die vom akademischen Auskunftsamt an der Universität Berlin. Berlin NW 7, Bauhofstraße 7, herausgegeben und gegen Einsendung von 0,30 RM. zuzuglich Porto zu oeziehenoe Schrift: „Der Arzt".
Oie Soz alversicherung der Werkstudenten.
' NSG. Das Reichsversicherungsamt hat in einem Bescheid zur Frage der Sozialversicherungspflicht von Werkstudenten Stellung genommen. Danach ist eine Beschäftigung, die ein bei der Universität eingeschriebener Student gegen Entgelt ausübt, auch dann versicherungsftei im Sinne der Reichsoersicherungsordnung und demgemäß arbeitslosenoersicherungsfrei, wenn sie außerhalb des Bereichs des Studiumsfaches liegt und lediglich dazu dient, dem Werkstudenten die Mittel für die Durchführung des Studiums und für den Unterhalt zu verschaffen. Ist den Umständen des Einzelfalles nach anzunehmen, daß eine Bersicherungspflicht zur Krankenversicherung nicht Vorgelegen hat, so ist daher die Krankenkasse, bei der der Wertstudent gemeldet war, nur dann leistungspflichtig, wenn diese drei Monate ununterbrochen und unbeanstandet die Beiträge angenommen hat. Unabhängig von der Krantenver- sicherungspflicht ist jedoch die Entschädigungspflicht des Trägers der Unfallversicherungspflicht zu beurteilen; sie ist im allgemeinen schon dann gegeben, wenn die verunglückte Person einen Arbeitsposten in einem solchen Betrieb versehen hat.
Oie Tätigkeit von Inkasso-Instituten.
NSG. Es besteht Veranlassung, die rechtsuchende Bevölkerung darauf hinzuweisen, daß den Inkasso- Instituten Vereinbarungen mit Kunden, nach welchen diese Pauschaloergütungen — insbesondere Jahres-Abonnements- oder Mitgljedsbeiträge, Unlostenpauschalen oder dergleichen — zu entrichten haben, untersagt sind. Die Inkasso-Institute sind im übrigen nur zur außergerichtlichen Forderungseinziehung (Inkasso) berechtigt. Die gerichtliche Geltendmachung von Forderungen im Auftrage Dritter (gerichtliches Mahnverfahren, Erwirkung von Pfändungs- und Ueberweisungsbeschlüssen usw.) ist den Rechtsanwälten und Rechtsbeiständen Vorbehalten.
Schokolade wird billiger.
ZdR. Als Folge einer hausseartigen Preissteigerung, die am Weltmarkt bis zum Sommer 1937 zu verzeichnen war, hatte sich im Vorjahr die Notwendigkeit ergeben, eine Preiserhöhung für Kakaopulver, Tafelschokoladen und andere Kakaoerzeugnisse zuzulassen. Nachdem inzwischen eine Abschwächung der Weltmarktpreise eingetreten ist, können grundsätzlich die Preise wieder gesenkt werden. Mit Rücksicht darauf, daß Groß- und Kleinhandel noch über Bestände verfügen, die zu teueren Prei- sen eingekauft wurden, ist die Preisherabsetzung im Kleinverkauf bis auf den 21. Januar hmaus- gefchoben. Von diesem Tage ab tritt eine erhebliche Verbilligung ein, in deren Rahmen die Ladenoerkaufspreise ' für Tafelschokoladen bis um 5 Pf. je Tafel gesenkt werden. Die neuen Preise entsprechen damit etwa denjenigen Preisen, die im Oktober 1936, d.h. vor der letzten Preiserhöhung, galten.
40 Spenglermeister lernen Iinkschweihen.
Im Einvernehmen mit . der Kreishandwerker- schaft und mit der Gewerbeförderungsstelle fand gestern, durchgesührt von einer Frankfurter Firma, in Gießen in einem großen Raume der „Liebigs- höhe" ein Kursus statt, der etwa 40 .Spenglermeistern aus dem Stadt- und dem Kreisgebiet die Kenntnis des Zinkschweißens nach dem Messerschen Verfahren vermittelte. Dieses Verfahren unterscheidet sich von den bisherigen Lötverfahren dadurch, daß jetzt keine Notwendigkeit mchr besteht, unbedingt Zinn als Lötmaterial zu verwenden, sondern Zink verwanvt werden kann, das in genügen-
Lrzeugungsschlacht auch im Obstbau.
ZdR. Wenn bei der Paroleausgabe zum diesjährigen Abschnitt der Erzeugungsschlacht der Obst- bau nicht besonders erwähnt wurde, so bedeutet das keineswegs, daß auf diesem Gebiete nichts mehr zu tun wäre. Im Gegenteil, jeder weiß, daß auch heute noch ausländisches Obst eingeführt werden muß und der Obstverbrauch von Jahr zu Jahr teigt.
Um den Bedarf im Inlands zu decken, kommt es darauf an, auch im Obstbau alle Maßnahmen zur Anwendung zu bringen, die eine Vermehrung und vor allem eine Verbesserung der Obsternte zur Folge haben.
Dies gilt natürlich nicht nur für den Erwerbsund landwirtschaftlichen, sondern auch für den klem- gärtnerischen Obstbau, gleichgültig, in welcher Form er betrieben wird.
Bei der letzten Zählung wurden m Deutschland etwa 175 Millionen Obstbäume festgestellt, von denen über 9 Millionen als „abgängig" bezeichnet wurden. Das heißt, über 9 Millionen Obstbaume lassen auf Grund ihres Alters oder ihres Gesundheitszustandes keine bemerkenswerten Erträge mehr erwarten. Werden diese durch junge, ertragfähige Stämme ersetzt, so ist in Zukunft schon ein wesentlicher Mehrertrag gesichert. Dieser kann weiter durch die Bekämpfung der verschiedensten Schädlinge erhöht werden.
Ebenso wichtig wie die Vermehrung der Obstmenge ist auch die Verbesserung der Qualität.
Jeder weiß, daß noch bis vor kurzem das ausländische Obst nicht wegen des besseren Geschmacks, ondern wegen des besseren Aussehens bevorzugt wurde. Wenn sich heute schon manches in dieser Einsicht geändert hat, so genügen diese Verbesserungen doch noch nicht.
Um schneller voranzukommen, hat der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft am 29.10.1937 eine Verordnung zur Schädlingsbekämpfung im Obstbau erlassen, zu der jetzt die Richtlinien herausgekommen sind. Danach müssen die abgestorbenen und im Absterben begriffenen Obstbäume und -sträucher bis zum 1. 3. jedes Jahres entfernt werden, ebenso solche, die von Krankheiten und Schädlingen so stark befallen sind, daß Bekämpfungsmaßnahmen nicht mehr zweckmäßig erscheinen. Großer Wert wird ferner auf das AuÄichten gelegt, wobei besonders die mit Krebs, Misteln, Blutläusen und Meltau besetzten Zweige zu beseitigen sind. Um den Schädlingen die Schlupfwinkel zu nehmen, wird die Säuberung der Stämme und Aeste von Moosen. Flechten und Borke gefordert. Die Zweige sind von eingetrockneten Früchten, Raupennestern und Eigelegen usw. zu befreien. Um die Schädlingsbekämpfung völlig durchführen zu können, müssen unter Umstanden sogar erwachsene Bäume, und zwar solche nut übermäßig hohen Baumkronen, beseitigt werden, falls infolge der ui großen Höhe eine Bekampsungs- maßnahme nicht mchr möglich ist.
Diese Verordnung lriffl also einschneidende Bestimmungen für den gesamten Obstbau, die für den einzelnen um so wichtiger sind, als sie unbedingt durchgeführt werden müssen.
Geschieht dies nicht, so können die Ortspolizeibehörden und Pflanzenschutzämter die Bekämpfungsmaßnahmen auf Kosten der Verpflichteten selbst vornehmen oder vornehmen lassen. Zweifellos wird es dazu nur in den wenigsten Fällen kommen. Jeder Obstbauer hat ja das größte Interesse daran, möglichst hohe Ernten zu erzielen. Diese können aber nur bei Befolgung der angeführten Richtlinien erreicht werden. K.S.
nung ausdrücklich festgelegt, daß der Winker ke n Freibrief ist. Wer seine Richtung andern will, muß dies zwar rechtzeitig und deutlich anzeigen, darf oben trotzdem nicht die gebotene Sorgfalt außer Acht lassen. f
„Na, komm, rauchen wir zusammen eine Friedenspfeife!" Die Zigaretten flammten auf, die Erregung legte sich.
Sie haben recht", antwortete der Fahrer, „man wird mit der Zeit gleichgültig Aber ich werde mir diese Warnung hinter die Ohren schreiben. Bon heute ab wird scharf ausgepaßt, auch beim Embie- gen und Losfahren!" * * Rasrent.
** 40jähriges Eis e n b a h n er j u b i l ä u m. Der Lokomotivführer Friedrich Marti n, Gießen, Glaubrechtstraße 12, kann am morgigen 21. Januar auf eine 40jährige Dienstzeit bei der Reichsbahn zurückblicken. Der Jubilar trat 1898 in Betzdorf in den Dienst der Reichsbahn und ist schon seit 1901 bei der Betriebswerkstätte in Gießen. Durch seine starke Verbundenheit mit allen Arbeitskameraden und durch seine ausgezeichneten Charaktereigenschaft ten ist der Jubilar bei allen Beamten und Arbeitern der Reichsbahn geachtet und geschätzt.
** Wegen Kuppelei verhaftet. Wie die Kriminalpolizei mrtteilt, wurde am Dienstag ein 36 Jahre alter verheirateter Mann unter dem dringenden Verdacht der schweren Kuppelei festgenommen. Der Verhaftete ist geständig, die Kuppelei aus Eigennutz betrieben zu haben. Er tpuroe am gestrigen Mittwoch dem Amtsgericht Gießen zugefuhrt und in Untersuchungshaft genommen.
** Unterschlagung eines Hotel - karrens. Gelegentlich der Versteigerung von Hotelmobiliar entlieh sich ein Unbekannter einen zweirädrigen Hotelkarren. Das Fahrzeug würbe bisher nicht zurückgebracht. Es liegt also Unterschlagung vor. Sachdienliche Mitteilungen erbittet die Kriminalpolizei.
Große Strafkammer Gießen.
der Menge in Deutschland vorhanden ist, während Zinn als ein aus dem Ausland eingeführtes Metall die Ausgabe von Devisen erfordert. Das neue Zink- schweißverfahren ermöglicht also eine Devisen- erfparnis.
Die Handwerksmeister, die im Laufe des gestrigen Tages in zwei Kursen zu je 20 Mann mit der Technik des neuen Verfahrens vertraut gemacht wurden, hörten zunächst in kurzen Darlegungen von Ingenieur Wißbrock die Theorie des Verfahrens, dann konnte man zu den Vorführungen übergehen, die den Kursusteilnehmern bewiesen, daß die Anwendung des Verfahrens praktisch ohne weiteres möglich ist. Die Handwerksmeister bekamen im Verlauf des Kursus ausreichend Gelegenheit, sich selbst praktisch mit dem Befahren vertraut zu machen. Wenn natürlich auch nicht gleich fehlerlose Nähte gelangen, so ist doch damit zu rechnen, daß bei einiger Hebung unsere heimischen Spengler- meister auch dieses neue, volkswirtschaftlich recht bedeutsame Verfahren bald beherrschen werden.
(Siebener 2Dod)enmarftpreiie
* Gießen, 20. Jan. Auf dem heutigen Wochen- morkt kosteten: Deutsche feine Molkereibutter, kg 1,57 Mark, feine Molkereibutter 1,52, Markenbutter 1,55 bis 1,60 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 5 bis 10, Eier, ausländische 11, junge Hähne, y kg 1,10 bis 1,30 Mark, Suppenhühner —,90 bis 1 Mark, Wirsing, grün 10 bis 12 Pf., Weißkraut 7 bis 8, Rotkraut 10 bis 12, Gelberüben und Karotten 10 bis 12, rote Rüben 8 bis 10, Spinat 20 bis 25, Unterkohlrabi 6 bis 8, Grünkohl 15, Rosenkohl 30 bis 35, Feldsalat, Vio 9 bis 10, Tomaten, kg 45, Zwiebeln 9 bis 10, Meerrettich 30 bis 60, Schwarzwurzeln 25 bis 35, Kürbis 6, Kartoffeln 5, 5 kg 42 Pf., 50 kg 3 — bis 3,60 Mark, Aepfel, Vi kg 10 bis 20 Pf., Birnen 8 bis 15, Blumenkohl, Stück 45 bis 50, Endivien 10 bis 25, Lauch 5 bis 8, Rettich 5 bis 10, Sellerie 10 bis 40 Pf. __________________
Oer Wiyker ist fein Freibrief.
Es läßt sich nicht leugnen, daß II 999 999 ein ganz herrlicher Wagen ist. Riesengroß, letztes Modell, blitzend vor Gepflegtheit. Und sein Lenker fühlt sich als König der Straße, denn er läßt sein Fahrzeug mit einer Wucht aus der Reihe der Parkenden hervorbrechen, als habe niemand außer ihm auf der Fahrbahn etwas zu suchen. Im gleichen Augenblick kracht es auch schon. Ein Radfahrer ist von ihm zu Boden geschleudert worden. Es sieht gefährlich aus, scheint aber doch nicht ganz so schlimm zu sein. Benommen, doch einigermaßen unbeschädigt rappelt er sich wieder hoch.
Wie ein Wilder stürzt sich der Fahrer auf den Gefallenen. „Dämlicher Bengel, kannst du deine Augen nicht aufsperren? Mach bloß, daß du weiterkommst, ehe die Polizei da ist!" Das blutjunge Bürschchen wagt nicht, etwas zu erwidern. Fassungslos sieht es auf die Trümmer seines Rades. Da wird nicht mehr viel zu machen sein.
Ich finde es an der Zeit, einzugreifen. „Wissen Sie, Sie sollten sich schämen. Schuld ist nicht der Radfahrer, sondern Sie ganz allein!"
Jetzt wendet sich der rücksichtslose Fahrer mit erhobenen Fäusten gegen mich: „Sie ... was wollen Sie denn ... können Sie vielleicht bestreiten, daß ich den Winker draußen gehabt habe?"
„Nein, aber Sie sind losgefahren, ohne sich umzusehen, und das ist noch viel schlimmer!"
Um weitere Erörterungen abzuschneiden, drehe ich mich um und helfe dem jungen Mann, die Nummer des Wagens und meine Anschrift für den Fall einer Verhandlung aufzuschreiben.
Brummend kommt der Fahrer hinterher: „Mach keinen Quatsch. Laß deine Karre in Ordnung bringen und schick uns die Rechnung!"
„Siehst du, Kamerad", sage ich, „so gefällst du mir schon viel besser. Wenn es dich übrigens interessiert: es ist in der neuen Straßenverkehrs-Ord-
Unter der Anklage eines Notzuchtversuches, sowie der Erregung öffentlichen Aergernisses und Beleidigung in mehreren Fällen hatte sich der L. A. aus Gießen zu verantworten. Dem Angeklagten wurde zur Last gelegt, sich an jugendliche Mädchen — in einem Falle sogar unter 14 Jahren — herangemacht und sie in unsittlicher Weise belästigt zu haben. In der Hauptoerhandlung, die unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfand, war der Angeklagte im großen und ganzen geständig, in den Fällen, in denen er bestritt, wurde er durch die Be- weisaufnahme überführt. Mit Rücksicht darauf, daß er bisher noch nicht einschlägig vorbestraft ist, billigte ihm das Gericht mildernde Umstände xxx und erkannte auf eine Gesamtgefängnisstrafe von fünf Monaten.
Rundsunkprogramm
Freitag, 21. Januar.
6 Uhr: Morgenlied. — Morgenspruch. — Gymnastik. 6.30: Frühkonzert. In der Pause, 7: Nachrichten. 8.10: Gymnastik. 8.30: Nur Freiburg: Nachrichten. 10: Schulfunk. Eisen schafft dem Volk die Wehr. Aus der Geschichte des deutschen Waffen» handwerks. 10.30: Sportprüfungen der Jugend. 10.45: Musik zur Werkpause. 11.40: Hausfrau, hör zu! 11.50: Bauernschicksal an der Wolga. 12: Mit- tagskonzert. 13: Nachrichten. 13.15: Mittagskonzert (Fortsetzung). 14: Nachrichten. 14.10: Dem Opern- freund (Schallplatten). 15: Volk und Wirtschaft. Die Anstellung auf Probe. 15.15: Mutter turnt und fpielt mit dem Kind: Es klappert die Mühle ... 15.30: Heini will fernsehen. 15.40: Krach im Hinterhaus. 15.45: Aus Kunst und Kultur. 16: Unterhaltungskonzert. 18: Zeitgeschehen. 19: Nachrichten. 19.10: Singen, lachen, tanzen ... (Ein Konzert). 21: Deutschlands Platz an der Sonne (I). Eine kolonialpolitische Hörfolge. 22: Nachrichten.
Äjamanten-Komödie
Roman von Horst Biernath.
35. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Bitte", fuhr er fort, „nachdem Sie schon unsere Verabredung fürxben Nachmittag vergessen haben, sind Sie es mir eigentlich schuldig, sich jetzt von mir zu Tisch führen zu lassen."
„Lassen Sie mich gehen!" bat sie leise. „Ich bin heute nicht in der Stimmung, um unter Menschen zu gehen."
„Der Speisesaal ist leer.
„Trotzdem ..." Es klang, als hätte sie „Eben deshalb!" gesagt.
Sein Blick streifte ihr Gesellschaftskleid, das sie doch wahrscheinlich nicht für einen Spaziergang ums Bootsdeck angelegt hatte. In ihrer Haltung lag Abwehr und Fluchtbereitschaft ... „Sie sind nicht dieselbe — Sie sind merkwürdig verändert!"
Meder schwieg sie. Ihr Blick irrte ab.
Und plötzlich verstand er. „Sie sind meinetwegen geflohen! Sie sind geflohen, weil Sie mich im Speisesaal sahen ..."
„Wundern Sie sich etwa darüber?" fragte sie fast schroff.
„Ein wenig", antwortete er leise. Seine Bewegung, mit der er ihre Hand zu ergreifen versucht hatte, stockte.
In dem hellen Lichtfleck, den die Lüster des Speisesaals durch die gläserne Seilentür auf den Gang zeichneten, erschien ein Schatten. Die Tür wurde geöffnet, und Humphrey trat hinaus, wahrscheinlich, um Martini nachzuspähen, dessen Verschwinden ihn beunruhigte. Er zog sich sofort zurück, als er ihn in Carolas Gesellschaft erblickte.
„Wann war Herr Timperly bei Ihnen?" fragte Martini kurz.
,^>eute oorniittag; im Auftrag von Kapitän Zanten."
„Und er hat geplaudert?"
„Geplaudert —? Das klingt etwas leicht. Er hat mich über Dinge unterrichtet, die mir unbekannt waren. Und wenn ich ihm eines nicht verzeihe, dann nur das, daß er nicht früher Zeit fand, zu mir zu kommen."
„Ah, ich verstehe", sagte er fast unhörbar. „Sie bedauern, freundlich zu mir gewesen zu sein?"
Ihr Mund wurde schmal: „Nein — ich bedaure lediglich, daß ich Ihr Zartgefühl überschätzt habe." „Ist Ihnen nie der Gedanke gekommen. Sie könnten mich vielleicht zu schnell verurteilen?" fragte er langsam.
„Wollen Sie damit sagen, Humphrey hätte mich belogen?"
„Nein, durchaus nicht."
„Was soll ich mit Ihrer Frage und dieser Antwort anfangen?" sagte sie fast gereizt. „Ich bin nicht in der Stimmung, Rätsel zu lösen. Wenn Sie Wert darauf legen, daß mir uns wieder unbefangen gegenüberstehen, dann sagen Sie mir jetzt ganz ein» ach und klar, daß Sie die Diamanten nicht geraubt haben, und ich will Ihnen auf Ihr Wort glauben!"
„Trauen Sie mir zu, daß ich Diamanten stehle?" orschte er mit einem merkwürdigen, fast zärtlichen Ton in der Stimme, als wolle er sich für das unbeabsichtigte Eingeständnis ihres Vertrauens be« danken. *
„Was ich Ihnen zutraue, ist im Augenblick gänzlich gleichgültig und nebensächlich!" antwortete sie heftig und von seinem Ausweichen peinlich betroffen. „Ich habe Ihnen eine klare Frage gestellt und um eine ebenso klare Antwort gebeten."
Er sah sie fest an: „Es ist aber für mich von allergrößter Wichtigkeit, von Ihnen zu erfahren, ob Sie mir diesen Diebstahl zutrauen."
„Lassen Sie das doch!" bat sie gequält. „Dor wenigen Stunden noch war ich ahnungslos und unbefangen. Jetzt bin ich unsicher. Zwischen gestern und heute steht Humphreys Bericht. Wie kann ich jetzt noch meinem Gefühl vertrauen?"
„Verzeihen Sie!" bat er. „Sie haben recht: Ich hätte diese Frage nicht mehr stellen dürfen." Nach einer stummen Pause peinvoller Ungewißheit hob er den Kopf. Er sah ihre Augen starr und angstvoll an seinen Lippen hängen. „Lassen Sie mir Zeit, Carola! Ich kann jetzt nicht sprechen. Mir sind die Hände gebunden... Ach, es ist widersinnig, es ist fürchterlich — aber ich kann Ihre Frage jetzt nicht beantworten... Verurteilen Sie mich nicht voreilig! Vertrauen Sie mir! Mehr vermag ich Ihnen nicht zu sagen. Vielleicht erkläre ich Ihnen schon morgen diese ganze lächerliche und niederträchtige Geschichte..." Er brach plötzlich ab, von der Zwecklosigkeit feiner dunklen Erklärungsversuche überzeugt.
Sie sah ihn ratlos an.
Seine Antwort war eine lahme, hilflose Handbewegung. „Nein, natürlich, wie sollten <Sjte das verstehen? Und ich kann nicht deutlicher werden — auch nicht auf die Gefahr hin, von Ihnen verurteilt zu werden ..."
Seine Verzweiflung verwirrte sie. „Nein, ich begreife wirklich nichts", bekannte sie kopfschüttelnd, „und von Minute zu Minute weniger." Sie'reichte ihm zögernd die Hand. „Aber ich werde warten!" versprach sie mit einem erzwungenen und etwas kläglichen Lächeln.
Er wollte ihre Hand an seine Lippen ziehen.
„Nicht —!" bat sie und machte die Hand sacht frei.
Er verbeugte sich tief „Ich bin sehr glücklich!" sagte er leise. „Ich danke Ihnen, daß Sie mit mir Geduld haben — obwohl Sie mich nicht verstehen können."
Sie wandte sich ab und ging rasch die Treppe hinab.
Auf der obersten Stufe verharrend, schaute er ihr nach. Auf der Schwelle ihrer Kabine drehte sie sich um. Ihre Blicke trafen sich für wenige Sekunden. Er hob langsam die Hand und die Fingerspitzen in die Hohe seines Mundes. Sie grüßte mit einer zögernden, verhaltenen Bewegung zurück ... Oder hatte er sich getäuscht? Vielleicht hatte sie den Arm auch nur erhoben, um die Tür zu schließen... Er ließ die Hand langsam sinken, vorsichtig und behut- am, als fürchte er, durch eine hastige Bewegung den frischen Duft ihrer Haut zu ve^cheuchen oder die Wärme ihres Körpers, die er noch immer an der Stelle zu spüren vermeinte, wo sie ihm gegenüb er gestanden hatte...
Als er schließlich, an den Fenstern des Speisesaals vorüber, zum Achterdeck ging, um sich als Entschädigung für das versäumte Dinner eine Zigarette zu gönnen, verließen gerade die wenigen Gäste, die an der Abendmahlzeit teilgenommen hatten, die Tische und verteilten sich auf die Bar und den Rauchsalon.
Der Doktor entführte „die Lenox" zu den hohen Stühlchen. „Es ist der schöne Grundsatz unserer Linie", bemerkte er sarkastisch, „unseren lieben Gästen alles zu bieten, damit sie sich wie zu Hause fühlen."
„Werden Sie bloß nicht anzüglich, Sie kleiner Dicker!" drohte das „Fleißige Lieschen" leicht verstimmt. „Jetzt, wo die Filmdiva abgemeldet ist, kann ich nämlich sehr leicht mal aus dem Röllchen fallen!"
Humphrey schloß sich den beiden an. Aber selbst die besten Witze des Doktors vermochten ihn nicht in Stimmung zu bringen. Er blieb unruhig, unaufmerksam und verbrauchte für seinen Whisky so viele Strohhalme, daß sich der Mixer genötigt sah, ihm dieses Spielzeug zu entziehen. 4
„Was wollen Sie eigentlich drüben?" fragte Wilkens die Lenox.
Sie zuckte mit den Schultern: „Weiß ich selber nicht. Vielleicht kauf' ich mir eine kleine Kneipe. Ich habe einiges gespart. Und sonst —? Ein paar alte Freunde besuchen..."
„Die werden sich aber freuen!" grinste er.
Die Lenox sah ihn mißtrauisch an: „Weiß der Teufel, Doktor, bei Ihnen weiß man nie, woran man ist."
„Sind Sie Engländerin?"
„Ja. Aber mein Vater soll ein spanischer Hidalgo gewesen sein."
„,Hidalgo< klingt immer gut", bemerkte der Doktor ernst, „und etwas Spanisches haben Sie auch unbedingt an sich."
Humphrey schwang sich von seinem Schemel herab.
„Wohin, Timperly?" rief Wilkens ihm nach.
„An die Luft, Doktor."
Humphrey war sich nicht ganz sicher, ob er eben Martini an den Fenstern hatte vorüberstreifen sehen. Die Gläser hatten ihn geblendet. Nur an der Art der Arm- und Schulterbewegungen hatte er in dem vorübergehenden Schatten Martini zu erkennen geglaubt.
Um sich nicht dem Verdacht der Neugierde auszusetzen, falls die beiden sich doch noch nicht getrennt hätten, betrat er das Großdeck von der Steuerbord- feite und schlenderte im Halbschatten des Brückenaufbaues, pfeifend und seins Anwesenheit absichtlich nickst verbergend, zum Backbordgang hinüber.
Der Seegang war stärker geworden. Die Lust roch nach Regen. Der Himmel war bedeckt. Die Reling verlor sich in der Dunkelheit; am Heck knatterte die F-hne.
Humphrey spähte in den Gang hinein. Er war leer. Nur am Ende öffnete sich eine Kabinentür spaltbreit, und eine Männerhand fdjob ein Paar Schnürstiefel über die Schwelle.
Die Liegestühle waren fortgeräumt, das Sonnensegel zusammengeschlagen und festaezurrt. Der Wind summte in den Antennendrähten. Aus dem Schornstein stoben Funken und verzischten in der Tiefe. Es war kühl.
Humphrey stand unter den Spanten und Verstrebungen wie in dem ungedeckten Dachstuhl eines sturmzerstörten oder unfertigen Hauses. Er versuchte, sich ein Zigarette anzuzünden, aber trotz allen Künsten, die ein Zigarettenraucher ja mit der Zeit beherrscht, wollte es ihm nicht gelingen, den Tabak zum Glühen zu bringen. Der Wind stieß aus wechselnden Richtungen heran und würgte die kleine Zündholzflamme ein ums andere Mal ab.
„Vielleicht geht es, wenn Sie ein paar Löcher in die Streichholzschachtel bohren, Timperly!" sagte eine Stimme aus dem milchigen Dunkel. Ein Streichholz flammte auf und beleuchtete Martinis Gesicht. „Etwa so —r Das Feuer flackerte unruhig hin und her, aber es erlosch nicht.
Humphrey trat näher. „Danke!" sagte er verlegen oder ärgerlich.
„Ein ganz einfacher Trick. Die Flamme muß von allen Seiten Lust kriegen, dann brennt sie. Wenn der Wind über eine einfache Höhlung streicht, schafft er eine Luftleere, und das Feuer erstickt. Kannten Sie diesen Kniff noch nicht?"
„Nein. Sonst hätte ich mir nicht vier Zündhölzer ausblasen lassen." Martini seufzte leicht auf.
„Sie haben es doch nicht verstanden, Timperly: Das Feuer wurde nicht ausgeblasen, sondern es erstickte aus Mangel an Sauerstoff!" Martinis Ton war ein wenig müde, etwa wie der Ton eines Mannes, der daheim Kommentare zu lateinischen Schriftstellern verfaßt und feinen Lebensunterhalt damit erwirbt, zurückgebliebene Quintaner in die Geheimnisse des Accusativus cum infinitivo einzuführen.
(Fortsetzung folgt.)


