Ausgabe 
17.3.1938
 
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Nr.64 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

oonnerstag, 17. März 1938

gutem Grunde fern. Für ihn war das

Vorbild

an.

Aus der Stadt Gießen

K.

den darf.

Humperdincks sogar in besonderer Weise maß­gebend, denn er war Siegfrieds Lehrer. Daß sich die Klänge des Vaters, die verschiedenen stilistischen Wendungen vonRienzi" bis zurGötterdämme­rung" in bunter Mischung im Schaffen Siegfrieds wiederfinden, ist weniger schwächliche Nachahmung, als bewußte Verwertung der einmal errungenen Ausdrucksmittel. Die Problematik liegt auf einer anderen Ebene. Von der sprachlichen und musikali­schen Gestaltungskraft im Sinne echter Inspiration abgesehen, heißt die kritische Frage vielmehr so: Ist die auf anspruchsvolle Inhalte gerichtete Pathe­tik der Musiksprache Richard Wagners wirklich das passende Ausdrucksmittel für die einfach-gemüt­vollen volksmäßig-derben Stoffe und ihre Be­handlung, wie sie Siegfried eignen? Oder klafft hier ein Mißverhältnis? ImSchmied von Marien­burg" schlägt Siegfried Wagner immerhin stärker als in manchem anderen Werk auch heroische Themen an, so daß die musikdramatischen Elemente keineswegs in der Luft hängen. Bemerkenswerter erscheint jedoch ein anderer Zug dieser Oper. Am wirkungsvollsten erweisen sich jene Stellen, an

Die beiden Berliner Opernhäuser nahmen sich mit sichtlicher Liebe ihrer beiden Schützling Der optimistischen Absicht des ReiterschenToten-

Berlin, im März.

Der Sohn Richard Wagners hätte im näch­sten Jahre seinen 70. Geburtstag feiern können, wenn er nicht schon 1930 aus seinem segensreichen Wirken für die Bayreuther Festspiele durch den Tod abberufen worden wäre. Josef Reiter, der österreichische Komponist, steht im 76. Lebensjahre. Die Generationsoerwandtschaft dieser beiden Mu­siker spiegelt sich wider in der Haltung ihrer Werke. Die beiden großen Musikbühnen der Reichshaupt­stadt, die Staatsoper und das Deutsche Opernhaus, schienen es darauf angelegt zu haben, durch die Erstaufführung dreier Opern von Siegfried Wagner und Josef Reiter an demselben Wochenende, den Berlinern einen Einblick zu ver­mitteln in die musikalischen Bestrebungen der Jahr­hundertwende und die vielfältigen Versuche, dem erdrückenden Schatten Richard Wugners zu ent­rinnen.

Führer auf diesem Wege war Engelbert Hum­perdinck. Er, der als Gehilfe des Bayreuther Meisters noch an der Instrumentation desPar- fifal" geholfen hatte, vermochte es, mit seinem eige­nen Schaffen eine Schule zu hinterlassen. Indem er vom schweren Pathos musikdramatischer Weltanschau­ung die Wendung vollzog, zu Sage, Volksglauben und unbeschwertem Frohsinn, schuf er durch­aus mit den stilistischen Mitteln Richard Wagners die Märchenoper. Dieses Vorbild scheint auch für Josef Reiter maßgebend gewesen zu sein. Sein Totentanz" verwendet das beliebte Rattsn- fängermotiv in der Ausprägung einer schlesischen Lokalsage vomSackpfeifer von Neiße" aus dem Anfang des 10. Jahrhunderts. Das Textbuch von Max M o r o l d versucht, den Tod in der Gestalt eines alten Dudelsackpfeifers, als Freund des Le­bens und Beschützer der Liebenden zu charakteri­sieren. Für Reiter bieten die Volksszenen, die sich dabei ergeben, willkommene Gelegenheit, sein be­deutendes Können im Chorsatz auch auf der Opern­szene zu erweisen. Durch seine zahlreichen Männer­und gemischten Chöre ist Reiters Name ja vor allem bekannt geworden. Stärker noch als die orchestralen Anklänge an die Welt derMeister­singer", an Cornelius'Barbier von Bagdad" und die Totentanzrhythmen von S a i n t - S a c n s überzeugen Reiters liedhafte Gesänge und balla- deske Stimmungsbilder, die auf einen naiven Volks­ton gestimmt sind und unverkennbar österreichisches Gevräge tragen.

Zehn Jahre später, 1905, entstand der Einakter Der Bundschuh". Er zeugt von jener ande­ren Richtung, die ebenfalls aus dem Bannkreis Wagners zu eigenen Wirkungen strebte: der Veris­mus. Dramatisch zugespitzt, stoßen mit naturalisti­scher Wucht in einer Lagerszene aus dem Bauern­aufstand von 1525 die Forderungen der Bauern mit der störrischen Weigerung einer gefangenen Adclsherrin zusammen. Die innere Ebenbürtigkeit des Bauernführers und des Edelfräuleins als 'Re­präsentanten ihrer verschiedenen Welten symboli­siert sich in der tragischen Liebe der beiden zuein­ander. Veristischer Kunstwille verlangt aber, daß der von seinen Bauern gedrängte Führer als Ge­richtsherr die geliebte Feindin niedersticht und dann selbst im Kampf gegen die adligen Rächer fällt. Wieder liegt Reiters Stärke in der flammenden Wut der Bauernchöre, grell läßt er aus dem Or­chester die Farben leuchten, die vollstimmige Klang­pracht und die treuherzig-volkstümliche Melodik verfehlen in ihrer sinnenhaften Unmittelbarkeit ihre Wirkung nicht. Das Publikum bereietete dem grei­sen Komponisten begeisterte Huldigungen.

Daß Siegfried WagnersSchmied von Marienburg" erst 1920 entstanden ist, mutet, stilistisch betrachtet, rein zufällig an. Denn von den musikalischen Tendenzen der Neutöner jener Zeit hielt sich der Sohn Richard Wagners zeitlebens mit

tanzes" entsprechend, gab Hans Batteux im Deutschen Opernhaus seiner Inszenierung die greifbare Anschaulichkeit bunter Dolksszenen und nächtlicher Friedhofsstimmung. Die erregten Lager­szenen desBundschuh" waren für Will). Rodes naturalistisch-detaillierten Regiewillen ein dank­bares Objekt. Artur Roth er war beiden Werken ein sorgsam ausfeilender und temperamentvoll an­treibender Dirigent. Mit dramatischer Schlagkraft führte auch in der S t a a t s o p e r Robert Heger das Orchester Siegfried Wagners und die realistische Gastregie Edgar K l i t s ch s konnte die stimmungs­vollen Bühnenbilder der Marienburg von Emil P r^ e t o r i u s als stärksten Trumpf einsetzen.

Johannes Jacobi.

Werte erhalten!

Wir alle kämpfen gegen den Verderb. Es darf in Deutschland nichts umkommen. Darum sammeln wir Altmaterial und verwenden sorgfältig die Reste von Lebensmitteln. Es gibt aber im Hause so viele Werte, deren Erhaltung bei pfleglicher Behandlung eine ungeheure Ersparnis an Volksoermögen be­deutet, daß wir auch hierher unsere Aufmerksam­keit richten müssen.

Denken wir jetzt beim Wechsel der Jahreszeit an unsere Kleidung. Wie viel Aerger, Zeit und Mühe ersparen wir, wenn wir unsere Wintersachen, gut gereinigt und gegen Motten geschützt, aufbewahren, so daß wir sie im Herbst nur zu greifen brauchen. Ebenso ist es mit den Sommersachen. Die sorgsame Hausfrau hat alle die hübschen, hellen Sommer­kleider für sich und die Kinder gewaschen und ge­bügelt im Schranke hängen. Diese Sachen zu mo­dernisieren oder zu verlängern ist eine Kleinigkeit.

Und wie sieht es in der Wohnung aus? Der große Hausputz steht vor der Tür. Nicht nur die Teppiche, Vorhänge und Decken müssen gereinigt, gründlich geklopft oder gewaschen werden, es ist auch nötig, daß jedes Möbelstück seiner Art entsprechend be­handelt wird. Welch' ein Unterschied zwischen gut erhaltenen Möbeln und ungepflegten! Gewiß, nie­mand soll der Sklave seiner Sachen sein, aber die Erhaltung dieser Werte ist heute Pflicht jeder ver­antwortungsbewußten Hausfrau. Möbel werden in der Generation nur einmal angeschafft, ein schönes Stück überdauert den Besitzer und erfreut noch die Enkel, aber nur, wenn es gut erhalten und geschont ist.

Wer ein Eigenheim besitzt, der weiß, welche Werte er darin zu erhalten hat, und daß jede kleine Aus­besserung an den Wänden und Fußböden, an der elektrischen Leitung oder an den Röhren der Hei­zung große Ausgaben später vermeiden hilft. Aber auch die Familie, die zur Miete wohnt, sollte Ach­tung vor fremdem Besitz haben. Die Kinder müssen frühzeitig angehalten werden, daß die Tapeten nicht zum Beschmieren da sind, daß die Wände nicht wahllos beklebt werden mit Zeichnungen und Bil­dern aller Art. Auch hier gilt es, Werte zu erhal­ten, indem wir alle diese Dinge als Volksvermögen betrachten, das nicht vergeudet und vernichtet wer-

denen Elemente der vorwagnerschen Oper, der deut­schen Lustspieloper und italienische Theatralik mit fast nummernmäßig geschlossenen Arien und einem pompösen Ensemble-Finale ihren Einzug in das Schaffen des Sohnes, des großen deutschen Mufik- dramatikers halten. So zeigt sich auch hier, daß eine eigentliche Nachfolge Richard Wagners und die Weiterentwicklung seiner Errungenschaften unmög­lich war, denn er war ein Vollender. Der Weg der Nachgeborenen mußte versuchen, in Neuland zu führen er muß es noch heute!

Dornotiren.

Tageskalender für Donnerstag.

NSDAP. Ortsgruppe Gießen-Ost: 20.30 Uhr Sing­saal des Realgymnasiums, Ludwigstraße, Schulungs­abend. Gloria-Palast, Seltersweg:Das indische Grabmal". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Die Fledermaus". Obst- und Gartenbauverein Gießen: 20 Uhr imBurghof" VortragSaftgewinnung aus Obst- und Gartengewächsen". Oberhessischer Kunst- verein: 17 bis 18 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brand.

Spielplanänderung im Sladllhealer.

Infolge Erkrankung von Ernst-August Waltz kann die Aufführung der OperetteClivia" am Sonntag, 20. März, nicht stattfinden. Dafür ist auf Sonntag die letzte Aufführung vonLady Winder­meres Fächer", Komödie von Oscar Wilde in der Neubearbeitung von Karl Lerbs, vorverlegt worden. Lady Windermeres Fächer" ist der größte Schau­spielerfolg dieser Spielzeit. Die Aufführung findet zu Sonntagspreisen statt und beginnt um 19 Uhr.

Frauenarbeit in den deutsch-evangelischen Gemeinden Siebenbürgens."

Ein Vortrag über dieses Thema findet am kom­menden Sonntag in der Stadtkirche statt.

WHW. Ortsführung Gießen-Süd.

Am Mittwoch, 16., Donnerstag, 17., und Frei­tag, 18. März, findet im Bereiche der Ortsgruppe Gießen-Süd die Pfundsammlung durch die NS.- Frauenschaft statt. Es wird während der Dauer des WHW. 1937/38 nicht nur bei den Mitgliedern des Lebensmittel-Opferringes, sondern bei allen Volksgenossen die Pfundsammlung durchgeführt. Als Spenden sind vorwiegend Mehl, Hülsenfrüchte, Graupen, Nudeln, Zucker, Grieß, Wurstwaren und Konserven erwünscht. Selbstverständlich werden auch alle anderen Pfundspenden entgegengenommen. Die Einwohnerschaft wird gebeten, die Spenden bereit­zuhalten.

Hitier-Zugend Bann 116 Gießen.

Thealerring der Hitler-Jugend.

Die 11. Morgenveranstaltung des Stadttheaters, Sonntag, 20. März,Maja von Rabenau tanzt", kann besucht werden. Karten für Mitglieder des

Drei neue Opern in Berlin.

Erstaufführungen von Siegfried Wagner und Josef Reifer.

Theaterrings zu 25 Pf. an der Theater-Tageskasse gegen Ausweis. Die 7. Vorstellung des Theater­ringes findet am Montag, 21. März, statt. Es ge­langt das SchauspielWilhelm Tell" zur Auffüh­rung. Wir machen darauf aufmerksam, daß die Vor­stellung um 19.30 Uhr beginnt.

AS.-Iiechtswahrerbund.

Die nächste Versammlung der Kreisgruppe Gießen des Nat.-Soz. Rechtswahrerbundes findet am

Freitag, dem 18. März 1938, abends 8 Uhr, in Gießen im holelBayrischer Hof", Bahnhofstraße Nr. 45, statt. 1714D

Es sprechen:

1. Amtsgerichtsrat i. R. Gros in Gießen über Ernstes und Heiteres Alt-Gießens" und

2. Oberstudiendirektor Dr. Roloff, Gießen, von, Gießener Sprache und Art".

Es wird um zahlreiches Erscheinen gebeten.

^DitDtutfüeflröcWont

NSG.Kraft durch Freude", Kreis Gießen.

Vortrag von Professor Dr. Schmitthenner fällt wegen schwerer Erkrankung aus.

Der Vortrag wird voraussichtlich im Mai gehalten.

Parkstraße 13."

Als nächste Vorstellung im Stadttheater Gießen bringen wir das Kriminalstück von Axel Jvers P a r k st r a ß e 1 3".

Eintrittspreise 90 Pf. und 1, Mark. 1715V

Neuverpflichtungen

an das Stadttheater Gießen.

Für die Spielzeit 1938/39 wurden an das Stadt­theater Gießen verpflichtet: Ilse W inhold als 1. Altistin, vom Stadttheater Pforzheim: Walter Erl er als 1. jugendlicher Komiker und Tanzbuffo, vom Stadttheater Düren: Eduard Cossovel als 1. Held, vom Stadttheater Linz.

Frühjahrsmüdigkeit eine Ernährungsfrage.

Diele Menschen klagen besonders im Frühjahr darüber, daß sie ständig müde seien. Die meisten versuchen diesem Uebel durch vermehrten Schlaf zu Leibe zu rücken, und nicht selten hört man sie dann ärgerlich stöhnen und klagen, daß sie trotz allem immer wiezerschlagen" sind.

Daß diese Frühjahrsmüdigkeit mit der Ernäh­rung in Zusammenhang stehen könnte, auf diese

Dann wird man Ihren Händen die Tagesarbeit nicht ansehen. Mit Nivea-Creme gepflegte Haut wird widerstandsfähig u. geschmeidig.

Idee kommt kaum jemand. Und doch ist es in diesem Falle zum größten Teil die Ernährung, die einerseits das Leiden hervorruft und zum anderen durch geeignete Nahrungsauswahl Abhilfe zu schaffen in der Lage ist. Längst ist von bedeutenden deutschen Ernährungswissenschaftlern bewiesen wor­den, daß der menschliche Organismus außer den notwendigen Nährstoffen, Eiweiß, Fett und Kohle­hydraten, auch der Ergänzungsstoffe, der Vitamine und Mineralstoffe bedarf. Diese führen wir unse­rem Körper größtenteils mit rohem Obst und Ge­müse zu.

Im Sommer, wenn Obst und Gemüse reich am Markt sind, besteht da kein Mangel. Viel schwie-

Abenteurer-Bildnisse.

Von Anton Schnack.

E i s e n a r m.

Sein Name ging wie klirrender Gesang in den verräucherten Kneipen von Fremis, Anton de Louise, Port de Plata, San Domingo und anderen Orten der Insel Espanola von Mund zu Mund, wo die Jäger, Matrosen und Seeabenteurer, eng aneinandergedrückt, summend, lachend, schmatzend und mit den Messern stechend, sich Herumtrieben, bis die Weinfässer der burgundischen Wirte leer waren. Eisenarm war der Name für einen Herkules, der zwei Meter groß war, ein blitzendes Tiergebiß hatte, Augen voll Größe und Feuer, und der seinen gewölbten Brustkorb wie eine befestigte Bastion durch die Wirtstüren zwängte. Immer war, wenn er Jnselboden betrat, süßes, girrendes Gelächter um ihn; denn er war freigebig mit Goldstücken, Edel­steinen und Zärttichkeiten. Dann schaukelte sein Schnellsegler, derPhönix", an den Hasenpflöcken, und die Galeonsfigur, ein großer Vogel mit dem Kopf eines Weibes, wurde von den Schiffsjungen mit frischem Blau und Weiß gestrichen.

Seine Strategie liebte nicht das Geschwader, son­dern den Alleingang. Dafür aber griff er über­raschend und unerwartet an. Er teilte nicht gern mit vielen, sondern hielt sich lieber eine kleine Schar von ausgezeichneten Schützen und Degenstechern.

Sehr viel Merkwürdiges ist ihm, der aus einem nordfranzösischen Adelsgeschlecht stammte, für das er die Gemeinschaft der Küstenbrüder eintauschte, zugestoßen. Sein größtes Abenteuer ereignete sich zu Anfang eines Sommers, der über den Meeren längs der Landenge von Panama kochte und sott. Dabei stieg ein fürchterlicher, jäh aufkommender Sturm in das Geäst der Segel, brach sie, schwemmte sie über Bord und schickte noch einen zündenden Blitz in die Pulverkammer des Hinterschiffes, das in einer gelben Feuergarbe aufflog. Das Vorder­schiff hielt sich noch kurze Zeit und brach dann an den Klippen der Insel, den Schiffbrüchigen unter dem Namen Saint-Andrs bekannt, auseinander. Eisenarm und ein geringer Teil der Besatzung ret­teten sich aus Feuer, Brandung und Wasser, ver­sengt, zerschunden und geprellt, an den Strand, an oen sich grüne Dickichtwälder heranschoben. Mit Flüchen und Lästerungen ermunterten sie sich. Einige Waffen hatten sie gerettet, auch unversehrtes Pulver und kleine Säcke mit Bleigeschossen, aber ihre Bäuche waren voll Wasser, das Kleiderzeug triefte, und ein Platzregen kam nach dem anderen. Dazy ging der Pfeilregen verborgener Indianer! über sie hinweg. Sie anworteten mit Steinen und!

manchmal mit einem gut gezielten Pistolenschuß. Den schwarzen Normannen Jakob, Söhn eines Fi­schers, traf ein Pfeil in die Halsschlagader.

Die Wut darüber verwandelt sich in Freude, als zwei Tage später ein großes Schiff über den Hori­zont steigt und Kurs auf die Insel nimmt. Es hat kein süßes Wasser mehr in den Fässern; die Quellen der Saint-Andre-Jnseln waren bei allen Seefahrern berühmt und bekannt. Eisenarm macht einen un­heimlichen Hinterhalt, dem die wasserholenden spa­nischen Matrosen und Soldaten zum Opfer fallen. Er sinnt dann den teuflischen Spuk einer Ver­kleidungsszene aus, das Kühnste und Frechste seit langem. Eine schwermütige, mit Nebeln gemischte Abenddämmerung hilft der Raubschar, denen die weiten spanischen Hosen um Gesäß und Beine schlagen: die Gesichter stecken unerkenntlich in den kapuzenähnlichen Mützen der Ueberfallenen: unter spanischem Gesang besteigen sie die Strickleiter der schönenIsabella" aus Maracaibo. Die Segel­matrosen ließ Eisenarm am Leben, die Schiffs­soldaten setzten sie in einem Boot aus, als der Tropenmond gerade aufging. Das Schiff war eine großartige Beute. Es enthielt Goldbarren, Edel­steinsäcke, Gewürze, feines Linnen, Waffen, Silber­schmuck und schwarzen, allerbesten Tabak. Das war der Grund, warum dann Eisenarm nach Landung auf der Insel Tortuga wie ein Uebermütiger her­umstolzierte, große Gelage veranstaltete, Musik spielen ließ, die Frauen mit Wein und süßem Ge­bäck traktierte, daß- sie sich vor Freude und Wol­lust die Kleider vom Leibe rissen.

Eisenarm sieht, halb betrunken und mit lärmen­den Worten um sich werfend, bei einem stolpernden Gang in die Nacht hinaus, eine große Stern­schnuppe fallen und von Westen nach Osten über die Insel leuchten. Da schreit er: Lümmel, es reg­net mir Gold! Tatsächlich, nie ging es ihm aus, und von jedem Raubzug kam. er reich und unverletzt zu­rück. Eisenarm wurde ein alter Mann, die größte Seltenheit eines Flibustierlebens.

Kapitän Ansel.

Seit der Einnahme von Puerto Belo, wo er auf dem Marsche zur Stadt die spanische Schildwache unschädlich machte, steht Kapitän Ansel im Vorder­grund. Er trennt sich später bei Cabo de Lobos von dem berühmten und erfolgreichen Morgan, um die Stadt Comanago an der Küste von Caracas einzunehmen und zu plündern. Seinem Befehl ge­horchen vierhundert Mann, verteilt auf fünf Schiffe und eine Barke. Die Schiffe heißen:König", Schnelles Wiesel",Die lustige Barbara",Der Schrecken" undDer Sieg". Die Schlacht von Ca­racas zerstört wieder den Ruhm von Puertck Belo. Ansel, auf dem Marktplatz eingeschlössen und heftig

bedrängt, läßt hundert Tote zurück. Mit knapper Mühe gelingt es ihm, die Verwundeten auf die Schiffe zu retten. Ohne Beute ankert die Flotte vor Jamaika. Ansel und seine Anhänger haben lange unter dem Spott der übrigen Piraten zu leiden. Auf sie war der Spruch geprägt, ob man in Ca­racas außer Piraten auch noch Münzen schlüge. Seitdem verschwindet Ansel aus der großen Ballade, welche die Seeräuber mit ihrem Blut und Leben gedichtet haben.

Saint-Simon.

Ein Franzose, zu der Schar von Mansfeldt ge­hörend. Mehr Organisator als Krieger. Er befestigte die Insel Santa Catalina mit grauen Himmels­mauern und machte sie fast uneinnehmbar. Er sta­pelte Lebensmittel auf und füllte mit Mehl, Fleisch, Branntwein, Pulver und Waffen die Türme. Er ließ einen Brunnen ausschachten, der tief in die Eingeweide der Erde ging. Trotzdem läßt er sich von einer spanischen Armada ins Bockshorn jagen: Nach einer dumpfen und bösen Kanonade übergibt er die Insel mit Mann und Maus und zieht vor, als Gefangener nach Puerto Belo gebracht zu wer­den, die Hände auf dem Rücken zusammengebun­den, die Augen niedergeschlagen, verflucht und be­schimpft. In Puerto Belo schleppt er Kalk und Steine für den Bau des spanischen Kastells Jero- nitno. Manchmal spucken ihn die schwarzgelockten spanischen Knaben während ihrer Kugelspiele an. Simon hatte sich eine Feigheit angeeignet, die mehr rührend als verächtlich war. Ein schwerer Stein rollte ihm auf das linke Bein und zerquetschte das Glied bis zum Schenkel. Nach seiner Genesung er­hielt er von den Spaniern die Erlaubnis, bettelnd vor der Kirchentür zu sitzen. Viele Jahre saß er dort.

Daviot.

Vom Himmel und von der Erde vernichtet. In Staubsäulen erstickt und von ätzendem Schwefel­wind vergiftet. Daviot hatte ein unterirdisches und ein oberirdisches Geheul gehört, von dem er glaubte, es wäre die große Weltuntergangstrompete des Erzengels Gabriel. Was nützte es, daß er sich Kreuz­zeichen auf die Stirn machte und den Namen Je­sus rief, den er sonst zu Lästerungen mißbrauchte.

Die stechende Sonne lief wie ein Blitz auf der Spitze seines geschliffenen Degens hin und her. Mit der linken Hand hing Daviot an der obersten Sprosse der Sturmleiter, die an die Seemauer der Stadt Port Royal gelegt war. Der erste Pulver­topf, von einem Mann seiner Schar geschleudert, war hinter der Mauer unter großem Getöse zer­sprungen und hatte einen spanischen Stadtsoldaten getötet, der im gleichen Augenblick einen Eßsack mit Brot und gedörrten Fischen in eine Mauernische legen wollte. Aber im gleichen Augenblick hob urtöl

senkte sich auch die Erde, das Mauerwerk knisterte. Staub stieg auf, das nahe Meer kam mit einer hügelhohen schäumenden Wand herangerollt, stülpte Schiffe und Boote um, riß sie von den Tauen und Ankerketten und warf sie, unterweltlich donnernd, an die Hafenmauer. Feiner Wasserrauch stieg him­melan und ging in einem Sprühregen über die ganze Landschaft. Die Erde bebte, und das Meer brach über die Ufer. Die gewaltige Mauer, bis in die Grundfesten erschüttert, stürzte ein, riß Daviot mit sich und begrub und zermalmte ihn, zusammen mit denen, die stürmten, und mit denen, die ver­teidigten.

Daviot war damals achtundzwanzig Jahre alt, schwarze fette Haare fielen auf feine Schultern, er hatte den Körper einer Katze und die Ungeduld eines Knaben. Seine schönen Augen funkelten nun nicht mehr die französischen Mädchen an, die auf der Insel Tortuga in das Laoendelkraut sich setzten und Volkslieder aus der Normandie und der Bre­tagne fangen.

Zeitschriften.

Als Rheinland-Sondernummer erscheint die neueste Ausgabe derI l l u st r i r t e n Zeitung Leipzig". Mehr als 40 reichbebilderte Aufsätze berufener Autoren lassen ein plastisches und um­fassendes Bild des Rheinlandes erstehen, das durch farbige ganzseitige Kunstblätter besonders lebendig gestaltet wird. Die Vielseitigkeit der Nummer zeigen etwa folgende Beiträge:Das Rheinland eine Verpflichtung!",Rheinische Männer in Volks- und Staatsführung",Rheinische Jugend",Die Weltbedeutung der rheinischen Wirtschaft",Rhei­nische Erbhöfe",Rheinische Kunftschätze",Die große Theaterprovinz",Rheinische Musik",Rhein­land Weinland".

Hochschulnachrichten.

Geh.Medizinalrat Professor Dr.Adalbert Czerny, der entpflichtete Ordinarius für Kinderheilkunde an der Universität Berlin, begeht am 17. d. M. sein goldenes Doktorjubiläum und am 25. d. M. seinen 75. Geburtstag. Professor Czerny darf als Begrün­der der modernen Kinderheilkunde als einer selbstän­digen medizinischen Disziplin gelten. Nach seiner Ha- bültatlon in Prag wurde Czerny 1894 an die Uni- versität Breslau berufen, wo er 1906 Ordinarius wurde; 1910 ging er nach Straßburg, von 1913 bis ZU feiner Entpflichtung (1931) wirkte Czerny in Berlin. Von feinen Arbeiten seien das grundlegende Werk über die Ernährung des Kindes und die Schrift über die Physiologie des Kinderschlafes her- vorgehoben.