Hr.292 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Mittwoch. 14. Dezember 1938
Aus der Stadt Gießen.
Kinder im Theater.
Es sind eben köstliche Tage der Erwartung und der Vorfreude. Das Kinderherz ist erfüllt von seligen Vorahnungen und Träumen. Da kommt eine Weih- nachtsvorstellung im Theater wie gerufen. Für viele Kinder, die zum ersten Male ins Theater gehen, ist es das größte Erlebnis für lange Zeit.
Daß es fast immer wieder Grimmsche Märchen sind, die von den Bearbeitern gewählt werden, zeugt von der Kenntnis des kindlichen Gemüts. Denn gerade in diesen Märchen stecken deutsches Wesen, deutsches Hoffen und deutscher Glaube. Wie sehr unsere Kinder an den Märchen hängen, wissen alle Eltern, besonders aber die Großeltern.
Nun sollen die Kinder ihre Phantasiegestalten leibhaftig auf der Bühne sehen. Das Märchen wird erst durch redende und handelnde Personen lebendig. Und daß die neueren Märchenbearbeitungen sich eng an die Grimmsche Fassung halten, begrüßen wir mit Freuden. Es gibt einfach keine bessere Gestaltung des Märchenstoffes. Es ist die Rassische Form, die der Brüder Grimm. Vorbei sind die Zeiten, in denen jeder „Dichter" glaubte, hier frei und willkürlich schalten und walten zu können. Alle selbst erdachten und gemachten Stücke haben nie das Leben, zaubern nie solche Freude auf die Gesichter der Kinder, wie eben die Märchen der Brüder Grimm; denn gerade die Hauptpersonen, Rotkäppchen, Schneewittchen, Frau Holle usw., sind die Begleiter unserer Kinder, mit ihnen sind sie vertraut, mit ihnen leben und sprechen sie.
Es gibt wohl kein dankbareres Publikum als die Kinder. Für sie ist das Theater noch eine Welt der Wunder. Sie wissen nichts von Drehbühne, Lichteffekten usw. Sie nehmen alles mit gläubigen Augen als Wirklichkeit. Für unsere Schauspieler muß es eine wunderbare Aufgabe sein, einmal im Jahre nur für die Kinder zu spielen.
Es ist oft rührend, mit welcher Andacht und welcher Aufmerksamkeit die Kleinen den Handlungen folgen, wie sie mitleben und wie in ihren Augen die Freude oder auch der Schmerz aufzuckt. Man schaue während der Aufführung nur einmal in die Kindergesichter! Die Lebhaften lassen sich oft durch nichts hindern, mitzurufen und unbewußt teilzunehmen an der Aufführung. Wenn dann der Weihnachtsmann selber erscheint und mit den Kleinen verhandelt, ist der Höhepunkt des Abends gekommen. Das find Augenblicke für das Kinderherz, die sich unauslöschlich in sein Gemüt eingraben.
Wie oft kommt es auch vor, daß Großvater und Enkel gemeinsam in das Weihnachtsstück gehen, und wir kennen viele Erwachsene, die keine Kinder haben, aber doch jedes Jahr die Märchenstücke besuchen. Für sie bedeutet eine solche Aufführung eine selige Rückerinnerung an die Kindheit. Als wir damals zum erstenmal ins Theater kamen ... Dieser Tag wird unvergeßlich vor unserer Seele stehen. Wir waren hingerissen, begeistert. Und die Liebe zum Theater wurde in unser Herz gesenkt.
Möge es auch heuer so sein bei den Kindervorstellungen! Das ist unser Wunsch. , H.
Bann und Untergau 416 Weiterau.
Die Karten für die 3. HJ.-Theaterring-Vorstellung am 19. 12. sind ab sofort einheitsweise auf der Verwaltungsstelle des Bannes und Untergaues 116 abzuholen. Zur Aufführung gelangt: „Ein Sommernachtstraum". Beginn der Vorstellung 20 Uhr.
DOM.-ilntergau 116 Gießen.
TNädelring 1/116, Gießen.
Die gesamte Führerinnenschaft des Mädelringes Gießen tritt am Mittwoch, 14.12., .um 20.30 Uhr, an der Schillerfchule an. Beurlaubungen können nur durch die Gruppenführerinnen erteilt werden.
Gießener Giadttheater.
Curt Langenbeck: „Der Hochverräter".
Der 1906 in Elberfeld geborene Curt Langenbeck, der heute die Stellung eines Chefdramqturgen am Preußischen Staatstheater in Kassel bekleidet, hat mit seinen bisher erschienenen Stücken, der Komödie „Bianca und der Juwelier", dem Mär- chenfpiel „Der getreue Johannes" und vor allem den beiden Tragödien „Alexander" und „Heinrich VI." seinen Willen zu einem neuen deutschen Dramenstil bekundet. Neben diesen unmittelbar-praktischen Vorstößen zur Eroberung des Theaters der Gegenwart aus einem neuen Stilwillen und einer neuen Kunstgesinnung heraus hat Langenbeck in den Abhandlungen „Heber Sinn und Aufgabe der Tragödie in unjerer Epoche" und „Dürfen wir uns bei dem jetzigen hohen Stande der Schauspielbühne beruhigen?" seine Absichten und Ziele auch theoretisch zu unterbauen und zu begründen versucht.
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Das vorläufig letzte seiner Dramen, das tragische Schauspiel „Der Hochverräter", führt die Entwicklung folgerichtig weiter und läßt die Voraussetzungen erkennen, von denen Langenbeck ausgeht. Die Rückkehr zum streng stilisierten Versdrama bedeutet zugleich die Abkehr vom naturalistischen oder einem nur äußerlich aktuellen Theater, die entschlossene Hinwendung zu einem ethisch begründeten Drama, in dem, wie bei den Alten, allein der Mensch und sein Schicksal Mitte und Maß aller Dinge sind. Das einzusehen, brauchte, man nicht das Motto , aus Aischylos — „Was hiervon wäre ohne Leid" — über dem „Hochverräter" zu lesen: das ergibt sich aus der Wiedereinführung dessen, was im klassischen Drama der Chor war, ebenso sinnfällig wie aus der Gestaltung der Fabel, deren geschichtlicher Kern nur um seines überzeitlich gültigen, menschlichen Gehaltes willen, als Roh-Stoff gleichsam, für die dramatische Aktion belangvoll erscheint.
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Denn weder für Langenbeck noch für den ernsthaft teilnehmenden Beschauer konnten Vorgänge aus der Frühzeit der Stadt Neuyork (1691) unter der Oberhoheit Englands von mehr als vorübergehender, gleichsam anekdotischer Bedeutung sein, — selbst dann nicht, wenn der Mann im Mittelpunkt ein Deutscher war, dessen immerhin bemerkenswertes Schicksal durch dieses Schauspiel der Vergessenheit flüchtig entrissen wird. Nicht auf das Historische kommt es bei Langenbeck an, sondern auf das allgemein Menschliche, das Schicksalhafte, das in einem an sich unwesentlichen Vorgang sichtbar wird und kraft dieses überzeitlichen Wesensgehaltes
Rhem-Mamische presse im Rangierbahnhof Gießen.
3n Stellwerk und Lokomotivschuppen. — Vorbildlicher Hilfszug.
Beim Hemmschuhleger am Ablaufberg des Rangierbahnhofs Gießen. (Aufnahmen 13]: Lichtbildstelle der Reichsbahndirektion Frankfurt a. M.)
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Die Reichsbahndirektion Frankfurt a. M. hatte für den gestrigen Dienstag die Vertreter der Rhein - Mainischen Presse zu einer Besichtigungsfahrt eingeladen, die nach Gießen, Limburg und Idstein im Taunus führte. Der Einladung hatten etwa 50 Vertreter der Presse Folge geleistet. In Frankfurt a. M. wurde von dem
Pressedezernenten der Reichsbahn zunächst ein Ueberblick über das Wesen, die soziale und die wirtschaftliche Bedeutung der Reichsbahn gegeben. Im Sonderzug wurde dann die Fahrt zunächst nach Gießen angetreten.
3m Gießener Rongierbahnhof.
Der Besuch im Gießener Rangierbahnhof ver
mittelt eine Fülle von Einblicken. Sonnenschein lag über d*er Stätte der Arbeit, wie sie der Rangierbahnhof auf besondere Art darstellt. Immer wieder erklangen Horn- oder Klingelsignale und die kurzen schrillen Pfiffe der Lokomotiven. Ueberrascht nahmen die Besucher von der Tatsache Kenntnis, daß Gießen, nächst Frankfurt a. M., der bedeutendste Bahnhof des Reichsbahndirektionsbezirkes ist.
Mit großer Aufmerksamkeit folgten die Besucher den Betriebsvorgängen am Ablaufberg, jenem Teil des Rangierbahnhoses, in dem die Güterzüge, die von auswärts kommen, aufgelöst und je nach der Richtung zu neuen Zügen zusammengestellt werden. Dabei wurde gleichzeitig ein Einblick in die sorgfältige Organisation dieses Rangierdienstes vermittelt. Mit großem Interesse wurde die Arbeit der Hemmschuhleger beobachtet, die mit Fingerspitzengefühl besonderer Art den schweren Hemmschuh auf
das Gleis legen und den anrollenden Wagen so ab- bremsen, daß er fein Ziel, den zusammenzustellenden Zug, erreicht und doch nicht zu hart auffährt.
Und dann stieg man erwartungsvoll die Treppen hinaus, um jenen Männern einen Besuch abzustatten, die durch di-e Weichenstellung den Weg der Wagen bestimmen. Auch hier waren es die kurzen und klaren Erläuterungen des Fachmannes, der die verantwortliche Arbeit des Beamten im Stellwerk verständlich machte.
Auf dem Führerstaud der Lokomotive.
Weiter führte der Weg über viele Gleise hinweg und unter Wahrung aller Vorsicht hinüber zu den Lokomotivschuppen und zu den Drehbühne n. Dabei gab es das besondere Vergnügen, einmal auf eine der riesigen V-Zug-Lokomotiven steigen zu dürfen, zwischen dem Tender und dem
Führerstand zu stehen, mit dem Lokomotivführer zu sprechen, um von ihm zu erfahren, wie er seine Maschine steuert, was er alles zu beachten hat, und zu erfahren, von welch' vielfältigem und für den Laien immer geheimnisvollem Leden eine solche Maschine erfüllt ist. Dann rollte die Maschine mitsamt einigen Fahrgästen auf die Drehbühne, wurde bewegt, rollte auf das Gleis aus und entließ dann wieder die Besucher, die einen Traum ihrer Kindheit erfüllt sahen. Dann wurde ein Rundgang durch die Lokomotivschuppen unternommen, man hörte von dem System der Diensteinteilung, von der Wartung der Maschinen, von der Systematik ihres Einsatzes im Fahrdienst und vieles andere mehr.
Stets einsohvereiter Hilfszuq.
Den Abschluß des Besuches im Gießener Bahnhof stellte dann die Besichtigung des Hilfszuges dar, der in universeller Weise ausgerüstet und in allen seinen Teilen so vorbereitet ist, daß er fünfzehn Minuten nach der Unfallmeldung abfahren kann. An Hand eines Übersichtlichen Planes wurde erläutert, wie dieser Hilfszug eingesetzt wird und welche Aufgaben die bedienenden Mannschaften, Sanitäter, Arzt usw. zu erfüllen haben. Jedermann konnte sich davon überzeugen, daß von der Reichsbahn alles geschieht, um rasche Hilfe zu leisten, Schäden zu beseitigen und den Verkehr zu sichern.
Nach der Mittagspause wurde die Fahrt über Wetzlar, Weilburg, durch das schöne Lahntal, vorbei an der alten herrlichen Ruine Runkel, fortgesetzt. Dicht vor Limburg galten viele bewundernde Blicke der großartigen Reichsautobahnbrücke, die für die Reisenden des Sonderzugs in Dunst und Nebel wie ein Schemen auftauchte und wieder verschwand.
E,senbahn-„!lnglück" bei Idstein.
In Limburg gab es nur kurzen Aufenthalt, dann wurde die Fayrt nach I d st e i n fortgesetzt, und dort erlebte man nun einen mit allen modernen Mitteln bestrittenen Einsatz eines Hilfszuges. Die Unfallannahme sah vor, daß im Bahnhof Idstein bei dichtem Nebel eine schwere Rangierlokomotive auf einen haltenden Arbeitszug auffuhr und mehrere Arbeitswagen und der Packwagen entgleisten.
Hilfszug Gießen: Ein Blick in den Arztwagen mit Betten und Bahren. Der Werkzeugwagen ist universell für jede Arbeitsleistung ausgerüstet.
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unsere Aufmerksamkeit und unsere Anteilnahme — „Furcht und Mitleid" nannte es die klassische Formulierung — fordern darf.
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Zwar darf jener erste Kommandant von Neuyork, der Deutsche Jakob Leisler, eben weil er ein Deutscher war, von vornherein unserer Sympathie, vielleicht sogar unseres späten Stolzes gewiß sein, aber ein dramatischer Charakter, ein tragischer Held im Sinne der von Langenbeck verfochtenen Grundsätze, wird er erst dadurch, wie er seinen Kampf und seinen Untergang besteht, wie er fein Schicksal auf sich nimmt, mit ihm in Einklang kommt und es anerkennt: indem er nämlich, streng und rechtlich aus tiefstem Grunde seines Herzens, im Widerstreit mit blindem Zufall und menschlicher Gemeinheit unterliegt und in der Niederlage ein Beispiel und Vorbild gibt.
Es ist die tragische Ironie in Langenbecks Schauspiel, daß dieser Leisler, Verfechter des Rechtes, der Ordnuna, der Manneszucht und der Treue, des Staatsgedankens und des pflichtbewußten Verantwortungsgefühls, sich gleichsam wehrlos und wider Willen ins Unrecht setzt und als Hochverräter an- geflogt, verurteilt und erschossen wird, indessen die ethische Haltung, von der sein Denken und Handeln regiert wird, ihn über jeden von denen erhebt, die ihm feindlich, mißgünstig, höhnisch und anklägerisch gegenübertreten.
Es schien im Sinne von Langenbecks Bemühungen belangvoller, die allgemeinen und grundsätzlichen Zusammenhänge des Schauspiels anzudeuten, als auf die Einzelheiten einzugehen, aus deren Summe der (historisch nicht mehr wesentliche) Kern der Fabel sich herausschält; wie Kampf und Untergang Leislers im einzelnen sich für den Dramatiker darstellen, mag der Zuschauer und Hörer selbst erleben.
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Die Aufführung wurde von Oberspielleiter Dr. Hannes R a z u m in Szene gesetzt. Da eine Bühnenanweisung von Langenbeck ausdrücklich vorschreibt, daß das Stück ohne Vorhangfall pausenlos durchzuspielen fei, ergibt sich für die Regie die Möglichkeit, gewissermaßen in einem langen Atem die dynamischen Kräfte des Schauspiels in sinnfällige Wirkung umzusetzen. Das geschah mit visuellen und akustischen Mitteln: vom Bildeindruck und von der sprachlichen Durchformung her. Herr Löffler hatte ein großünig strenges Raumbild geschaffen, das, rechts vom Fort und von der Rat- hausfaffade links begrenzt, von einem hohen Wolkenhimmel überwölbt, durch ein fpitzbogiges Tor einen weiten Durchblick gewährt, während unten im Hintergründe das Meer zu denken ist.
„Es braucht kaum betont zu werden , heißt es in der Vorbemerkung ferner, „daß der Stil des Stückes, in dem das Wort und die Komposition maßgebend zu sein versuchen, eine nicht gewöhnliche Sparsamkeit und Bedeutung der Gebärden und Gänge bedingt." Auch hierin entsprach die Aufführung im Ganzen den Absichten des Dramatikers; nur in etlichen der mittleren Szenen hatten wir den Eindruck, daß einige Dämpfung und Zurückhaltung in der äußeren Aktion empfehlenswert gewesen märe. Daß das geschichtlich Beglaubigte im Gesamtbilde zurücktrat vor einer Gegenüberstellung und Auseinandersetzung der Weltanschauungen und Charaktere, entsprach den Grundprinzipien des Schauspiels.
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Den Leisler spielte Herr von Gschmeidler aus dem Gefühl einer tief eingewurzelten, strengen Rechtlichkeit, die sich allein dem Könige und Gott verantwortlich fühlt, als einen Mann, der vom Bewußtsein, nach feinem Gewissen und seiner Pflicht gehandelt zu haben, ganz durchdrungen ist, und den also die vor feinen Augen sich vollziehende Umkehrung aller Werte ins Mark treffen und erschüttern muß.
Den Cornelius Nicolls gab Herr Weiland als einen eleganten und intriganten, von keinem Appell an Gefühlsregungen erreichbaren Schurken, der feiner Sache mit hohnvoller Überlegenheit gelassen gewiß ist.
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Herr Schlick war der Major Jngoldsby; er gab ihn als einen schnaubenden und unbeherrscht tobenden Wüterich mit brandroter Perücke. Im Sinne der oben zitierten Regiebemerkung stellt man sich die Rolle in Bewegung und Tonlage verhaltener vor, doch ist immerhin zu erwägen, daß dieser Jngoldsby auch im Buche eine nicht eben offiziers- maßiqe Figur macht.
Herr C o f s o v e l als Sergeant Joost Stoll: ein Krieger von altem Schrot und Korn, der in die Besatzung eines Forts anno 1691 hineinpaßt, bieder, ehrlich und treu, zuletzt von dumpfer Wut zu einer maßlosen Tat gereizt. Herr Geißler als Gouverneur: eine sparsam bewegte Gestalt, undurchdringlich, falt, unbeugsam als Vollstrecker seines Auftrages. Anneliese Schloeder, die einzige weibliche Erscheinung unter Männern, gab mit mariner Empfindung Leislers Tochter Meisje. Herr Geiger und als die chorisch auftretenden Aeltesten der Stadt die Herren Volck, Erler und Haars erroiefen sich als würdevoll gemessene Sprecher.
Die Hörerschaft dankte zuletzt mit lebhaftem Beifall. Hans Thyriot.
Gloria-palast: „Kautschuk".
Dieser Film, ausnahmsweise nicht „nach einem Roman", sondern nach einer Idee und einem Drehbuch von Ernst v. Salomon, Dr. Franz Eichhorn und Eduard v. Borsody hergestellt, erbringt den Beweis, daß es noch immer oder immer wieder brauchbare Stoffe für die Kamera zu entdecken gibt, die nicht, literarisch vorgeformt, aus zweiter oder dritter Hand kommen; ein außerordentlich interessantes, wenn man will, sogar aktuelles Thema: der Kampf um den Besitz eines heute welt- wichtigen Rohstoffes. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts befaß Brasilien das Kautschuk-Monopol; Ausfuhr von Gummibäumen oder Gummisamen war bei Todesstrafe verboten. England war am Besitz des Kautschuks in hohem Maße interessiert, lehnte aber jedes offizielle (Eingreife.n ab und weigerte sich, den Mann zu decken, der unter der Maske eines harmlosen Schmetterlingsjägers die kostbaren Samen für England aus der Fieberhölle des tropischen Urwaldes zu stehlen unternahm. Dieser Mann hieß Henry Wickham; seine wahrhaft abenteuerliche Geschichte erzählt der Film, den Eduard v. Borsody in Szene setzte: auf eine Weise, die den Besucher mehr als einmal an die aufregendsten Erlebnisse ferner Knabenlektüre erinnert. Der Film hält sich manchmal fast bestürzend, auf der Mitte zwischen wilder Sensation und der nüchternen Sachlichkeit eines chronikalischen Berichtes. Die Spannung läßt nicht einen Augenblick nach, weil der Beschauer begreift, daß er hier einem Kampfe beiwohnt, dessen Ausgang von ungemeiner weltwirtschaftlicher Bedeutung war; und das ist aufregender als die Kämpfe mit Krokodilen und Riesenschlangen, mit Tropenfieber und aus dem Hinterhalt schießenden Eingeborenen — von manchen andern Nachstellungen und Fährnissen zu schweigen. Gelegentlich hat man das Gefühl, daß die Regie hier des Guten etwas zu viel getan habe. Den Wickham spielt Rene D eit gen; er ist nicht eben ein angelsächsischer Typus, zeigt aber einen Kerl, der zäh wie Leder, glatt wie ein Aal und außerdem besessen ist von der Idee, für die er sich einsetzt; er haut um sich wie Hans Albers. Als wichtigste Gegenspieler erscheinen neben ihm, scharf und knapp profiliert, Gustav Dießl (Don Alonso), Walter Franck (Gouverneur) und Herbert Hübner (englischer Konsul). (Eine Liebes- und (Eifen suchtsgeschichte ist übrigens geschickt in die Haupt- Handlung einqeflochten: Vera v Langen gibt hier mit beherrschtem Gefühl die Mary Waverley. — (Ufa.)
Im Beiprogramm sieht man außer der Wochenschau einen aufklärenden Film der Reichsarbeitsgemeinschaft für Schadenverhütung.
Hans Thyriot.


