Kreuz und quer durch den Schwarzen Erdteil.
Briefe von einer Afrika-Heise.
Lon Dr. Paul Bohrbach.
Der Balte Paul Rohrbach, von Haus aus Theologe, hat mit seinem Buch „Der deutsche Gedanke in der Welt" vackend und aufrüttelnd die Blicke seines Volkes schon zu einer Zeit auf die großen weltpolitischen Zusammenhänge, ihre histo- rischen, geopolitischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen, gelenkt und dabei vor allem auch das Problem „Staat und Volkstum" in die richtige Beleuchtung gerückt, als solche weltweiten und doch nicht phantastisch verstiegenen Gedankengänge dem Horizont des Durchschmttsdeutschen noch gänzlich fern lagen. Auf großen Forschungsreisen hat Paul Rohrbach fast die ganze Welt aus eigener An- chauuna kennengelernt. Aber seine besondere Liebe gehört Afrika, dem „Schwarzen Erdteil". Hier n Kamerun hat er zusammen mit dem ver« torbenen Gießener Hygieniker Philalethes Kuhn )ie Bedingungen der Schlafkrankheit erforscht und in Deutsch-Südwest, wo er heute Besitzer einer Farm ist, war er schon vor mehr als 30 Jahren kaiserlicher Kommissar für das Ansiedlungs- wesen. Rach dem Kriege wurde er der unentwegte Vorkämpfer unserer Kolonialforderung. Auf vielen neuen Reisen hat er sich perlönlich Kenntnis vom neuen Stand der Dinge in den uns geraubten afrikanischen Kolonialgebieten verschafft. Er hat darüber in einer Reihe von Reiseskizzen den Lesern des Gießener Anzeigers sachkundig und fesselnd berichtet. Run hat sich der fast Siebzigjährige erneut auf die Reise begeben, die ihn im Laufe des Frühjahrs und Sommers über Frankreichs nordafrikanifche Besitzungen nach den französischen und britischen Kolonien Aequatorialafrikas, dem belgischen Kongo, Deutsch-Ostafrika, der Südafrikanischen Union und Deutsch-Südwest führen wird. Wir haben Dr. Rohrbach gebeten, den Lesern des Gießener Anzeigers über feine Reiseeindrücke laufend zu berichten. Der erste Reisebrief ist uns soeben aus Algier zugegangen.
I. Quelle chance!
Algier, Ende Februar 1938.
Vor ein paar Tagen, als wir in Genf den Wartesaal verließen, um unfern Schlafwagen nach Marseille zu besteigen, hatte mein Sohn Justus noch eine kleine Unterhaltung mit dem Kellner, der gern wissen wollte, wohin wir führen. Die Antwort: „Rach Algier!" entlockte dem jungen Mann die sehnsüchtigen Worte: „Quelle chance!“ Welch eine Aussicht, etwas zu erleben! Unsere Aussicht war zunächst die aus eine französische Zollrevision im Abteil, die sich eine kleine Stunde hinter Genf durchaus liebenswürdig erledigte. Die zweite Aussicht waren einige Stunden Aufenthalt in Marseille; wir konnten sie mit Hilfe eines Taxis und eines sehr gewandten Chauffeurs aut ausnutzen. Marseille ist oft beschrieben, es ist die lebendigste aller französischen Hafenstädte. Die großen Seedampfer liegen unmittelbar vor den großen Häusern am Kai. Für die Stärke des Verkehrs zeugt es, daß breite Erdschüttungen in den Hafen hinein vorgenommen werden, um die Ladegelegenheiten zu verbessern.
Die Hauptstraße ist die berühmte Canne- b i ö r e, an deren Anfang, ganz nahe beim Landungsplatz, König Alexander von Jugoslawien und Barthou ermordet wurden. Unser Chauffeur schilderte uns die Schreckensszene, als ob er dabei gewesen wäre; zwei an den Straßenkandelabern angebrachte Tafeln erinnern an das Attentat. Man macht sich seine Gedanken darüber, wie es in Frankreich vielleicht heute aussähe, wenn Barthou Leiter der französischen Politik geblieben wäre. Er war es, der in einem Augenblick, den Spätere vielleicht einmal schicksalhaft nennen werden, nach Deutschland hin das schroffe Rein! sprach, als es sich darum handelte, die deutsche Gleichberechtigung freiwillig anzuerkennen. Als Persönlichkeit besaß er auf jeden Fall einen Fond von Energie, den bisher keiner seiner Nachfolger gezeigt hat. Auch die innere Lage Frankreichs
könnte man sich, mit Barthou am Ruder, nicht ganz leicht so problematisch vorstellen, wie sie dem fremden Beobachter heute zu sein scheint.
In dem Mittelmeerhafen Marseille ahnt man bereits etwas vom „größeren Frankreich". Die „Ville d'Alger", auf der wir uns vormittags einschifften, macht die mehr als 400 Seemeilen bis Algier in knapp 20 Stunden. Das ist soviel wie die Eisenbahnfahrt von einem Ende Deutschlands bis zum andern. Das Schiff ist modern und bequem, aber ohne Luxus; man fühlt, daß alles nur auf die kurze, schnelle Ueberfahrt von einem Stück Frankreich zum andern eingerichtet ist; daß man auf französischem Boden ist, spürt man an den kulinarisch raffiniert abgetönten Mahlzeiten und dem guten Wein. „Le vin compris“ ist selbstverständliche südfranzösische Art. Spät aoends passierten wir in kurzem Abstand das Feuer von Menorca und machten uns naheliegende Gedanken darüber, wieviel politische Köpfe in Europa sich jetzt wohl mit dieser alten Karthagerinsel beschäftigen, die fest- zuhalten den sowjetspanischen Machthabern bis jetzt noch gelungen ist.
Mit dem Morgengrauen kam die „Chance Algier" in Sicht. Algier ist Frankreich, völliges Frankreich. Die alte wirkliche Araberstadt, die sogenannte Kasbah, ist nur noch ein Anhängsel der modernen Großstadt, die von den Franzosen hier geschaffen wurde. Im modernen Algier sind die Araber bloße Staffage. Sie zählen etwa 80 000 gegen mehr als doppelt so viele Europäer. In der Kasbah sind sie unter sich; in den Caf6s in der Europäerstadt sieht man höchstens einmal ein paar arabische Aristokraten in ihrer alten malerischen Tracht in gemessener Unterhaltung. Am Fuß der Kasbah liegt der alte Korsarenhafen, an den sich eine große, das Hafenbecken um ein Vielfaches erweiternde, moderne Mole ansetzt. Ein viereckiger Platz, dicht am alten Hafen, ist der einstige Sklaven- markt, auf dem die menschliche Beute aus den gekaperten Schiffen von haw Europa noch bis vor wenig über hundert Jahren öffentlich versteigert wurde. Die algerischen Korsaren machten alle europäischen Randmeere unsicher (1816 erschienen sie zuletzt vor der Elbe). Die deutschen Hansestädte, das Königreich Sizilien, Portugal und noch einige andere europäische Länder zahlten einen Jahrestribut an den Dey von Algier, damit Schiffe, die ihre Flagge führten, von den algerischen Piraten verschont olieben.
In der früheren Burg des Den, des das Land verwaltenden türkischen Paschas, hoch oben in der Kasbah, wird noch im „Pavillon du coup d'6ventail“ der Raum gezeigt, wo der Dey mit seinem Fliegenwedel dem französischen Konsul ins Gesicht schlug. Diese Beleidigung gab 1830 den Anlaß zu der großen Strafexpedition, die zur Eroberung von Algier und zur fortschreitenden Besetzung des ganzen Landes führte. In einem arabischen Palast, dicht beim Sklavenmarkt, den im 18. Jahrhundert ein Dey einer seiner Töchter als Hochzeitsgabe erbauen ließ, sind jetzt die Büros des katholischen Erzbischofs von Algier untergebracht. Die Säulenarchitektur des prachtvollen Jnnenhofs zeigt in ihren Motiven und ihrer Ausführung deutlich italienische Steinmetzarbeit. War ein Schiff mit Besatzung und Passagieren von den Korsaren genommen, so wurde jeder Gefangene nach seinem Handwerk oder seiner Kunst gefragt, und je nach seiner Antwort nahm ihn der Dey für sich oder teilte ihn einem seiner Machthaber zu. Vom Gesamterlös jedes Verkaufs bekam der Dey seine Prozente. Unter dem erzbischöflichen Palast sieht man noch die Gewölbe, in denen die am Bau arbeitenden europäischen Sklaven wie die Hunde untergebracht waren. Solange sie bauten, wurden sie aber gut ernährt. Als die französischen Truppen Algier eroberten, konnten sie Tausende von Christen- f flauen befreien. Das geschah noch zu Goethes Lebzeiten!
Die Stadt Algier liegt wunderschön. Die ganze Helle Häusermasse steigt unmittelbar vom Meeres
ufer so steil in die Höhe, daß die Straßen, die emporführen, in langen Windungen angelegt werden mußten. Im schnellfahrenden Auto sackt man immerfort aus einer Wagenecke in die andere. Der Verkehr, die reich ausgestatteten modernen Läden, die vielen Neubauten, die modernen Wohnhäuser bis zu acht und neun Stockwerken hoch, sind ein Beweis für die rasche wirtschaftliche Entwicklung. Die Produktton des Hinterlandes, Getreide, Wein, Obst, Gemüse usw., ist im Steigen. Der algerische Hartweizen gilt als einer der besten der Welt. Auch für den Fremdenverkehr ist gut gesorgt. Die Rundfahrt durch die malerische Berglandschast, die etwas landeinwärts hoch über die Stadt führt, öffnet Blicke von einer Schönheit, wie sie selbst an den begnadeten Küsten des Mittelmeeres nur selten be
gegnet. „Quelle chance!“ hatte der kleine Kellner in Genf gesagt, und wir mußten an ihn denken, als wir von der Höhe herab die weiße Stadt mit ihren grünen Gärten vom blauen Mittelmeer her sich aufbauen sahen. In diese Schönheit hinein hat französische Arbeit eine intensive, nicht nur städtische, sondern auch landwirtschaftliche Kultur gebracht: Weingärten, Fruchtbäume, terrassenförmige Gemüsebeete, und einen ganzen großen angepflanzten Wald von Seetiefern und Eukalypten, durch den in scharfen Kehren am Ende der Fahrt der Wagen abwärts rollt. Wirklich, ein kostbares Stück afrika- Nischen Frankreichs, das in täglichem Schnellverkehr Menschen und Güter mit dem Mutterlands tauscht.
Wien, die vielbesungene Stadl au der Donau.
Ui
Seit Jahrhunderten hat Wien, die Stadt an der Donau, eine an Erlebnisien reiche Geschichte, die ihren Höhepunkt in den großen „Tagen des Führers" fand. Die zahlreichen Kirchen, Paläste und schönen Bürgerhäuser geben ihr ein einzigartiges Gepräge. Unsere Zeichnung zeigt das frühere Parlamentsgebäude mit dem davorliegenden nunmehrigen Adoli-Hitler-Platz.
Dahinter ragen die Türme des Rathauses und rechts die der Votivkirche yervor. (Zeichnung Reimesch. — Scherl-M.)
Die Technik Hilst im Haushalt.
Was die Leipziger Messe zeigte.
Von unserem Zb.-Sonderberichterstaiter.
War ursprünglich die Parole „Kamps dem V e r d e r b/' hauptsächlich auf den Schutz von Nahrungsmitteln vor Verlusten gerichtet, so war d i e Leipziger Messe ein lebendiger Zeuge dafür, daß die Bestrebungen, Rohstoffe und Fertigwaren vor einem frühzeitigen Verderb zu schützen, für alle unsere Produkttonsgüter Bedeutung gewonnen haben. So sind beispielsweise zahlreiche Verfahren entwickelt worden, um Stahl und Eisen vor dem R o it zu schützen. Allein die Reichsbahn verbraucht jährlich Tausende von Tonnen an Anstrichmitteln zur Erhaltung ihrer eisernen Bkücken, Bahnhöfe und Ueberbauten. An Stelle der Oelsarben haben sich die ölarmen Kunstharzanstriche in der Praxis weitgehend eingeführt. Diese Ueberzüge sind dichter und elastischer als Oelanstrich, die Schutzwirkungen daher höher. Außer den Anstrichen sind auch verschiedene chemische Behandlungsverfahren von Eisenblechen und eisernen Bauteilen in Anwendung, die auf der Oberfläche eine Schutzschicht erzeugen, die den Rost abwehrt. Unter dem Namen „attramentieren", „bondern" und „pattem" wird von diesen Verfahren ausgiebig Gebrauch gemacht. Eine andere Art des Korrosionsschutzes besteht darin, den Metallen im Schmelz
fluß Stoffe zuzusetzen, die einen Rostschutz bilden. Bei Stahl und Eisen werden Chrom, Vanadium und Molybdän hierfür bevorzugt, bei Leichtmetallen werden Legierungen durch Zusatz von Silizium, Beryllium oder Magnesium in der Oberfläche geschützt. Große Werkstücke der Papier- und Textilindustrie, Kessel und Behälter größter Abmessungen für die Herstellung von Zellstoff oder Kunststoff waren aus der Leipziger Messe ausgestellt, da die Ansprüche an säurebeständige Baustoffe infolge der schnellen Entwicklung chemischer Großanlagen immer höher steigen. Wo alle Legierungen und sonstigen Oberflächenbehandlungen keinen ausreichenden Schutz gegen den Angriff von Säuren und Chemikalien mehr bieten können, dienen keramischeMassen wie Hart st eingut oder Glas als zuverlässige Baustoffe der chemischen Industrie.
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Bremische Anekdoten und Schwänke.
Von Karl Lerbs.
Selbsterziehung.
Grünkohl, dessen aarte und unmündige Frühlingstriebe man genußsüchtig abschneidet und verzehrt, wird in Bremen „Sprossenkohl" genannt. Dem Bremer gilt er als Gottesgeschenk für den Gaumen. Die Einstellung des Nichtbremers zu ihm ist Glückssache.
„Magst du Sprossenkohl?" wurde Tante Doris gefragt.
Tante Doris, obzwar höchstprozentige Bremerin, schauderte.
„Nee", antwortete sie, „den kann ich ausin Tod nicht verknusen. Dabei bin ich doch sonst gar nich so klistern. Aber ich lass'r mich nich mit her; ich koch'n dschede Woche mal."
Nachsicht.
Tante Doris hatte Freunde, die im Sommer in der Gegend von Leuchtenburg wohnten. „Wunner- schön", saate sie, „aber’n büschen schwer hinzukom- men." Infolgedessen schickte man ihr, wenn sie mal hinkam, ein „Fuhrwerk" an die Bahn.
Als dieses Fuhrwerk, gelenkt von dem Kutscher Fiedchen Pundsack, eines Tages mit Tante Doris unterwegs war, geschah es, daß der den Wagen ziehende Braune nach längerer starker Vorbereitung eine offenbar seit geraumer Zeit fällige Verrichtung hinter sich brachte.
Fiedchen Pundsack erblickte darin einen Verstoß gegen die guten Sitten. „Nehmen Se's vielmals nich für ungut, Madam", sagte er errötend.
Tante Doris winkte großzügig ab.
"Lass'n man", sagte sie. ,Zscha rein menschlich."
Das Plüschsofa.
Ihr ganzes Leben lang mareii Tante Beta und Tante Meta befreundet, und allen Brandungswellen, die das Schicksal zuweilen selbst in die ruhigsten Daseinsbezirke hinüberspült, hatte diese Freundschaft standgehalten. Kleine Unterschiede des Temperaments hatten die Jahrzehnte langsam eingeebnet; beide waren „gut sitewier" (Tante Beta am besten), beide hatten nicht geheiratet. Tante Beta war genau ein Jahr älter als Tante Meta.
Als Tante Meta siebzig wurde, kam Tante Beta zu ihr und sagte in der Rührung, wie der festliche Tag sie mit sich brachte:
„Meta, ich werd dscha wohl eher sterben als
du, weil ich dscha älter bün. Ich hab ümmer viel von dir gehalten, und du kannst dir dscha auch manches nicht so leisten; deshalb hab ich mir gedacht, mein rotes Plüschsofa, wo wir so oft auf gesessen haben, das sollst du erben. Wenn ich'r denn nich mehr bün, und du sitz'r denn auf, dann denkst du an mich und stellst dir vor, wir säßen'r noch beide."
„Beta", sagte Tante Meta unter Tränen, „so was sollst du nich sagen, und ich kann das dscha auch gar nich wieder gutmachen. Du bist dscha immer meine Beste gewesen, und ich meine, unter richtigen Freundinnen soll es keine Geheimnisse geben. Ich hab aber’n Geheimnis m?r dir. All lange."
„Zo?" sagte Tante Beta und hörte plötzlich ganz nippe zu.
„Dscha. Kannst du dich wohl noch auf unfern Tanzlehrer besinnen?"
„Besinnen —!?" antwortete Tante Beta traumverloren. „In den waren wir dscha alle verliebt."
„Verliebt — dscha", bestätigte Tante Meta, und in ihrer Stimme schwang ein ganz leiser, ganz heimlicher Triumph. „Verliebt — dscha; aber i ch yab'rwas mit gehabt."
Tante Beta fuhr steil auf.
„I Dschases!" schrie sie, stülpte ihren Kapott- hut auf und knallte die Tür hinter sich zu. Es krachte wie ein Kanonenschuß auf dem Grabe einer sechsundsechzigjährigen Freundschaft.
Tante Beta starb genau ein Jahr vor - Tante Meta. Das rote Plüschsofa hat der Verein zur Rettung Schiffbrüchiger geerbt.
Aufgehobene Wirkung.
Während drunten auf der Bühne Egmonts und Klärchens Schicksal nach düsterem Gesetz sich vollendete, erhob sich droben im zweiten Rang ein unmäßiges Getöse; es war, wie sich beim Hellwerden ergab, dadurch verursacht worden, daß Frau Tüdel- mann die Vertilgung ihres umfänglichen Abendbrotes vorbereitete und vollzog.
Frau Tüdelmann, die sich über die Ursache der auf sie gerichteten vorwurfsvollen Blicke durchaus klar war, sich aber nicht im Unrecht fühlte, gab, liebevoll die auf ihrem Schoß ausgebreiteten Lebensrnittel ordnend, folgende Begründung ihres Verhaltens:
„Ich seh dscha gar nicht gern so'ne traurigen Stucke, aber ich hab dscha nu mal das Abonnemang, und denn geh ich'r denn dscha auch hin. Zueers geht es denn dscha auch. Aber wenn es denn so ganz schlimm wird mit die Traurigkeit, denn kann ich das nich ab; und wenn ich'r denn so richtig gegen anefle, denn hör ich nix vom Stück,"____
Das Unglück schreitet schnell.
Als der „junge Mohrmann", der durch Mitwirkung im Geschäft seines Vaters einen nicht unbeträchtlichen Teil der östlichen Vorstadt mit „Kolonialwaren" versorgte, in seinem verhältnismäßig biederen Herzen eine Neigung für eine Nachbars- tochter feststellte, kam es eines Morgens im Laden unversehens zu einigen nennenswerten Zärtlichkeiten. Der junge Mohrmann glaubte sich unbeobachtet; aber es ergab sich alsbald, daß Frau Hornkohl „von gegenüber", gedeckt durch den Stapel der Büchsen mit fobenfreien Brechbohnen, den Vorgang mit angesehen hatte.
Der junge Mohrmann kriegte einen furchtbaren Schreck. Sein Gewissen war zwar noch rein, und er zielte auf Legitimes. Aber er hatte allen Grund, die Familienlage keineswegs als geklärt anzusehen. Infolgedessen begab er sich ehestens zu Frau Hornkohl und bat sie, die gewonnene Kenntnis einstweilen für sich zu behalten.
„Och, dascha schade", sagte Frau Hornkohl mit ehrlichem Bedauern. „Wenn ich das man gewußt hätte! Was mein Tochter Line is, die iffer gerade mit los!"
Fallschirmabsprung aus -10200 Meter Höhe.
Seinem ersten Absprung mit dem Fallschirm aus 8400 Meter Höhe hat der französische Flieger James Williams auf dem Flugplatz von Chartres einen noch erstaunlicheren Rekord folgen lassen, indem er das Wagnis aus 10 700 Meter Höhe unternahm. Der siebenundzwanzigjährige Franzose, dessen wahrer Name James Niland ist, hat damit den 345. Absprung vollzogen. Er hat sich schon früh diesem Zweig in der Fliegerei gewidmet und sorgfältige Vorbereitungen mit dem ihm befreundeten Ingenieur Alexandre getroffen, mit dem er zusammen die Atmungs- und Meßapparate, die er bei dem Absprung braucht, erprobte. Als man ihn fragte, welche Eindrücke er während der 2 Minuten 50 Sekunden, in denen er aus der Höhe der Stratosphäre auf den Erdboden niederkam, gehabt habe, erzählte er: „Am Morgen hatten wir einen ersten Versuch gemacht, der mißlang. Wir waren auf 9000 Meter gestiegen, aber die Barometer waren mit Reif bedeckt. Am Nachmittag machte ich einen neuen Versuch. Es war 16 Uhr, und der Tag ging langsam zur Neige. Als der Höhenmesser 10 700 Meter anzeigte und ich von Bord gina, war es sehr schön, bi« Sicht pai Ausgezeichnet. Abex ich hatts nicht
viel Muße, nach der Erde zu suchen, sondern ich mußte während des Sturzes die Augen fest auf meine Apparate gerichtet halten und genügend Willenskraft bewahren, um nicht ohnmächtig zu werden. Das Wesentliche war, mich in einer guten Lage zu erhalten und in meinem besonderen Atmungsapparat ruhig zu atmen. Da der Russe, der bisher den Rekord in der verzögerten Deffnung des Fallschirms hielt, ihn erst bei 200 Meter vom Boden geöffnet hatte, mußte ich ihn in noch geringerer Hohe öffnen. Es war also bei 90 Meter, daß ich die Schnur zog, und wenige Sekunden darauf landete ich ohne Unfall. Ich bin auch vollkommen gesund. Die Aerzte des Forschungslaboratoriums haben dies bei der Untersuchung festgestellt." Auf die Frage, ob er während des Sturzes in den großen Höhen keinerlei Bedrängnis empfunden habe, erwiderte Williams: „Nein, nicht einen ein. zigen Augenblick. Aber man mußte sich schon zusammennehmen ..."
Zeitschriften.
— Im Märzheft von „W eftermanns Monatsheften" führt Erich von Hartz aus Anlaß des Richard-Wagner-Gedenkjahres zum Verständnis der Musikdramen des Meisters. Eine reich bebilderte Darstellung vermittelt Kenntnis von bürgerlicher Heraldik. Edith Mikeleitts spricht an Hand ausgezeichneter Bilder über die Bedeutung des menschlichen Auges als Spiegel der Seele. Erwähnt seien noch eine aus der westfälischen Landschaft erwachsene Novelle von Günther Stöwe „Das Gesicht der Nacht", eine Erzählung von Gösta af Gei- jerftam „Die ersten Primeln", ferner Das Wetter der Zukunft, Liebesringe — Schicksalsringe, Zünftig Tracht und Handwerk, Ostfriesische Häfen, Das Gesicht des unbekannten Soldaten, Forschergeist und Forscherglück und zahlreiche Kunstbeilagen.
— Dem verstorbenen Altmeister der Rassenforschung Ludwig Schemann widmet im Märzheft der Zeitschrift „Volk und Rasse" (I. F. Lehmanns Verlag, München 15) Dr. Ruttke einen Nachruf, der die Leistungen Schemanns als Kulturphilosoph und Rasseforscher, als politischer Denker, alsKünst- ler und als Mensch schildert. — Dr. Wolfgang Knorr vom Rassepolitischen Amt berichtet in feinem Ausfluß „Praktische Rassenpolitik" über die bisherigen Ergebnisse bei der Verhinderung des Eindringens Fremdrassiaer und bei der Unterbindung der Fortpflanzung Erbuntauglicher. Kleinere Beiträge zeigen „Ein halbes Jahrhundert Geburtenlinie im Reiche und in Sachsen" ober „Deutsch-Südwest. Eine neus Heimat der Nordischen Rasse."


