Ausgabe 
16.6.1938
 
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m. 138 Erstes Blatt

188. Jahrgang

Donnerstag, 16. Juni 1938

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Brief aus Kopenhagen.

Don unserem Gi.-Korrespondenien.

Kopenhagen, Juni 1938.

Durch die dänische Presse ging Ende Mai eine lakonische Notiz, die besagte, daß die Oslo- Staaten, also Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland, Holland, Belgien und Luxemburg, das Haager Abkommen vom 28. Mai 1937 nicht mehr erneuern. Das Abkommen hatte den Handel zwischen diesen Staaten fördern sollen. Doch die Weltkonjunktur ist dawider, und das Abkommen läuft am 1. Juli ab. Manche Hoffnung ist dadurch >u Wasser geworden, wenn auch die praktische Be­deutung der Kündigung des Abkommens als nicht sonderlich groß angesehen wird.

Nicht viel größer erscheint die praktische Bedeu­tung der neu aufgestellten Neutralitäts- Regeln, die kürzlich in Stockholm von Vertretern der nordischen Außenämter unterzeichnet wurden. Diese Regeln enthalten nicht, wie man annehmen tonnte, Entschließungen über die Führung einer gemeinsamen nordischen Neutralitätspolitik, im Rah­men der neueren Erkenntnisse über den Paragraph L6 der Genfer Statuten. Jeder der nordischen Staaten hat feine eigene Neutralitätserklärung ab­gegeben oder wird es dieser Tage tun. DieNeu- iralitätsregeln" enthalten nurneutralitätstechnische" Bestimmungen, Ergänzungen zur bestehenden Ord­nung unter Berücksichtigung der modernen Waffen mie Unterseeboot und Flugzeug.

Um die nordische Aufrüstung ist es stiller geworden. Alle nordischen Staaten haben vor irrigen Wochen außerordentliche Sonderkredite zur Ergänzung, der Ausrüstung von Heer und Flotte bewilligt. Damit glaubt man genug getan zu haben. Hur die Unentwegten schreiben noch in den Gazetten liber dieimmer notwendiger werdende Abwehr fllres Pangermanismus". Die Zeitungen bringen diese Ergüsse unter: Eingesandt. Ernst nimmt man j diese Dinge nicht.

Selbst von der tschechoslowakischen Krise hat Kopenhagen sich nicht sehr berühren lassen. Für Dänemark gibt es wichtigere Dinge, so die große landwirtschaftliche Ausstellung aufBellahöj" bei Kopenhagen in der zweiten Junihälfte. 150 000 Kronen kostet die Ausstellung, Zehntausende von 1 Besuchern aus dem In- und Auslande werden erwartet. Neben wertvollem dänischen Nutzvieh | lönnen die Besucher die ausgezeichnete Organisation der dänischen Milch- und Butterwirtschaft studieren, l'oon der Kuh bis zu den elektrisch gekühlten Butter- vagen des Süd-Expreß, das Schwein von der Schlachtbank bis zu den Lastwagen, die den eng- Irschen Frühstücksspeck nach den Schiften bringen. Weiter werden Pelztiere ausgestellt: die Verwaltung ton Grönland zeigt die Erzeugnisse ihres Landes. Sine Jagdabteilung wird die Teilnahme der Jäger inben. Es wird eine sehr beachtliche Ausstellung «erden, der man viele Mühe zuwendet, ba sie Dänemarks wichtigstem Erwerbszweig gilt, der Landwirtschaft.

Die Ausstellung wird nicht die einzige Sensation fieses Sommers sein. Englische und ame° t'titanische Kriegsschiffe werden erwartet, ein französisches Kanonenboot mit echten Senegal- i Legern unter der Besatzung und ein holländisches vanzerschift, das jedes Jahr zu Besuch kommt. 3or allem aber kommt im Sommer das Ber­liner Staatstheater, um auf dem echten historischen Grund dem Schloßhof von Kron- lorg denHamlet" zu spielen. Der beste leutsche Hamlet, Gustaf Gründgens, war vor lurzem hier, um sich den Schauplatz für die Jnsze- r.ierung anzusehen. Die Abendblätter brachten ein interview mitEkscellence" Gründgens und schenk- ten ihre Aufmerksamkeit nicht nur dem großen Künstler, sondern auch seiner gepflegten Kleidung. DerHamlet" wird in deutscher Sprache gespielt.

Im vorigen Jahr waren die Engländer hier, l- tom altberühmten TheaterOld Vic" sogar; aber man war nicht so ganz zufrieden, obwohl es doch Engländer waren. Englisch ist nämlich in Dänemark noch immer Trumpf. Um so betrübter ist man, »laß die Engländer den Dänen nicht so viele land- virtschaftliche Erzeugnisse abnehmen, wie sie nach Kopenhagens Ansicht sollten oder könnten. Wenn man einen Dänen fragt, was die Engländer denn im Laufe der letzten Jahrhunderte für Dänemark tigenrtid) getan hätten, begegnet man einem Achsel- furfen. Man weiß es nicht. Es ist auch nicht viel, immerhin haben die Engländer den Dänen im iahre 1806 die weitere Sorge um ihre Kriegsflotte c'bgenommen, indem sie die dänischen Schifte ver­brannten ober nach England führten. In der Mitte les vorigen Jahrhunderts nahmen sie Dänemark t ie Last der Verwaltung der Nicobaren im Jndi- 'chen Ozean ab. Diese Inseln sind seitdem aus den dänischen Schulbüchern verschwunhen. Trotzdem sind He Dänen nach wie vor von einer großen Vorliebe für alles Englische erfüllt.

Die Haltung gegenüber dem anderen Hauptab­nehmer nämlich Deutschland,_ ist gänzlich cnders. Sie ist korrekt und liebenswürdig, wie der Däne überhaupt liebenswürdig ist. Man bewundert iie Deutschen, beneidet sie wegen ihrer staunens­werten Arbeitskraft, aber weiter gehen die Gefühle richt. Nun ist es zu begrüßen, wenn in Kopenhagen < chte und beste deutsche Kunst gezeigt wird. Deutsch verstehen fast alle Dänen, englisch weniger gut, wenn auch das Englische seit Versailles im Schulunterricht den Vorrang erhalten hat. Eng- lsches Wesen, englische Bücher, englische Jndustrie- cirzeugnisse, englischer Tabak ujw. finden in immer s eigendem Maße Eingang. England macht eine sehr 1 ««schickte Werbung. Erst kürzlich war der Lordsiegel- ' tewahrer Earl de la Warr in Kopenhagen. Gr sagte den Dänen viele nette Worte, gerade die, welche man hören wollte.

Oie Gudetendeutschen bei Hodza.

Llnerläßlichkeiten zur politischen Neuordnung.

Sine amtliche Mitteilung.

Prag, 15. Juni. (DNB.) Das Presseamt der Sudetendeutschen Partei teilt mit: Dienstagabend waren die Vertreter der Sudeten­deutschen Partei, die Abgeordneten Kundt, Dr. Pe­ters, Dr. Rosche, Dr. Sebekowsky und Dr. Schicke- tanz beim Ministerpräsidenten Dr. Hodza, um die Antwort der Regierung auf das Memo­randum der Sudetendeutschen Partei entgegenzu­nehmen. Ministerpräsident Dr. Hodza erklärte na­mens der Regierung, daß diese sowohl das Memo­randum der Sudetendeutschen Partei als auch das Nationalitätenstatut der Regierung als Grund­lage der Verhandlungen betrachten wolle. Um die gegenseitige Stellungnahme zu ermöglichen, finde eine weitere Aussprache in den näch­sten Tagen statt. Abgeordneter Kundt nahm die Mitteilung des Ministerpräsidenten zum Anlaß, um das Memorandum neuerlich zu begründen und legte besonderen Nachdruck auf die Feststellurig, daß die­ses keine Theorien enthalte, sondern Unerläß­lich k e i t e n, die nach 20jährigen Erfahrungen zur Sicherung des Sudetendeutschtums und zur Neuordnung der politischen Verhältnisse im Staate notwendig sind."

In der Unterredung mit Ministerpräsident Dr. Hodza brachten die Vertreter der Sudetendeutschen Partei auch jene Erscheinungen und Vorfälle des öffentlichen Lebens bis auf den letzten Tag zur Sprache, die es ins­besondere der Oeffentlichkeit schwer verständlich er­scheinen lassen, daß auf gewisser tschechischer Seite ernste Absicyten einer Regelung und Ordnung be­stehen. Sie brachten insbesondere die unverständ­liche und störende Zensurpraxis, die gegen­über den deutschen Zeitungen gehandhabt wird, zur Sprache, die es unmöglich macht, daß selbst wahr­heitsgemäße Berichte unter persönlicher Haftung der Betresfenden und von Abgeordneten über Tatsachen und Ereignisse veröffentlicht werden können. Die amtliche Berichterstattung erzeugt in der deutsche«

Oeffentlichkeit den Eindruck einer vollständi­gen Einseitigkeit und Voreingenom­menheit. Demgegenüber ist es vor allem der tschechischen Presse und selbst Zeitungen von Regie­rungsseite gestattet, Eigenberichte über solche Er­eignisse ohne Ueberprüfung des wahren Sachver­haltes zu veröffentlichen, wobei die Gelegenheit be­nutzt wird, gegen die Sudetendeutsche Partei, mit der die Regierung des Staates seit drei Wochen offizielle Besprechungen führt, zu hetzen.

Des weiteren brachten die Vertreter der Sudeten- deutschen Partei neuerliche Beschwerden über die Fortdauer der außerordentlichen Maßnahmen vor, die auch in Bereichen nicht behoben werden, für welche bereits verbindliche Zu­sagen vorliegen. Die Normalisierung der Verhältnisse bedeutet eine unaufchieb- bare Notwendigkeit im Interesse des Frem­denverkehrs, des freien Handels, der Feldbestellung und der industriellen Produktion. Im besonderen wurden die Vorkommnisse bei den einzelnen Wah­len am vergangenen Sonntag behandelt.

Weiter wurde die Erledigung der eventuell ein­gebrachten Beschwerden, die r a s ch e st e Konsti - tu i e r u n g der Gemeindevertretung en und die umgehende Bestätigung der Vorsteher und Bürgermeister gefordert. G e ge n das Verhalten der Sicherheitsorgane, wie in Mährifch- Schönberg, Grünwald, Warnsdorf, Reichenberg, Trautenau, Neuern, Winterberg, Eisenstein wurde nachdrücklichst Beschwerde eingelegt. Schließlich wurde neuerdings die Notwendigkeit der Zahlung von Entschädigungen im Zu- sammenhang mit den Militärmaßnahmen der letzten Wochen und eine sofortige Klä­rung der Rechtslage verlangt. Der Minister­rat nahm das mitgebrachte Material entgegen, das durch weitere Darstellungen ergänzt wird. Es verlautet, daß die näd) ft e-Unterredung zwi­schen Ministerpräsident Hodza und den Vertretern der SudetLndeutschen Partei am Freitag statt­finden wird.

Tlationalspanischer Erfolg an der pyrenäensront.

Note Division bei Bielsa aufgerieben und über die französische Grenze geflohen.

Salamanca, 16. Juni. (DNB. Funkspruch.) Der nationale Heeresbericht teilt mit: An der Pyrenäen-Front im Abschnitt Cinqueta und Alto Cinca nahmen die nationalen Truppen auf ihrem weiteren Vormarsch die Ortschaften Salinas, Saravillo, Tella und Revilla sowie eine Reihe von Höhen ein, die das Gelände um Bielsa beherrschen, das ehemals das bolschewistische Hauptquartier be­herbergte. An der Andalusien-Front gelang es im Abschnitt Codoba bei Penarroya die natio­nalen Stellungen weiterhin zu verbessern. Seit Dienstag beträgt der Vormarsch auf diesem Ab­schnitt 15 Kilometer. Von besonderem Vorteil er­scheint die Besetzung des Toboso- und des Miron- Gebirges sowie einiger anderer Höhen. Unter der Beute befindet sich auch eine Batterie von 7,5= Zentimeter-Geschützen. An der Castellon- Front versuchten die Bolschewisten einen heftigen Gegen st bei der Ortschaft Villareal. Der Angriff wurde energisch a b g e ro i e f e n. lieber 1000 Gefangene, darunter eine vollzählige Kom­panie, sowie sonstige reiche Beute an Kriegs­material blieben in Händen der nationalen Truppen. Das gesamte Nordufer des Mijares-Fluffes wurde besetzt. Die nationalen Truppen erreichten Alma- zora und besetzten südlich von ßucena den Ort Alcora, wo sie die nach Onda führende Sttaße abschnitten.

Nach in Burgos eingegangenen Meldungen ist die4 3. f o w j e t f p a n i s ch e Division", die den nationalen Truppen in der Gegend von Bielsa hart an der Pyrenäengrenze dank der

ständigen Unterstützung aus Frankreich heftigen Wi­derstand leistete, völlig aufgerieben worden. In der Nacht zum Donnerstag trafen in Frankreich größere Scharen von Flüchtlingen dieser Division ein; nach und nach überschritten mehrere tau­send S o w j e t s p a ni e r in voller Aus­rüstung die Grenze bei Fabian, wo sie unver­züglich entwaffnet wurden. Nach Aussagen der Flüchtlinge sollen nur noch 800 Mann zur Deckung der Flucht nach Frankreich in der Nähe des Kran­kenhauses von Bielsa stehen. Die Flüchtlinge weisen jedoch darauf hin, daß dieser letzte Rest si­cherlich im Laufe des Donnerstag noch gefangen­genommen wird, sofern es chm nicht gelingen sollte, die französische Grenze zu erreichen.

Wie die Nationalen nach Einnahme der Stadt Castellon festgestellt haben, versuchten die roten Milizen vor ihrer Flucht, die Zivilbevolke- r u n g zu zwingen, mit ihnen in Richtung Valencia z u fliehen. Die Bevölkerung, die die Befrei­ung durch die nationalen Truppen längst herbei­gesehnt hatte, weigerte sich. Es kam zu schwe­ren Kämpfen mit beherzten Teilen der Bevölke­rung. Die roten Untermenschen schreckten nicht zu­rück, etwa 400 Einwohner jeden Alters und Ge­schlechts umzubringen, nur weil sie die Flucht ins Sowjetgebiet nicht mitmachen wollten. Die Be­völkerung hatte während der letzten fünf Tage überhaupt nichts mehr zu essen, da alle ßebensmittelbeftänbe von den Bolschewisten fortgeschafft ober vernichtet worden waren.'

Die. Franzosen zeigen sich weniger geschickt. Sehr erzürnt war die dänische Presse, als der Paris Soir" eine gänzlich irreführende Meldung darüber brachte, daß die Nichte desschwedischen" Märchendichters H. C. A n d e-r s e n den Sohn des britischen Kriminalschriftstellers Conan Doyle geehelicht habe. Es war fast eine Tragödie. Andersen ein Schwede!Ckstrabladet" berichtete dieser Tage über eine weitere Tragödie auf der ersten Seite. Seit sechs Jahren bezieht da ein Mann Gehalt vom Staat, ohne daß er etwas dafür zu tun hätte. Man hat ihn offenbar vergessen. Seit sechs Jahren gibt es nämlich mit Ausnahme der Garde keine Militärmusik mehr in Dänemark. Den Kapell­meister der Marine aber hat man zu verabschieden vergessen. Er hat sich auch nicht beschwert und ruhig sein Gehalt weiterbezogen. So schreibt wenigstens dasCkstrabladet", und da muß es wohl stimmen.

Große Goldkäufe in London.

London, 15. Juni. (Europapreß.) Gerüchte über eine neue Abwertung des Dollars, verbunden mit der anhaltenden Schwäche der amerikanischen Währung an der Lon­doner Devisenbörse, führten in den letzten Tagen

zu einer ungewöhnlich ft arten Nachfrage nach Gold. Am Dienstag und Mittwoch wurden Goldbarren im Werte von 4,7 Millionen Pfund (rund 57 Millionen Mark) an getauft. Die Kauf­aufträge stammten zum größten Teil aus Frank- reich und überseeischen Ländern, vor allem aus Indien.

Die neue Terrorwelle in der (Sowjetunion.

London, 16. Juni. (DNB.-Funkspruch.) lieber neue Hinrichtungen und Erschießungen in der Sow­jetunion weiß die Times zu berichten. Aus Lenin­grad, der Utraine, dem Kautafus und Sibirien feien Berichte über die neue Säuberungs­welle eingetroffen. In vielen Fällen wurden nur d i e Nummern der Opfer betannt« gegeben. In Chabarowsk seien am Wochenende 17 Personen erschossen worden. Es habe sich um Kommunisten gehandelt, die noch vor kurzem führende Posten im Fernen Osten begleitet hätten. In Georgien seien drei hohe Eifenbahnbeamte wegenNach­lässigkeit im Dienst" erschossen worden.

Lleberschwemmung als Kriegsmiiiel.

Im Kampfgebiet des Gelben Flusses, des Hoang- ho, ist eine Überschwemmung eingetreten, dis Taufende von Opfern gefordert hat. Wie die Japa­ner behaupten, haben die chinesischen Truppen die Dämme des Riesenflusses durchstochen. Im Raume von Kcrifeng-Tschengtschau steht das Wasser des Gelben Flusses über vier Meter hoch und behin­dert die japanischen Operationen gegen Hankau, gegen das längst des Jangtsekiang eine japanische Kolonne von Nanking aus sich in Marsch setzte, die unterstützt werden sollte durch eine nördliche Ar­mee aus dem Hoanghogebiet. Der Hoangho stießt, wie der Jangtsekiang, durch weichen Lößboden, also aufgeschwemmte Erde. Beide Ströme wechseln oft ihr Bett, wobei dann China jedesmal von rie­sigen Ueberschwemmungen heimgesucht wird. Di» unzähligen Kanäle und kleinen Rinnsale, die das Wasser sonst auf die Felder des fleißigen chinesi­schen Bauern leiten, sind dann nicht imstande, die Wasserfluten aufzunehmen. Die Deiche werden fort- geschwemmt und Hunderttausende von Chinesen gehen dabei zugrunde. Erst im Jahre 1931 wurden 28 Millionen Menschen in diesem (Stromgebiet ob­dachlos, Hunderttausende ertranken. Die letzte Ueberschwemmung im Jahre 1935 riß ebenfalls Millionen ins Verderben.

Die jetzige Katastrophe scheint aber einen militä­rischen Zweck zu haben. Die Chinesen sahen kein anderes Mittel als das Wasser, um den vorwärts- dringenden Feind aufzuhalten. Ob auch Hundert­tausende des eigenen Volkes dabei umkommen Menschen spielen in China, das nicht einmal genau angeben kann, wieviel Einwohner es hat, ob 400 oder 500 Millionen, keine Rolle. In der chinesischen Philosophie werden solche Katastrophen sogar als gerechte (Strafe der Götter für die sündigen Men­schen angesehen und von der Masse stoisch ertragen. Es ist daher sehr wohl anzunehmen, daß die chine­sischen Militärs den Todesfluß als Waffe gegen die Japaner eingesetzt haben, genau so, wie schon zu Tacitus Zeiten die Bataver, die Vorfahren der heutigen Niederländer, im Kamps des Claudius Civilis gegen die Römer die schützenden Dämme ihres Landes durchstachen, um den römischen Legio­nen das Vordringen zu erschweren. Holland griff im Kamps gegen Feinde oft zu diesem Verteidi- gungsmittel. Seine protestantischen Geusen haben gegen die spanischen Truppen Albas im nieder­ländischen Freiheitskriege wiederholt die Dämme durchstochen. Auch Ludwig XIV. von Frankreich hat die Niederlande, nicht bezwingen können, weil die Dämme dem Lande einen natürlichen Schutz gaben und ihre Durchstechung die französische Soldateska zurücktrieb. Allerdings schlug einmal dieses Mittel fehl. Als die französischen Revolutionsheere im Jahre 1794 die Niederlande bedrohten, griff das Volk wieder zum letzten Mittel des Dämmedurchstechens, aber ein harter Frost fetzte ein und ermöglichte es dem General Pichegru, über das Eis zu mar­schieren, Amsterdam durch einen Handstreich zu nehmen und damit der niederländischen Selbständig­keit bis 1815 ein Ende zu bereiten.

Doch entscheidender war die Ueberschwemmung an der I s er, die 1914 dem Vordringen deutscher Truppen in Belgien ein Ziel setzte, Wir hatten bis Ende Oktober 1914 unsere Angriffe an der Pser bis vor Ramskappelle und Pervyfe fortgetragen. Am 28. Oktober 1914 begann der neue Angriff gegen die belgisch-französische Linie. Der Bahnhof von Pervyfe wurde genommen, der Angriff wälzte sich an den Damm heran. Da stieg in dem schwap­penden Polderland, das schon vorher durch Regen- e aufgeweicht war, plötzlich das Grundwasser.

30. Oktober standen zwischen der Pser und dem Damm bereits große Lachen. Die Belgier hatten die Dämme durchstochen, das Meerwasser kam von un­ten herauf und während die Belgier den Bahn­damm abgedichtet und alle Durchlässe verstopft hat­ten, stieg das Grundwasser zwischen dem Damm um dem Pserdeich. Hungernd, frierend, durchnäßt lagen unsere Sturmtruppen in den immer mehr überschwemmten Gräben' und konnten nicht mehr daran denken, von Ramskappelle und Pervyfe aus auf Furnes' durchzubrechen und damit die ganze Front des Feindes vom Meer her aufzurollen. Das Meer, von den Belgiern gerufen, war der Waffen Meister geworden. Alle Verbindungen wurden un­terbrochen, die deutschen Geschütze und Zugtiere versanken im Schlamm, die Verwundeten liefen Ge­fahr, zu ertrinken. Am 31. Oktober begann der Rückzug von Ramskappelle und Pervyfe. Ueberall lauerte das Wasser upb stieg und stieg, Bauern­höfe und Straßen versanken in der grauen Flut, und mit Tränen des Zornes sahen die Deutschen, wie das Wasser sie um die Früchte blutig errunge­ner Erfolge brachte. Als deutsche Pioniere am 1. November 1914 die Schleusenbrücke bei Beverdyjk sprengten, war bas von ben Belgiern herbeige­rufene Meer Sieger geblieben über bie in Waffen unbesiegten deutschen Truppen. rt.

Der japanische Vormarsch am Zanglse.

Hankau, 15. Juni. (Europapreß. Funkspruch.) Die iapanischen Heereseinheiten, die von Anking einerseits und Hofei andererseits auf Hankau mar* schieren, haben sich am Dienstag bei Tung» sche.ng vereinigt, nachdem dieses von den Chinesen aufgegeben worben ist. Die Chinesen haben sich in bie Hügelgegenb westlich von Tung- scheng zurückgezogen, wo sie ausgebaute Stellun­gen bezogen. Die japanischen Heeresabteilungen stoßen nunmehr westwärts in zwei Richtungen vor. Am Mittwochfrüh erreichten die japanischen Trup-