llr.220 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für GberWen)Dienstag, 20. September 1938
Deutschlands Handel im Südasien.
Von Or. Carl Wellthor.
Der Staatssekretär i.n Reichswirtschaftsministerium Brinkmann hat in seiner Rede zur Wiener Herbstmesse nochmals mit aller Entschiedenheit die Behauptung zurückgewiesen, daß Deutschland durch die Erfolge im Vierjahresplan außenhandels- feindlich geworden fei. Er hat vielmehr betont, daß das Primat der Ausfuhr heute noch gelte. Wer die Bedingungen kennt, unter denen in Deutschland knappe Auslandrohstoffe zugeteilt werden, weiß, daß Staatssekretär Brinkmann mit der erwähnten Aeußerunq nicht zuviel gesagt hat. Sieht man sich die Geschäftsberichte der großen deutschen Wirtschaftsunternehmungen an, so findet man fast in jedem von ihnen ausführliche Darlegungen darüber, wieweit sich das Unternehmen unmittelbar oder mittelbar an der Steigerung der deutschen Ausfuhr beteiligt hat. Als besonderer Pluspunkt wird gebucht, wenn es gelungen ist, gegenüber dem Vorjahr eine Erhöhung des Aus- fubrgeschäfts zu erzielen.
Roch bemerkenswerter als dieser Vorstoß Brinkmanns gegen falsche Beschuldigungen der deutschen Wirtschaftspolitik ist die Erklärung zu der immer wieder ausgestreuten Behauptung, Deutschland nütze seinen wirtschaftlichen Einfluß aus, um sich eine politische Vormacht st ellung zu erringen. Hierzu erklärte Staatssekretär Brinkmann wörtlich: „Wir stehen nicht an, böswilligen Verleumdern zu erklären, daß wir nicht die Absicht haben, durch den Ausbau unserer Wirtschaftsbeziehungen eine irgendwie geartete Hegemonie st ellung im sü do st europäischen Raum an uns zu reißen." Ein großer Teil der Zuhörerschaft Brinkmanns waren Vertreter aus den südosteuropäischen Ländern. Wenn es in den Berichten über die Wiener Herbstmesse heißt, daß die Nachfrage ungarischer, jugoslawischer, bulgarischer, griechischer, rumänischer, türkischer usw. Vertreter recht lebhaft gewesen ist, so liegt darin das Zeugnis enthalten, daß man in den Südostländern selbst wegen angeblicher Hegemoniebestrebungen keine Befürchtungen hegt.
Die Behauptung von politischen Nebenabsichten Deutschlands in den Donau- und Balkanländern ist inWesteuropa und in Amerika aufgestellt worden. Sie bildet eine Art Nachklang zu der Vereinigung Oesterreichs mit dem Reich. Damals entstand die These, Deutschland werde sich wirtschaftlich und dann auch politisch des Donau- und Balkanraums bemächtigen und einen Machtzuwachs erfahren, der es für frühere Territorialverluste mehr als entschädigen würde. In den letzten Monaten haben England>und Frankreich versucht, durch Gewährung von Anleihen, durch Finanzierung wirtschaftlicher Erschließungsaufgaben und durch direkte Käufe Deutschland aus dem südosteuropäischen Geschäft zu verdrängen. Sieht man sich die Zahlen des Warenaustauschs zwischen Deutschland und den südosteuropäischen Ländern für die ersten sechs Monate oft, so ist festzustellen, daß im Warenaustausch mit Bulgarien, Jugoslawien, Rumänien und Ungarn die Vorjahreshöhe nicht ganz erreicht worden ist. Dies liegt natürlich zum Teil daran, daß die Lieferungen dieser Länder nach Deutschland i n der Zeit nach der Ernte, also in der zweiten Hälfte des Kalenderjahres, ihren Höhepunkt erreichen. Aber auch die deutsche Ausfuhr nach diesen Ländern, Öre sich ziemlich gleichmäßig auf das ganze Jahr verteilt, hat nicht ganz die Vorjahreshöhe behalten. Der Grund dafür ist der, daß DeuUchland sowohl wie die füdosteuropäischen Länder eine möglichst ausgeglichene Handelsbilanz erzielen müssen, und daß jeweils die niedrigeren Bezüge dos Maß für den gesamten Warenaustausch bestimmen.
Es wäre aber falsch, wenn man do (Ergebnis weniger Monate als charakteristisch für Die Gesamt-
entwicklung ansehen wollte. Die spezifischen Produkte der südosteuropäischen Länder sind ausgesprochene Bedarfsartikel Deutschlands, nämlich Weizen, Oelfrüchte, Faserpflanzen, Obst, Tabak, Metallerze und Erdöl. Umgekehrt können sich die südosteuropäischen Länder keinen besseren Lieferanten für Zndustriewaren wünschen als Deutschland. In einer Diskussion der Frage, warum Deutschland aus bin Märkten Südosteuropas und des nahen Orients so häufig vor anderen Ländern das Rennen mache, ist von den Jntessenten dieser Waren erklärt worden, daß sich die deutschen Ex- pyrteure eifriger als die Exporteure anderer Länder bemühten, den besonderen Wünschen der Abnehmer gerecht zu werden. Wenn dazu noch Preiswürdigkeit und schnelle Belieferung kommen, wie sie durch die Benutzung der Donauwasser- straße gewährleistet sind, so ist es nicht zu verwundern, nrnn Deutschland in Südosteuropa eine zuverlässige Abnehmerschaft hat. Dazu tritt ein weiterer Umstand: In den Wirtschaftsabmachungen, die Deutschland mit den Südostlündern getroffen hat, hat man sich gegenseitig zugesichert, schon die Produktion immer mehr aufeinander einzustellen. So wird der Anbau von Pflanzen, für deren Bezug sich Deutschland interessiert, planmäßig vorbereitet, wie auch umgekehrt Deutschland der Geschmacksrichtung und den besonderen Eigentümlichkeiten der zu beliefernden Länder weitgehend gerecht zu werden sucht. Ein großer Teil der deutschen Lieferungen erstreckt sich auf Produktionsmittel, also auf Maschinen, Fabriks- und Bergwerkseinrichtungen, Elektrizitätsgewinnungsanlagen, Verkehrsmittel und Lagerräume. Die damit verbundenen Ersatzlieferungen werden gleichfalls an Deutschland vergeben werden. Zusammenfassend bedeutet das, daß sich die Wirtschaft Großdeutschlands und die der Donau- und Bolkanländer immer mehr aufeinander ein st eilen und daß sie dabei gleichzeitig ein höheres Interesse gewahrt wissen, nämlich das der Sicherstellung des Bedarfs im Fälle eines Krieges.
Die Abhängigkeit herüber und hinüber ist nicht so vollständig, daß Deutschland und die. südosteuropäischen Länder unter allen Umständen und in jeder Beziehung nur aufeinander angewiesen wären. Sie behalten also ein gewisses Maß von Freiheit. Das ist unbedingt erforderlich, wenn sich nicht Besorgnisse und Spannungen einstellen sollen. Es gibt außer den Donau- und Balkanländern auch andere Gebiete auf
der Welt, in denen Weizen, Mais, Früchte usw. über den Eigenbedarf hinaus erzeugt werden. Umgekehrt gibt es neben Deutschland leistungsfähige Industrieländer, die sich an der Belieferung der südosteuropäischen Märkte beteiligen können und tatsächlich auch beteiligen. Aber selbst wenn Deutschland und die Südostländer füreinander die einzigen Bezugs- und Absatzmöglichkeiten bilden sollten, kann keine Rede davon sein, daß Deutschland eine Vormachtstellung genießt. Im Verhältnis der Lieferanten und Abnehmer zueinander kann man überhaupt keine festen Formen angeben. Es gibt nur wenige Artikel, für die einzelne Länder eine Art Monopolstellung innehaben. Sehr oft aber ist in der Wirtschaftsgeschichte eine Monopolstellung verloren gegangen. Den Beweis hierfür liefert Chile, das in der industriellen Herstellung künstlicher Düngemittel in Deutschland und änderen Ländern innerhalb weniger Jahrzehnte einen vollwertigen Konkurrenten erhalten hat. Nach der allgemeinen Konjunktur, aber auch nach dem Ernteausfall und der Entwicklung der bergbaulichen Erzeugung wandelt sich das Verhältnis der Lieferanten und Bezieher fortwährend. Wenn in einem Jahr vielleicht die Erzeuger landwirtschaftlicher Produkte wegen ungünstigen Ernteausfalls von den Abnehmern umworben werden, so ist es vielleicht schon im nächsten Jahre umgekehrt, wenn eine überreiche Ernte den Erzeugerländern Absatzschwierigkeiten bereitet und die Verbraucherländer nicht allzuviele Aufträge zu vergeben haben.
Bei der Durchsicht der Liste mit den Austauschgütern zwischen Deutschland und den südosteuropäischen Ländern ist es unmöglich, festzustellen, daß Deutschland das wirtschaftliche Schicksal des Donau- und Balkanraums in der Hand habe und diese Stellung dazu benutzen könne, den Regierungen der betreffenden Staaten seinen Willen aufzuzwingen. Dazu kommt noch ein weiterer Umstand: Es handelt sich bei den südosteuropäischen Ländern um Gebiete mit stark nationalbewußter und ehrempfindlicher Bevölkerung. Fast alle der in Betracht kommenden Länder haben sich ihre nationale Selbständigkeit erst vor. wenigen Jahrzehnten erkämpft und würden sich gewiß kein neues politisches Joch gefallen lassen. Die deutsche Politik hat in den letzten Jahren verschiedentlich Proben von Zurückhaltung, Sachlichkeit und Nüchternheit abgelegt. Sie wird bestimmt nicht den Fehler begehen, auf Länder einen politischen Em^"K auszuüben, die auf die Erhaltung ihres 'Lelbst- bestimmungsrechtes den größten Wert legen.
Oie Schlacht von St. Mihiel.
Dor zwanzig Jahren: September 1918.
Seit dem 8. September 1918 hatte die deutsche Oberste Heeresleitung die Rückführung der deutschen Kampffront in die Siegfried-Stellung des Jahres 1917 zwischen Arras und Soissons beendet. Der deutsche Frontsoldat kämpfte schon seit Wochen, Schritt um Schritt nur zurückweichend, aber das Gesich zum Feinde gewendet, um das neue Ziel der letzten Kriegsperiode, um den Schutz der H e i m'a t a r e n z e n.
Bevor Marschall Fach zum großen Endangriff schritt, mußte noch die letzte der vier Frontausbuchtungen beseitigt werden, die der deutsche Angreifer "im Verlaufe der früheren Kämpfe nach Westen vorgetrieben hatte. Südlich von Verdun zwischen den (Totes Lorraine und Pont-a-Mousson stand der Deutsche hier noch in einer Stellung, in der sein Angriff im Herbst 1914 erstarrt mar; „ein taktisches Mißgebilde, das den Gegner zu einem großen Schlag einladen konnte", schreibt Generalfeldmarschall v. Hindenburg in seinen Krieqs- erinnerungen und fährt fort: „Es ist nicht recht verständlich, warum uns der Franzose jahrelang in diesem großen Dreieck stehen ließ, das in seine Gesamtfront hineinsorang... Man wird uns vielleicht als einen Fehler anrechnen, daß wir diese Sage nicht schon länost, spätestens mit dem Einstellen unseres Angriffes auf Verdun, aufgaben.
Allein wir übten gerade durch diese Stellung einen im hohen Grade wichtigen Druck auf die Bewegungsfreiheit des Gegners um Verdun aus und sperrten das ihm so wichtige Maastal südlich der Festung."
Seitdem die deutsche Oberste Heeresleitung nun endgültig vom Angriff in die Verteidigung gewor- fpri ronr, besaß diese „Fingerstellung" von St. Mihiel für die deutsche Seite keinen strategischen Wert mehr. Deshalb war, als zwischen Maas und Mosel auf der Feindesseite lebhafteste Bewegung spürbar wurde, beschlossen wurde, die Mi- hiel-Stellung zu räumen und auf die schon lange vorbereitete Basis dieser Frontausbuchtung, die „Michel-Stellung" zurückzugehen. Bevor aber der Abmarsch angetreten werden kannte, traf in der Nacht zum 12. September überraschend der feindliche Angriff die zur Heeresgruppe G a l l w : tz gehörende Armeeabteilung C. Die Ehre dieses Schlages hatte Fach dem amerikanischen Bundesgenossen zugedacht. Zum erstenmal sollte eine ganze amerikanische Armee unter eigener Führung und eigenen Fahnen eine Schlacht schlagen.
So brach denn am 12. September 1918 frühmorgens das Verhängnis über die Armeeabteilung C herein. 14 Divisionen stark, standen die Amerikaner zwischen St. Menehould und Moselbruck aufmar
schiert. Die 1. amerikanische Armee griff mit zwei. Armeekorps vrtn Süden her in Richtung auf Thiau- court, mit einem Armeekorps von Westen her über Combres und Dornmartin an, um den deutschen Frontbogen zu umklammern. Gegen die Spitze bet St. Mihiel ging das französische 2. Kolonialkorps vor. Unter dem überwältigenden Druck brach die schwache Verteidigung zusammen. Der Angriff auf den Maashöhen entwurzelte die Oesterreicher, die dort die Nordflanke schützten, und warf sie von den Höhen herab. In die Südflanke brach ein Tank-, angriff ein und riß eine preußische Division Lin. „In der Mittagsstunde lag der Keil von St. Mihiel abgeknickt unter den Radbändern der amerikanischen Sturmwagen, und in der Nacht auf den 13. schloß General Pershing die Zange." Es gelang ihm zwar nicht mehr, die deutsche Besatzung der Mihiel-Stellung vollständig abzuschneiden, aber es blieben ihm zahlreiche Gefangene und Geschütze in der Hand. Generalleutnant Fuchs hatte gerade noch rechtzeitig den Befehl zum Rückzug auf dis Grundstellung zwischen Fresnes und Vont-a-Mous- son erteilen können, und nur diesem Entschluß der sicheren Führung der Divisioiien und der prächtigen Haltung der Truppe war es zu verdanken, daß der Rückzug aus der weit vorgeschobenen Stellung in einem 3 0' Kilometer langen Flanken« marsch gelang. Als/ die Amerikaner zum Sturm auf die Michelstellung antraten, brachen schnell her- angeführte deutsche Reserven hervor und hefteten die dicken amerikanischen Kolonnen an die Stelle.
Dennoch war der Tag von St. Mihiel ein schwerer Schlag für den deutschen Verteidiger. Der Ge- ländeverlust ließ sich verschmerzen, aber der Verlust von fast 16 000 in Gefangenschaft geratenen deutschen Kämpfern neben der großen Zahl von Toten und Verwundeten, und auch der Verlust von rund 4.y) Geschützen bedeuteten in dieser Stunde des Krieges eine Einbuße an Kampfkraft, die schwer ins Gewicht fiel. „Der Gedanke, daß diese Niederlage sich durch eine rechtzeitige Räumung der Stellung hätte vermeiden lassen, ist schmerzlich", schreibt General v. Kuhl in seiner Kriegsgeschichte. Um so höher strahlt der Glanz der örtlichen Führung und der Truppe, die es fertigbrachten, die volle Katastrophe durch eine schnelle, besonnene und energische Operation zu verhindern.
Die Gegner triumphierten, Frankreich jubelte. P o i n c a r e eilte nach St. Mihiel, C l 6 m e n * ceau begab sich nach Verdun. Fachs großes Programm vom 24. Juli aber war erfüllt; die vorspringenden deutschen Frontbogen an der Lys, art der Somme, an der Marne und jetzt auch an der Maas waren eingedrückt. „Die Deutschen hatten zwar Feldzug und Krieg verloren", schreibt Herr Stegemann, „aber ihr Heer bildete immer noch eine streitbare geschlossene Masse, und das letzte Los war noch nicht gefallen. Sie konnten nicht mehr kämpfen, um zu siegen, aber sie mußten kämpfen, um nicht völlig zu unterliegen ..."
Johannes Moeller.
Nassauer Bürgermeister beglückwünschen Königin Wichrlmina.
Amsterdam, 17. Sept. (Europapreß.) Acht Bürgermeister aus Nassau unter Führung des Oberbürgermeisters von Wiesbaden haben in Amsterdam der Königin die Glückwünsche des Nassauer Landes, des Stammlandes des holländischen Königshauses, zum 40jährigen Regierungsjubiläum überbracht. Bei dieser Gelegenheit überreichten sie der Königin eine künstlerische, in Schweinsleder gebundene Urkunde mit dem Wappen Wilhelm^ des Schweigers, die von dem Frankfurter Maler und Graveur Ferdinand Hofmann gestochen war. Die Urkunde befand sich in einer kostbaren Kassette aus Marmor des Lahngebiets, von dem Frankfurter Bildhauer Hans Buckor gearbeitet. Sie trägt in Bronze das niederländische Wappen und an den Seiten die Wappen der acht nassauischen Städte. — Die Königin dankte herzlich für die Glückwünsche und das Geschenk und unterhielt sich längere Zeit mit ihren deutschen Gästen.
„Heimat."
Im Gießener Gloria-P last.
Das hat sich der alte S u d e r m a n n gewiß nicht träumen lassen, daß einer seiner allerstärksten Bühnenerfolge, die „Heimat" von 1893, fast hin halbes Jahrhundert später, verwandelt in der neuen Kunstform, von der man damals noch nichts ahnen konnte, abermals ihren Triumph feiern würde — nicht in Deutschland allein, sondern vor dem kritischen Forum der ganzen Welt: „Heimat" gehört zu ben Filmen, die auf der letzten Biennale in Venedig unserer Produktion gewichtige und höchst ehrenvolle Preise eingetragen haben. Ein Blick ins Programmheft läßt bereits erkennen, welche Wandlungen freilich das Schauspiel inzwischen durchgemacht hat: „nach dem Drama von Hermann Sudermann heißt es da; Manuskript: Otto. Ernst Hesse, Hans Brennert, Harald Braun; Drehbuch von Harald Braun. Das sind die Stationen die der Stoff durchlaufen mußte, ehe ihn der Spielleiter Carl Froelich in die Hand nahm, um ihm die grundsätzlich neue Form unseres Jahrhunderts zu geben. „Es blieb nur der Kern des Stoffes übrig, sonst nichts", bemerkt eine Information der Ufa dazu. Will man den entscheidenden Unterschied der Fassungen von 1893 und 1938 mit wenigen Worten kennzeichnen, so wird man vielleicht sagen können: Dinge, die damals aktuell wirkten, erscheinen uns heute historisch: und, im Zusammenhang damit, die aggressive Schärfe einer sehr unmittelbar empfundenen Moralkritik, auch . die theatralischen Effekte eines großen Bühnen-KunsUers haben sich im Film (an den entscheidenden Stellen) zugunsten einer schlichten, jederzeit gültigen Menschlichkeit gemildert, der das Kostüm der achtziger Jahre kein wesentlich mitbestimmendes dramaturgisches Requisit mehr sein kann. Was übrig blieb, ist öie Geschichte von der Heimkehr der verlorenen oder verloren geglaubten, bewußt verloren gegebe Tochter in die Heimat und in das Elternhaus.
Diese Tochter kehrt freilich anders heim als jener verlorene Sohn, der immer wieder durch die Jahrhunderte hin nach dem biblischen Urbilde die Vhan- tasie der Dichter bewegt hat. Ihre Heimkehr ist kein Friedensfest, die alte Heimat nicht der stille ^asen, nicht die Erfüllung einer in schweren und bittere Jahren gehegten Sehnsucht. Alle Gegensätze und Spannungen von ehedem tun sich wieder auf: noch immer steht die enge Welt der kleinen Residenz und Garnison gegen die große, weite, vorurteilslose der Künstlerin, die nicht vor die Hunde gegangen ist, sondern sich durchgesetzt hat. Wenn man
ferner bemerkt hat, daß hier der Zusammenstoß einer Persönlichkeit mit einer Gesellschaft von Figuren und Typen sich vollziehe, so muß man doch zum mindesten eine Ausnahme zulassen, denn der Zusammenstoß geschieht in seiner letzten Konsequenz zwischen der heimgekehrten Tochter und dem altgewordenen und vereinsamten Vater; der ist gewiß nicht minder Persönlichkeit als das unbotmäßige Kind: das erweist sich, sobald nach halbwegs glücklicher und friedlicher Ankunft die alten Gegensätze sich wieder auftun, und die Schatten der Vergangenheit übermächtig eine fast heitere, fast idyllische Szenerie zu verdunkeln beginnen. Die Heimkehrerin begegnet einem Liebhaber von damals, der mittlerweile auf seine Weise ebenfalls „arriviert" ist: dem Vater ihres Kindes, der dieses Kind verleugnen will, aber die Geliebte von ehedem um ihres Geldes willen zu heiraten bereit ist. (Das Geld käme ihm sehr gelegen, seine Unterschlagungen zu decken.) Man wird a"ch bemerken, wie in den Auseinandersetzungen zwischen Tochter und Vater jenes berühmte Motiv aus Sudermanns erstem großem Schauspiel-Erfolge wieder anklingt, aus der „Ehre".
Der Spielleiter Professor §arl F r o e l i ch hat sich einmal über die Grundform des Filmes ganz allgemein folgendermaßen geäußert: sie scheine ihm weder ausgesprochen dramatisch noch ausgesprochen episch zu sein; „fest steht für mich, daß sie eher nach dem Epos als nach dem Drama tendiert. Man könnte sagen, daß sie episch mit dramatischen Akzenten ist, wenn man darunter dos Filmische verstehen will" Die „Heimat" gibt, wie wir glauben, cm gutes Beispiel für solche Auffassung. Froelich versteht es, das Bild einer kleinen verschollenen Welt (man muß ein paarm-al an seinen „Traumulus denken) überaus lebendig zu machen; aber bas Zeitbild ist nicht der Endzweck, nicht das Letzte und Eigentliche hier, nur charakteristische Kulisse für die Verhandlung menschlicher Dinge. Der Ausgleich zwischen Bild und Ton als den entscheidenden Elementen künstlerischer Gestaltung ist überdies auf eine besonders schöne und harmonische Weise verwirklicht worden.
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Zarah Leander ist Maddalena dall Orto besser bekannt als Mogda, älteste Tochter des Obersten Leopold von Schwartze, ungeratenes verlorenes entlaufenes Kind, heimgekehrt als große Dame und berühmte Künstlerin Nur die Aeltesten unter uns werden sich besinnen können die Sandrock oder gar die Düse in dieser Rolle gesehen 3« haben. Uns fehlt eine Möglichkeit des Vergleiches. Auch die Magda
des Films ist eine Pavaderolle, aber die Leander macht erfreulicherweise keinen Gebrauch davon: ihre Gestaltung gewinnt ebensosehr durch Negation und Verzicht (auf alle Theatralik nämlich und das Ausspielen der sogenannten großen Szene) wie durch dos, was sie positiv zu geben vermag in der Auseinandersetzung zwischen künstlerischen und provinziellen Moralbegriffen: durch eine schlichte, frauliche Innerlichkeit und durch die warme, tiefe, beseelte Stimme. Ihr Gesang der Orpheus-Arie (von Gluck) gehört zu den schönsten Eindrücken dieses Films.
George ist der alte Oberst, eine wundervoll klare und ausgewogene Erscheinung: auf ihn ist freilich das Wort von den provinziellen Moralvor- ftellungen nicht anzuwenden; aus ihm sprechen Erziehung und Begriffe des alten preußischen Offiziers. Mich müßt ihr verbrauchen, wie ich bin, sagt er einmal und zeigt diesen einsamen und verbitterten Obersten mit allen Schroffen und Kanten, er schenkt ihm aber auch alle Wärme und Menschlichkeit eines enttäuschten, liebenden, gerne verzeihenden Vaters, und mit einer ganz einfachen und selbstverständlichen Gebärde legt er zuletzt den Arm um bas unvermutet gewonnene Enkelkinb. — Franz SchafHeitlin svielt bemerkenswert sicher und wohltuend aebänwft ben schuftiaen Keller, ohne in bie Allüren des Theaterschurken zu nprfaUen. Ruth Vellberg ist ein zierlicher Backfisch aus ben achtziger Jahren, Georg Alexander gibt dem Prinzen freundlich- weltmännische Züge Paul H ö r b i a e r , fast überraschend in dieser Umgebung, svielt fein und still ben Heffierdinak; auch Lina n r ft e n s und Leo Slezak tauchen in kleineren Rollen auf. —
Das Beiprogramm bringt außer der Wochenschau einen anregenden Kulturfilm üb-r Tiere als Künstler und Handwerker. Auf der Bühne arbeitet bas akrobatische Trio (Eccarius, in dem sich der weibliche Partner durch erstaunliche Kvaftleistungen hervortut. Eine vortreffliche Nummer.
Hans Thyriof.
Unerwartete Antwort.
General von Bredow liebte es, nach berühmten Vorbildern, seine Leute zu überraschen und da und dort unvorhergesehen aufzutauchen. Einmal wollte er eine Fernleitung überprüfen. Er ließ sich also mit einem Telephonstand verbinden, um zu kontrollieren. ob der Telephonist seinen Dienst ordentlich versähe. „Hier ist General von Bredows, rief er in die Leitung. — „S o siehste aus!" kam es. prompt zurück.
Hochschulnachrichten.
Dieser Tage beging der ehemalige Präsident dev Wiener Akademie der Wissenschaften, der Historiker Hofrat Professor Dr. Oswald Redlich, seinen 8 0. Geburtstag. Redlich ist in Innsbruck geboren, war zuerst im Archivdienst tätig und wurde 1892 an die Universität Wien berufen, deren Rektor er für 1911/12 war; feit 1929 ist er emeritiert. Auf dem Gebiet der mittelalterlichen Privaturkunden hat ec Bahnbrechendes geleistet und die Kenntnisse der österreichischen Geschichte namentlich durch sein grundlegendes Buch über Rudolf von Habsburg und seins Fortsetzung von Hubers Geschichtswerk für bie Zeit bec Großmachtbilbung unter Leopolb I. geförbert. In an* beren Arbeiten hat er namentlich die Geschichte dec Universität Wien und das Hochschulwesen überhaupt behandelt, ferner Grillparzer in seinem Verhältnis zu Geschichte und Wissenschaft bargestellt. Reblich ist Mitglieb der Münchner Historischen Kommission bei ber Bayerischen Akabemie der Wissenschaften, bec Sektion für Deutsche Geschichte an ber Deutschen Akabemie unb ber Zentralbirektion ber Monumenta Germaniae Historica, ber Akabemien in Berlin und München unb ber Göttinger Gesellschaft ber Wissenschaften.
Dieser Tage vollenbete Geheimer Regierungsrok Professor Dr. Friebrich v. Müller, einer der füh* renben beutschen Kliniker unb eine ber repräsentativen Persönlichkeiten ber deutschen Wissenschaft, in München bas 80. Lebensjahr. Aus einet alten Augsburger Aerztefamilie ftammenb, habilitierte er sich 1889 in Berlin unb war bann in Bonn, Breslau, Marburg unb Basel tätig. 1902 würbe er auf ben Lehrstuhl Ziemsens unb zur Leitung ber 2. Mebizinischen Klinik sowie bes Stäbti» sehen Krankenhauses links ber Isar nach München berufen. 1928 übernahm er bie Präsidentschaft dec Deutschen Akademie; er besitzt die Ehrenboktorwürde mehrerer Hochschulen unb ben Adlerschilb bes Deut* scheu Reiches. Auch ist er Vorsitzender des Hauptausschusses der Notgemeinschaft der beutschen Wissenschaft, des Reichsausschusses für das ärztliche Fortbildungswesen und des Herausgeberkollegiuws ber Münchener Mebizinischen Wochenschrift, v. Müller hat bie innere Mebizin burch eine lange ReibS von Arbeiten, namentlich über ben Stoffwechsel und seine Störungen, über Nerven- unb Nierenkrankheiten, bereichert unb in bem mit O. Seifert herausgegebenen, in vielen Auslagen erschienenen Taschenbuch ber mebizinisch-klinischen Diagnostik ber ärztlichen Praxis ein unschätzbares Hilfsmittel geliefert. Auch im Äuslanbe hat er ben Namen bet beutschen inneren Mebizin weithin bekannt gemacht.


