Nr. 137 Drittes Statt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen)
Mittwoch, 15. Zuni 1938
„Wallensteins Lager" in Vorbereitung.
Aufführungsproben der Soldaten für den -1L6er-Tag.
r Seit vier Wochen ist eine stattliche Anzahl Soldaten unseres Infanterie-Regiments 116 dabei, sich für die Aufführung von „W a l l e n st e i n s Lager" oorzubereiten, die mit zu den Höhepunkten des 116er-Tages zählen soll. Seit vier Wochen tragen diese Soldaten das schmale Bändchen, das Textbuch zu Schillers dramatischem Gedicht, mit sich herum. Mit Eifer wurde gelernt, und mancher der beteiligten Soldaten mag dabei tief emgedrungen sein in die geistige Haltung, die Schiller auszeichnet, mag mitgerissen worden fein von dem be,zwingenden Rhythmus der Worte aus der Feder des Dichters, der uns auch heute noch viel zu sagen hat. In jeder freien Minute, zu mancher Stunde haben die Soldaten das Textbuch zur Hand genommen und sich hineinversetzt in den Geist einer vergangenen Zeit, sich mit der Sprache vertraut gemacht und gelernt. Auswendig gelernt! Immerhin nicht ganz einfach, wieder einmal auswendig fernen müssen, wenn man es fünf oder sieben Jahre lang, d. h. seit der Schulzeit nicht mehr getan hat! Fleiß und alle Liebe zur großen Sache aber läßt es schaffen! Schließlich muß jedes Wort so „fitzen", daß auch 5000 Zuhörer den Sprecher nicht mehr aus dem Konzept bringen können. Man darf nach allen bisherigen Erfahrungen erwarten, daß es bei den Soldaten, fo wie immer, auch hier klappt!
Zunächst hatten die beteiligten Kameraden für sich zu lernen, in den letzten Tagen ober konnte man es öfter erleben, daß hinter der Turnhalle der - Derdun-Kaserne, schon im Freien oder in großem Raume einzelne Szenen geprobt wurden. Wer als Unbeteiligter, vielleicht durch einen Zufall, etwas von diesen Sprechproben zu merken bekam, fühlte rasch, daß die Soldaten mit großer Hingabe bei der Sache sind. Schon aus diesen Sprechproben waren die Spannungen zu spüren, die das dramatische Gedicht in sich birgt.
Die Aufführung, die am nächsten Sonntag zum ersten Male und am kommenden Montag ein zweitesmal gezeigt wird, findet vor einem großen und eindrucksvollen Prospekt statt. Wenn das Wetter günstig ist, werden die Sterne über Wallen- steins Lager blinken und der nahe Philo- fophenwald sein Lied rauschen. Die Lagerfeuer werden prasseln, und vor den zehn S p i tz z e l t e n, wie auch vor dem großen Zelt der Marketenderin wird sich auf der etwa 60 Meter breiten Freilicht-Bühne (am Sportplatz der Spielvereinigung 1900) das Spiel entfalten. 60 schlanke Tannen und Fichten, die erst am Freitagabend geschlagen werden, sollen die Bühne zu linker und rechter Hand säumen.
Für die Aufführung werden etwa 18 0, Personen (140 Soldaten, 20 Mädchen und etwa 20 Pimpfe und Hitlerjungen) aufgeboten. Alle — von den Sprechern bis zum fünften Soldatenbuben im Hintergrund — werden in den historischen Trachten des 17. Jahrhunderts erscheinen. Man wird eindrucksvolle Aufzüge der Landsknechte, zu Pferde, angetan mit Hellebarden und schweren Musketen, sehen, wird das Leben und Treiben vor dem Zelt der Marketenderin beobachten — kurzum, es wird vor dem Auge der Zuschauer sich das naturgetreue Bild mittelalterlichen Lagerlebens entwickeln.
Die Kostüme für diese Aufführung stammen zum größten Teil aus dem Fundus des Gießener Stadttheaters, zum Teil werden sie aus Frankfurt a. M. beschafft. So wird also Nicht allein vom Geiste, sondern auch in vollkommener Weise vom Bilde her die Zeit des Dreißigjährigen Krieges vor uns erstehen.
Für die praktische Bewältigung der Aufführung auf so großem Raume und vor so vielen Zuschauern (für 5000 Besucher werden Sitzplätze geschaffen) sind umfangreiche technische Vorbereitungen notwendig.
Moderne Lautsprechertechnik wird eingesetzt und soll jedem Zuhörer jedes Wort verständlich machen. Drei Mikrophone werden auf der Bühne aufgestellt, mehrere Lautsprecher werden das Wort übertragen. Zehn große Scheinwerfer werden das Lager, die Szenen beleuchten. Lagerfeuer werden die Stimmung des nächtlichen Lagers lebendig werden lassen.
Die Vorbereitungen für diese Aufführungen sind von langer Hand, mit militärischer Gründlichkeit und soldatischem Schwung getroffen worden A m heutigen Mittwochnachmittag wird bereits eine Kostümprobe ftattfinben,
die schon einen Eindruck vermitteln wird von dem, was man erwarten kann.
Man darf mit den Soldaten und mit den Verantwortlichen für die große Sache wünschen, daß die Aufführung für die vielen aufnahmebereiten Zuschauer und Zuhörer das Erlebnis werden möge, das mit dazu beiträgt, den alten und den jungen 116ern den Regimentstag zu einer unvergeßlichen Erinnerung zu machen. Wenn das Wetter der edlen Sache günstig ist, wird man um den Erfolg nicht zu bangen brauchen.
M Rammbock und Säge bei der Arbeit.
Der große Platz zwischen Trieb und Artillerie-Kaserne hallt gegenwärtig wider von vielen Rammstößen und Schlägen. Die Soldaten bereiten den Platz vor, auf dem sich ein großer Teil des Regimentstages abspielen soll. Umzäunungen werden geschaffen, die den Platz der Vorführungen begrenzen. Mit Kraft und Schwung werden mit großem Holzhammer die Pfähle in den Boden getrieben, mit Picke und Schaufel das Erdreich da und dort gelockert und ausgehoben. Wieder andere Soldaten find wie Zimmerleute damit beschäftigt, einen kleinen Kommandoturm
A.
Soldaten bereiten den Festplatz vor. — (Aufn.: Neuner, Gießener Anz.)
zu erbauen, von dem aus der ganze Festplatz zu übersehen ist. Die Bühne für die „Wallenstein"-Aufführung wird hergerichtet und, soweit der Dammweg als Bühnenboden nicht, ausreicht, durch große Podien erweitert.
Während die Soldaten mit diesen, handwerklichen Vorarbeiten beschäftigt sind, üben andere für die militärischen Vorführungen auf dem Platze, so daß sich während des ganzen Tages auf dem Trieb etwas Sehenswertes ereignet. Auch auf dem Trieb
nördlich der Artillerie-Kaserne gab es gestern nachmittag etwas zu sehen. Das Aufmarschgelände für die Parade wurde mit einer riesigen Walze, von einem mächtigen Traktor gezogen, befestigt, während zu gleicher Zeit die Fahnen-Kompanie übte. Die Vorberestungsarbeiten und die Hebungen für die Vorführungen werden heute mit gesteigertem Einsatz fortgeführt.
Aus der Gia di Gießen.
Waldbrand.
Blutig rot ist die Sonne am Morgen dieses Sommertages aufgegangen. Nacht und Dämmerung haben den Tieren keine Erholung von der Hitze des Vortages gespendet. Drückend heiß ist es von der ersten Stunde des Tages an. Es schwelt und glast über den Feldern und Wiesen, matt ist der Flug der Vögel, die auf der Nahrungssuche zurück zum Nest streben. Dort sind ityre. Jungen, die Hunger haben und sich nach Schatten sehnen. Mit gefächerten Flügeln sitzt die Dogelmutter über ihren jungen, sie vor den Strahlen der stärker sengenden Sonne schützend. Mühsam ist der Weg für Pferd und Fuhrmann durch den tiefen trockenen Sand, der in die Speichen der Räder zu greifen scheint und diese zurückdrehen will. .
Kein Baum spendet Schatten. Erst am Waldrand gibt es für Tier und Mensch eine kleine Erholungspause im Schatten einer alten Eiche, die am Ein
gang zum Walde gewissermaßen Wache hält. Schnell wird die Pfeife zubereitet, das Streichholz entfacht, um den Tabak in Brand zu bringen, und achtlos fortgeworfen. Mit Hü gnb Hott treibt der Fuhrmann fein Pferd wieder an: in einem weit entfernt liegenden Jagen will er Brennholz holen, da jetzt auf dem Felde doch nichts zu tun ist. Rumpelnd und knirschend verschwindet das Gefährt hinter der nächsten Biegung.
Das leichtsinnig fortgeroorfene Streichholz ist unglücklicherweise auf einen Platz gefallen, wo vom Vorjahre welkes Gras sich in dicken Polstern gelagert hat. Langsam ist das Holz zu Ende gebrannt. Ein Flämmchen frißt sich um das Streichholz herum, droht manchmal zu ersticken, flackert wieder auf und setzt seine vielleicht harmlose, vielleicht sehr gefährliche Arbeit fort. Die Kaupe mit dem welken Gras steht am Rande einer großen Kieferndickung. Wie Soldaten sind die Reihen der 'Bäume aus- gerichtet. Die unteren Zweige der etwa Zwanzig
jährigen sind vertrocknet und werden bald vom Stamm abgestoßen werden. Wo die Sonne noch nicht hinkam, hat sich das neue Grün des jungen Grases noch nicht entwickeln können, lagern die welken Blätter der vorjährigen Gräser und Farnkräuter. Mancherlei Getier beherbergt diese Dickung, die so nahe am Feldrande ist und dem Wild Deckung bietet, wenn es zur oder von der Feldäsung strebt.
An die Bevölkerung der Stadt Gießen!
Ich bitte die Bevölkerung, anläßlich der Jubiläumsfeier des Jnfanterie-Negts. 116 die Häuser festlich zu schmücken und zu beflaggen.
Backhaus, Kreisleiter.
Der Hase hat seine Sasse im Schatten einer älteren Kiefer, die urwüchsig ist und breit in den Aesten sich ausladet; gut versteckt sind dort die wenige Tage alten Junghasen geborgen. Keine fünf Meter weiter ist in einem geneigten Astquirl das Nest der Singdrossel untergebracht, in dem mehrere Junge von den Eltern betreut werden. Groß ist die Dickung, und hinter ihr dehnen sich Kulturflächen, alte Bestände mit Naturverjüngungshorsten und wieder große Dickungen aus.
Das Flämmchen in der Graskaupe hat Nahrung gefunden, hat sich zur Flamme, zum Feuer entwickelt. Der Bundesgenosse des Feuers, der Wind, treibt das Feuer unaufhaltsam in die Dickung hinein. Dort findet es an Gräsern und Aesten reiche Nahrung, klettert geschwind am Stamm empor, läßt die harzigen Nadeln der Kiefern knistern und spritzen und frißt sich weiter. Um die Mittagszeit ist das Feuer zu einem gefährlichen Waldbrand geworden.
Das Feuer, Bodenfeuer und Wipfelfeuer zugleich, hat sich mit rasender Geschwindigkeit der ganzen Dickung bemächtigt und hinter sich schon weite Strek- fen verbrannten Bestandes zurückgelassen, wo alles Leben vernichtet ist und in. den Wurzelstücken noch die Glut flackert und knistert. Die Gewalt des Windes ist durch die starke Hitzeentwicklung verstärkt worden und treibt das Feuer ohne Schwierigkeiten Über die Kultur hinweg, wirft die züngelnde Flamme in den hohen Bestand, wo die Bodendecke und die Jungwuchsh^rste wiederum Nahrung'bieten.
nioea! JX
Stärket braun durch Mit Nivea kann man länger in der Sonne bleiben, weil Nivea infolge des Gehalts an Euzerit
die Haut gründlich //burd)fättigt//.
C 154
Die Rauchwolken sind zuerst von dem Forstmann bemerkt worden. Mit dem Rade ist er in die Nähe der Brandstätte gefahren, um sich zu überzeugen, welchen Umfang der Waldbrand bereits angenommen hat. Unter Aufbietung aller Kräfte hetzt er zurück zum Fernsprecher, um die Nachbarförster, die Gendarmerie und die Feuerwehr der nächsten Dörfer zu benachrichtigen. Zu Hilfe sollen sie kommen, soweit Menschenkräste zur Verfügung stehen, alle, ohne Ausnahme. Nachdem er noch einen Botendienst eingerichtet hat, eilt er wieder zur Brandstätte zurück, um die ankommenden Löschmannschaften einzuteilen und die notwendigen Voraussetzungen für den Erfolg des Löschens vorzubereiten. Bald strömen von allen Seiten die Hilfskräfte herbei, verteilen sich um die Brandstätte und legen breite Streifen, frei von allem Brennbaren, an, damit das Feuer nicht weitergreifen kann. Da sich der
Oer Mauser.
Von Karl Scherer.
r Ob der alte Bussardhorst in der Krone der einsamen Zirbelkiefer über dem verlassenen Sandsteinbruch am Berghang wohl wieder bezogen war? Von der Landstraße im Tal, die sich wie ein weißes Band längs des grünen Flüßchens hinzieht, läßt sich nichts wahrnehmen; doch als der Hütejunge in der Frühe feine Ziegen über die Berglehne trieb, strich zuerst das größere Weibchen vom Horste ab, und wenige Augenblicke später erhob sich der Bussard von der Spitze des hochstämmigen Ahorns im Steinbruch, um mit dem Weibchen unter klagendem „Hiäh" eine halbe Stunde über dem Tal zu kreisen, ohne sich von dem Horstbaum zu entfernen — also liegen die beiden Eier schon im Nest. Nach einer Woche streicht nur noch bäs Männchen; an einem sonnigen Maimorgen trägt es schwer rudernd eine lebende Ringelnatter dem brütenden Weibchen im Horste zu. Doch nicht lange, dann streichen beide Alten wieder gleichzeitig und unermüdlich: die Jungen sind ausgefallen und schreien nach Atzung.
Schon beim ersten Schein im Osten schwingt sich das Weibchen, das die frierenden Dunenjungen während der kalten Nacht erwärmt hat, vom Horste ab; wenn die Sonne durch die Nadelzweige strahlt, sieht man die Jungvögel auf dem Neftrand hocken; bald stehen sie unbeweglich, bald schlagen sie, um sich im Gleichgewicht zu halten, heftig mit den Flügeln oder machen unbeholfene Schritte zur Seite. Jetzt ducken sie sich und beginnen zu schreien — einer der Alten muß in der Nähe sein! Und schon rüttelt der große Vogel über der Zirbelkrone, macht eine jähe Schwenkung, daß die bronzebraunen Schwingen in der Sonne leuchten, und läßt sich mit einem Klumpen in den Fängen nieder. Die Gierhälse sind still geworden, die Alte schiebt sie sorglich nach der Horstmulde zu, zerreißt die fette Wühlmaus, und die Nesthocker beginnen gierig zu kröpfen. Eine halbe Stunde vergeht; bann ist der Bussard mit neuer Beute da, einer Blindschleiche ober ein paar nackten Felbmäusen, die er aus dem Nest zwischen dem jungen Roggen geholt hat. So geht es den langen Tag hindurch. Eines Morgens aber fludert die kaum flugbare Jungmannschaft von Ast zu Ast zur Erde, wo sie weiter gefüttert wird oder der Fuchs sie holt...
Auf der braunen Heide steht eine alte Hainbuche, an deren Stamm sich ein verwitterter Kreuzstein lehnt, der einzige hohe Baum in der Runde. Die buckligen Wurzelü und der meterdicke Stamm tragen schwarzgrüne Moosplatten; die Krone 'ist noch dicht
belaubt, doch der Wipfel ist dürr, und seine durch Wind und Wetter entrindeten Aeste starren grauweiß in die blaue Lust. Der Baum gibt weite Sicht; darum ist die Einsiedlerbuche der Rastbaum für alles, was über die Heide fliegt. Nur selten einmal ist der kahle Wipfel leer, und wer aus den fernen Wäldern den endlosen Heideweg zwischen Zwergbirken und purpurroten Weidenröschen nach Norden wandert, hat lange das gleiche Bild vor Augen: hoch über der grünen Laubkuppel zeichnen sich die schwarzen Schattenrisse der Wandervögel gegen den Himmel ab, die hier zu ruhen pflegen, ehe sie weiterziehen; erst wenn der Torfbauer oder Heideläufer heran ist, schwingen sie sich ab und verschwinden in dem leuchtenden Glanz.
Im Westen liegt schon ein breiter Streifen feurigen Abendrots. Junikäfer schwirren durch die Luft, an den Grabenrändern wiegen sich weiße und rosenrote Katzenpfötchen, und die Honigbienen fliegen von Blume zu. Blume. Seit Stunden ist kein Mensch vorübergekommen. Auf der Spitze der Buche blockt ein starker Mäusebussard, ein alter, mürrischer Geselle, der nicht mehr gern weit umherstreicht, sondern die Jagd lieber geruhsam im Ansitz betreibt. Mit den blanken Sehern äugt er aufmerksam umher — hat sich an dem dicken Porstbüschel unter ihm nicht was gerührt? Die Erde lockert sich und der gelbe Heidesand wölbt sich in kurzen Stößen auf. Lautlos läßt sich der Mauser fallen, ein Griff der scharfbewehrten Klauen fördert einen silbergrauen zappelnden Samtmann zutage, der dort auf Engerlinge jagte und den ein rauher Schnabelhieb tötet. Dann streicht der Mörder zweihundert Meter vom Wege ab und würgt den weichen Mull mit Haut und Haar hinunter. Der fette Bissen drückt ihn, er sträubt und schüttelt das Gefieder; dann rudert er satt und schwer über die Büsche, erhebt sich kreisend in die Luft, daß der matte Goldglanz der Flügeldecken in der Abendsonne funkelt, und strebt dem Schlafbaum am Rande der Heide zu ...
Die Felder stehen leer, an den Berghängen rauchen die ersten Herbstnebel, das Laub beginnt sich zu färben. Der September hat reiche Buchelmast gebracht, und die Eichkatzen sind geschäftig, ihre Kobel mit Kienzapfen und Eicheln zu versorgen. Unter einer breitästigen Rotbuche tummelt sich ein Hörnchen zwischen den verstreuten Eckern; ein Biß der scharfen Schneidezähne, die knackende Hülse springt davon, und der kleine Nager führt sich den ölhaltigen Kern zu Gemüte. Dann aber besinnt er sich auf die Wintersorge, trägt ein halbes Dutzend Früchte zusammen, schält sie aus und hastet mit seinem Schatz die nahe Rottanne hinauf, in deren dunkler Krone der Kobel steht. Bald ist er wieder unten. Am Fuß des Stammes verhält er sich und richtet sich steil auf — in den
Heidelbeeren hat's geraschelt! Eidechsen und Blindschleichen, die sich inj Sommer gern an der Halde sonnten, schlafen schon in Erdlöchern und Geröllhöhlen ihren Winterschlaf, aber vor dem Mauswiesel, das sich hier herumtreibt und täglich die Kaninchenbaue in der nahen Fichtenjugend durchstöbert, muß man sich hüten!
Das stimmt, schon ist der Räuber über das Hörnchen her. Doch er hat nur den buschigen Schweif erwischt, und der Nager braucht Zähne und Krallen und wehrt sich auf Tod und Leben. Bald rollt der wirre Knäuel den abschüssigen Hang hinunter, und die Stauden und Steine färben sich rot.,
„Das ist ein gefundenes Fressen!" denkt der große Mauser, der tagsüber mit wenig Erfolg den Ackermäusen im Felde nachgestellt hat und jetzt hungrig dem Hochwald zustreicht. In sausendem Sturz läßt er sich fallen und steht mit schlagenden Schwingen über den Kämpfern. Das Hermchen ist ihm gerade recht, er fackelt nicht und bohrt dem Wiesel die Krallen bis an die Klauen in die Weichen. Das läßt die Beute fahren und zuckt jäh nach der hellen Kehle des Raubvogels. Der kennt die Gefahr und weiß sich zu wehren; das glatte Gefieder fängt den Biß ab, unb, wenn auch ein paar Federn davonstieben und das fletschende Gebiß ihm wild entgegenfaucht — die langen Fänge lassen nicht locker.
Das Baumäffchen ist entwischt, flüchtet mit hastenden Sprüngen und verkriecht sich unter einem deckenden Farnbulch. Der Kampf tobt noch eine Weile fort, denn das Wiesel hat neun Leben: dann aber hängt es schlaif in den mörderischen Krallen. Breit klafternd verschwindet der Bussard mit der Beute zwischen den Bäumen...
Hocksckmlnackrickien.
Der Sprachwissenschaftler Professor Dr. Jakob Wackernagel von der Universität Basel, der von 1902 bis 1915 als klassischer Philologe an der Universität Göttingen wirkte, ist im Atter von 85 Jahren g e ft o r b e n. Professor Wackpr- nagel war Ehrendoktor der cheologischen Fakultät in Marburg.
Professor Dr. Karl B l o m e y e r, Ordinarius für Bürgerliches Recht an der Universität Jena, wurde in gleicher Eigenschaft an die Universität München berufen.
Dem Professor Dr. phil. Wilhelm Iost wurde unter Ernennung zum Extraordinarius der Lehrstuhl für angewandte physikalische Chemie an der Universität Leipzig übertragen.
Die Blumenbücher des Großen Kurfürsten.
Zum kostbarsten Besitz der Preußischen Staats^ bibliothek gehört eine 'hervorragende naturwissenschaftliche Bilderhandschrist, die Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst, erworben hat. Seine Blumen- und Pflanzenliebe hat dazu geführt, daß der Grundstock zu einer botanischen Bibliothek geschaffen wurde, die in einem Pavillon des Berliner Lustgartens untergebracht wurde, und bei dessen Auflösung zum größten Teil in die Königliche Bibliothek gelangte. Die große Bilderhandschrift umfaßt, wie der Bibliothekar an der Preußischen Staatsbibliothek, Hans Wegner, im „Zentralblatt für Bibliothekswesen" ausführt, 16 Bände mit über 2100 großen Aquarellen, die hervorragend gemalt sind. Verfasser ist wahrscheinlich der Holländer Carolus Clusius, der „Vater der Botanik", wie aus einigen in der Handschrift mitgeteilten Tatsachen zu schließen ist, und als Entstehungszeit sind die Jahre 1565 bis 1570, anzunehmen, während der Große Kurfürst die Handschrift im Jahre 1663 aus der Bibliothek des Cleoefchen Kanzlers von Weinmann erworben hat. Ein zweites Werk, das von der Blumenlieben hes Großen Kurfürsten zeugt, ist eine Sammlung von acht Handschriften, in denen die Erlebnisse der naturwissenschaftlichen Forschungen bewahrt sind, die der gelehrte Fürst Moritz von Nassau-Siegen« in Brasilien anstellen ließ. Die heute in sieben Handschriften aufbewahrte Kostbarkeit wurde vom Großen Kurfürsten im Jahre 1652 erworben, und es finden sich eigenhändige Notizen von ihm darin. Sein Leibarzt Mentzel hat Bilder in vier große Foliobände eingeklebt und durch Texte ergänzt; es sind 1460 Abbildungen von brasilianischen Indianern, von Negern, von Pflanzen und Tieren aus Brasilien und Afrika, in bunten Kreidezeichnungen und Oelbildern auf Papier, die von hervorragender Qualität sind.
Eine dritte Handschriftensammlung aus dem Besitz des Großen Kurfürsten stammt von dem brandenburgischen Leibarzt Siegismund E l s h o l z , dem der Ausbau des Berliner Lustgartens zum größten botanischen Garten Deutschlands zu danken war. Die Staatsbibliothek besitzt ferner noch drei Handschriften, die der Große Kurfürst erwarb, ein umfangreiches Blumenbuch mit der gesamten Gartenflora des 17. Jahrhunderts in Deckfarbenbildern, eine Handschrift, die neben Vogelbildern einen Anhang mit Blumenbildern und wichtigem Material für die Geschichte der Blumenzucht enthält, und eine Bilderbandschrift über Gartenpflanzen von dem Straßburger Arzt Gallus L u ck i u s aus dem Jahre 1640.


