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Sitzung der Gießener Raisherren.

Oie Grundsteuerhebesätze für das 1938. - Darlehensaufnahme für die Altstadtfanierung.

tonnen; denn es gibt wohl kaum einen Ballon in der Stadt, der nicht in der warmen Jahreszeit mit irgendwelchen Blumen geschmückt ist. Früher war diese Freude zuweilen etwas kostspielig, da der Preis für Balkonpflanzen oft ungerechtfertigt in die Höhe getrieben war. Heute aber hat der Reichs­nährstand durch die Marktordnung auf dem Gebiete der Gartenbauwirtschaft dafür gesorgt, daß auch die Balkonpflanzen für jedermann zu angemessenem Preis verfügbar sind.

Wer will Polizei-Offizier werden?

LPD. Die Schutzpolizei stellt zum 1. Juni und 1. November 1938 Offizieranwärter ein. 1L a. wer­den folgende Bedingungen gestellt: Reifezeugnis einer reichsdeutschen neunklaffigen öffentlichen höhe­ren Lehranstalt, Höchstalter am Tage der Ein­stellung: 23 Jahre, Mindestgröße: 1,70 Meter, bei besonderer sonstiger Eignung 1,68 Meter, beendeter zweijähriger Wehrdienst und Zuerkennung der Eignung zum Reserveoffizier-Anwärter. Die Aus­bildung dauert etwa zwei Jahre. Es wird emp­fohlen, sofort bei dem nächstgelegenen Kommando der Schutzpolizei Merkblätter und Fragebogen an­zufordern. die über sämtliche Einzelheiten, insbe­sondere über die Unterlagen, die dem Gesuche bei­zufügen sind, Aufschluß geben. Merkblätter sind auch bei folgenden Einstellungsstellen erhältlich: Kom­mando der Schutzpolizei Frankfurt a. M., Köln, Koblenz. Saarbrücken, Ludwigshafen, Offenbach. Einstellungsgesuche sind sofort spätestens bis zum 10. Mai 1938 einzureichen. Bewerber, die z. Z. noch ihre Wehrpflicht ableisten, reichen die Gesuche auf dem Wehrmachtsdienstwege in der Zeit vom 1. Juni bis 15. Juli 1938 ein. Heber die Einstellung von Offizieranwärtern der Wafferschutzpolizei er­folgt besondere Bekanntmachung.

** Beförderung. Anläßlich des heutigen Ge- burtstaaes des Führers und Obersten Befehlshabers der Wehrmacht wurde im Inf.-Regt. 116 Hauptmann Schönn zum Major befördert.

** Eine Einundachtzigjährige. Am heutigen Mittwoch, 20. April, kann Frau Elisabeth Keil, Wwe., Lindenplatz 7, in geistiger und körper­licher Frische ihren 81. Geburtstag feiern. Die hoch­betagte Frau nimmt noch regen Anteil an den Ge­schehnissen unserer Zeit. Wir beglückwünschen!

** Andachten zum Schulbeginn. Am morgigen Donnerstag finden anläßlich des Schul­beginns in der Stadtkirche (für Mädchen) und in der Johanne skirche (für Knaben) Schulanfänger­andachten statt.

** Oeffentliche Erstimpfung für Nachzügler. Auf die heutige Bekanntmachung des Oberbürgermeisters über die Erstimpfung der Kleinkinder aus dem Geburtsjahr 19P und aus früheren Jahren, soweit solche noch mcht geimpft sind, seien Eltern und Pflegebefohlene besonders hingewiesen.

** Anträge auf Bewilligung von Ausbildungsbeihilfen. Per Reichsminister der Finanzen hat bestimmt, daß Anträge auf Ge­währung von Ausbildungsbeihilfen für das Schul­jahr 1938/39 noch bis zum 30. Juni 1938 bei den Schulen gestellt werden können.

Vezilksschöffengericht Gießen.

Unter Ausschluß der Oeffentlichkeit verhandelte das Bezirksschöfiengericht gestern gegen den 59jähri- gen H. W. aus Allertshausen und gegen den öljäh­rigen I. G. aus Londorf. Die Beweisaufnahme er­gab, daß W. zu wiederholten Malen und in wie­derholten Fällen sich im Sinne des § 175 StGB, vergangen hat. Auch der Angeklagte G. war im vollen Umfange geständig und gab seinen einmaligen Verstoß gegen § 175 StGB. zu. Das Gericht verur­teilte W. wegen fortgesetzten Vergehens gegen § 175 StGB, in zwei Fällen und eines Versuches hierzu zu einer Gesamtgefängnis ft rafe von sieben Monaten und G. zu einer Gefäng­nisstrafe von vier Monaten.

Kirchliche Nachrichten.

Evangelische Gemeinden.

<i .tu Skadlkirche. 9 Uhr: Schulanfängerandacht (Mädchen); Pfr. Becker. Johanneskirche. 9: Schul- anfängerandacht (Knaben); Pft. Ausfeld.

Oberbürgermeister Ritter hatte die R a t s - Herren der Stadt Gießen auf den gestrigen Dienstag vormittag zu einer öffentlichen Sitzung in das Stadthaus Bergstraße eingeladen.

Zu Beginn der Sitzung stand auf der Tages­ordnung die

Festsetzung der Grundsteuerhebesähe für das Rechnungsjahr 1938.

Vom Rechnungsjahr 1938 ab wird die Grund­steuer auf Grund des Reichsgrurcksteuergesetzes vom 1. Dezember 1936 erhoben. Danach ist künftig nicht mehr der bisherige gemeine Wert der Besteuerung zugrunde zu legen, sondern die auch für die übrigen Vermögenssteuern des Reichs' maßgebenden Ein­heitswerte.

Bei der Berechnung der Grundsteuer selbst ist vom Steuermeßbetrag auszugehen. Dieser ist durch Anwendung eines Tausendsatzes (Steuermeßzahl) auf den Einheitswert zu ermitteln. Aus den so er­mittelten Steuermeßbeträgen wird durch Deroiel- fachuna mit dem festzusetzenden Hebesatz die zu zahlende Grundsteuer für jedes Gebäude, jeden Bauplatz und jedes land- ober forstwirtschaftlich ge­nutzte Grundstück errechnet.

Nach dem Einführungsgesetz .zu den Realsteuer-

Am gestrigen Vorabend des Geburtstages des Führers war um 18 Uhr auf oem Brandplatz der neue Jahrgang der fangen und Mädel zur feierllchen Aufnahme und Verpflichtung in die Jugend des Führers angetreten. Im großen Rechteck standen das Jungvoll und die Jungmädel, dazwischen der neue Jahrgang 1927/28 mit Fahnen und Wimpeln.

Jungbannadjutant Wiegand meldete dem Jungbannführer T o e s l e r, der mit SA.-Brigade- führer S ch w a r z und der Untergauführerin Liefe! Simon erschienen mar. Dann leitete der Spiel­mannszug die Feierstunde ein, und in einem Vor- spruch wiesen ein Pimpf und ein SungmäbeL auf den Ernst des Augenblicks hin.

Zungbannführer Taesler

richtete an die Jungen' unÄ Mädels einige beher­zigenswerte Worte, in denen er sie zunächst auf die Bedeutung dieser Stunde aufmertfanx machte, die für ihr junges Leben einen ernsten Wendepunkt bedeutet. Er machte ihnen verständlich, daß sie nun in die große Gemeinschaft der deutschen Jugend eintreten und als solche den Namen des geliebten Führers tragen werden, der auch sie schon zur Treue und Hingabe an das deutsche Volk verpflich-, tet. Er schilderte sodann, daß der Führer an seinem Geburtstage viele und schöne Geschenke erhält, daß chm aber bas kostbarste und liebste Geschenk immer wieder der junge Jahrgang ist, der sich jedes Jahr in feine Jugend anmeldet. Darum forderte der Jungbannführer die Mädels und Jungens auf, nicht nur äußerlich dieser Gemeinschaft der Jugend bei- zutreten, sondern aus ganzem Herzen und aus innerstem Wollen das ganze Leben dem Manne zu widmen, der so unendlich viel für das ganze deutsche Volk getan hat. In diesem Gefühl soll der neue 3äl?rgang freudig seine Pflicht tun in der Gemeinschaft, der der Führer seinen Namen ge­schenkt hat, und er soll treu der Fahne folgen, die ihr der Führer gegeben hat. So sollt auch ihr Jungens und Mädels euch einreihen und zum Kampf antreten für den Führer und fein deutsches Doll, und von diesem Tage an sollt ihr nichts anderes tun, als diesem geliebten Führer und dem deutschen Volle zu dienen.

gesetzen sollen die Hebesätze für die Grundsteuer so gemessen werden, baß insgesamt teilt höheres Auf­kommen zu erwarten ist, als bei Weitererhebuna der Steuern durch die Gebietskörperschaften nach bisherigem Recht in der Gemeinde erzielt worden wäre. Es war daher der Hebesatz für 1938 durch Anwendung eines einfachen Rechenexempels zu er­mitteln: Das bisherige Gesamtsteueraufkommen von Land und Gemeinde wird durch die Gesamtsumme berifür die Gemeinde festgesetzten Steuermeßbeträge geteilt, wodurch sich der Hebesatz für 1938 ergibt. Dieser wurde für die Gebäude mit 132 und für die land- und forstwirtschaftlich genutzten Grundstücke mit 2 76 vom Hund ert errechnet. Da, wie bereits gesagt, der Veranlagung künftig die Einheitswerte zugrunde gelegt werben, wird in vielen Fällen eine Verlage- runa der Steuer eintreten, b. h. es wirb für eine Reihe von Gebäuden und Grundstücken eine Er­höhung der Steuer gegenüber seither, bei anderen wieder eine Verminderung eintreten. Der Einheits­wert stellt in den weitaus meisten Fällen den Er­tragswert bar, die Versteuerung geht also auf den Ertrag zurück.

Nach Beratung mit den Ratsherren faßte Ober­bürgermeister Ritter als Leiter der Stadtoer-

GA.-Briaadeführer Schwarz

sprach hierauf zu der Jugend, die er daran erin­nerte, baß in dem Jahre, in bem sie geboren würbe, der Führer in Berlin der SA. fünf neue Sturm» sichrer ernannte, von denen der größte Horst Wessel hieß und um' den nur 186 Männer standen, die ihr ganzes Leben für den Führer einsetzten, so daß daraus eine große revolutionäre Bewegung wuchs, und die schließlich ihren Sturm­führer zu Grabe tragen mußte. Aber so wie sie sich restlos einsetzten, und große Opfer brachten, so soll auck die deutsche Jugend immer wieder sick für den Fichrsr und sein Volk einsetzen und der Ausgangs­punkt neuen Kampfes und neuen Sieges für den Führer und Deutschland werden.

Der 18. Juni ist in der Kriegsgeschichte nicht ohne Bedeutung. Schon unter dem Großen Kurfürsten, dem Gründer desstehenden Heeres", wird ber 18. Juni 1 6 7 5 durch den Sieg über die mit Frankreich verbündeten Schweden in der Schlacht bei Fehrbellin zu einem Ge- denk tag von besonderer kriegsgeschichtlicher Bedeu­tung. Dieser Sieg war der erste Grundstein zu Preußens späterer Großmachtstellung. Der Volks- munb nannte von. diesem Tage an den Kur­fürsten Friedrich Wilhelm dengroßen Brandenburger". Bekannt ist fein Ausspruch:G e - denke, daß du ein Deutscher bist!"

Während des wechselvollen Siebenjährigen Krie­ges um den Bestand Preußens griff Friedrich der Große am 18. Juni 1757 den Feind bei Kokin an. Wenn auch diese Schlecht nicht siegreich für den König endete, so sicherte er sich aber für dieses schwerste Kriegsjahr die Behaup­tung Schlesiens, so daß er am Abend dieses Tages schrieb:Denken Sie nicht, daß ich weichen werde. Man muß sich schützen in diesen unseligen Zeiten durch Eingeweide von Ersen und ein Herz von Erz.

wallung folgenden Beschluß: Die Grundsteuerhebe, sätze werden festgesetzt: a) für land- und forftmirt« schriftliche Betriebe auf 276 v. H., b) für Grund- stücke auf 132 v. H. der Steuermeßbeträge. Für steuerbegünstigte Wohngebäude in land- unb forst­wirtschaftlichen Betrieben ist die Grundsteuer nur mit 50 v. H. der sich hiernach errechnenden Steuer- schuldigkeit zu entrichten.

Aufnahme eines Darlehens für die Alkskadtfaniernng.

Weiterhin beschloß der Oberbürgermeister im Ein­vernehmen mit den Ratsherren folgendes: Die Stadt Gießen übernimmt die selbstschuldnerische Bürg­schaft für ein von der Gemeinnützigen Wohnungs- bau-G. m. b. H. bei der Bezirkssparkasse Gießen auf« zunehmendes zweitstelliges Hypothekdarlehen in Höhe von 100 000 Mark für Zwecke der Altstadt- fanierung I (Lindenplatz, Kirchenplatz, Schloßgaste).

Der Haushalt der Plockfchen Stiftung.

Der in Einnahme unb Ausgabe mit 2825,60 Mark abschließende Haushaltsplan der Plockschen Stiftung für das Rechnungsjahr 1938 wurde durch Beschluß des Oberbürgermeisters in Kraft gesetzt.

Sodann wurde die Sitzung vom Oberbürger­meister in üblicher Weise geschlossen.

3ung6dtmfü6rer Taesler

schrill dann tm Auftrage des Reichsfit gendsührers zur Verpflichtung der Jugend unb sprach dem neuen Jahrgang bie Verpflichtungsformel vor, die in dem Gelöbnis ausklang, das ganze Leben hindurch treu die Pflicht zu erfüllen tm Dienste an Führer und Volk. Während sich bie Fahnen bes Jungbannes unb des Untergaues senkten unb je brei Jungen und drei Mädels darauf chr Gelöbnis ablegten, allezeit in der Hitler-Jugend ihre Pflicht zu tun in Liebe unb Treue zum Führer, bekundeten bie Pimpfe unb Jungmadel öjre Bereitschaft durch einen laut aufflingenben Treuegruß in den Führer. Mll dem Liede der Hitler-Jugend klang die Feier­stunde aus.

Nachdem die Jungmädel abgerückt waren, gab der Junghannführer einige (Ernennungen, n. a. bie bes Führers bes 8-Zuges, Jungzugführer Haris Eckhardt,in Anerkennung besonderer Leistmr« gen" 3um Oberjungzugführer, und mehrere Verän» berungen in der Führung betannt.

Der nächste Monat wird entschewen für mein armes Land. Meine Rechnung ist: Ich werbe es retten, ober mit ihm untergehen!" Es ist nicht unter­gegangen! Dererste Diener feines Staates" brachte seinem Land nach bem Frieden von Hubertus« bürg Ordnung unb Wohlstand.

In den Befreiungskriegen 1813 bis 1815 führte bas rechtzeitige Eingreifen Blüchers unb feines Stabschefs, Generals von Gneifenau (von bem Graf Schliessen schrieb:3n ® n el­fen au, in keinem anderen, hat Napoleon seinen Ueberminber gefunden"), am 18. Juni 1815 bei La Belle Alliance zur letzten Nieder­lage Napoleons. Bekannt sind der Tagesbefehl Lord Wellingtons: *Ausharren, bis die Preußen kommen oder die Nacht!" unb der Brief Blü­chers an ben König:Ich bitte aöeruntertänigft Eure Majestät, bie Diplomaten dahin anzuweisen, baß sie nicht mieber bas verlieren, was ber Soldat mit seinem Blute errungen hat." Stegemann schreibt:Wellingtons Standhaftigkeit, Blü­chers Dorwärtsbrang unb Gneifenaus Be-

Ein neuer Jahrgang der Gemeinschaft der deutschen Jugend.

Oer 18. Juni in der Kriegsgeschichte.

Oer Tag des 116er-Regimentsappelles vom Großen Kurfürsten bis zum Norddeutschen Bund.

Fäden hin und her.

Vornan von Hedda Westenberger.

Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin W 35.

1. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)

Marga Montwill laßt sich lachend Herumschleppen, ber Redeschwall tut ihr irgendwie gut. Vielleicht ist es wahr, vielleicht wirb Breda ohne ihr nervöses Gesicht viel besser fertig. Unb der Hauptumzugs- trudel ist ja wirklich vorbei; die Unglückskiste vor- hin war eine ber letzten ...

Zum Abschluß seiner langen Rede schupst Breda sein Opfer mit sanfter Nachbrücklichkeit in einen ber großen hellgelben Sessel, bie augenblicklich bas am meistern gefragte Verkaufsobjekt ber Firma sind. Er selbst baut sich breitbeinig vor ihr auf.Also abgemacht- Du braust morgen ab?"

Morgen schon?"

.»Na klar. Ich muß jetzt freie Bahn haben. Und wenn du nicht schonMnorgen verschwindest, bin ich nicht sicher, ob du es überhaupt tust."

..Also gut. Dann eben morgen. Obgleich ich kann doch nicht einfach floß so losfahren. Ich muß doch wenigstens Zeit haben, zu überlegen, wohin ich sichre. Unb Tapsy muß noch getrimmt werden. Und ich muß noch zum Friseur. Und Mutti wird auch wollen, daß ich noch vorher einen Abend bei chr sitze."

2lber Joseph Breda ist eifern. Das wäre doch wohl gelacht, wenn ein Mensch, eine Frau von siebenunbzwanzig Jahren nicht binnen vierund- Zwanzig stunden reisefertig fein könnte! Noch dazu, da es sich um eine harmlose kleineAutoreise handelt!

Aber das Wohin muß ich doch wissen, Jupp! Das Wohin!"

Da macht Joseph Breda eine weite behagliche Bewegung mit bem Arm.Ist das nicht ganz gleich, Marga? Fahr der Nase nach, und wo es hübsch ist, machst du halt! Unb wenn gerade mal die Sonne n bißchen scheint, läßt du deine Karre stehen unb marschierst mit Tapsy ein Stück zu Fuß, unb bann zockelst bu mieber weiter, urtb je fauler du herum- bummelst, um so besser. Verstanden?"

Marga Montwill nickt und lächelt verloren. Und morgen also soll die Fahrt losgehen. Morgen...

2.Ich bin nämlich ein Mann, » verstehst e."

Da steht nun ber nette kleine Wagen, schwarz unb grün abgefaßt. Die Sonne spiegelt sich ver­

gnügt in bem glänzenben Lack, urtb ber braune Airedale Tapsy blinzelt gelassen zum Fenster hin­aus; in ber kühlen Märzlust weht selbst in ber Budapester Straße ein Atömchen Vorfrühling mit..

Joseph Breda aber lehnt mit verschränkten Armen an ber offenen Labentür und schaut den Wagen an und den Hund Tapsy, und eigentlich, wenn ers genau bedenkt, ist chm gar nicht so besonders wohl.

Gewiß, es war richtig und vernünftig, Marga mal zum Ausspannen zu zwingen; sie halle es wirklich nötig. Wenn ein Mensch wie sie plötzlich die eigene Arbeit so soll hat und über zerbrochene Vasen unb durchgehende Kassenfräulein das eigene Gleichgewicht verliert, bann tft es höchste Zeit! Aber... *

Joseph Breda geht langsam an den Wagen her­an und slleicht vorsichtig, beinahe zärtlich über ben polierten Kotflügel, über die grüne Leiste an ber Tür, über Tapsys feuchte Nase und ben kühlen Fensterrahmen.

Aber man selber ist ja schließlich auch keine Maschine. Man selber braucht manchmal auch irgendwelchen Antrieb von innen her. Man selber hat ja auch so gelegentlich ben ganzen Kram fatt Dann schleicht man hinter Marga Montwill her, fängt sich einen netten Blick, ein kameradschaftliches Wort, eine in Spott umgesetzte Zärtlichkeit ein unb dann gebt5 wieder. Oder man lädt beim nach­mittäglichen Kaffeetrinken seinen ganzen Aerger und Uederdruß einfach bei ihr ab: So, da hast bu's, jetzt plag bu dich damit herum! Unb dann ist es immer so hübsch unb so tröstlich anzusehen, wie Marga sich eben durchaus nicht ab plagt, sondern mit geschickten Händen unb lächelnd bie dicken Ver­knotungen des Aergers löst, ja, wie vor ihren klugen braunen Augen alle diese Verknotungen nur noch halb so schlimm aussehem

Abgesehen davon: dies Sich-in-die-Hände-Arbeiten, dies Konferieren zu zweit, dies Riskieren und Disponieren zu zweit Breda hat oft hinterher heimlich die Arme gereckt unb sich heiß gewünscht, daß einmal, ein einziges Mal, andere Männer dies alles miterleben, mitansehen müßten! Das ist Zusammenarbeit, Kinder, würde er bann sagen können, das ist produkttoes Sdjaffen, bas ist Auf- bauen und Erfülltsein von feiner Tätigkeit! Da könnt Ihr sehen, wie es fein sollte, zwischen Ar- brifstameraben, nein, wie es fein muß, jawohl!

Aber es ist ja nicht bas allein, was bie Arbeit mit Marga Montwill so hübsch, so erfreulich gestal­tet. Das andere hängt man nur nicht an die große Glocke; das gesteht man sogar sich selber nur alle Jubeljahre einmal ein; zum Beispiel an so einem

Tag wie heute: baß nämlich ... baß man näm­lich ... daß ...

Ach, es ist so nett, daß der Teilhaber ber Firma Breda & Montwill kein Mann, sondern eine Frau ist. So eine Frau mit so viel Charme, mit so viel männlicher Gescheitheit trotz aller Fraulich­keit. mit so vielen lustigen kleinen echt weiblichen Schwächen ttotz aller kühlen Vernunft, mit so viel kindlicher Fähigkeit zu Freuen unb Traurigsein bei aller gelassenen Großstabt-Abgebrühtheit. Wie be- zaubernd für ihn, den Kollegen, wenn chr plötzlich zwilchen dem Durchsehen der Post die neue Bluse einfällt, sck daß sie verstohlen ben Spiegel zückt unb sich mit, ber gleichen Andacht mustert, mit ber sie eben noch über bem Schreiben der Firma Ohlig Söhne aus Bautzen saß. Unb wie erfrischend, wenn sie sich wild weigert, mit diesem vermaledeiten Loch im Strumpf den eleganten Kunden draußen tm Laden zu bedienen, .und wenn sie ihn bann stür­misch, als ginge es um ihr Leben, anbettelt, er, Breda, möge sie vertreten, nur dies eine Mal, nur ein einziges Mal, bitte, bitte, guter Jupp ...

Guter Jupp ... bas sagt sie immer. Guter Jupp. Eigentlich kein Kompliment für einen Mann. Höchstens für ben Kollegen.

Ader es ist ja auch nicht ganz sicher, ob Marga Montwill sich eigentlich bewußt ist, daß ber Kollege neben ihr, ber Geschäftsteilhaber Breda, zugleich auch ein Mann ist. Nein, das ist nicht sicher, leider nicht. x

Joseph Breda lächelt unb krault ben Hunb Tapsy zärtlich hinter ben Ohren. Tapsy schaut ihn einen Augenblick an. Es ist ein vorwurfsvoller Blick von Leidensgenosse zu ßetbensgenoffe: Wir müssen ja heute wieder mal entsetzlich lange aufs Frauchen warten, alter Junge. Dann blinzelt Tapsy wieder unbeteiligt, aber wohlig mit feuchkglänzenber Nase an Breda vorbei auf die sonnige Straße.

Tapsy", sagt Breda leise,paß mir gut auf, aufs Frauchen, daß sie keine Dummheiten macht. Unb schau dir bie Tippelbrüder genau an, die sie unterwegs immer aufliest. Hörst du! Und gut aus­sehende Männer laß überhaupt gar nicht erst an ben Wagen ran. Die würden deine Rechte bloß beeinträchtigen, und überhaupt unb so ..."

Tapsy richtet sich ein bißchen auf. Er kann manch­mal wie ein Hase dafitzen. Die linke Vorderpfote läßt er bann elegisch geknickt hangen, bie rechte reicht er einem schüchtern-zärtlich hin, und bas Ganze sieht ungeheuer Derftänbig aus unb für Leute in der Stimmung Jofiph Bredas sogar teilnehmend. Breda ergreift denn auch dankbar die dargereichte Pfote und drückt sie: Also, Tapsy. rott zwei, nicht wahr .

Da kommt endlich Marga Montwill.

Na, ihr beiden, seid ihr schon beim Abschied- nahmen? Also, guter Jupp."

Marga klettert hastig in den Wagen, orgelt mit ungeheurer Kraftoerschwenbung die Fensterscheibe an ber Seite bes Steuers hinunter, schmettert Hand­tasche unbFreßpaket" auf den hinteren Sitz, nimmt eine Sekunde lang Tapsys breites Gesicht zwischen beide Hände und beugt sich dann erst wieder zu Breda hinaus:Also, guter Jupp, nun wirds Ernst. Mach mir keine Dummheiten! Vergiß nickt, noch mal wegen ber neuen Chintzmuster zu telepAnieren, unb ben Brief von Braumüller, München, hab' ich schon bitiiert Ja, jetzt eben noch. Ich dachte, ich will bas doch lieber noch selber. Unb guck auch mal nach Mutti. Sie soll nicht vergessen, meine Konzertkarte Sonntag früh zu benutzen. Und wenn was ist, tele­phonierst bu. Ach so. bu weißt ja nicht, wohin. Ja, das weiß ich auch nicht! Nee, machen wir es lieber so: Heute fit Donnerstag, Sonnabend früh ruf ich mal an. Unb mit dem Stehlampenentwurf von der kleinen König, bu ach. hätte ich das noch sel­ber ... ja, also die soll mal ruhig so eine bauen. Wer weiß, vielleicht gefällt's, is ja ganz originell. Urtb schreib mir mal, Jupp, mein guter ..."

Wohin denn. Marga?"

Ach so. Hach,' daß ich das immer vergesse! Also dann schreib nicht, aber denk mal an mich, so ge» legentlich. Und neugierig bin ich, was bu nun so allein anfängst." Jh^ Augen glänzen wie schwarze Schuhknöpfe vor lauter Spott, und wenn man sie jetzt so ansieht, wie sie da aus bem Wagen heraus ihr lachendes Gesicht zeigt, könnte man sie glatt für einundzwanzig halten und beftünmt in keiner W'ise für erholungsbedürftig unddurchgedreht". Das grüne Hütchen mit der aufragenben Feder fitzt Lustig über bem rechten Auge; der bunte Schal, getupft, gestrichelt, hängt in seliger Genialität aus der grü­nenHufareniacke" heraus, deren Aermel eine frech airftrebenbe Tendenz zeigen, unb em gant klein wenig hat in gewiffen Momenten auch Margas Nase diese Neigung, zum Beispiel in diesem Augen- blick.

Joseph Breda hat die ganze Zeit still bageftanben, dem geräuschvollen Start zugeschaut unb Margas spöttischen Blick männlich tapfer erwidert. Ach, daß er so ungern Abschied nimmt ach, daß ihm selbst bei ber harmlosesten Verabschiedung immer ein bitz* chen traurig zumute werden muß! Er hat bas schon als kleiner Junge gehabt.

Also. Jupp ..

Also,Dtarga ..

Sie reichen sich die Hände; Joseph Breda drückt heftig zu. (Fortsetzung folgt!) .