den Kopf schiebend, der ganzen Länge noch darauf hin. „Gute Nacht!" sagte sie zu dem Witzbold und mir, die sich von dieser Minute an verpflichtet suhlten, ihr zu Häuplen und zu Füßen Schutzengel zu spielen und darauf zu achten, daß kein Vorübergehender an sie stoße. Wir dachten beide an keinen Schlaf mehr. P.
Dornotizen.
Tageskalender für Freitag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Was tun, Sibylle?"
BOM. und ZM.-ilntergauGießen416
Heute Freitag, 19. August, 18.30 Uhr, in der Mül- lerschen Badeanstalt: Schwimmen für den Führerin- nen-Fünfkampf.
Sonntag, 21. August, 7.30 Uhr, ab Ludwigsplatz: 25-Kilometer-Wanderung für das BDM.-Leistungs- abzeichen.
Dorsicht beim Sammeln von Steinpilzen.
Diele Pilzsammler berichten oft, daß ihre Steinpilzgerichte wegen des bitteren Geschmacks ganz ungenießbar seien. Diese unangenehmen Erlebnisse beruhen — wie wir der „Zeitschrift für Pilzkunde" entnehmen — auf einer Verwechslung des guten Steinpilzes mit dem bitter schmeckenden Gallenrährling. Als Hauptunterscheidungsmerkmale seien folgende angeführt: Die zuerst weißlichen Röhren des Steinpilzes werden bald gelblich und dann grünlich, weil das in den Röhrchen gebildete Sporenpulver eine grünliche Farbe hat. Beim Gallenröhrling jedoch sind die Röhrchen zuerst wohl ebenfalls weißlich, werden aber durch die rötlich gefärbten Sporen bald schmutzigrosa.
Unterscheidend ist weiterhin auch das beim Gallenröhrling viel tiefgrubigere Netz am Stiel, dessen Spitze meist auch eine auffallend gelbliche Farbe hat, wie man sie beim Steinpilz selten beobachtet. Eine Verwechslung beider Arten ist besonders in der Jugend möglich, wenn die Röhrenschicht noch weißlich gefärbt ist. Doch entscheidet hier immer und rasch der bittere Geschmack. Der Gallenröhrling kommt nur im Nadelwald vor, besonders unter Fichten und Kiefern, während die verschiedenen Steinpilzarten sowohl im Laub- als auch im Nadelwald anzutreffen sind.
Die meisten Verwandten des Steinpilzes sind eßbar. Der Nichtkenner hüte sich auch vor den verschiedenen Hexenpilzarten mit rotem Stiel, roten Poren fHutunterseite) und mit'blauverfärben- dem Fleisch. Denn mit den Hexenpilzen kann nämlich der giftige Satanspilz verwechselt werden.
Schließlich sei noch verwiesen auf die ebenfalls im Fleisch blauoerfärbenden, bitter schmeckenden Röhrlingsarten (Dickfußröhrlinge), die daher ebenfalls zu meiden sind, weil sie giftig wirken. Auch der kleine, scharf schmeckende Pfeffer-Röhrling mit bräunlichen Röhren und im Stiel satt gelbem Fleisch ist vom Genuß auszuschließen.
Muß man zum Schwimmen veranlagt sein?
LPD. Es gibt heute noch viele, die nicht schwimmen können, und viele glauben tatsächlich, Schwimmen sei eine Kunst, nur für besonders Interessierte und hochgradig Veranlagte erlernbar und wichtig. Gewiß gehört zum Schwimmen Veranlagung. Denn es sind nicht die Bewegungen der Arme und Beine, die den menschlichen Körper über Wasser halten. Sie dienen nur dazu, das Gleichgewicht zu halten und den Kopf herausragen zu lassen. Das eigentliche Schwimmen besorgt eine andere Kraft: der Auftrieb des Wassers, hervorgerufen durch den Unterschied des spezifischen Gewichts, das beim Menschen etwas größer als das Wasser ist. So müßte der Mensch also knapp unter die Oberfläche sinken und dort in bestimmter Tiefe schweben. Der Mensch ist aber imstande, sein spezifisches Gewicht willkürlich zu beeinflussen, durch seine Lungen. Je mehr Luft sie enthalten, desto geringer wird sein spezifisches Gewicht. Mit vollen Lungen ist jeder Mensch leichter als das Wasser, mit vollen Lungen schwimmt jeder Mensch! Wer tief einatmet und s i ch ins Wasser legt, wird nicht untergehen, bloß die Beine werden mehr oder weniger tief sinken. Besorgt er den Atemwechsel, das Aus- und Einatmen
so gleichmäßig, daß die Pause nicht genügt, den Körper sinken zu lassen, so kann er dauernd auf dem Wasser liegen. Es gibt Leute, die dabei auf die Atmung gar nicht achten müssen. Sie sind an und für sich leichter als Wasser. Mancher Dicke kann geradezu sein Mittagsschläfchen auf dem Wasser abhalten. Frauen werden vom Wasser leichter getragen als Männer, weil das weibliche Knochengerüst weniger wiegt als das männliche. Es bestehen wohl Unterschiede zwischen guten und schlechten Schwimmern, aber zum Schwimmen in der einfachsten Form ist jeder Mensch veranlagt, der die Glieder bewegen und Luft einatmen kann.
Darum Schwimmen!
Kinder sind neugierige Geschöpfe.
Damit müssen die Erwachsenen in der Erziehung der Kleinen rechnen. Denn Schutzengel, die Gefahren kindlicher Neugier abwenden könnten, gibt es nicht.
Licht lockt. Auch für uns große Leute hat ja die Flamme immer noch etwas Geheimnisvolles.
Da steht eine Kerze auf dem Tisch. Nicht hoch genug für das neugierige Kind. Wenn ein Schemel in der Nähe steht und das Kind allein gelassen ist, kann es sehr wohl geschehen, daß das Kind nach der merkwürdigen Kerze ober nach der Lampe greift mit seinen unsicheren Händen.
Ost genug fällt dann die Lampe um oder die Kerze entflammt das Kleidchen und ein Unglück ist da. Oft genug! Denn 13 Brände am Tag geschehen in Deutschland durch spielende Kinderhände.
Nie ist das unwissende Kind schuld — immer die Erwachsenen. Sie haben ihre Pflicht zur Sorgfalt und zur Aufsicht verletzt. So sind auch sie für die Folgen solcher Fahrlässigkeit verantwortlich.
Du bist der Brandstifter, wenn dein Kind etwas
angerichtet hat. Und du trägst die Verantwortung. Du ganz allein. Dpos.
*
** E i n Vierundachtzig jähriger. Am morgigen Samstag, 20. August, kann ein alter Gießener Einwohner, Karl ©lieber, feinen 84. Geburtstag feiern. Der hochbetagte Mann ist der letzte noch lebende Mitbegründer des Schützenoereins Gießen. Seine Militärdienstzelt hatte er als Einjähriger bei der 8. Kompanie des JR. 116 abgeleistet. Bei den ehemaligen 116ern ift er seit dem Jahre 1928 Ehrenmitglied. Einer seiner Söhne stand ebenfalls bei den 116cm, in deren Verband er im Weltkrieg fiel. In früherer Zeit war der alte Herr bei den Studentenkorps eine bekannte Persönlichkeit. Vor vier Jahren war es Karl S1 ie - ber vergönnt, mit seiner Gattin das Fest der Goldenen Hochzeit zu begehen. Dem Jubilar unsren herzlichen Glückwunsch.
** Nicht identisch! Im Zusammenhang mit unserem Bericht über den zu Gefängnis verurteilten Willy Mattern aus Gießen, der dem Aussichtsbeamten ausrückte und das Weite suchte, werden wir gebeten, darauf aufmerksam zu machen, daß Willy Maltern, Mittelweg 24, mit dem Verurteilten nicht identisch ist.
Fwd. Ob st bo um zählung im Septem- b e r. Im September findet auf Anordnung des Reichsminislers für Ernährung und Landwirtschaft im gesamten Reichsgebiet eine Zählung der Obstbäume und Obslslräucher statt. Die unmittelbare Durchführung der Zählung liegt den Gemeindebehörden ob. Die Zählung erstreckt sich auf alle Aepfel-, Birn-, Süßkirsch-, Quitten-, Sauerkirsch-, Pflaumen- und Zwelschenbäume, Mirabellen, Reine- klauden-, Aprikosen-, Pfirsich-, Mandel-, Walnuß- und Edelkaslanienbäume, sowie auf Johannisbeer-, Slachelbeer- und Himbeersträucher.
Bereinigung alter Schulden.
Ein neues Reichsgesetz.
DNB. Ein Gesetz über eine Bereinigung der allen Schulden, das der Führer auf Vorschlag des Reichsminislers der Justiz Dr. G Ü r 1- ner erlassen hat und das soeben im Reichsgesetzblatt verkündet wird, ift ein weiteres Glied in der Kette der Maßnahmen, die darauf gerichtet sind, die Schulden in Ordnung zu bringen, die aus der Zeit des wirtschaftlichen Niederganges mit ihrer drückenden Last ungeregelt zurückgeblieben sind.
Durch den gewaltigen Wirlschastsausschwung, den das deutsche Volk seit der Machtübernahme erlebt, ift ein Millionenheer von Volksgenossen, die in der überwundenen Wirlschaslsepoche aus dem Erwerbsleben ausgefloßen waren, wieder zu Arbeit und Brot gekommen. Unter ihnen sind viele, die keine rechte Freude an der neuen Arbeit finden können, weil sie eine unverhältnismäßig große Last aller Schulden niederdrückl. Es sind dies besonders die Volksgenossen, die früher eine Landwirtschaft, einen Handwerksbetrieb, ein kaufmännisches ober anderes Gewerbe, ein Eigenheim, eine Siedlerflelle ober sonstigen Haus- unb Grundbesitz halten, unb bie bisse wirtschaftliche Grundlage ihrer früheren Lebenshaltung seinerzeit unter dem Druck der katastrophalen Wirlschaslsnol zur Befriedigung ihrer Gläubiger haben hingeben müssen. In gleicher Lage sind diejenigen, die in der Zeil, als die Anhänger der nationalsozialistischen Bewegung noch verfolgt und wirtschaftlich boykottiert wurden, infolge ihres Einsatzes für die Bewegung zur Aufgabe ihres Besitzes gezwungen worden sind. Viele dieser Schuldner sind, obwohl sie alles, was sie hatten, zur Befriedigung ihrer Gläubiger hingegeben haben, mit Schulden belastet geblieben, die bei der erzwungenen Vermögensauflöfung nicht getilgt werden konnten. Die alten Schulden dieser Art sind zwar von den Gläubigern in großem Umfange als wertlos abgeschrieben worden und werden nicht mehr gellend gemacht. Es gibt aber auch viele Gläubiger, die mit allen Mitteln versuchten, die allen Forderungen von den Schuldnern rücksichtslos beizulrei- ben. So kommt es, daß Schuldner, die ohne ihr Verschulden schon einmal ihre Existenzgrundlage verloren haben, durch alle Schulden gehindert werden, sich eine neue Lebensstellung aufzubauen, ober zu einer angemessenen Lebenshaltung zu gelangen.
Es wiberfprichl dem Gerechligkeilsempfinden, daß ber rücksichtslose Gläubiger Vorteile vor den rücksichtsvollen Gläubigern erlangt. Es war beshalb nicht nur im Interesse ber notleibenben Schuldner, sondern auch im Interesse ber Gläubiger nolwen- big, eine Bereinigung ber alten Schulden herbeizu- führen. Dies ift durch das neue Gesetz geschehen.
Das Gesetz gilt für zwei Personenkreise von Schuldnern:
1. Es gilt für Schuldner, bie infolge ber Wirt- schaftsnol bei ber Machtübernahme, ober infolge ihres Einsatzes für die Bewegung bei ber Ausübung eines selbständigen Berufes vor dem 1. Januar 1934 wirtschaftlich zufammengebrochen sind, vorausgesetzt, daß sie im Konkurs, infolge Anordnung der Zwangsversteigerung ihres Grundbesitzes ober Schiffes, ober wegen sich häufenber Vollstreckungen in bas bewegliche Vermögen bie wirtschaftliche Grunblage ihrer felbftänbigen Lebenshaltung zur Befriebigung ber Gläubiger hingegeben haben. Diese Schuldner können eine Bereinigung ber altert Geldschulden erlangen, bie aus ber Zeil vor ihrem wirtschaftlichen Zusammenbruch stammen.
2. Es gilt ferner für Schuldner, bie vor bem 1. Januar 1934 infolge ber Wirtschaftskrise ober infolge ihres Einsatzes für bie Bewegung ihr Eigenheim ober sonstigen Haus- und Grundbesitz infolge Anordnung der Zwangsversteigerung verloren haben. Bei diesen Schuldnern unterliegen der Bereinigung die allen Geldschulden, die an dem früheren Grundbesitz durch Grundpfandrechl gesichert waren, oder durch diesen Grundbesitz verursacht sind.
Ausgeschlossen ist die Anwendung des Gesetzes, wenn der Schuldner wegen unehrenhaften oder leichtfertigen Verhallens eines Schutzes nicht würdig ist, oder wenn es aus einem anderen Grunde dem gesunden Volksempfinden widersprechen würde, ihn zu schützen. Auch für die jüdischen Schuldner kommt das Gesetz nicht zur Anwendung.
Für bie Bereinigung der allen Schulben stellt bas Gesetz einige wichtige Grundsätze auf. Sie gehen von bem Gemeinschaftsgedanken aus, ber bas Recht auch im Bereich ber Schuldverhällnisse beherrscht und von den Partnern eines Schuldverhällnisses verlangt, baß sie aufeinanber bie Rücksicht nehmen,
Dorbildliche Kleinbetriebe erhalten dieses DAF.-LeistungSabzeichen.
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Wir zeigen hier bas Leislungsabzeichen, bas durch bie Deutsche Arbeitsfront an bie Kleinbetriebe verliehen wirb, bie sich im ßeiftungsfampf, für den bie Anmelbefrisl bis zum 31. August läuft, burch vor- bilbliche nalionalfozialistifche Belriebsgeslallung aus« zeichnen. Das Leislungsabzeichen würbe nach einem Entwurf des Berliner Künstlers B a e r in der Größe von etwa 50 X 60 cm hergeftelll und ift mit einer Aufhängevorrichtung, wie bei den alten Zunftzeichen, versehen. — (Presseamt DAF. — Scherl-M.)
bie sie sich als Mitglieder ber neuen Volksgemeinschaft schuldig sinb. Die alten Schulben, die einem Schuldner noch belasten, sollen seiner Leistungsfähigkeit angepaßl und damit aus ihren wirklichen Gegen- roartsmert gebracht werden. Dabei soll der Gläubiger bem Schulbner bie Möglichkeit lassen, sich eine neue Lebensstellung aufzubauen und wieder zu einer angemessenen Lebenshaltung zu gelangen. Der Schuldner anderseits soll sein neues Einkommen ober Vermögen, soweit es bie Bebürfnisse einer angemessenen Lebenshaltung übersteigt, redlich und nach besten Kräften zur Tilgung aller Schulden verwenden.
Reicht die Leistungsfähigkeit des Schuldners nicht aus, um alle Gläubiger zufriedenzustellen, die noch alle Forderungen gellend machen, so soll die soziale Bedeutung der Forderung und die Bedürftigkeit des Gläubigers dafür maßgebend sein, ob und inwieweit er zu berücksichtigen ift. Rechte der Gläubiger gegenüber Bürgen und Mitschuldnern sollen grundsätzlich unberührt bleiben, nur ausnahmsweise fön» nen diese Rechte in die Schuldenbereinigung einbe- zogen werden, wenn dies erforderlich ift, um eine unbillige Härle zu vermeiden.
Nach diesen Grundsätzen die Bereinigung ber allen Schulben durchzuführen, ist in e r ft e r Linie Sache ber beteiligten Gläubiger und Schuldner. Läßt sich eine gütliche Bereinigung der alten Schulden nicht durchführen, so kann ber Schulbner ober ein Miloerpflichleler die Der - tragshilfe desRichlers beantragen. Gelingt es auch dem Richter nicht, eine gütliche Schuldenbereinigung zustanbezubringen, so geftaltet er durch seine Entscheidung die Rechtsbeziehungen der Beteiligten nach den Grundsätzen des Gesetzes. Zu diesem Zweck gibt das Gesetz bem Richter sehr weitgehende Befugnisse. Der Richter kann u. a. Zinsen regeln, Stundung gewähren, Teilzahlungen
Zwei hinter Gisela.
Vornan von Hans Hikthaninier.
Urheberrechtschutz Verlag Oskar Meister, Werdau/Sa.
29. Fortsetzung. ~ (Nachdruck verboten!)
Herr Schmidt, Gutsverwalter unb Kammerdiener von Herrn Grützmacher, begrüßte die liefoerschleierte junge Dame mit einer ungelenken Verbeugung unb schritt bann hinter den beiben bie Stufen zum Haus empor.
Eine weiträumige, mit schwarzen Tüchern wirkungsvoll ausgeschlagene unb mir Bergen von Blumen geschmückte Diele nahm sie auf. Im Hinter- grunb, auf erhöhtem Polest, ftanb der Sarg, umgeben von brennenden Kerzen unb einer großen Zahl von Kränzen.
Gisela konnte nur einen flüchtigen Blick dorthin werfen, denn Kinblrnann schleppte sie gleich in das Erkerzimmer unb begann bort mit halblauter, vom Ernst der Stunde gedämpfter Stimme die Trauer- gäfte mit ihr bekannt zu machen.
Gisela hörte eine Flut von Titeln und Namen, berührte unzählige Hände und wußte vor Beklommenheit nicht aus noch ein. Der dichte Schleier, ber kaum die Umrisse ihres Gesichtes ahnen ließ, erwies sich als ein wahrer Wohltäter, als eine treffliche Schvtzwehr gegen neugierige Blicke.
„Und das ift Fräulein Lore Jasper, von der ich Ihnen bereits erzählte." Der Notar begrüßte die Schriftstellerin mit besonderer Herzlichkeit. „Ich möchte Fräulein Mertens Ihrer Obhut anvertrauen. Sie würden mich verpflichten, wenn Sie so lieb sein wollten, sich ihrer ein wenig anzunehmen."
„Herzlich gern, lieber Kindlmann?" Gisela sah zwei offene braune Augen mit einem forschenden Lächeln auf sich gerichtet und ergriff in einer jähen Aufwallung des Vertrauens die bargebotenen schmalen Hände.
Kindlmann verabschiedete sich.
„Sie sind wohl nicht von hier?" fragte Lore Jasper.
„Nein, ich wohne in Berlin."
„Ich dachte es mir. Jedenfalls habe ich Ihren Namen noch nie — —" Sie stutzte plötzlich, ein Ausdruck ungeheurer Spannung zog sich über ihr Gesicht. „Mertens heißen Sie? Doch nicht etwa — Gisela Mertens?"
Nun war Gisela an ber Reihe, überrascht zu sein. „Oh, Sie kennen mich? Darf ich erfahren--"
' „Verzeihen Sie eine indiskrete Frage, die ich
nicht aus Neugierde stelle. Sie sind — mit einem Herrn Radegast verlobt?"
Gisela wich befremdet einen Schritt zurück. „Allerdings aber ich verstehe wirklich nicht?"
Es war ihr, als trete plötzlich etwas Fremdes zwischen sie und Fräulein Jasper. Der Blick, der eben noch so freundlich auf ihr geruht hatte, bekam etwas Zurückhaltendes, die Mienen verhärteten sich. Was in aller Welt halte das zu bedeuten?
„Sie sind das?" flüsterte Lore Jasper. „Welch ein merkwürdiges Zusammentreffen!"
„Mein Goll, wollen Sic mir denn nicht erklären, was das alles heißen soll? Sie sind mit einem- mal so — so anders als vorhin!"
Es klang eine deutliche Angst aus ihrer Stimme, so daß Lore Jasper sich ihres Mißtrauens schämte. Sie strich mit einer zarten Bewegung, gleichsam um Verzeihung bittend, über Giselas Arm. „Nein, nein, Fräulein Mertens! Ich glaube, Sie sind ein lieber Mensch! Wir werden sicher gute Freunde werden!"
„Das wäre schön!" kam es unvermittelt aus Giselas Mund. „Sie würden mich — sehr glücklich machen!"
Lore Jasper mochte jählings ahnen, daß da ein hilfloses, sehr des Schutzes bedürftiges Menschenkind vor ihr stand und um Hilfe bat. Und es schien ihr plötzlich ein tiefer Sinn in den Worten zu liegen, mit denen ihr der Notar das Mädchen oorgeslelll hatte.
„Sie kannten Herrn Grützmacher?"
„Keineswegs!" entgegnete Gisela und erzählte der erstaunt Aufhorchenden, wie es gekommen war, daß sie jetzt hier unter den Trauergäslen stand. „Es ist rätselhaft!" schloß sie. „Ich bin froh, wenn alles vorüber ist, und wenn ich heute nachmittag glücklich wieder im Zug sitze."
„Sie reisen schon heute wieder zurück? Das trifft sich gut. Auch ich fahre nach Berlin — mit meinem Wagen. Wenn Sie Lust haben, mitzufahren--?"
„O ja, sehr gern!"
„Abgemacht! — Aber kommen Sie, es scheint los» zugehen. Wir sprechen uns nachher noch!"
Hn der Tat nahm die Feierlichkeit ihren Anfang. Die Gäste drängten in die Diele hinaus, wo der Sarg soeben vom Podest gehoben und ins Freie getragen wurde, wo ein großer, mit vier Rappen bespannter Wagen bereitftanb. Hinter dem Sarg folgte der Pfarrer, eine Anzahl von Herren in schwarzen Gehröcken schloß sich an. Dahinter formten sich die übrigen-Gäste mm Zuge. Lore und Gisela reihten sich ein.
Gisela Mertens erlebte das Folgende gleich einem
dumpfen, verwirrenden Traum. Sie vernahm eine verhaltene, feierliche Musik, sie sah die' düstere, vor Nässe triefende Landschaft zu beiden Seiten der Straße, auf welcher der Zug sich langsam hinbewegte.
Das Kirchdorf mit dem Friedhof lag auf der anderen Seite des Berges, eine knappe halbe Stunde vom Gutshaus entfernt. Ein wahres Glück, daß es aufgehörl hatte, zu regnen!
Vor dem Eingang des Friedhofes stockte der Zug. Der Sarg wurde vom Wagen gehoben. Die Trauer- gäftc schoben sich^ durch das Portal, fanden das offene Grab und umstanden es mit ernsten Mienen.
Nach einer Weile begann der Pfarrer mit seiner Rede. Jedoch nur Bruchstücke drangen an Giselas Ohr. Der Sarg wurde ins Grab gesenkt. Mehrere Leute hielten eine Ansprache. Dann war alles zu Ende.
Gisela atmete auf und blickte Lore Jasper an, in deren Augen es feucht schimmerte. Sie war fast verlegen darüber, daß sie selbst von allem so unberührt blieb.
„Nun wird er froh fein, seine Ruhe zu haben!" Notar Kindlmann stand hinter den Frauen. „Nun, meine, Damen, Sie werden nichts dagegen haben, wenn wir uns in der ,Post' ein wenig stärken. Die Wirtin versteht einen vorzüglichen Kaffee zu brauen. Hernach nehme ich Sie beide, wenn es Ihnen recht ist, in meinem Wagen nach Breslau mit!"
*
Ein paar Stunden später saß Gisela neben Lore Jasper in dem kahlen, nüchternen Amtszimmer des Notariats II in Breslau und suchte ihr heftiges Herzklopfen zu meistern. Zu ihrer Linken hatte das Ehepaar Schmidt Platz genommen. Frau Schmidt, eine hagere Dame in einem altmodischen Kleid, richtete neugierige Blicke auf Gisela und flüsterte ab und zü ihrem Mann ein leises Wort ins Ohr.
Der Notar halle sich hinter dem Schreibtisch verschanzt und blätterte in einem Aktenhefl. Nun hob er den Blick, richtete ihn lächelnd auf Gisela Mertens.
Dieser Blick, der alles zu verraten schien, übte auf das junge Mädchen eine merkwürdige Wirkung aus. Gisela lastete wie Hilfe suchend nach Lore Jaspers Hand, von einem betäubenden, lähmenden Schrecken erfaßt. Etwas Unbegreifliches stürzte auf sie ein. Wie durch ein Rauschen, in halber Ohnmacht, hörte sie den Notar sprechen, hörte ihn mehrmals ihren Namen nennen. Sie ahnte den Sinn seiner Worte, ohne ihn klar erfassen zu können.
Erst als alles vorbei war, begann sie das Geschehene zu begreifen. Der Notar, Fräulein Jasper, die beiden Schmidt, alles drängte sich plötzlich um sie, schüttelte ihr die Hand und beglückwünschte sie.
Sie erhob sich taumelnd, drückte die dargereichlen Hände wie im Traum und versuchte sich an die Tatsache zu gewöhnen, daß sie die alleinige Erbin von ßauterbrunn war.
Sie faßte es nicht. Sie schämte sich zutiefst vor den anderen, deren Rechte sie geschmälert, deren Eigentum sie geraubt halte. Wohl war für das Ehepaar Schmidt eine lebenslängliche Rente und ein bleibendes Wohnrecht auf Lauterbrunn ausgefetzt, wohl hatte Lore Jasper einen Teil der Bibliothek und ein Stück Land erhallen. Aber hätte nicht jenen, die dem Toten nahegestanden, alles gebührt? Mußten sie nicht die Fremde hassen, die Räuberin, die alles an sich riß, Haus und Geld, Feld und Wald des Verstorbenen?
Es gab nur eines: sie mußte die Erbschaft zurück- weisen. Dieser Herr Grützmacher — oh, man will ihm nichts Schlimmes nachsagen! — aber offenbar war er bei der Abfassung des Testaments nicht ganz klar im Kopf gewesen. Herr und Frau Schmidt wollten sich verabschieden.
„Bitte, bleiben Sie noch!" stieß Gisela hastig hervor. „Herr Notar, ich — ich nehme bie Erbschaft nicht an. Sie stehl mir nicht zu. Das ist doch heller Wahnsinn. Ich habe Ihnen doch schon gestern erzählt, daß ich den Verstorbenen gar nicht kannte. Es wäre viel richtiger, wenn —"
„Bevor Sie weitersprechen, Fräulein Mertens, muß ich Ihnen sagen, daß Sie für Eduard Grützmacher keine Fremde waren. Er verfolgte Ihr Leben von den ersten Tagen Ihres Daseins an mit großer Anteilnahme."
„Wie — wie soll ich das verstehen?" .
„Lesen Sie diesen Brief, den Herr Grützmacher an Sie geschrieben hat — und Sie werden alles begreifen."
Gisela griff zögernd nach dem versiegelten Umschlag, blickte ratlos in die lächelnden Gesichter.
Vater Schmidt hob unbeholfen die Hand. „Ich freue mich gewiß, Fräulein Mertens, daß Si? in Laulerbrunn einziehen werden. Ich habe Ihre Muller recht gut gekannt, als sie noch ein junges Mädchen mar."
„Gehen Sie nur!" rief ihr der Notar zu. „In Ihrem Zimmer können Sie ungestört lesen. Wenn es Zeil zum Mittagessen ist, lasse ich Sie rufen."
(Fortsetzung folgt!)


