M. 269 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Donnerstag, i7.November (938
spricht am heutigen Donnerstag um 20.30 Uhr im großen Hörsaal der Universität Prof. Dr. Brügge-
mann über das obengenannte Thema. Zu diesem
das heißt vor dem Einseifen. Nivea-Creme gibt geschmeidige, gut rasierfähige Haut, die weder spannt noch aufspringt
leben gewinnen.
Gewiß waren die Klagen der beteiligten Kreise in den vergangenen Jahren vielfach allzu berechtigt, daß Radio und Grammophon das eigene aktive Musizieren zurückdrängten. Dieses Stadium scheint in letzter Zeit doch überwunden zu sein, ja, es ist durchaus denkbar, daß auch das häusliche Musizieren gerade durch die Rundfunkdarbietungen neue An- 'regungen erfährt, sei es durch das Kennenlernen neuer Werke, oder durch die voUendete Wiedergabe bereits gespielter Werke, und nicht zuletzt auch durch die Erschließung von Möglichkeiten, die in den einzelnen Instrumenten liegen.
Daß unsere Jugend schon frühzeitig als tätiges Mitglied der musizierenden Gemeinschaft zugeleitet werden soll, dafür hat sich in den letzten Jahren mit immer größerem Nachdruck die Reichsführung der HI. eingesetzt. Und das mit allzu naheliegender Berechtigung, denn die Zahl derer, die absolut unfähig waren, selber Musik ausübend zu treiben, ist derart verschwindend klein, daß wohl in den meisten Fällen bei denen, die der Musik fern bleiben» nur eine gewisse Bequemlichkeit zu überwinden wäre.
Die deutsche Schule tritt darum auch für die Pflege der Hausmusik und für das aktive Musizieren ausdrücklich ein und sucht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu fördern und zu privatem Musikunterricht anzuregen.
Daß diese private Musikerziehung in der Größe ihrer Verantwortlichkeit voll erkannt und in ihrer praktischen Durchführung zu sehr beachtlichem Erfolge geführt wurde, bekräftigte überzeugend der Ausschnitt, den die Fachschaft III (Musikerzieher) der Kreismusikerschaft Gießen in der Reichsmusikkammer am Tage der deutschen Hausmusik der Oeffentlichkeit unterbreitete.
Das war nicht eine Vorspielstunde, wie man sie in zurückliegenden Jahren hier und da in den einzelnen Musikschulen allerorts beobachten konnte, sondern hier zeigte sich durchweg ein starker Wille zum Musizieren. Nicht Angelerntes und Angedrilltes bestimmten das Bild, sondern die notwendigen technischen Grundlagen waren soweit und so gründlich gefördert, daß nun die Freude und das Gelingen im Gestaltenkönnen den Einzelnen zum Musikerleben hinführte. Selbstverständlich spricht namentlich bei den Jugendlichen die einzelne Individualität mit; der eine steht noch stärker im Banne der Anregungen seines Lehrers, der andere läßt darüber hinaus schon das Wachwerden und freie Wirken eigener musikalischer Kräfte erkennen. Dabei war es dem Zuhörenden äußerst lehrreich, zu beobachten, wie der wachsende Musikwille durchaus nicht an die Zahl der Lebensjahre gebunden erscheint, ebenso auch
Beethoven konnte man hier als ein Musterbeispiel häuslichen Musizierens ansehen, wie auch etwa Beethovens Duo für Viola und Violoncello, die beide je einen Programmteil einführten: den ersten mit seinen mehr volkstümlichen und der Jugend nahestehenden Gaben, der zweite Teil eine Brücke schlagend zu den Vortragsfolgen der öffentlichen Konzertveranstaltungen.
Phrasierung und die Durchbildung des Technischen waren durchweg äußerst sorgfältig behandelt; selbst schon bei den kleinen „Pianistinnen" war z. B. ein sehr sauberes Stakkatospiel festzustellen. Ebenso zeigten die Geiger eine systematische Entwicklung der Bogenführung, in einzelnen Fällen durch ein ausgesprochenes Talent für die Geige unterstützt. Wie der Grad des Fortschrittes schon einer ansehnlichen Reife zusteuert und sich die eigene Persönlichkeit im Musizieren zum Durchbruch meldet, das bezeugte die Wiedergabe von Bachs e-moIl-Tokkata, ebenso wie Robert Schumanns „Carnaval" in der Vielfältigkeit seiner Szenenfolge.
Ein so umfangreiches Werk wie das letztere mit einer Spieldauer von etwa 35 Minuten überstieg die Aufnahmefähigkeit der zum Teil noch jugendlichen Zuhörer, die bereits schon eine fast zweistündige Aufführung angehört hatten; für zukünftige Veranstaltungen wird man durch geeignete Wertewahl dem entgehen können. So kam diesmal die musizierende Gemeinschaft des BDM. mit ihrer Blockflöten- und Streichergruppe leider nicht voll zu der ihr zustehenden Geltung; im Rahmen des ersten Teiles der Vortragsfolge hätte die geistige Nähe der drei „altösterreichischen Tänze" zu den auf gleichem Boden gewachsenen Werken von Franz Schubert diesen Gaben eine noch stärkere Unmittelbarkeit der Auswirkung gegeben.
Das sehr erfreuliche Bild dieses Abends wird allen ein Ansporn sein für weiteres Streben; denn „es ist des Lernens kein Ende" (Robert Schumann).
Dr. H. Hering.
Se. Magnifizenz der Rektor Professor Dr. S e i - ser kennzeichnete den Abend als einen festlichen Auftakt zu gemeinsamer Arbeit. Er wies darauf hin, daß Deutschland keine Aufstellung einer Wertskala für die Völker unserer Erde wolle, etwa vom Rassischen her. Deutschland wünsche jeder völkischen Kultur die Erhaltung, damit das Gesamtkulturbild unserer Erde nicht ärmer werde. Er schloß mit dem Wunsche, daß der Aufenthalt der ausländischen Studierenden für sie und für uns Früchte tragen und zu herzlichen Bindungen und Freundschaften führen möge.
Der Leiter der Akademischen Auslandsstelle, Mahr, gab zur Kenntnis, in welcher Form den ausländischen Gästen die Möglichkeit gegeben sei, in der Studetenschaft Anschluß zu gewinnen und zu einem Eindruck von unserem deutschen Wesen zu gelangen.
Oberbürgermeister Ritter hieß die ausländischen Studierenden im Namen der Stadt Gießen auf das herzlichste willkommen und gab dem Wunsche Ausdruck, daß sie sich in unserer Stadt und ihrer schönen Umgebung wohlfühlen möchten. In kurzen Zügen streifte dann der Oberbürgermeister die deutsche Stellung zum Judentum und kennzeichnete den notwendigen Abwehrkampf gegen die Angriffe der jüdischen Rasse.
Einer der ausländischen Gäste brachte dann in feiner Form den Dank für die gastfreundliche Aufnahme zum Ausdruck.
In schöner Kameradschaft blieb man bei angeregter Unterhaltung noch manche Stunde beisammen. Da sich im Kreise der Teilnehmer an dieser Feier viele befanden, die eine oder mehrere Sprachen beherrschten, anderseits die ausländischen Gäste deutsch zu verstehen vermochten, war auch für sie der Abend ein schönes Erlebnis.
nicht an den Gegensatz der Geschlechter.
Daß gerade Franz Schubert und Robert Schumann im Vordergründe standen, ist vollauf berechtigt, denn beider Musik ist ja gerade für das Musizieren im engeren Kreise gewachsen. Daß aber neben der Musik für Jugendliche auch Werke für den Reiferen und Gereifteren die Vortragsfolge r bereicherten, war überaus dankenswert. Den ersten . 1 Satz aus dem Streichquartett op. 59, 1 (F*dur) von
Im Rahmen einer kleinen Feier im Studentenhaus wurden am gestrigen Mittwochabend die ausländischen Studierenden unserer Universität herzlich begrüßt. Erfreulicherweise ist in diesem Jahre die Zahl der ausländischen Studierenden in Gießen größer, als in den vorausgegangenen Jahren. Die Universität Gießen kann in diesem Jahre Studentinnen und Studenten aus USA., Irland, Frankreich, Jugoslawien und China als ihrer akademischen Gemeinschaft zugehörig betrachten. Zu der Begrü- zungsfeier fanden sich u. a. Se. Magnifizenz der Rektor, Professor Dr. S e i s e r, Oberbürgermeister Ritter und Beigeordneter Vogt, ferner Dozenten der Universität, der Studentenführer und die Kameradschaftsführer der studentischen Kameradschaften ein, um einige Stunden mit den ausländischen Studierenden in kameradschaftlicher Weise zu verbringen.
Der Leiter des Seminars für englische Philologie, Professor Dr. W. Fischer, hielt die Begrüßungsansprache. In kurzen Darlegungen sprach er über die wertvolle Arbeit der akademischen Austauschstelle in Gießen, die den ausländischen Studierenden zur Seite stehe und ihnen rasche Verbindung mit unserer Universität gewinnen 'lasse. Schließlich sprach Professor Dr. Fischer über die große Bedeutung des Akademischen Austauschdienstes, durch den auch deutschen Studierenden die Möglichkeit gegeben werde, die Universitäten des Auslandes kennenzulernen. Gegenwärtig weilen zwei Gießener Studenten in USA., ein Forstmann in Finnland und einige Medizinalpraktikanten in Südosteuropa. Die Bestrebungen gehen dahin, unter dem Grundsatz strenger Auslese diese Austauscharbeit zu erweitern. Er schloß mit dem Wunsche, daß es den ausländischen Studierenden an unserer Universität gelingen möge, unserem deutschen Volke nahezukommen und es in seinen Lebensformen kennenzulernen.
Vortrag sind alle Volksgenossen herzlich eingeladen.
Vortrag im Oberhessischen Geschichtsverein.
Morgen, Freitagabend, veranstaltet der Oberhessische Geschichtsverein in der Aula des Gymnasiums einen Vortrag über „Familienwappen".
Sudetendeutsche Feierstunde.
Der Goethe-Bund und Kaufmännische Verein veranstaltet, wie man uns mitteilt, in Verbindung mit dem VDA., Ortsgruppe Gießen, am Montag, 21. November, eine sudetendeutsche Dichterstunde. Gottfried Rot Hacker und Friedrich Bodenreuth werden aus eigenen Werken lesen. Beide Dichter haben in ihren Büchern den Kampf und die Not sudetendeutscher Heimat geschildert. Wenn dieser Dichterabend dem sudetendeutschen Schrifttum gewidmet ist, so gilt der Gruß aller Teilnehmer dieser Stunde nicht allein den beiden Dichtern, sondern auch ihrem befreiten Heimatland-.
HZ., Bann und Zungbann 116.
Sozialstelle.
Am Sonntag, 20. November, 8.30 Uhr, findet im Sitzungssaal der Deutschen Arbeitsfront, Gießen, Schanzenstraße 16, eine Mitarbeiterbesprechung der Sozialstelle des Bannes und Jungbannes 116 statt. Hieran haben teilzunehmen: Sämtliche Sozialreferenten der Stämme und Jungstämme, sämtliche Sozialwarte der Gießener HI.- und DJ.-Einheiten und die Mitarbeiter der Sozialstelle.
Bekruten rücken ein.
Heute bekommen unsere Gießener Kasernen Zuwachs durch die Rekruten. Anderseits haben sich zahlreiche junge Männer von hier bereits mit den ersten Frühzügen aufgemacht zur Fahrt in ihre Garnisonen. Das bekannte Rekrutenköfferchen an der Hand, im übrigen möglichst frei und unbeschwert, so zogen und kamen die jungen Männer daher, die nunmehr in der bewährten Schule unserer Wehrmacht zu tüchtigen Soldaten und ganzen Männern erzogen werden sollen. Die ersten größeren Rekruten
Dornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Volksbildungsstätte und NSD.-Dozentenbund:' 20.30 Uhr im großen Hörsaal der Universität, Prof. Dr Brüggemann, Vortrag „Die Bedeutung normaler Nasenatmung". — Stadttheater: 20 bis 22 Uhr Erstes Orchesterkonzert des Städt. Orchesters mit der Solistin Maria Neuß. — Gloria-Palast (Seltersweg): „Stärker als die Liebe". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Frau Sixta". — Oberhessischer Kunstverein: 16 bis 18 Uhr Ausstellung „Das alte und neue Gießen" im Turmhaus am Brand.
Erstes Orchesterkonzerl im Stadttheater.
Heute abend, 20 Uhr, findet das erste Orchester-, konzert des großen städtischen Orchesters in Verbindung mit dem Konzertverein (1. Platzmiete-Konzert) im Stadttheater statt. Als Solistin wurde Marin Neuß, Berlin (Violine), verpflichtet. Die Leitung des Konzertes hat Professor Stefan T e m e s v ä r y. Das Programm sieht vor: Pfitzner: Scherzo für Orchester; Mozart: Violinkonzert in A-ckur; Brahms: Vierte Symphonie in e-molL Ende 22 Uhr.
„Die Bedeutung normaler Nasenatmung."
Im Rahmen der von der Dolksbildungsstätte Gießen und dem NSD.-Dozentenbund veranstalteten Vortragsreihe „Wissenschaft im Dienst am Volk"
3m Geiste gegenseitiger Wertschätzung
Begrüßung der ausländischen Studierenden.
Aus der Stadt Gießen.
Tag der Hausmusik in Gießen.
Hausmusik erwächst aus den Wurzeln häuslicher Gemeinschaft und ist somit an die Tiefe und Ausdauer der inneren Bande der Familie geknüpft. Wo im Hause musiziert wird, da prägt sich ein gleichgerichtetes Wollen aus, das in Einstimmung aufeinander gemeinsam das Werk zum Klingen bringt und gemeinsam das Werk innerlich verarbeitet und erlebt. Je ausgeglichener die Harmonie zwischen den zum Hause Gehörigen ist, desto ersprießlicher wird das häusliche Musizieren sein.
Die Ausrichtung auf das Werk hin schafft eine verbundene Gemeinschaft der Beteiligten, die ebenso entscheidend ist für das Gelingen des Musizierens, wie die Auswahl der Werke, die sich nach dem geistigen Jnteressenkreis ausrichtet. Das allgemeine Hineinwachsen in die Aufgabe wird eng verbunden sein mit der Möglichkeit der beteiligten Ausdrucksmittel und der Vielseitigkeit der verfügbaren Instrumente.
Hausmusik, im engsten Sinne gesehen, treibt die musizierende Familie. Würde sie nur in den Händen der Eltern liegen, so bliebe sie auf diese Generation beschränkt. Darum wird das Kind, sobald ihm die Möglichkeit gegeben ist, zum aktiven Mitmachen herangezogen werden. Die Weiterentwicklung der Leistungen wird oftmals sichtlich durch den Anteil am häuslichen Musizieren gefördert, und so kann die Hausmusik durch die Mithilfe der Heranwachsenden oft sehr beträchtliche Gebiete umfassen und sich mit Vielseitigkeit des instrumentalen Anteils reich entfalten.
Je weiter sich die Fähigkeiten steigern, desto mehr wird die Hausmusik sich auch den Werken zuwenden können, die sonst meist nur dem öffentlichen Musizieren im Konzert Vorbehalten sind. Wenn sich dann aus dem Kreise befreundeter Familien die Be- fähigsten noch besonders zusammenschließen, dann "stehen ihnen die Möglichkeiten offen, Werkgruppen, die sonst nur vereinzelt im öffentlichen Programm erfcheinen, in ihrer Gesamtheit zu erarbeiten; und das gerade oft mit einem wahrhaft fanatischen Eifer. So kannte ich eine Ströichquartettgruppe, die sich in jahrelangem Bemühen in die letzten Streichquartette Beethovens hineinlebte.
Die Pflege der Geselligkeit wird durch die Hausmusik nicht nur belebt, sondern auch an innerer Vertiefung bereichert. Hausmusik will und soll auch nicht ein Zur-Schau-stellen von Leistungen fein. Sie muß sich frei von Eitelkeit nur dem Werk ergeben, ohne dabei den Ansporn, der im Gelingen und in der Steigerung der Leistung liegt, vermissen zu lassen. Deün Hausmusik treiben, heißt Musik aus innerer Bereitschaft und um der Sache willen lieben.
Wer so aus eigener Arbeit aktiven Anteil an der Musik erlebt hat, der wird dann um so aufgeschlossener der Musik gegenüberstehen, die ihm in der Oeffentlichkeit entgegentritt. Je reger die Hausmusik sich betätigt, um so mehr wird das öffentliche Musik-
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Der australische Mensch.
Von Heinrich Hauser.
„Die gesamte australische Geschichte ist eine Geschichte der Entdeckungen gewesen, und als größte von allen Entdeckungen haben die Australier sich selbst als Volk entdeckt."
W. K. Hancock, Geschichtsprofessor an der Universität Birmingham.
Der eingewanderte Großvater eines jungen Australiers von heute hat noch von sich gesagt: „Ich bin Schotte", der Vater: „Wir sind schottische Australier" — der Enkel denkt und fühlt als Austra- , lier und nichts anderes. Dabei ist die Webe zu dem alten Mutterland sehr stark. Australische Menschen reden von England als der „Heimat", obwohl sie nie dort gewesen sind; es ist dieselbe Art von Hermatgefühl, wie sie etwa die neugeborenen Zugvogel 1 in sich tragen mögen, instinktiv, obwohl sie noch nie in Afrika gewesen sind. Mit diesem Gefühl steht im Zusammenhang ein beharrliches Festhalten von englischen Sitten und Gebräuchen. So wird '.n 9?n3 Australien am Weihnachtsabend der Plumpudding verzehrt; Weihnachten fällt in die Zeit der größten Sommerhitze, und der heiße, bleischwere Plumpuü- dinq in seiner brennenden Sauce ist wohl ungefähr das unbekömmlichste Gericht, was sich unter diesem glühenden Himmel nur erdenken läßt. Aber wenn auch der Mensch im Schweiße vergeht, der Plum- Pudding besteht. Genau so ist es mit den mrttel= alterlichen Perrücken der englischen Richter; sie slno nun einmal zusammen mit dem englischen Recht nach Australien eingewandert, und sie sind geblieben; was viel verwunderlicher ist als ihr Fortleben im Mutterland. Sentimental ist auch die Anhänglichkeit des australischen Bürgers ganz gleich welcher Partei an das englische Herrscherhaus; im materialistischen Zeitalter der Vergangenheit waren auch wir Deutschen viel zu geneigt, solche „Sentimentalitäten" gering zu schätzen. Auf diesem sentimentalen Gefühl indessen beruht heute zum allergrößten Teil der Zusammenhang des britischen Weltreichs.
Trotzdem sind die Anfänge des australischen Nationalismus begründet im Gegensatz zum Mutterland. Australischer Nationalismus war zunächst em negatives Gefühl, war Ablehnung von Vormundschaft; war Auflehnung „gegen das Diktat des Bo- tenjungen vom Koloni'alamt"; zu einem echten völkischen Bewußtsein war der Weg noch weit. Erst als die sechs Kolonien sich zum Staatenbund zusammengeschlossen hatten, entstand die Vorstellung von einer „australischen Rasse". Unter dem Einfluß
des anderen Klimas und der anderen Lebensweise glaubte man bereits einige kennzeichnende körperliche Veränderungen zu beobachten. Die Körpergröße stieg, die Kinder reisten schneller heran, die Köpfe wurden schmäler, der Haarwuchs dunkler. Die Bewegungen schienen langsamer zu werden, dem südlichen Klima angepaßt; es zeigte sich ein „australisches Gesicht", schmal, scharfgeschnitten mit fest geschlossenen Lippen, Muskulatur um den Mund, mit hoher Stirn, scharfer Nase und energischem Kinn.
Anfangs hatte sich das kleine Häufchen der Europäer in der fremden Wildnis verloren gefühlt, man war verschlagen, ausgestoßen, ausgesetzt, was ja auch ganz buchstäblich zutraf für die Sträflinge; Sehnsucht nach der verlorenen Heimat war das überwiegende Gefühl, das alle Lebensäußerungen prägte. Aber schon die ersten Kinder, die im Land geboren wurden, wuchsen vertraut auf mit einer Natur, die noch den Vätern nur fremd und feindselig erschienen war. Man begann stolz zu sein auf das Land, das man erobert hatte, eine Rodung im Urwald, eine neue Straße, Haustiere auf den Weideflächen der Känguruhs, das war Kampf und Sieg. In den australischen Boden sickerte Schweiß und das Blut der Pioniere; damit bekam der weiße Mann ein Recht auf dieses Land, er fühlte, daß es ihm gehörte, er wurzelte, wurde Gewächs dieses Bodens und damit em Mensch van eigener Art: Die Nabelschnur zwischen ihm und dem Mutterland $ Dos noch halb traumhafte völkische Gefühl erwachte zu vollem Bewußtsein erst im Weltkrieg. Nicht für die englischen Kriegsparolen zog die australische junge Mannschaft über Weltmeere ins Feld — denn wo war sie denn für Australien, die angebliche „deutsche Gefahr"? Nicht der Verstand lieferte die Triebkraft, sondern das Gefühl: „Right or wrong, my country“ (Recht ober Unrecht — mein Land!), die ganz irrationale, „sentimentale" Liebe zum Mutterland. Das australische Expeditionskorps bestand ganz aus Freiwilligen; in zweimaliger Abstimmung hatte das Land während des Krieges die allgemeine Dienstpflicht abgelehnt. Moralischer Druck wirkte stärker als alle Zwangsmaßnahmen: Wehrfähigen Männern, die sich nicht freiwillig meldeten, wurden von australischen Frauen „weiße Federn der Feigheit" öffentlich angesteckt.
Zum erstenmal kamen geschlossene australische Volksgruppen in Berührung mit europaychen 2501= fern, in erster Linie mit den Soldaten des Muttes land'es, und es zeigten sich sehr große Unterschiede. Englische Beobachter berichteten, daß der australftche Soldat hoher gewachsen, kräftiger, besser aussehend, stolzer und mit gesunderen Nerven begabt fei als
der englische. Er war auch schneller im Handeln und im Entschluß, und besser war auch seine Allgemeinbildung.
Schwer dagegen fiel diesen Soldaten die militärische Disziplin; einen sehr kennzeichnenden Zug liefert die folgende Geschichte: Soldaten einer australischen Kompanie sitzen in Ruhestellung hinter der Gallipoli-Front beim Tee. Es kommt ein hoher Offizier vorbei, grüßt die Soldaten und bemerkt zu dem einen, dem es durchaus nicht einfällt, aüfzu- stehen: „Heißer Tag heute." — Der Soldat, kaum aufsehend von seinem Feldbecher: „Hm, verdammt heißer Tag." — Der Offizier geht weiter; der angeredete Soldat wendet sich an einen Kameraden: „Wer war'n der Kerl?" — „Mensch, das war doch der General!" — „So, war das der General? Ich hab'n nicht gekannt: aber er tat ja so, als ob er mich kennen täte."
Sie haben gekämpft für eine Sache, die sie nicht verstanden. Sie kehrten heim — enttäuscht; soldatisch ausgedrückt: „Sie hatten die Nase voll" von Europa, und das australische Volk hatte sehr viel Blut vergossen, das viel nutzbringender im eigenen Lande hätte verwendet werden können. Der große Gewinn des Weltkrieges war für das australische Volk die Erkenntnis seiner völkischen Eigenart, der Gewinn eines echten Nationalgefühls.
Australien hat im Weltkrieg feinen Durchbruch zur Nation erlebt, während wir nach dem verlorenen Krieg in ein Chaos geraten sind, aus dem wir uns erst 1933 wieder als Nation erhoben.
Das Leben in Australien ist ein ständiger Kampf mit einer phantastischen, widerspruchsvollen Natur. Sieg und Niederlage, Armut und Reichtum wechseln schnell. Dies Leben hat dem australischen Menschen das Wesen des Sportmanns und des Spielers im guten Sinne verliehen. Spekulation in Land, in Herden, ist ein Spiel, bei dem der junae Australier niemals entscheidend verlieren kann: Wenn er gewinnt, so gelangt er zu großem Wohlstand, wenn er verliert, so ist seine Lage niemals hoffnungslos; er kann immer leicht den Lebensunterhalt verdienen. Die Auffassung vom Leben als Spiel führt zu einer eigentümlichen Geisteshaltung: Man ist gleichgültig gegen das Auf und Ab der äußeren Erfolge. Man 'ist immer bereit zu wagen. Aber eben darum ist man auch nicht ausdauernd und verabscheut die Langeweile des Alltags. Der Australier ist Individualist bis zum äußersten, inmitten einer beständig sich wandelnden Umwelt ist sein Leben ein beständiges Abenteuer.
Darum hat er auch keine Autoritätsgläubigkeit. Für uns ist ein Gesetz oder ein Vertreter des Staats von vornherein Autorität, Der Staatsbeamte wird
respektiert, weil er Beamter ist und das Gesetz als Gesetz. Dem Australier aber gilt ein Gesetz als eine zeitweilige Maßnahme zur Ueberroinbung einer zeitweiligen Schwierigkeit, ein Werkzeug, um die Ordnung aufrecht zu erhalten, nicht anders als ein Besen. Darum wird das Gesetz dort drüben nur respektiert als Mittel zum Zweck, aber nicht darüber hinaus. Staatsdiener wie Polizisten, Soldaten, Steuer, beamte erhalten verhältnismäßig kargen Lohn und wenig Anerkennung. Sie sind nicht geschlossene Stände, sondern gelten eher als etwas minberb-e- gable Menschen, zu wenig tüchtig, um in der privaten Wirtschaft fortzukommen. Einem bloßen Beamtentitel öffnet sich kein australisches Privathaus wie bei uns. Der Regierungsbeamte t)at kein besonderes Ethos, er tut seinen Dienst unter keinem anderen Gesichtspunkt als der Angestellte eines Wa- renhauses; ebenso hat die Uniform kein besonderes Ansehen und wird darum auch außerdienstlich nicht getragen.
Intelligenz und Erziehung finden sich in Arbeiterkreisen fast ebenso häufig wie in den Oberschichten. Die australische Gesellschaft ist noch nicht fest gegründet, sie ist praktisch klassenlos und wird es wohl auch noch lange bleiben.
Lochschulnachrichfen.
Der em. o. Professor Dr. Franz Dolhard (innere Medizin) an der Universität Frankfurt, wurde von der Medizinischen Fakultät der chilenischen Staatsnniversität Santiago zum Ehrenmitglied ernannt. Die gleiche Ehrung wurde Professor Dr. Paul Hübschmann, Direktor des Pathologischen Institutes der Medizinischen Akademie Düsseldorf, zuteil.
Aus Anlaß des 19. hannoverschen Hochschultages wurde in einer Festsitzung durch Rektor und Senat Professor Focke (Bremen) zum Dr.-Jng. h. c. der Technischen Hochschule Hannover ernannt. Der Reichsminister für Erziehung und Volksbildung hat zu dieser Ehrung seine Zustimmung erteilt. Professor Dr. Hase würdigte das Lebenswerk von Professor Focke, der an der hannoverschen Hochschule seine Ausbilbung erhielt. Nach bem Kriege, in dem Profesor Focke einige Jahre an der Front kämpfte, nahm er gemeinsam mit seinem Kriegskameraden Wulf den Ban von Flugzeugen auf. Weiter erinnerte der Redner an den Bau der „Möve" und der „Ente", die sich im Dienst der Lufthansa bewährten, an die Schaffung des Winbkanals und weiter an die Herstellung des Hubschraubers. Diese letzte hervorragende Leistung habe erst im vorigen Jahre den Ruf dcs deutschen Flugwesens in alle Welt getragen.


