keit sm ed aille und trug weiterhin in der entsprechenden Spalte verschiedene Materialschlachten ein. Die Ehrenzeichen kaufte er sich und trug sie bis in das Jahr 1937. Als durch den Führer das Frontkämpferkreuz gestiftet wurde, kam er auch zwangsläufig unter Vorlage seiner gefälschten Abschriften um dieses Ehrenzeichen ein. Es wurde ihm verliehen, und er legte es auch an.
Die Delikte des Angeklagten, der seinen dienstlichen Obliegenheiten mit großem Eifer nachkam, wären vielleicht nie entdeckt worden, wenn er seiner Direktion nicht plötzlich durch übermäßige Ausgaben ausgefallen wäre.
Das Gericht verurteilte den Angeklagten wegen schwerer Urkundenfälschung, wegen Gebrauchmachens einer Falschurkunde und wegen Vergehens gegen § 6 Zisf. b des Gesetzes über Titel, Orden und Ehren
zeichen unter Zubilligung mildernder Umstände zu einer Gefängnis st rafe von 1 Jahr 6 M o- naten. Nur dem Umstand, daß er sich jahrelang gut geführt hatte, hat er es zu verdanken, daß er nicht eine empfindliche Zuchthausstrafe erhielt. Der Angeklagte hatte weiterhin 12,50 RM. der Portokasse entnommen, aber dafür einen Entnohmebeleg in die Kasse gelegt. Das Gericht hielt den Tatbestand der Untreue in subjektiver Beziehung nicht für gegeben und sprach den Angeklagten insofern frei.
Da der Angeklagte das Urteil onnahm und der Staatsanwalt auf die Einlegung von Rechtsmitteln verzichtete, wurde die Entscheidung sofort rechtskräftig. Soweit der Angeklagte verurteilt wurde, hat er außerdem die Kosten des Verfahrens zu tragen.
Aus der engeren Heimat.
Dom Erntewagen überfahren und getötet.
-4- Grü.nberg, 16. Aug. Ein hiesiger Landwirt hatte heute einen Wagen Roggen bei der Dreschmaschine quf dem Felde dreschen lassen. Mit den Fruchtsäcken und dem Stroh auf dem Leiterwagen wollte er in die Scheuer einfahren. Die Einfahrt führt, durch eine enge Straße und ist daher mit einem ^Erntewagen schwierig. Um das Hängen- bleiben des Wagens an einer Hausecke zu verhindern, griffen der 68jährige Hermann Rühl I. und ein weiterer Mann am linken Hinterwagen an und wollten den Wagen zur Seite ziehen. Unglücklicherweise rutschte Rühl aus und kam unter das Rad, das ihm über Leib und Brust ging, so daß er nach kurzer Zeit ver - st a r b. Der Fuhrmann, der sich bei seinen Pferden befand, hatte den Vorgang nicht bemerkt.
Umfassende Sportstätte für Butzbach geplant.
* Butzbach, 16. Aug. Da in unserer Stadt eine größere zweckentsprechende Sportstätte fehlt, beschäftigt sich die Stadtverwaltung schon seit geraumer Zeit mit dem Gedanken, eine Anlage zu schaffen, die den Forderungen unserer Zeit entspricht und auch in Butzbach eine Betätigung auf dem Gebiete der Leibesübung auf breiter Front zuläßt. Nunmehr sind die ersten Schritte durch die Stadtverwaltung getan worden. Die Platzfrage ist geklärt. Die neue Sportstätte soll am Vogelsang, also zwischen der Cleeberger Straße und der Hinden- burgallee erstehen. Die Geländewahl hat auch bereits die Zustimmung der ßanbesregierung gefunden. Dtzr Plan in seinen großen Zügen sieht vor, daß das eigentliche Sportfeld nahe dem Waldrand ersteht, etwas unterhalb, getrennt vom Sportfeld, aber doch einbezogen in den gesamten Komplex, soll das Schwimmbad gebaut werden. Man wird besonderen Wert darauf legen, die neue Sportstätte günstig dem Landschaftsbild einzufügen.
Schadenfeuer vernichtet Erntevorräte.
Lpd. Büdingen, 16. Aug. Durch ein großes Schadenfeuer in dem Anwesen des Land- und Gastwirts Jakob Riefer in Leisenwald wurden nahezu die gesamten Erntevorräte ein Raub der Flammen. Das Feuer, das um Mitternacht aus- brach, verbreitete sich rasch über das ganze Wirtschaftsgebäude. Der Saal der Wirtschaft wurde schwer beschädigt, während das Wohnhaus gerettet werden konnte.
Bei der Arbeit schwer verunglückt.
ch Nieder-Gemünden, 17. Aug. Der an der Reichsautobahn beschäftigte 47 Jahre alte Arbeiter Max Snitbert von hier erlitt bei seiner Arbeit an der Baustelle einen Unfall. Eine Lore fuhr ihm gegen den Leib, wobei er schwerste innere Verletzungen erlitt. Der bedauernswerte Mann wurde sofort in die Chirurgische Klinik nach Gießen gebracht. Der Zustand des Verunglückten ist bedenklich.
Dier Knaben in Lebensgefahr.
Dor dem Tode des Ertrinkens gerettet.
Hohensolms, 16. Aug. Als der hiesige Flurhüter Fr. K a u ß am vergangenen Sonntagnachmittag seinen üblichen Rundgang machte, kam er auch an den sogenannten „Neuen Weiher", einen Jischweiher, wo er an einer verbotenen, weil sehr tiefen Stelle, vier Knaben im Alter von 8 bis 10 Jahren baden sah. Obwohl die Jungep anscheinend des Schwimmens nicht kundig waren, wagten sie sich in das Wasser. Der Feldhüter sah sofort, daß die Knaben untergegangen waren und sich in größter Lebensgefahr befanden. Ohne sich lange zu besinnen, sprang er in voller Kleidung den Kindern nach und holte unter großer Mühe drei der Knaben aus dem Wasser. Zufällig kam ein weiterer Einwohner unseres Ortes, Willi Andre, hinzu und entriß den vierten dem nassen Element. Bei einem der Knaben mußten Wiederbelebungsversuche unternommen werden, die glücklicherweise von Erfolg begleitet waren. Nachdem der erste Schreck überwunden war, konnten die Kinder, die aus Erda stammten, nach Hause gehen. x
Zweilanggesuchtephotobetrügergefaßt
Lpd. Limburg a. d. Lahn, 16. Aug. In einem hiesigen Photohaus erschienen zwei Männer, die Interesse für einen Contax-Apparat im Wert von 450 Mark zeigten. Der Geschäftsinhaber traute dem Kauf nicht ganz und setzte sich mit der Polizei in Verbindung. Als sich diese der beiden Fremden an» nahm, stellte es sich heraus, daß man einen außerordentlich guten Griff getan hatte. Es handelte sich um zwei langgesuchte Photobetrüger, die in „Sicherheit" gebracht werden konnten.
Landkreis Gießen.
§ Lollar, 16. Aug. • Der Kaninchenzucht- verein Lollar und Umgegend im Reichsoerband der Kleintierzüchter hielt im Gasthaus „Germania" eine Versammlung ab, in der eine Reihe Fragen der Zucht zur Besprechung kamen. — Ein Unfall, der leicht schlimmere Folgen hätte haben können, trug sich hier zu. Ein etwa drei Jahre alter Junge lief in ein Auto, das ihn erfaßte. Außer einigen Hautabschürfungen scheint er glücklicherweise keinen Schaden davongetragen zu haben. — Die hiesige Kriegskameradschaft hielt im Vereinslokal am Samstagabend ihre Monatsversammlung ab.
* Londorf, 16. August. Der „Sicklerteich" (Gewann Hainstruth) in unserer Gemarkung, der zum Besitz der Familie der Freiherren Nordeck zur Rabenau gehört, ist durch eine Anordnung des Kreisamtes unter Naturschutz gestellt worden.
= Steinbach, 16. Aug. Am Montag gegen 5 Uhr ereignete sich auf der Reichsautobahn in der Gemarkung Garbenteich, kurz vor dem Zubringer Steinbach, ein D e r k e h r s u n f a l l. Ein Möbeltransportwagen aus Saarbrücken fuhr die Böschung hinunter und blieb, mit den Rädern nach oben, liegen. Der Lenker des Fahrzeuges und ein Fahrgast, der Besitzer der Möbel, konnten den Wagen nur durch das Fenster verlassen, hatten aber gleicherweise keine Verletzungen erlitten. Die Mobelein-
Jn einem neuen Erlaß vom 15. Juli 1938 ist nochmals zum Ausdruck gebracht worden, daß eine Steuerpflicht entfällt, wenn die Räume, in denen sich Empfangsanlagen befinden, lediglich Betriebsangehörigen und nur während der Arbeitszeit zugänglich sind. Darüber hinaus wird eine Vergnügungssteuerpflicht auch dann verneint, wenn sich die Anlagen in jedermann zugänglichen Räumen befinden, aber betriebsfremde Personen sich gewohnheitsgemäß nur kurze Zeit in diesen Räumen aufzuhalten pflegen.
** Derkehrsunsall. Am gestrigen Dienstag in früher Morgenstunde fuhr an der Ecke Rodheimer- Krofdorser Sttaße ein von Heuchelheim kommendes Personenauto, das für vier Personen Platz hat, in dem aber sieben Menschen saßen, angeblich infolge Reifenschadens auf den Bürgersteig und stürzte dort um. Von den Insassen wurde einer leicht verletzt, die übrigen tarnen zu ihrem Glück unverletzt davon. Bei dem Unfall dürften die Folgen einer allzu kräftigen Feier der Heuchelheimer Kirmes eine sehr bedeutsame Rolle spielen. Der Fahrer des Kraftwagens befindet sich in Polizeigewahrsam und wird wegen Trunkenheit am Steuer eines Kraftwagens heute vormittag von der Polizei dem Amtsgericht Gießen vorgeführt.
Dezirksschöffengericht Gießen.
Als ein Mensch mit einem Leben voller Verworrenheit und Widersprüchen offenbarte sich der Eugen Schuster aus Gießen dem Bezirksschöffengericht.
Bereits in früher Jugend war der Angeklagte mit dem Strafgesetz in Konflikt gekommen. Während des Krieges meldete er sich als Freiwilliger. Anstatt sich auszuzeichnen, um sich auf diese Weise zu rehabilitieren, drückte er sich nach allen Regeln der Kunst. Ueberall trieb er sich herum, nur vor dem Feinde war er nie.
Nach der Novemberrevolte 1918 entpuppte sich der Angeklagte als Hochstapler und Konjunkturritter schlimmster Sorte. Mit erstaunlichem Geschick brachte er es in jenen trüben Nachkriegsjahren fertig, seine Mitmenschen auszunutzen. Gleich nach bdm Kriegsende verstand der Sch. nur noch s ch l e ch t d e u t s ch. Er sprach ein fürchterliches Kauderwelsch, gab sich als Amerikaner, als Sohn eines amerikanischen Konsuls, als Mitglied der amerikanischen Ententekommifsion aus und schädigte Dumme. Dann trat er als Glashüttenbesitzer, als Käufer von Gütern ufw. auf und versuchte sich in internationalen Schiebungen. Da die Juden damals in Deutschland das große Wort führten, beschaffte er sich Bescheinigungen, die auswiesen, daß er zum Judentum übergetre» t e n fei. Heute versucht der Angeklagte, jenen lieber» tritt als Scherz hinzustellen, aber er hatte mit seinen Darlegungen keinen Erfolg. Nach diesem lieber» tritt zum mosaischen Glauben wurde der Angeklagte, nachdem er ursprünglich der katholischen Konfession angehörte, Freidenker, trat in die SPD. und in die berüchtigte Liga für Menschenrechte ein. In jenen Jahren, in denen S ch u st e r keiner geordneten Tätigkeit nachging, erschien er wieder mehrmals vor den Schranken der Gerichte. Dieses Treiben setzte er bis in das Jahr 1929 fort. Der Angeklagte heiratete und ernährte seine Familie und sich mit seiner Hände Arbeit. 1931 wurde in der hiesigen Heil- und Pflegeanstalt die Stelle eines Pförtners frei. Der Angeklagte bewarb sich um den Posten, den er auf Grund eines von Anfang bis zu Ende erlogenen Lebenslaufes erhielt.
Als der nationalsozialistische Umbruch kam, gab sich der Angeklagte einmal als gottgläubig aus. Eines Tages erhielt er ein behördliches Formular übersandt, das über feine Militäroerhältnisse ausgestellt worden war. In den Rubriken für Beförderungen, Ordensverleihungen, Teilnahme an Schlachten befanden sich, der Wahrheit' entsprechend, lediglich Striche. Dies erschien dem Angeklagten, der um seine Stelle bangte, etwas dürftig. Er fertigte sich deshalb von diesem Formular Abschriften an. Die Striche, die fein Mißfallen erregt hatten, trug er nicht ein, sondern er ließ die verschiedenen Rubriken ganz frei. Dann ließ er sich diese Abschriften durch die Polizei beglaubigen. Nun füllte er die einzelnen Rubriken nach Herzenslust aus. Er beförderte sich selb st, verlieh sich das E.K. I und II, b i e bayerische Tapfer-
Zwei hinter Gisela.
Vornan von Hans Hirthammer.
Urheberrechtschutz Verlag Oskar Meister, Werdau/Sa.
27. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
,So, so!" sagte der Notar und griff schmunzelnd nach einem Aktenbündel, das auf dem Schreibtisch lag. „Einen Augenblick, Fräulein Mertens. Wann sind Sie geboren?" '
„Am 23. März 1911!"
„Richtig! Ihre Mutter hieß Angelika und war eine geborene Steinmetz, geboren am 3. Juli 1885 in Berlin. Stimmt das?"
„Ja, stimmt, ganz genau!" mußte Gisela verwundert zugeben. „Woher wissen Sie das alles?"
Die Frage stürzte Herrn Kindlmann in einen heftigen Lachanfall. „Aus den Akten, Fräulein Mertens! Jedenfalls dürfen Sie völlig unbesorgt sein. Es liegt bestimmt kein Irrtum vor.' Sie haben keine Geschwister, nicht wahr?
„Nein!"
„Alles in Ordnung! Aber nun zu etwas anderem! Ich vermute wohl richtig, daß Sie keine Trauerkleidung bei sich haben?"
„Trauerkleidung?" erschrak Gisela. „Nein, habe ich nicht!"
Der Notar zog die Uhr. „Sie müssen sich alles Nötige noch heute besorgen. Am besten ist es wohl, wenn Sie sich meiner Frau als Ratgeberin bedie- nen."
Ein beklemmender Schauer riefelte über Giselas Rücken. „Ja, gewiß!" stotterte sie. „Aber ich — ich habe--"
Kindlmann konnte unschwer erraten, wo der Schuh drückte. „Sie haben vermutlich nicht genügend Geld bei sich! Ich strecke Ihnen selbstverständlich das Nötige vor!"
„Dorstrecken ist gut gesagt!" dachte Gisela verzweifelt. Sie beschloß, in diesem Punkt eine klare Lage zu schaffen. Schließlich konnte niemand von ihr verlangen, daß sie sich wegen dieser Geschichte in Unkosten stürzte. Und selbst, wenn bei der Testamentseröffnung ein Hundertmarkschein für sie abfallen sollte — sie wußte dafür eine bessere Der- wendung, als es die Bezahlung sinnloser Schulden war.
„Nehmen Sie mir eine — nüchterne Frage nicht übel, Herr Notar! Darf ich damit rechnen, daß mir die Kosten erstattet werden, die mir durch die mit dem Trauerfall verbundenen Anschasfungskosteu ent
stehen? — Mein Einkommen ist alles andere als üppig, ich kann es mir nicht leisten, wegen dieses Trauerfalles, dem ich doch völlig unbeteiligt gegen*- überstehe, Verpflichtungen einzugehen, die meine Verhältnisse übersteigen."
Der Notar hatte mit einem heimlichen Schmunzeln zugehört. Als sie nun aufblickte, legte er das Gesicht in ernste Falten. „Hm!" meinte er. „Es ist zwar bezüglich einer Erstattung Ihrer Kosten nichts vorgesehen, aber — ich sehe die Berechtigung Ihres Verlangens vollkommen ein. Es ist gut, daß Sie darauf zu sprechen kommen. Ich werde dafür sorgen, daß Ihrer Forderung stattgegeben wird. Wir wollen das gleich festlegen! Erstens also die Rückerstattung der tatsächlich entstandenen Spesen in voller Höhe, und zweitens eine pauschale Entschädigung für die geopferte Zeit, sagen wir: dreißig Mark für den Tag! Wären Sie damit einverstanden?"
„Das — ist viel zu hoch!" rief Gisela, während sie einen freudigen Schreck nicht verbergen konnte.
„Dies zu bestimmen, müssen Sie schon mit über« lassen. Zudem kann ich Ihnen verraten, daß ich durchaus im Sinne des Verstorbenen handle. — Aber nun kommen Sie! Ich werde Sie meiner Frau vorstellen. Bevor Sie jedoch einkaufen gehen, müssen Sie noch etwas zu sich nehmen. — llebri» gens — ich darf Sie doch als unseren Gast betrachten? Oder haben Sie schon ein Hotelzimmer bestellt?"
Es blieb Gisela in ihrer Verlegenheit gar nichts anderes übrig, als sich mit allem einverstanden zu erklären.
30.
Dieser 12. Juni, an dem die irdischen Reste des Herrn Eduard Grützmacher zur letzten Ruhe bestattet werden sollten, war ein trostlos grauer, regnerischer Tag.
Gsiela erwachte von einem nachdrücklichen Klopfen.
.,Ja, schon gut'" rief sie schlaftrunken. Erst, als sie die Augen aufschlug, merkte sie, daß sie nicht in ihrer Stube in der Milmersdorfer Straße mar, sondern im Fremdenzimmer des Notars Kindlmann in Breslau.
Sie wurde hellwach, sprang aus dem Bett und war geneigt, trotz des Regens einen übermütigen Jodler anzustimmen. Jedoch entsann sie sich noch im rechten Augenblick, daß ein solcher Unfug wohl nicht am Platze sei im Angesicht des ernsten, schwarzen Kleides, das, zum Anziehen bereit, über der Stuhllehne hing.
Immerhin konnte niemand opfi ihr verlangen, daß sie wegen des bevorstehenden Ereignisses in Tränen ausbrechen würde. Sie stellte sich den Toten als einen freundlichen, alten Herrn vor, der sicher einen Sinn für Humor besessen hatte. Wie sonst wäre es ihm eingefallen, ausgerechnet Gisela Mertens zu seiner Beisetzung einzuladen.
Sie wusch sich, und dann legte sie die Trauerkleidung an, eine geradezu prunkvolle schwarze Rode, deren Preis ihr gestern ein gelindes Gruseln verursacht hatte. Der Vollständigkeit halber setzte sie auch gleich den Hut auf und ließ den dichten, schwarzen Schleier über das Gesicht fallen.
Vor dem Spiegel betrachtete sie ihre Gestalt mit unverholener Ehrfurcht. Während sie noch dabei war, gemessene Bewegungen einzuüben, kam Frau Kindlmann und schlug überrascht die Hände zusammen. „Wunderbar sehen Sie aus. Fräulein Mertens, wie eine junge Witwe!"
„Finden Sie?" Die ,Witwe' wurmte Gisela ein bißchen.
„Kommen Sie gleich zum Frühstück! Mein Mann erwartet Sie schon. Es ist bloß noch eine Viertelstunde Zeit, für acht Uhr ist der Wagen bestellt."
Gisela nahm Hut und Schleier vorsichtig ab und folgte der Dame mit engen Schritten. Das Kleid lag knapp an und verhinderte so zum Glück, daß das Mädchen in die gewohnten Sprünge verfiel.
Der Notar, ebenfalls in feierliches Schwarz gehüllt, begrüßte sie mit ernster Miene. Schweigend wurde das Frühstück eingenommen, und als Gisela eben überlegte, ob sie es wagen durfte, ein drittes Stück Kuchen zu nehmen, wurde gemeldet, der Wagen sei oorgefahren.
Wenig später saß Gisela im Auto neben dem Notar und versuchte sich in der Nachahmung seiner strengen, würdevollen Miene.
„Sie werden verschiedene Leute kennenlernen!" begann Kindlmann sie auf das Kommende vorzubereiten. „Der Bekanntenkreis des Verstorbenen war zwar nicht sehr umfangreich, aber er reicht aus, um einen anständigen Leichenzug abzugeben."
„Mein Gott", stammelte Gisela, „muß ich denn wirklich mit dabei sein?"
„Allerdings, mein Kind.' Sie müssen der — hm — Marotte des Verblichenen schon das nötige Verständnis entgegenbringen. Ich werde aber dafür Sorge tragen, daß man Sie nach Möglichkeit in Frieden läßt! Nur Mut!"
Gisela lächelte tapfer. „Ich werde mich zusammen- nahmen und meine merkwürdige Rolle so gut wie möglich zu spielen versuchen."
Sie wandte ihre Aufmerksamkeit den Schönheit
richtung, die der Wagen barg, wurde schwer bei schädigt. Auch der Wagen selbst wurde in Mit« leidenschaft gezogen. Mit Hilfe eines Hebekranes, ' her aus Frankfurt angefordert wurde, wurde das Auto wieder auf die Bahn gebracht. Wie es zu dem Unfall kam, konnte bisher nicht festgestellt werden.
Z A l b a ch , 17. Aug. Der frühere Pflasterer, jetzige Auszügler Jakob Schmitt, dahier, kann am 18. August in guter Gesundheit seinen 7 4. Oe« b u r t 5 t a g feiern. Mit seiner Ehefrau Margarethe, geborene. Damm, die am 20. Juni 75 Jahre alt wurde, konnte er vergangenes Jahr die goldene Hochzeit feiern. Frau Schmitt ist eine der wenigen noch lebenden sogenannten Pariser. Ihre Eltern lebten vor 1870, wie so viele Hessen, in Paris und verdienten dort chren Lebensunterhalt hauptsächlich als Straßenkehrer, da sie in der Heimat keine Arbeit fanden. Frau Schmitt wurde in Paris geboren und von dem dortigen deutschen evangelischen Pfarrer getauft.
Gefährlicher Einbrecher
von einem Mädchen überwältigt.
Verbrecher erhängt sich nach seiner Festnahme.
_ Spb. Frankfurt a. M., 16. Aug. Ein in bet Schweizerstraße wohnendes junges Mädchen über» raschle nachts beim Heimkommen einen Einbrecher in dem Augenblick, als dieser bei einem im Erdgeschoß wohnenden, aber abwesenden Arzt einbrechen wollte. Da das Mädchen die Haustür bereits abgeschlossen und dadurch dem erwischten Einbrecher den Rückweg abgeschnitten hatten flüchtete dieser die Treppe hoch. Er wurde jedoch von dem Mädchen verfolgt und im dritten Stock von ihm gestellt. Dort entspann sich zwischen beiden e i n heftiger Kampf, wobei der Einbrecher dem Mädchen die Hausschlüssel zu entreißen versuchte Und ihm dabei mehrfach in die Hände biß. Trotzdem gelang es dem Mädchen, das sehr gut in Jiu-Jitsu ausgebildet i ft, den Einbrecher i'o lange festzuhalten, bis weitere Hausbewohner hinzukamen und den Einbrecher der Polizei übergeben konnten.
Der Täter ist ein mehrfach wegen Einbruchdiebstahls mit Zuchthaus vorbestrafter 57jähriger Mann, der in früheren Zeiten der Kriminalpolizei schon viel zu schaffen gemacht hat. In der folgenden Nacht hat er/sich dann in seiner Zelle mit einem Bettuch st reif en erhängt und so selbst gerichtet.
Ein Mansardeneinbrecher dingfest gemacht.
Lpd. Frankfurt a. M., 16. Aug. Seit Mar 1937 wurden in bestimmten Zeitabständen in Frankfurt, und zwar in der Bahnhofsgegend, auf der Zeil und in der Altstadt, in den Vor- und Nachmittags-' stunden Manfardeneinbrüche ausgeführt. Der Täter stahl Geld, Wert- und Schmucksachen sowie Kleidungsstücke aller Art. Nunmehr konnte die Kriminalpolizei den Einbrecher festnehmen, der schon mehrfach mit Zuchthaus vorbestraft ist. Ein Teil der gestohlenen Sachen wurde wieder herbeigeschafft und den Geschädigten zugestellt.
Der Einbrecher hat aber auch Diebesgut an Privatpersonen verkauft. Es ergeht deshalb die Aufforderung an alle Personen, die in letzter Zeit Gegenstände gleich welcher Art von einem gewissen Hermann Später, etwa 25 Jahre glt, oder einem Unbekannten gekauft haben, diese Gegenstände bei der Polizei abzuliefern. Ferner bittet die Kriminalpolizei alle Personen, die in letzter Zeit ähnliche Schäden erlitten, diese aber nicht zur Anzeige gebracht haben, sich bei ihr zu melden.
Briefkasten der Redaktion.
(Rechtsgutachten sind ohne Derbindlichkelt der Schriftleitung.)
Veamlenpension. Die Auffassung, daß einem Be amten bei Dienstunfähigkeit durch Dienstverletzung oder Kriegsdienstoerletzung 70 v. H. des Ruhegehalts ohne Rücksicht auf die Zahl der Dienstjahre zustehen, ist unrichtig. Die Höhe der Pension richtet sich vielmehr stets nach der Anzahl der Dienstjahre. Wird im Einzelsall ein höheres als das gesetzliche Ruhegehalt gezahlt, so ist dies allein auf einen Gnadenerweis zurückzuführen.
der Landschaft zu, soweit diese in der milchigen Dämmerung des unablässig strömenden Regens erkennbar war.
Der Wagen hatte soeben einen Wald durchquert und glitt nun in leicht ansteigenden Kurven einem Dorf zu, dessen Dächer zwischen Obstbäumen sichtbar wurden.
Hühnervolk stob gackernd auseinander. Ein Hund kläffte mißlaunig hinter dem Wagen her.
„Das ist Hengersdorf!" erläuterte der Notar, während der Wagen mit gedrosselter Geschwindigkeit zwischen den schmucken, sauberen Häusern dahinfuhr.
„So auf dem Lande leben, müßte schön fein!* gab Gisela ihren Gedanken Ausdruck. „Diese wunderbare^ Ruhe, keine Straßenbahnen, kein Verkehr, keine Normaluhren! Ich begreife nicht, daß es Menschen gibt, die sich nach dem Stadtleben sehnen!"
Der Notar deutete auf ein hübsches Häuschen, das mit blanken Fenstern hinter einer Rosenecke hervorlugte. „Hier wohnt Lore Jasper, die bekannte Schriftstellerin. Haben Sie noch nichts von ihr gelesen?"
Gisela schüttelte den Kopf. „Man hak ja so wenig Zeit zu solchen Dingen!"
„Sie werden Fräulein Jasper unter den Trauergästen sehen. Eine junge Dame, die Ihnen bestimmt gefallen wird! Sie gehört übrigens zu den wenigen Auserwählten, denen es gestattet war, in Lauterbrunn aus- und einzugehen."
„Dieser Herr Grützmacher war wohl eine Art Sonderling?"
„Das ist zuviel gesagt! Allerdings lebte er sehr zurückgezogen, seit er seine beiden Söhne und seine Frau verlor. Die Söhne fielen im Krieg, beide in einem Jahr. Die Mutter erholte sich nicht mehr von diesem Schlag. Im gleichen Jahr trug man auch sie zu Grabe.
Gisela nickt verstehend. Kein Wunder, daß das einen Menschen ummarf und zum Einsiedler machte?
„Wir sind bald da, Fräulein Mertens! Sehen Sie dort drüben — das ist Lauterbrunn!"
Gisela blickte gespannt in die angedeutete Richtung und sah, aus dem Dunst hervortauchend, ein langgestrecktes, mäßig hohes Gebäude auf halber Höhe eines sanft ansteigenden Bergrückens.
„Aha!" meinte sie, mit dem Kopfe nickend. Was aber ihre Aufmerksamkeit in viel höherem Maße möchrief, war die stattliche Burg, die über dem Gutshof den Gipfel des Berges krönte und sich in helleren Umrissen vom dunkleren Hintergrund des Himmels abhob.
(Fortsetzung folgt!)


