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Nr.15 Drittes Blatt
Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Mittwoch, 19. Januar 1938
Aus der Stadt Gießen.
„Leider keine Zeit."
Selbstverständlich gibt es für uns alle Augenblicke, wo wir wirklich keine Zeit haben. Frühmorgens zum Beispiel, wenn uns der Weg Mir Arbeitsstätte führt. Oder auf dem Gang zum Bahnhof, wo wir einen bestimmten Zug erreichen müssen. Aber auch sonst passiert es oft, daß man auf die Minute sehen mutz.
Doch davon ist hier nicht die Rede. Vielmehr von jenen Herrschaften, die grundsätzlich niemals Zeit haben und sich dabei wunder wie vorkommen. Täglich kann man sie beobachten. Etwa in der Schalterhalle des Postamtes, im Vorzimmer einer Behörde oder Dienststelle, im Warteraum des Arztes oder eines Anwaltes. Während die Schar der übrigen Wartenden geduldig der Zeit das unvermeidliche Opfer bringt, kommen sie gewichtig angerauscht, schauen um sich und beteuern sogleich, datz sie „leider keine Zeit" haben. Während die auf diese Weise summarisch Angeredeten je nach ihrem Temperament ein unbeteiligtes Gesicht äusseren, oder eine spöttische Miene zur Schau tragen, schielt der Mann ohne Zeit auf denjenigen, der als Nächster an der Reihe ist. Wird er ihm den Vortritt laj|bn? Meist ist es ein stummes Spiel mit Blicken, an dem sämtliche Anwesenden gespannt Anteil nehmen. .
Die Wahrheit gebietet zu sagen, datz der Mann „ohne Zeit" sehr oft der Sieger ist. Nicht etwa, weil der Nächste an der Reihe über ausgiebige Zeit verfügt. Im Gegenteil, auch bei ihm gibt es Versäumnisse, die manchmal sehr unangenehme Folgen haben können. Ein Arbeiter zum Beispiel spürt den Lohnaussall empfindlich, und ein Geschäftsmann hat auch keine Zeit zu vergeuden. Aber gewöhnlich regt sich in ihnen das Gefühl des Anstandes, und eben diese Gefühlsregung ist es, die dem weniger anständigen Zeitgenossen den Vorteil verschafft.
Denn datz der Mann, der bei jeder Gelegenheit „leider keine Zeit" hat, völlig rücksichtslos handelt, dürfte ohne Zweifel sein. Um so weniger erscheint es angebracht, ihm ein besonderes Entgegenkommen zu zeigen. Nicht nur, daß er den ihm eingeräumten Zeitoorsprung gewöhnlich gar nicht braucht, sondern ihn lediglich als Erfolg einer Marotte bucht, es ist auch noch so, datz er damit demjenigen den Weg versperrt, der tatsächlich über keine Zeit verfügt und die kostbaren Minute^ „wie auf Kohlen" verbringen muß.
Jede Gemeinschaft bedingt Einordnung und Disziplin. In der Volksgemeinschaft aber ist diese Disziplin so selbstverständlich, daß die Worte „leider habe ich keine Zeit" nur dann gesprochen werden sollten, wenn sie in der Tat am Platze sind. Allen Wichtigtuern und undisziplinierten Zeitgenossen, die immer deutlich zu erkennen sind, sollte man getrost die kalte Schulter zeigen. Vielleicht lernen sie dann, was es heißt, sich in die Reihe zu stellen. Sch.
Dornotizen.
Tageskalender für Mittwoch.
Stadttheater: 19.30 bis 22.15 Uhr, „Martha". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Abenteuer in Warschau". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Tannenberg". — Oberhessischer Kunstoerein Turmhaus am Brand: Frankfurter Künstler der Gegenwart, Ausstellung von 11 bis 13 Uhr. — Stadtkirche: 20 Uhr, Pfarrer Lic. Kreck (Frankfurt a. M.).
Stadttheater Gießen.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute abend findet eine Wiederholung von „Martha", romantisch-komische Oper von Friedrich von Flotow, statt. Musikalische Leitung: Heinz Marquardt, Spielleitung: Wolfgang Kühne. Bühnenbild: Karl Löffler. Die Vorstellung findet als 16. Vorstellung der Mittwoch-Miete statt. Anfang 19.30 Uhr, Ende 22.15 Uhr.
Vortrag über herz und Blutdruck.
Prof. Dr. B ü r k e r wird im Rahmen seiner öffentlichen Vorträge über Physiologie am kommen-
Seim letzten Gießener Seiler in der Werkstatt.
Wie so manchem anderem Handwerk, so hat moderne Technik auch dem Seilergewerbe Abbruch getan. Es ist sehr selten geworden, und es bestehen nicht mehr viele Möglichkeiten, den Seiler bei seiner Tätigkeit zu beobachten. Immerhin gibt es in unserer Heimat, allerdings auf weiteren Bezirk gesehen, noch einige Stätten dieses alten Gewerbes, und zwar in Grünberg, in Friedberg, in Homberg an der Ohm, in Homberg an der Efze und — ganz nahe — in Gießen. Diese Gießener Werkstätte befindet sich in der Rodheimer Straße, und der letzte Handwerker seines Zeichens ist Seilermeister Will). N e b h u t h. Uebrigens — sein Bruder ist der Seilermeister in Homberg an der Ohm.
Seilermeister Nebhuth weiß manches aus seiner Tätigkeit,zu erzählen. Mit vielen Volksgenossen in Stadt und Land steht er, wenn auch oft über größere Zeiträume, in Verbindung. Die Dreschmaschinenbesitzer wollen von ihm Garbenbindegarn, hier gibt eine Schulverwaltung ein handgedrehtes Seil zum Tauziehen, zum Klettern oder Seile für die Ringe in Auftrag; in Abständen von meist etwa 5 zu 5 Jahren bestellen die Gemeinden Seile für die Turmuhren im Kirchturm des Dorfes, auch Jnduftriewerke und Transportunternehmungen wenden sich an den Meister, wenn sie Lastschlingen brauchen, die für eine ganz bestimmte Leistung berechnet fein müssen. Dabei muß der Meister berücksichtigen, daß nach gesetzlicher Vorschrift Lastschlingen für eine viermal so große Belastung gut fein müssen, wie die Nennleistung besagt. Häufig wird die Lastschlinge aus Hanf ober Jute der Schlinge aus Drahtseilen vorgezogen, weil die Schlinge aus organischem Material eine verbindlichere Arbeit, ein weicheres Anheben und Absetzen gestattet, als je das metallische Seil. — Der Bauer braucht immer auch die Arbeit des Seilers und der Meister sucht deshalb in Abständen seine Landkundschaft immer wieder auf.
Die handwerkliche Arbeit des Seilermeisters hat etwas Althergebrachtes und Zünftiges an sich. Die Methoden des Seilwindens sind unverändert in ihrer Technik seit Jahrhunderten, lieber einen festen viergeteilten Klotz laufen unter gleichmäßigem Zug die vorbereiteten vier Seile (aus denen schwerere Taue meist bestehen) unter leichter Drehung zusammen. Der Meister braucht einen langen Werkplatz, meist seinen Hof, um feine Arbeit sachgemäß
leisten zu können. Das alte Handwerk wird in unserer Stadt außer von Meister Nebhuth noch von seinem Sohne und von einem Gehilfen ausgeübt. Trotzdem die Zahl der gelernten Seiler sehr gering ist, sind die wenigen doch in einer Innung zusammengeschlossen, deren kleinste organisatorische Einheit allerdings bis in den Odenwald reicht.
Es braucht in diesem Zusammenhang nicht geleugnet zu werden, daß das Seilerhandwerk allein, trotz mannigfachen Bedarfs, feinem Träger die Existenz nicht sichern könnte. So mußte man sich nach einer Ergänzung des Betriebes umsehen, die bei unserem Gießener Seilermeister recht glücklich gefunden zu fein scheint. Meister Nebhuth unterhält nämlich ein Durchgangslager für Säcke. Unsere Rohstofflage gestattet nicht, immer nur neue Säcke in Gebrauch zu nehmen, Jute, hauptsächlich über England aus Indien eingeführt, ist naturgemäß rar geworden. Da muß denn das vorhandene Sackmaterial immer wieder verwandt werden und möglichst rasch umlaufen. Im volkswirtschaftlichen Interesse ist der Umlauf der Säcke gesetzlich klar geregelt. Müller, Großhändler, Industrieunternehmen müssen immer wieder über kurze Fristen ihren Bedarf anmelden, der ihnen dann ausdrücklich genehmigt sein muß. Andererseits muß jeder Sack beim Kleinhändler wieder ersaßt und dem Umlauf zugeführt werden. Und hier fetzt Meister Nebhuth mit seinen Helfern, mit feinen „Aufkäufern" ein, die systematisch ein bestimmtes Gebiet bereisen. Auf Lastkraftwagen werden die Säcke zusammengebracht und dann in den Werkstätten an der Rodheimer Straße mit besonderen Klopfmaschinen gereinigt und — wenn es nottut, auch mit der Maschine geflickt. Die gesammelten, gereinigten bzw. geflickten Säcke werden wieder den Großabnehmern zugeführt und geraten so wieder in den Kreislauf. Interessant und volkswirtschaftlich sehr wichtig ist die Tatsache, daß die solchermaßen sorgfälttg behandelten Säcke eine weit höhere Lebensdauer haben, wie zu einer Zeit, da man dem Sack noch nicht solche Bedeutung zuzumessen brauchte, vielmehr manches Stück in irgendeiner Ecke in Staub oder Nässe verkam. In dem Lager in der Rodheimer Straße begegnet man imposanten Stapeln solcher pfleglich behandelter Säcke. Manchmal liegen bis zu 20 000 Säcke in den Lagerräumen beieinander.
den Sonntagvormittag im Physiologischen Institut über das Thema „Herz und Blutdruck" sprechen.
Großes Interesse
für den Vortrag über „Die rote Armee".
Wie uns von der NSG. „Kraft durch Freude" mitgeteilt wird, ist das Interesse an dem Vortrag von Oberst a. D. Hayner über „Die rote Armee der UdSSRT" am morgigen Donnerstag ganz außerordentlich stark. Von der Wehrmacht allein werden über 800 Besucher angemeldet, so daß es sich als notwendig erwiesen hat, den Vortrag vor den Soldaten am morgigen Donnerstagnachmittag als geschlossene Veranstaltung im Cafe Leib halten zu lassen. Für alle übrigen Interessenten findet dieser Vortrag, wie angekündigt, morgen abend, im Cafe Leib statt. Die Nachftage nach Eintrittskarten ist andauernd sehr groß, der noch verfügbare Vorrat aber klein, so daß es sich für Interessenten empfiehlt, sich schleunigst Karten zu sichern.
Beförderungen
im Bereich der 9. Division.
Bei den Truppenteilen der 9. Division wurden vom Führer und Reichskanzler befördert: Major Gutzeit, Kommandeur des Kraftfahr - Batls. 9 in Hersfeld, zum Oberstleutnant; Oberleutnant Brede im MG.-Batl. 3 in Büdingen zum- Hauptmann; Oberarzt Dr. Müller, Adjutant des Divisionsarztes, zum Stabsarzt.
WHW., Ortsgruppe Gießen-Nord.
Am Donnerstag, 20., und Freitag, 21. Januar, wird im Bereich der Ortsgruppe Gießen-Nord die Pfundsammlung durchgeführt. Die Hausfrauen werden gebeten, die Pfundpäckchen bereitzulegen.
Einstellung von Sanitätsoffizieren bei der Kriegsmarine.
DNB. Bei der Kriegsmarine besteht noch Bedarf an jüngeren Sanitätsoffizieren, so daß eine erneute Einstellung für diese Laufbahn zum 1. April 1938 beabsichtigt ist. Es kommen hierfür in Frage Jungärzte (Alter nicht über 32 Jahre) und Medizinalpraktikanten sowie Studierende der Medizin vom achten Semester an auswärts. Weitere Auskunft über die Einstellungsbedingungen und sonstige Fragen der Laufbahn erteilt die Inspektion des Bil-I dungswesens der Marine in Kiel.
Frohe Gäste
, der Frauenschast Gießen-Nord.
Die Frckuenschaft Gießen-Nord hatte die Freude, am Sonntag die Frauen aus Annerod, die sie im Sommer besucht hatten, als ihre Gäste in Gießen zu sehen. Gleich nach Tisch wurden die Frauen am Ludwigsplatz begrüßt und in die einzelnen Familien geführt. Im Cafe Leib fand dann eine gemeinsame Veranstaltung statt, bei der die Leiterin den
Frauen für ihr Kommen dankte und betonte, daß Stadt und Land sich zusammenfinden in dem gemeinsamen großen Ziel: mitzuhelfen am Werk des Führers. Es schloß sich dann ein Vortrag von Prof. Stand fuß an über „Tierkrankheiten und ihre Auswirkung auf die Volksgesundheit und Volksernährung". Der Redner sprach über die verschiedenen Seuchen, ihre Merkmale und ihre Bekämpfung. Besonderes Interesse brachten die Frauen seinen Ausführungen über die Maul- und Klauenseuche entgegen, deren Schäden der Vortragende schilderte und zeigte, wie jeder einzelne bei der Bekämpfung dieser Krankheit und ihrer Verbreitung mithelfen kann. Anschließend wurde ein Film über die Tuberkulose bei Rindern gezeigt, und dabei mitgeteilt, was dagegen getan werden kann. Am Schluß der Zusammenkunft erschienen zwei Frauen in hessischer Bauerntracht und trugen lustige Verse vor von ihren Erlebnissen in der Stadt. Man trennte sich mit dem Wunsche, bald wieder in so froher Gemeinschaft sich wieder- zusehen. F. K.
Polizei gegen Verkehrssünder.
Die Polizeü schritt in der Zeit vom 7. bis 13. Januar ein:
gegen Kraftfahrzeugführer mit 5 Anzeigen und 23 Verwarnungen und Belehrungen;
gegen sonstige Fahrzeugführer mit 3 Anzeigen und ~7 Verwarnungen und Belehrungen;
(JHL Seltersweg Nr. 67
adiO Telephon Nr. 3170
eparaturen (897D
gegen Radfahrer mit 4 Anzeigen und 13 Verwarnungen und Belehrungen;
gegen Fußgänger mit einer Verwarnung und Belehrung.
TagungdesLebensmittel-Eiuzelhandels in Gießen.
Die Wirtfchaftsgruppe Einzelhandel, Fachgruppe Nahrungs- und Genußmittel, Kreisfachgruppe Gießen, führte am Montag im Hotel Schütz, wie man uns berichtet, eine MitgliederversammliLng unter dem Vorsitz von O. Avemann durch, in deren Mittelpunkt die Richtlinien für den Lebensmittel- einzelhandel für die Verbrauchslenkung im Jahre 1938 standen. Ferner wurden dj§ Regelung des Fettbezuges für das Jahr 1938, die zur Zeit laufende Vorratserhebung und die Durchführung von Preisbildungsvorschriften erörtert. Der Geschäftsführer der Kreisgruppe Gießen der Wirtfchaftsa gruppe Einzelhandel, Dr. Kirchner, der in ausführlicher Weife über die vorgenannten Punkte sprach, stellte die wichtigen Aufgaben, die von dem deutschen Lebensmitfeieinzelhandel zu erfüllen sind, klar heraus und forderte die Mitglieder zum restlosen Einsatz auf. Bei der Tagung war der Leitkr der Kreisgruppe, Kaufmann E. Schulte, anwesend, der ebenfalls an die freudige Mitarbeit der Mitglieder appellierte und auf die Verquickung des Einzelhandels mit anderen Wirtfchaftsstufen und Berufsgruppen hinwies. In feinen weiteren Ausführungen streifte er die Wichtigkeit einer geordneten Buchführung und Statistik, auch im Zusammenhang mit der Preisgebarung, und das Ver, hältnis der einzelnen Mitglieder zu ihrer Organisation.
**70 Jahre alt. Am heutigen Mittwoch, 19. Januar, kann der Reisende Adam Sch mahl, Bahnhofstraße 8, in körperlicher und geistiger Frische seinen 70. Geburtstag begehen. Der Jubilar diente freiwillig in der ehemaligen kaiserlichen Kriegsmarine, nahm während dieser Dienstzeit an den Kolonialkämpfen teil, schloß sich in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts der antisemitischen Bewegung Dr. Böckels an und wohnte nach dem Kriege in Limburg. Dort beteiligte er sich aktiv an der Abwehr der Separattsten, wobei er eine schwere Schädelverletzung erlitt. Schon vor der
Von Haydn bis iRavet
Zum HI. Orchesterkonzert des Gietzener Konzertvereins.
Die zwölf Londoner Symphonien, die Haydn in den Jahren 1791 bis 1795 für die von ihm geleiteten Konzerte in der englischen Hauptstadt geschrieben hat, bedeuten für fein symphonisches Schaffen den Höhepunkt, aber auch den Abschluß. Mit diesen Werken hatte er die Symphonie der letzten Vollendung zugeführt, die ihm seine Persönlichkeit und seine Schaffensindividualität ermöglichte. Der Weg dahin war fast gleichbedeutend mit der Festlegung der Form der Symphonie als solcher und ihrem inneren Ausbau. Die verschiedenen Wandlungen, die sein jahrzehntelanges Bemühen um die Symphonie kennzeichnen, die verschiedenen Möglichkeiten der formalen Durchgestaltung wie auch der inhaltlichen Ausprägung ließen ihn zum beherrschenden symphonischen Gestalter werden, der im abgewogenen Gleichmaß treibendes Gefühl und formende Verstandeseinsicht miteinander eint, der eine natürliche Erfindungsgabe in den Dienst kunst- gemäßer Durchdringung mit Zügen persönlicher Ausdeutung stellt und so die innige ausgeglichene Verbundenheit zwischen Form und Inhalt schafft.
Haydn läßt seine Symphonie Nr. 9 in c-moll ohne die bei ihm häufige langsame Einleitung unmittelbar mit dem Allegrothema beginnen im straffen unisono. Schon in der Aufstellung der Themen kündet sich, namentlich im Hauptthema, eine bewußte thematische Durchdringung des Satzes an, während das Seitenthema in feiner fast naiven, eingängigen Formung an sich durch feinen Reiz wirkt. Die Durchführung wird vornehmlich durch den ersten Teil des Hauptthemas bestritten. Bei der Wiederkehr wird das Seitenthema klanglich heraus- geftellt und kurz von der Solovioline beleuchtet. — Das Andante erscheint als eine Folge von Variationen, deren erste ebenso wie das Thema nur dem Streichkörper Vorbehalten ist und dem Cello eine führende Stellung gewährt. Der folgenden Abwandlung in Moll geben die Bläser die Akzente und dann löst sich das Thema in reicher Figuration der Violinen auf. — Das Menuett gewinnt durch feine Anmut; von ganz besonderer Wirkung ist hier der harmonische Trugschluß nach der Generalpause; in dem Trio gibt Haydn zum Pizzicato der übrigen Streicher dem Cello als Träger des bewegt figurierten Themas das Wort. Das Finale in C-dur entwickelt mit der kontrapunktifchen Verarbeitung
des Hauptthemas innere Gedrängtheit und Verdichtung. *
Beethovens Violin-Konzert op. 61 gehört feiner erfolgreichsten Schaffensperiode an; ja, es zählt mit Recht zu feinen ausgeglichensten Werken. In der gesamten Zahl der Diolin-Konzerte nimmt es in seiner harmonischen klassischen Verbindung des musikalisch bedeutungsvollen Inhalts mit der organischen Formung eine Vorrangstellung ein. Obwohl der Begriff des Konzertes an sich den technischen Möglichkeiten des Instruments bis zur virtuosen Auswertung Raum gewährt, läßt Beethoven einzig musikalische Rücksichten sich auswirken, fernab von technischer Brillanz und virtuosem Geltungsbedürfnis. Damit hat er allerdings den Kreis der Interpreten dieses Konzertes auf die wahrhaft musikalischen Vertreter des Soloinstruments beschränkt. Wenn auch Beethoven in der Behandlung des Soloinstrumentes alle Errungenschaften seiner zeitgenössischen Diolintechnik als Ausdrucksmöglichkeiten einbezieht, so weist er doch immer der Geige die Ausgaben zu, die ihrer klanglichen Individualität abgelauscht sind, ausdrucksvolle Gesanglichkeit und individuelle Linienführung. Er stellt das Solo- inftrüment nicht wie etwa in seinen Klavierkonzerten als Klangkörper in Gegensatz zum Orchester, sondern gerade weil die Violine selber ein führender Bestandteil des Orchesters ist, gibt er durch das Soloinstrument dem Ganzen die klangliche Krönung, Veredlung und Verklärung und läßt im gegenseitigen Verweben des Anteils das Ganze zu einer Symphonie für Orchester und Solooioline werden.
In einem breit angelegten, durch das rhythmische Pochen der Pauke eingeführten ruhigen Allegrosatz breftet er im Orchester die Themen vor dem Hörer aus, und aus dem Abklingen dieser Einleitung läßt er sich dann die Solooioline entwickeln und beispielsweise den gehaltenen Akkorden des ersten Themas durch weitgeschwungene Figuren ihre endliche Gestalt geben. Von besonders reizvoller Wirkung erweist es sich, wenn das Gesangsthema in seiner ganzen Gestalt erst im Schlußteil nach der Kadenz in klanglicher Verklärung erscheint. Ebenso läßt Beethoven im Larghetto die Solooioline aus dem führenden Thema des Orchesters in feinen Linien sich emporheben und dann in erdgelöster Schönheit die innerste Gesanglichkeit der Solovioline, nur vom Streichkörper unterstützt, unmittelbar sich ausbreiten, ein völliges Verschmelzen von Orchester und Soloinstrument, auch bei den später hinzutretenden Bläsern. Im Schlußrondo stellt Beethoven Soloinstrument und Begleitkörper dialogisierend gegenüber. Das geistvolle gegeneinander Sich-Aeußern, die vornehme Führung des Zwie
gesprächs, das gegenseitige Sich-Anregen und An- fpornen, zumal im wechselnden Lichte der Seitengedanken, gibt diesem Finale geflügeltes musikalisches Leben und innere Erfüllung.
*
Es ist ein unverkennbares Merkmal der Schaffensart von Richard Strauß, daß er zur Erweckung des musikalischen Impulses der Anregung durch außermusikalische Momente bedarf, fei es durch bildhaft Gesehenes, sei es durch eine ihn fesselnde dichterische Gestalt. Andererseits wehrt er sich gegen den Vorwurf des „literarischen" Charakters seiner Musik. Er will nicht etwa eine musikalische Abbildung der dichterischen Vorlage geben, sondern das Dichtwerk erregt ihn zur inneren persönlichen Auseinandersetzung mit der in ihm niedergelegten Idee, und so werden seine an Dichtwerke sich anschließenden Tondichtungen zuiy Ausdruck eines persönlichen Bekennens. Diese Darstellung eigenen, inneren Kämpfens gewinnt ihre formale Gestalt in dem Verfolgen des dichterischen bzw. philosophischem Grundthemas. Sie erweist aber auch ihre Lebensfähigkeit dann, wenn man sie nur nach rein musikalischen Gesichtspunkten wertet. „Will man nun ein in Stimmung und konsequentem Aufbau einheitliches Kunstwerk schaffen, und soll dasselbe auf die Zuhörer plastisch einwirken, so muß das, was der Autor sagen wollte, auch plasttsch por seinem geistigen Auge geschwebt haben. Das ist nur möglich infolge der Befruchtung durch eine poetische Idee, mag diese nun als Programm dem Werke beigefügt werden oder nicht." (An H.v.Bülow.)
Für die Auseinandersetzung des vierundzwanzia- jährigen Richard Strauß mit dem „Don-Juan- Problem ging der Anstoß von der Lenauschen Dichtung aus. Er sieht und erlebt in der Gestalt des Don Juan etwas Uebermenschliches, geradezu Faustisches, als den Inbegriff menschlicher Triebhaftig- keit, die für ihr Begehren keine Widerstände und keine Rücksichten kennt, die sich über die gesetzliche Ordnung der Menschengemeinschaft hinwegfetzt und in der ungezügelten Maßlosigleit den eigenen Untergang begründet. So wird die Ueberfteigerung menschlicher Leidenschaft das bewegende philosophische Problem für die Tondichtung „Don Juan". Strauß setzt seiner Partitur Ausschnitte aus der Lenauschen Dichtung voran, die nicht von Geschehnissen handeln, sondern Einblicke in die jeweilige seelische Verfassung des Helden geben. Nicht gefesselt durch einen* Geschehensablauf, vermag so Strauß in großen Zügen der sonst für die Symphonie bestimmenden Sonatenform auch hier zu folgen. Mit besonderen Abweichungen, die stofflich bedingt find, ersteht fo im großen gesehen ein
formales Gebilde, das in feinem Ausbau Wagners „Siegfried-Idyll" sich nähert.
Bedenken wir, daß dieses Werk vor genau 50 Jahren vollendet wurde (zu Beginn des Jahres 1888) und ziehen die Parallele zu den geistigen Triebkräften jener Zeit in Literatur und bildender Kunst, fo wird das klangliche (hewand ebenso unferm Verständnis näherrücken wie die Kühnheit und sinnliche Leidenschaftlichkeit der musikalischen Konzeption. Der hinreißende Schwung des Werkes wird von den zwei Themen des Haupthelden beherrscht, von denen das zweite erst im Laufe der Entwicklung Gestalt gewinnt, demgegenüber stellen sich inhaltlich ergänzende, gegensätzliche Themen, die den Helden im Lichte seiner weiblichen Gegenspieler erkennen lassen. Besonders dem breit angelegten Gesangsthema, das gern auf die Gestalt der Donna Anna bezogen wird, kommt in feiner feinen figurativen Durchgestaltung und thematischen Kom- bination eine besondere Bedeutung zu. Die Durchführung läßt den Helden im vollsten Ausleben feiner Triebe erkennen. Von besonderer Wirkung ist der Uebergang zur Reprise, gestützt auf einen bannenden Orgelpunkt. Nach höchster Aufsteigerung glühenden Temperaments erfolgt ein Abbrechen mit einem Harfenglisfando. Die Coda läßt schauernd das Ende Don Juans erleben; mit dem grellen Ton der Trompeten gleichsam als Dolchstich ins Herz.
Im einzelnen fängt Strauß mit überaus charakteristischer Farbe die Situationen ein, ja, seins Charakterisierungskunst, thematisch wie klanglich gesehen, zeichnet in dieser seiner ersten Tondichtung alle die Züge vor, die für ihn als Musikdramatiker in späterer Zeit bestimmend werden.
Mit dem „B o l e r o" gedenkt das Programm des wohl repräsentativsten Vertreters der modernen französischen Musik: Maurice Ravels. Dieser aus den Pyrenäen stammende Musiker (geboren 1875) hatte schon im jugendlichen Alter mit einer Habanera die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Nach Ueber- roinbung 1 bes Impressionismus, für besten beachtlichsten Vertreter er neben Debussy gelten kann, strebte er einer Neuburchbildung ber klassizistischen Formen zu. In biefem Sinne ist auch sein „Bolero" zu verstehen. Der ständig wiederkehrenbe „Bolero"- Rhythmus burch^zieht wie ein obstinates Thema bas Werk, unb aus dieser Basis heraus entwickeln sich bie melobischen Gebilbe in äußerst bisferenzierter Färbung bes Klanglichen. Das Ganze erscheint als eine ekstatische Tanzszene in staubig wechselnder Beleuchtung. Dieses Orchesterwerk Ravels wurde übrigens zum Anreger für den französischen Film „Bolero", in bem man um diese Musik herum eine Dichtung gruppierte. Dr. Hermann Hering.
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