dann beginnen die landwirtschaftlichen Folgeeinrichtungen. Man faßt unter dieser Bezeichnung Arbeiten zusammen, die leider auch lange Zeit hindurch vernachlässigt wurden. Angesichts des wirtschaftlichen Niedergangs im deutschen Landvolk war es bis 1933 ja auch kaum noch möglich, Rodungen vorzunehmen, E i n e b n u n ° g e n durchzuführen und dazu noch die durch wasser- technische Arbeiten verbesserten Böden durch U m« b r u cf), Düngung und Ansaat für die landwirtschaftliche Nutzung herzurichten. Heute folgen den Maßnahmen zur Bodenentwässerung sofort alle diese Arbeiten, die zu vermehrten Erträgen von den verbesserten oder neugewonnenen Böden führen. Ein besonderer Anreiz zu ihrer Durchführung ist übrigens durch die Gewährung von Beihilfen geschaffen worden.
Abwässer werden verrieselt und verregnet.
lieber die Oedlanderschließung in Deutschland und über ihre Erfolge durch die Gewinnung von Neuland im Umfang von 82 399 Hektar allein in den letzten vier Jahren ist die Oeffentlichkeit weit besser unterrichtet als etwa über die Maßnahmen, die auf eine ausreichende Bewässerung geeigneter Böden hinwirken und die zum Teil auch die Abwässerverwertung durch die Landwirtschaft gestatten. Im Bereich der Städte ist die Wegführung und Verwertung der Abwässer vielfach noch ein Problem. Das Landeskulturwerk überwindet es durch geeignete Anlagen. Die Landwirtschaft kann die Abwässer durch Verrieselung und Verregnung für sich außerordentlich wirkungsvoll nutzbar machen. Voraussetzung dafür ist der Verzicht auf kostspielige Klärverfahren. Methoden zu wirtschaftlicherer Verwendung sind gefunden und vom Landeskulturwerk zur Bewässerung einer Kulturfläche von rund 10 000 Hektar bereits eingesetzt.
Eindeichungen
schützen fruchtbares Kulturland.
Eine weitere Aufgabe des Landeskulturwerks ist die Vornahme von Eindeichungen. Hochfluten gefährden das Land an der See und weite Gebiete in den Niederungen der Flüsse, also meist sehr fruchtbares Kulturland. Es gelang in vier Jahren, insgesamt eine Fläche in d e r Größe des Saarlandes durch die Eindeichung zu schützen. Im Zuge der Landgewinnungsarbeiten, die insbesondere an der schleswig-holsteinischen und an der friesischen Küste in einem Umfang von rund 19 000 Hektar durchgeführt wurde, bewirkt erst der Deichbau die Sicherung des Neulandes.
In diesem Zusammenhänge darf nicht vergessen werden, daß auch der Talsperrenbau, der noch lange nicht am Ende ist, direkt und indirekt sehr wesentlich zur Dodenverbesserung und Neu- lanbgeminnung beiträgt. Faßt man all die genannten Maßnahmen des Landeskulturwerks zusammen und errechnet nach bewährten Erfahrungsgrundsätzen den Gesamtgewinn an Neuland, so ergibt sich eine Fläche, die mit 536 000 Hektar etwa der Größe des Landes Oldenburg gleichkommt. 650 000 Hektar aber mußte Deutschland in den letzten Jahren von seiner knappen landwirtschaftlichen Nutzfläche für andere dringende Aufgaben frei machen. Die Gegenüberstellung stellt mit dem Erfolg der Neulandgewinnung klar heraus, daß die Lanoeskulturardeit eines der ganz wichtigen und der erfolgreichen Mittel ist, um den wachsenden Nahrungsbedarf unseres Volkes zu befriedigen.
Deutsche Bau- und Siedlungsausstellung im Aufbau.
800 Mann an der Arbeit.
Lpd. Frankfurt a. M., 17. Aug. Mit dem Aufbau der Deutschen Bau- und Siedlungs-Ausstellung in den fünf großen Hallen auf dem Frankfurter Festhallengelände ist vor einigen Wochen von etwa 150 Arbeitern begonnen worden. Tag für Tag hat die Zahl der am Ausbau Beschäftigten weiter zugenommen. Jetzt, knapp 3 Wochen vor der Eröffnung der Ausstellung am 3. September, sind auf
dem 70 000 Quadratmeter umfassenden Ausstellungsgelände rund 800 Mann beschäftigt. Hunderte von Zimmerleuten und Schreinern, Kolonnen von Maurern, Arbeitstrupps von Installateuren und Stuckateuren arbeiten vom frühen Morgen bis in den späten Abend. Einzelne große Stände sind im Rohbau bereits vollendet, an anderen Ständen werden noch die Trennungswände aufgeschlagen und die Bespannungen gezogen. Zehntausende von Quadratmetern Sperrholzplatten und Zellwollebespannung sind allein für die Bekleidung der Wände und für die erste Herrichtung der Stände erforderlich.
Auf dem Großbauplatz des Gauheimstättenamtes, unter dessen Leitung die M u - stersiedlungsstraße ersteht, sind allein seit Wochen über 100 Arbeiter ständig beschäftigt. Nachdem etwa 40 Zimmerleute, die teilweise von weit herangeholt werden mußten, das Gebälk der Häuser erstellten, arbeiten u. a. jetzt 11 Weißbindermeister mit ihren Gesellen an dem weiteren Ausbau der Häuser. In großen Schreinerwerkstätten sind 36 Schreiner an der Fertigstellung der Türen und Fensterrahmen für die 11 Häuser dieser Siedlung beschäftigt.
Neben den auf dem Ausstellungsgelände selbst arbeitenden 800 Volksgenossen ist etwa die gleiche Zahl noch in den verschiedenen Werkstätten des Zubringergewerbes allein für die Ausstellung tätig. Die Zahl der Beschäftigten wird sich in den beiden nächsten Wochen noch beträchtlich erhöhen, wohl sogar das Doppelte bis Dreifache der jetzigen Ziffer erreichen.
NSG. Nachdem schon seit Wochen die Einheiten verschiedener Gebiete der HI. auf dem Wege nach Nürnberg zum Reichsparteitag sind, setzen sich nunmehr auch die Hitlerjun- gen des Gebietes Hessen-Nassau in Marsch. Sie marschieren am Donnerstag, 19 Uhr, in Wiesbaden ab und treffen in 16 Tagen in Fürth ein.
Seit 1935 befinden sich in jedem Sommer die Marscheinheiten der Hitler-Jugend auf dem Wege nach Nürnberg. Es gibt in der Geschichte der Parteitage kein Vorbild für diesen gewaltigen Marsch, der als einzigartige Demonstration der unbedingten Einheit, der Geschlossenheit, Kameradschaft und Disziplin der deutschen Jugend zu werten ist.
12 184 Kilometer werden in diesem Jahre von insgesamt 2000 hillerjungen marschiert, eine Strecke, die dem vierten Teil des Erdumfanges gleichkommt.
Große Pistungen werden diese Marschtage von jedem einzelnen Hillerjungen fordern und die langen Straßen werden die Schwierigkeiten dieses Marsches wachsen lassen, aber stolze Freude und helle Begeisterung werden auch diesmal die Strapazen leichter ertragen lassen, denn sie begleiten den Marsch, der eindringlich wie kein anderer zu einem imposanten Treugelöbnis der gesamten HI. wird, vom ersten bis zum letzten Tag.
Am diesjährigen Adolf-Hitler-Marjch nehmen insgesamt 2000 Hitlerjungen teil. Vom Gebiet Hessen- Npssau wurden 7 6 I u n g e n für den Marsch ausgesucht, die die 19 Bannfahnen des Gebietes Hessen- Nassau nach Nürnberg tragen werden. Die Teilnahme am Adolf-Hitler-Marsch soll für die besten Jungen eine Anerkennung fein. Es wurde daher eine ft r e n g e Auslese getroffen. Zu Marschteilnehmern wurden meist Rotten- oder Kameradschaftsführer bestimmt, da der Marsch die beste Schule für größere Aufgaben ist.
Nachdem die 76 Marschteilnehmer des Gebietes Hessen-Nassau zur einheitlichen Ausrichtung und Vorbereitung mehrere Tage in Wiesbaden in einem Dorbereitungslager zusammengefaßt waren, treten sie nunmehr ihren Marsch nach Nürnberg an. Am heutigen Donnerstag, um 19 Uhr, werden sie auf dem Adolf-Hitler-Platz in Wiesbaden feierlich
Bilanz des Internationalen Gartenbaukongresses.
Der XII. Internationale Gartenbaukongreß in Berlin wurde beendet. Aus den Anträgen und Entschließungen der Sektionen, die gewissermaßen das sichtbare Ergebnis der Kongreßarbeit darstellen, seien die folgenden heroorgehoben: Um Gesundheit und Leistungsfähigkeit zu gewährleisten, muß Obst und Gemüse ein regelmäßiger Bestandteil der menschlichen Ernährung sein. Auch bei Schulspeisungen ist dieser Grundsatz anzuwenden. Die Förderung des Kleingartenwesens ist für jedes Land schon aus staatspolitischen Gründen nötig. Der Kleingarten dient der Stärkung der Heimatliebe der städtischen Familien, ihrer Gesunderhaltung und ermöglicht ein zusätzliches Einkommen. Der Kleingarten muß einen ausreichenden Kündigungsschutz genießen. Der Pachtpreis muß niedrig sein, damit die Kleingärtnerfamilie aus dem Ertrag des Gartens auch einen wirtschaftlichen Nutzen hat. In seinem Schlußwort betont Stabsamtsführer Dr. Reischle, die Anträge seien geeignet, die gartenbauliche Arbeit in allen Ländern anzuregen. Die stärkere Zuneigung zur Pflanzenkost habe den Gartenbau in allen Ländern vor neue Aufgaben gestellt. Wenn die Kongreßteilnehmer nach Besichtigung der Gartenschau in Essen in ihre Länder zurückkehren, werden sie auf Grund ihrer eigenen Anschauung in der Lage sein, durch eine gerechte Schilderung der deutschen Lebensoer- hältnisse die Verständigung aller Völker mit dem deutschen Volk zu fördern.
verabschiedet. Sie'marschieren bann in Richtung Darmstadt ab.
Die hessen-nassauischen hillerjungen haben in 16 Tagen 296 Kilometer zu bewältigen.
Auf der Strecke werden drei Ruhetage eingelegt. Der Marsch führt über Darmstadt, Miltenberg, Wertheim, Röttingen, Rothenburg, Ansbach nach Fürth.
Wie ihre Kameraden aus dem Reich, die als die Elite die Abgesandten und Sprecher der HI. in Nürnberg sind, werden unsere hessen-nassauischen Jungen mit Begeisterung und Freude in den Augen über die Teilnahme der ganzen Bevölkerung, deren Dörfer und Städte sie berühren, in dem beglückenden Bewußtsein der erlebten Volksgemeinschaft marschieren. In den Dörfern, wo Rast gemacht wird, veranstalten sie Kameradfchaftsabende und Dorfabende, und nicht nur die Kameradschaft der dortigen HI., sondern auch die älteren Einwohner werden erscheinen und das hören, was die Jun- aen einfach und volkstümlich und gerade deshalb so eindrucksvoll zu erzählen wissen. So werden die Tage voll von unvergeßlichen Erlebnissen werden und abwechseln mit festlichen Ereignissen, die schon ganz unter dem Eindruck des Parteitages stehen.
Bann 116 mit fünf Mann dabei'
Arn Marsch nach Nürnberg nehmen für den Bann 116 der Hitler-Jugend fünf Kameraden mit der Fahne des Vannes teil, und zwar Fähnleinführer Helduser (Butzbach), Scharführer Meckbach (Londorf), Rottenführer Zinn (Hungen), Kameradschaftsführer König (Bad-Nauheim) und Junggenosse Korner (Friedberg-Fauerbach). Die Kameraden, die den Marsch nach Nürnberg antreten, wurden am vergangenen Sonntag in Friedberg durch Kreisleiter Backhaus in kurzer Feier und in Anwesenheit der Hitler-Jugend aus dem Kreis Wet- terau verabschiedet, während Bannführer Rohrbach diese Feier zum Anlaß nahm, die goldenen Ehrenzeichen der Hitler-Jugend an 40 Kameraden auszugeben. Die fünf Kameraden des Bannes 116 nahmen in diesen Togen auch an der Lagerkameradschaft in Wiesbaden teil, in der sie für den großen Marsch vorbereitet wurden.
Aus der Stadt Gießen.
Henenschluß! ।
I „Es, es, es und es, es ist ein harter Schluß, weil, weil, weil und weil ..."
Ja, weil die Ferien zu Ende sind, deshalb fingen wir das alte Handwerksburfchenlie-d! „Die Arbeit, die gefällt mir nicht, und Speck und Äraut, das schmeckt mir nicht", so sang der fahrende Geselle weiter, und das paßt auch heute auf uns!
Statt nach dem Frühstück die Badetasche zur Hand zu nehmen, um schwimmen zu gehen, muß das Kind jetzt den Schulranzen aufsetzen, die Hausfrau Mop und Staubtuch ergreifen! Dann steht sie schwermütig vor ihren Kochtöpfen: wie wundervoll mar es doch, sich in den Ferien an einen gedeckten Tisch setzen zu können, nicht selbst überlegen zu müssen: „Was kochen wir heute?"
Die Wohnung sieht so unfreundlich aus, woran liegt es nur? Der Garten hat die Zeit dazu benutzt, vollkommen zu verwildern. Der Hausherr schlägt entsetzt die Hände überm Kopf zusammen. „Na, wozu hast du denn nun die langen Ferienwochen soviel Kräfte gesammelt?" fragt spöttisch seine Ehehälfte. '
Nur getrost! Es ist alles nicht so schlimm! Frisch gewagt, ist halb gewonnen! Und so stürzen sich alle auf ihr Tätigkeitsfeld, und siehe da ... das Arbeiten macht auch Spaß!
Am Abend ist die Wohnung blitzsauber, in jedem Zimmer — natürlich auch in der Küche — steht ein großer Strauß. Der gute Garten! Es war doch nicht nur Unkraut darin, wie es beim ersten Ansehen aussah, sondern es fanden sich auch Rosen und Dahlien, Ringelblumen und Wicken. Und auch allerlei Nahrhaftes, wie die Hausfrau mit Befriedigung feststellt.
Und kann man nicht auch in Gießen spazieren gehen?
Noch sind die Tage der Rosen? E. L. St.
Bornot,zen.
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Watz, tun, Sibylle?"
Heufiever in der Scheune.
Wenn der Städter in der Zeitung liest, daß beim Berghofbauer eine Scheune durch Selbstentzündung verbrannt ist, schüttelt er den Kopf. Er weiß auch nicht, wie sehr der Bauer an seinem Hose hängt, an seinem ererbten Besitz, der sein Vaterhaus ist, und der auch für kommende Geschlechter Wiege und Heimat sein soll. Und er ahnt nicht, daß die Selbstentzündung von Heu, von feuchtem Heu, leider nicht zu öen Seltenheiten gehört.
Gesetzt den Fall, es ist beim Heuwenden eine Bullenhitze. Rasch ist das Gras trocken, außen herum, aber die dicken Stengel bleiben feucht tm Innern, das Heu kommt ungenügend getrocknet'in die Scheune! Oder es zieht ein Gewitter auf und huscht eben noch im letzten Augenblick über den einfahrenden Wagen her. Oder das Scheunendach ist undicht. Es gibt allerlei Möglichkeiten, daß feuchtes Heu in der Scheune liegt. Und wenn es dann noch zu fest gepackt und vielleicht gar festgetrampelt oder bis an die Decke gestapelt wird, dann beginnt es, sich zu zerfetzen.
Der erfahrene Bauer weiß, was er zu tun hat, wenn ihm ungewohnte Gerüche vom Heu her in die Nase kommen. Manchmal schwebt auch ein leichter Dunst darüber. Hier und da sinkt das Heu ein, ver- färbt sich, bildet Fladen: wenn man au spaßt und auf dem Posten ist, kann nichts passieren. Man muß sich schleunigst eine Heusonde besorgen und das Fieber messen! Heusieber ist, so gesehen, eine sehr ernste Sache. Bei 60 Grad Hitze im Heustapel be- steht Brandgefahr, bei 80 Grad kann die Scheune samt Inhalt jeden Augenblick in Brand geraten. Nur die Feuerwehr kann dann helfen, auch wenn noch keine Flamme zu sehen ist.
Wenn man aber täglich einmal morgens in der Scheune nach dem Rechten sieht, dann braucht man vor Heufieber keine Angst zu haben. H. W. (RAS).
(Siebener Dochenmarktpreise.
* Gießen, 18. Aug. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Deutsche feine Molkereibutter, % kg 1,52 Mark, Markenbutter 1,55 bis 1,60 Mark, Matte
Oer Adolf-Hitler-Marsch des Gebietes Hesfen-Naffau beginnt.
Zwei hinter Gisela.
Vornan von Hans Hirthammer.
Urheberrechtschutz Verlag Oskar Meister, Werdau/Sa.
28 Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
„Das ist Schloß Lauterbrunn, von dem der Gutshof seinen Namen hat. Die ältesten Teile stammen aus dem zwölften Jahrhundert, vor allem der Turm und der sich ostwärts anschließende Flügel. Im Dreißigjährigen Krieg wurde Schloß Lauterbrunn von Wallenstein belagert und in Brand geschossen. Bald darauf — aber nein, ich will Sie nicht mit Geschichtszahlen langweilen!"
„Ach, es ist ganz interessant! Wern gehört das Schloß?"
„Staatlicher Besitz? Man kann es übrigens be- fidjtigen! Dom Turm genießt man einen herrlichen
Giesela nickt zerstreut, denn ihre Augen waren unvermittelt vom nahen Anblick des Gutshofes überrascht worden. Sie sah hinter weitästigen Obstdäu- men den schönen, weißen Bau mit seinen großen Fenstern und dem flachen Schindeldach. An den Fenstersimsen waren Blumenkästen angebracht, von denen es in allen Blumenfarben leuchtet.
Gisela wußte selber nicht, warum cs ihr mit einem Male so heiß und brennend aus dem Herzen strömte. Für ein paar Augenblicke war es ihr, als hätte sie das vor sehr langer Zeit schon einmal gesehen und erlebt, diese kurze Allee, mit beschnittenem Buschwerk eingesäumt, die zur geöffneten Ein- fahrt führt, das weiße Haus hinter den Bäumen, mit den großen Fenstern, dem Erker an der Sonnenseite.
Hatte sie das einmal geträumt? Oder hatte sie es einmal abgebildet gesehen?
Sie wußte es nicht.
31.
„Liebe Heli!
Herzlichen Dank für Deinen langen Brief. Das waren ja bedeutsame Neuigkeiten, man könnte geradezu einen Roman daraus machen. Was nun, um dos Wichtigste gleich vorwegzunehmen, Deine so zart verschleierten Wünsche betrifft, so brauche ich kaum er ft besonders darauf hinzuweisen, daß Dein Bruder natürlich jederzeit herzlich willkommen ist.
Fürchtest Du aber nicht für fein Seelenheil? Bedenke, daß mein Haus nicht sehr groß ist und daß ich ganz allein darin wohne! Peter würde fo
rmt meinen Derführungskünsten rettungslos aus- geliefert fein. Ueberlege es Dir also gut, ob Du Dich entschließen sollst, den armen Jungen meiner Obhut anzuvertrauen. .
Daß du dich mit Toni Kindlmann verlobt hast, freut mich von Herzen. Soweit ich mich des Eindrucks erinnere, den ich bei meinem Berliner Besuch von ihm gewonnen habe, scheint er ein prächtiger Bursche zu sein, wenn auch etwas ziellos und verspielt. Aber das ist kein großer Fehler, in Deinen Händen wird er zu Wachs werden. Meinen aufrichtigen und herzlichen Glückwunsch!
Ich habe inzwischen seinen Vater kennengelernt. Das ist ein lieber alter Herr, der mir auf eine entzückende Weise den Hof macht. Jedenfalls stehe ich bei ihm in einem hohen Ansehen.
Sonst gibt es nicht viel Neues aus Hengersdorf zu melden. Höchstens dies: ein sehr lieber Freund von mir ist gestorben, ein Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft. Sein Tod trifft mich deshalb schmerzlich, weil ich mich zu den Wenigen rechnen durste, die der alte Mann in seiner Nähe duldete. Er galt als ein Sonderling und war es wohl auch, aber ich glaube, daß diejenigen ihm bitter Unrecht taten, die sich über seine Verschrobenheit lustig machten.
Morgen findet die Beisetzung statt. Du kannst Dir denken, daß es auch für mich nicht ganz ohne Aufregungen abgehen wird. Die leftamentseröffnung soll übrigens eine Ueberraschung bringen, wenigstens machte mir Onkel Kindlmann diesbezügliche Andeutungen. Soviel ich unterrichtet bin, find keine näheren Verwandten vorhanden, und nun ist natürlich ein großes Rätselraten, wer als Erbe eingesetzt wurde.
Dabei dürfte ein nennenswertes Baroermögen kaum vorhanden sein. Der Gutshof mit dem dazugehörigen weitläufigen Grundbesitz stellt zwar einen beträchtlichen Wert dar, aber cs ist alles in den letzten Jahren ein wenig vernachlässigt worden. Der alte Grützmacher hat sich nicht mehr viel um die Wirtschaft gekümmert, und sein Verwalter, der gute Vater Schmidt, folgte in allem den Fußtapfen feines Herrn.
Um auf Peter zurückzukommen: ich hätte gar nicht gedacht, daß er einer so romantischen Liebe fähig ist. Daß man sich überhaupt in jemand verlieben kann, den man gar nicht kennt? — Na, es wird mir schon gelingen, ihn wieder zur Vernunft zu bringen!
Immerhin hätte ich gerne gehört, welchen Eindruck Du selbst von dieser Gisela Mertens gewonnen hast. Warum schreibst Du nichts darüber, nachdem Du sie doch kennenlerntest? Irgendeine kleine Stenotypistin also, und arm wie eine Kirchenmaus! Das könnte sie mir eigentlich sympathisch machen,I
aber nachdem bereits dieser Herr Radegast seine Fittiche über sie gebreitet hat, ist es wohl am besten, wenn wir unserem Peterle weitere seelische Erschütterungen ersparen.
Ich werde gleichzeitig auch an Peter schreiben und ihn mit der ganzen Scheinheiligkeit, deren ich fähig bin, nach Hengersdorf einlaben. Damit er uns eher auf den Leim geht, habe ich mir einen netten kleinen Schwindel ausgedacht. Ich werde ihm schreiben, daß ich in meinem neuen Roman ein chemisches Problem behandle und dazu seines fachmännischen Beistandes bedarf. Es sollte mich sehr wundern, wenn er darauf nicht hereinfiele. Wie ich mich nachher aus der Verlegenheit ziehe, mag der Himmel wissen. Schließlich haben wir Schriftsteller ja immer bie schone Ausrede, daß wir gerade nicht in Stimmung sind.
2ch hoffe, recht bald eine zustimmende Antwort ZU erhalten. Es ließe sich dann so einrichten, daß ich selbst nach Berlin komme und mir den Patien- ten hole. Und ich glaube Dir, meine Liebe, schon heute versprechen zu dürfen, daß ich den jungen Mann nach drei ober vier Wochen als geheilt aus meiner Behandlung entlassen kann.
Deine Lore Jasper."
„Das wäre in Drbnung!" lachte Heli und wog den zweiten, noch uneröffneten Brief in ihrer Hand, der nut der gleichen Post gekommen mar. Sie legte ihn auf Peters Schreibtisch, während sie das an sie gerichtete Schreiben in den tiefsten Grund ihrer Nahschatulle versenkte. Das war der einzige Ort, wo es vor Entdeckung sicher war.
Als sie später den Heimgekommenen begrüßte — man hatte sich längst wieder versöhnt —, roies sie mit betont unschuldiger Miene auf den Schreid- t'sch „Von Lore Jasper ist ein Brief für dich gekommen. Sehr verdächtig, finde ich. Sieh mir ins Auge, ich will feststellen, ob du ein reines Gewissen hast!
"Rein wie ein frischgewaschenes Taschentuch! — Aber du fragft mich ja gar mcht, ob mein Gesuch bewilligt wurde?
„Nun?" forschte sie, während sie die Antwort schon aus seiner frohgestimmten Mene las Bewilligt, vermute ich!"
„Jawohl, vier Wochen! Herrlich, was? — Man machte mir nicht die geringsten Schwierigkeiten, im Gegenteil, Direktor Wießberg zeigte sich äußerst verständnisvoll. Es sei selbstverständlich, sagte er und decke sich völlig mit den Interessen des Konzerns, wenn ich zunächst einmal gründlich ausspannte und neue Kräfte sammelte. Uebrigens werden wir uns in absehbarer Zeit trennen müssen, Heli!"
Sie erschrak. „Trennen? Wieso?"
„Man hat mir — vorerst vertraulich — bedeut- fame Eröffnungen gemacht. Für die Auswertung meiner Erfindung soll eine neue Fabrik errichtet werden. Berlin kommt dafür so gut wie nicht in tfrage. Erstens sind die Grundstücke hier zu teuer, und zweitens sind wir in Berlin zu weit von den Rohstoffguellen entfernt. Die Fabrik soll möglichst in einer Gegend errichtet werden, wo wir Kohlenbergwerke in der Nähe haben."
„Hm, da wäre doch unsere Heimat sehr günstig?"
„Ich habe auch schon daran gedacht. Es wäre sehr schön, wenn sich das einrichten ließe."
Dann las er den Brief von Lore Jasper.
„Das ist ja ein großartiges Zusammentreffen. Klar, machen wir. Ohne weiteres einverstanden."
Helis Miene war von überzeugender Unschuld. „Willst du dich nicht deutlicher ausdrücken? Oder darf man nicht wissen, was ihr beide für Komplotte schmiedet?"
„Lore ladet mich nach Hengersdorf ein. Ich soll ihr helfen, einen chemisch beeinflußten Roman will sie schreiben. Zwar wollte ich in den vier Wochen nichts von chemischen Formeln wissen, aber sie wird es schon nicht zu toll treiben."
„Wie? Bei ihr sollst du wohnen, in ihrem Haus? Das kann ich nicht zugeben!" Helis Entrüstung wirkte so echt, daß Peter sie ganz verdutzt anschaute.
„Das hieße den Wolf in den Schaf stall sperren! Du bist imstande und verdrehst dem armen Mädchen den Kopf!"
„Es konnte mich reizen!" lachte Peter übermütig. „Komm, sei lieb und telegraphiere ihr, daß ich zur Abholung bereitstehe! — Ach du, ich kann dir nicht sagen, wie ich mich freue, unser altes Hengersdorf wiederzusehen!"
„Und Fräulein Jasper vor allem! Tu nur nicht so"
„Ich hoffe nicht, daß du etwas gegen sie hast. Ich finde sie fabelhaft."
Heli lächelte. Die Sache mit Gisela Mertens durste man wohl als erledigt betrachten. Mochte sie mit ihrem Herrn Radegast glücUich werden!
32.
Ein alter Herr in einem schlecht sitzenden schwarzen Anzug und mit grauen Bartkoteletten eilte an den haltenden Wagen und half den Insassen beim Aussteigen.
„Guten Morgen, Schmidt! Das richtige Wetter heut, wie? Alles in Ordnung?"
„Gewjß, Herr Notar. Ler Herr Pfarrer ist eben angekommen. Die Herrschaften warten im Erker- zimmer."
(Fortsetzung folgt!)


