Ausgabe 
17.2.1938
 
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Nr.Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Donnerstag, 17. Zebruar 1938

Aus der Stadt Gießen

Schöne Werbung für Bonbons und Drops.

legen sprocfe/fairf- ~

Allabendlich mit Nivea-Creme die Haut geschmeidig machen. Dann trotzt sie Wind und Wet­ter, ohne spröde zu werden.

Gewertet wurde in 15 verschiedenen Fachgrup­pen. Die Bewertung wurde von sechs Kommissionen vorgenommen, die sich ehrenamtlich dem Kreiswett­kampfleiter S t e i n l e (DAF.) zur Verfügung ge­teilt hatten. Die Beurteilung der Schaufenster ge- chah nach vier verschiedenen Gesichtspunkten, und zwar nach Idee und Planung, Beurteilung der An­wendung der Dekorationshilfen für die Schau- enftergeftaltung, nach technischer (handwerklicher) und künstlerischer Leistung und schließlich nach dem Werbeinhalt und der Werbewirkung. Gewertet wurde ferner nach fünf Leistungsklassen. In den Leistungsklassen 1, 2 und 3 wurden die Lehrlinge im 1., 2. und 3. Lehrjahre erfaßt, in einer weiteren Klasse die Berufsangehörigen bis zum-5. Berufs­jahr nach beendeter Lehrzeit und in der letzten Klaffe Berufsangehörige mit über öjähriger Tätig­keit. Die Gestalter der neun besten Schaufenster werden mit Ehrenurkunden bedacht.

3. Gerhard Kl i p p e l (Eisenwarenhandlung Edgar Borrmann), Leistungsklasse 2.

4. Alfred Lindner (Photo-Winterhoff), Lei­stungsklasse 2.

5. Ludwig Hahn (Wäscheausstattung C. 0. Reuter), Leistungsklasse 5.

6. Rudolf F l i e g e l (Nordsee"), Leistungs­klasse 5.

7. Adolf Heuser (Germania - Drogerie), Lei­stungsklasse 6.

8. Ottkar Eid mann (Drogerie Winterhoff), Leistungsklasse 6.

9. Richard Kuhlmann (Gebr. Seelbach), Lei­stungsklasse 6.

Das Schaufenster als Werbung für den Seefisch-Genuß. .(Aufnahmen [3J: Neuner, Gießener Anzeiger.)

Bällchen und stößt wütend gegen die blitzende Schelle, wie es alle Wellensittiche tun. Nur sein Geheimnis behält er für sich. Ist es nun der richtige familienberechtigte Peter, oder ist es nur ein zuge­flogener fremder Vogel? Wer kann es wissen? Sch.

Dornotizen.

Tageskalender für Donnerstag.

Stadttheater: 20 bis 22 Uhr, Gastspiel Mary WigmanDie schönsten Tänze". Gloria-Palast (Seltersweg):Urlaub auf Ehrenwort". Licht­spielhaus (Bahnhofstraße):Geheimnis um Betty Bonn". Oberhessischer Geschichtsoerein, L.-B. Volkstum und Heimat: 20.15 Uhr, Aula des Gym-

Oer Wellensittich.

Er heißt natürlich Peter, und es ist auch gar nicht einzusehen, weshalb er anders heißen sollte. Denn Peter scheint ebensosehr der Gattungsname für Wellensittiche zu sein, wie Flocki für'die muntere Schar der Drahthaarterrier und Hänschen für die zahlreichen Vertreter der Kanarienvögel. Jedoch ist es unbesteitbar, daß alle Träger dieser Namen sich einer hervorragenden Beliebtheit erfreuen, auch wenn ihr Betragen nicht immer den uneingeschränk­ten Beifall ihrer Besitzer hervorruft.

Peter wurde als junger Kiekindiewelt in den Familienkreis ausgenommen. Vati baute eigen­händig einen geräumigen Käfig, wobei er sich nicht unerheblich in den Daumen schnitt. Mutti besorgte unterdessen ein Spielbällchen und, eine blitzende Schelle, die an einem Faden im Käfig aufgehängt wurden, und unter dem Beistand der ganzen Familie erfolgte Peters triumphaler Einzug in die vergitterte Behausung. War Peters Seele nun ver­stockt, oder wußte er die vereinten Bemühungen seiner neuen Hausgenossen nicht zu schätzen jeden­falls enttäuschte er die gespannten Erwartungen sehr. Er setzte sich auf die Stange- im äußersten Winkel, plusterte sich ein wenig auf und nahm ebensowenig Notiz von den unermüdlichen Lockver- suchen wie ein indischer Säulenheiliger.

Später gab sich das, wozu nicht wenig der Drang zum Futter beitrug. Ja, sogar die emsigen Dressur­bemühungen wurden von einigem Erfolg gekrönt. Peter spielte mit dem Bällchen und stieß auch von Zeit zu Zeit wütend gegen die blitzende Schelle, die auf diese Weise zum Klingen gebracht wurde. Und aus seinen schnarrenden Kreischtönen ließen sich mit besonders gutem Willen und einiger Phantasie hin und wieder auch Laute vernehmen, die als Sprach- Übungen gedeutet werden konnten. Die Familie strahlte, Peter war der erklärte Liebling.

Indessen schlummerte in Peters Brust tief ver­steckt der Freiheitsdrang. Und dieser war es, der ihm eines Tages Veranlassung gab, durch das offene Türchen seines Bauers auf tue Fensterbank zu fliegen. Mutti erstarrte fast vor Schreck, das Fenster war geöffnet. Peter trippelte auf dem Fensterbrett hin und her, ließ alle zärtlichen Lock­rufe außer Betracht und entschwand in dem Augen­blick ins Freie, als Muttis Hand ihn haschen wollte. Beim Mittagessen gab es dramatische' Szenen im Familienkreis, wodurch Peter allerdings nicht wie­der herbeigeschafft wurde. Er saß in einem Baum des nachbarlichen Garten und schnarrte vergnügt. Aber dann war er plötzlich verschwunden, niemand konnte sagen, wohin.

Zwei Tage später kam ein Pete'r zum Fenster herein. Er sah genau so aus wie der Entschwundene, aber konnte er es sein? Die Familie erörterte dieses wichtige Problem gründlich, doch Peter nahm keine Notiz davon. Er tut es auch jetzt noch nicht, läßt sich vielmehr das Futter schmecken, spielt mit dem

Bestbewertete Arbeit eines Lehrlings im ersten Lehrjahr aus der Fachgruppe Textil.

In den vergangenen Wochen waren die Lehr­linge in den Einzelhandelsgeschäften unserer Stadt, wie auch Dekorateure und Kaufmannsgehilfen eif­rig damit beschäftigt, für den Schaufenster-Wett­bewerb 1938 zu planen, zu entwerfen und die not­wendigen Vorbereitungen zu treffen. Hinter ver­hängten Fenstern fanden dann Entwürfe und Ge­danken ihre Verwirklichung, und am vergangenen Dienstag, wie auch am gestrigen Mittwoch waren die Bewertungskommissionen unterwegs, um in kritischer Würdigung das Ergebnis der Bemühun­gen um gute und geschmackvolle Schaufenster zu Überprüfen. Noch im Laufe des gestrigen Abends wurde das hauptsächlichste Ergebnis errechnet.

Der diesjährige' Schaufensterwettbewerb wurde in mehr als einer Hinsicht ein großer Erfolg. Unter dem LeitgedankenW ir künden deutsche L e i st u n g" traten 87 Teilnehmer in den Wett­bewerb und zeigten damit ihr Können. Ueberall an den beteiligten Geschäften sieht man gegenwärtig das Spruchband mit dem Leitwort für den Wett­bewerb. Ueberall lassen auch die Teilnehmerurkun­den die Beteiligung erkennen. Im Wettbewerb selbst ist insofern eine Aenderung eingetreten, als dies­mal auch die älteren Berufsangehörigen beteiligt sein konnten, während in den vergangenen Jahren dieser Wettbewerb ausschließlich den Lehr­lingen vorbehalten war. Darauf ist nicht zuletzt die erfreulich starke Teilnahme zurückzuführen.

Bei diesem Schaufensterwettbewerb ging es grundsätzlich darum, daß der Bewerber eigene Idee beweist und in der Ausführung eigene Arbeit lei­stete. Die Unkosten für die Verwirklichung der Idee sollten möglichst gering gehalten werden. Es galt also, mit einfachsten Mitteln zu arbeiten. Erstrebt wurde bewußte Kundenwerbung durch das Schau­fenster. Gleichzeitig sollte die Möglichkeit gegeben fein, die Eigenleistung des Einzelkaufmanns her­auszustellen. Wichtig für diesen Wettbewerb war ferner, daß das deutsche Erzeugnis werbend heraus­gestellt wurde. Es entsprach zum Beispiel nicht dem Sinn der Sache, wenn ein Schaufenster noch so schon und zweckmäßig ausgestattet wurde und dabei fast nur ausländische Weine oder ausländische

Früchte usw. zeigte. ______________________

Gchaufenster-Wettbewerb4938ein großer Erfolg

8T Schaufenster in Gießen im Wettbewerb.

nafiums, Vortrag Professor Dr. GötzeUnsere Fa­miliennamen". Deutsche Jägerschaft: 17.15 Uhr, Vorlesung Professor Dr. KrauseWildkrankheiten". Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr Aus­stellung im Turmhaus am Brand.

heute Nlary-Wigman-Gastspiel.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute um 20 Uhr findet jm Stadttheater ein ein­maliges Gastspiel von Mary Wigman statt. Mary Wigman hat durch ihre hohe Kunst in der ganzen Welt den Begriff eines deutschen Stils im Kunst­tanz geschaffen. Am Flügel: Hanns Hasting. Das Gastspiel findet außer Miete statt und endet um 22 Uhr.

Professor Dr. Götze spricht über Unsere Familiennamen".

Durch die reiche Schatzkammer der deutschen Na­mengebung führt uns» deren bester Kenner in einem Vortrag, zu dem der Oberhessische Geschichtsoerein und der LB.Volkstum und Heimat" gemeinsam die Gießener Bevölkerung für den heutigen Don­nerstagabend in die Aula des Gymnasiums ein­laden.

Hitter-Zugend Bann 116 Gießen.

Belr.: Groß-Konzert der Wehrmacht.

Am 19. Februar, morgens 10 Uhr, findet ein Groß-Konzert der Wehrmacht in der Volkshalle statt. Dieses Konzert wird von der Hitler-Jugend besucht. Es haben daher am 19. 2., morgens 9.30 Uhr, alle Jgg., die in Gießen eine Schule besuchen, vor der Dolkshalle anzutreten. Der Schulunterricht für die Jgg., die das Groß-Konzert besuchen, fällt aus. Es wird in vorschriftsmäßiger Uniform ange-

Auf einem Rundgang durch die Stadt und bei einer Besichtigung der am Wettbewerb beteiligten Schaufenster konnte man die erfreuliche Feststellung machen, daß sich die Teilnehmer mit vielem Fleiß den gestellten Aufgaben widmeten. In den besten Arbeiten tritt klar baS Bestreben zutage, durch Ein­fachheit und sinnvolle Raumaufteilung, durch Har­monie in Formen und Farben, guten Eindruck und Werbewirkung zu erzielen, allenthalben war man bemüht, eine lleberlabung der Schaufenster zu ver­meiden. Manche ausgezeichnete eigene schöpferische Idee war anzutreffen, vielen Teilnehmern war es gelungen, durch gut geschriebene Schriften oder durch Ausschneiden von Buchstaben aus buntem Material das Schaufenster sinnvoll zu beleben.

Das Ergebnis.

Noch gestern abend wurden von der Leitung des Wettkampfes diejenigen Preisträger festgestellt, die mit den Ehrenurkunden ausgezeichnet werden. Mit Ehrenurkunden werden ausgezeichnet:

1. Helmut Schäfer (Modehaus C. Nowack), Leistungsklasse 1.

2. Hermann Luh (Tabakwaren-Groß- und Klein- Handlung Wilhelm Moser), Leistungsklasse 1.

Erster Auftritt eines berühmten Tenors. Gigli erzählt von seinen Anfängen.

Benjamino G i g I i, der große italienische Sän­ger, erzählt in einer fesselnden Plauderei, die von Margarete Fickeler übertragen wurde und in der Februarnummer vonWestermanns Monats­heften" veröffentlicht wird, von feiner Kindheit und von den schweren Anfängen seiner Laufbahn. We­gen seiner schonen Altstimme war er in den Sän­gerknabenchor des Doms in seiner Heimatstadt Re- canati aufgenommen, und der Knabe, der nicht nur in der Kirche, sondern auf den Straßen und bei der Betätigung im Haus fang, erregte überall Aufsehen, so daß sein Ruf bis in die Provinzhaupt- ftabt Macerata drang und man ihn dorthin Holle, als zu Wohltätigkeitszwecken eine heitere. Operette Angelikas Flucht" von Studenten aufgeführt wer­den sollte. Er übernahm die Rolle der Angelika und erlebte so sein erstes Auftreten auf der Bühne.

Seltsames Debüt!" schreibt Gigli.Ich sehe heute noch, mit welcher Bestürzung ich mich damals im Spiegel vor meinem Auftreten betrachtete: lan­ger weißer Rock, Blüschen mit langen Aermeln, wie man sie damals trug, Samthütchen mit zwei großen weißen Blumen auf einer mächtigen, dunkelglän­zenden Perücke, Sonnenschirm aus hellblauer Selbe... Die Aufmachung war großartig? Damals war ich noch schlank, mit runden, bartlosen Man­gen, kurzum, von weitem und im künstlichen Ram­penlicht ging ich für eine ganz hübscheAngelika" durch. Für die Chronik sei gesagt, daß meine Alt­stimme außerordentlich gefiel; eine Zeitlang sprach die kleineHauptstadt" nur von dieser Aufführung. Tatsache ist, daß diese Aufführung wirklich mein Schicksal bestimmte!"

Als 18jähriger war Gigli nach Rom gegangen in der Hoffnung, in der Schule von Don Lorenzo Pe- rofi aufgenommen zu werden, aber da er zu alt war, mußte er durch Gelegenheitsarbeiten feinen Unterhalt fristen und verlebte schwere Zeiten, bis es ihm schließlich gelang, mit einem Stipendium in der GesangsschuleSanta Cecilia" unter Maestro Rosati aufgenommen zu werden. Nach zweijäh­rigem erfolgreichem Studium nahm er 1914 an einem Sängerwettbewerb in Parma, der von einer

amerikanischen Mäzenatin veranstaltet wurde, vor einer gewaltigen Prüfungskommission von Profes­soren und berühmten Sängern, teil. Er ging als Erster unter den Tenören aus der Prüfung hervor. Dor einiger Zeit schenkte ihm ein Freund in Parma den Zettel Nr. 75, seine damalige Examennummer, mit den Anmerkungen der Prüfungskommission. Sie lauteten so: . z

Name: Gigli, Beniamino, aus Recanati. Alter: 24 Jahre. Gestalt: Gut. Kraft der Stimme: Kräf­tiger Tenor, hochlyrisch. Klangfarbe: Warm, sym­pathisch. Intonation: Vorzüglich. Tonfüllt: Vollkom­men. Interpretation: Warm, ausdrucksvoll, tief be­eindruckend. Höchste Punktzahl: Neun. Aber unten darunter mit Blaustift in großen Buchstaben der Nachsatz, den ich damals nicht ahnte: »Endlich haben wir den Tenor gefunden^"

Drei Monate nach dieser Prüfung hatte Gigli sein erstes Engagement für die Hauptrolle in der Giacynda" im Theater zu Rovigo.Alles kann em Sänger vergessen", schreibt er,nur nicht den Abend seines ersten Auftretens. Noch sehe ich mich im bescheidenen Zimmerchen hinter der Bühne, fr der Erwartung, gerufen zu werden. Das Herz sitzt mir in der Kehle, und um die Kehle fühle ich einen Eisenring, der sie zuzieht. Ich werde einfach nicht fingen können! Ein Freund ist bei mir; er sollte mir Mut zusprechen. Aber er zittert noch mehr als ich! So viele Jahre des Hungerns, der Entbeh­rungen, der Träume sollen nun endlich in die Wirk­lichkeit der Bühne münden! Aber wer gibt mir die Gewißheit, daß es nicht ein erbarmungswürdiger Mißerfolg fein wird? Man hat mir versichert, daß meinCielo e mar" unwiderstehlich sei. Aber werde ich es nun auch fingen können, wie ich es immer am Klavier gesungen habe? Ich versuche mir die Kehle frei zu räuspern, ich ftimme eine Arie an. Es geht nicht, nein, es geht nicht! Dieser infame Gifenring drückt, drückt... Der Freundfragt mit einem Hauch von Stimme:Wie geht es?" Ich ant­worte mit einem halben Hauch:Es geht nicht! Bring' mir eine Taffe Kaffee, ich bekomme keine Luft mehr!"

Der Freund springt auf, rast hinaus, prallt mit einem Feuerwehrmann zusammen, beinahe wäre er kopfüber die Treppe hinuntergestürzt. Mir bleibt keine Zeit, den erquickenden Kaffee abzpwarten. Es kommt jemand, der sagt:Der Tenor Gigli in die Szene!" Ich wanke wie ein Schlafwandelnder auf die Bühnt, mische mich unter das Volk auf dem Markusplatz aus Papier und bunt bemalter Lein­

wand. Nun muß ich fingen. Ich bitte zu Gott, daß er mir helfen möge. Ich öffne den Mund. Der Ge­sang entströmt mir wie losgelöst von meinem Wil­len, meinem Zittern, ja von meinem eigenen Leben. Ich horte meine Stimme steigen, hell und klar, ohne jede Anstrengung, genau, wie gewiegt vom Or­chester... /

Der Freund ist inzwischen, keuchend vor Erre­gung, mit dem Kaffee erschienen. Er hort meinen Gesang, sieht mich aus den Kulissen heraus, reißt die Augen auf... Die Tasse schlägt mit einem Kroch zu Boden. Aber ich lächle. Ich habe den Sieg in der Hand!"

Wie die Tiere heim finden.

Das große Rätsel, wie die höheren Tiere, beson­ders die Vogel, es fertig bringen, über außerordent­lich weite Strecken den Weg in die Heimat zurück­zufinden, hat die Menschheit schon seit alter Zeit beschäftigt. Um so merkwürdiger ist es, daß dieses Problem erst seit kurzer Zeit, seit dem Jahre 1930, von der Wissenschaft in Angriff genommen worden ist und durch geregelte Versuche der Lösung näher­gebracht wird. Man hat Hunde ausgesetzt und be­obachtet, wie sie den Heimweg fanden, man hat solche Versuche mit Fledermäusen angestellt, und besonders hat die Vogelforschung große Auflassungs­versuche mit überraschend guten Erfolgen durchge­führt. Es handelte sich hierbei um Tiere, deren ©innesleiftungen und Bewegungsformen sehr ver­schieden sind: der erdgebundene Hund hat kein be­sonderes Gesichtsvermögen, die Fledermaus sieht schlecht, während die Vögel vollendete Augentiere sind. Aber selbst bei den Vögeln haben die Ver­suche gezeigt, daß ihre Fähigkeit, heim zu finden, nicht allein auf die Augenorientierung zurückzufüh­ren ist; vielmehr haben die Forscher den Eindruck gewonnen, daß dem VogelAnlagen zu Gebote stehen, die ihn in der Ferne die Lage der Heimat empfinden und ihn diese ausreichend sicher an­steuern lassen". Nun hat Professor Dr. Bastian Schmid, der früher bereits umfangreiche Ver­suche mit Hunden gemacht hat, eine Reihe von planmäßigen Aussetzungen von Waldmäusen un­ternommen, um sie auf ihr Heimfindevermögen zu prüfen, und er teilt die Ergebnisse in denFor­schungen und Fortschritten" mit.

Von einer Anzahl Mäuse, die auf dem Spei­cher eines Hauses in Ludwigshöhe bei München gefangen waren, wurden zwei ausgewählt und markiert, indem ihnen mit der Schere'Haarbüschel­

chen ausgeschnitten wurden. Dann wurden sie mehr­fach ausgesetzt, auf Entfernungen, die im Höchst­fall 787 Meter vom Hause betrugen. Die Tierchen wurden in der Falle transportiert, die in ein Tuch gewickelt und dann in einem Behälter versenkt wurde, so daß ihnen jeglicher Ausblick versagt blieb; auch wurden sie nicht geraden Weges, sondern auf Umwegen zum Aussetzungsort gebracht. In allen Fällen haben die beiden Mäuse den Rückweg in das Haus, in dem sie zuerst gefangen waren, gefun­den. Da die Haustür stets geschlossen gehalten war, mußten sie den Weg von außen her nehmen, indem sie über den hochrankenden wilden Wein hinweg kletterten, im Dach war eine kleine Deffnung, die den Tieren wohl als Eintritt in den Speicher diente. Die Heimkehr erfolgte ausschließlich des Nachts, und zwar mit beginnender Dunkelheit Die Tiere waren in Gärten, in einem Steinbruch, in freiem Ge­lände, auf Eisenbahndämmen und in einem Wald ausgesetzt, und ihr Rückweg führte sie stets an einer Reihe von Villen oder Garagen und Schuppen so­wie Gärten vorüber, aber immer wieder zog es sie in ihr freiwillig gewähltes Heim, so daß man ge­radezu von einer Heimanhänglichkeit sprechen konnte. Es ist anzunehmen, daß sie im Garten des Hauses oder wenigstens in der Nähe zur Welt gekommen waren. Merkwürdigerweise war die Rückkehr stark von der Witterung abhängig. Bei schlechtem Wetter kamen sie schon 24 ober 48 Stun­den später nach Hause; im schönen Frühjahr 1936 aber trieb sich eine Maus, die im Walde ausge­setzt war, sogar 66 Tage umher und kehrte dann gelegentlich eines Wettersturzes heim. Die körper­liche Leistung darf bei der Kleinheit der Tiere nicht unterschätzt werden. Wenn bei Hunden die Aussetzungen 12 Kilometer vom Heimatsort statt­fanden, bei den Mäusen aber höchstens 787 Meter, jo ist das Verhältnis der Rumpflänge von Schäfer­hund und Waldmaus 72:6 und 1 Kilometer Weg entspricht rund 1400 Hunderumpflängen, dagegen 16 700 bis 20 000 Mäuserumpflängen. Auf Grund dieser Untersuchungen unterliegt es keinem Zweifel, daß die hundertprozentige Heimfindefähigkeit der Mäuse zu einem erheblichen Teil auf deren Orien­tierungsvermögen beruht und nur in einigen Fäl­len auch Erinnerungen an bereits gegangene Wege mitsprechen. Auch bei den Mäusen konnte keines der bekannten Sinnesorgane leitend wirken, und so ist wie bei allen mit Erfolg ausgesetzten Tieren auch bei ihnen einezielempfindende" Heimkehr­fähigkeit anzunehmen, die auf einen uns unbekann­ten Faktor zurückgeht. G K«