m. 295 Zweites Blatt
Eichener Anzeiger (Senerai-Anzeiger für MerWen) vonnersiag, 15. Dezember (958
Einsatz der SA. bei der Einbringung der diesjährigen Ernte.
Von Obersturmführer Vogt, Brigade 147/Oberhessen.
Nun stehen wir schon wieder mitten im Dezember 1938. Wir halten kurz Rückblick über das fast vergangene Jahr, um festzustellen, ob wir, die SA., gegenüber Volk und Staat unsere Einsatzbereitschaft in vollem Umfange unter Beweis gestellt haben. Und da muß man feststellen, daß wir uns der geleisteten Arbeit nicht zu schämen brauchen, sondern stolz sein können!
Hier war es einmal die Papiersammlung, ein andermal die Schrottsammelaktion und vieles andere mehr. Und mit welcher Selbstverständlichkeit haben wir SA.-Männer diese Aufgaben erledigt. Ja, gerade diese Aufgaben machen uns stolz, denn sie vermitteln uns dem Volke, und so entsteht durch diese Zusammenarbeit mit der Zeit eine feste Gemeinschaft, und das Ziel — die Volksgemeinschaft — ist erreicht.
Schaut man zurück, so muß man feststellen, daß auch in den Kampfjahren der SA.-Mann in vorderster Front stand und um die Seele des deutschen Menschen rang, damals für die N e u s ch ö p f u n g des Reiches treu an der Seite des Führers bis zur Lösung dieser ersten Aufgabe. Heute hat der SA.-Mann die Aufgabe der Erhaltung und der Sicherstellung dieses Werkes. Gerade diese Aufgaben, die die innere Verbundenheit mit dem Volke verlangen, können nur von ihm allein gelöst werden, weil er ja ein Teil dieses Volkes selber ist, er selbst tief in ihm wurzelt und er aus diesem Volke kommt und seine Seele trägt. Durch diese innere Einstellung ist er in der Lage, den freiwilligen Volksdienst überhaupt zu leisten und somit Wegbereiter für den Nationalsozialismus zu sein. Mag die Aufgabe gelautet haben, wie sie will, und mag manch anderer gelächelt haben: der SA.-Mann hat sie dennoch in treuem Pflichtbewußtsein erfüllt. Der Führer hat nicht umsonst seine braunen Soldaten als die Treuesten bezeichnet, und wir wollen uns dieser Auszeichnung würdig erweisen.
Gerade dieses bedeutungsvolle Jahr hat auch an den SA.-Mann große Aufgaben gestellt. Der letzte Einsatz war der bei der Einbringung der diesjährigen Ernte. Wenn auch im Bereich der Brigade 147, die eine reine Land-Brigade darstellt, "fast 70 v. H. mit landwirtschaftlichen Arbeiten beschäftigt sind, der übrige Teil der Männer im Werksleben steht, in dem heute durch Mangel an Facharbeitern, an Arbeitern überhaupt, erhöhter Einsatz gefordert wird, die Männer nach vollbrachtem Tagewerk müde und abgespannt nach Hause kommen und zum Teil 15 bis 20 Kilometer mit der Bahn oder mit dem Rad zurücklegen müssen, so sind sie doch dem Ruf, durch Einsatz bei Einbringung der Ernte die Ernährung des deutschen Volkes sicherzustellen, pflichtbewußt nachgekommen. Wie schnell waren alle Beschwernisse» des täglichen Lebens vergessen, die Müdigkeit verflogen, wenn der SA.-Mann mit seinen Sturmkameraden zu den Bauern marschierte, die seines Einsatzes bedurften. Welche Begeisterung, wenn der letzte Wagen mit der kostbaren Frucht heimgeholt war. Dann wurden noch einige Stunden im Kreise der Familie verlebt, gesungen, diese oder jene Fragen erörtert, um auch hier aufklärend tätig zu sein. So wurde enge und feste Kameradschaft geschlossen zwischen der SA. und deutschen Volksgenossen. Diese vielen Fragen — was machst du, was bist du, warum tust du dies — und die selbstverständliche Antwort — aus innerer Ueberzeugung — „für Führer und Volk" usw. ließen bei den deutschen Volksgenossen erkennen, daß nicht nur hier Männer stehen, die durch ihre Kleidung der SA. und Partei angehören, sondern die durch ihre innere Lebenshaltung Nationalsozialisten sind.
Es soll in ein paar Zahlen veranschaulicht werden, welche Tagewerke hier geleistet wurden.
Ortschaft
Gießen Büdingen Friedberg Lauterbach Gießen Bad-Nauheim
Zahl der eingesetzten Zahl der geleisteten Kraft- Arbeitstage (Tagewerke)
Sturmgebiet im Monät im Monat
Juli Aug. Sept. Okt. Nov. Juli Aug. Sept. Okt. Nov.
Standarte 116
159
520
315
143
5
208
854
466
176
14
Standarte 145
26
123
73
64
—
28
147z
72z
75i
—
Standarte 222
110
257
101
111
—
202
488
242
231
—
Standarte 254
11
113
93
17
—
45
339
250
35
—
Reiterstandarte 147
17
46
13
5
—
38
73
33
10
—
Reiterstandarte 247
19
21
20
18
—
81
104
72
76
—
Gesamtzahlen 342 1080
ErMit:
Einsatz: Männer = 2400
Tagewerke = 43601
Der Einsatz erfolgte in den Mona!en Juli, August, September und Oktober. Während dieser Zeit wurden insgesamt 2 4 0 0 SA. -Männer eingesetzt und insgesamt 4360 Vs Tagewerke verrichtet. Rechnet man das Tagewerk nur mit 8 Stunden, so kann man wohl sagen, daß die Männer ein ziemliches Arbeitspensum geleistet haben und manchen Samstag und Sonntag draußen im Felde standen, denn in der Woche war ja infolge ihrer beruflichen Tätigkeit ein Einsatz kaum möglich. Durch die vielen landwirtschaftlichen Betriebe in der Wetterau und im Vogelsberg, aus denen, wie bereits gesagt, ein großer Teil Unserer SA.-Männer
615 358 5 602 20051 11351 6031 14
stammt, wurden in der Hauptsache nur SA. - Männer aus Gießen, Friedberg, Büdingen, Lauterbach und Alsfeld zur Erntehilfe eingesetzt. Ferner war in den Monaten September-Oktober ein großer Prozentsatz SA.-Männer zur Wehrmacht einberufen und hatte das braune Ehrenkleid mit dem grauen vertauscht, um auch hier, getreu dem Grundsatz, für Führer und Volk seine Pflicht zu tun. So wird es bleiben!
-Das neue Jahr steht vor der Tür, und mit ihm wird der SA.-Mann in alter Treue und Pflichtbe- wußtsein seinen neuen Aufgaben entgegensetzen.
WerkMge Frauen opfern für Sudetenland.
Vorweihnachtliche Feier des Frauenamt« der DAF.
Blick auf die Spendentische. (Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Gestern abend fand im Saale des Cafe Leib eine große Opferarbeit werktätiger Frauen in Stadt und Land des Kreises Wetterau ihren krönenden Höhepunkt. In aller Stille wurden in fast allen Betrieben des Kreises, in denen Frauen und Mädchen beschäftigt sind, in fast ausschließlich eigener Arbeit wahrend der Freizeit Kleidungsstücke, insbesondere für Kinder geschaffen.
So kamen etwa 3500 verschiedene Stücke zustande. die aus den Händen von etwa 4000
Frauen und TNädchen hervorgingen.
von denen sich ein Teil auch durch Geldspenden an der großen Aktion beteiligte. Gestern abend wurden diese Erzeugnisse einer fleißigen und sorgfältigen Handarbeit in einer imposanten Schau auf langen Tischen ausgestellt, so daß man sich einen Ueber- blick verschaffen konnte über eine Opferarbeit, die in dieser Form bisher kaum zu sehen war. Unter den ausgestellten Kleidungsstücken fand man so ungefähr- alles, was das Kind braucht. Dabei waren alle Dinge auf das Schönste weihnachtlich geschmückt. Oft waren mehrere Stücke zu einem Weihnachtspäckchen vereinigt und stellten so ein Geschenk dar, über das sich sicherlich jede Mutter herzlich freuen wird. Die Arbeit, die hier von den berufstätigen Frauen und Mädchen geleistet wurde, wird im Sudetenland und in der Ostmark sicherlich große Freude und Dankbarkeit auslösen.
Gestern abend wurde die große Spende in feierlichem Rahmen der TtS'B. übergeben.
Musik einer Werkscharkapelle in Streichmusik- befetzung eröffnete den Abend mit feierlicher Musik. Für die Deutsche Arbeitsfront eröffnete DAF.-Amtswalter Reitz den Abend und sprach in kurzen Worten von dem Jahre 1938 als dem einer großen geschichtlichen Bedeutung für unser Vaterland. Er schilderte dann die Deutsche Arbeitsfront als die Kampforganisation der nationalsozialistischen Weltanschauung für den schaffenden deutschen Menschen. Daß die nationalsozialistische Weltanschauung Eingang gefunden habe, beweise diese Ausstellung von
Nass fattfJtyNlVEA
Schon abends die Haut gut vorbereiten. Gesicht u. Hände mit Nivea-Creme pflegen, das macht die Haut widerstandsfähig gegen Wind und Wetter.
Aus -er Gta-1 Gießen.
Verkehrter Dezember.
Ohne Schnee und Eis können wir ihn uns kaum vorstellen, den letzten in der Jahresreihe der Monate. Knacken vor Kälte muß es da überall, knirschen muß dicker Schnee unter unseren Schuhen! Und wölbt sich darüber dann noch ein kristallklarer Himmel, so ist der Dezember ein ganzer Kerl! Riesenhaft in Urkraft und Ausdruck war er schon immer im Vogelsberg da zu finden, wo hoffentlich auch der heurige Dezember von dem weißen Pulver eine Menge verstreut.
Und doch ist man sogar im Vogelsberg in den letzten Jahren vorsichtig geworden, den Winter mit all seinen Zauberkünsten allzu früh zu erroqrtenl Früher brachte der Dezemberwind den Schnee in solchen Wolken, daß man in mühseliger Arbeit Platz und Weg schaufeln mußte. Oft kennzeichneten nur die aus dem weißen Meer hervorragenden Kahlkronen der Bäume, oder in den Schnee gesteckte Stangen den Weg. Der Nordost heulte so steif und unbarmherzig, daß — so erzählen die Alten — man zum Tragen einer Pelzmütze zwei Personen haben mußte: eine nämlich, die sie auf dem Haupte trug, und eine- andere, die sie ihm darauf festhielt! Sogar Menschenleben waren bei solchem Schneetreiben zu beklagen. „Wusterwetter" nannte man erschreckt solches Toben der winterlichen Elemente; besonders berüchtigt war der „Mulstaner Weand", die böse Ulrichsteiner Luft. Dort pfiff es ganz besonders schlimm um die Bergecken, heulte es entsetzliche Melodien von Kälte und Wintersnot.
Aber heute ...? Ja, heute ist es doch merklich anders geworden! Will sich der Dezember gar nicht auf seine Pflicht besinnen? Einem milden Jahresende traut der Vogelsbergbauer ganz und gar nicht. Seine Derslein „Dezember warm — daß Gott erbarm", und „Weihnachten im Klee — Ostern im Schnee" verraten schon von Urväterzeiten her, daß das dicke Ende allweil hintennachkommt. Nicht minder würde der Sportfreund enttäuscht sein! Denn die Pracht der mit Schnee und Eis überkrusteten Oberwaldtannen hat es ihm noch vom letzten Winter her angetan. Aber er tröstet sich mit der Feststellung, daß der vorjährige Dezember ja auch so milde begann. Und zuletzt hat er sich dann doch über Erwarten gut angelassen.
Allein: nicht nur das Schiglück wirft Strahlen voraus, die deutsche Weihnacht tut's vielmehr, die ja auch am Ende des Dezembermonds liegt! Geheimnisvoll, durch Jahrhunderte in unserer Seele verankert, webt die Weihenacht seligste Stimmung und hohe Zckten. Auch der Nüchternste wird zutiefst davon ergriffen, treibt feine Besinnung nach innen, spürt Umkehr und Liebe im Weihnachtsfest. Er will aus innerem Antrieb der Wintersonne folgen, die bis zum 22. Dezember nur spärliche Lichttropfen fallen läßt, dann aber mit Macht die Finsternis durchbricht und aufsteigt im Siegeslauf zu Licht und Glut und Wärme.
Dieses Weihnachtsglück soll uns bleiben, auch wenn ein launiger Dezember uns die gewohnten Winterfreuden vorenthalten will! K.
Platzkonzert des Musikkorps der 116er.
Am Samstag, 17. Dezember, von 16 bis 17 Uhr, findet ein Platzkonzert, ausgeführt vom Musikkorps des Infanterie-Regiments 116, unter Leitung von Stabsmusikmeister Krieg, in den Anlagen zwischen Stadttheater und Johanneskirche statt.
M u si k f o l g e :
1. Venetia, Marsch Fabiani
2. Ouvertüre zu „Marinarella - . . . . Fucik 3. Melodien aus der Operette
„Der Bettelstudent" Millöcker
4. Still wie die Nacht, Lied......Bohm
5. Rendezvous bei Lehar, Potpourri . . .Hruby 6. a) Schützen-Defiliermarsch......Lippe
b) Frühlingskinder, Marsch . . Blankenburg
Der Hase im Gchnee.
Von Ernst Handschuch.
Seit Jahren fiel wieder einmal Schnee. So fein und fleißig schneite es gleich, daß an einem halben Meter nicht viel mehr fehlte. Ja, derart hoch lag er an der sonst milden Bergstraße; und er blieb tatsächlich liegen, gesund gefroren, auch um das Haus am Berghang über der Ebene.
Es war gegen neun Uhr am Vormittag, als die Sonne endlich ein Loch in das graue Himmelstuch geschmolzen hatte, und ihre Strahlen lagen alsbald wärmend über der dicken Schneedecke, die unter ihrem Einfall gleisnerisch glitzerte.
Ein alter, starker Hase hatte die Gelegenheit erfaßt und war von dem Bergwald heruntergehoppelt in den Wingert, hoch hinter dem Haus. Da saß er nun Stunde um Stunde regungslos zwischen den hellbraunen Rebzeilen, und fast schien es, alsjoüte ihm die Sonne ersetzen, was ihm wohl an Futter fehlte.
„Das arme Tier ist gewiß krank", sagte Frau Kemmich im zweiten Stock, die den Hasen von der Küche aus beobachtete. „Man müßte ihm schon etwas zu fressen bringen."
„Ach was", antwortete ihr Mann, „zuerst hast du ein Reh in ihm gesehen, und jetzt glaubst du gar, der Bursche habe sich den Platz norm Fenster ausgerechnet ausgesucht, um in den Hasenhimmel einzugehen. Er nützt die Sonne, sonst nichts. Bis ich roiebertomrrte, ist er bestimmt fort."
Doch als der Sohn aus feiner Dachstube herunterkam, um Kaffee zu trinken, war es ihr erstes, ihm den Hasen zu zeigen. „Felix", meinte sie mitleidig, „das Tier ist krank. Denn seit Stunden sitzt er schon da draußen, ohne sich zu rühren und zu regen. Du kannst in die Hände klatschen und ihm zurufen; er wankt und weicht nicht. Möchtest du ihm nicht etwas zu fressen bringen? Vater hat es nicht gewollt."
Der Sohn öffnet das Fenster, schlug in die Hände und schrie, aber der Hase ließ sich nicht stören. „Er sonnt sich, Mutter", stellte auch der Sohn fest. „Aber wenn er um Mittag noch sitzt, will ich einmal nachsehen. Dann ziehe ich ja sowieso meine Schihosen und die schweren Schuhe an."
Der Hauseigner, ein Lehrer namens Kutzig, kam kurz vor zwölf Uhr mit seinem Jungen aus der Schule, und Frau Kemmich, die ihm auf der Treppe begegnete, berichtete ihm sogleich von dem Hasen, der nun schon seit Stunden leblos im Wingert hocke.
„Freilich habe Sie recht, Frau Kemmich, und t kann's von Ihre Mannsleut wirklich net verstehe, daß sie ihm noch net nachgegange sind. Was? Zu fresse gebe? Nei, dem schlag i kräftig ins Genick,
abziehe kann i ihn auch, und am Sonntag habe mir dann obe und unte en feine Hasebrate. Eine Versündigung ist es auch net. Denn die Jäger derfe ihn jetzert ohnehin net schieße, und für das arme Tierle is der Tod bloß eine Erlösung."
„Karle", fuhr er seinen Bub an, der neugierig dabei stand, „Karle, wenn du aber bei Gosch net halst über das, was i jetzt tu’, dann sollscht was erlebe."
Sodann stiegen Kutzig, seine Frau, die nun auch noch dazu kam, und Karl in den zweiten Stock, um sich, geführt von Frau Kemmich, die Geschichte anzusehen. Und während sie die Treppe hinaus tappten, fragte die Lehrersfrau, wie man so einen Hasenbraten wohl am besten zubereite.
„Den hab i gleich", meinte der Lehrer, als er das Fenster wieder schloß. „Das ist eine Kleinigkeit, den zu fangen. Und ihr bleibt mal fein hier obe", setzte er für feine Frau und den Bub dazu.
Mit einem schweren Prügel bewaffnet, trat er alsdann die seltsame Pirsch an. Er schwang sich kühn auf die Mauer, die gegen den Hang schräg anläujt, und setzte Schritt für Schritt in den hohen Schneekamm, der auf ihr lag. Er war bereits oben, und gerade wollte er seinen Fuß auf die etwa vier Meter hohe Quermauer, die den Wingert gegen das Haus abschließt, stellen, als er auf der verharschten Schneekruste ausrutschte und eins, zwei, drei in den Hof fiel.
Seine Frau schrie, Frau Kemmich schrie, und auch der Karl tat seinen Mund auf; nur war sein Schreien ein Freudengebrüll. Für Kutzig indes war es ein Glück, daß' der Schnee im Hofe oefon- ders hoch lag. Doch auch so schon rieb er sich die linke Schulter, auf die er gefallen war, und sein rechtes Auge, das während des Sturzes mit dem Prügel zusammengeraten sein mußte, schwoll augenblicklich an und verfärbte sich.
„Ihr mit euerem verdammten Geschrei verscheucht mir noch den Hasen", er riß sich, seinen Schmerz verbeißend, zusammen und drohte grimmig zum Fenster hinauf. Dann aber versuchte er unverzüglich den zweiten Anstieg, der auch gelang. Der Schnee lag hinter dem oberen Absatz der Mauer gewaltig aufgeweht, und Kutzig versank bis über die Knie in ihm.
„Die Schuhe, die Hosen", jammerte feine Frau. „Warum hat er sich auch vorher nicht umgezogen, wo er doch um zwei Uhr wieder in die Schule muß! Das wird ja alles patschnaß."
Der Jagdtolle hatte die Rebzeile, an deren Ende der Hase immer noch hockte, erreicht, als er durch einen Fehltritt das Gleichgewicht verlor und nach vorne fiel. Und zwar schlug er mit dem Kinn oben auf einen Wingertpfahl.
Während die Frauen stumm ihr Gesicht mit den Händen bedeckten und also ihren neuerlichen Schrecken überwanden, tanzte Karl lautlos lachend in der Küche herum. Wer jedoch einen gewaltigen Fluch brüllte und sich die getroffene Stelle emsig strich, war Kutzig.
Vier, fünf verzweifelte Schritte tat er noch auf den Hasen, als der scheinbar so todkranke oursche, der zu dem Unternehmen bislang nur schwach die Löffel bewegt hatte, plötzlich aufsprang und davon- hoppelte. Ja, da hüpfte der Sonntagsbraten mit munteren Sprüngen den Wingert hinauf und verschwand hinter dem Kamm.
„Ach", seufzte Frau Kemmich schwach und/'war im stillen erlöst. Die Lehrersfrau aber wurde sehr blaß, nahm ihren Bub an der Hand und stieg mit schweren Ahnungen in den ersten Stock hinunter. Sie kannte ihren Mann.
Wer indes für die Einbußen, die Kutzig geistig an dem Hasenbraten und körperlich an der geprellten Schulter, dem blauen Auge und dem geschundenen Kinn erlitten hatte, büßen mußte, war der Sohn Karl, dessen Wehgeschrei an diesem Tage noch etliche Male das Haus erfüllte.
Kostbare« Spielzeuq in alter Zeit.
Ein Gang durch die weihnachtlichen Spielzeugausstellungen läßt uns staunen über die Fülle von Phantasie und Kunstfertigkeit, die auf diese Welt im Kleinen verwandt wird. Besonders die Technik stellt sich in den Dienst der Spielzeugindustrie und ersinnt die raffiniertesten Dinge, um die Kinderherzen zu erfreuen. Die Annahme, daß dies erst eine Erscheinung unserer Tage sei, ist freilich ein Irrtum, wie uns der Bericht eines Schriftstellers aus dem 16. Jahrhundert zeigt. Im Jahre 1572, heißt es dort, bestellte der Kurfürst August von Sachsen für seine Kinder, den zwölfjährigen Kurprinzen und die kurfürstlichen Fräuleins, die zehnjährige Dorothea und die fünfjährige Anna, in Leipzig verschiedene Spielsachen, die zum Teil eigens zu diesem Zweck angefertigt wurden. Für den Prinzen hatte der jagdliebende Vater eine Jagd bestellt, die auf 75 Stücken bestand, Pferden, Reitern, Jägern, Hirschen, Sauen, Füchsen, Hunden, Schlitten. Der Holzschnitzer erhielt für jedes 12 Groschen. Dazu tarn noch die Bemalung und sämtlicher Aufputz. Für den Weihnachtstisch der jungen Herzoginnen war eine vollständige Ausstattung einer Puppenküche und Puppenstube bestimmt, zinnerne, messingne und kupferne Kochgeräte. Tischtücher, Korbe, Schränke, Stühle und „was zum Hausrad geharrt", alles in größter Vollständigkeit und gediegener Aus
stattung. Beispielsweise werden genannt: 36 Söffet, 71 Schüsseln, 106 Teller, 40 Bratenteller, Hackemesser, Bratspieße, Brotfeilen, Mörser, Durchschläge, Barbierbecken, zwei kleine Schreibzeuge, Spiegel, Nachtkissen von schwerem Samt mit goldenen und silbernen Passementen belegt. Auch Hampelmänner waren da, „9 gepappte Docken (Puppen), die man mith schnürlein zeuchtt (Preis 1 fl. 10 gr.). endlich zwei Ruten, diese zu 6 Pfennigen berechnet".
Nachdem Holzschneider, Tischler, Schlosser, Riemer, Glaser, Buchbinder, Schneider und Maler ihre Arbeit getan hatten, geleiteten der Sohn des Leipziger Bürgermeisters Hieronymus Rauscher und der Tischler die Bescherung auf einem zweispännigen Mietwagen nach Torgau an den Hof und verzehrten in den sechs Tagen ihre Reise 10 fl. 11 gr. Am Christtage ließ dann die Kurfürstin Anna dem Bürgermeister Rauscher die unversehrte Ankunst der Spielsachen und ihren Dank für den wohlausgerichteten Auftrag vermelden. C. K.
Hochschulnachrichten.
Es wurde übertragen: dem nb. ao. Professor Dr. Johann F ü cf unter Ernennung zum ordentlichen Professor an der Universität Halle- Wittenberg der Lehrstuhl für Semitische Philologie und Jslam- kvnde; dem Dozenten Dr. Walter Mönch unter Ernennung zum ordentlichen Professor an der Universität Heidelberg der Lehrstuhl für Romanische Philologie; dem Oberbaurat Solms Wittig in Braunschweig unter Ernennung zum ordentlichen Professor in der Technischen' Hochschule Dresden der,Lehrstuhl für Städtischen Tiefbau, Planungs- und Siedlungswesen und Straßenbau; dem Dozenten Dr. Georg Erl er, Landgerichtsrat in Münster, unter Ernennung zum ao. Professor an der Universität Göttingen der Lehrstuhl für Oeffentliches Recht.
Dem ao. Professor Dr. Karl Winterfeld an der Universität Freiburg wurde der Lehrstuhl für Pharmazeutische Chemie und Nahrungsmittel- chemie übertragen unter gleichzeitiger Ernennung zum Ordinarius.
Dr. Heinrich Hertel, dem Direktor der Heinkel- Werke in Warnemünde, wurde die Dienstbezeichnung Honorarprofessor verliehen. Prof. Hertel wird an der Universität Rostock über Flugtechnik lesen.
Der Dozent Dr. E. Schramm an der Universität Greifswald wurde zum nb. ao. Professor ernannt. Schramm habilitierte sich 1932 in Greifswald; hier wurde ihm 1935 ein Lehrauftrag für Französische Sprachgeschichte und für Spanisch erteilt.


