Lehrlingswartetagung für den gewerblichen und kaufmännischen Nachwuchs.
Zur Eröffnung der beruflichen Erziehungsarbeit für 1938/39 hielt die Deutsche Arbeitsfront. Kreis- waltung Wetterau. Abteilung für Berufserziehung und Betriebsführung, am gestrigen Mittwoch die dritte Tagung der Lehrlingswarte für den gewerblichen uns kaufmännischen Nachwuchs der Kreise Wetterau und Alsfeld-Lauterbach im „Burghof" zu Gießen ab.
Kreisberufswalter Müller beschäftigte sich zunächst eingehend mit den Fragen der Leyrlings- erziehung und -ausbildung und zeigte die Fehler der Vergangenheit für den jetzt herrschenden Facharbeitermangel auf. Diese Fehler erforderten nun Maßnahmen, die ihre tiefere Bedeutung in der Erkenntnis haben, daß die den Betrieben anvertrauten jungen Menschen das kostbarste Gut der Volksgemeinschaft seien. Die Berufserziehung sei eine der positivsten sozialpolitischen Maßnahmen für den schaffenden Menschen. Durch sie werde ihm eine Lebensrüstung gegeben, die ihn befähige, seine Anlagen und Kräfte voll zu entfalten und sich im Lebenskampf zu bewähren. Voraussetzung für das Gelingen dieser Aufgabe sei es, daß diese Leistunas- erziehuna im Geiste der Gemeinschaft gelöst werde. Von solcher Grundhaltung her stellen die maßgeblichen Stellen daher folgerte Anforderungen an die deutschen Betriebe:
1. Jeder junge Deutsche hat ein Anrecht auf Ausbildung im Betriebe. Ein Staat, der die Arbeit des schaffenden Volksgenosien als Dienst an der Volksgemeinschaft herausstellt, muß von den deutschen Betrieben verlangen, daß diese auch jedem jungen Menschen eine ordentliche Ausbildung geben.
2. Diese ordentliche Einführung in das Arbeitsleben, diese Anlernung oder die mehrjährige Lehre muß in jedem Betrieb durch klares Herausstellen der Verantwortung für die Ausbildung des Nachwuchses gewährleistet sein, d. h. es muß nicht nur ein Lehrherr, sondern auch ein Mann in jedem Betriebe vorhanden sein, der im Geiste der Betriebsgemeinschaft diese Verantwortung täglich praktisch ausübt. Es wird daher von jedem Betrieb, in dem dies noch nicht geschehen ist, gefordert, daß verantwortliche Ausbildungsleiter oder Ausbildungsmeister eingesetzt werden. Die Betriebe müssen selbst wieder zu wahrhaften Stätten der Erziehung werden, aus denen sich eine Ausbildungstradition ähnlich der des Handwerks herausbilde.
3. An Stelle des vielfach noch vorherrschenden zufälligen Ablaufes der Ausbildung im Betrieb muß die systematische und planvolle Ausbildung treten. Der Grundsatz, daß die Lehrlinge keine Produzenten sind, muß sich in der gesamten Betriebs- welt durchsetzen. Und schließlich darf der Betrieb in den Fragen der Nachwuchserziehung nicht unter seinem eigenen Gesetz und Willen stehen, sondern unter dem der Volksgemeinschaft und der Nation.
4. Diese Planmäßigkeit in der Nachwuchserziehung muß auf einer fest umrissenen, breiten Grundlage erfolgen, die dem Schaffenden eine Arbeitsaus- rüstung und ein Ausbildungsfundament vermittelt, auf Grund dessen er sich auch bei Schwankungen und Umstellungen in der Wirtschaft durch seine Wendigkeit behaupten kann.
Zur Durchführung dieser Grundsätze, die eine Fülle praktischer Reformen mit sich bringen, wies der Redner auf die von der DAF. fast für alle Berufe als Hilfsmittel herausgegebenen Berufserziehungslehrgänge hin. Aus allgemeinen Lehrplänen der DAF. soll jeder Betrieb seine Aus- bildungs. und Lehrpläne entwickeln und ihnen bei aller Wahrung der allgemein geforderten Notwendigkeiten eine betriebliche Färbung geben. Als Hllfsmittel erläuterte der Redner dann den Zweck der Lehrlingsausblldungskarte, des Lehrlingsbuches bzw. des Werkstattheftes, und schließlich die Anwendung des von der DAF. herausgegebenen Befundbogens für eine dauernde ärztliche Betreuung. Alle diese Hilfsmittel sollen im Betrieb eine Lenkung, Beobachtung, sowie eine Auslese ermöglichen.
Der Redner befaßte sich dann noch mit der Unterstützung, die die DAF. u. a. durch die Förderung der Lehr- und der Gemeinschaftslehrwerkstätten der Wirtschaft angedeihen läßt. Schließlich führte Pg. Müller neben den als Ideallösung der Berufsausbildung anzusehenden Lehrwerkstätten noch die namentlich für die kaufmännischen Lehrlinge eingerichteten Uebungsfirmen der DAF.
Abschließend sprach Kreisberufswalter Müller die Bitte an die Lehrlingswarte aus, auf die Lehrlinge dahingehend einzuwirken, daß diese sich aller Einrichtungen der DAF. bedienen, damit durch Zusammenarbeit die großen Aufgaben gelöst werden.
Nach einer kurzen Lause wurden Anregungen aus den Kreisen der Lehrlingswarte vorgebracht.
begann der Betrieb erst nach der Mittagsstunde, um bis in den Abend anzudauern: dabei ver- schwosden die am Mörgen noch so verlockend prangenden Auslagen in den Schaufenstern allmählich bis auf den letzten Rest. Die Geschäftshäuser hatten starken Zuspruch, und auch auf dem Markt war bei den Verkaufsständen stets Andrang zu bemerken. Die vielen Heimkehrer, die mit Paketen beladen waren, lassen auf guten Umsatz schließen.
In der Turnhalle war am Nachmittag eine gut besuchte Filmaufführung, an die sich dann Tanz anschloß mit Darbietungen einer Ballettgruppe. In den anderen Sälen der Stadt begann ebenfalls am Spätnachmittag der Tanz, während in den größeren Gastwirtschaften besondere Stimmungskapel- len auftraten. Die Marktwache, sowie die durch auswärtige Kräfte verstärkte Polizei fand bis zum Abend keinen Anlaß zum Einschreiten bei besonderen Fällen.
Der Donnerstag, als zweiter Markttag, bringt nach dem traditionellen Frühschoppen die Fortsetzung des Krämermarktes und der Dolksbelusti- ?jung auf dem Iuxplatz. Für die Kinder sind allerer Wettspiele und ein Ballonwettbewerb vorgesehen.
Der nächste Sonntag wird die Abschiedsvorstellungen auf dem Iuxplatz und die Wiederholung der Kinderwettspiele und des Ballonwettbewerbs bringen.
Aus der Stadl Gießen.
Sonntags-Hütejungen.
Der Herbst brachte uns heuer nach der Grummeternte noch so warme und nasie Tage, daß die Wiesen von neuem grünten und zartes Gras hervorbrachten. Wenn auch einige Herbstzeitlosen dazwischen stehen, so macht das gar nichts aus. Es wäre doch zu schade, wenn dieses schöne Futter verloren ginge. Zum Schnitt ist es zu klein. Da helfen sich die Landwirte auf eine andere Art. Wenn die Arbeit nicht drängt, besonders aber an Sonntagen, sehen wir nun auch in unserer Gegend, wie das Vieh hinausgetrieben wird, damit es auf den Wiesen das letzte Grün abgrasen kann.
Mitunter gehen die Bauern selber hinaus auf die Wiesen, die ja nicht — wie im Vogelsberg — durch Steinmauern abgegrenzt sind, und geben auf das Vieh acht. In den meisten Fällen aber nehmen ihnen die Buben diese Arbeit ab. Sie werden, auch wenn sie die ganze Woche tüchtig gearbeitet haben, nun am Sonntag zu Hütejungen. Mit Hallo und Halli, die knallende Peitsche in der Hand, geht es durch die Dorfstraßen. Kühe und Rinder sind den Austrieb noch nicht so gewöhnt wie in den Bergen. Sie wollen noch nicht so recht, wissen auch nicht, was das geben soll. Da beginnen die Buben chre Arbeit mit großem Geschrei, wenn eine Kich einmal Seitensprünge macht. Aber schließlich sind sie doch draußen im Wiesengrund, und nun merken die Kühe auch etwas. Sie lassen das Springen und beginnen, das zarte Gras aozufresien.
Die Buben stehen dabei und schauen zu. Aber nicht lange. Denn dort drüben rieselt und rauscht es. Der Bach fließt durchs Tal. An seinen Ufern aber wachsen neben Erlenbüschen unb Weidenbäumen Brombeeren, wilde Heckenrosen und Schle- hen. Im Sommer schon, als das Heu gemacht wurde, war es hier sehr schön. Das Heu war gemente! und sollte nun trocknen. Da konnte man sich in dem Schatten ter Büsche lang ausstrecken und nach den weißen Wolken am Himmelszelt schauen.
Nun sind aber die Brombeeren reif, und die Hagebutten leuchten in der Herbstsonne. Auch einzelne Haselnußbüsche wachsen dazwischen. Da wird Ernte gehalten. Die schönsten Stecken lassen sich an den Büschen schneiten. Die Taschen füllt man sich mit Haselnüsien, die heuer gut geraten sind, und die Brombeeren steckt man in den Mund.
Dann aber lockt der Bach. Könnte man da nicht eine kleine Sperrmauer anbringen, damit sich das Wasser staut? Gesagt, getan! Schon sind die Buben mitten in der Arbeit, sie holen Weiden, Aeste und Zweige herbei und flechten gar ordentlich eine Hemmungswand, die dann mit Lehm und Grasbüscheln abgedichtet wird. Die Mütter sind freilich am Abend, wenn die Buben nach Haus kommen, nicht sonderlich erfreut. Die Kleinen haben wieder
einmal vergessen, daß sie doch chre Sonntagskleider angezogen hatten. Aber Schuhe und Hosen können ja wieder gereinigt werden. Ist es nicht auch schön, wenn sie stolz von chrem Werk erzählen, von ihrem „Stausee", auf dem die kleinen geschnitzten Schiffchen schwimmen konnten?
Die Haselnüße kommen nun aus der Tasche. Sie werden aufgeknackt, und eifrig sind alle beim Esten. Am nächsten Morgen findet die Mutter überall die Schalen der Nüsse.
Und die Kühe und Rinder? Ja, die haben die Buben nicht vergessen, ab und zu lief einer hin und trieb sie, wenn sie etwa in einen Dickwurzacker geraten waren, zurück auf die Wiesen.
Am Abend aber, als sie schön gesättigt waren, wurden sie mit lauten Zurufen zurück in den Stall getrieben.
Sonntagsfreuden unserer Landbuben. Wer will sie chnen nicht gönnen? H.
Dornoiizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Rote Orchideen". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die Eiskönigin". — Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brand.
Hans Christoph kaergel im Stadttheater.
Die 3. Morgenveranstaltung des Stadttheaters am Sonntag, 30. Oktober, 11.30 Uhr, in Verbindung mit der Hitler-Jugend und ter NS.-Geqneinschaft .Kraft durch Freude" bringt „Rufe und Lieder Sudetendeutscher". Die Interwanz hat den bekannten
sudetenteuffchen Dichter Hans Christoph Kaergel verpflichtet, der aus eigenen Werken lesen wird. Es wird empfohlen, für diese Veranstaltung den Vor- verkauf zu benutzen.
BOM-Werl.
Gruppe 4/116 Musik.
Heute, Donnerstag, 20.10., 20.15 Uhr, treten die Musrkschar und diejenigen Mädel, die im September bei den Eheweihen mitsangen, am Uhl-Heim an.
2000 Tonnen Schrott.
im Bereich der SA.-Gruppe Hessen dem verderb entrissen.
NSG. Die vom Beauftragten für den Dierjahres- plan, SA.-Obergruppenführer Göring, befohlene Schrottsammelaktion der SA. hat im Bereich der SA.-Gruppe Hessen durch den Einsatz des letzten SA.-Mannes für diese Aktion ein überaus er- freuliches Ergebnis gehabt. Nach den bisher vorliegenden Meldungen der Standarten liegt bis jetzt im Bereich der SA.-Gruppe Hessen eine Schrottmenge von 1900 Tonnen zur Verladung bereit. Da über die Sammelaktion noch bis zum 20. Oktober läuft und noch täglich gesammelte Eisenmengen herangeschafft werden, kann nach vorläufiger Uebersicht mijt 2000 Tonnen gesammeltem Schrott gerechnet werten,.ter ohne den Einsatz ter SA. nutzlos verrostet und damit ter deutschen Wirtschaft verlorengegangen wäre.
Karl Zimmermann ZO Jahre alt.
Am morgigen Freitag, 21. Oktober, wird unser Mitbürger, Schreinermeister Karl Zimmer, mann, Neuen Säue 15, in bester Frische und ©e. sundhett 70 Jahre alt.
Der Jubilar entstammt einer alten Gießener Handwerkerfamilie. Sein Urgroßvater Johannes Zimmermann, geboren am 24. Juni 1759, war Be- diensteter des Obristen August von Wrede zu Gie. ßen. Nach des Obristen Ableben erwarb dessen Witwe Cleonora im Jahre 1804 das Anwesen Neuen Säue 15 und vermachte es im Jahre 1820 dem Johannes Zimmermann, nebst einem Garten „hinter dem Stadthaus" (Schülers Garten) und einem Garten „unter ten alten Eichen".
Der einzige Sohn des Johannes Zimmermann und Großvater des Jubilars war Karl Zimmer, mann, von Seruf Schreinermeister, der im Jahre 1832 in dem Hause Neuen Säue 15 eine Schreinerei errichtete, die sich nun schon 106 Jahre im Familien« besitze befindet.
Nach dem Tode des Begründers übernahm testen Sohn, ebenfalls mit dem Vornamen Karl, geboren im Jahre 1837, ter Vater des Jubilars, das Ge« schäft, das er bis zum Jahre 1913 innehatte. Manchem unserer älteren Gießener wird dieser biedere Handwerksmeister noch in ter Erinnerung sein.
Wie ter Vorname Karl in ter Familie traditionell ist, so hat sich auch Handwerkerfleiß in der Familie weiter vererbt. Der heutige Inhaber der Schreinerei in der dritten Generatton, unser Jubilar Karl Zimmermann, ist noch tagtäglich in feiner Werkstatt bei rüstiger Arbett anzutreffen.
Karl Zimmermann ist aber nicht nur ein tüchtiger Handwerker. Er war auch einer der ersten, bit in unseren Gegenden den Wintersport einführten. Es ist nicht lange her, daß Karl Zimmermann ge- legentlich eines Herren-Lang-Laufes in Grünberg den ersten Preis im Schilauf erhielt. Dies berechtigt zu der Hoffnung, daß Karl Zimmermann noch viele Jahre bei gleicher Frische in seinem Berufe und ht seiner Familie wirken möge.
Dem Jubilar, ter seit Jahrzehnten zu _ber Beziehergemeinde des Gießener Anzeigers gehört, bringen auch wir zu seinem Geburtstage unfern herzlichen Glückwunsch dar.
Zur Erinnerung an Prof. Or. Gtaöe.
Im Laufe des gestrigen Tages konnte man zwei Arbeiter damit befchäfttgt sehen, wie sie am Haus- Frankfurter Straße 10 eine Gedenktafel befestigten. Aus der Aufschrift war zu ersehen, daß es sich um eine Erinnerungstafel für den Geheimen Kirchen« rat und Professor Dr. phil. und Dr. theol. Bernhard Stade handelt, ter über 30 Jahre lang in unserer Stadt und an unserer Universität wirkte. Er galt als ein bedeutender Vertreter ter alttesta- menttichen Theologie, der sich um die Wissenschaft in vielfältiger und nachdrücklicher Weise verdient gemacht hatte. Professor Dr. State wurde 1848 in Arnstadt (Thüringen) geboren und verstarb nach einem erfolgreichen und kämpferischen Leben im Jahre 1906 in unserer Stadt. In dem Hause, an dem nun die Gedenktafel angebracht wurde, hat ec jahrzehntelang gewohnt.
Gießener wochenmarktpreise.
* Gießen, 20. Ott. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Deutsche feine Molkereibutter, % kg 1,52 Mark, Markenbutter 1,55 bis 1,60 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 9, Eier, deutsche, Kühlhauseier, 12%, ausländische Kühlhauseier, Kl. 8 12%, Wirsing, % kg 8 bis 9 Pf., 50 kg 5 bis 7 Mk., Weißkraut, % kg 3 bis 6 Pf., 50 kg 3 bis 5 Mk., Rotkraut, % kg 7 bis 8 Pf., 50 kg 5 bis 7 Mk., gelbe Rüben und Karotten, % kg 7 bis 10 Pf., rote Rüben 10, Spinat 15 bis 20, Römischkohl 8 bis 10, Bohnen, grün 25 bis 30, Unterkohlrabi 6 bis 8, Rosenkohl 15 bis 25, Feldsalat, Vio 8 bis 10, To-
Kleine 3m MM IRnl
Roman von Kurt Riemann
Copyright by Verlag Oskar Meister, Werdau L Sa.
11. Fortsetzung. (Nachdruck verdoten!-
„Ich hab den Namen, Ruberoid — Zelluloid — Bakelit — und nun der Schlager: aus Karoia machen wir — Karolit! Karolit — der neue, der vollkommene Werkstoff! In jeder Härte, in jeder Farbe, in jeder Stärke! Unoerbrennbar, unempfind- lich, isolierend, chermostatisch, von höchster Vielseitigkeit — für alle Dinge der Jndusttie, des Handwerks und des Haushalts! Der Schlager dieser Zeit! Saufen Sie nur noch Karolit, .Karolit elastic" für den Elektrofachmann, für den Chemiker ,Karolit transparent , säurefest, unzerbrechlich — — fort mit Glas! Karolit ist der Feind des Guten, denn es ist das Bessere!... Hausfrauen... eure Küchenwaage, Bürsten, Schalen, Gläser nur aus Karolit. Kein wütender Ehemann kann sie zerbrechen! Koffer, Zahnräder, Druckrohrlettungen — alles aus Karolit!^
Es will nicht aufhören, also häll chm Wernicke kurz entschloßen den Mund zu, daß er luftschnappend auf seinen Stuhl sinkt.
„So behandelt man Den Reklamechef der ,Ka- rolit-Werke"!" ist sein erstes Wort. Aber dann wird er ernst. „Gefällt euch vielleicht der Name nicht?"
„Doch", lächelt Karajan. „Er ist tadellos. Klingt auch. Du bist wirklich ein Kerl, dem was einfällt."
„Dann soll er mir gefälligst auch sagen, wie er das Geld dazu herschafft. Für diese Prospekte braucht man fast eine Million. Keine Maschine, die augenblicklich auf dem Markt ist, kann verwendet werden!"
Da steht die ernsthafteste Frage wieder auf unter ihnen: denn alle sind sich über die Sachlage klar, die Wernicke jetzt noch einmal kurz zusammenfaßt in seiner nüchternen Art.
„Wir haben eine außerordentlich wertvolle Sache in ter Hand. Darüber bin ich mir wohl klar. Ein Werkstoff ist gefunden, der den vielseitigsten Anforderungen entspricht. Er ist verwendungsfähig für die Industrie wie auch für die Fabrikation von Haushaltungsgegenständen. Schorsch hat wohl etwas Zukunftsmusik gemacht: denn vorläufig ist Glas wohl kaum zu ersetzen, weil es nach meinen lieber- Zeugungen doch wirklich billiger ist. Zunächst noch. Was später wird, werden wir sehen."
Er macht eine Pause und blickt mißtrauisch um
sich. Nein, es ist niemand zu. sehen, nur Karola lieft dort hinten auf der Veranda in ihrem Buch. Befriedigt setzt er seine Ausführungen fort
„Das nächste ist natürlich die Patentanmeldung. Die Finanzierung dafür übernehmen wir am besten selbst Was ich besitze, Karajan, steht dir zur Verfügung."
,,Jch schließe mich dem langmeiligen Vorredner vollinhaltlich an", brummt Schorsch Hausmann. „Verfugen Sie über mein Bankkonto, Herr Graf!"
,,5) alte gefälligst dein koddriges Quatschorgan!" bemerkt Wernicke ganz nebenbei, ohne damit irgendwelche Eindrücke bei Hausmann zu hinterlassen. „Ich nehme nun mal an, das Patent ist erteilt. Dann heißt es, einen Mann ober eine Gesellschaft finden, die Vertrauen genug zu Karajans Erfindung besitzt, in seine Sache ein Vermögen, ein anständiges Vermögen zu stecken."
„Das ist der schwerste Tell", nickte Karajan besorgt. „Mein Name steht noch ein wenig in Verruf. Die interessierten Kreise wissen ganz genau, wie die ,Union2 damals mit meiner ersten Erfindung hereingefallen ist Und, Freunde, wir brauchen uns nichts vorzumachen: Man wird abwinken! Mit beiden Händen abwinken, wenn man meinen Namen hört. Karajan, der damals die unfertige Sache gemacht hat? Gehn Sie mir ab mit Karajanschen Patenten! Ich werfe mein Geld nicht zum Fenster ’rausl' Das wird man sagen. Ich kenne doch die Ge ellschaft."
„Unsinn! Du halt von Geld und Geschäft keine Ahnung. Das laß dir von mir gesagt sein. Du bist wohl ein bedeutender Erfinder vor dem Herrn, und wenn du so in deiner Hexenküche 'rumquacksalberst mit Gläsern, Töpfen, Tiegeln, Flaschen, Junge, Junge, dann krieg ich 'ne Gänsehaut, weil ich an meinen Chemielehrer in Unterprima denken muß. Pfui Deubel! Da bist du ganz groß, Karajan: aber wenn du anfängft, zu handeln, wenn du Geschäftsmann spielst, Mann, da packt mich das Lachen! Dich haut jeder Stift übers Ohr."
Jöas kann ja fein ..."
„Das ist so!" nickt Wernicke. „Schorsch hat ausnahmsweise recht. Und was er mit seiner Rederei meint, habe ich auch begriffen: Kümmere du dich nur ruhig um deine Chemie, wir beide werden die andere Sache schon schaukeln. Was hast du für Pläne, Karajan?"
„Natürlich meine Patentschrift fertigstellen."
„Gut. Das machst du am besten hier."
„Ausgeschlossen! Ich möchte den Leuten hier nicht noch langer zur Last fallen... und außerdem... hier fehlt mir doch allerlei."
„Also noch besser! Du fährst mit mir nach Magdeburg. Ich wohne jetzt draußen in einer netten Werkswohnung. Da hast du Zeit und Ruhe. Außerdem wird's am billigsten. Brauchst du Geld, Karajan?"
„Aber Günther... ich kann doch nicht..."
„Willst du etwa den vornehmen Mann spielen? Dann befehle ich dem ©efreiten Karajan als sein Hauptmann und Kompanieführer, in solchen Dingen gefälligst eine albernen Vorurteile zu Hause zu lassen, verstanden?"
„Zu Be ehl, Herr Hauptmann!" Karajan ist aufgesprungen und hat Haltung angenommen.
„Gelernt ist gelernt!" meint Schorsch. „Mich könntest du sechsmal anfauchen, ich würde doch sitzenbleiben. Ich habe mir nämlich die Schuhe aus- gezogen. Außerdem habe ich Bargeld mitgebracht. Ihr Rindsviecher diskutiert, der kleine dicke Hausmann handett. Das war schon draußen so.
Ihr schwatzt über... eins... zwei... die Philosophie des Maikäfers... drei... vier... und seine Erkenntnis des Bösen und Guten... fünf... fünfhundert Eier, Doktor!... und der kleine Hausmann hat inzwischen ’n fetten Hahn requiriert.
Ich schlage vor, Doktor, du kaufst dir dafür 'ne anständige Kluft. In dieser Schale kannst du bei uns in Berlin nicht mal weiche Zwiebeln am Spittelmarkt verscherbeln!"
„Schorsch hat recht. Daran habe ich gar nicht gedacht, daß du ja neue Kleidung brauchst, sonst hätte ich Bargeld mitgebracht."
„Ja, ja, Köpfchen, mein Lieber! Wenn es auch 'ne Glatze ist, prima ist es doch!"
Ganz still sitzt Karajan zwischen den beiten Männern, die sich da ftiedlich um fein Wohlergehen streiten, und er kann's nicht hindern, daß es ihm heiß in die Augen steigt.
Welche Größe, welcher Glaube gehört doch dazu, ohne zu fragen, ohne ein Wort des Zweifels feine Arbeit als gut und fertig hinzunehmen. Wieviel heimliche Liebe verbirgt sich hinter jedem Wort...!
„Was hast du denn, Doktor? Is dir'n Blumen- pott in die Suppe gehuppt?"
„Schorsch, du altes Schandmaul; wenn man nicht wüßte, was für ein Kerl hinter deiner Faßade steckt... ach Gott, Kinder, ihr wißt ja nicht, wie glücklich ich bin, daß ich euch zwei wiederhabe!" Er druckt ihnen die Hände. .Könnt chr mir das nicht nachfühlen?"
„Doch, Herbert. Das kann man gut!" sagte Wernicke. Er sieht ihm fest ins Auge, und Karajans Blick umfaßt jede Linie des vertrauten Gesichtes, das in Not und Tod über ihn gewacht hat draußen, bis es chm vergönnt war, feinem Hauptmann den
Gegendienst zu leisten. Mit Schorsch zusammen hat er ihn aus Dem Stacheldraht geholt, damals, als sie ihm den Unterkiefer zerschossen, dort, wo jefct Der Bart das Wundmal verkleidet.
„Na, nu gebt euch noch 'n Kuß", gibt Schorsch seinen Senf dazu, „und das Brüderpaar fft fertig!4
Lachend dreht fidj Wernicke herum.
„Nein, aber du kannst eine Ohrfeige haben! DU Scheusal!"
„Wenn's geht, erst nach dem Kaffee. Und Aut gefälligen Kenntnisnahme: Wir werden da oben , bereits erwartet. Die Familie bat sich vollzählig versammelt und harrt unser. Die Finanzfrage werde ich mit Günther mal vorsichtig sondieren, unsereiner als Zeitungsmensch kennt ja allerhand Leute.. v na, und dann müssen wir eben noch mal Kriegsrat abhalten. Einverstanden?"
„Einverstanden! Und nun kommt, Kinder! Tatsächlich ... da wartet Karola bereits am gedeckten Kaffeetisch!"
Der Tag verläuft in voller Harmonie. Auch Wernicke hat jetzt viel von seiner Zurückhattung verloren und greift mit seinen knappen, aber immer treffenden Bemerkungen oft ins Gespräch ein. Hatte Karola anfangs eine gewisse Befangenheit zu überwinden, wenn sie mit ihm sprach, so beginnt sie jetzt zu begreifen, weshalb Karajan diesen Mann so schätzt. Er ist die Verkörperung sicherer Zuoer« läffigxeit x
„Allerdings... eins kann ich Ihnen nur schwer verzeihen", meint sie, ehe sich die Herren reisefertig machen, ,^>aß Sie mir Doktor Karajan so schnell entfuhren. Ich hatte mich schrecklich darauf gefreut. Sie noch heute als unsere Gäste hier zu haben. Schließlich ist das ja so eine Art Verlobungsfeier, nicht wahr?
„Ungewöhnliche Menschen, wie unser Doktor einer ist, bringen auch immer ungewöhnliche Verhältnisse mit sich" tröstet Wernicke. „Und Sie werden begreifen, daß jetzt die Arbett allen persönlichen Wünschen vorgeht!"
„Ohne weiteres!" nickt Karola. ,Lch klage ja auch ganz leise und in der Stille."
„Sie sind in Magdeburg jederzett willkommen! Meine Frau wird sich ebenso freuen wie ich, wenn Sie uns und Karajan besuchen."
„Ich danke Ihnen, Herr Wernicke. Vielleicht mache ich von Ihrer freundlichen Einladung bald Gebrauch."
Tante Therese mahnt zum Aufbruch, und wirklich, es ist höchste (Eile, wenn man den Autobus noch erreichen will.
Karola vleibt an der Ausfahrt des Theresien- hofes stehen. (Fortsetzung folgt)


