Ausgabe 
15.2.1938
 
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Nr.38 Zweites Blatt

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Dienstag, 15.5ebruaN938

Aus der Stadt Gießen.

Der Glücksfall.

In einem kleinen Cafe. Der Raum ist wohlig durchwärmt und macht einen behaglichen Eindruck. Nur wenige Menschen sind da, wie gewöhnlich um die Stunde nm späten Nachmittag. An einem Disch- chen wird Schach gespielt, in der Ecke sitzt ein pen­sionierter Beamter, der hier fast täglich Zeitungen liest, während in der Nische ein junger Mann mit Schreiben beschäftigt ist.

Aber es ist noch jemand da. Eine junge Dame. Sie hat sich vor etwa zehn Minuten an einem Tisch­chen niedergelassen und blättert nun in Zeitschriften. Daran ist nichts Besonderes. Junge Damen gehen gern mal ins Cafe und blättern ebenso gern in Zeit­schriften. Aber mit dieser jungen Dame scheint es eine eigene Bewandtnis zu haben, denn sie ist auf­fallend unruhig. Man merkt das an der Art, wie sie in die Zeitschriften schaut, wie sie nervös die Blätter wendet, und zwischendurch immer mal einen hasti­gen Blick zur Tür wirst.

Zweifellos: sie wartet auf jemand. Und tatsächlich, mit einem Male geht, nein fliegt die Tür auf. Zu­gleich mit dem Geruch der appetitlichen Backwaren aus dem Borraum dringt ein junger Mann herein, der auch sogleich an den Tisch der jungen Dame stürzt. Sein Gesicht ist vor Freude gerötet, und während er sich rasch aus dem Mantel schält, spru­delt er laut einige Sätze heraus, die sich förmlich überstürzen.

Die abgehackten Worte wecken ein freudiges Echo bei ihr. Sie strahlt über das ganze Gesicht. Wer dann schaut sie in den Raum, wird verlegen und bedeutet ihm, leiser zu sprechen.Ach was", erwidert er vergnügt,meinetwegen kann es die ganze Stadt wissen. Schließlich ist es ja keine Schande, daß ich die Stellung bekommen habe." Allerdings dämpft er feine Stimme doch ein wenig, immerhin bleibt sie noch laut genug. So sitzen sie beide und unter­halten sich frohlockend über das große Ereignis.

Er ist zur Vorstellung gewesen und hat einen guten Eindruck gemacht. Die neue Stellung ist ihm sicher. Sie ist besser als die bisherige und wird auch besser bezahlt. Diese Tatsache bedeutet für beide, daß mit der Heirat nun Ernst gemacht werden kann. Und das ist der besondere Grund der Freude, wes­wegen die beiden fast ausgelassen fröhlich sind. Din Wunder ist es «nicht. Seit Wochen galten ihre Ge­danken der Bewerbung, sie setzten ihre Hoffnung auf die Vorstellung und erleben nun die schöne Er­füllung ihrer Wünsche. Es ist im besten Sinne des Mortes ein Glücksfall, der sie selig macht.

Der Glückssall! Er ist es, der uns allen gelegent­lich den Alltag verschönt und auf den wir hoffen, wenn es uns im gleichmäßigen Einerlei nicht mehr recht gefällt. Der Glücksfall schwebt wie ein freund­licher Stern über allen kleinen Dingen des Lebens und schenkt uns eines Tages die Stunde freudigen Erlebens. Freilich, es dauert häufig lange, aber um so größer ist dann die Freude, genau wie bei jenem glückerfüllten Paar in dem kleinen Cafe ...

H. W. Sch.

Dornotizen.

Tageskalender für Dienstag.

Küpreß in sämtlichen Räumen des Gesellschafts­vereins. Gloria-Palast (Seltersweg):Urlaub auf Ehrenwort". Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): Gewitterflug zu Claudia". Oberhessischer Kunst­verein: 17 bis 18 Uhr, Ausstellung im Turmhaus am Brand.

Mary Wigman im Stadttheater.

Die Intendanz des Stadttheaters hat Mary Wig- man für ein einmaliges Gastspiel am Donnerstag, 17. Februar, verpflichtet. Das vielseitige Programm sieht u. a. vor: Tänze aus derSpanischen Suite", aus dem ZyklusOpfer", aus denFrauentänzen", aus dem ZyklusHerbstliche Tänze" ufw. Am Flügel

Sorgfalt bei der Führung des Arbeitsbuches.

Jeder Betriebsführer wird die Nachricht über die -Vereinfachung der A r b e i t s b u ch m e l- düngen an die Arbeitsämter lebhaft be­grüßt haben. Vom 15. Februar an gelten die An- und Abmeldungen bei den Orts-, Land- und Jn- nungskrankenkaffen gleichzeitig als Llrbeitsbuch- meldungen an die Arbeitsämter über Einstellungen und Entlassungen, lieber das Verfahren hierbei wird noch einiges zu sagen sein. Zunächst aber muß gerade die Nachricht von der erfreulichen Verein- fachung im Formularwesen der Personalabteilun­gen für uns Veranlassung sein, die Notwendigkeit der Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt bei der Füh­rung der Arbeitsbücher zu betonen.

Wir alle wissen, daß allein eine planvolle Leitung des Arbeitseinsatzes die erforderlichen Arbeitskräfte für die wichtigsten Aufgaben des Staates und der Wirtschaft sicherstellen farm. Hierfür aber ist das Arbeitsbuch unerläßlich. Es wird naturgemäß wert­los, wenn es nicht durch die gesetzlich vorgeschrie­benen Eintragungen der Betriebsführer auf dem Laufenden gehalten wird. Aber nicht mir dann. Die Arbeitsämter können den Arbeitseinsatz nicht planvoll durchführen, ohne einen Ueberblick über die Beschäftigten ihres Bezirks zu haben. Dafür find gleichzeitig mit der Ausgabe der Arbeitsbücher die Arbeitsbuchkarteien eingerichtet worden.

Früher, in den Jahren der Millionen-Arbeits- lofigkeit, genügte es, wenn die Arbeitsämter Kartei über die Arbeitslosen ihres Bezirkes führten. Zahl und Beruf der Beschäftigten waren ihnen nicht un­mittelbar bekannt. Jetzt ist der Arbeitseinsatz zur Hauptaufgabe geworden. Damit aber ist auch die früher allein geführte Arbeitslosenkartei an die zweite Stelle gerückt. Wichtiger und notwendiger sind jetzt die genauen Unterlagen über hie Beschäftigten. Sie liefert die Arbeits- buchkartei, in der für jeden Arbeitsbuchinha- ber genau die gleichen Eintragungen verzeichnet sind wie im Arbeitsbuch selbst. Deshalb müssen die Betriebsführer die verschiedenen gesetzlich oorge- schriebenen Meldungen an die Arbeitsämter machen, damit diese wissen, welche Neueintragungen in die Arbeitsbücher erfolgt sind, und sie in die Arveits- buchkartei ebenfalls eintragen können.

Wer sich Wichtigkeit und Bedeutung der Arbeits­buchkartei für einen erfolgreichen Arbeitseinsatz richtig klarmacht, der wird ganz von selbst die vor­geschriebenen Meldungen mit Sorgfalt erstatten. Es liegt aber auch im unmittelbaren Interesse jedes einzelnen, die Gesetzesbestimmungen über das Ar­beitsbuch genau zu beachten. So stand kürzlich ein Ziegeleibesitzer, fein Werkmeister und sechs Ziegelei­arbeiter vor dem Strafrichter. Der Betriebsführer und fein Werkmeister, weil sie die sechs Ziegelei­arbeiter eingestellt hatten, ohne daß diese imBe - fitz ihres Arbeitsbuches waren. Die Ar­beiter, weil sie sich ohne Arbeitsbuch hatten ein­stellen lassen. Das Verfahren endete mit harten Strafen für alle Angeklagten. Die Ziegeleiarbeiter hatten ihren letzten Arbeitsplatz unter Arbeits-

oertragsbruch verlassen. Entsprechend der Anordnung vorn 22. Dezember 1936, die für die Eisen- und Metallwirtschaft, das Baugewerbe, die Ziegelindustrie und die Landwirtschaft gilt, hatte der von dem Arbeitsvertragsbruch betroffene Be­triebsführer die Arbeitsbücher bis zum Ablauf der ordentlichen Kündigungsfrist zurückbehalten. Als dann die Vertragsbrüchigen sich nicht mehr meldeten, stellte der frühere Betriebsführer Ermitt­lungen an, um ihnen die Arbeitsbücher wieder zu­stellen zu können. Hierdurch kam dann die unbe­rechtigte Einstellung ohne Arbeitsbuch heraus. Die Folgen waren Strafverfahren und Bestrafung.

Noch ein anderer Fall soll erwähnt werden. Eine Hausange st eilte hatte ein Ersatzarbei ts- buch beantragt, weil sie angeblich ihr erstes Ar­beitsbuch verloren hätte. In Wirklichkeit hatte sie ihr erstes Arbeitsbuchverpfände t". Auch das kam ans Tageslicht. Auf die Strafanzeige des Ar­beitsamtes erfolgte die Verurteilung der Hausan­gestellten zu einer Gefängnisstrafe von 2 Wochen, weil sie unter unwahren Behauptungen ein zwei­tes Arbeitsbuch beantragt hatte. Noch mancher an­dere Fall könnte erzählt werden. Das Gesagte möge aber genügen. Es zeigt deutlich die unbedingte Not­wendigkeit für jeden einzelnen, die Arbeitsbuchbe- ftimmungen genau einzuhalten. Wer Zweifel hat, wende sich an fein Arbeitsamt. Es wird stets be­reitwillig Auskunft erteilen.

Zu der eingetretenen Vereinfachung der Arbeitsbuchmeldungen feien noch einige Worte ge­sagt. Die An - und Abmeldungen für die Krankenversicherung oder, bei Angestellten mit einem Einkommen über die Krankenversiche- rungspflicht hinaus, nur für die Arbeitslosenver­sicherung dienen zukünftig gleichzeitig als Mel­dungen an die Arbeitsämter, soweit die Meldungen an Orts-, Land- oder Jnnungskranken- kafsen erstattet werden. Das Formular für die An- und Abmeldungen enthält einen dritten Abschnitt für die Bestätigung des Betriebsführers, daß die vor­geschriebene Eintragung im Arbeitsbuch vorgenommen ist. Die Meldungen find in dop­pelter A u s f e r t i g u n g zu erstatten, damit die Krankenkassen ein Exemplar an b i e A r - b e i t s ä m t e r weiterreichen können. Wer eine Be­stätigung der Meldung durch die Kasse wünscht, muß drei Ausfertigungen einreichen mit einem frei- gemachten Umschlag, falls Rücksendung durch die Post gewünscht wird.

Diese Vereinfachung dient nicht nur dem Be­triebsführer, sondern sichert auch ein vollständigeres Eingehen der Meldungen bei den Arbeitsämtern. Deshalb hat jetzt zum Beispiel auch der Reichs­innenminister verfügt, daß die Standesbeamten von ihnen beurkundete Todesfälle von Personen über 14 Jahren den Arbeitsämtern zu melden haben. Wir sehen hieraus, wie wichtig die Meldungen an das Arbeitsamt sind. Ziehen wir deshalb die Schlußfolgerung, auch in diesem Punkt gewissenhaft unsere Pflicht zu erfüllen. Dr. E. S.

Hanns Hosting. Das Tanz-Gastspiel findet außer Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende 22 Uhr.

Froher Vortragsabend: Lachendes Leben.

Am Mittwoch, 16. Februar, wird , wie man uns mitteilt, die bekannte Sprecherin Friedel Hintze auf Einladung des Goethe-Bundes und des Kauf­männischen Vereins einen Vortragsabend unter dem TitelLachendes Leben" geben. Friedel Hintze wird einige Stunden fröhlicher Laune vermitteln.

Kneipp-Dewegung, Gruppe Gießen.

Am morgigen Mittwochabend veranstaltet die Gruppe Gießen der Kneipp-Bewegung einen Vor­trag von Dr. Spengler über das ThemaHerz­leiden und Kreislaufstörungen".

Zuteilung von amtlichen Kennzeichen für Kraftfahrzeuge.

Der Reichsverkehrsminister weist in einem im Reichs-Verkehrs-Blatt veröffentlichten Erlaß darauf hin, daß jetzt die Zuteilung der amtlichen Kennzeichen für Kraftfahrzeuge grundsätzlich von der Zulassungs­stelle für Kraftfahrzeuge erfolgt, in deren Bezirk das Fahrzeug seinen regelmäßigen Standort (Heimatort) hat, also nicht mehr von der Zulassungsstelle am Wohnort (Wohnsitz) des Fahrzeugeigentümers. Aus­nahmen können nicht genehmigt werden. Für die vor dem 1. Januar d. I. zugelassenen Fahrzeuge hat eine hiernach etwa erforderliche Ummeldung sofort zu erfolgen.

Auchalte Haseu^ lernen zu.

Na Fritz, treff' ich dich auch mal wieder? Wie fühlst du dich denn so als neugebackener Radfahrer? Bist sicher schon oft über die Lenkstange gerutscht? Hahaha! Kann ich mir denken; ging mir auch so, als ich vor 25 Jahren zum erstenmal aufs Zweirad stieg."

Darin kann ich dir nun nicht recht geben. Bin noch nicht über die Lenkstange gerutscht wie du meinst. Außerdem fahre ich mit Vorsicht und Ueber- legung und ganz im Sinne der neuen Straßen­verkehrs-Ordnung, da kann mir wenig zustoßen."

Hoho, nur nicht so altklug einem alten Hasen gegenüber. Laß mal deine Karre sehen, ob sie über­haupt in Ordnung ist. Nicht mal einen Rückstrahler hach du hinten am Schutzblech, und da willst du von Verkehrszucht sprechen?"

Braucht's auch gar nicht, ich habe meine Rück­strahler an den Pedalen, und zwar an jedem zwei, also insgesamt vier Stück."

an Zahnsteirt

klein«

An den Pedalen vier Stück? Ich glaube, du bist verrückt."

Ich sehe schon, du hast keine Ahnung von der neuen Straßenverkehrs-Ordnung. Da, lies mal den § 25 durch."

Ausrüstung des Fahrrades, Fahrräder müssen an beiden Seiten der Tretteile (Pedale) Rückstrahler von gelber Färbung führen. Die Rückstrahler dür­fen weder verdeckt, noch verschmutzt sein. Für ihre Anbringung, Beschaffenheit und Prüfung gelten die Vorschriften der Anlage 2." Wahrhaftig, du hast recht. Da muß ich ja schleunigst mein Fahrrad danach in Ordnung bringen."

Nein, das ist für neue Fahrräder erst ab 1. Juli 1938 notwendig, für alte wird der Zeitpunkt vom Ches der Deutschen Polizei erst noch bekanntgegeben. Aber achte darauf, daß du den Termin nicht über­siehst."

Also Fritz, ich danke dir, daß du mich darauf aufmerksam gemacht haft. Als alter Hase habe ich geglaubt, ich brauche mich um die neue Straßen­verkehrs-Ordnung nicht zu kümmern, aber ich sehe schon, es ist doch nötig." Riras.

Schickt eure Hausgehilfin zum Berufswettkampf.

NSG. Die Hausgehilfin ist die unentbehrliche Helferin der deutschen Familie und gleichzeitig Treu­händerin der hauswirtschaftlichen Werte. Ihre ver­antwortungsreiche Tätigkeit setzt besondere Perufs- kentnisse voraus, und die Hausfrau handelt' nur in ihrem eigensten Interesse, wenn sie ihrer Gehilfin ermöglicht, jede Gelegenheit zur Weiterbildung in ihrem Berufe wahrzunehmen. Der jährliche Berufs- wettkampf ist, wie für jeden anderen Beruf, auch für die Hausgehilfin ein zusätzliches Berufserziehungs­mittel. Die Reichsfrauenführerin, Frau S ch o l tz - Klink, richtet daher an alle deutschen Mütter und Hausfrauen einen Aufruf, in dem es u. a. heißt: Es ist eure Pflicht, ihr Frauen und Mütter des deutschen Volkes, eure eigenen Kinder und bje euch anoertrauten Jugendlichen in eurem Haufe zum Wettkampf der Tüchtigsten und Besten zu schicken. Hinderungsgründe darf es nicht geben, auch dann nicht, wenn die Beteiligung der Jugend am Berufs- wettkampf eine Unbequemlichkeit, oder eine Um­stellung in der eigenen Familie, oder in der Haus­haltsführung mit sich bringt."

Gleichzeitig fordert auch die Leiterin der Reichs­fachgruppe Hausgehilfen in der DAF., Erna Dan-

Llrtaub auf Ehrenwort."

Gloria-Palast.

Herbst 1918. Die deutsche Front steht in schwerem Abwehrkampf gegen eine immer erdrückender wer­bende Uebermacht, aber sie steht. In der Heimat warten sie sehnsüchtig auf Frieden, auf tue Rück­kehr der Männer, in der Heimat beginnt das Ge­spenst des Hungers umzugehen; Unzufriedenheit, Erbitterung und Hoffnungslosigkeit greifen um sich wie eine gefährliche Seuche. Es gibt nicht viele Männer mehr daheim, aber es gibt immer mehr Drückeberger, Deserteure, politische Agitatoren und rote Hetzer, die ihre Stunde für gekommen halten und nur darauf warten, einen von der Front in die Finger zu kriegen, zu bearbeiten und mürbe zu machen.

Aber die Front braucht jeden Mann. . . notiger vis je zuvor in den vier Jahren. Da fahrt eines Tages ein Truppentransport von Schneidemuhl nach Brandenburg: siebzig Mann, aus der Ge­nesendenkompanie und aus dem Rekrutendepot, von einem Leutnant geführt. In Brandenburg fall der Transport zu einem neuaufgestellten Regiment stoßen und noch am selben Abend an die Front Lehen Die Siebzig fahren über Berlin und haben da sechs Stunden Aufenthalt. Die Mehrzahl der Leute ist aus Berlin; in zehn, in zwanzig Minuten könnten sie daheim sein, Frau, Kinder, Mutter, Bräute, Freunde Wiedersehen nach Jahren oder Monaten, vielleicht zum letzten Male... sechs arm- fcliae Stunden. Erst kommt einer, dann kommen fa|t9aHe und bitten um Urlaub: Kompam^uhrer weiß genau, daß es gegen leben ' JL

vors Kriegsgericht muß, wenn sie nicht ' kommen; wie leicht kann em ^01111, 9

Soldat verschwinden und un ertauchen m der > iionenftabt. Aber der Offner begre ft dever zweifelte Unsinnigkeit der Lage; er will bi Leu e nicht sechs Stunden erbittert aus dem Bahnte 9 liegen und warten lassen, er kennt s daß er sich auf sie verlassen kann: nimmt also me Verantwortung auf sich und 9^t Urlaub «uf Ehren wort; Mann für Mann versprechen sie bem Leut nant in bie Hand, baß sie punftlid), >ne ^albe Stunbe vor Abgang bes Zuges, Zurück s n

Dann laufen sie glückselig heim, ^ch später finb sie zurück; nicht alle, vier seh , Minuten vergehen, aber auch die vier an, im letzten, im allerletzten Augenblicks Unb dan^ kann der Leutnant dem neuen Kommanbeu Transport vollzählig melden.

Dies ist der äußere Umriß, der Lahmen de Fabel. Felix Lützkendorf schrieb das Dreh cy

für die Ufa noch Anregungen von Kilian K 0 11, Walter Bl 0 em und Charles Klein. Es ist ein unerhört spannender, aufregender und erregender Film daraus geworden; das Bild einer längst ver­gangenen, historisch gewordenen Zeit steigt heraus, die meisten von uns haben sie bewußt und leib­haftig miterlebt, haben sie vielleicht vergessen, aber das Bild ist von einer unheimlichen Wirklichkeit und menschlichen Nähe. Man sieht die kleine Kompanie im Zuge, auf dem Marsch, auf dem Bahnsteig, und bann sieht man, wie die Kompanie sich gleichsam in ihre persönlichen und charakterlichen Bestandteile sind Einzelerscheinungen auflöst. Sechs Stunden Urlaub für eine Handvoll Leute, junge, alte, aus den verschiedensten Berufen und Lebenskreisen. Sechs Stunden der Entscheidung, der Prüfung und Bewährung... eine Handvoll Menschen in einer Riesenstadt verstreut, eine Handvoll Schicksale, all- täaliche, vergessene, dennoch wichtige, lehrreiche und beispielhafte. Ein winziges Stück deutscher Chronik vom letzten Kriegsjahr.

Für sechs Stunden ist der Krieg vergessen, und die abgezirkelten, vielfältig von einander verschiede­nen, privaten, zivilen Welten tun sich auf, die Heim­kehrer zu empfangen. Einer darf still und glücklich bei seiner Frau sitzen, die ein Kind erwartet, einer feiert ein stürmisches, nicht minder glückliches Familienfest, einer kommt eben zur Aufführung seines Klavierkonzertes zurecht, einer findet seine Braut bei einem andern wieder, einer kehrt in die bunte Betriebsamkeit eines Artistenhotels heim, einer bekommt in seinem Friseurladen von der Mutter den Kopf gewaschen und schwelgt in Zu­kunftsphantasien, einer läuft all die Stunden ver­geblich seinem Mädel nach, kann's nicht finden und verfährt, weil er kein Geld mehr hat, seinen kost­barsten Schatz, ein halbes Kommisbrot als Braut­geschenk, mit dem er ein hungriges Kind hätte glück­lich machen können... und so einer nach bem andern. Da sind auch die beiden unsichersten Kanto­nisten der Kompanie dabei, der eine in einem üblen Bouillonkeller, der andere in einem Literaten- cafe, und es fehlt bei beiden nicht viel, daß sie dort den Versuchungen, Einflüsterungen, Hetzreden er­liegen ... Aber als die letzte, allerletzte Frist abge­laufen ist, sind sie Mann für Mann wieder da, auch die letzten vier und auch bie unsicheren Kantonisten. Keiner fehlt. Kamerabschaftlichkeit, Ehrgefühl, Pflicht­gefühl und Verantwortungsbewußtsein waren stär­ker als alle Hoffnungen, Träume, Sehnsüchte und Beschwörungen, als alle süßen und bitteren Lockun­gen der armen, aufgewühlten, ausgehungerten und demoralisierten Heimat.

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In solcher Ueberroinbung bes berühmten inneren Schweinehunbes, wozu, wie man wieber sieht, auch

außerhalb ber Feuerlinie mancherlei Gelegenheit gegeben war, in ber Sauberkeit ber Gesinnung unb ber menschlichen Anstänbigkeik bes Empfinbens unb Hanbelns, bie hier bie Oberhanb behält unb sich burchsetzt, liegt der vorbildlich erzieherische Sinn des Films, seine moralische Wertbestänbigkeit, bie schlichte, selbstverstänbliche, ethische Haltung. Das rechtfertigt vor allem bie Auszeichnung mit den höchsten PräbikatenStaatspolitisch unb künstle­risch befonbers wertvoll", bie wir zu vergeben haben.

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Der Spielleiter Karl Ritter hat das Drehbuch auf eine Weife ins Bilb umgefetzt, bie meisterhaft genannt werben barf. Er arbeitet mit Mitteln, bie menschlich wie künstlerisch von einer unanfechtbaren Überzeugungskraft finb. Er hat bas Bilb jener Zeit mit einer Sicherheit bes Zugriffs herauf- befchworen, bie fast unheimlich ist. Er macht bas ganz gelassen, ohne fälschenbe Sentimentalitäten unb ohne unangemessenes Pathos. Er hat Sinn für mancherlei Komik, bie ber Situation entspringt er kennt auch bie trüben unb traurigen Seiten ber Epi- sobe unb hat nichts verheimlicht unb nichts beschä nigt. Eben biefe Ehrlichkiet unb Menschlichkeit, mit ber die Dinge gesehen und dargestellt sind, geben dem Film seine nachklingende Wirkung.

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Es gibt eine Fülle von Bildern und Szenen dar­in, die den Beschauer unmittelbar anpacken, weil sie ein Stückchen deutscher Vergangenheit bewahren und eine Handvoll einfacher Schicksale ins Licht heben ober nur streifen, heiter, traurig, rührenb, erschütternb ... Wir haben anzubeuten versucht, wie ber Film, ber so prall gefüllt ist mit Erlebnis unb Hanblung, so farbig, vielfältig gestuft unb reich an Gesichtern, Gestalten, Charakteren und kleinen Bil­dern des täglichen Lebens, eben in so vielschichtiger Gleichzeitigkeit des Vorganges die Möglichkeiten der Kamera ausschöpft und endlich bas Ganze zu- fammenhält unb vorwärtstreibt in einer erregenben, zitternben Spannung, bie man innerlich mitempfim oet, währenb man ben Ablauf ber Stunben, Vier- telftunben unb letzten Minuten ber Entfcheibung unb Bewährung vom Zifferblatt ber großen Bahn­hofsuhr ablieft.

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Ein hohes Verdienst ber Spielleitung ist enblich bie gleichmäßig gute, lebenbig echte, zuverlässig treffsichere Besetzung. Das Aufgebot ber Darsteller ist so groß, baß man nur einzelne von vielen aus­gezeichneten Leistungen herausgreifen kann. Rolf Moebius ist der junge Leutnant, ernst, still und gelassen, untadelig als Mensch und als Offizier, bie schmalen Schultern mit einer fast übermenschlichen Bürde der Verantwortung beloben. Neben ihm Jngeborg Theek, Schwester Inge, seine Braut:

fein unb klug, mit zartem Gefühl unb wacher Auf­geschlossenheit ben Ernst ber Stunbe begreifenb. Wunbervoll ist bie Gruppe ber Urlauber in ihre Jnbivibualitäten aufgegliebert; mit ben schärfsten Umrissen zeichnen sich wohl bie beiben innerlich schwächsten, am meisten gefährbeten ab: Corl R a b -> datz unb Rene D e 11 g e n. Dann Kämpers, eine ganz klare unb gerablinige Figur, ein Mann, auf ben unbebingt Verlaß ist; bann Sa 0 0, Sinn, Schmitz und Heinz W e l z e 1, ber rüh- renbe, kleine Rekrut mit bem halben Kommisbrot. Von den Frauen: Berta IDrems, Iwo Wanja, Lotte Werckmeister unb Elisabeth Wenbt. Eine Menge vortrefflicher Leistungen bis in bie kleinsten Ausschnitte hinein, alle eingefügt ins Ge­samtbild ohne falschen Ton; eine darstellerische Ge­meinschaftsarbeit von ungemein disziplinierter Ge­schlossenheit. An der Kamera stand Günther Anders.

Im Vorprogramm: ein aktueller Kulturfilm (Baumwolle und Zellwolle), die Wochenschau mit Bildern vom 30. Januar, ein VorspannWie einst im Mai". Dazu auf der Bühne: Bernhardi, Gedächtnisphänomen am Flügel, spielt auf Anhieb jede gewünschte Melodie; ein tolles Potpourri, mit verblüffender Sicherheit und Schnelligkeit zum Besten gegeben. Hans Thyriot.

Zeitschriften.

Das Innere R e i ch." (Herausgeber: Pauk Alverdes und K. B. von Mechow; Verlag Albert Langen-Georg Müller, München.) Das Lebenswerk des frühvollendeten deutschen Philosophen Heinrich von Stein erfährt in einer Studie von Günter Ralfs im Februar-Heft eine tiefgreifende, für die Gegen­wart aufschlußreiche Deutung. An weiteren essai- istischen Beiträgen sei vor allem der Arbeit von Konrad Pfeiffer über Schopenhauer gedacht, ferner der Betrachtung berDichterischen Arbeiten Eugen Gottlob Winklers" von Johannes Pfeiffer unb des Traktates über das Wesen der Filmkunst" von Gunter Groll, der neuartige Ausblicke eröffnet. Da­neben kommt auch die Dichtung zu ihrem Recht, unb zwar mit dem Schlußteil des demnächst zur Uraufführung gelangenden tragischen Schauspiels Der Hochverräter" von Curt Langenbeck und dem Anfang der fesselnden ErzählungEin Mann, der nichts schuldig blieb" von Eduard Lachmann, auch mit lyrischen Zeugnissen bekannter Autoren, wie Franz Turnier, Hermann Claudius, Friedrich Schnack und Johannes Linke. Das Heft findet durch die Selbstbarstellung der Malerin Henny Protzen- Kundmüller und die beigegebenen sechs Wiedergaben ihrer bekanntesten Werke feine bildliche Aus­schmückung.