Ausgabe 
20.1.1938
 
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nr.16 Zweites Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhellen)Donnerstag, w.Zanuar 1938

Aus der Stadt Gießen.

Verblüffender Januar.

Januar flirrt, klingt nach Schlittschuhen, ver- sprüht kaltes Licht wie Bogenlampen über nächt­lichen Eislaufflächen, Januar ist ein Monat mit Pelzen, roten Nasen, blauen Ohren, Januar ist der Mond, der die Bäche und Flüsse erstarren macht.

Dieser Januar (abgesehen von seinen ersten Tagen) ist ein milder Regent. Er behandelt uns, wie der MärzanfaNg. Wir halten viel für möglich, und abends, wenn wir spüren, wie jeden Tag um eine oder ein paar Minuten später die Lampen aufflammen, kommt es über uns wie ein wetter- licher Uebermut.

Sechs, sieben Grad liest du am Thermometer ab. Die Bäche brechen tosend zu Tal, den Flüssen schwillt der Kamm, sie bekommen den Mississippi- Größenwahn. Sie Männer kaufen der Blumenfrau eine Nelke ab und stecken sie verwegen ins Knopf­loch. Die jungen Mädchen, die aus den Geschäften kommen, schlenkern die Einkaufstaschen und die Aktenmappen nachdenklich hin und her. Die Bäcker­burschen, die uns morgens an den dämmernden Ecken erschrecken, tirilieren wie muntere Vögel, und frech, wie man in so milden Tagen wird, schaut man nachdenklich auf die kahlen, schwarzstarrenden Büsche.

Ja, aber es wird uns allen nichts helfen, der Winter wird uns schon noch einmal auf die Füße treten. Das Gastspiel, das er gegeben hat, war hef­tig und gründlich, wenn auch nur kurz. Die Flüsse können ein knisterndes Lied davon erzählen und die Schiffleute erst recht.

Eins aber wird nun nicht mehr schlimmer, eines wird immer besser: das Licht, das täglich früher trahlende, täglich später verlöschende Licht. Zwi- chen fünf und sechs Uhr spüren wir das am schön­ten. Dann geht durch alle Gassen, ein unnennbarer Hauch von neuem Leben. Jedes Wunder wird mög­lich im wachsenden Licht. r. k.

Dornotizen.

Tageskalender für Donnerskag:

Kraft durch Freude": CafL Leib, 20.15 Uhr, Die rote Armee ber UdSSR." Stadttheater: 20 bis 22 Uhr, 3. Orchesterkonzert. Gloria-Palast (Seltersweg):Monika". Lichtspielhaus (Bahn­hofstraße):Die Kameliendame". Oberhessischer ^eschichtsverein: 2030 Uhr im Forstinstitut (Brau- gasse 7):Vom Urwald zum Kulturwald".

Drittes Orchesterkonzert im Stadttheater.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute abend findet das Dritte Orchesterkonzert des großen städtischen Orchesters in Verbindung mit dem Konzertoerein statt. Die Leitung hat Kapell­meister Paul Walter, als Solist wurde der Gei­ger Helmut Z e r n i ck aus Berlin verpflichtet. Hel­mut Zernick, der mit dem Musikpreis der Stadt Berlin ausgezeichnet wurde, ist einer unserer zu­kunftsreichsten Musiker. Das Programm sieht vor: Haydn, Symphonie in c-moll, Beethoven, Violin­konzert, R. Strauß, Don Juan, Ravel, Bolero. Das Konzert findet gleichzeitig als Z. Platzmiete-Konzert des Konzertvereins statt. Platzmieter des Stadt­theaters auf allen Plätzen 10 v. H. Ermäßigung. Anfang 20 Uhr, Ende 22 Uhr. Außer Miete!

Goethe-Bund und kaufmännischer Verein.

Deutsche Kunst als Erlebnis" lautet, wie man uns mitteilt, das Thema des nächsten, am Montag, 24. Januar, in der Neuen Aula stattfindenden Licht­bildervortrages, zu dem der Goethe-Bund und Kauf­männische Verein in Verbindung mit der Volksbil­dungsstätte der NSG.Kraft durch Freude" den Kunsthistoriker Wilhelm Müseler gewonnen hat. Müselers Ausführungen lassen die Meisterwerke deutscher Kunst erleben, führen $u- Kunstverständnis und zum Kunstgenuß, unterhalten und bilden.

öffentlicht war. In Wilsons 14 Punkten stand dann das Gegenteil von dem drin, was bereits durch- geführt war, daß die rechtlichen Ansprüche auf den Lebensraum jedes Volkes berücksichtigt werden sollten. Diese Machenschaften beweisen sehr eindeutig die Absicht unserer Kriegsgegner, Deutschland als Kolonialmacht auszuschalten und das deutsche Volk zu vernichten.

Darum ist es notwendig, daß das ganze deutsche Volk einig in der Kolonial­frage auftritt. Denn es kommt nur auf die Stellung an, die wir zu der Kolonialfrage ein­nehmen. Da wir einen rechtlichen Anspruch be­sitzen, fordern wir unsere Kolonien, denn ihr Raub ist das größte Verbrechen, das je an einem Volke begangen worden ist. Die ziffernmäßige Bewertung der uns geraubten Kolonien ist ein schlagender Be­weis dafür, daß unsere Kriegsgegner nicht nur das deutsche Volk mit diesem Raub treffen wollten, sondern daß es ihnen auch um die ertragreich ge­stalteten und wertvollen Lande, also um materielle Werte, ging.

Der Führer hat die Einigung unseres Volkes geschaffen. Nun liegt es am Volke, überall und immer wieder die Forderung nach unseren Kolonien zu erheben. Wenn sich darum das ganze Volk in dieser Frage geschlossen hinter den Führer stellt, dann wird es ihm erleichtert, seine Entschlüsse zu fassen. Die Beseitigung der Kolonialschuldlüge ist auch ein Schritt vorwärts auf dem Wege zur Freiheit unseres Volkes und zur Wiederherstellung seiner Ehre.

Nach den mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen machte Propagandawart B l i n z i g noch auf die am nächsten Montag stattfindende Monatsoersammlung der Ortsgruppe aufmerksam, I bei der Gauschulungsleiter Ruder sprechen wird.

Vorsicht bei der Entrümpelung der Dachböden!

Ofenplatte aus dem 14. Jahrhundert weggeworfen!

Unsere Kolonialsorderung ist Sache des Volkes

Kreisschulrat Nebeling spricht in der Ortsgruppe Gießen-Süd.

In einem Schulungsabend der Ortsgruppe Gie- ßen-Süd im Studentenheim am gestrigen Mittwoch- i abend, der von Propagandaleiter Blinzig ein- geleitet und beschlossen wurde, sprach Kreisschulrat Nebeling über die deutsche Kolonial­forderung.

Seinen fast zweistündigen Ausführungen schickte : er den Grundgedanken voraus, daß große Politik , ein Volk nur dann machen kann, wenn es innerlich geeint ist und eine starke Führung hat. Diese Wahr- 1 6eit läßt sich durch unsere Kolonialgeschichte be­weisen. Als letztes Volk bekamen wir Kolonien, und als erstes haben wir sie wieder verloren. Während andere Völker, die in sich einig waren, längst Kolo­nien besaßen, kam Deutschland wegen seiner Klein­staaterei nicht zur Erwerbung von Kolonien, ob­wohl der Große Kurfürst, der seiner Feit weit vor- ausgeeilt war, schon Kolonialpolitik getrieben hatte und auch im deutschen Volke der Wunsch nach Kolo­nien lebendig war. Spanien, Portugal, Holland und dann Frankreich und England hatten die Welt unter sich schon aufgeteilt, als wir darangingen, kleine Landstriche, die die anderen Völker nicht für wertvoll hielten, zu erwerben. Und doch gelang es uns in kurzer Zeit aus den durch Forscher und- Kaufleute, nicht einmal durch den Staat erworbenen Gebieten wertvolles Land zu schaffen, das, wie Togo, bereits Erträge abwarf oder, wie Deutsch-Ost, kurz davor stand, das investierte Kapital zu ren­tieren. Dann kam der Weltkrieg.

An dem eingehend geschilderten Heldenkampf ber beutschen Truppe unter Lettow-Vorbeck wies ber Vortragende den Vorwurf ber in ber Kolonial­schuldfrage immer roieber betonten beutschen Un­fähigkeit zur Kolonisation nachbrücklich zurück. An einigen Beispielen zeigte er, wie die deutschen Kolonien schon unter ben Feinbmächten aufgeteilt I waren, bevor überhaupt die Kolonialschulblüge ver- *

eingehenber Prüfung als unbrauchbar erkannt ist, könnt ihr im Sinne bes Vierjahresplanes ver­werten. W. S.

Archivgut und Entrümpelungen.

EPNH. In ber letzten Zeit sind mehrfach Fälle bekannt geworden, in denen bei Entrümpelungen und Altpapiersammlungen wertvolles kirchliches Archivgut aufgefunden worden ist. Die Landes­kirchenkanzlei hat die Pfarrämter und Kirchenvor- tände darauf hingewiesen, daß sie bei Entrümpe­lungsaktionen und Altpapiersammlungen auf kirch­liches Archivgut besonders achtgeben. Ohne vor­herige Genehmigung der Landeskirchenkanzlei dür­fen derartige Akten nicht aus der Hand gegeben oder vernichtet werden.

NSDAP., Ortsgruppe Gießen-Eüd.

Die Monatsversammlung der Ortsgruppe Gießen- Süd findet am Montag, 24. Januar, pünktlich 20.30 Uhr, im Studentenheim. Leihgesterner Weg 16, statt. Es spricht der Gauschulungsleiter Pg. Ru­der. Es sind alle deutschen Männer und Frauen der Ortsgruppe Gießen-Süd eingeladen. Die Teil­nahme der Parteigenossen und Parteianwärter ist Pflicht.

Nass faltuwnivea ,

Schon abends die Haut gut vor­bereiten. Gesicht u. Hände mit Nivea-Creme pflegen, das macht die Haut widerstands­fähig gegen Wind und Wetter.

BDM- u. ZM.-llntergau 116, Gießen/

Achtung Mädel und Iungmädel! Am Donners­tag und Freitag spricht zu uns die Reichsreferentin des BDM., Jutta Rüdiger;

am Donnerstag, 20. 1., im Reichssender Stutt­gart von 18.15 bis 18.30 Uhr;

am Freitag, 21. 1 im Reichssender Köln von 22.55 bis 21.10 Uhr,

Alle Mädel und Iungmädel hören die Sendung im Gemeinschaftsempfang.

ZdR. Die Entrümpelung ber Dachböden in den Dörfern soll demnächst in großem Rahmen durch­geführt werden. Luftschutz und Dierjahresplan for­dern diese Notwendigkeit. Sicher dürfte dabei aus dem Dunkel ber Dachböben mancher Bauernhäuser eine Unmenge Gerümpel zu Tage geförbert wer­ben.Mancher wird staunen, was sich da im Laufe vieler Generationen angesammelt und verborgen hat. Ehe man aber alle diese Sachen der Sammel- stelle gibt, sehe man noch einmal alles sorgfältig durch Denn es ist leicht möglich, daß sich Schätze darunter befinden, die unbedingt dem Dorf, ber Sippe ober bem Hof erhalten bleiben müssen.

Hiermit meinen wir vor allem alle alten Urkun­den, Rechnungen, Rechnungsbücher, Register, son­stige Papiere und Schriftstücke über das Dorf, den Hof ober die Flur. Die unscheinbarsten und unwich­tigsten Funde müssen genau untersucht werden. Alte, vergilbte Papiere mit anscheinend nicht mehr lesbarer Schrift soll man sorgfältig sammeln und aufheben. Dasselbe gilt für alle Briefe, Tagebücher, Bilder und sonstige Schriften, die ben Hof, bie Fa­milie ober die Sippe angehen.r Wertvolle Funde sind weiter auch alter Hausrat aus früheren Zei­ten, z. B. Truhen, alte Schränke, Metalltöpfe und Gefäße, Spinnräder, Trachtenstücke und Web­arbeiten, Hausbücher, Hauskalender, alte Gerät­schaften und alte Holzpflüge und was es sonst in dieser Art noch gibt.

Manches alte Möbelstück wird vielleicht mit sei­nem Schnitzwerk und seinen Verzierungen, entstaubt und mit etwas Del abgerieben, wieder zu einem Schmuckstück des Hauses. Die alten Papiere,

Schriftstücke und Akten erzählen vielleicht von den längst vergessenen Ahnen, die einst den Hof be­wohnten.

Vor einiger Zeit wurde in einem Ort eine Schmiede entrümpelt, die bereits viele Generationen im Besitz einer Familie war. Sechs große Wagen voll alten Eisens wurden abgefahren. Einige Tage später hatte es sich herumgesprochen, daß zwischen dem Alteisen eine Ofenplatte aus dem 14. Jahr­hundert und eine ganze Anzahl kunstvoller hand­geschmiedeter, alter Schlösser gewesen seien. Trotz­dem sofort alle in Frage kommenden Stellen be­nachrichtigt wurden, konnte nicht ein Stück wieder herbeigeschafft werden.

Ein derartiges Verfahren ist natürlich böllig un­sinnig. Unter allen Umständen ist es notwendig, so­fern das Verständnis und der Sinn für solches alte Familien- ober Volksgut weniger vorhanden ist, einen Fachmann zu befragen, bevor die Stücke end­gültig fortgegeben werden. Jedes Heimatmuseum wird auf derartige Anfragen gerne Auskunft und Rat erteilen.

In allen Schulen muß auf ben Wert solchen alten Hausrates für Familien-, Hof-, Dorf- und Volkstumsforschung hingewiesen werden. Der beste Weg, um Verständnis im ganzen Dorf zu wecken, ist eine kleine Ausstellung in einem leeren Schul­raum, die von den Kindern durch mitgebrachte Sachen zu einem kleinen Dorfmuseum ausgestaltet wird.

Bauern und Landwirte! Die Entrümpelung soll mit dazu führen, daß altes Sippengut wieder ans Tageslicht und zu Ehren kommt. Erst was nach

Belt.: TÖerbeoeranffaltung des Deutschen Reichs­bundes für Leibeserziehung am Freitag. 28. 1.

Die Mädel und Jungmädel der Gießener Grup­pen nehmen an der Nachmittags- und Abendveran­staltung bes Reichsbunbes teil. Alle Iungmädel gehen in die Nachmittagsveranstaltung. Karten sind bei der Gruppenführerin zu haben.

Bett.: Ordonnanz.

Heute, Donnerstag, schicken die vier Gießener Jungmädelgruppen je ein Mädel zur Ordonnanz! In Zukunft kommen die Mädel ein um den anbereit Tag.

Betr.: Untersuchungen der Iungmädel.

Die Vertretung der Jungmädeluntergguärzfin hat für 3 Wochen Jgn. Dr. Friebel Kr'euter. Dis nächste Untersuchung in der Kinderklinik findet aht 26 1., mittags von 14 Uhr an. statt. Die JM- Gruppe 19/116 Wieseck schickt 10 bis 12 Iungmädel

Oie Sanitätsoffizier Laufbahn.

Meldetermin beachten.

DNB. Die Meldefrist für Schüler, die 1939 dis Reifeprüfung bestehen und die Sanitätsoffiziers- Laufbahn im Heer ergreifen wollen, läuft .nur b i s 3 1. März 1938. Meldung beim Korpsarzt des örtlich zuständigen Generalkommandos, von dem auch, ebenso wie von der Militärärztlichen Aka­demie, Berlin NW 40, Scharnhorststraße 35, oder von den Wehrersatzdienststellen ein Merkblatt be­zogen werden kann. Erschöpfende Auskunft gibt

Der Dichter der Abderiten.

In Wielands 125.Todestage am Lv.Januar.

Blättert man in dem vielbändigen Werk, bas Christoph Martin Wielanb in einem langen Leben geschaffen hat, so spürt man immer roieber bie Enttäuschung über ben weiten Abstand, der uns von ihm trennt Das kann nicht nur an dem abso­luten Zeitraum liegen. Als er 1813 in Weimar starb, war Lessings, Schillers, Kleists Werk und Leben lange abgeschlossen; war Goethe, der bem Freund die Denkrede hielt, vierundsechzig Jahre alt. Die Trennung ist nicht zeitlich, sie ist psychologisch bedingt. Wielands und der ganzen Aufklärung Betonung des Vernunftmäßigen im Seelischen läßt uns feine Gestalten zu blassen Schemen werden. Es geht nicht jener verbindende Gefühlsstrom von ihnen aus, der so notwendig ist, daß Tolstoj seinen Bauern Kunst einfach als Ansteckung erklären konnte. Man empfindet beim Lesen eigentlich nur die ästhetische Freude an der Eleganz und tänzeri­schen Anmut der Sprache. Es ist dieses Formgefühl, um dessen Willen man Wieland als Nachahmer der Franzosen bezeichnet hat. So nannte ihn Hebbel einen der Hellas-Gläubigen, welche meinten nach Athen zu schauen, während sie ihre Gebete nach Paris richteten. Schiller, Wielands schwäbischer Landsmann, der ihm polemisch manchenStreif­schuß" versetzt hat, war vorurteilslos genug, feine Deutfchheit anzuerkennen, die bei allerfranzösischen Appretur" sein Wesen ausmachte.

Wenn wir heute Wielands gedenken, bann ge­schieht es also nicht wegen seiner Wirkung auf un­sere Zeit, sonbern wegen ber Bedeutung, die er einst für die Entwicklung ber beutschen Literatur gehabt hat. Er war nach Klopstock ber erste, ber uns zeigte, welch klangreiches Instrument bie beut- sche Sprache ist. Nur baß Wielanb bald den Klop- stockschen Psalter mit der Pansflöte vertauschte.

Seine Schulzeit hatte der Predigersohn in Klo­sterbergen bei Magdeburg verbracht, und mit seinen ersten Dichtungen reihte er sich in die Schar der Jünger um den Thron des Mssssias-Sängers. Aber Bodmer, der Schützer frommer junger Dichter, mußte mit Abscheu erkennen, daß es ein Engel mit Meinen Fehlern war, den er als Hauslehrer nach Zürich berufen hatte. Ein feinsinniger Kritiker wie Lessina hatte das früh erkannt, und der Berliner Nicolai schrieb: Wielands Muse, die als Betschwe- ter maskiert sei, werde sich noch als junge Mode- chönheit enthüllen. Sie enthüllte sich derart, daß ie in den meisten der mythologischen Verserzäh- lungen, die Wieland schrieb, nachdem er die ätheri­

schen Sphären verlassen hatte, nur mit ihrer Un­schuld bekleidet auftrat, die etwa von ber gleichen Beschaffenheit ist wie des Kaisers neue Kleider in Andersens Märchen. Von dem Pasiierschein, den Goethe dem Genie ausstellte, die Grenze des Schick­lichen überschreiten zu dürfen, hat Wieland hier in weitgehendem Maße Gebrauch gemacht. So kam er, inzwischen Kanzleidirektor in Biberach gewor-

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AWWWM

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Portrat Wielands nach einer Zeichnung von Joh. Friedrich L o r tz i n g aus dem Jahre 1805. (Scherl-Bilderdienst-M.)

den, der ein ehrbares Leben führtestill ein Kreis der Mäßigungen" und stolz darauf war, mit feinen vierzehn Söhnen und Töchtern der kin­derreichste Dichter Deutschlands zu sein, bei seinen früheren Freunden in Verruf, und die etwas über­schwenglichen Jünglinge des Göttinger Hainbundes machten aus feinen lasziven Versen Fidibusse für ihre Tabakspfeifen.

Um so merkwürdiger erscheint es uns, daß bie verwitwete Herzogin-Regentin von Weimar Wie­land, der nun wegen feiner VerfeerzählungenM u- farion ober bie Philosophie ber Grazien" als Professor nach Erfurt berufen worden war, als Erzieher für ihre beiden Söhne' Konstantin und Karl August ausersehen hatte. Wieland verdankte das seinem StaatsromanDer Goldene Spie- g e l". Mit den darin niedergelegten politischen An­

schauungen hatte er sich eigentlich einen Wirkungs­kreis in Wien schaffen wollen und ging ohne große Begeisterung in die thüringische Residenz, der erste der Klassiker des Weimarer Musenhofes. Hier gab er feine Monatsschrift Der Teutsche Mer - kur" heraus, die die damals außergewöhnlich hohe Auflage von etwa 3000 Stück erreichte, und deren Verdienst es gewesen ist, die Teilnahme des Bür­gertums an dem wiederaufblühenden deutschen Gei­stesleben zu erwecken. Es entstand feine lieber» fetjung von zweiundzwanzig Shakespeare-Dramen, die trotz ihrer Mängeln bahnbrechend für das ge­samte Drama des Sturm und Drang geworden sind. Er ist der Herold des jungen Goethe und vie­ler anderer gewesen. Er hat dem deutschen Roman wieder Handlung und Gehalt gegeben, nachdem er zu dickleibigen, enzyklopädischen Wälzern oder blo­ßer Nachahmung der sentimentalen englischen Schar­teken eines Richardson geworden war. Goethes Wilhelm Meister" ist nicht zu denken ohne Wie­lands ErziehungsromanePeregrinus Pro­teus" oder feinenAgatha n", den Lessing als eine der unstreitig vortrefflichsten Werke des 18. Jahrhunderts" bezeichnet hat. Auf Wielands, des immer gütigen und hilfsbereiten, Landsitz an der Ilm hat Heinrich von Kleist amGuiskard" geschrieben. Und es war eine eklatante Anerken­nung für den deutschen Geist, daß nach der hoch­fahrenden Behandlung der Fürsten auf dem Er­furter Kongreß, Napoleon vor der Corona von Weimar anderthalb Stunden mit dem alten Wie­land, der im Samtkäppchen vor ihm stand, über deutsche Literatur sprach.

War Wielands Wirken so von unschätzbarer Be­deutung für die Entwicklung deutschen Geisteslebens, was gilt heute noch von seinen Werken? Ein ein­ziges vielleicht. Denn feinOberon" ist wohl nur duräMW e b e r s romantische Oper in Erinnerung geblieben. Unvergessen aber ist seineGeschichte der Abderiten". Nirgends ist mit feinerer Sa­tire das Kleinstädtertum gezeichnet worden: enge Seelen, harte Köpfe, kalte HerzenWieland lehnt sich auf gegen alles, was wir unter dem Wort Phi­listerei. zu begreifen gewohnt find, gegen stockende Pedanterie, kleinstädtisches Wesen, beschränkte Kri­tik, falsche Sprödigkeit, satte Behaglichkeit, anmaß- liche Würde und wie die Ungeister nur alle zu be­zeichnen sein mögen." Der erbitterte Streit um des Esels Schatten bildet den Höhepunkt des köstlichen Werkes.

Hier, im Streite gegen Dummheit und Schwäche, gegen das Abdera, das immer und überall blüht, nicht in Thrakien oder in Schwaben, ist Wieland lebendig wie je. Wenn wir feine Nadinen, Dianen und Zeniden längst vergessen haben: dem fein­

sinnigen, klugen Chronisten von Abdera gilt unser dankbares Gedenken.

Walter Schwerdtfeger.

Was alles gegessen wird.

Die Fleischsorten und ©emüfearten, die in deö gemäßigten Zone die Nahrung des Menschen bilden, - umfassen nur einen geringen Bruchteil all dessen, was sich in der Welt an Lebensrnitteln findet. Erst mit zunehmendem Wohlstand hat der Mensch ge­lernt, wählerisch zu werden. Eine unüberwindliche Abneigung in uns wehrt sich z. B. gegen Schlan­gen fleisch, obwohl es in vielen Gegenden gegessen wird und als sehr wohlschmeckend gilt. Sudameri- kanische Indianer essen auch Affen, doch sind diese zäh und hart, und ebenso seltsam erscheint uns die Vorliebe östlicher Küstenbewohner für große Fle­dermäuse. Welch einen Leckerbissen Walfischfleisch bedeutet, hat schon mancher Forscher in den Po­largegenden erfahren; es wird dem besten Rind­fleisch gleichgesetzt, ja als noch zarter bezeichne^ Fast alle Vogelarten dienen der menschlichen (Er* nährung, ausgenommen solche, deren Fleisch ekel* erregend ist wie das des Geiers, oder zu bittet wie bei manchen Abarten des Haselhuhns. Als eilt besonderer Leckerbissen werden auch einige größere Arten von Eidechsen, besonders Leguane,' ange­sehen, und wahrend sich die Neger Nordafrikas aii Krokodilen delektieren, schätzen ihre südlicheren Brü* der besonders die Schwänze von Alligatoren Ein beliebter Bestandteil des Menus sind in Westindien! Fischaugen, in Nordost-Asien gekochte Augen bed Lachses, die großen Blaubeeren gleichen. Unter beit Seewürmern ist einer ber Palolo, ber einen wich­tigen Bestanbteil ber Nahrung ber Polynesier aus* macht. Groß ist auch bie Nachfrage nach bem Dfto- pus unb Tintenfisch in vielen Teilen ber Welt, jct sie haben einen ganzen Jnbustriezweig in ben ja­panischen Gewässern hervorgerufen. Die amerika­nischen Jnbianer erquickten sich an einem Gericht, bas aus einer gekochten Heuschreckenart, ber Sieb­zehnjahr-Heuschrecke, einer Zikabe, bestaub, bie aber von weißen Ansieblern niemals gegessen würbe. Bei ben Arabern finb bie Heuschrecken ein willkom­menes Nahrungsmittel.

Hochschulnachrichten.

Der nb. ao. Professor Dr. Wilhelm Käst ist zum Orbinarius für Experimentalphysik an ber Universi­tät H a 11 e ernannt worben.

Der Dozent Lic. Dr. Heinz Erich Eisenhuth würbe zum ordentlichen Professor für systematische Theologie an der Universität Jena ernannt.