du gehörst zu ben Frauen, bei denen der Stolz stärker ist als das Herz!"
Sie will noch etwas sagen. Aber da kommt der Kirchdorfer Dampfer groß und mächtig hinter ihnen vor, und die Fahrgäste winken und rufen ihnen zu.
Elisabeth schwenkt ihr Taschentuch und macht ein fröhliches Gesicht. „Wie auf der Bühne!" denkt sie. „Lache, Bajazzo!"
Sie legen an. eie laufen zum Bahnhof. Der Zug steht schon da. Elisabeth steigt ein und überlegt. Dann schaut sie aus dem Fenster. „Ich schreibe dir, Jago, bald! In spätestens vierzehn Tagen bestimmt! Ich werde über alles nachdenken! Und bald werde ich klar sehen!"
In vierzehn Tagen ist der Losnitzer Familientag vorbei.
Jago faßt in die Brieftasche und holt einen Umschlag heraus.
Der Zug setzt sich in Bewegung.
„Da, nimm das! Und Dein Flügel gehört mir!"
Er reicht den Brief hinauf, sie greift darnach, nimmt ihn und winkt, winkt! ...
Und wie Elisabeth sich in die Elle setzt, legt sie ben Brief in ihren Säioß und sucht zunächst ihr Taschentuch, Denn ihre Augen sind blind und dunkel vor Tränen, (Fortsetzung folgt.)


