Ausgabe 
16.6.1938
 
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Nr. 138 Zweites Vlatt

Donnerstag, 16. Zum 1938

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Unser Regiment.

Von Unteroffizier d. K Woweries, l/IR. 116, Mdl^.

' Wo in den innerpolitisch bewegten Seiten eines Volkes um die Fragen des Gestern uiw Heute ge­rungen wird, kann sich aus die Dauer keiner der eigenen Stellungnahme enthalten, der nicht bewußt die einheitliche Ausrichtung einer neuen Volksge­meinschaft stören will. Tradition und Revolution umwittern so auch die ehrwürdigen Symbole eines alten Regiments der deutschen Wehrmacht. Die Be­gegnung des Alten und des Reuen macht auch hier eine beiderseitige Ausrichtung auf das gemein­same Positive notwendia, um beider Werte bewußt xu erhalten. Je klarer das geschieht, desto schneller finden sich das Große von gestern und das Große von heute zum Bündnis für ein großes Morgen.

Und wenn auch, wie wohl bei jedem Regimente- appell, die Gedanken derer, die in der Front der Parade stehen, gewöhnlich andere sind, als die Ge­danken jener, die als ehemalige Frontsoldaten des Krieges oder als noch ältere in Ehren ergraute Regimentsangehörige Zuschauer sind, so ist doch über die Verschiedenheit der Jahrgänge hinweg beiden Teilen unabdingbar gemeinsam der lebendige Stolz und die Liebe zum angestammten Truppen­teil. Ist es doch der Teil unserer gewaltigen, unbe­siegbaren Armee, den allein man eben ganz per­sönlich alsmein",bein" undunser Regi­ment" bezeichnen kann. Es kann nur ein unge­sunder Charakter sein, der den Stolz des wahr­haften Mannesbekenntnisses nicht mitempfindet, der in einer jeden solchen Zugehörigkeitsbezeichnung verwurzelt ist. Dieses stolzeunser Regiment" bindet Generationen in Krieg und Frieden verpflichtend aneinander. Rur wenige Dinge vermögen das gleich fest und ebenso alle zivilen Schranken überwindend.

Dieses stolze Bekenntnismein Regiment" undu n s e r R e g i m e n t" ist eine so bedeutsame und wertvolle nationalpolitische Kraftgrundlage, daß es in der Tat ein berechtigter Anlaß ist, eine be­sondere Feier daraus zu machen, wenn alte und junge Soldaten und mit ihnen die Volksgenossen der lieben Garnisonstadt offiziell ihres gemein­samen Regiments und seiner Gefallenen gedenken.

Immer ist ein Regimentstag im Dritten Reich mit der hervorragendste Anlaß zur Erinnerung an die Größe unserer nationalen Vergangenheit und an die höchsten Opfer der Söhne des Volkes. Im­mer wird die Geschichte des deutschen Volkes ein Ausschnitt sein, der den Anteil des Regiments am Aufstieg Deutschlands erkennen läßt, auch wenn das Schicksal die Lorbeeren nicht gleich verteilt hat Die innen- und außenpolitische Lage der Nation offen­bart sich so in der Geschichte ihrer alten Regimenter. Das kann kaum noch treffender und für unsere, vom Bolschewismus bedrohte Zeit der Neuent­stehung des Regiments beweiskräftiger zum Aus­druck kommen als in der Tatsache, daß unser Infanterie-Regiment 116 die Entstehung seiner ersten Stammformation der Sicherung des Landes vor den Gefahren der Französischen Revolu­tion verdankt. Erst der Sieg des Nationalsozialis­mus hat unserem Vaterlande diese Sicherung total gebracht. So mündet auch die alte Tradition des Infanterie-Regiments 116 in die Bewegung unseres Jahrhunderts. Gegen das von Frankreich drohende blutgierige Reoolutionsgefchehen wurde 1790 das Traditionsbataillon des JR. 116, das jetzige I. Ba­taillon, unter Oberst,von Wrede gegründet. Die­ser erste Kommandeur unseres Regiments ist als Kämpfer in den amerikanischen Unabhängigkeits­kriegen einer von jenen zahllosen Deutschen ge­wesen, deren Bluteinsatz anderen Nationen zum Aufstieg mitverholfen hat. So steht die Geschichte des Regiments vom ersten Tage ab unter dem Zei­chen deutscher Weltgeltung, europäischer Friedens­sicherung und vor allem unter dem edelsten Gesin­nungsausdruck soldatischer Haltung, t>er Selbstlosig­keit im kämpferischen Einsatz. Und wenn unser Re­giment sich dann längere Zeit unter den harten Ge­sehen des Soldatentums auch in den Engen und Niederungen der deutschen Kleinstaaten kämpfend bewegen mußte, so steht doch anderseits die Regi­

mentsgeschichte auch sofort roitber mit an der Spitze des Weges zu einem größeren Deutschland. Vor 125 Jahren, im November 1813, vor Torgau, er­tönte aus den Reihen unseres jungen Garde-Füsi- lier-Regiments der denkwürdige RufEs leben alle Deutschen hoch!" Und vor nunmehr 70 Jahren fan­den 1868 auf Grund der preußisch-hessischen Mili­tärkonvention, also der ersten Mainlinienüber­brückung, die damaligen Herbstübungen des Regi­ments erstmals nach berii ehernen preußischen Exer­zierreglement statt. In der anschließenden Zusam­menlegung beider Stammbataillone des Regiments in Gießen fand diese Entwicklung zu größerer Schlagkraft auch ihren äußeren Ausdruck. Und so gut muß der weit über Landesgrenzen hinaus­gehende Geist des Preußentums in den Reihen der hessischen Soldaten des weißen Regiments in Gie-

Ein Wiesenblumenstrauß.

Wir haben uns ein kleines, bescheidenes Teilchen der Blumenpracht von der Wiese mit nach Hause gebracht. Da steht nun der Wiesenblumenstrauß im Zimmer. Der herrliche Farbenreichtum entzückt uns immer wieder. Die einfach blühenden Wiesenblu­men erfreuen unser Herz. Wohl blühen im Garten Rosen und Nelken in allen Formen und Farben, aber die Wiesenblumen in ihrer schlichten Schönheit erzählen so viel von der sommerlichen Pracht, daß wir nicht aufhören können, sie zu betrachten. Zwi­schen einzelnen Gräsern leuchten die breiten Wu­cherblumen mit ihren weißen Randblättern und dem goldgelben Blütenteller. So sauber und frisch sind die Farben abgetönt. Daneben grüßen die blauen Blüten des Wiesenalbeis, die weißen kleinen Sternchen des Labkrautes, die gelben Hahnenfüße und die roten Köpfe des Ackerklees. Nur ein paar knallrote Mohnblüten und zarte Kornblumen stehen dazwischen...

Und der Wiesenblumenstrauß verwandelt unler Zimmer. Er zaubert das holde Bild des Wiesen­grundes hervor. Wir sitzen wieder am Waldrand und schauen hinein in die sommerliche Pracht. Das junge, satte Grün der Wiesen, geschmückt mit der Farbenfülle der Blumen, leuchtet uns entgegen. Schmetterlinge gaukeln im Sonnenlicht, Fliegen und

ßen heimisch geworden sein, daß später sogar das berühmteExerzierreglement für die Infanterie" vom JR. 116 zuerst eingeübt wurde und nur das Lehr-Jnfanteris-Bataillon und die Jnfanterie-Schieß- schule die neue Vorschrift ebenso früh erhielten.

Von diesem Reglement bis zurneuen Gruppe" und bis zum neuen Regiment mit den Spezial- kompunien ist ein weiter Weg, dessen Stationen nicht lange Jahreszahlen bilden, sondern die harten Erfahrungen und blutigen Lehren von Anloy bis Englafontain, von 1914 bis 1918. So wird mancher alte Infanterist bei den Veranstaltungen des Regi­mentsappells mit Staunen die gewaltige Steige­rung der Feuerkraft eines einzigen Regiments fest­stellen. Aber schon das Stammbataillon unseres Regiments hatte schon vor 1800 zwei dreipfündige Kanonen. Nach dem für unser Regiment beim Beresina-Uebergang vom 22. bis 28. November 1812 besonders ruhmvollen schweren Rückzug Napoleons aus Rußland waren die vom Regiment zurück- aeführten sechs Geschütze überhaupt die einzigen Geschütze der großen Armee, die weder mit Mann noch Roß geschlagen aus jenem Feldzuge zurück-

Käfer summen, und die kleinen Bienchen sammeln den Honig. Von den Bäumen erklingt Vogelgesang, und die Grillen zirpen ununterbrochen. Im heißen Sonnenschein flimmert die Luft. Leise und maje­stätisch rauschen die Bäume des nahen Waldes ..

Da tritt, vorsichtig nach allen Seiten äugend, ein Reh ans dem Schatten des Waldes, dann noch eins, und ganz zuletzt kommt das kleine zarte Reh­kälbchen. Sie ftshen und schauen. Dann äsen sie. Und immer wieder hebt der Bock den Kopf, um Ausschau zu halten, ob sich kein Feind nähert. Wir sitzen mäuschenstill und können unsere Augen nicht abwenden von dem schönen Bild. Bis plötzlich ein Geräusch von der fernen Straße die Tiere veran­laßt, den Schutz des Waldes aufzufuchen. Wie leicht und frei und zierlich sie über die niedrigen Büsche setzen...

So zaubert der Wiesenblumenstrauß. Und wir wollen nicht vergessen, ihm jeden Tag frisches Was­ser zu geben, damit er noch lange unser Zimmer mit Freude erfüllt. H.

Vornotizen.

Tageskalender für Donnerstag.

Gloria-Palast (Seltersweg):Dreiklang". Licht­spielhaus (Bahnhofstraße):Ihr Leibhusar".

gebracht worden sind. Damit ruht auch auf den jüngsten Gliederungen unseres Regiments bereits eine besonders ehrenvolle Tradition ungebrochener Einsatzkraft, die weit älter ist als die hinzugekom­menen Erfahrungen aus der feldgrauen Zeit.

Und auch das Feldgraue steht insofern m einer bemerkenswerten Beziehung zum diesjährigen Regi­mentstag, als ihm im Vorjahre und Heuer das alte, ewig junge SoldatenliedSchier dreißig Jahre bist du alt..." besonders gelten darf, denn im Jahre 1907 erhielt unser Regiment die graue Feld- uniform. Aus chr ist wenig später die vom Führer in unsterblichen Worten gekennzeichneteeiserne Front des grauen Stahlhelms" geworden. Dreißig Jahre alt ist also in unserem Regiment der graue Rock, den unser Oberster Befehlshaber selbererst nach nahezu sechs Jahren wieder ausziehen sollte". Das muß ein Grund mehr sein, jenes Feldgrau zu lieben und zu ehren, das nun wieder Mann für Mann und Generation für Generation tragen zu dürfen auch die jungen Soldaten und uns etwas älteren Reservisten mit größtem Stolz erfüllt.

Ladenschluß

in den hessischen Landgemeinden.

LPD. Der Reichsstatthalter in Hessen Landes­regierung gibt in einer Anordnung bekannt, daß für offene Verkaufsstellen in Gemeinden mit vorwiegend landwirtschafttreibender Bevölkerung der Ladenschluß während der Zeit bis Ende Sep­tember 1938 widerruflich bis 20 Uhr festgesetzt wird. Der Kreisdirektor ist berechtigt, auf begründeten Antrag des Bürgermeisters für Gemeinden unter 3000 Einwohnern eine Verkaufszeit bis 21 Uhr zu­zulassen. Arbeiter und Angestellte dürfen in der Zeit von 19 bis 21 Uhr nicht beschäftigt werden.

Sängerfest

im Zeichen der deutschen Kunst.

Das I. Hessische Gausänzerfest, das in Gießen in der Zeit vom 8. bis 11. Juli zur Durchführung kommt, erhält jetzt noch eine besondere Bedeutung dadurch, daß es gerade in den Tagen stattfinüen wird, in denen anläßlich desTages der deutschen Kunst" die Aufmerksamkeit aller Volksgenossen be­sonders auf die großen ideellen Werte der Kunst und damit auch auf die Segnungen des deutschen Liedes für unser Volk gerichtet sein wird. Die Vor­bereitungsarbeiten für dieses große hessische Sänger- fest, bei dem sich mit den Sängern alle Volks­genossen unserer engeren Heimat im Banne des deutschen Liedes vereinigen werden, sind auf allen Gebieten nahezu abgeschlossen. Nach dem Ergebnis

Kostümprobe zuWallensteins Lager".

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Gestern nachmittag bot sich auf dem Trieb ein nicht alltägliches Bild. Pappenheimsche Küras­siere, holkische Jäger, An­gehörige der Terzkyschen Regimenter und Truppen des Generals Buttler hielten großes Lager. Mittelalter war lebendig geworden! Fahnen flat­terten in den grauen Tag. Zelte wurden aufgebaut, Marketenderinnen gingen mit Krügen und Bechern zwischen den Soldaten ab und zu! Und gegen 17 Uhr konnte die erste Ko­stümprobe zuWallen­steins Läger" beginnen. Unsere Bilder lassen ahnen, wie es gestern auf dem Trieb aussah und was nach dieser Richtung hin bei dem 116er-Fest zu erwarten ist.

Aus her Stadt Gießen.

Oie Ltnbekannte.

Von E A Greeven.

Die Freundschaft zwischen Max und Otto begann mit einem gemeinsamen Protest. Sie trafen sich täg­lich um dieselbe Stunde an einem vielbesuchten Mit­tagstisch, wo sie mit stummer Verbeugung gegen­einander Platz nahmen und widerwillig zwei Schei­ben Fleisch zerkleinerten, die Tag für Tag in der gleichen Tunke schwammen. Eines Mittags schoben beide wie auf Verabredung ihre Teller zurück und warfen ihre Sevietten auf den Tisch. Die Eintönig­keit dieses Fraßes war ganz einfach nicht mehr auszuhalten.

Ueberrascht von der Gleichzeitigkeit ihres Protestes sahen die beiden sich an, brachen in Lachen aus und begannen zum ersten Male ein Gespräch. Sie be­schlossen, gemeinsam eine sympathische Stätte ihres täglichen Mahles ausfindig zu machen, wo es vor allen Dingen etwas mehr Abwechslung gäbe. Die Suche gelang, und die Bekanntschaft festigte sich. Es ergab sich, daß sie beide Prokuristen verwandter Branchen feien. So würde eine Freundschaft dar­aus: sie tauschten die Adressen ungechlorter Wäsche­rinnen und unzerbrechlicher Putzfrauen und er- fteuten sich weitgehender Einstimmigkeit in politi­schen Fragen. Kein Wunder, daß sie sich gegenseitig als angenehme Zeitgenossen schätzten und hoch­achteten.

Nur in der Verwendung ihrer freien Abende und Sonntage zeigte sich bei Max und Otto ein grund­legender Unterschied, der zu häufigen Diskussionen Anlaß bot, ohne jedoch ihrer Freundschaft Abbruch zu tun. Max chielt große Stücke auf die körperliche Ertüchtigung und betrieb mit Eifer die verschieden­sten Sports: er schwamm, er ruderte, er spielte Tennis und war ein mit Medaillen dekorierter Turner. Otto hingegen hatte es auf geistige Weiter­bildung abgesehen: war Abonnent mehrerer Leih­bibliotheken und besuchte Vorträge über Psycho­analyse und die seelischen Grundlagen der gotischen Kunst. Jeder behauptete vom andern, daß er feine schöne Freizeit unverantwortlich und töricht ver­geude. Nur die Tatsache, daß sie beide leidenschaft­lich dem Bridgespiel huldigten, schuf eine gemein­same rettende Insel im Wogenprall der Mei­nungen.

Sie waren bereits ein volles Jahr befreundet, als eines Tages während des Mittagessens Max mit der sehr persönlichen Frage herausrückte, ob Otto schon einmal ans Heiraten gedacht habe. Otto errötete ein wenig und erwiderte zögernd, er ijabe

allerdings schon mehrfach daran gedacht und gerade in der letzten Zeit sei diese Frage für ihn akut geworden. Max strahlte und drückte seinem Freund über den Tisch hinüber die Hand. Das sei genau auch sein Fall, und er glaube, sagen zu dürfen, daß er nach den üblichen Abenteuern und Miß­griffen auf diesem Gebiet jetzt ein junges Mädchen gefunden habe, das in jeder Beziehung zu ihm passe. An die Wahrheit des Satzes, daß die Gegen­sätze sich anzögen, glaube er schon lange nicht mehr. Otto stimmte zu; auch er hielt nichts von der Vereinigung gegensätzlicher Temperamente.

Du kannst dir nicht vorstellen" fuhr Max hocherfreut fortwie ausgezeichnet wir, meine Braut und ich, in allen unseren Anschauungen und sogar in unseren Liebhabereien harmonieren. Ich hatte nicht gedacht, daß es so etwas gibt. Es ist geradezu, als habe die Natur dieses Mädchen eigens für mich geschaffen. Vielleicht hat sie das auch man kann es nicht wissen! Denke dir: meine Braut schwimmt wie ein Fisch, rudert mit Begeisterung von morgens bis abends, ift eine hervorragende Tennisspielerin und macht Dir die Kerze ebenso tadellos wie den Sprung übers lange Pferd. Was sagst du dazu? Sie ift eben durch und durch sportlich eingestellt, genau wie ich. Im übrigen ist sie blond und schlank. Ich werde sie unbedingt heiraten. Könnte ich eine passendere finden? Was täte ich mit einer, die den ganzen Tag nach Bil­dung schreit und von mir das Unmöglichste wissen will? Nein, nein dieses Mädchen ist das einzig Richtige für mich! Sjabe ich recht?"

Zweifellos", nickte Otto und fand die Wahl feines Freundes vortrefflich. Und da Max so offen und ehrlich gesprochen habe, wolle er mit seinen Absichten auch nicht länger hinter dem Berge halten. Er beabsichtige ebenfalls mit dem Heiraten Ernst zu machen. Max war begeistert von diesem uner­warteten Geständnis.

Siehst du", berichtete Otto bedächtig,es ist mir ähnlich ergangen wie Dir, ich habe vor einiger Zeit die Bekanntschaft einer jungen Dame gemacht, die nichts Schöneres kennt, als meine Interessen mit mir zu teilen. Ein so tiefes Verständnis für alle geistigen Fragen habe ich überhaupt noch nicht gefunden. Wenn das nicht die richtige Frau für mich ist, so gibt es in der ganzen Welt keine mehr. Dir allerdings, lieber Max, würde sie kaum ge­fallen, obwohl sie auch blond und schlank ist, denn für deinen Sportbetrieb hat sie gar nichts übrig. Die Rekordjagerei widert sie geradezu an, sagt sie. Es sei ihr viel lieber und wertvoller, sich mit mir über alles Mögliche zu unterhalten und geistig weiterzukommen. Für ein gutes Theaterstück ver­

zichtet sie gern einmal aufs Abendbrot, genau wie ich. Und über einem interessanten Buch kann sie alles vergessen genau wie ich! Ist das nicht großartig? Hast du jemals so etwas von lieber» einftimmung zweier Seelen gesehen? Ich werde sie heiraten, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche."

Otto hatte sich ordentlich warm geredet, und Max mußte zugeben, daß die junge Dame zwar durch­aus nicht sein Geschmack sei, aber für seinen Freund ohne jeden Zweifel ein ausgesprochenes Juwel. Und nur darauf käme es ja an in diesem Falle. Man gratulierte sich gegenseitig von Herzen zu den beiden Glücksfunden.

Es stellte sich im Laufe der Unterhaltung heraus, daß Max und Otto beide für den Abend frei waren, da ihre Bräute zufällig eine andere Verabredung hatten, die eine mußte eine kranke Tante pflegen, und die andere hatte den Besuch eines Onkels aus Pinneberg. Die Freunde blieben daher zusammen und konstatierten bei einer Flasche Wein, daß Ehen im allgemeinen viel zu leichtsinnig und ohne wahre Kenntnis der Charaktere geschlossen würden. Leider mußte man sagen. Dor solcher Torheit waren sie gottlob geschützt durch ihre gründliche Kenntnis aller Eigenschaften ihrer Auserwählten. Wie es denn überhaupt das erste Erfordernis und das Wichttgste sei, daß ein ernsthaft entschlossener Mann in betreff seiner zukünftigen Fr iu klar sähe. Bis auf den Grund prost! Sie ftie zen an und waren sehr mit sich und der Welt zufri den.

In dieser Beziehung kann h ganz beruhigt fein: ich kenne Maria", sagte O o mit glücklichem Lächeln. Max blickte erstaunt au .Wieso du? ich kenne Maria!" Otto schüttelte den Kopf.Meine Braut heißt nämlich Maria!"Meine auch", ent­gegnete Max,ein merkwürdiger Zufall!"Nein, ein schöner Zufall", schloß Otto,ich finde es finnig, daß zwei Freunde an den gleichen Namen geraten." Es war ein Grund, noch einma anzustoßen und die beiden Marias leben zu lasse!

Zur selbigen Stunde schrieb ein blondes schlankes Mädchen namens Maria an ihre Freundin Liese­lotte:Man hat es wirklich nicht leicht mit den Männern, das kann ich Dir sagen. Sie sind nicht zufrieden damit, uns zu nehmen, wie wir sind, sondern sie wollen immer etwas anderes aus uns machen. Und alle tun sie so als kennten sie ury besser als wir uns selbst kennen. Habe ich Dir schon von den beiden kuriosen Käuzen Max und Otto geschrieben? Beide bilden sich ein, daß ich sie liebe, obwohl ich sie nur gut leiden mag. Der eine will mich von früh bis spät bilden, weil er sich ein­

redet, ich sei klug, was bestimmt nicht der Fall ist, aber ich muß so tun, um ihn nicht zu kränken. Der andere läßt mich kaum zu Atem kommen mit seinem ewigen Schwimmen, Rudern und Springen, weil er behauptet, das seien meine herrlichsten Talente, womit er sich mächtig irrt. Das ganze Unglück kommt nur daher, weil die Männer so dumm sind, zu glauben, daß sie uns kennen. Für Max und Otto werde ich immer die Unbekannte bleiben, wenn sie auch vom Gegenteil überzeugt sind. Heiraten? Ja, ich werde Fritz heiraten. Der will gar nichts aus mir machen, der hält mich weder für klug noch sportlich begabt, der liebt mich nur ganz einfach, und das ist mir schließlich das Liebste. Vielleicht kennt er mich sogar. Jedenfalls besser als alle anderen."

Zeitschriften.

Um das Jahr 1000 herum wurden die Zeichen gefunden, aus denen in folgenden Jahrhunderten die Noten entstanden, wie wir sie kennen. Wilhelm Köhler berichtet darüber in der Junifolge von W e ft ermanne Monatsheften" und in Tiefdruck wiedergegebene Abbildungen zeigenge­druckte Musik" und die Kunst des Notenstechens. Im selben Heft wird die Geschichte desBassenheimer Reiters" erzählt, der etwa 1230 bis 1240 entstanden ist und mit der ein Stück deutschen Schicksals eng verbunden ist. Auf ein anderes, aber nicht weniger interessantes Gebiet führt der AufsatzWas Haeckel unerledigt zurückließ". An unterhaltenden Beiträgen sind neben dem argentinischen Roman von Fritz StromeKampf um Münsterland" die Erzählung von Stefan SturmEine Mutter siegt über den Krieg", von Gertrud FußeneggerDer gelbe Saal", Dr. Johannes S. HorstmannHeinrich der Löwe als Opfer einer Fürstenverschwörung" zu nennen. DieLiterarische Rundschau" bringt einen Beitrag von Dr. Hellmuth Langenbucher,Deutsche Dich­tung in Oesterreich".

Welchen Gefahren sind unsere kleinen Kinder in unserer Wohnung ausgesetzt? lieber solche Ge­fahren und vor allem darüber, wie man die Kleinen schützen kann, berichtet das Juni-Heft der Eltern­zeitschriftMutter und Kind" (Verlag Elwin Staude, Berlin W 30 und Osterwieck am Harz). Weiter bringt das reich bebilderte Heft den inter­essanten BeitragWozu eine Serienreife?", ferner die AufsätzeKinderglück im Gartenwinkel",Das Trotzalter",Das Kind im deutschen Sprichwort", Hütchen fliegen" alles Beiträge, die jede Mutter mit großem Interesse lesen wird.