Aus der Stadt Gießen.
tauchende Feuer.
Nun flammen sie überall wieder auf, wenn der Tag zur Neige geht, und wenn die Dunkelheit ihre schweren Schatten über die Landschaft wirft. 3n den Gärten und auf den Feldern am Rande der Stadt lodern sie dann wie Helle Fanale, und ihre Schwaden ziehen in langen Fahnen zum Horizont, die Luft mit beizendem Rauch erfüllend. Es ist ein eigenartiaer Reiz, der diese Kartoffelfeuer auszeichnet, ein Reiz, dem sich niemand entziehen kann.
Ist es nicht ein eindrucksvolles Bild, wenn auf dem Felde die rote Feuersäule aufsteigt, die alle Gegenstände in unmittelbarer Nähe mit ihrem Pur- purschein beleuchtet? Ein junger Mann, der daneben steht und das Feuer schürt, erscheint wie eine sagenhafte Gestalt, die bii- Flammen beschwört. Die Umrisse der Gestalt wachsen ins Groteske, das zuckende Widerspiel der Flammen verleiht dem Gesicht einen phantastischen Ausdruck. So sieht es der Fußgänger, der vorübergeht und der gern einen Augenblick verweilt, um den romantischen Zauber dieses Idylls in der Dämmerstunde zu genießen. Eine Erinnerung an Goethes „Schatzgräber" wird in ihm lebendig. Steht der junge Mann nicht auch wie jener Schatzgräber auf dem Felde und zieht er nicht gleich jenem geheimnisvoll Kreis um Kreise?
In der Tat, der Vergleich könnte stimmen, nur daß jener Jüngling nicht mit ängstlicher Beschwörung vergebens nach Schätzen gräbt. Er hat es auch nicht nötig, den „Mut des reinen Lebens" zu trinken, denn in ihm steckt noch die frohe Lebensbejahung, die weder in alten Pergamenten, noch in einem Pakt mit dem Teufel den Weg zur Glückseligkeit sucht. Er steht fest auf dem Boden, auf dem kleinen Stück Land, das er und die Seinen im Frühjahr bebauten, und das nun die gelbfleischigen Früchte spendet, die als willkommene Winternahrung im Keller aufgespeichert werden. Es ist ein Segen um die Kartoffelernte, ein Segen, der namentlich jene'n Volksgenossen zur frohen Wirklichkeit wird, die als Schrebergärtner oder als Besitzer eines Streifers Landes am Stadtrand fleißig ihre Scholle bearbeiten.
Zur herbstlichen Stimmung gehören nach unserer Vorstellung die rauchenden Kartoffelfeuer. Und doch ist es noch gar nicht so lange her, daß die Kartoffel ihren Einzug in Europa hielt. Aus ihrer Heimat, der Hochebene der Anden Südamerikas, wurde sie um 1550 nach Spanien gebracht. Aber auch dann betrachtete man sie zunächst nur als botanische Seltenheit, bis sie schließlich vor knapp zweihundert Jahren sich als menschliches Nahrungsmittel durchsetzte. Dann begann sie allerdings einen Siegeszug, der unvergleichlich ist, und dem mir es verdanken, daß heute fast auf keinem Mittagstisch die vortreffliche und nahrhafte Frucht fehlt, deren Krai^ jetzt die rauchenden Feuer verzehren. H. W. Sch.
Laßt die Holunderbeeren nicht verkommen!
In obstarmen Jahren, wie das heurige, müssen alle Wildfrüchte, soweit sie für den menschlichen Genuß nutzbar gemacht werden können, gesammelt werden und dürfen nicht umkommen. Gar manche Hausfrau kann aüf diese Weise beispielsweise ihre Brotaufstrichmittel ergänzen, so daß es ihr möglich ist, den eigenen Bedarf völlig zu decken. In diesem Jahre bringt wie selten, her Holunderstrauch eine sehr reiche Beerenernte. Die dunklen Beeren dürfen nicht verkommen! lleberall in Gebüschen, Hecken und einsamen Wegen treffen wir den nützlichen Holunder an. Die erbsengroßen, mit purpurnem Safte gefärbten Beeren sind bald reif. Sie zu sammeln geschieht ohne jegliche Schwierigkeiten und hat dazu noch den Vorteil, daß sie nichts kosten. Sie enthalten in der Reife außer Apfelsäure, Zucker, den bekannten schweißtreibenden Bestandteil der Blüten und roten Farbstoff. Alle aus ihnen her- gestellten Speisen und Marmeladen schmecken gut und sind sehr bekömmlich. Heute gibt es eine ganze Anzahl von Verwertungs-verfahren, nach denen die Holunderbeeren Verwendung finden können. Die süß-säuerlichen Beeren dienen zunächst zur Bereitung des Holundermuses. Man pflückt sie von den Kämmen, reinigt sie und bringt sie in einer Pfanne
UnteW die SchrMammelaktion der SA. im Gau Hessen-Mau!
NSG. Der (Baubeauftragte für die Altmaterial- erfaffung des (Baues Hessen-Nassau, Gauwirtschaftsberater Eckardt, wendet sich mit folgendem Aufruf an die Bevölkerung des (Baues Hessen-Nassau:
Generalfeldmarschall Ministerpräsident Göring hat die SA. zu einer S ch r 0 11 s a m m e 1 a k 11 o n aufgerufen. Im Gebiet des (Baues Hessen-Nassau findet diese Aktion vom 24. September bis einschließlich 1. Oktober statt. An diesen Tagen wird die SA. unter Einsatz aller zur Verfügung stehenden Kräfte sämtliches irgendwie entbehrliche und nutzlos herumliegende Alteisen, wie alte Eimer und Kessel, alle Sorten Altblech, gebrauchte Eisenreifen, Maschinenteile, Behälter und dergleichen sammeln. Die SA. wird die Landschaft säubern, auf den Bauernhöfen vorsprechen und alle Haushaltungen in Dorf und Stadt aufsuchen. Ausgenommen sind nur die gewerblichen Betriebe, die regelmäßig einen größeren Schrottanfall haben und diesen an den Schrotthandel verkaufen. Ich bitte hiermit die gesamte Bevölkerung des Gaues Hessen-Nassau, die SA. in dieser Sammelaktion weitestgehend zu unterstützen und ihr
alles irgendwie entbehrliche Schrottmaterial kostenlos zur Verfügung zu stellen.
Bauernhöfe, auf denen die Maul- und Klauenseuche herrscht, werden von der SA. nicht betreten. Ich erwarte pber von den Bauern solcher Höfe, daß sie auf ihrem Anwesen Umschau nach verschrottungsreifen Gegenständen halten und diese an den örtlich festgesetzten Sammeltagen vor dem Hofeingang zur Abholung bereitlegen.
Deutsche Volksgenossen! Bedenkt, daß Deutschland allein im Monat Juli d. I. für 27 Millionen Reichsmark Schrott aus dem Auslande eingeführt hat. Ein großer Teil der für die Schrotteinfuhr notwendigen Devisen kann gespart werden, wenn jeder darauf achtet, daß alle Werkzeuge, Geräte und sonstigen Gegenstände aus Blech, Eisen oder Stahl, sobald sie nicht mehr verwendbar sind, sofort der Verschrottung zugeführt werden. Leider ist bas nicht der Fall, denn noch immer gehen jährlich viele tausend Tonnen Alteisen dem heutschen Volke durch Verrosten verloren! Jeder tue deshalb seine Pflicht und trage dazu bei, daß auch dieser selbstlose Einsatz der SA. von vollem Erfolg gekrönt wird.
einige Zeit über das Feuer, damit der Saft leichter ausgeschieden wird. Ist dies geschehen, würzt man den Brei mit Zimt, Vanille, Zitrone oder Nelken, ähnlich wie bei der Bereitung des übrigen Obst- mufes. Auf die gleiche Weife werden Gelee, Marmelade und Syrup hergestellt, was auch fabrikmäßig geschieht. Ein Liter Beerenbrei oder Saft versüßt man mit etwa 1 Pfund Zucker. Ungesüßter Brei stellt eine wertvolle Arznei dar, die man bei Husten, Verschleimung und Halsentzündung erfolgreich anwendet.
Eine weitere Verwendungsmöglichkeit der Holunderbeeren besteht in der Herstellung von Holundersaft (Süßmost) und Wein. Zu diesem Zwecke werden die ausgereiften Beeren, wie bereits erwähnt, ent- fämrnt, gewaschen, mit etwas Wässer gekocht, bis die Saftfülle genügend ist. Dann gewinnt man den klaren Saft durch Aufläufen — nicht Auspressen —, indem man den Brei in einen Stoffbeutel ober Sack gießt. Der schöne rote Saft wird, mit Zucker versetzt, in Flaschen sterilisiert: die Rückstände aber zu Mus verarbeitet. Zur Bereitung von Wein werden die Holunderbeeren einige Stunden mit etwas Wasser gekocht und ausgepreßt. Auf 10 Liter Saft rechnet man 5 Pfd. Zucker, 10 Gramm Weinsteinsäure, 1 Gramm Nelken, 5 Gramm Hefe, 3 Gramm Zimt, 1 Pfd. Rosinen. Letztere werden zerstampft, mit wakmem Wasser übergossen, ausgepreßt und mit Preßrückstand, > genannten Gewürzen, Saft und Zucker in ein Faß gebracht. Die Gärung setzt naturgemäß ein. Ist sie beendet, füllt man den Saft in ein anderes Faß und zteht nach vollendeter Nachgärung auf Kaschen.
So sehen wir, daß der Holunder ein überaus nützlicher Strauch ist und m?hr Beachtung verdient. In der Schweiz und England würdigt man seinen Nutzen und pflanzt ihn 'sogar an. Für uns heute verlohnt es sich wahrlich, die reiche Holunderernte zu sammeln und zu verwerten.
Vornotizen
Tageskalender für Dienstag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Heimat". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Die Frau am Scheidewege". — Arbeitsgemeinschaft Gießener Soldatenkameradschaften, 20.30 Uhr, im „Auerhahn" Schlußbesprechung. — Stunde der Hausfrau: Restaurant Becker, Wiesecker Weg 44, um 16 und 20 Uhr Weiß- Wasch-Dorführungen.
Johann Strauß kommt!
Johann Strauß dirigiert am nächsten Samstag, 24. Septesnber, in der Gießener Volkshalle sein eigenes Orchester. Er bringt — wie man uns schreibt — außerdem eine Wiener Bühnenschau mit, bei der Meistertänzerinnen vom Ballett des Theaters a. d. Wien gastieren. Trotz seiner 74 Jahre ist Johann Strauß noch jugendlich rüstig, er spielt und dirigiert die bekannten Melodien persönlich.
Heute nachmittag kehren unsere 116 er zurück.
Unser Infanterie-Regiment 116 hat heute früh seine Herbstübungen beendet. Am heutigen Dienstagnachmittag, etwa um 15 Uhr, wird das Regiment hierher zurückkehren. Der Einmarsch in die Garni- sonstadt erfolgt von Heuchelheim her über die Lahn- brücke, am Oswaldsgarten vorbei über den Horst- Wessel-Wall, am Selterstor vorbei, den Hindenburg-- wall entlang, dann über den Hitlerwall durch die Moltkestraße zur Kaserne. Das E.-Bataillon wird am Anfang der Licher Straße, bei der Persil-Uhr, vom Regiment abschwenken und über die Straße „Am Nahrungsberg" zu seiner Unterkunft marschieren. Die Regimentsmusik wird an der Spitze des Regiments die bekannte flotte Marschmusik stellen.
Gießener Dochenmorktpreiie.
* G i e ß e n , 20. Sept. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Deutsche feine Molkereibutter, H kg 1,52 Mark, Markenbutter 1,55 bis 1,60 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 9, Wirsing, % kg 8 bis 10, Weißkraut 8, Rotkraut 10, gelbe Rüben und Karotten 10 bis 11, rote Rüben 10, Spinat 20 bis 25, Römischkohl 8 bis 12, Bohnen, grün 30, gelb 30, Tomaten 20 bis 35, Zwiebeln 10 bis 12, Meerrettich 45 bis 70, Rhabarber 12, Kürbis 8 bis 10, Pilze 45 bis 50, Kartoffeln, % kg 4 Pf., 5 kg 40 Pf., 50 kg 3,30 bis 4 Mark, Aepfel, kg 25 bis 40 Pf., Falläpfel 14 bis 15, Birnen 20 bis 40, Brombeeren 40 bis 55, Preiselbeeren 40, Haus- zwetschen 21 Pf., junge Hähne 1,10 bis 1,20 Mark, Suppenhühner 90 Pf. bis -1,05 Mark, Tauben, das Stück 50 bis 60 Pf., Blumenkohl 10 bis 50, Salat 8 bis 15, Endivien 5 bis 15, Salatgurken 10 bis 30, Einmachgurken 2 bis 6, Oberkohlrabi 5 bis 12, Lauch 5 bis 10, Sellerie 10 bis 35, Rettich 5 bis 15, Radieschen, das Bündel 8 bis 10 Pf.
♦* Sterbefälle in der Stadt Gießen. Am 2.9. Katharine Nicolai, geb. Döringer, o. B„ 78 Jahre alt, Frankfurter Straße 159; am 3.9. Elfte Krombach, geb. Schindler, o. B., 58 Jahre aft, Lud- wigsplatz 8; am 4.9. Luise Valentin, geb. Nieber- gall, o. B., 82 Jahre alt, (Bleiberger Weg 90; am 6.9. Ernst Ludwig Merlau, 4 Jahre alt, Credner- straße 16; Georg Gerlach, Bauunternehmer, 86 Jahre alt, Hitlerwall 9; 8.Y. Georg Ruthsatz, Metzger- meister, 74 Jahre alt, Schillerstraße 14; Elisabeth Wilker, o. B., 73 Jahre alt, Wetzsteinstraße 6; Elisabeth Krumm, geb. Klein, o. B., 37 Jahre alt, Bahnhofstraße 40; am 9.9. Käthchen Stein, geb. Gerhard, o.B., 73 Jahre alt, Iohannesstraße 9; am 10.9. Karl Biedenkopf, Postassistent i. R., 71 Jahre alt, Tannenweg 3; Gerhard Pfau, Eisenbahn- I Assistent i. R., 83 Jahre alt, Gartenstraße 30; am
11.9. Otto Geilfuß, Justizsekretär i. R., 87 Jahre alt, Schillerstraße 13; am 12.9. Johannette Bona« rius, geb. Wigandt, o. B., 74 Jahre alt, Liebig- straße 87; Ernst Seibt, Metzgevmeister, 54 Jahre alt Marktplatz 15; 15.9. Walter Kinkel, Doktor, Universitätsprofessor i. R., 66 Jahre alt, Senden« bergstraße 15; Katharina Schlosser, geb. Stroh, o B 72 Jahre alt; Marburger Straße 49.
**'Mit dem Treudienst-Ehrenzeichen ausgezeichnet. Der in weiten Kreisen bekannte Beamte der hiesigen Reichsbankstelle Ferdinand d Hanneken hat vom Führer und Reichs- ■ kanzler das Treudienst-Ehrenzeichen für 40jährige Dienste erhalten. Das Ehrenzeichen wurde ihm gestern in würdiger Weise vom Betriebsfuhrer überreicht. .
** E i n 7 5jährige r. Bäckermeister t. R. Heinrich Krämer, Kreuzplatz 11, begeht heute, am 20. September, feinen 75. Geburtstag. Dem Jubilar unseren herzlichen Glückwunsch.
** Rückständige Krankenkassenbe,- träge bezahlen! Die Allgemeine Ortskrankenkasse'für Stadt- und Landkreis Gießen fordert zur umgehenden Bezahlung der rückständigen Kranken- •faffenbeiträge vom August auf. Bis zum 25. September kann diese Schuld noch ohne besondere Kosten erledigt werden.
Amtsgericht Gietzen.
Der H. Sch. aus Gießen hatte durch Strafbefehl wegen Bedrohung eine Gefängnisstrafe von zehn Tagen erhalten. Gegen diesen Strafbefehl legte er Einspruch ein. In der gestrigen Hauptverhandlung erschien die strafbare Handlung in einem wesentlich anderen Lichte. Der Angeklagte erhielt wegen fahr- lässiger Körperverletzung (§ 230 StGB.) eine Geldstrafe von 15 RM. In der Hauptverhandlung stellte sich folgender Sachverhalt heraus: Als der Angeklagte mit feiner Frau auf feinem Pferde« fuhrwerk nach feinem (Barten in den Eichgärten fuhr, hörten sie schon von fern ihre Buben schreien. Die Ehefrau Sch. sprang von dem Wagen, um ihren Kindern beizustehen. Als der Angeklagte mit seinem Wagen sich seinem (Barten näherte, sah er, wie seine Frau sich mit einem jungen Manne zankte; er will auch gesehen haben, daß der junge Mann nach seiner Frau schlug. Daraufhin sei er seinerseits seiner Frau zu Hilfe geeilt. Er will aber kein Messer bei sich geführt.haben. Den mächtigen Kinnhaken, den er bei dem jungen Mann landete, und der diesen samt seinem Rade im hohen Bogen in den Graben warf, bestreitet er nicht, doch will er eben diesen Schlag in Nothilfe geführt haben. Seine Drohungen habe er erst ausgestoßen, als der Gegner eiligst auf feinem Rade das Weite suchte. Da die Angaben des Sch. größtenteils nicht widerlegt werden konnten, wurde er wie angegeben verurteilt.
Eine Frau aus Gießen, die sich mit ihren Kindern kümmerlich durchs Leben schlagen muß, hatte bei dem Wohlfahrtsamte, von dem sie unterstützt wurde, nicht gemeldet, daß sie als Verkäuferin aushilfsweise tätig war und als solche ganz schön verdiente. Sie mußte wegen fortgesetzten Betruges zu einer Gefängnisstrafe von sechs Wochen verurteilt werden.
CRun&fttttfprogramm
Mittwoch, 21. September.
5 Uhr: Frühmusik. 5.45: Ruf ins Land. 6: Gymnastik. 6.30:Zrühkonzert. 7: Nachrichten. 8.10: Gymnastik. 8.30: Froher Klang zur Werkpause. 9.30: Nur Frankfurt: Gaunachrichten. 9.40: Kleine Ratschläge für Küche und Haus. 10: Schulfunk. 11.45: Voll und Wirtschaft. Die TN. sichert lebenswichtige Betriebe. 12: Werkskonzert. 13: Nachrichten. 13.15: Mittagskonzert. 14: Nachrichten. 14.10: „Wenn ein Mädel einen Herrn hat ..." Unverwüstliche Schla- gerklänye. 15: Bilderbuch der Woche. 15.15: Die politische Führung eines Dorfes. Ein Querschnitt durch die Arbeit einer Ortsgruppe der NSDAP. 16: Nachmittagskonzert. Freut euch des Lebens! — Das Mikrophon unterwegs. — 18: Zeitgeschehen. 18.30: Der fröhliche Lautsprecher. 19: Fliegendes Deutschland. Der Kriegsflieger mit dem Hakenkreuz. 19.15: Volksmusik aus Schweden. 19.40: Chorkonzert. Schöne deutsche Volkslieder. 20: Nachrichten. 20.15: Heitere Welt der Bühne. 21.15: Kammermusik. Kompositionen von Julius Weismann. 22: Nachrichten. 22.30: Musik aus Wien. 24: Nachtkon- zert. 2—3: Nachmusik.
Kannst du zurück, Dore?
Vornan von Hedda Lindner.
Copyright by Earl Duncker Verlag, Berlin W 35.
19. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
„Es ist nichts", wehrte Merzmann höflich ab.
Aber die kleine Murdock ließ nicht locker. „Sie haben solch einen melancholischen Zug um die Mundwinkel, sicher haben Sie eine besonders nette Braut in Mombassa zurückgelassen", mutmaßte sie.
Merzmann mußte lachen. „Ausgerechnet in Mombassa, Ihre Phantasie geht Irrwege, gnädige Frau."
„Aber irgend etwas ist doch los mit Ihnen", -beharrte sie. ,^fd) kenne jeden Zug in dem — wie sagt man — geliebten Gesicht."
Merzmann verbeugte sich dankend. „Wirklich nichts Besonderes, ein paar dienstliche Angelegenheiten."
„Und die sind natürlich strengstes Geheimnis", bohrte sie ungerührt weiter.
Merzmann gab es auf. „Das nicht. Aber ich setze bei Ihnen für unsere chinesischen Wäscher wirklich kein Interesse voraus."
„Ach, weiter nichts?" sagte Mrs. Murdock enttäuscht. „Und dabei sahen Sie aus, als ob Sie mindestens ein Drama erlebt hätten." Sie wandte sich dör Engländerin zu und begann von etwas anderem zu reden, die chinesischen Wäscher interessierten Sie tatsächlich nicht.
Dafür trat aber Dr. Kesten plötzlich aus seiner Zurückhaltung heraus. „Hatten Sie Aerger mit den Leuten?" fragte er höflich. „Oder ist sonst etwas geschehen?" •
„Aerger! Das kann man wohl sagen. Kommen im allerletzten Augenblick drei von den Kerlen und streiken, dabei sind sie bis Hamburg fest verpflichtet. Wir haben ihnen wegen des Vertragsbruches mit allem möglichen gedroht. Nichts zu machen! Sie waren bereits an Land, und ich hätte sie mit Gewalt aufs Schiff schleppen lassen müssen."
Dr. Kesten hatte interessiert zugehört. „Und was gaben sie als Grund an?"
„Aus dem Kauderwelsch war nicht klug zu werden. Aber einen Grund schienen sie zu haben, sie machten einen ziemlich verstörten Eindruck, soweit man das bei diesen starren asiatischen Gesichtern fest- steilen kann. Und dabei haben wir das Schiff voll Fahrgäste, und wenn es mit der Wäsche nicht klappt — Sie wissen doch, wie die Leute sind — gleich gibt es Beschwerden bei der Linie."
„Was haben Sie nun gemacht?"
„Ich bin herumgelaufen von Pontius zu Pilatus, herrlich bei der Hitze, und schließlich habe ich durch einen Agenten, einen ziemlich finsteren Burschen, wenigstens zwei neue Wäscher gefrieat. Kräftige Burschen, die müssen es mit dem Rest eben schaffen, aber es ist kein Vergnügen, die Zeit damit zu verplempern."
„Das kann ich mir denken", sagte Dr. Kesten. Er sah sehr nachdenklich aus. „Haben Sie sonst noch farbiges Personal an Bord?" fragte er nach einer Weile.
„Nur zwei schwarze Matrosen seit Daressalam. Einem unserer Leute war eine Kiste auf den Fuß gefallen, und einer hatte sich den Arm verstaucht. Keine schlimme Sache, es geht ihnen schon besser. Die Schwarzen sind nur bis Port Sudan ange- muftert."
„Ich habe sie gesehen, kräftige Kerle."
„Sind Watussi. Brauchbare Leute, wenn sie auch gefährlich aussehen mit ihren großen Messern im Gürtel. Wir hatten die beiden schon öfter als Aushilfe."
Dr. Kesten neigte sich etwas nach vorn. „Sie kennen die Leute schon länger?"
„Ali und Mabruki? Doch. Sie sind schon öfters mit uns gefahren, auch mit anderen Schiffen der Linie."
„So, so." Dr. Kesten lehnte sich wieder in feinen Stuhl zurück. Sein Interesse an Ali und Mabruki mar erloschen.
Am nächsten Tage hatte sich der Wind gedreht, es gab etwds mehr Dünung, und die „Kenya" begann leicht zu stampfen. Die Fahrgäste der ersten Klasse schienen ziemlich seefest zu fein. Beim Frühstück jedenfalls fehlte niemand. „Was werden Sie tun, um uns über die langweiligen Seetage bis Aden hinwegzubringen?" frägte Mrs. Murdock unternehmungslustig. '
„Ich habe natürlich an Sie gedacht, gnädige Frau", antwortete Merzmann liebenswürdig. „Und da Sie gern tanzen, haben wir für hxute einen Tanzabend in der Touristenklasse vorgesehen. Darf ich gleich um den ersten Tango bitten?"
Mabel Murdock nickte gnädig Gewährung und erschien am Abend in einer Toilette, die ebenso kleidsam wie gewagt mar. Gerald mar doch etwas verblüfft bei der Feststellung, daß sie zu dem eleganten Chiffonkleid zwar entzückende Schühchen, aber keine Strümpfe trug. Sie sah feinen erstaunten Blick und ließ kokett den zierlichen Fuß mit den rotlackierten Nägeln aus dem Schuh gleiten. „Strümpfe sind fo heiß", erklärte sie. „Finden Sie mich sehr shocking?"
„Ich nicht. Dazu sind Ihre Füße zu hübsch", sagte Gerald aufrichtig. „Aber ..." Er warf einen Blick zu dem Nebentisch hinüber, an dem eine größere Gesellschaft saß, auch die freundlichen Nachbarinnen fehlten nicht.
„Ach die", lachte Mabel unbekümmert, „die tun feit Durban weiter nichts als sich entrüsten. Sollten mir doch dankbar fein, daß ich soviel zu ihrer Unterhaltung beitrage."
„Auch ein Standpunkt, gnädige Frau." Der Schiffsarzt war hinzugetreten und hatte die Bemerkung gehört. „Trotzdem möchte ich Sie Ihren Bewunderern jetzt an die Bar entführen."
Mrs. Murdock ging, und Gerald blieb mit Dr. Kesten allein am Tisch. Der Erste Offizier mußte sich allen Fahrgästen widmen und kam nur gelegentlich, um sich zu erholen". Der Kapitän war bislang nicht erschienen, er überließ den geselligen Teil nach Möglichkeit seinem „Ersten".
Gerald fand seinen ruhigen Tischgenossen sehr nett, obwohl sie bisher nur ein paar belanglose Redensarten miteinander gewechselt hatten. „Eine niedliche Frau, die kleine Mrs. Murdock!"
Dr. Kesten lächelte. „Ja, die Männerwelt versagt ihrer reizenden Person die Anerkennung nicht. Sehen Sie, selbst der gute Merzmann will sie nicht dem Doktor überlassen und läuft eilig hinterher."
„Wenigstens hat er seinen Aerger von gestern überwunden und die Geschichte mit der Wäsche scheint ja auch zu klappen", meinte Gerald, auf das blütenweiße Tischtuch deutend. Das höfliche Gesicht ihm gegenüber wurde plötzlich so ernst, wie es mit dieser harmlosen Bemerkung kaum inv Einklang zu bringen mar. Dr. Kesten sah ihn an, merkwürdig scharfe Augen hatte der Mann; Gerald hielt dem Blick stand, etwas erstaunt und auch ein wenig befremdet.
„Sind Sie Deutscher, Herr Hilger?" fragte Dr. Kesten.
„Jawohl", antwortete Gerald kurz.
Dr. Kesten sah ihn nochmals scharf an, aber er schien mit dem Ergebnis der Musterung zufrieden zu sein, sein Gesicht entspannte sich. „Darf ich Sie als Landsmann um einen großen Dienst bitten?"
„Selbstverständlich, gern", antwortete Gerald höflich.
Kesten vergewisserte sich, daß niemand auf sie achtete.
Sie saßen in einer Ecke des geräumigen Saales, Vorhänge schützten die Fenster gegen Sicht von Deck aus. Dann faßte Dr. Kesten in die Brusttasche und zog ein großes silbernes Zigarettenetui heraus. Unter dem Etui hielt er einen Umschlag. „Ich möchte Sie bitten, mir diesen Umschlag, den ich jetzt un«
auffällig in Ihre Hand gleiten lasse, bis Aden aufzuheben."
Gerald zögerte. „Ohne daß ich weiß, um was es sich handelt? fragte er erstaunt.
„Es handelt sich um nichts Unrechtes, auch nicht um Schmuggel irgendwelcher Art", versicherte der Doktor, und 'es lag eine überzeugende Aufrichtigkeit in seiner Stimme. „Es handelt sich um äußerst wichtige Papiere, die bet mir — bei mir nicht mehr ganz icher sind. ITnb sollte ich —e^ stockte, aber fuhr gleich darauf ruhig fort — „nicht mehr in der Lage fein, diese Ppiere von Ihnen zurückzufordern, so bitte ich, sie so rasch wie möglich, dem nächsten deutschen Konsul ober der nächsten englischen Behörde persönlich zu übergeben/'
„Ja, aber warum geben Sie sie nicht dem Kapitän?" wandte Gerald ein.
Dr. Kesten lächelte dünn. „Weil man sie dort zuerst suchen würde. Sie sind erst in Tanga eingestiegen, und wir kennen uns kaum, bei Ihnen vermutet man sie am letzten."
„Und ich darf nicht wissen..."
„Je weniger Sie wissen, desto besser ist es für Sie", unterbrach ihn der Doktor, „und wenn mir bis Aden nichts zustößt, nehme ich die Papiere zurück. Aber Sie würden mir wirklich einen sehr großen Gefallen tun", wiederholte er nochmals eindringlich.
„Geben. Sie her!" Auch Gerald zog sein Etui. Die Herren boten sich wechselseitig Zigaretten an, dabei glitt unauffällig der Umschlag in Hilgers fianb. Dann erhob sich Kesten mit einer kurzen Verbeugung. „Es ist besser, wenn man uns möglichst wenig zusammen sieht", sagte er unb ging aus dem Saal.
Geralb blickte ihm nach. Der helle, festliche Raum, bie Musik, bie lachenben unb tanzenden Menschen gaben dieser ganzen Unterhaltung etwas seltsam Unwirkliches. Aber bann fühlte er bas leise Knistern bes Papiers in seiner Brusttasche, hörte ben schweren Ernst der Worte: „Unb sollte ich nicht mehr in ber Lage sein ..." Das sah boch verbammt nach Wirklichkeit aus. Der Mann fühlte sich in Gefahr, hier auf dem Schiff, und wollte boch die Hilst bes Kapitäns nicht forbern, wer mochten seine Gegner sein? Er ließ seinen Blick über bie bunte Menge schweifen, aus allen Teilen Afrikas, aus allen Nationen zusammengewürfelt — wer konnte wissen, was sich unter der lächelnben Oberfläche verbarg. Er jedenfalls würde bie Augen offen halten. Mit diesem Entschluß ging Geralb schließlich nach einem sonst sehr anregenden und harmonischen Abend zu Bett.
'Fortsetzung folgt!)


