nr.45 Drittes Blatt
Kießener Anzeiger (General-Anzewer für Oberbeffen)
Montag, 21. Februar 1938
llnsere Soldaten helfen dem Winterhilfswerk.
Guter Verlauf und erfreuliches Ergebnis aller Veranstaltungen am Tage des „Wehrkreis IX ' rm Dienste des WHW." in Gießen.
Nach dem Wehrmacht-Eintopf der im Standort Gießen wegen des allgemeinen Eintopfsonntags vom 20. auf den 13. Februar oorvertegt wurde und damit hier aus den geplanten Veranstaltungen des „Wehrkreis IX im Dien ft e des W H W" ausschied, waren nun der Samstagnachmitlag und -abend sowie der gestrige Sonntagoormittaa und -abend auch im Standort Gießen diesem Einsatz unserer Soldaten für das Winterhilfswerk gewidmet. Unseren Feldgrauen standen als Sammler die Helfer der NSV. aus dem Soldatenbund, dem NS.- Marinebund, dem Deutschen Reichskriegerbund (Kyffhäuser), der DAF., Abt. Wehrmacht, und aus der NSKOD für den Verkauf der WHW.-Abzeichen zur Seite. Beide — die Soldaten als Träger der Veranstaltungen und die Helfer als Abzeichen-Verkäufer — haben sich in tatfreudiger Weise für das schone Werk eingesetzt, und sie können beide stolz darauf sein, daß ihr Bemühen einen guten Erfolg für das WHW zustande gebracht hat. Diese Tatsache wird ihnen allen schönste Anerkennung und bester Dank sein.
Vom schönsten Wetter begünstigt, wurde die Reihe der Veranstaltungen am Samstagnachmittag mit dem
Nebenstehend: Mo- mentbild von der Ehrenwache in der Uniform des einstigen Jnf.-Rgts. 116 vor dem Wachtlokal' im Torhaus am Selters- lor.
Unten links: Mit großem Interesse wurden die Geschütze unserer Gießener Artillerie in der Artilleriekaserne besichtigt.
Unten rechts: Zivilisten konnten die Pan- zerabwehr-Kanone nicht nur besichtigen, sondern sie durften damit auch Schießübungen unternehmen. sobald sie dafür ihre Opferspende für das WHW. gegeben hatten.
(Aufnahmen [3|: Neuner, Gießener Anzeiger.)
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Propagandamarsch eines Bataillons des Infanterie-Regiments 116
eröffnet. Um 15 Uhr marschierte das 1. Bataillon unter Führung des Bataillonskommandeurs, Major Wiese, zwei^ Musikkorps und zwei Spielmanns- aüge an der Spitze, von der Bergkaserne aus durch sie Licher Straße, Ludwigstraße, Bleichstraße, Horst- Wessel-Wall, Bahnhofstraße, Marktstraße, Markt- vlatz, Schulstraße, Sonnenstraße, Seltersweg, Hin- denburgwall, Hitlerwall, Moltkestraße, Kaiserallee zur Bergkaserne zurück. Dabei führte das Bataillon alles mit sich, was zu ihm gehört, d. h. sämtliche Fahrzeuge einschl. der Feldküchen. Große Menschenmengen bekundeten in allen Marschstraßen ihr starkes Interesse an diesem militärischen Aufmarsch für den friedlichen, aber doch so nachdrücklichen Krieg gegen Hunger und Kälte. Und die Hauptsache habet: war der Verkauf der WHW.-Abzeichen vorher überall schon lebhaft in Gang gekommen, so erfuhr er durch diesen Propagandamarsch unserer 116er zweifellos noch eine bedeutsame Verstärkung. Die Wehrmacht konnte als Auftakt keine eindrucksvollere Werbung für ihre WHW.-Aktion durchführen, als diesen prächtigen Marsch durch die
Stadt in den Stunden des Hauptverkehrs am Wochenend.
Den nächsten großen Schlag führten unsere Soldaten am Samstagabend mit dem
rNilitär-Grohkonzert in der Volkshalle.
Der prächtigen musikalischen Darbietung lauschten über 3000 Besucher nut größtem Interesse. An der Spitze der zahlreichen Vertreter der Bewegung war Kreisleiter Backhaus erschienen, die Wehrmacht selbst war durch den Standortältesten, Generalleutnant O ß w a l d , viele Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften vertreten.
Das Konzert wurde von folgenden Musikkorps ausgeführt: Infanterie-Regiment 116, Infanterie- Regiments 36 (Musikkorps der Standorte Butzbach und Friedberg), sowie des II. Bataillons des Inf.- Regiments 57 Marburg. Die Leitung des Konzerts lag zu Teilen in Händen der Musikmeister Wohlfahrt (IR. 116) und Harzmann (IR. 36, Standort Friedberg), die das große Orchester zu einem Klangkörper von gewaltiger Geschlossenheit zusammenfaßten
Der erste Teil des Abends brachte in starker
Streichmusik-Besetzung beste Konzertmusik. Man hörte in diesem Teil des Programms die Hymne und den Triumphmarsch aus der Oper „Aida" (Verdi), die Ouvertüre zur Oper „Rosamunde" (Schubert), den Kaiserwalzer (Strauß) und schließlich die große Fantasie aus der Oper „Cavalleria rusticana" (Mascagni).
Einen glücklichen Uebergang zur feinen Militärmusik und den Märschen bildeten die Darbietungen des zweiten Teils. Da hörte man den Festmarsch über Themen aus dem Klavierkonzert in Es-dur von Beethoven, die Ouvertüre zur Oper „Rienzi" (R. Wagner), eine Fantasie über einige deutsche Lieder (vom Heeresmusikinspizienten Prof. H. Schmidt) und schließlich eirte Histon, he Suite unter dem Titel „Aus Landsknechtszeiten" (Hempel). Die „Adolf - Hitler - Fanfare" und ein Fanfarenmarsch nach den Melodien des Liedes „Volk ans Gewehr" beschlossen diesen Teil des abwechslungsreich'N Programms.
Zu einem eindrucksvollen militärischen Schauspiel gestaltete sich der abschließende Teil des Konzertabends. Die Angehörigen der vier SQufifforp5 traten mit Stahlhelmen in Paradeaufstellung auf der
Bühne an und auf Kommando rückte der Spielmannszug des Jnf.-Regts. 116, vom Saaleingang her strammen Schrittes vor die Bühne. Im Zusammenwirken spielten nun Musikkorps und Spiel» mannszug mit unübertrefflicher Disziplin und Kraft den „Schwedischen Kriegsmarsch", den „Parademarsch der langen Kerls" und den „Badenweiler Marsch". Der große Zapfenstreich beschloß die fesselnde Vortragsfolge.
Die Zuhörer dankten mit anhaltendem Beifall für die ausgezeichneten musikalischen Leistungen.
Der Sonntagvormittag brachte, wiederum begünstigt durch schönes Wetter,
Kasernenbesichtigungen, militärische Vorführungeu und Volksbelustigungen in der Bergkaserne und in der Arlilleriekaserne.
Da gab es in beiden Kasernen großen Betrieb. Es ist bei der Fülle der Vorführungen und bei der Vielfältigkeit der übrigen Darbietungen nicht möglich, im Rahmen dieses Berichts auf alle Einzelheiten einzugehen. Bei der Infanterie in der Berg- kaserne konnte man Ausschnitte aus dem Dienst der Schützenkompanien, der MG.-Kompanie, der lIG.-Kompanie, der Panzerabwehr-Kompanie, des Regiments-Reiterzuges, des Regiments-Nachnchten- zuges sehen, die allesamt die großen Besucherscharen in starkem Maße interessierten. Die Artillerie zeigte durch ihre 7. Batterie den Einsatz einer Batterie in eine Gefechtshandlung mit allem, was dazu gehört, so daß eben „alles dran" war, durch den Nachrichtenzug Ausschnitte aus hem* Meldedienst, durch die 8. Batterie Reiten der Remonteabteilung. Dazu kamen in beiden Kasernen Führungen durch die Mannschafts-Unterkünfte, durch die Ställe, Reitbahnen usw. Ferner war Gelegenheit zum Kleinkaliberschießen, Kinderreiten, Rundfahrten in den Kasernen mit Krümperwagen und Kraftfahrzeugen
r-xfiry Rnöeren durch Dein Opfer
Z////H\\\\\ freuDe bereiten,
® beißt Dir selbst freuDe bereifen!
gegeben, wer Neigung dazu hatte, konnte sich auch in den Kantinen „einen genehmigen" usw Kurzum: die Stunden des Kasernenbesuchs waren in der schönsten Weise ausgefüllt, sie brachten den Besuchern viel Neues und viel Freude, aber auch hier für das WHW. durch Eintrittsgelder und beliebige Opferspenden durch unsere Soldaten eine gute Beihilfe. 1
Eine Ehrenwache in der allen llöer-Uniform in Stärke von 1 Offizier, 1 Unteroffizier und 16 Mann war von 9 bis 18 Uhr am Setterstor aufgezogen. Diese Ehrenwache sollte einerseits eine Huldigung der jungen an die alten 116er sein, anderseits auch hier die Anregung geben, durch eine Opferspende des WHW. zu gedenken. Den ganzen Tag über war diese Wache das Ziel vieler hunderte von Volksgenossen, die einen. Blick nach dem Wachtlokal (die Lesehalle im Torhaus am Selterstor) und vor allem auf die beiden Posten in der Vorkriegsuniform unserer 116er mit den Pickelhauben werfen wollten. Am Abend rückte die Ehrenwache, begleitet von einer stattlichen Menschenmenge, durch die Stadtmitte, zur Bergkaserne zurück.
Den Abschluß des interessanten Tages bildete von 20 Uhr ab ein
Tanzabend in der Volkshalle.
Die Erwartung, daß auch hier Großbetrieb herrschen und dadurch dem WHW. eine ansehnliche Menge „Munition" geliefert werde, dürfte in vollem Ausmaß erfüllt worden sein, denn die große Volks- Halle war auch diesmal „gerappelt" voll. Und der Tanz zu der schmissigen Musik der Soldaten soll recht länglich gewesen sein ...
So ist denn auch diese Veranstaltung unserer Gießener Wehrmachtteile für das WHW. auf der ganzen Linie zu einem schönen Erfolg geworden. Unsere Soldaten dürfen auf diesen Lohn ihrer selbstlosen Tatfreudigkett mit Recht in hohem Maße stolz sei».
Gießener Stadttheater.
Ballettabend der Tanzgruppe.
Wir haben wiederholt Gelegenheit gehabt, auf die vielseitige Verwendbarkeit im Rahmen des Repertoires und auf die erfreuliche Entwicklung der kleinen Tanzgruppe des Stadttheaters unter der Leitung von Ballettmeisterin Irmgard Zenner hinzuweisen. Wir fanden ferner bei einer früheren Veranstaltung ganz ähnlicher Art, daß die Gruppe auch außerhalb ihrer eigentlichen Funktionen im Spielplan in der Lage ist, ein Programm im Sinne her bühnentanzmäßigen Besonderheit ihrer Aufgaben selbständig und abwechslungsreich zu absolvieren. Der gestrige Abend, der größere Teile jener früheren Morgenfeier-Veranstaltung wieder aufnahm, bestätigte die damals und in der Zwischenzeit gewonnenen Eindrücke vollauf.
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Als Neuigkeit sahen wir zu Beginn „Les petits riens“ (oder „Die ungleichen Freier"), ein Schäferspiel von Mozart, eine ganz aus dem graziös beschwingten Geiste des Rokoko geborene kleine Szene, deren Handlung — wenn von Handlung im dramatischen Sinne die Rede sein kann — völlig in eine rhythmisch gegliederte Pantomime aufgelöst ist, em kokettes Intermezzo zwischen Weinen und Lachen, mit Spitzentanz und schäferlichem Blindekuh-Spiel. Mitwirkende waren: Amanda Fischer, Walter K o h l e r m a n n , Irmgard Zenner, Otto Bellos, Lisel Gönner, Gisela K e r n und die Tanzgruppe. *
Nach einem Orchesterzwischenspiel, das den unsterblichen „Rosenkavalier"-Walzer brachte, sahen und hörten wir die Slawischen Tänze von Dvorak; die ersten drei waren aus dem früheren Programm übernommen, der vierte neu. Die national bestimmte Musizierfreudigkeit und der Melodienreichtum des Komponisten verbanden sich mit den volkstümlich einfachen, eingängigen, meist heiteren Themen und der kräftigen Farbigkeit des Kostüms zu einem Eindruck von außerordentlicher Geschlossenheit. Besonders der von Irmgard Zenner allein vorgefuhrte und sofort wiederholte dritte Tanz dieser Suite war in seiner temperamentvollen Rassigkeit, m seinem von natürlichem Humor und tänzerischer Phantasie getragenen Schwung ein entschiedener Höhepunkt her ganzen Vortragsfolge; es war em Vergnügen, diese Nummer noch einmal auf sich wirken zu lassen (Außerdem waren beteiligt: Trudel Lischka, Erika Hönisch, Erika T h o m a s ch o f s k i und die Gruppe.)
Nach her Pause brachte das Orchester als -lieber- leitung die Arlesienne-Suite von Bizet, die mit erfreulicher Verve gespielt wurde, aber in ihrer opern- haft ausladenden Instrumentierung schvn über den sonst recht einheitlichen und stilistisch gebundenen Rahmen des Ballettabends hinausging. Den Abschluß bildete die Nußknacker-Suite (ober: „Der Geburtstag") von Tschaikowsky, die roir\in der Morgenfeier bereits sahen, und die in der Vielfalt ihrer Motive noch einmal hie organische Geschlossenheit wie die tänzerischen Individualitäten der kleinen Gruppe ins rechte Licht stellte. (Mitwirkende: Zen - ner, Lischka, Thomaschofski, Fischer, Kannen, Ruland, Kern, Hönisch und die Gruppe.)
Die choreographische Leitung des Ballettabends hatte Irmgard Zenner, am Dirigentenpult -waltete Kapellmeister Joachim Po p el ka als umsichtiger und feinfühliger Begleiter. Beide konnten zuletzt reichen Beifall entgegennehmen; es gab eine ganze Reihe von Wiederholungen und freundliche Blumenspenden. Hans Thyriot.
Oie Schlittenfahrt.
23on Robert Seih
Jakob stand in der Küchentüre. Er sagte: „Du hast also Geburtstag, Sabine!" — Wenn er auf den Bauernhof kam, versäumte er nie, in der Küche mit vvrzusprechen. Sabine hatte ein paar Arme, die mit allem fertig wurden. Zu solchen Armen konnte man schon Vertrauen haben. Jakob hatte schon Öfter sich ausgemalt, daß Sabine keine schlechte Frau für ihn wäre, aber er war sich nicht im klaren, ob sie ihn für einen guten Mann hielt. So konnte er sich zu einem entscheidenden Wort nicht entschließen. Manchmal machte er Andeutungen. Er meinte: „Eigenes ist besser als Fremdes, auch wenn es bloß halb so splendide aussieht!" — oder: „Ein paar Hufe Land unterm Pflug sind besser als tausend am Wege!" — Sabine hatte sich bisher nicht dazu geäußert. Es war ihre Gewohnheit, bei solchen Redensarten in aller Ruhe weiter zu plätten. oder den Nudelteig zu mangeln oder oas Futter für’S Vieh umzurühren.
„Vielleicht merkt sie nicht, worauf ich hinaus will", dachte Jakob, „ich will es deutlicher sagen." — „Du kämst nun auch in die Jahre, wo du unter die Haube konntest. Nachher sitzt du da und kämmst fremde Kinder" — „Noch was?" fragte Sabine ärgerlich Jakob befam- nach dieser kühn-'ren Andeutung kein Zwetschenwasser, obgleich es draußen
grimmig kalt war und sein Magen eine Heizung nicht verübelt hätte.
Nun also stand er in der Küchentüre und brachte seinen Glückwunsch an. Sabine hatte ein gemütliches Lachen. Es freute sie, daß er an ihren Geburtstag gedacht hatte. „Du kriegst auch noch ein Geschenk", versprach Jakob, „ich muß bloß einmal die Truhe durchstöbern, da ist noch allerhand drin." — „So" antwortete Sabine, „hättest ruhig früher dran denken können." Jakob rieb sich die Nase. „Es ist immer allerlei zu tun", entschuldigte er sich. „Du mit deiner Handvoll Haus", sagte Sabine abweisend. „Großbauer bin ich freilich nicht", brummelte Jakob, „das scheint dir hier den Kopf verdreht zu haben."
Er wollte gehen, aber nun tat es ihr leid, daß sie ihn für seinen guten Willen noch mißlaunig gemacht hatte. Sie sagte: „Setz dich dahin." Er gehorchte und war zufrieden, daß Sabine nicht den Fingerhut, sondern das dicke bauchige Glas vor ihn hin- stellte. „Ich will gar nichts geschenkt haben", sagte sie. — Er sah, daß sie etwas auf dem Herzen hatte. — ,Mas denn?" fragte er. Sie gestand, daß sie für ihr Leben gern einmal Schlitten fahren würde, „lieber den See bis nach Jamund". malte sie es sich aus. „Laß doch deinen Bauern anspannen", erwiderte er mit versuchtem Spott, „die Pferde sind da und der Schlitten ist da. Woran hapert's denn?" — „Schafskopf", sagte Sabine. Bloß dies eine Wort fand sie als Antwort auf einen so dummen Vorschlag. Das kann er sich doch wohl denken, daß der Bauer anderes im Kopf hat, als seine Magd Schlitten zu fahren. Sie war so verärgert, daß sie Jakob links liegen ließ Er lachte über seinen guten Witz noch immer. Als er ging, sagte er: „Morgen!" Aber sie antwortete nichts darauf
Am nächsten Tage war Sonntag Kurz nach Tisch fand sich Jakob auf dem Bauernhof ein. Er klopfte an das Küchenfenster und schnitt Gesichter, aus denen Sabine nicht klug wurde, die aber Besonderes anzudeuten schienen. Er winkte auch heftig und zeigte auf ein Gefährt, das vor der Türe stand Es war ein alter Handschlitten Sabine mußte lachen, als sie sich hineinsetzte und in viele Tücher eingemummelt wurde. Der Großbauer und die Bäuerin waren auch vor die Türe getreten und amüsierten sich über die Fuhre.
Jakob zog den Schlitten zum See hin. Da lag nun eine weite spiegelblanke Fläche vor ihnen Als sie sich dem glatten Eis anvertrauen wollten, sahen sie die alte Bügelten. Das Mütterchen tippelte frierend mit kleinen Schritten auf und ab. Jakob rief ihr ein fuftiaes Wort zu, aber sie wehklagte, daß ihr Schwiegersohn sie über das Eis nach Jamund holen wolle, daß er aber noch nicht ha
wäre, und daß sie fürchte, er habe es vergessen. „Vielleicht hat er nächsten Sonntag gemeint", jammerte sie, „aber nun habe ich doch hier einen Kuchen im Tuch. Der wird doch alt." Da stieg Sabine aus dem Schlitten heraus und sie setzten Mutter Vögelten hinein und zogen sie gemeinsam über bas Eis.
„Das war also eine Schlittenfahrt", meinte Sabine. — „Bleibt ja der Rückweg", tröstete Jakob. Er war gar nickt ärgerlich darüber, daß Sabine ihre warme Hand neben seiner an dem Strick gehabt hatte, an welchem der Schlitten mit der Mutter Bügelten hing.
„Wir wollen uns erstmal aufwärmen", schlug Jakob vor, und sie gingen zu zweit in den Gasthof an der Landstraße. Jakob bestellte erst Kaffee und dann Grog und dann nur noch Grog. Sabine ließ es bei einem Glase genug fein, ‘aber Jakob war lustig, und Lustigkeit muß was zu trinken kriegen, damit sie nicht in den Hindeln stecken bleibt. Als er das achte Glas verlangte, sagte Sabine: „Nun ist's genug", und sie gingen, Teufel, die kalte Luft knickte einem ja die Beine um. Die sieben Gläser Grog im Leib schienen gefroren zu sein, so daß man mit seinen Gelenken gar nicht mehr fertig wurde. Sabine tat, als merkte sie nichts. Sie setzte sich in den Schlitten. Sie wollte ihre Fahrt haben. „Soll er sehen, wie er mit mir nach Haus kommt, der Saufbold", dachte sie. Aber er lag mehr im Schnee, als daß er auf den Füßen stand Er brachte Sabine dauernd in Gefahr mitsamt dem Schlitten kopfüber zu schießen. „Ich soll mir wohl das Genick brechen", schimpfte sie und stieg aus. Er machte ein so erbärmliches Gesicht, daß sie Mitleid bekam. Sie half ihm in den Schlitten und zog ihn nach Hause. Sie setzte langsam Schritt vor Schritt wie ein zuverlässiges Pferd. Jakob fing an sich wohl zu fühlen. Er fang laut, als könnte er ihr damit eine Freude machen Als sie ihn deswegen anfuhr, verhielt er sich mäuschenstill. Dann aber begann er zu schnarchen. Sie hatte Mühe, ihn zu Hause wach zu bekommen.
„Das war also meine Schlittenpartie", sagte sie nachdenklich. Jakob ließ sich tagelang nicht bei ihr sehen. Dann eines Tages kam er kleinlaut an. „Ich habe das hier in der Truhe gefunden", sagte er ängstlich. Es war ein alter blinder Ring. „Ich laß ihn noch aufpolieren, wenn ich in die Stadt komme", sprach er. Sabine steckte den Ring auf den Finger. „Sr sitzt wie angegossen", lachte Jakob. Sabine gab ihm eine gelinde Ohrfeige. Er war ganz glücklich darüber. „Dann sind wir also im klaren", sagte er, "ich denke, wir heiraten zum Frühjahr." Sabine nickte und holte das Zwetschenwasser. „Der Mann würde ja ohne Frau verkommen", entschuldigte fit später vor sich selbst ihren schnellen Entschluß.


