Sie MeuiiW der VlutaWolbestimmungen bei DerkehrsimWen.
(Lin Vortragsabend des OOA(L„ Gießen.
Aus der Stadl Giehen.
Sang vor die Stadt.
Die rote Lampe an der Schranke brennt, noch hallt in der Nacht das scheppernde Aufschlagen des eisernen Balkens. Ein Zug wird die Strecke passieren. Die Vorstadt entläßt mich. Die Fabrikbauten stehen wie Burgen im Dunkeln, aber um ihre Zinnen bläst eisig der Wind. Wohin entgleitet die Zeit? Ich weiß es wieder genau: unter diesen Fabrikbauten traf ich den blassen, pausbäckigen Hans zu einem Sonntag- Morgenspaziergang über die Felder. Wir waren erst sechzehn Jahre. Aber war es nicht erst gestern? Der Tag war klar, in den Gräben am Acker zitterten die Sommergräser im leichten Wind, es kam Glockenschall von der Stadt her und wir führten die ratlosen Gespräche einer verworrenen Zeit. Anderthalb Jahrzehnte zurück —
Der Wind nimmt mir den Atem, als ich auf die Landstraße komme. Sie ist so wunderbar, wie sie Autofahrer lieben. Die Lichter der Stadt glitzern kälter, stechender, je weiter man von ihnen fort- aerät, sie glitzern wie Sterne. Das ist die Landstraße, auf der wir unseren ersten Schulspaziergang machten und an die unbegreiflichen Grenzpfähle kamen, mitten in deutschem Land, hie Hessen, hie Bayern? Ein Schritt und man war drüben und es war kein Abenteuer. Die Kohlweißlinge taumelten unbefangen zwischen den gestreiften Balken. Die Landstraße, über die man später so oft mit den Fahrrädern fuhr, allein, mit Freunden, mit Mädchen. Dom Wind verwehte Gespräche, dutzend Frühlinge mit lichtgrünem Laub des Wäldchens, dutzend- mal gestorben und wiedergekehrt und in- ein paar Wochen abermals alles besiegend! Und staubige Sommer, wenn gläserne Mittaghitze über dem Land lag und in der Stadt der Rauch steil aus den Schornsteinen skieß. Der Weizen war goldgelb, er war reis. Man roch ihn unb man roch auch den Fluß.
Jetzt ist es Nacht. Der Wind springt um. Er verliert jäh an Kälte. Ist das schon Föhn? Man könnte sich in die bewaldeten Wege schlagen, es ist spät geworden. Die Stadt blinzelt her.' Sind nicht der Lichter schon weniger geworden? Ein schwerer Fernlastzug dröhnt vorbei. Er verschlingt jetzt jedes Geräusch des Windes r. k.
Vornotizen.
Tageskalender für Montag.
Ortsgruppe Gießen-Nord: Zelle 1, 2, 3 im „Frankfurter Hof", Zelle 6, 9, 10 im „Gambrinus", Wetzsteingasse, um 20.30 Uhr Zellenabend. — Gloria- Palast, Seltersweg: „Wie einst im Mai". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Brillanten". — Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brand: Kollektiv- Ausstellung, Besuchszeit 17 bis 18 Uhr.
Stadltheater Giehen.
Dienstag, 22. Febr., Anfang 20, Ende 23.15 Uhr: „Clivia", Operette von Nico Dostal. Musikalische Leitung: Heinz Markwardt, Spielleitung Karl Ludwig Lindt, Tänze Irmgard Zenner. Dienstag- Miete 20. Vorstellung.
Mittwoch, 23. Febr., Anfang 19.30, Ende 22 Uhr: „Parkstraße 13", Kriminalstück von Jvexs. Spiel- Teilung Hans Geißler. Mittwoch-Miete 21. Vorstellung.
Donnerstag, 24. Febr., Anfang 20, Ende 22.30 Uhr: Einmaliges Gastspiel Staatsschauspieler Paul Wegener mit seinem Berliner Ensemble in „Kollege Crampton", Komödie von Gerhart Hauptmann. Spielleitung Paul Wegener. Außer Miete.
Freitag, 25. Febr-, Anfang 20, Ende 22.45 Uhr: „Der Troubadour", Oper von Verdi. Musikalische Leitung Joachim Popelka, Spielleitung Wolfgang Kühne. Freitag-Miete 21. Vorstellung.
Samstag,26. Febr., Anfang 20, Ende 22.30 Uhr: KdF.-Miete, Gruppe II (10. Vorstellung): „Lady Windermeres Fächer", Komödie von Oscar Wilde. Spielleitung Hermann Schultze-Griesheim. Freier Kartenverkauf.
Sonntag, 27. Febr., Anfang 11.30, Ende 12.30 Uhr: 10. Morgenveranstaltung, eine lustige Faschingsmorgenfeier „Adam und Eva", Allerlei Neues über ein ziemlich altes Thema.
Am Freitagabend hatte „DerDeutscheAuto- mobil-Club" (DDAC.) seine Mitglieder und Gäste zu einem wissenschaftlichen Vortragsabend in den Großen Hörsaal des Physiologischen Instituts der Universität eingeladen. Der Abend stand unter dem Thema: „Die Bedeutung der Blutalkoholbestimmungen bei Verkehrsunfällen", und über dieses Gebiet sprachen ein Rechtsanwalt, ein Chemiker und ein
^er Vorsitzende des DDAC. Gießen Dr. K e m p f f eröffnete den Vortragsabend und begrüßte die zahlreich erschienenen Gäste, insbesondere die Vertreter von Partei, Wehrmacht, Polizei, Staat, Behörde und den am Kraftverkehr besonders interessierten Innungen und Organisationen.
Zuerst sprach der Ortsgruppensyndikus des DDAC.
Rechtsanwalt Or. Wämser, Gießen
und erörterte die Rechtsfragen bei Derkehrsunfällen und insonderheit solche Fälle, die auf Grund größeren Alkoholgenusses zurückzuführen sind. Rechtsanwalt Dr. Wämser kam eingangs auf die neue Straßenverkehrs- und Straßenverkehrszulassungsordnung zu sprechen, die in ihren wesentlichen Bestimmungen am 1. Januar 1938 in Kraft getreten ist. Jeder Teilnehmer am öffentlichen Straßenverkehr habe sich so zu verhalten, daß der Verkehr nicht aefährdet werden könne, und er habe fein Verhallen so einzurichten, daß kein anderer geschädigt ober mehr als nach den Umständen unvermeidbar behindert ober belästigt werbe. In der Zulassungsordnung heiße es, daß jeder, der infolge körperlicher oder geistiger Mängel sich nicht sicher im Verkehr bewegen kann, nur am Verkehr teilnehmen dürfe, wenn in geeigneter Weise Vorsorge getroffen sei, daß er andere nicht gefährde. Nach, diesen Bestimmungen fei jeder Kraftfahrer strafbar, wenn er unter Alkoholeinwirkung am Verkehr teilnehme, auch ohne daß ein Unfall geschehe. Geschehe ein Unfall, so sei zu prüfen, ob die Alkoholeinwirkung ursächlich für den Unfall war; sei diese Frage zu bejahen, dann müsse, wenn der -Unfall tödlich verlaufen sei, eine höhere Strafe ausgesprochen werden als bei fahrlässiger Tötung ohne Alkoholeinwirkung. Nach der Zulassungsordnung könne der Führerschein entzogen werden, wenn der Fahrer unter erheblicher Wirkung geistiger Getränke am Verkehr teilgenommen habe. Nicht Abstinenz von Alkohol sei für den Verkehrsteilnehmer dem Gesetze nach vorgeschrieben, sondern nurr wenn durch Alkoholgenuß die Fähigkeit und Tüchtigkeit zum Fahren so herabgesetzt wirh, daß er nicht mehr sicher das Steuer, führen und auf plötzliche Ereignisse reagieren könne.
Bestehe nun im Einzelfalle Alkoholverdacht, dann habe die Polizeibehörde das Recht, Blut zur Feststellung des Alkoholgehaltes von dem Fahrer zu entnehmen. In einem Prozeß könne auf die Feststellung des Alkohols im Blute auf chemischem Wege nicht verzichtet werden, aber letzten Endes sei Doch die medizinische Diagnose ausschlaggebend für die Frage, ob im Einzelfall der betreffende Verkehrsteilnehmer gegen das Gesetz verstoßen habe oder nicht, d. h. ob er unter Einwirkung des Alkohols gestanden habe oder nicht.
Jeder Kraftfahrer habe Anspruch darauf, daß die Frage der Fahrtüchttgkeit auf das sorgfältigste geprüft werde. Von dem DDAC. werde großer Wert Darauf gelegt, daß sowohl die Blutentnahme als auch die Blutuntersuchung von wissenschaftlich einwandfreien und ausgebildeten Personen vorgenommen werde, und zwar nicht von einer Zentralstelle aus, sondern möglichst lokal. Der DDAC., der seinen Mitgliedern bei Straf- ober Zivilverfahren in großzügiger Weise einen Rechtsschutz gewähre, versage Diese Hilfe, wenn ein Verstoß gegen das Gesetz infolge erheblicher Alkoholbeeinflussung festgestellt werde. — Anschließend sprach
Dr. Kratz
vom Hessischen Chemischen Untersuchungsamt Gießen über die chemischen Bestimmungs- Methoden des Alkohols und zeigte hierzu einige erklärende Tabellen, Bilder unb Versuche. Die Blutalkoholprobe sei vor Gericht ein wichtiges Beweismittel, nicht nur bei Verkehrsdelikten, sondern schlechthin bei allen Rechtsfragen, bei denen die Frage einer Alkoholbeeinflussung von Bedeutung sei. Eine Stunde etwa nach dem Trunk fei der ganze Alkohol aus leerem Magen in die Blutbahn übergegangen. Der Blutalkoholspiegel, der bis dahin rasch angestiegen sei, sinke von nun an Stunde um Stunde um etwa 0,15 Promille, bis aller Alky- hol aus dem Blut ausgeschieden sei. Bei stark gefülltem Magen daure der Alkoholübergang aus dem Magen länger und der Blutalkoholspiegel .steige nicht so hoch an, als wenn die gleiche Menge Alkohol auf nüchternen Magen getrunken worden wäre.
Im Laufe der Jahrzehnte seien viele Alkoholnachweisverfahren ausgearbeitet worden und das heute bekannteste sei das. nach Widmark, es werde wohl auch heute wenn auch Mit einigen Abänderungen, am meisten angewandt. Der geschulte Chemiker könne die Untersuchungen in ihrer Gesamtheit so sicher ausführen, daß an der Richtigkeit des dem Gerichte mitgeteilten Ergebnisses keine Zweifel mehr geäußert werden können. Aus dem analysierten Blutalkoholgehalt ließen sich anhand des Körpergewichtes und der Angaben über den Zeitpunkt Des Alkoholgenusses und der Blutentnahme Grenzwerte errechnen, innerhalb welchen die von der untersuchten Person getrunkene Alkoholmenge liege. Es sei zwecklos, <bei einer Vernehmung etwa einige Glas Bier zu verheimlichen oder einige hinzu zu schwindeln. Sehr interessant waren die Fälle, die Dr. Kratz aus seiner Praxis berichten und erklären konnte.
Die medizinischen Fragen behandelte abschließend
Med.-Nat Or. Oßwald
vom Staatlichen Gesundheitsamt in Gießen. Die Leistungsfähigkeit des Menschen werde schon durch verhältnismäßig kleine Alkoholmengen herabgesetzt. Vor allem würden die Sinnesfunktionen beeinträchtigt, ebenso Auffassung und Aufmerksamkeit. Durch Alkoholbeeinflussung werde die Auslösung und Ausführung von Reaktionshandlungen nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ geschädigt. Ferner werde die Kritikfähigkeit und das Verantwortungsgefühl beeinträchtigt. Auch wurden durch Alkoholgenuß die Funktionen des Zentralnervensystems derart geschädigt, daß es zu einer Verlangsamung der Reaktionsfähigkeit komme, so sei ein blitzschnelles, sicheres und entschlossenes Handeln im Augenblick der Gefahr, so wie es der heutige Verkehr unbedingt verlange, nicht mehr möglich. Die Alkoholbeeinflussung sei individuell verschieden und könne von verschiedenen Begleitumständen, wie Allgemeinbefinden, Ermüdung, Stimmung, Erkrankungen usw. abhängig sein. Diese Einwirkungen wurden bei einer ärztlichen Untersuchung festgestellt und bei Der Beurteilung berücksichtigt. Aerztliche Untersuchung und chemische Bestimmung der Blutalkoholkonzentration sollen nicht nur belastend wirken, sondern sie seien auch geeignet eine Nüchternheit nachzuweisen.
Alle drei Vorträge wurden mit großem Interesse angehört und reicher Beifall den Vortragenden gezollt. Der Vorsitzende Dr. K e rn p f f schloß mit dem Dank an die Redner den sehr wertvollen und hochaktuellen Vortragsabend.
Haus- unb Grundbesitzer-Verein Gießen.
Kommenden Mittwochabend im „Burghof" Jahreshauptversammlung mit zwei Vorträgen. Die Mitglieder werden heute öffentlich.eingeladen.
WHW., Ortsgruppe Gießen-Nord.
Am Montag, 21., und Dienstag, 22. Februar, wird im Bereich der Ortsgruppe Gießen-Nord die Pfundsammlung burchgeführt. Die Hausfrauen werben gebeten, die Pfundpäckchen bereitzulegen.
WHW. Ortsgruppe Gießen-Ost.
vetr.: VHD.-Pfundspende.
Die Sammlung wird Dienstag, 22., und Mittwoch, 23 Februar, von der NS.-Frauenschaft burchgeführt. Alle Volksgenossen bie in der Lage sind, bas WHW. zu unterstützen, werben bringenb gebeten, sich nicht auszuschließen. Der Inhalt der Päckchen ist außen sichtbar anzuaeben. Es finb in erster Linie zu fpenben Mehl, Hülsenfrüchte. Graupen, Rubeln, Makkaroni, Zucker, Grieß, Wurstwaren unb Konserven.
NSDAP., Ortsgruppe Gießen-Nord.
Am Montag, 21. Februar, finben um 20.30 Uhr folgenbe Zellenabenbe statt:
Zelle: 1, 2, 3 im Restaurant „Frankfurter Hof", Lindengasse,
Zelle: 6, 9, 10 im Restaurant ,Gambrinus", Wetzsteingasse.
Sämtliche Parteigenossen, Parteianwärter und Mitglieder der DÄF., NSV. unb NS.-Frauen- schäft innerhalb ber Zellenbereiche haben an diesen Abenben teilzunehmen unb sich pünktlich in chrem zustänbigen Lokal einzufinden
WHW. Ortsgruppe Gießen-Mitte.
Befr.: Pfundspende.
Am Mittwoch, 23. Februar, werben die Pfund- spenben burch bie NS.-Frauenschaft eingesammelt. Die Hausfrauen werben gebeten, den Inhalt auf ber Umhüllung ber Päckchen kenntlich zu machen. Die Pfunbsammlung erstreckt sich während der Dauer des WHW. auf alle Volksgenossen.
WHW. Ortsführung Gießen-Süd.
Am Montag, 21., Dienstag, 22., und Mittwoch, 23 Februar, findet im Bereich ber Ortsgruppe Gie- ßen-Süb die Pfundsammlung durch bie RS.-Frauen- schaft statt. Es wirb während ber Dauer des WHW. 1937/38 nicht nur bei den Mitgliedern des Gebens- mittel-Opferringes, sondern bei allen Volksgenossen die Pfundsammlung burchgeführt. Als Spenden sind vorwiegend Mehl, Hülsenfrüchte, Graupen, Nubeln, Grieß, Wurstwaren, Konserven erwünscht. Selbstverständlich werden auch alle anderen Pfundspenden entgegengenommen. Die Einwohnerschaft wird gebeten, die Spenden bereitzuhalten.
Deutsches Jungvolk.
Stamm V/116.
Der Stammtag am 27. Februar für die Fähnlein 22 unb 23 fällt aus. Die Besichtigung des Fähnleins 25 findet statt.
Am Dienstag, 22. Februar Besichtigung des Standorts Ruttershausen um 17 Uhr durch den Stammführer.
Musikalische Abendfeier
- in der Zohanneskirche.
Zu Beginn der 26. musikalischen Abendfeier am gestrigen Sonntag stand das Violinkonzert in a-moll. I. S. Bach schrieb mehrere Konzerte für die Violine, von denen nur die erhalten sind, die sich im Besitz Phil. Emanuels befanden. Was Wilhelm Friedemann zufiel, ist wohl für immer verloren. So besitzen wir noch die Konzerte in a-moll, E-dur und G-dur für eine Solovioline mit Orchester. Das in a-moll zeichnet sich durch herbe Größe aus. Don besonderer Einbruckskraft ist der langsame Satz, in dem die Solovioline über einem immer wieder- kehrenden basso ostinato dahinzieht. Herr Rein spielte die Solovioline mit viel Hm gäbe und erreichte im langsamen Satz einen besonderen Höhepunkt.
Rach der Schriftlesung und dem Gebet durch Pfarrer A u s f e l d erklang die Kantate für Soli, Chor und Orchester von I. S. Bach: „Jesus nahm
Oie Mädchen ans der Bnrgflrahe.
Vornan von Hilde K Lest.
22 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Die ältlichen Fräuleins hatten ihre Loranons gehoben unb erwartungsvoll auf Carla gestarrt. Unb Carla hatte gesagt, als sei dies das Selbstverständlichste auf der Welt —: „Ja, ich komme!"
An der Tafel herrschte verlegenes Schweigen. Nur zwei waren da, die hörten nichts und sahen nichts — Ursel und Walter Mansfeld. Sie nutzte die Gelegenheit, ihm eine Frage zuzuflüstern: „Darf ich Heinz Stelling für heute abend einladen? Ich gebe dir gewiß keinen Grund zur Eifersucht."
„Du darfst nicht nur", flüsterte er zurück, „du sollst. Wir wollen immer offen zueinander fein."
Am Abend verließ Carla das Haus, und die Verlobungsfeier mußte ohne sie stattfinden. Es war spät, die Oper begann in zehn Minuten. Sie lief, so rasch der lange Rock des Abendkleides es gestattete. Auf der Brücke hielt sie inne, ihr war, als hätte sie die Schritte eines Verfolgers gehört. Aber sie sah nur harmlose Passanten hinter sich. Vom Portal ber Oper spähte sie vorsichtig in ben Dorraum. Mollwitz war noch nicht da Da huschte sie zum Portier unb gab ihm einen Brief für Mollwitz unb die Eintrittskarte, die er ihr gegeben hatte. In diesem Brief stand, daß sie sich für heute doch anders habe entscheiden müssen. Dann lief sie schnell auf die andere Seite der Linden. Ein hochgewachsener Mann, den sie schon im Foyer der Oper be- nierkt hatte, folgte ihr. Aus dem Fahrdamm kreuzte er den Lichtkegel der Bogenlampe. Sie atmete erleichtert auf. Gottlob, es war nur ein Fremder, der vielleicht ein Abenteuer suchte. Diel Glück! lachte sie in sich hinein.
Sie bummelte unschlüssig die Linden hinunter. Ein paar Männer sprachen sie an, aber ihr zorniger Blick scheuchte sie schnell davon. Nur der unbekannte Verfolger blieb standhaft, wenn er auch achtungsvollen Abstand wahrte. Er war offenbar vorsichtiger, aber auch hartnäckiger als die anderen.
Um neun Uhr besuchte sie ein Kino. Als sie es verließ, wußte sie nicht mehr, wie der Film hieß, den sie soeben gesehen hatte, auch nicht was darin Dorgetommen war. Der Verfolger wußte es viel- leicht, man konnte ihn nur schwerlich fragen. Nun ging sie zur Oper zurück und erkundigte sich, wann die Vorstellung zu Ende sei. Um dreiviertel zwölf
hieß es. Sie rechnete: Mollwitz hätte mit ihr unbedingt noch ein Caf6 besuchen wollen. Das hätte bis eins gedauert. Früher konnte sie nicht nach Hause kommen. Niemand sollte ihr anmerken, wie sie diesen Abend verbracht hatte.
Sie nahm ihren Bummel durch die Straßen von neuem auf. Ueberall zogen Pärchen ihres Wöges, und wenn ein einzelner Spaziergänger daherkam, sah er ihr gewiß neugierig ins Gesicht, und mehr als einer ging eine Strecke neben ihr her und versuchte sie zu überzeugen, daß ein so schönes Mädchen unbedingt einen netten jungen Mann zur Begleitung haben müsse. Und weshalb sie denn gerade nicht mit ihm Kaffee trinken wolle.
Als der fünfte fein Sprüchlein mehr gestottert als gesagt hatte — er war darin ein offenkundiger Anfänger —, blieb Carla plötzlich stehen und sagte: „Sie haben eigentlich reckt, weshalb denn gerade nicht mit Ihnen?" Dabei sah sie, daß der Verfolger gleichfalls stehengeblieben war und die Szene beobachtete. „Gut, gehen wir...!" und der Fremde geleitete sie etwas verdutzt zu Kranzler, er hatte wohl selbst nicht mit diesem „Sieg" gerechnet.
Aber er hatte nur geringe Freude an feiner Eroberung. Carla rührte in ihrem Kaffee unb starrte über die Köpfe der Menge hinweg in den blauen Dunst, der den Raum erfüllte. Da saß auch der Unbekannte, barg sein Gesicht hinter einer Zeitung und begnügte sich wohl damit, ihre Anwesenheit festzustellen. Ihr Begleiter mühte sich redlicher. Er sprach vom Wetter, vom Theater, von Marlene Dietrich und von den Erfahrungen seiner Winterreise in bezug auf alleinstehende Mädchen. Er bewies rührende Geduld, denn sie sagte nur „hm" unb „ja". Er hätte schließlich ein gutes Recht gehabt, zu sagen: „Mein Fräulein, so war das nicht gemeint, ich habe Sie nicht gebeten, mit mir zu schweigen!" Er tat es nicht. Er war jünger als Carla, sein Leben war noch voller Ideale, er ahnte, baß es biefem Mäbel gewiß nicht um den Kaffee ging und baß er also auch nichts erkauft hatte. Er ahnte, daß sie ihm nur in einer plötzlichen Laune gefolgt war, nicht seinetwegen, nicht seines bunten Schlipses wegen, ober weil er seine Frage so schüchtern vorgebracht hatte — nein, einfach weil er vielleicht ber fünfte ober sechste war.
Eine Lotterienummer... ergänzte der junge Mann. Und da er beinahe ein Dichter war, spann er ben Faben weiter unb verwob ihn zu einer Geschichte. Darin war viel von schicksalhaften Dingen bie Rebe und von einem Mädchen, das in gramvoller Verzweiflung beschlossen hatte, sich an den siebenten Mann, der sie ansprach, wegzuckerfen, -und wie dieser Edelmütige das Opfer nicht annahm, well er sie durchschaute, unb wie sie hinter diesem
(Tbelmütigen den Richtigen erkannte, dieweil sie dem Falschen nachgetrauert hatte...
Und in den dichterischen Gedanken des jungen Mannes nahm die Heldin dieser Geschichte nur zu bald Carlas entzückende Gestalt an, und er sprach es laut aus, was er seinem Helden in den Mund zu legen hatte: „Ich bitte Sie, spielen Sie diese Komödie nicht weiter; ich will keinen Blick von Ihnen, keinen Händedruck, nichts. Ich will Sie ganz behutsam nach Hause geleiten und vor Ihrem Hause stehen und warten, bis Sie Ihren Kopf in Ihr Kissen bergen und sich ausweinen. Mein schönster Lohn wird allein sein, daß Sie sick morgen des Fremdlings ohne herben Beigeschmack erinnern, eh' Sie ihn vergessen haben."
„Einverstanden", sagte Carla, die diesen Monolog belustigt mit angehört hatte, unb sah auf bie Uhr. „Gehen wir!" Der Jüngling erwachte erschreckt aus seinen Träumen, benn in seinem Iraum sollte bie Antwort der Heldin wesentlich lieblicher und verheißungsvoller äusfallen. Und nun fand er sich plötzlich auf der Straße unb sehr bald vor dem Hause Burgftraße 118 und hörte Carla sagen: „Danke für bie ^Begleitung!"
Das war selbst für einen schüchternen jungen Mann zu wenig ober zu viel. „Ach bleiben Sie boch!" bat er unb faßte ihren Arm.
„Das wäre programmroibrig", sagte Carla, „ba- von war nicht bie Rede."
„Sie sind grausam", flötete der Jüngling, „Sie können nicht so von mir gehen, so ohne — —"
„So ohne.was benn?'7 gab Carla zurück.
Der junge Mann witterte hinter biefer Neugier eine versteckte Aufforberung, er nahm allen Mut zusammen und legte den Arm um sie.
„Lassen Sie mich los!" sagte Carla, „sonst--"
Aber ihre erhobene Hand brauchte nicht in Aktion zu treten. Eine andere, kräftigere, hatte ben Jüngling am Kragen gepackt und schleppte ihn zum Spreeaelänber. „Soll ich bich abkühlen, mein Jüngelchen?" hörte Carla eine Stimme sagen, bann verloren sich hastende Schritte in ber Dunkelheit, unb ber Fremde, ber sie ben ganzen Abend nicht aus dem Auge gelassen hatte, trat neben sie.
„Welche Unvorsichtigkeit!" sagte er.
„Glauben Sie", sagte Carla verächtlich, „ich wäre mit ihm nicht fertig geworden?"
„Gewiß, aber Sie hätten ihm unrecht getan. Er hat die Ohrfeige nicht verdient, die Sie ihm geben wollten. Er hat ja nur ein Recht gefordert, das in dieser Situation jeder Mann für sich in Anspruch nimmt."
„Worauf Sie nun mit dem Recht des Stärkeren in seine Rechte eintreten wollen ...!" höhnte Carla.
„Das Recht des Stärkeren lasse ich gelten",
meinte ber Frembe, „bas ist unter Männern durchaus ehrenhaft. Aber in feine Rechte will ich nicht eintreten, bie habe ich mir nicht erworben. Die finb gewiß unübertragbar."
„Wie vornehm!" sagte Carla. „Wie vornehm vor allen Dingen, mir den ganzen Abend nachzulaufen." •
„Hätte ich das nicht getan, so stände ich jetzt nickt hier, und sie müßten sich vielleicht die Küsse dieses verhinderten Liebhabers mit Sand und Seife vom Gesicht waschen ..."
„Wollen Sie mir erzählen, baß Sie von neun Uhr abends an mir nachgelaufen sind, um um ein Uhr ben Beschützer spielen zu können?"
„Vielleicht, denn wenn ein junges Mädchen am Abend im Abendkleid so eilig aus Dem Hause rennt, obwohl ihre Schwester Verlobung feiert, kann ihr eine gelinde Ueberwachung nicht von Schaden sein. Uebrigens sehe ich Licht im Hausflur und jemand steigt die Treppe herab. Legen Sie Wert auf diese Begegnung?"
„Nein", sagte Carla und ging schnell die Straße entlang, der Fremde folgte ihr. Die Haustür öffnete sich, Licht fiel auf den Bürgersteig, und in diesem Licht standen der Assessor und das Ehepaar Macher in angeregter Unterhaltung.
„Das Ende dieses Kongresses wenden Sie wohl abwarten müssen", sagte ber Fremde, „unb meine Anwesenheit soll Sie nicht weiter belästigen, wenn Sie mir versprechen, nach Hause zu gehen, wie es kleinen Mädchen geziemt/'
,^Jch tu', was ich will!" war Carlas Antwort, „wie kommen Sie dazu, mich wie ein Schulmädel zu behandeln! Dazu finb Sie viel zu jung. Da lobe ich mir ben Jüngling von vorhin, der sagte wenigstens, was er wollte."
„Wenn es daran läge, so könnte ick Ihnen ja auch sagen, daß Sie überaus hübsch sind und verlockend für jeden Mann, natürlich auch für m'ch. Aber reden wir von etwas anderem, unb damit Sie Ihren Argwohn verlieren, werde ich jetzt das Spree» gelänget überklettern unb also diese eiserne Barriere zwischen uns errichten.
„Wenn ich nur wüßte, wovon Sie ewig reden wollen?"
„Beispielsweise davon, daß ein aus Ihrem Holz geschnitztes junges Mädchen wissen muß, was es will. Daß es nicht in kindlichem Trotz der Der- lobungsfeier seiner Schwester fernbleibt. Daß es sich nicht mit einem Mann zum Opernbeiuch verabredet, um bann doch nicht hinzugehen. Daß es nicht stundenlang planlos durch die Straßen mit dem kläglichen Erfolg, daß schließlich ein grüner Junge sich brüsten darf, so ein schönes Mädel erfolgreich ,angequat(d)t< zu haben!" -
(Fortsetzung folgt.)


