Llfer Italiens.
X G «Korrespondenten
bedurfte. Bei dem höchst schmerzlichen Gedanken, daß sie auf der Reise, nicht im eigenen Hause hinscheiden mußte, ist dies das einzig Tröstende, daß sie wenigstens in den Armen zärtlicher Eltern gestorben ist.
Die großen Schmerzen, die mit dieser Krankheit verbunden sind, hat sie fast nur einen Tag und mit der edelsten Standhaftigkeit und wahrer Geistesgröße getragen. Ähre letzten Tage waren ruhig; sie hatte kein Gefühl von der Gewalt der Krankheit noch von der Gewalt des Todes. Sie ist gestorben, wie sie sich immer gewünscht hatte. Am letzten Abend fühlte sie sich leicht und froh, die ganze Schönheit ihrer liebevollen Seele tat sich noch einmal auf; die immer schönen Töne ihrer Sprache wurden zur Musik; der Geist schien gleichsam schon frei von dem Körper und schwebte nur noch über der Hülle, die er bald ganz verlassen sollte. Sie entschlief am Morgen des 7. September, sanft und ohne Kampf: auch im Tode verließ sie die Anmut nicht; als sie tot war, lag sie mit der lieblichsten Wendung des Hauptes, mit dem Ausdrucke der Heiterkeit und des herrlichen Friedens im Gesicht. —
Ach, solange sie noch dalag, solange ich noch die letzten Reste von ihr mit meinen Tränen benetzen konnte, war ich nicht ganz unglücklich; nie kehrte ich von dem Anblick zurück, ohne gestärkt und getröstet zu fein, so heiter war chr Ausdruck. Ach, endlich mußte ich mich auch von dem letzten trennen; ich begleitete sie zu ihrem Grab, wohin sie mit jeder Feierlichkeit gebracht wurde, die zur Ehre der edlen Verstorbenen gereichte, der ich — leider! — im Leben nicht alle die Ehre hatte erzeigen können, die ich gern wünschte. Nun ruht sie in einem stillen Tale, an dessen romantischen Anblick ihr Auge oft mit stilles Schwermut gehangen hatte, an einer Stätte, wo einst auch meine guten Eltern ruhen werden.
Bettina von Arnim über den Tod
Karolinen^ von Günderode.
Karoline von Günderode hatte, enttäuscht in ihrer Liebe zu Friedrich C r e u z e r, 1806 den Tod bei Winkel am Rhein gesucht. Mir fällt hier in mancherlei Rücksicht das ernste, traurige Schicksal von Troja ein, wie seine jungen Helden die Burg zusammenrissen, um die Burg selbst zu retten. Dem König war aller Mut geweihet, drum mußten sie die Türen und Giebel vom Palast nieder- roerfen, um die Feinde zu zerschmettern, mit goldenen Balken warfen sie in der Zerstörer Schar, um diese zu vernichten, solange bis alles zerstört und nichts mehr war, dann schrien sie: „Troja ist nicht mehr, die herrliche Burg, die wohnlichen Gemächer, wir haben sie aus den Grundfesten gerissen, um ihren Feinden abzuwehren".
So steht auch die unglückliche Günderode in ihrem schrecklichen Schicksal da, sie wollte den Feind vernichten, der ihre Freiheit einengte, und mit dem einzigen Versuch, mit dem einzigen Dolchzucken traf sie ihr eigen Herz und warf das, was ihr wert fein sollte, weit von sich und traf mich auch mit dieser Untat, ich werde den Schmerz in meinem Leben mit mir führen, und er wird in viele Dinge mit ein» wirken, es weiß keiner, wie nah es mich angeht, wieviel ich dabei gewonnen und wieviel ich verloren habe. Ich habe den Mut dabei gewonnen und die Wahrheit, vieles zu ertragen und vieles zu erkennen; es ist mir auch vieles dabei zugrunde gegangen, ich werd' mich nicht so leicht mehr an den einzelnen fesseln, und um dieses werd' ich oft mit Schmerz und Trauer zu ringen haben. —
Sie wissen wohl gar nichts von allem, wie sie sich am Rhein auf einer grünen Wiese unter Weiden- büschen um zehn Uhr mit lustiger Miene bas starke Messer durch die Brust gestoßen, so nah am Rhein, daß ihre aufgeflochtenen Haare in das Wasser hingen; die ganze Nacht blieb sie da liegen, bis morgens der kühle Tau ihr auf die Brust fiel in die tiefe, tiefe Wunde hinein, die gleich im ersten Moment dem Leben so großen Raum gab, schnell zu entfliehen.
Ich war gerade auf einer Rheinreise begriffen; den Tag, nachdem es geschehen war, warf man mir die schreckliche Nachricht ins Herz, ich fuhr in dem kleinen Nachen an der Stelle dicht -vorbei, wo es geschehen war. Wie es mir da gegangen, wie ich gegen alles ein anderes Gefühl gehabt, und wie ich die Natur mit einem eigenen Blicke betrachtet habe — davon sprechen wir, wenn wir uns sehen; es waren Gewitter am Himmel, dunkle, schwere Wolken, Sonnenblicke, und doch war alles so herrlich, ich habe einzig gefühlt, und ich bin froh, daß ich's durchlebt habe.
Am „vierten"
Von unserem
VI.
Rom, November 1938.
Die erste Massenwanderung italienischer Siedler nach Libyen ist beendet. Die 1800. Bauernfamilien haben sich in ihren weißge- tünchten Häusern eingerichtet und die Bebauung des bereits zur Aussaat vorbereiteten Bodens ihrer künftigen Besitztümer in Angriff genommen. Die Äugend hat auch schon die nachbarliche Fühlung von Haus zu Haus ausgenommen, wozu die vielfach aus der Heimat mitgebrachken Fahrräder gute Dienste leisten. Wenn der Transport der Familien von den Ausfchiffungshäfen zu den Siedlungsgebieten ohne jeden Unfall verlaufen ist, so darf dies neben der bis ins kleinste durchdachten Organisation vor allem dem vorzüglichen Zustand der Straßen zugeschrieben werden, die den endlosen Kraftwagenkolonnen überall zur Verfügung standen, und die die Küstenprovinzen Libyens zu einem geradezu idealen Gebiet für den Automobiloerkehr machen. Die über 1800 Kilometer lange, sieben Meter breite Asphaltstraße von der tunesischen bis zur ägyptischen Grenze, die nur geringe Steigungen, weite Kurven und wenig Kreuzungen aufweist, ermöglicht es dem Autofahrer, mit hohen, gleichmäßigen Geschwin- digkeiten die mitunter einige hundert Kilometer betragenden Entfernungen zwischen den einzelnen Ortschaften zurückzulegen. Bei etwaigen Pannen ist Hilfe nicht weit, denn die geräumigen Wegewärter. Häuser, die in Abständen von etwa dreißig Kilometer an der Straße liegen, sind auf die Unterbringung von Fremden vorbereitet und besitzen meist Werkstätten, in denen kleinere Wagenreparaturen vorgenommen werden können. In allen, auch den kleineren Orten, sind erstklassige Hotels errichtet worden, und man kann ohne Uebertrei'bung sagen, daß man in Libyen heute bequemer reift als in vielen Gegenden Europas.
Unter den zahlreichen Fragen, die dem Generalgouverneur Balbo von den ausländischen, vor allem den englischen und französischen Presiever- tretern oorgelegt wurden, kehrt die Frage nach d e m Z w e ck der italienischen Massensiedlung in Nordafrika häufig wieder. Der Marschall erteilte den Wißbegierigen bei einem Abendessen in „Albergo delle Gazzelle" zu Zliten folgende Antwort: „Wir siedeln, weil wir zu Hause zu viel sind. Eigentlich ist das Siedlungswerk nichts weiter als eine hydraulische Mcliorisierung. Ueberbies kostet das Land hier fast nichts. Mit 5000 Lire für den Hektar schasst man hier einen Hof mit Haus, Land, Stall und Vieh. Wenn man von politischen und militärischen Gründen absieht, dann ist das der Hauptgrund dieser Massensiedlung. Die Form der Kolonisierung ist faschistisch; sie ist kollektivistisch, ja vielleicht beinahe kommunistisch, jedoch mit dem Un» I terschied, daß der Kommunismus Land nur verspricht. Denn wir machen nach einer bestimmten Frist den Bauern von der kollektivistischen Organi- sation frei. Ähr könnt bei den Bauern nachfragen: dieses System funktioniert."
Das Land, das den Siedlern zur Verfügung gestellt wurde, muhte von den Eingeborenen geräumt werden. Aber es wurde keinem etwas genommen; soweit das Gelände nicht schon vorher Staatsbesitz war, wurde es von der libyschen Regierung ordnungsmäßig angekauft und mit vielen Millionen bezahlt. Auch hier blieb Italien der Politik treu, die es feit der Besetzung Libyens betrieben hat, sich das Vertrauen, die Freundschaft und damit die Treue der eingeborenen Bevölkerung zu erringen, eine Politik, die sich in dem Rahmen der auf die Verständigung mit allen muselmanischen Völkern hinzielenden Gesamtpolitik des Faschismus einfügt, in einem Punkte allerdings hat sich der „totalitäre Faschismus" auch auf kolonialem Boden unbeug» jam gezeigt: er hat jeder Teilung der Macht mit religiösen Behörden auch des Äslam (etwa mit dem Kalifat), deren geistiger Einfluß von dem politischen nicht zu trennen gewesen wäre, ein Ende •bereitet. Mit Erfolg; denn es ist ihm gelungen, der libyschen Bevölkerung die Ueberzeugung beizubrm- gen, daß Italien selbst ihren religiösen Schutz übernehmen kann. Italien sichert die volle Religionsftei- heit der Mohammedaner. Es duldet keine Versuche, die Eingeborenen zu ,/bekehren". Marschall Balbo erklärte uns, daß er im Gegenteil den größten Wert
darauf lege, die Mohammedaner bei ihrem Glauben zu erhalten; denn dadurch werde verhindert, daß sie dem Kommunismus zur Beute fallen. Die Kadis üben ihre richterliche Tätigkeit nach den Grundätzen des Korans unbehindert weiter aus. Die Zahl ter arabischen Schulen und der Moscheen ist von der libyschen Regierung beträchtlich vermehrt worden. Äm Verein mit der Außenpolitik Italiens gegenüber den Araberstaaten des Nahen Ostens, die durch zahlreiche Freundschaftsverträge gekennzeichnet wird, hat dieses kluge Verhalten gegenüber ‘ den Mohammedanern Mussolini die Möglichkeit und das Recht gegeben, sich zum „Schirmherrn des Äslam" aufzuwerfen.
Daß die libysche Bevölkerung heute, nach kaum zehnjähriger Befriedung des Landes, fest zu Ätalien teht, wird von keinem aufmerksamen Beobachter in Abrede gestellt werden. Die unerschütterliche Treue der Heranwachsenden Generationen zu Italien ist für Marschall Balbo so über jeden Zweifel erhaben, daß er nicht gezögert hat, dieser Äugend eine militärische Ausbildung erteilen zu lassen. Dies geschieht durch die Miliz in der „Arabischen faschistischen Äugend", die 16 Bataillone mit über 10 000 Köpfen umfaßt. Bei der Einweihung der im Bau befindlichen Araberfied- lung El Ätrun durch Marschall Balbo hatten wir Gelegenheit, eine Abteilung dieser Äugendorgani- ation in ihren Kakhi-Uniformen zu bewundern; der militärische Schneid ließ nichts zu wünschen übrig. Nur als Balbo sich von den mohammedanischen Würdenträgern verabschiedete, da brach die Begei- tcrung nach arabischer Sitte durch. Die braunen Burschen umtanzten den Generalgouoerneur unter den einförmigen Klängen der Tambourine und fangen dazu unermüdlich: „Noi siamo soldatini di Benito Mussolini“ — „Wir sind die jungen Soldaten Benito Mussolinis".
Die politisch-militärische Bedeutung Libyens, die Marschall Balbo in feiner üben angeführten Erklärung nur flüchtig streifte, ist durch die Massensiedlung und durch die unlängst erfolgte Eingliederung der vier Küstenprovinzen in das Mutterland wesentlich gesteigert worden. An sich ist diese Bedeutung durch die hervorragende strategische Lage des Landes in der Mitte der südlichen Mittelmeerküste gegeben. Libyen, das im Westen in Zuara, im Osten in Tobruk hervorragende Flottenstützpunkte besitzt und infolge seiner Boden- geftultung als ein einziger riesiger Flugplatz betrachtet werden kann, bildet eine vorgeschobene Bastion, von der aus Italien nicht nur das östliche Mittelmeer, sondern auch bis zu einem gewissen Maße den Zugang zum Suezkanal beherrscht. Man braucht, um sich den ungeheuren Wert dieser Position klarzurnachen, nur daran zu denken, daß Marschall Balbo während des Abessinien-Konfliktes die britische Drohung, den Suezkanal zu schließen, mit der sofortigen Zusammenziehung von 100 000 Mann an der libysch- ägyptischen Grenze beantwortete, eine Maßnahme, die einige Hitzköpfe an der Themse schnell zur Besinnung brachte. Dieser Vorgang zeigt, daß Libyen im Ernstfälle berufen sein könnte, nicht nur seine eigene Existenz, sondern darüber hinaus das äthiopische Imperium und sogar das Mutterland in ausschlaggebender Weise zu verteidigen.
Neben den beiden Armeekorps, die in Libyen stehen, fällt diese Aufgabe der Landesverteidigung in erster Linie der faschistischen Miliz zu, die gegenwärtig etwa 20 000 Mann stark sein dürste, deren Bestände aber in unablässigem Anwachsen begriffen sind, da jede neu eintreffende Siedlerfamilie zwei bis drei waffenfähige Männer mitbringt. So stellt der Faschismus dem Typ des „Bürger-Soldaten", den er in Italien geschaffen hat, hier draußen den Typ des „Siedler-Soldaten" zur Seite, der neben den Werkzeugen zur Bearbeitung des Bodens das Gewehr und die Uniform aufbewahrt, um im Notfälle diesen Baden und das gesamte Land mit der Waffe in der Hand zu schützen. Die Legionen der Miliz sind mit Lastkraftwagen und Motorrädern ausgerüstet, um sie schnell von einem Ende des ausgedehnten Landes zum anderen werfen zu können. Was für eine derartige Formation die jährliche Zuwanderung von 2 0 0 0 bis 30 0 0 F a -
mitten, die Marschall Balbo für die nächsten fünf Äahre vorbereitet, bedeutet, liegt auf der Hand. Die Miliz besorgt im übrigen auch die vormili - tärische Ausbildung ihres Nachwuchses, der Faschistischen Äugend, die vor etwa einem Jahr bereits 12 000 Mitglieder zählte und seitdem aus den gleichen Gründen wie die Miliz selbst im unablässigen Wachstum begriffen ist.
Was die Anglieder ung der libyschen Küsten- Provinzen an das italienische Mutterland angeht, so sind gerade auf, politisch-militärischem Gebiet btc Folgen dieser wohlüberlegten Maßnahme für den Außenstehenden nicht leicht a'bzuschätzen. Äm „Cor- riere Padano", der als Organ Balbos gilt, las man darüber: „Dieser Schritt bedeutet, daß wir von heute ab unsere libyschen Provinzen verwalten können, ohne daß ein fremder Staat direkt sich hineinmischen ober sich damit befassen kann, wenn er nicht gegen die Grundsätze des internationalen Rechts und der internationalen Korrektheit verstoßen will, die jede Einmischung in die Innenpolitik anderer Lander untersagen. Der kürzliche typische Fall ter englischen Beschwerden über die Truppenstärke m Libyen kann sich nickt nur nicht mehr wiederholen, sondern könnte nicht einmal hypothetisch in Aus-
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sicht genommen werden, ebenso wenig wie er für Sizilien oder Piemont vorkommen könnte." Mit anderen Worten: Libyen hat als Best and teN Italiens die Möglichkeit, nach Gutdünken militärische Vorkehrungen zu seiner Verteidigung zu treffen, ohne daß ihm irgendein anderes Land hineinreden kann, wie dies der Fall fein konnte, so lange es eine Kolonie war. Großbritannien, das von Ätalien nach der Beilegung der durch den äthiopischen Konflikt entstandenen Spannung die Derringe- rung der libyschen Streitkräfte von vier auf zwei Armeekorps erlangte, hätte also feine. Hairdhabe, sich in Zukunft über eine Verstärkung der italienischen Truppen in den Kustenprovinzen oder über die Einführung der allgemeinen Wehr- p f 1 i ch t s ü r d i e (Eingeborenen 3U beklagen. Die letztere Maßnahme zum mindesten scheint in absehbarer Zeit zu erwarten zu fein, denn der bereits zitierte „Corriere Padano" schreibt, daß die Bürgerrechte, die den Libyern verliehen werden, nicht nur eine Beteiligung der Eingeborenen an verschiedenen lokalen Behörden und Körperschaften vorsehen, sondern auch die Bildung einer arabischen • Sektion der Faschistischen Partei'— also wohl auch der arabischen Miliz — und die Heranziehung 3um Militärdienst, der damit aufhöre, Söldnerdienst zu . sein. *
Das gewaltige Siedlungswerk, das Marschall Balbo im Auftrage des Duce eingeleitet hat und mit unermüdlicher Tratkraft zu Ende führen wird, dient also recht vielseitigen Zwecken. Zunächst einmal der Entlastung der Heimat von einem ländlichen Bevölkerungsüberschuß, der aus ziemlich aussichtslosen Verhältnissen in die glückliche Zukunft eines gesunden Kleinbauernstandes verpflanzt wird. Verbunden damit schwebt über der Massensiedlung als ideales Ziel die Verwirklichung der wirtschaftlichen Selbständigkeit Libyens, eines Landes, das gegenwärtig noch in hohem Maße aUf die Einfuhr aus Ätalien und anderen Ländern angewiesen ist. Und alle diese ineinandergreifenden sozialen und wirtschaftlichen Dinge führen dann ge^ meinfam zu dem hohen Endzweck der ,/militärischen Autarkie" Libyens, zu einer noch nicht abzusehenden Stärkung der Machtposition Italiens im Mittelmeer, das — nach einem Ausspruch Mussolinis — seine Lebensader ist.
Eine Brille mit Zweistarkenglasern empfehle ich jedem, dem beim Blickwechsel (Ferne/Nähe) das Auf- und Absetzen der Brille lästig ist Die fachgemäße Anpassung ist meine Spezialität! ßa*A
.ELLER
der Optiker am Bahahol.
Chemie erschließt die"
elt.
Don den Grundlagen und Aufgaben des chemischen Zeitalters.
VI.
Der große Lehrer des chemischen Zeitalters.
Mit der Entwicklung der chemischen Ändustrie, der Soda, der Schwefelsäure und des Chlors zu Ausgang des 18. und im 19. Jahrhundert, vor allem in England, war der Welt zum ersten Male em großartiges Beispiel gegeben für die schöpferische Zusammenarbeit zwischen chemischer Forschung und Technik. Daß der Aufbau einer Ändustrie der anorganischen Grund« chemikalien zunächst in England begann, hatte seine machtpolitischen und wirtschaftlichen Gründe. Man hatte auf der Änsel Geld. England beherrschte die Meere. Die Briten hatten einen Vorsprung in der Entwicklung der Dampfmaschine, der Ändu- strialisierung der Steinkohle, der Fabrikation von Eisen, Ändustrieanlagen und Apparaten. Deshalb ist es kein Wunder, daß auch der nächste große Antrieb zur weiteren Entwicklung der chemischen Industrie in England erfolgte. Auf der Insel wurde ja 1740 der erste mit Koks betriebene Hochofen errichtet. Wenn man aber Koks gewinnt, fallen als Neven- Produkte Leuchtgas, Steinkohlenteer und Ammoniak ab. 1807 bestaunten die Londoner die erste gasbeleuchtete Straße. Allmählich wurde das Gas vom Nebenprodukt der Koksgewinnung zum Hauptprodukt. Und um so mehr fielen Teer und Ammoniak an. Mit dem Ammoniakwasser mußte man gar nichts anzufangen. Den Teer konnte man wenigstens in beschränktem Umfang an Stelle des Holzteers zum Teeren der Schiffe verwenden. Aber dennoch blieben Berge von Teer liegen. Und so entstand die für die chemische Wissenschaft so wichtige «nb charakteristische Frage: Wie denn sind solche Abfälle zu verwerten, und wie kann man aus einem derartigen Nichts — Gold machen?
Auch S a l p e t er gab es in England. Aus dem leer gewinnt man Benzol, aus Salpeter Salpetersäure. Benzol zusammen mit Salpetersäure führt aber unmittelbar zu den Anilinfarben. Die Engländer hatten Geld genug, auch waren sie
wagemutige Unternehmer. Und 1856 entdeckte sogar ein Assistent des deutschen Chemikers A. W. Hoffmann in London, William Henry Perkin, das synthetische Anilinblau. Der deutsche Chemiker Bunge war ihm allerdings über 20 Jahre vor- meggegangen. Man muß die Entdeckung des Perkin wohl in diesem Zusammenhang sehen. So ist es historisch richtig. Perkin nun entwickelte auch die technischen Voraussetzungen für die fabrikmäßige Herstellung seiner Anilinfarbe. Aber trotzdem kam es damals in England zu keiner Teerfarbenindustrie. Die Entwicklung stockte. Die Engländer hatten sich noch kein Vertrauen zu dieser schöpferischen Wissenschaft der organischen Chemie erarbeitet. Das war das eine. Und das andere war ein entscheidender wirtschaftlicher Grund, der die Entwicklung hemmte.
Wohl hatte England geträumt, die Fabrik der Welt zu werden. Die „Welt" sollte ihm die Rohstoffe und die Nahrungsmittel liefern. So bauten die Engländer vor allen Dingen die Industrie derjenigen anorganischen Chemikalien auf, die zur Verarbeitung der Rohstoffe gebraucht wurden. Aber auf künstlichem Wege nun neue Produkte herzustellen, die man billig aus den Kolonien erhalten konnte, dazu bestand kein Anlaß. Daran hatte das rohstoffreiche England kein Interesse. Wohl aber Deutschland.
Dort hatte sich nun rein aus forscherischem Antrieb die neue Wissenschaft aus der organischen Chemie entwickelt. Sie führte in unenblidjen Analysen und methodischen Untersuchungen zur tieferen Erkenntnis und zur theoretischen Beherrschung ter Kohlenstoffverbindungen und schließlich eben zur methodischen Erforschung jener Abfallprodukte, die den Weg des Fortschritts in England blockierten. Man nennt die organische Chemie deshalb die C h e - mie b e r Kohlen st offverbindungen, weil die Anwesenheit des Elementes Kohlenstoff und dessen eigenartige Fähigkeit, besondere und recht kompliziert kombinierte Verbindungen aufzubauen, den organischen Verbindungen ihr besonderes Gepräge verleiht. Schrittweise erfolgte die genauere Erkennt- nis dieser Verbindungen. Der Kolumbus aber dieser Chemie war Friedrich Wöhler. Als er die erste künstliche Zusammensetzung eines organischen
Produktes, nämlich des Harnstoffs, fertig brachte, war die Brücke zwischen der Chemie des Anorganischen und des Organischen geschlagen. Es war die Probe auf das analytische Exemwel gelungen, der praktische Beweis geliefert, daß es, entgegen der allgemein verbreiteten Zeitmeinung über eine besondere, die organischen Verbindungen aufbauende mystische „Lebenskraft", gelingen müsse, nach dem Vorbild der anorganischen Chemie Gesetzmäßigkeit, Ordnung und die Dildunasgesetze, auch der organischen Verbindungen, nach sicherem Forschungsplan zu erkennen.
1828 hatte Wöhler das erste künslliche organische Produkt, den Lebenskeim einer kommenden weit- umgestaltenden Wissenschaft, in seiner Retorte. Hundert Äahre später kannte man fast 250 000 Kohlenstoffverbindungen. Von allen anderen Elementen aber kannten mir bis dahin etwa 25 000. Aus dem Steinkohlenteer werden heute eine Reihe wertvoller Rohstoffe hergestellt, Benzol, Toluol, Naphtalin, Anthrazen, Karbolsäure und andere. Aus diesen gewinnen wir gegen 900 Farbstoffe, die gegen 5000 verschiedene Farbenmarken liefern. Ehemals war der Teer ein schmutziger, nutzloser und recht übelriechender Geselle. Er war ein ärgerlicher Abfall, der Teer. Heute bietet er die Quelle unermeßlichen Reichtums, zahlloser organischer Verbindungen, damit der Anilinfarbstoffe, wertvoller Medizinen, Brennstoffe usw. Aus dem schwarzen Teer ist eine Weltmacht geworden.
Daß es aber dahin kam, daß Deutschland bann die Führung in ter auf ter organischen Chemie aufgebauten Industrie übernahm, das verdanken wir vor allem dem großen Freund Wöhlers, dem Forscher, Lehrer und Erzieher Justus von Liebig. Er war der große Lehrer des chemischen Zeitalters.,Für die ganze Welt. Als Forscher und Lehrer erkämpfte er eine Unterrichtsreform von aus« schlagebenter Bedeutung. Sein Laboratorium in Gießen war ein Beispiel für die Errichtung anderer in Deutschland. Es war ein Magnet für junge Chemiker aus der ganzen Welt. Geführt von Liebig und in seinem Geist wuchs eine Generation von Chemikern heran, wie nie zuvor geschult, zur laboratoriumsmäßigen Erforschung der Herstellungsbedingungen neuer industrieller Produkte. Das geschah in einer Zeit, in der die wirtschaftlichen Kräfte des Landes gegen die überholten innerdeutschen Zollschranken rebellierten, ein gesundes, unternehmungslustiges Bürgertum aufstieg. Dennoch machte man es Liebig nicht leicht, 3um Reformator des chemijchey Hochschulunterrichtä zu
werden. Aber Liebig siegte. Die Einrichtung von mustergültigen Forschunasstellen unb Laboratorien an einer Reihe von deutschen Universitäten war ein wesentlicher Fortschritt über Frankreich und England hinaus. Das Jahr 1825, in dem Liebig fein Gießener Laboratorium einrichtete, ist für die Geschichte der modernen wissenschaftlichen und industriellen Chemie genau so wichtig wie das Jahr 1828, in dem Wöhler das metaphysische Gespenst der Lebenskraft vertrieb und die theoretische Beherrschung, auch der Produkte des Lebendigen, bewies.
Allein die Entwicklung hätte auch in Deutschland nicht mit jenem stürmischen Tempo eingesetzt, wenn nicht Liebig in seiner Chemie des Ackers ein grandioses Beispiel für die fruchtbare Anwendung der neuen Wissenschaft gegeben hätte. So wurde die Fruchtbarkeit der Aecker gefördert, trotz anwachsender Bevölkerung, die Ernährung der ar- beitenden Menschen gesichert und die Entwicklung eingeleitet, die aus dem Agrarland Deutschland eben die chemische Fabrik der Welt machte.
H. Sch-r.
Zeitschriften.
— Die Kunstbeilage des Nooemberheftes der im Verlag F. Bruckmann, München, erscheinenden Monatsschrift ,,D i e Sun st" bringt in einem ausge- ,zeichneten, das Original vollendet wiedergebenden Farbdruck einen Ausschnitt aus dem Paumgartner Altar von Albrecht Dürer: „Kopf des hl. Eustachius". Weibliche Plastiken von Ernesto de Fiork sind von einem Essay des Künstlers über „Gute und schlechte Kunst" begleitet. „Der Maler und die Natur" heißt ein Ansatz zu Bildwerken von Otto Geigenberger. Eine interessante Untersuchung von Paul Bender: „Wirklichkeit und Wahrheit im Porträt" stützt sich auf ein Selbstbildnis von Alexander Fischer, auf das Chopin-Bild von Eugene Delacroix die Selbstbildnisrnaske von Ren6 Sinterns, die Büste Olaf Gulbransfon von Bernhard Bleeker u. a. Don der Bedeutung Alfred Kubins spricht Sorg Lampe in einem Aufsatz, dem das Novalis'sche Wort „Das Aeußere ist ein in Geheimniszustand versetztes Inneres" ooransteht. Auf dem neuerdmgs eingeschalteten Textbogen lesen mir einen „Bries über Malerei" von Fritz Hülsmann und hören Caspar David Friedrich über „Äunft und Kunstgeist". „Der Querschnitt" bringt einen Lebensabriß des Malers Geigenberger sowie einen Artikel von Dr. Carl ßinfert „Schärfe" — ein gemeinsames Anliegen der Künste. __


