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Hr.65 Zweites Blatt
Allerhand Leibgerichte.
Von Inda Aisch, Äad-Raudeim.
Wer kennt nicht die volkstümlichen Berliner Gaststätten! Eins der beliebtesten Gerichte durch viele Jahrhunderte sind dort die „Löffelerbsen mit Speck". Ich habe Leute gekannt, die darum extra nach Berlin fuhren, und viele Männer, die ihren Frauen vorhielten, daß sie keine Erbsen kochen könnten. Es Hai lange gedauert, bis ich hinter das Geheimnis kam, das eigentlich gar Feine war. Wir Hausfrauen konnten dies Leibgericht wirklich nicht so kochen, denn uns fehlte die Hauptsache, die Metzelsuppe dazu. Wer nun das Glück hat, selber [ ein Wutzchen zu schlachten, oder von lieber Hand ; einen Topf Wurstsuppe zu erhalten, kann manch gutes und billiges Essen auf den Tisch bringen. Es braucht gar keine frische Wurst dabei zu sein. Die berühmten Löffelerbsen quillt man am Tag vorher in Natronwasser ein und kocht sie ohne Salz am andern Tag im selben Wasser weich, läßt sie aber nicht zerfallen. Dann wird die Metzelsuppe heiß gemacht und die dicken Erbsen hineingeschüttet. Dann kommt ordentlich Majoran und Thymian dran, und wenn die dicke Suppe nicht von selber fett ist, ein paar ganz fein geschnittene Speck- grieben. Ist keine Wurst in der Suppe geplatzt, I können wir auch ein paar Löffel Blut mit lauwarmer Brühe verrühren und hineinschütten. Das Blut gibt uns gern unser Metzger.
Ebenso gut, aber ganz anders schmeckt die Metzel- fuppe, wenn wir Linsen ausquellen und, weich gekocht, hinein tun. Dann geben wir statt Majoran und Thymian tüchtig kleingeschnittenen Lauch dazu.
Wir können auch etwas ganz anderes als sonst aus der Metzelsuppe machen. Da steht noch ein Rest gekochter Kartoffeln von gestern. Für fünf Pfennig Hefe tun wir in eine Schüssel, zerkrümeln sie und streuen einen Eßlöffel Zucker darauf. Nach 30 Minuten ist die Hefe ganz dünn. Dann verquirlen wir zwei Eier damit, sieben nach und nach 500 Gramm von unferm neuen Haushaltmehl, Type 812, dazu und verkneten alles mit einem Viertelliter Buttermilch zu einer Kugel. Fängt sie an zu gehen, kommt eine Tasse geriebene Kartoffeln dazu, und der Teig geht wieder, aber nicht so sehr hoch. Die Metzelsuppe wird zum leisen Kochen gebracht. Von dem Teig stechen wir eigroße Klöße hinein. In fünf Minuten sind sie gar. Wir richten sie mit der Metzelsuppe an. Für salzige Lecker gibt es dazu eine Dillgurke, für süße etwas Marmelade. An dieser Menge können sich drei bis vier Personen satt essen.
Das erste, was uns der erwachende Frühling beschert, ist jetzt schon frischer Kerbel. Wir würzen zur Abwechselung, statt mit Petersilie, damit einmal unsere Fleischsuppe. Auch eine Hafermehl- suppe mit diesem ersten frischen Frühlingsgrün wird freudig begrüßt werden. Koche mit Wasser, wenig Salz und Hafermehl eine kundige Mehl- • suppe, gib etwas Milch daran, einen kleinen Strich Butter in jeden Teller, etwas gehackten frischen j Kerbel und eine Spur gut aufgelösten Hellen Honig.
Es wird von vielen Seiten dazu geraten, Würzkräuter in Blumentöpfen zu ziehn, um immer etwas frisches deutsches Gewürz bei der Hand zu haben. Auch soll dadArch der Markt entlastet werden. Und mancher Liebhaber dieser frischen Kräuter betreut nun eifrig auf dem Fensterbrett sein Liebstöckel-, Schnittlauch-, Petersilien- oder Rosmarintöpfchen. Wir wollen hoffen, daß er keine Enttäuschung erlebt, denn zum Ziehen von Gewürzkräutern gehört mehr, als nur liebevolle Pflege geben kann. Das, was den Pflanzen ihre köstliche Würze gibt, ist der Einfluß der ultravioletten Strahlen. Diese können aber nicht durch die geschlossenen Glasfenster bringen. Wenn wir nun in der kalten Zeit unsere Pflanzen auf dem Fensterbrett nicht in die Außenluft bringen können ober sie nicht ohne Frostgefahr am offenen Fenster lassen können, so wachsen sie wohl, haben aber fast gar keinen Duft. Darum lüften auch bie Gärtner bei jeher möglichen Witterung ihre Frühbeete. Auch wir müssen, so balb es nur geht, sorgsam acht geben, wenn wir ein Weilchen bie Würzkräutek am Tag in bie frische Luft setzen. Dann werben wir auch keine Mißerfolge haben.
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Gut borbemtet-W umgezogen
Aus der Technik des Umzugs.
Es gibt Hausfrauen, bie bereits am Abenb bes Umzugstages nicht nur bie Familienmitglieder, fonbern auch schon bie ersten Gäste um einen sorgfältig gebectten Tisch versammeln — es gibt aber auch solche, bei benen bie unausgepackten Kisten noch nach mehreren Wochen in ber Wohnung herumstehen unb so einen Umzug zum Schrecken für bie ganze Familie machen.
Dabei kann ber Umzug, wenn er von ber Hausfrau gut vorbereitet ist, so ruhig unb unauffällig nonftatten gehen, baß er bie arbeitenben Mitglieder der Familie nicht aus dem Gleichgewicht bringt. Allerdings muß die Frau des Hauses bereits vorher mit ihren Vorbereitungen beginnen.
Zu diesem frühen Zeitpunkt kann sie zuerst einmal mit dem Reinigen und Waschen all der Sachen beginnen, die bei dem Transport nicht wieder schmutzig werden, z. B. Decken, Gardinen unb schließlich die Teppiche, die man selbst sorgfältig reinigen kann. Schon bei diesen Arbeiten stößt die Hausfrau auf vielerlei Reparaturen im Haushalt, die schon zu diesem Zeitpunkt gemacht werden können, etwa eine kaputte Steppdecke, eine schadhafte Matratze usw. Auch das Anstreichen und Auffrischen von den Küchen- und Balkonmöbeln ist ein dankbares Betätigungsfeld.
Nicht weniger wichtig ist das „in Ruhe aus- sortieren" all der Dinge, die man in die neue Wohnung nicht mitnehmen will. Dazu muß man sich Zeit lassen. Denn in der Hast wirft man doch vielleicht manches fort, was man später doch noch brauchen könnte. In jeder Wirtschaft häufen sich ja doch trotz allen guten Willens bie oerschiebensten unnützen Gegenstänbe an. Unb ger-abe ber Um- 3.ug ist bekanntlich bie beste Gelegenheit, bei ber sich die oerschiebenen Familienmitglieber von so manchem alten Tröbel trennen. Besonbers ber Bücherschrank unb ber Schreibtisch (siehe bas Fach Mit alten Briefen!) sollten einer grünblichen Durchsicht unterzogen werben. Aber auch ber Haushalts- lajrant hat bas meistens nötig, bamit ber „gute
Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Mittwoch, lb. März 1958
Aus dem Reiche der Krau.
Porzellantopf, echt Meißen", ber so hübsch ist, aber leiber unbicht, nun hoch enblich in ben Mülleimer wanbert.
In den letzten zwei Tagen vor dem Umzug hat die Frau des Hauses noch einige besondere Arbeiten, mit deren Durchführung sie sich ben gefürchteten Umzug erleichtern kann. Da muß jeher Schlüssel von ben Schränken abgeschlossen unb abgezogen sein, bann ein kleines Pappschilb mit bem Kennwort „Spielschrank" usw. bekommen, unb schließlich sammle bie Hausfrau alle Schlüssel in einer Tasche. Auch für einen Korb sollte sie sorgen, in bem sich alles an Tellern, Tassen, Löffeln usw. befinbet, was bie Familie zu ben Mahlzeiten braucht. Unb ebenso packe man einen Koffer, 5er all bie Dinge enthält, bie bie Familie zur Nachtruhe benötigt, Nachtzeug, Waschzeug, Hanbtücher usw. Wer gut gegessen unb richtig geschlafen hat, wirb am nächsten Tag bop- pelt so freubig an bas schwere Tagewerk gehen.
Bis zuletzt behalte man in her alten Wohnung Besen und Kehrichtschaufel zurück, um die Wohnung „besenrein" übergeben zu können. Vor dem Hinausgehen müssen aber auch bie Fenster gut geschlossen werben, alle Leitungshähne festgebreht sein, unb außerbem vergesse man nie, ben Stanb bes Gas- unb Elektrizitätsmessers abzulesen.
Alles bas erspart viel Aerger. Nur so gehe man als Letzter aus ber Wohnung.
Trotzbem muß dafür gesorgt werden, daß b e - reite bei ber Ankunft bes Möbelwagens ein Familienmitglied in der neuen Wohnung bereitsteht, bas ben Ziehleuten Bescheib gibt, wohin bie einzelnen Gegenstänbe gebracht werben, in welches Zimmer, in ben Keller ober auf ben Boben. Unnützes Hin- und Herschleppen verärgert nämlich und kostet Zeit. Das Beste ist natürlich, wenn der Hausvater einen Wohnungsplan anfertigt, in dem jeder Raum mit ben ihm gehörigen Möbeln verzeichnet steht. Für schwere Bücher- unb Porzellankisten schasse man umgelegte Teppiche, bamit ber Fußboben nicht unnötig beschäbigt wirb. — Wichtig für ben Umzugstag ist auch der gefüllte unb georbnete Hanbwerks- faffen, bamit nicht nach jebem Nagel ober etwas Gips zum Kaufmann geschickt werben muß.
Wer einen Umzug so vorbereitet, braucht ihn nicht zu fürchten. Zu biefen kleinen techyischen Hilfsmitteln vor allem noch ein bißchen Sönnen- schein unb bazu viel gute Laune, — unb man barf ben gutgelungenen Umzug als ein glückliches Vorzeichen für ein neues Beginnen im neuen Heim ansehen. Ch. K.
Mas sollen wir tragen?
PRAKTISCHE VORSCHLÄGE UNSERES MODEZEICHNERS
Frühjahrskostüme — zweifarbig zeigt heute unsere Modeskizze.
Unb zwar besteht bas Kostüm links aus einem schottisch-karierten Fa11enrock unb einer apart geschlossenen, honiggelben Wolljacke, unter ber eine dunkelblaue, kurzärmelige Wollblus^ getragen wird. Die Farben des Schot- ten-Karos sind gelb unb dunkelblau unb elfenfein. Der kleine Hut ist aus gelbem Haarfilz mit blauer Banbgarnitur.
Aus einem blaugrauen Rock unb einer bloßroten Jacke in grober, weicher Wolle be
steht bas Kostüm in ber Mitte. Apart wirkt bie Schnittform ber Jacke mit ihrem Schulterteil, bem angeschnittenen Halsbünbchen unb ber durchgehen- ben Knopfleiste. Die Bluse ist dunkelblau, ebenso ber kleine Bolerohut.
Zu einem graugrünen Fa 11enrock aus grober Wolle zeigt bas Mobell rechts eine sportliche Jacke aus holzfarbenem, groben Leinen mit großen Naturholzknöpfen. Zu ihm wirb ein flacher Hut aus braunem Exotenstroh und eine Bluse aus braun-grün gemusteter Rohseide getragen. H.
Mhs? machen Toilette
V. A. Wenn bie Möbel beim Umzug auf ber Straße stehen, wollen sie sich ebensowenig wie wir Menschen schmutzig unb unansehnlich präsentieren. Aber auch wenn sie ben Stanbort nicht wechseln, verlangen sie außer ber täglichen Säuberung beim Großreinemachen sozusagen ein grünbliches Bab. Wie bie Haut ber Menschen, so sinh auch bie Flächen unserer Hölzer verschieben empfinblich. Je nach ber Jnbivibualität ber Hölzer müssen deshalb un- terschiebliche Reinigungsmittel unb -verfahren angemenbet werben.
Natur Hölzer, z. B. Eichenmöbel, werben nur gut entstaubt unb nicht emgewachst, weil sie sonst leicht blinb werben. Weiße Naturhölzer, wie Tischplatten aus Ahorn, lassen sich leicht mit Seifenwasser unb feinem Sanb reinigen. — Hölzerne Küchengeräte, wie Löffel unb Quirle, werben zeitweise in Essigwasser ausgekocht, um wieher ganz weiß zu werben. Wenn sich kleine Brettchen babei verstehn, läßt man sie, in ein nasses Tuch gewickelt, gut beschwert, ein bis zwei Tage liegen. Ist ber Form wegen Auskochen nicht möglich, bann wirb ber Gegenstanb mit einem Brei aus weißer Walkerbe bestrichen (im Hanbel erhältlich), einen Tag liegen gelassen unb bann gut abgewaschen.
Gestrichene Möbel werben mit einem feuchten Tuch abgerieben unb mit einem trockenen Tuch gut nachgerieben. Zur grünblichen Reinigung nimmt man abgekochtes Panamarinbe- ober Kleiewasser, Sollten noch Flecke Zurückbleiben, hilft Sal- miakwasser. Gebeiztes unb gewachstes Holz barf nicht abgewaschen, fonbern nur gut mit einem trockenen, weichen Wolltuch abgerieben werben. Ränber, trübe Stellen unb Flecke entfernt
man burch Abreiben mit bem Wolltuch, bas man in eine Mischung von weißem Wachs unb Terpentin getaucht hat. Gebeizte Möbel, bie sehr verkratzt sinh, schleift man mit Glaspapier ab, wäscht sie gut mit kaltem Wasser ab unb trägt bann sofort eine Auffrischungspolitur auf.
Polierte Möbel werben täglich nur mit einem sehr weichen Wolltuch abgerieben. Bei emp- finblicher Politur kann schon ein hartes Tuch feine Schrammen verursachen. Zu nerm eiben ist bei polierten Möbeln: Wasser, Seifenwasser, Petroleum sowie Spiritus. Zur grünblichen Reinigung rührt man sich einen bünnen Brei aus Kartoffelmehl unb Del an, trägt ihn leicht auf unb poliert gut nach. Ein gutes Fleckenmittel für polierte Möbel stellt man sich aus gleichen Teilen von Essig, Terpentinöl unb Leinöl her. Durch Aufstellen zu heißer Gefäße entftanbene Räuber vergehen, wenn man bie Stellen einige Zeit lang mit Zigarrenasche eingerieben, stehen läßt unb bann gut nachreibt.
Lackierte Gegenstänbe werben mit einem weichen, in Leinöl getauchten Tuch abgerieben. Hartnäckige Flecken unb leichte Schrammen lassen sich burch Abreiben mit einem erwärmten Gemisch aus Mehl unb Del entfernen. Schleiflackmöbel bürfen weher mit Benzin ober Terpentin noch mit scharfen Mitteln behandelt werben. Zur gründlichen Reinigung wäscht man das Holz erst mit kaltem Wasser ab, bann noch einmal mit einer Abkochung von Panamaspänen ober Kleiewasser, spült bann nach unb reibt mit weichem Tuch ober Leber gut trocken, fieber möbel werben mit weißem Schuh- erme aufgefrischt unb abgerieben. Helle Schrammen werben mit Schuhcreme in ber Farbe des Lehers eingerieben unb bann gut nachpoliert.
Dr. W.
Kind und Tier.
Von Julie Schlosser.
Kinber beim Spiel zu sehen, ist meistens etwas Wunderschönes. kann auch etwas sehr Bedeutsames sein: im Spiel sagen Kinder unbewußt mehr von sich selber aus, als an irgendeiner anderen Stelle. Was sie beeindruckt hat, was sie an starken Einflüssen umgibt, das stellen sie irgendwie im Spiel bar. Wo nun eine Zeit so sehr von ber Technik beherrscht wirb wie bie heutige, muß es auch bie Welt ber Kinber sein. Und das sagen ihre Spiele ganz deutlich. Das erzählt sogar schon her Wortschatz der ganz Kleinen, — sie sagen „Auto", fast ehe sie Papa und Mama sagen. Auch das moderne Spielzeug unterstützt dieses Interesse für die technischen Dinge.
Das hat eine tiefe und starke Wirkung auf den kleinen Menschen im Werden. Vom Wert oder Unwert dieses Zustandes völlig abgesehen: es ist sicher, daß dieser starke Einfluß der Technik, und eines Lebens, das sie so sehr beherrscht, außerordentlich einseitig ist und einen Ausgleich braucht, weil sonst eine Kinderseele sich auch nur einseitig entwickelt, nur krüppelhaft entfalten kann. Wenn ein Mensch nicht verkümmern soll, braucht er irgendeine Berührung mit bem Unermeßlichen besten, was es außer unseren menschlichen Werken gibt, mit bem, was unabhängig von uns ba ist, was in Ruhe wirb, entsteht, nicht fabriziert wirb, was unerklärlich, Geheimnis ist: eben mit ber Natur. Nicht mit der, die mit einem winzigen Teil ihrer Kräfte in unserem Dienst steht, sondern mit her Natur da, wo sie im letzten Grunde unserem Zugriff und Belieben doch unerreichbar bleibt: mit den Tieren und Pflanzen.
Aber wenn Kinder Tieren und Pflanzen begegnen, kommt alles darauf an, daß die Tiere und Pflanzen nun nicht einfach auch als Dinge, als Ware, als bloße Nutzungsobjekte betrachtet werden, sondern als das, was sie sind: Wesen, ähnlich wie wir und doch anders, durch die gerade deshalb unsere Welt bereichert und unsere Erziehung vertieft wird.
Das stille und wundersame Leben ber Pflanze begegnet uns überall: im Baum auf ber Straße, im Blumentopf am Fenster, in ben bunten Früchten, die auf den Wagen verkauft werden, in ben Blättern, Knollen unb Wurzeln in ben Gemüse- läben. Es begegnet bem Kinb auf Wanberungen mit ber Schule ober im Laubengarten. Man kann bem Kinb selber bie Pflege biefes Lebens anvertrauen, unb hierbei wirb es das stille Werden nach unwandelbaren Gesetzen kennenlernen, demgegenüber es keine Möglichkeit des hastigen Machens gibt.
Wo man ihm Tiere nicht nahebringen kann, vermag sie diesen Umgang auch in manchem zu ersetzen. Denn alle Uroorgänge des Lebens sieht es ja in ihr, und obendrein ist sie so wunderbar mit ben Kräften bes Weltalls nerbunben, baß sie immerfort über sich selbst hinaus weist, zu Sonne und Wind, zum Wasser und zu den unsichtbaren Strahlen — denn diese alle schaffen an ihr, und sie selbst schafft lautlos mit. Aus der dunklen Erde und der farblosen Luft baut sie ihren schön gegliederten, lebendigen Leib. Schwerer ist es, einem Stadtkind ben nahen Umgang mit Tieren zu verschaffen. Unb ganz gewiß ist es erzieherisch wertvoller und menschlich besser, man versagt einem Kinde das Tier, das es halten möchte, als daß man die Tiere wieder zum Mittel, zur Sache macht und sie, um dem Kind eine Freude zu bereiten, in Verhältnisse bringt, die eine Qual für sie sind. Bewußter Verzicht, um einem anderen Leid zu ersparen, bedeutet immer einen Gewinn. Tiere sind dennoch in der Welt des Kindes vorhanden. Da sind Katzen im Hof, Vögel, Hunde, Pferde, Infekten — und da find unendlich oft Tiere in Not, oder doch unverstanden in ihrer Wesensart, mißachtet und falsch behandelt. Im all- gemeinen ist ein großes Interesse für Tiere unb ihr Schicksal bei Kinbern zu finden. Kinder haben auch das unmittelbare Gerechtigkeitsgefühl bem Tier gegenüber, bas ihm fein Lebensrecht gönnt, unb berounbern unb lieben es ohne allen Dünkel. Sie sehen baburch oft mehr unb richtiger als bie Erwachsenen: ihr Gefühl ist noch unverbildet, und ihr Auge aufmerksam auf die Dinge gerichtet. Ihre Stellung zum Tier, wie sie nicht immer, aber in ber Regel ist, wirb entzücken!) klar in ben Worten bes Dreijährigen, der mit seinem Fingerchen der Fliege am Fenster folgte und andächtig dazu sagte: „Godes Tier kann lopen!"
Aber jeder weiß, daß Kinder auch grausam sein können, Feinde und Quälgeister ber Tiere. Das kommt manchmal nur aus Wißbegierde. Oft kommt es auch bem Verlangen bes kleinen Menschen nach Herrschaft unb Geltung, unb manchmal auch aus wirklichem Quältrieb. Deshalb ist es so wichtig, daß Grausamkeit, ja auch nur Rücksichtslosigkeit 'gegen Tiere nicht gebulbet wirb; bleibt sie unüberwunden, so gibt es einen Bruch in ber Seele bes Kinbes. Entweber Grausamkeit unb Brutalität sind etwas, was ausnahmslos überall verneint wird, — oder man wird nicht Herr über sie. In solcher Grausamkeit steckt aber als etwas Positives der -Tätigkeitsdrang, und dieses Verlangen nach einem Tun, in dem das Kind seine eigene Macht sieht, muß nur auf bas rechte Ziel gerichtet werben. Das Verlangen ber Kinber bannet), etwas zu leisten unb zu sein, kann befriebigt werben gerabe, inbem man sie zu Helfern und Schützern der Wesen macht, die 'in irgendeiner Weise schwächer sind als sie.
Eine besondere Schwierigkeit entsteht da, wo Kinder miterleben, daß ein Mensch schädliche Tiere vernichten muß. Oft sehen sie es mitleidlos mit an, oft sind gerade sie bie sehr sachlichen Verteibiger der Tiere. Und diese Gerechtigkeit sollte man ja nicht verletzen, an anderer «feile könnte sie uns sonst einmal bitter fehlen. Aber was denn tun — es geht hoch nicht an, alle Schüblinge leben zu lassen!' Es geht aber wohl an, jebe Vernichtung von Leben als eine ernste Sache zu nehmen 'und sie sich nur m einem wirklichen Notfall zu gestatten. Und es ist zu überlegen, wie man möglichst schonenb unb rasch babei zu Werk gehen konnte. Oft wäre es auch gar nid)! nötig, zu töten, wenn man sich nur die Muhe machte, einen anderen Ausweg zu suchen. Zum Beispiel beim Schutz ber Vogel vor Katzen: Wie schnell ist man bereit, Würgefallen aufzustellen, mit Steinen ein Tier vielleicht blinb zu werfen, während man boch im Garten durch Schutzringe um die Baume und anbere einfache Mittel' sehr wohl das erreichen konnte, was man will. Jeder Tierschutz, verein gibt Auskunft darüber.


