Nr.22l Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Mittwoch. 2b September 1938
Aus der Stadt Gießen.
Kehraus im Kleingarten.
In den Kleingärten am Rande der Stadt haben die letzten Blumen des Jahres ein wahres Feuerwerk entfacht Dahlienbüsche umprangen in bunten Farben und zierlichen Formen die Hauptwesse und Gartenhäuschen, mit ihrem leidenschaftlichen Blu- teneifer die Nachhut des Spätfommerflors noch einmal zur Entfaltung aufstachelnd. Jägerröschen, Studentenblumen, Löwenmäuler und Goldmohn verfeuern verschwenderisch ihre letzten Gluten und Flammen, daß die braunen Stengel und Büschel zwischen ihnen, die zermorschten Blütenkronen, gar nicht auffallen. Astern wogen im Wind und bieten ihren schweren Blütenreichtum in gefüllten Körbchen weiß, weinrot, goldgelb und dunkelblau dar.
Glücklich stehen die Kleingärtner zwischen diesen Spalieren der Freude, glücklich und stolz, daß die kleinen Blüten ihnen und dem herbstlichen Ueber- fluß ihrer Beete zur Feier so überschwenglich lo- Äern. Jeder Garten ist ein zierlicher Festplatz geworden. Lächelnd überblicken die Besitzer ihre Kulturen. Sie erzählen von harter Bodenarbeit und gebeugtem Rücken. Aber die Arbeit hat gefruchtet. Das Graben und Gießen, das Häckeln und Jäten war nicht umsonst. Oft, wenn Erdflöhe und Raupen, Schnecken und Blattläuse trotz mühsamen Absuchens der Pflanzen, Usberschütten mit Holzasche und fleißigem Gebrauch anderer Hilfsmittel immer wieder das Gemüse zernagten und aussaugten, zogen wohl einmal Mißmut und bange Zweifel in ihr Herz, ob sich zum Herbst noch alles erholen und gedeihlich entwickeln würde.
Aber nun sind die Gemüsebeete zu. üppigen Blätterdickichten angewachsen. In Hell- und Dunkelgrün, in Blaugrau und Weinrot prangen die geschwellten, saftigen Kohlherzen, deren pralle Fülle Kopfgröße erreichte. Die hellsten von ihnen, die festen Weißkohlkugeln, werden bald kleingehobelt und in Fässer oder Steintöpfe eingepreßt, in denen sich die Wandlung zu schmackhaftem Sauerkraut vollzieht. Zu einem dichten dunkelgrünen Wald in'Kleinformat haben sich die zarten Wedel der Möhren zugewuchert. An ihnen fanden wir als Knaben einst die grünen, mit schwarzen rotpunktierten Bändern ge- gürtelten Schwalbenschwanzraupen, die uns mit ihren jäh vorgeschnellten, fleischroten Nackengabeln Schrecken einzujagen suchten, damit wir sie fallen lassen sollten.
Manche Landstücke sind schon umgegraben und fürs nächste Jahr bepflanzt. Mit zwei messerförmigen Erstlingsblättern sprießen die Keimlinge des Spinats in schönen Reihen aus der Erde. Hoff- nungsvölles Grün mischt sich überall unter die satten Farben der Reife. Da und dort wuchern die winzigen Büschel des Feldsalats dicht wie Unkraut. Protzig und platzverschwenderisch liegen auf dem Boden, dicker als Kegelkugeln und Straußeneier, die glattschaligen Klötze der Kürbisse zwischen welkendem Flechtwerk fingerdicker Ranken und handgroßen Blättern. Mancher hat an einem Zaun Halt und Stütze gefunden und hängt dort leuchtend wie ein Riesenlampion, als sollte zu diesem Fest des Ueberflusses noch illuminiert werden.
Und es ist doch mehr Freude, was aus der sauberen Gepflegtheit und den Verschönerungen und Ausschmückungen der kleinen Gärten spricht: es ist der Dank des Menschen an das Stück Erde, das ihm so viel schenkt, das seine Anhänglichkeit und Hingabe mit solcher verschwenderischen Gebefreudigkeit vergilt. Es ist der Dank des Menschen für den Segen der Erde. P. B.
Dornotizen.
Tageskalender für Mittwoch.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Heimat". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Die Frau am Scheidewege".
WungsabschW.-RMehl in die Garnison.
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Einmarsch der 116er in die Garnison. Die Spitze des Regiments an der Ecke Moltkeftraße/Kaiferallee. — (Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Unser Infanterie-Regiment 116 hat mit einer großen Gefechtshandlung von Montag früh bis Dienstag früh aus der Gegend von Frankenbach— Erda bis hinüber zum Laufe der Dill in dem Abschnitt Dillheim—Katzenfurt seine diesjährigen Herbstübungen abgeschlossen. Nach den Anstrengungen der beiben Uebungstage in der vorigen Woche, über die wir bereits berichteten, wurden bei der Schlußübung noch einmal große Anforderungen an die Männer und an ihre vierbeinigen Kameraden, die Truppenpferde, gestellt.
Bei der Schlußübung traten auch die Kompanien des Gießener B-Bataillons mit in die Gefechts- Handlung ein. Der Angreifer wurde von den aktiven Bataillonen gestellt, die Verteidigung führte das B-Bataillon. Das sehr hügelige und waldreiche Gelände des Uebungsraumes von Erda bis zur Dill fordete von der Truppe den Einsatz aller Kräfte bis zum äußersten. Wer die Kompanien vom Anfang bis zum Ende im Uebungsgelände beobachtete, konnte die erfreuliche Feststellung machen, daß sie sich den hohen Anforderungen hinsichtlich der Marschleistungen und auch hinsichtlich der Gefechtskraft in vollstem Maße gewachsen zeigten.
Ueberall machten unsere 116er, die aktiven Männer sowohl, als auch die Männer vom B-Bataillon, den denkbar besten Eindruck, auch bei der Bevölkerung in den Orten des Uebunasgeländes, die ihre herzliche Sympathie für die Soldaten in vielfältiger Weife bekundete. Selbst in den späten Abend- und in den frühen Morgenstunden waren jung und alt draußen bei den Soldaten im Gelände, um
dort mit größtem Interesse an allem teilzunehmen, was dieser Manöverkrieg brachte.
Am Dienstag früh, kurz nach 6 Uhr, war die Hebung beendet. Ueber den Verlauf der Schlußübung werden wir noch näher berichten.
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Am gestrigen Dienstagnachmittag ist unser Regiment nach stundenlangem Marsch aus dem Raume von Dillheim—Katzenfurt über Ehringshausen, Wetzlar, Atzbach nach Gießen zurückgekehrt. Von Heuchelheim herkommend, traf das Regiment gegen 15 Uhr an der Stadtgrenze ein. Es marschierte von der Lahnbrücke über den Horst-Wessel-Wall, am Selterstor vorbei, Hindenburgwall, Hitlerwall, Moltke- straße, Licher Straße zu den Kasernen. Vor der Bergkaserne nahm der Regimentskommandeur, Oberst H e r r l e i n , den strammen Vorbeimarsch seines Regiments ab.
Ueberall in den Marschstraßen hatten sich große Menschenmassen schon lange vor dem Eintreffen der Soldaten eingefunden, um durch dieses Erscheinen unseren 116ern zu bekunden, mit welcher Liebe und Sympathie sie in ihrer Garnisonstadt wieder willkommen geheißen werden.
Die gute Haltung aller Kompanien bei ihrem Einzug, trotz der großen Strapazen der mehrtägigen Uebung und insbesondere der gewaltigen Anforderungen vorn Montag bis zum Dienstag früh, machte den besten Eindruck und bewies zugleich, daß unser Regiment 116 eine starke und allezeit schlagbereite Waffe im Dienste des Führers für unser Vaterland ist.
Abschluß einer vorbildlichen Organisation.
Die Arbeitsgemeinschaff Gießener Soldatenkameradschasten aufgelöst.
Arn gestrigen Dienstagabend beschloß die Arbeitsgemeinschaft Gießener Soldatenkameradschaften nach mehr als 16jührigem Bestehen ihre Wirksamkeit mit einer Schlußbesprechung im „Auerhahn".
Der langjährige Kameradschaftsführer der Arbeitsgemeinschaft, Kamerad Joh. Müller, betonte, daß dieser Abschluß, wie das ganze Leben
der Arbeitsgemeinschaft bestimmt sein möge von dem stolzen Bewußtsein des Fronterlebnisses und treuer Kameradschaft. Die Eingliederung der einzelnen Kameradschaften in den NS.-Reichskriegerbund ist die Erfüllung dessen, was sich die Kameraden immer gewünscht und was. sie erhofft haben: des Zusammenschlusses aller Soldaten, damit die jungen neben den alten Kameraden, der Vater neben dem Sohne
marschieren für die Größe des Vaterlandes und für die Ehre des Soldaten.
Kamerad Mü Iler verlas bann einige Richtlinien, die ihm vom NS.-Reichskriegerführer übermittelt wurden und aus denen u. a. hervorging, daß die Tradition der alten Regimenter und Formationen auch im neuen Verbände erhalten bleiben wird. Alle zum NS.-.Reichskriegerbund übergetretenen Kameraden treten sofort in die Rechte und Pflichten des neuen Bundes ein und haben auch an seinen Wohlfahrtseinrichtungen Anteil.
Bei einem Rückblick auf das Wirken der Gießener Arbeitsgemeinschaft wurde der Mitbegründer, des Generalmajors a. D. Mohr, des Feldwebel Stamm, als des ersten Kameradschaftsführers, und des Landgerichtsrats Trümpert mit Dank und Anerkennung gedacht. In den ersten Jahren nach dem Weltkrieg Haden in Gießen alte Soldaten, aus dem Fronterleben heraus und' im Bewußtsein des soldatischen Geistes, sich zusammengeschlossen, um die Tradition zu wahren Und die Kameradschaft zu pflegen. Es entstand ein Zusammenschluß über alle Regimentsvereinigungen und Waffengattungen hinweg, der vorbildlich für die alten Soldaten weit über die Grenzen des Hessenlandes hinaus wurde. In kaum einer anderen deutschen Stadt arbeiteten die alten Soldaten in solcher Einmütigkeit zusammen upd erzielten durch ihr geschlossenes Auftreten in der Öffentlichkeit die Wachhaltung soldatischen Geistes und die Wahrung ruhmreicher Tradition.
An vielen kleineren und größeren Veranstaltungen, an den Gießener Soldatentagen und den 116er-Tagen, hat die Arbeitsgemeinschaft mitgcv wirkt, bei allen Heldengedenkfeiern ist sie vertreten gewesen. Nicht nur für die alten Soldaten in den Kameradschaften, sondern auch für die der näheren und weiteren Umgebung und für die Stadt Gießen selbst war die Arbeitsgemeinschaft ein Begriff geworden, und ihre Angehörigen haben bewiesen, daß sie nie den Glauben an Deutschland 'aufgegc- ben haben Wenn die Arbeitsgemeinschaft nicht mehr als dies getan hätte, so hätte sie schon ihren Zweck erfüllt. Sie hat aber weiterhin noch, auf die Anregung des Kameraden Töpelmann, den alten Kameraden einen Gedenkstein auf dem Ehren- friedhof gesetzt, so daß ihr ganzes Bestehen nicht nur einen Sinn hatte, sondern sie in jene Organisationen e.inreiht, die für das Vaterland und für die engere Heimat etwas getan haben. Durch die Pflege Der' Kameradschaft und der vaterländischen Gesinnung haben sich auch die Kameraden der einzelnen Kameradschaften untereinander kennen und achten gelernt, und einer war dem anderen ein guter Kamerad.
Kameradschaftsführer Müller dankte allen, die Mitbegründer und Mithelfer waren, die durch den Zusammenschluß^ein Werk erstehen ließen, das in die Geschichte der Stadt Gießen eingegangen ist und das in guter Erinnerung bleiben wird. Er dankte seinem Amtsvorgänger, Landgerichtsrat Trümpert, für die Mühe und Hingabe für dieses Werk, das durch ihn erst zu einem Umfang anwuchs, der aus 22 Kameradschaften bestand. Die Arbeitsgemeinschaft hatte als einziges Ehrenmitglied Professor Dr. Bernbeck, der sich durch die Her- [ ausgabe von Briefen gefallener Gießener Kamera- i ben verdient gemacht hat. Besondere Anerkennung wurde dem Kameradschaftsführer der 80er, Kamerad Sperber, zuteil, der als der fleißigste und rührigste Mitarbeiter wohl in keiner Besprechung gefehlt hat. Weiterhin würdigte der Kameradschaftsführer die schwierige Arbeit des Rechners, Kam. B u r k h o l z , der sich in vorbildlicher Weise der Kleinarbeit gewidmet hatte. Mit dem Gelöbnis unwandelbarer Treue und steter Kameradschaft, auch im neuen NS.-Reichskriegerbund, brachte Kameradschaftsführer Müller das Sieg-Heil auf den Obersten Befehlshaber der Wehrmacht, den Führer und Reichskanzler Adolf Hitler, aus, zu dem die alten Soldaten allezeit in Dankbarkeit und Verehrung stehen.
Es wurde einstimmig beschlossen, den Restbetrag der Kasse einem alten Kameraden zu übergeben, der einer der treuesten Mitarbeiter und tüchtigsten
Neue Straßen.
Don Walther Gchwerdtfeger.
x ’ Vor hundert Jahren, am 20. September, fuhr der erste Eisenbahnzug von Berlin nach Potsdam — am 23. September vor fünf Jahren begann der Bau der Reichsautobahnen. *
Warnend erhob der alte Pfarrer Goßner feine Stimme von der Kanzel der Bethlehemkirche in der Mauerstraße zu Berlin. Gottlose Menschen hatten im Jahre des Herrn 1838 einen Schienenweg gebaut nach der Residenzstadt Potsdam. Neben dem Friedhof in der Hirscheistraße — der heutigen Saarlandstraße — war eine steinerne Halle errichtet worden, und am 22. September war funkensprühend und mit entsetzlichem Getöse, so daß auch erwachsene Menschen „ein leises Beben nicht unterdrücken können", her erste Eisenbahnzug nach Potsdam gerollt. Möchten doch, so flehte der ehrwürdige Prediger, feine Schäslein sich ja fernhalten von dem feuerspeienden Höllendrachen, um ihrer Seligkeit willen!
Anfangs hielten sie sich auch fern, wenn es vielleicht auch weniger aus Besorgnis für ihr Seelenheil war, als aus Angst vor einem Unglück. Damit überhaupt Leute die Bahn benutzten, errichtete die Eisenbahngesellschaft in dem „Dorf- und Dergnu- gungsaufenthalt" Steglitz — heute längst em Berliner Stadtbezirk — ein Sommertheater. Selbst Die Herren vom Eisenbahnkomitee mit ihren würdigen Backenbärten und rauchfanghohen Zylindern schienen fich des Dampfrosses nicht recht sicher zu suhlen, obwohl sie viel von- Drehbrücken, Untertunne- lungen und Taufendtaleraktien sprachen. Denn in der Bekanntmachung über die Eröffnung der Bahnlinie teilten sie mit, daß neben den sechs „Damps- roagen bester Qualität", die man aus Ste p he n- s o n s Fabrik in Newcastle bezogen hatte, funfhun- dertvierzig Zugpferde bereitgehalten wurden.
Aber nicht alle waren so ängstlich. ,,Men ^ar= ren, der durch die Welt rollt, hält kein Menschenarm mehr auf!" hatte bei der Einweihung der preußische Kronprinz und spätere König Frieona) Wilhelm IV. vorhergesagt. Und als die Berliner erst merkten, daß ihre grauen Stößer und die drayt- geftrerften Krinolinen auf der Eisenbahn weniger gefährdet waren,-als in der rumpelnden Postkulstye, da erwachte mit dem steigenden Gefühl der Sicherheit auch ihre Spottlust wieder. Mit einem Mal ging es ihnen nicht schnell genug. Die Behörde möge doch Sorge tragen, bat ein Ungenannter in einer Eingabe, daß die Fahraäste nicht zu sehr durch Bettler belästigt würden. Besonders unangenehm werde es empfunden, daß Invaliden mit Holzbeinen
neben dem fahrenden Zug herliefen und um milde Gaben bäten!
Dann ging die Entwicklung immer schneller. Friedrich L i ft s Entwurf für ein deutsches Eisenbahnnetz, 1833 nur ein phantastischer Zukunftstraum, ist von der Wirklichkeit bald übertroffen. Damals hatten Karikaturenzeichner die Dampfwagen als riesige Spinne dargestellt, die die Beine tastend vorschiebend in ihrem Netze hängt. Die neuen Straßen aus Holzschwellen und glitzernden Eisenbändern bilden heute mit ihrer Gesamtlänge von etwa 65 000 Kilometer, ein dichtes Netz über Deutschland. Die alten Landstraßen verloren mehr und mehr ihre Bedeutung, verfielen: aber die Postkutschen und „Dili- genzen" kamen in Museumssäle.
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Fast auf den gleichen Tag wie die Eröffnung jener ersten preußischen Eisenbahn, nämlich auf den 23. September, fällt fünfundneunzig Jahre später ein anderes Ereignis.
Das Zeitalter des Dampfes geht zu Ende Ein neues Verkehrsmittel taucht auf. Durch die Berliner Straßen rasseln tutend die ersten Motorwagen, die Daimler und Benz bauen. Ein halbes Jahrhundert später haben sie schon die Eisenbahn auf vielen Gebieten zurückgedrängt. Neben den langen Wagenketten der Güterzüge rollen die schweren Fernlastwagen, Giganten der Landstraße, durch die Nacht. Motorschleppzüge bringen Güterwagen in die Bezirke, die nicht an Schienensträngen liegen. Die Maßnahmen der nationalsozialistischen Regierung machen das Auto, einst Luxus- und Sportgefährt, zum Verkehrsmittel des Alltags.
Damit aber haben die lange vernachlässigten Straßen neue Bedeutung gewonnen. Längst genügen sie nicht mehr den Änsorderungen, die vom Verkehr an sie gestellt werden. Da erscheint im Juni 1933 das Gesetz über die Errichtung des Unternehmens „R e i ch s a u t o b a h n e n". Nach Ablauf von sechs Jahren soll Deutschland 7000 Kilometer der modernsten Autostraßen der Welt haben. Es ist ein gewaltiger Plan. Schon beginnen Ingenieure und Vermessungsbeamte die Arbeit.
23. September 1933". Neun Monate nach der Machtergreifung. Siebenhundert Arbeiter sind am Mainufer bei Frankfurt versammelt. Nach Jahren der Arbeitslosigkeit hat man ihnen die Stempelkarte gegen einen Spaten eingetauscht. Die Scheinwerfer der Tonfilmwagen richten fich auf ein schlichtes Rednerpult mit vielen Mikrophonen. Der Führer spricht. „Wir stehen am Beginn einer gewaltigen Arbeit. Ich weiß, daß das, was heute mit einem Fest beginnt, für viele Hunderttausende Muhe und Schweiß bedeuten wird, daß die Zettel kommen, da Regen, Frost und Schnee dem einzelnen die Arbeit sauer und schwer machen werden, aber
diese Arbeit muß getan werden, uns hilft niemand, wenn wir uns nicht selbst helfen! — Dem Verkehr bauen wir neue Schlagadern. Dieses Riesenwerk soll zeugen von unserem Dienst, unserem Fleiß, unserer Fähigkeit und unserer Entschlußkraft. Deutsche Arbeiter! An Das Werk!" UnD als erster unter Den Arbeitern stößt Der Führer Des Reiches seinen Spaten in Die Erde. Schaufel auf Schaufel fliegt in den Bunker Des Rollwagens. Der Bau der Reichsautobahnen hat begonnen.
Aus Den 700 Arbeitern finD 121 000 an den Baustellen, fast ebenso viel in Den Lieferbetrieben geworben, Die Arbeit unD Brot erhalten haben. Die Betonmischmaschinen Drehen fich, Moore werden entwässert, Schluchten überbrückt. Im Mai 1935 durch- schneidet Der Wagen des Führers Das weiße Start- banD an Dem ersten fertiggestellten Bauabschnitt. 1936 sinD schon tausend Kilometer vollendet. Heute ist mehr als Die Hälfte Des Werkes getan.
Wie Die großen Straßen Des Altertums Ausdruck ihrer Zeit waren, Spur Der Vergangenheit, Jahr- bunDerte überDauernD, so sinD auch Die neuen Straßen über Den bloßen Zweck hinaus Künder Des Aufbauwillens eines wiedererwachten Volkes. Als Wahrzeichen einer neuen Zeit ziehen sich die breiten grauen BänDer Der Reichsautobahnen Durch Das Deutsche LanD, Die Straßen ADols Hitlers.
Zwei Minuten vor dem Tode...
In LonDon ist eine Biographie Des ausgezeichneten englischen^ Schauspielers Robert Lora ine von seiner Witwe erschienen, in Der sich eine bemerkenswerte SchilDerung finDet, die Der Dramatiker BernarD Shaw selbst von Den Gedanken gegeben hat, Die ihn bestürmten, als er einmal in Gefahr war zu ertrinken. Im Jahre 1908 war Lo- raine mit Shaw unD Dessen Gattin im Sommer- ausenthalt zu Llanbedr in Wales, und er war mit Dem Dichter in einer sehr rauhen See weit hinausgeschwommen. Erst nach einem langen verzweifelten Ringen war es Den beiden gelungen, völlig erschöpft an LanD zurückzukehren. „Wir lagen eine Zeitlang keuchenD Da", schrieb Loraine damals in sein Tagebuch. Als wir endlich wieder atmen konnten, sagte Shaw sehr kaltblütig: „Das war aber nahe Daran", unD machte sich auf, seine StranDschuhe zu holen... Ich fragte ihn nun, ob ihm Visionen feines vergangenen Lebens gekommen wären, Da man Doch sagte, daß Ertrinkende solche hätten. Er schüttelte Den Kopf ... „Dachten Sie an Gott oder an die Hölle oder an den Himmel?"
Hier hat Shaw selbst Die folgenden Zeilen eingeschaltet: „Nein, ein Mensch denkt nicht an Märchen zwei Minuten vor seinem sicheren Tode. Ich dachte an nichts außer an dringende praktische Dinge. Zu
nächst wollte ich Ihnen sagen, sie sollten nicht versuchen, zur Küste zu schwimmen, da es nutzlos wäre und die Anstrengung Sie erschöpfen würde... ich überlegte, ob die Leute uns helfen könnten, wenn wir laut riefen. Aber es waren keine Fischer da, nur Ausflügler, die ein Boot, wenn sie versucht hätten, es flott zu machen, sofort umgekippt haben würden. Dann dachte ich an Charlotte (die Gattin des Dichters), wenn sie die Nachricht erhalten würde, daß ich ertrunken wäre, und wieso ich nicht mein Testament geändert hätte, und wie sie niemals imstande sein würde, meine Vereinbarungen mit meinen Uebersetzern zu verstehen.
Dann sah ich, welche Mühe Sie hatten, wenn die großen Wellen kamen, was für ein Jammer es doch wäre, daß Sie in der Kraft Ihrer Jugend, mit Der ganzen Welt vor Ihnen, verloren fein sollten, unD daß es nicht so wichtig für mich märe. Da ich meine Pfeile verschossen und meine Arbeit getan hätte. Dann fragte ich mich selbst, wieviel Stöße ich noch schwimmen könnte, ehe Die Anstrengung zu groß werden würde, und daß ich lieber untergegangen sein sollte, als mich noch weiter anzustrengen. Dann stieß mein Fuß auf einen Stein, und anstatt zu sagen „Gott sei Dank", sagte ich: „Verdammt!" Dann kam ein wirklich scheußlicher Augenblick. Als ich meine Beine anzog, waren Sie verschwunden. Es mar meine klare Pflicht, nach Ihnen zu tauchen und Sie zu retten. Ich konnte doch nicht nach Hause kommen ohne Sie und sagen, daß ich Sie hätte ertrinfen lassen. Und dann kam Die schreckliche Erniedrigung, als ich mir klar wurde, daß ich in höchstem Maße unfähig mar, auch nur noch einen Stoß zu schwimmen. Ich hatte die Grenze meiner Kraft erreicht. Und dann fand ich, daß Sie dicht hinter mir standen. Aber, bei Gott, ich hatte alle Einbildung verloren ..." B.
Hochschulnachrichten.
Geh. Rat Professor Dr. Ferdinand Hueppe, ein ehemaliger Schüler von Robert Koch und später einer der Wegbereiter der modernen Bakteriologie, ist in D re s b e n im 87. Lebensjahr g e st o r- ben. Professor Hueppe war anfänglich Militärarzt. 1884 ging er als Dozent für Hygiene an das Chemische Institut von Fresedius in Wiesbaden und wurde 1889 als Professor der Hygiene an die deutsche Universität in Prag berufen. 1912 trat er in den Ruhestand und hat sich seitdem seinen wissenschaftlichen Arbeiten UnD Forschungen gewidmet. Seine zahlreichen Veröffentlichungen betrafen Hygiene, Bakteriologie, allgemeine Biologie, Körperübungen, Alkoholismus, Volksernährung ufw. Professor Hueppe war Ehrenmitglied und Mitglied vieler in- und ausländischer Gesellschaften,


