Nr. 88Driftes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Donnerstag, 14. ApriUYZ8
Die Langemamschüle im Schuljahr 1937/38
Grunin gen 1, Harbach 1, Hausen 5, Heuchelheim 2,
hvfskapelle des Klosters. Erschöpft sinkt er hier auf' jungen 4, Klein-Linden 2, Lang-Göns 7, Langs-
der schöpferische Rausch des Künstlers über Mann. Und wie erst das Bild im Entstehen weichen auch die Schrecken. Einmal scheint es, bewege sich der tote Bauer. Aber es war nur Kopf, der nach vorn sank, daß der Dornenkranz
den ist, als der zur
dunkler Nacht unter größten Anstrengungen und geheimnisvollen nächtlichen Schrecken bis zur Fried
dors 1, Leihgestern 4, Lich 12, Lollar 14, Londorf 1, Mainzlar 4, Reiskirchen 2, Saasen 3, Staufenberg 1,
sein Lager.
Aber nicht genug damit: Meister Mathis yrill
Gott sei Dank, Mutter ruft! „Hörst du, Mutter ruft uns. Droben werde ich dir alles erzählen, nun komm aber!"
Wenn es nur erst Ostern wäre! Eigentlich könnte ich nur Peters Fragen beantworten und Geschichten um den Osterhasen erzählen, denn Peter hat viel Phantasie, ist hartnäckig, klug und imberechenbar.
Erna Fung.
Stächet braun durch Nivea! 3$,
Mit Nivea kann man langer in der Sonne bleiben, weil Nivea infolge des Gehalts an Euzerit die Haut gründlich „durchsattigt^.
kommen wird? Wenn er aber schon nachts käme und ich könnte ihn wieder nicht sehen! Wird er auch Heinz Eier bringen?"
„Sicher wird er auch zu Heinz kommen, denn Heinz ist doch ein lieber Junge."
Ich seufze leise. Ob es wohl die letzte Antwort ist, die ich ihm zu geben brauche? Es ist nicht immer leicht, Peters Fragen richtig zu beantworten, denn Peter ist klug und denkt über alles sehr intensiv nach. Es entgeht ihm eigentlich keine Un» sicherheit im Antworten.
„Du, wenn der Osterhase aber von den Jägern geschossen würde, was dann?"
„Jetzt ist's aber genug, Peter, du mußt nicht jeden Tag dasselbe fragen. Osterhasen werden nicht geschossen, ich hab dir's gestern doch erst gesagt."
„Woran sieht man denn, daß es ein OsterhaS ist?" Diesmal ist mein Seufzer deutlich zu hörens
Die Langemarckschule (bisher Realgymnasium) blickt in diesen Tagen auf ein weiteres Jahr der Arbeit an der Erziehung der deutschen Jugend zurück. Ein gedruckter Bericht wurde nun über die Tätigkeit der Schule herausgebracht, der auch dem Fernstehenden Einblick in das vielfältige Leben der Schule gestattet.
Die^Zahl der Schüler betrug am 15. Mai 1937 insgesamt 538, im Laufe des Schuljahres kamen 17 Schüler dazu, so dcH die Gesamtschülerzohl am Schluß des Schuljahres 555 betrug. 330 der Schüler stammen aus Gießen, 119 aus dem Kreise Gießen, und zwar aus folgenden Orten: Allendorf (Lda.) 8, Allendorf (Lahn) 1, Annerod 1, Burkhardsfelden 4, Daubringen 2, Dorf-Gill 1, Friedelhausen 1, Garbenteich 5/ Großen-Buseck 1, Großen-Linden 13,
großen Tondichter und das Jsenheimer Bild — sie alle wollen in ihrer Weise und in der Ausdruckskraft ihrer Zeit die biblische Wahrheit zum Herzen sprechen lassen, daß Golgatha das große Aergernis ist, und dennoch voll göttlicher Kraft und göttlicher Weisheit. So ist es in die Tiefe unserer Herzen eingegangen.
Klein-peter und der Osterhase.
Der kleine Peter ist bei mir im Garten. Wir pflücken ein Sträußchen Veilchen für Mutti, denn sie liebt Blumen, und auch Peter hat Blumen gern.. Sonst ist er immer sehr eifrig und will die meisten Blumen gepflückt haben, nur heute ist er gar nicht bei der Sache. Er möchte am liebsten nur herumtollen und über die frischbesäten Beete springen. Plötzlich hat er mich am Rock gefaßt und zieht mich zu einer Stelle hin, die er eine ganze Weile sehr eingehend betrachtet hat. Was er nur wieder haben mag? Denn Peter ist unberechenbar.
„Dahin, dahin kommt es!" ,
Ich betrachte meine angenehm duftenden Veilchen und achte kaum auf ihn.
„Ja, es ist gut, nun komm schon! Mutti wartet auf uns!"
„Siehst du, da kommt er rein, diesen Weg läuft er und ist gleich hier. Ja hierher kommt es!"
Ach natürlich, das Nest meint er, und hier entlang soll der Osterhase laufey. Gibt es eigentlich noch ein anderes Thema für Peter als Osterhas, Eier und Nest! Peter kann recht hartnäckig sein, wenn man ihn nicht mit allem Ernst anhört. Peter hat auch viel Phantasie, bald will er dies wissen, bald das.
„Aber diesmal muß ich den Osterhasen sehen! Was meinst du, wieviel Eier er legen wird? Warum legen denn Großmutters Hasen keine Efer? Und warum legen denn die Hühner keine bunten Gier? Was denkst du, wann der Osteyhas wohl
nun an die allerschwerste Ausgabe gehen — er will Golgatha malen, den Herrn am Kreuz! Und er hat kein Vorbild dafür, weiß nicht, wie er einen am Kreuze hängenden Menschen zeichnen soll. Da wird ihm Hilfe: ein junger elsässischer Bauer wird ins Spital des Klosters emgeliefert mit einem brandigen Bruch, hoffnungslos. Dem nimmt Meister Mathis die Erlaubnis ab, feinen toten Körper an ein Kreuz zu binden als Modell für den Leib Christi am Kreuz. Und so geschah es. Der Künstler hebt den hüllenlosen Leichnam von der Bahre, trägt ihn zu dem an der Wand- befestigten Kreuz, schlingt ein Tuch über dis Brust unter den Armen durch und zieht den Körper hoch, knotet das Tragband fest. Ganz nah ist sein Gesicht an dem des Toten. Dann steigt er auf einen Schemel, bindet mit Stricken die Arme an dem Querbalken fest, fesselt die Füße über den Knöcheln am Kreuzesstamm, schlingt ein weißes Lendentuch um die Leiche, drückt einen Domenkranz auf das Haupt des toten Bauern, löst das Tragtuch und beginnt seine Künstlerarbeit. Trübes Dämmerlicht des grauenden Morgens fällt durch die Fenster der Kapelle. Der Anblick wird so grausig, daß der Meister vor Entsetzen aufschreit, in die Knie sinkt und ein Vaterunser betet. Aber er gibt doch nicht nach, rafft sich mit aller Kraft zusammen-, wohl zittert der Griffel in seiner Hand, aber es kommt
Dornoiizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast, 6e(tersroeg: „Die fromme Lüge". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Frisko-Expreß".
Tageskalender für Freitag.
Stadttheater: 19 bis 21.45 Uhr „Wilhelm Teil". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Die fromme Lüge". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Frisco- Expreß". — Johanneskirche: 20 Uhr „Die Sieben Worte Christi".
Zum letztenmal „Wilhelm Tell".
Am Freitag, dem 15. April (Karfreitag), findet die letzte Aufführung des großen Schauspielerfolges „Wilhelm Tell" von Schiller statt. Spielleitung: Hermann Schultze-Griesheim; die Rolle des Wilhelm Tell spielt Anton Neuhaus. Bühnenbilder Karl Löffler. Die Vorstellung findet außer Miete und zu kleinen Preisen statt. Anfang 19 Uhr, Ende 21.45 Uhr. »
Musikalische Abendfeier in der Zohanneskirche.
Am Karfreitag, um 20 Uhr, findet in der Johanneskirche die 28. Musikalische Abendfeier statt. Sie bringt Werke voll I. S. Bach und Hch. Schütz.
Neue Lehrgänge in Kurzschrift und Maschinenschreiben.
Der Ortsverein Gießen der Deutschen Steno- graphenschaft gibt bekannt, daß am Dienstag, dem 26. April, neue Lehrgänge sowohl in der Kurzschrift wie auch im Maschinenschreiben beginnen. In der Kurzschrift handelt es sich um Lehrgänge für Anfänger, für Fortgeschrittene, um. Diktat- und Eilschriftlehrgänge. Die Kurse für Maschinenschreiben dienen der Erlernung des 10-Tasten-Blmdschreib- systems, der Fortbildung der Uebung für Praktiker.
Keine llmtauschaktion für Rundfunkapparate.
DNB. Wie schon bekanntgegeben, sind die Brutto- Listenpreise der Normal-Rundfunkgeräte mit Wirkung vom 23. März 1938 gesenkt worden. Infolgedessen findet die in den beiden letzten Jahren oer-
Meister Mathis hat die beiden großen Glaubenswahrheiten mit seiner Kunst erfaßt, die auch uns Menschen der Gegenwart angesichts des Geschehens von Golgatha bewegen. Dieser qualvoll verzerrte, ausgeblutete Körper, diese in unmenschlichen Schmerzen verkrampften Glieder sind von so er? schütternder Wahrheitstreue, das man sich voy diesem Anblick abwenden möchte. Und doch zwingt er uns in seinen Bann, denn man erlebt hier die biblische Wahrheit von dem „scandalon", dem Skandal, dem Aergernis des Kreuzes. Jede Aesthetik wendet von dem Kreuz sich ab. Es ist noch heute wie in den Tagen des Paulus: dieser Ge- krsuzigte ist den Gesetzesmenschen ein Aergernis, dem Schönheitssuchernrnber eine Torheit: „... daß eine Welt, so gottbefeelt, so voller Wonne um und um zu ihres Glaubens Symbolum sich einen Galgen hat erwählt"! Das Aergernis des Kreuzes steht mitten auf unterem Wege, wir können ihm nicht ausweichen, müssen Stellung nehmen zu der Gewißheit der Bibel, daß dieses selbe Kreuz voll göttlicher Kraft und göttlicher Weisheit ist.
Auch das hat Meister Mattbis ins Jsenheimer Bild gelegt. Seine Gestalten unter dem Kreuz sind deutsche Menschen. Nicht nur der Gekreuzigte selbst, auch die Mutter Maria und der Jünger Johannes, auch Maria Magdalena und der Täufer Johannes. Haltung und Antlitz, Gebärde und Gewand stellen Menschen unseres Blutes und Stammes dar. Heliandsarbeit. hat Mathis Grünewald vollbringen wollen. So wie 700 Jahre vor ihm der unbekannte sächsische Sänger seinen Vjrüdern die biblischen Gestalten in deutschem Gewände zeigte, so auch hier: Grünewald will kundtun, daß der Gekreuzigte tief eingegangen ist in die deutsche Seele, die ihn als ihren Heiland erkennt und verehrt hat. Der Heliandssang des neunten Jahrhunderts, die gotischen Dome des hohen Mittelalters, die Bibelübersetzung Martin Luthers, die Passionen unserer
Erde fällt. Haupt und Hände des Künstlers werden eisig von Grausen. Aber er zwingt es — nach stundenlangem Mühen ist es geschafft, t)ie Skizze Des Gekreuzigten ist vollendet. Wieder nimmt er den Leichnam des Bauern ab, zitternd streift er ihm das Totenhemd über die starren Glieder, windet einen Rosenkranz um die steifen Finger, die sich zur betenden Gebärde nicht mehr falten lassen.' Dann hejü Mathis davon, als sei der tote Mann hinter ihm her, fällt auf sein Lager, geschüttelt vom Entsetzen. Als sie abends seine Tür aufdrechech liegt er ohnmächtig auf den Dielen.
So entstand das erschütternde Jsenheimer Altarbild, weitberühmt in der ganzen Welt, soweit Christenleute ihre Glocken läuten. Die Ueberlieferung will wissen, Meister Mathis sei nach der Vollendung seines Werkes heimlich bei der Nacht geflohen und habe einen Brief zurückgelassen, in dem er auf alles Lob und Geld für das Altarbild verzichtete. Die Leute aber des oberelsässischen Landes, die bas neue Werk besuchten, sanken davor betend in die Knie. Sie konnten es nicht mit Worten aussagen, aber sie fühlten es tiefinnerlich: dieses Bild gehört zu uns wie Berg und Baum, Wald und Wiese, Acker und Ar unserer Heimat. Bald rankte sich ein Kranz von geheimnisvollen Wundererzählungen um das unvergleichliche Golgathabild von Jsenheim.
Trais-Horloff. 1, Watzenborn-Steinberg 10 und Wieseck 9. Ein Schüler kommt aus dem Kreise Friedberg, und aus nichthessischen Orten stammen 88 Schüler. Die Reifeprüfung bestanden insgesamt 49 Schüler bzw. ^Schülerinnen.
Aus dem Lehrkörper schied Lehrer Jakob Horn aus, der über 25 Jahre an der Schule wirkte. Zahlreiche Angehörige des Lehrkörpers nahmen an Lehrgängen verschiedenster Art und mit bestem Erfolg teil. In organischer Weise vollzog sich nach den richtunggebenden Erlassen die innere Wandlung der Schule.
Im Laufe des vergangenen Schuljahres ragten zwei Ereignisse für die Geschichte der Schule hervor. In einer überaus würdigen und glücklichen Form wurde gemeinsam mit der Oberrealschule die Feier des 100jährigen Bestehens der beiden Anstalten gegangen. Tiefen Eindruck hinter
ließ dabei vob allem die Gefallenen-Gedenkfeier. Den zweiten Markstein stellt dann die Umbe- nennung der Schule dar. Sie erhielt den verpflichtenden Namen „Langemarckschule".
Das Jahr 1937/38 brachte eine Reihe interessanter Veranstaltungen. Die Untersekunden weilten zu Landschulheimaufenthalten an der Bergstraße und in Lauterbach. Ausflüge über zwei Tage führten in’ die Ausstellung „Schaffendes Volk" nach Düsseldorf. Am Tag der Hausmusik legten 25 Schüler Proben ihres Könnens ab. Aus Anlaß der 100- Jahrfeier fand ein Sportfest statt, bei dem gute Leistungen erzielt wurden. An den von der Lano^s- regierung bestimmten Wettkämpfen wurde teilgenommen. Das Ergebnis konnte als „sehr gut" bezeichnet werden. 322 Schüler konnten das Freischwimmerzeugnis erhalten. 26 Schüler erwarben sich den Grund- ober gar ben Leistungsschein der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft. Eine Mannschaft voy 22 Schützen nahm an einem Kleinkaliber- Wettschießen teil. Das Deutsche Sportabzeichen erwarben sich 16 Schüler, bas Jugenb-Sportabzeichen 37 Schüler. Vier Schüler ber Anstalt bestauben die /^-Prüfung im Segelflug. Viele Langemarckschüler erwarben ferner bas Leistungsabzeichen ber HI. Bei einem Segelflugzeug-Mobellbewerb ber Schulen des Kreises Gießen konnten 7 Angehörige der Langemarckschule Preise erzielend
An ben nationalen Feiern unb großen Veranstaltungen nahm bie Schule lebhaften Anteil unb hielt manche eigene Feier ab. Auch ber Arbeit des VDA. wurde alle Aufmerksamkeit geschenkt. Durch bie Schulsparkasse würbe ber Sparsinn weiterhin angeregt unb geförbert. Freistellen konnten an begabte unb fleißige Schüler verliehen werben. Zur Pflege der Zusammenarbeit von Schule unb Elternhaus würben Sprechstunben abgehalten.
Aus der Stadt Gießen.
Karfreitag.
Adelbert Alexander Zinn hat dem deutschen Volke im vorigen Jahre in dem Buche „Meister Mathis, genannt Grünewald., Ein Leden unter Gott" einen ber ganz Großen aus der Welt der Kunst menschlich sehr nahe gebracht. Zu den stärksten Teilen des Buches gehört die Schilderung von ber Entstehung des Jsenheimer Altars. Meister Machis, der im Kloster zu Jsenheim weilte, suchte sich seelisch ganz einzufühlen unb einzuleben in das ungeheure Geschehen von Golgatha, um es mit größter Wirkungskraft auf den Altartafeln wiedergeben zu können. Er fällt sich inz Bergwalde selbst einen Baum, behaut ihn, fügt einen Querbalken ein Zur Kreuzesform und schleppt dies schwere Kreuz in
„Abends bei
Madame Schopenhauer..."
Zu Johanna Schopenhauers 100. Todestage am 16. April.
„Abends bey Mde. Schopenhauer." Fast ein Jahrzehnt hindurch kehrt diese Eintragung während der Wintermonate in Goethes Tagebüchern wieder. Jeden Donnerstag und Sonntag konnten die Wei-, marer zwischen acht und neun den Geheimen Rat aus dem Herderschen Haus an be-r Esplanabe — in späteren Jahren aus bem Hole! Egloffstein nahe dem Theater — kommen sehen; von seinem Kammerdiener begleitet, zuweilen auch sich mit einer kleinen Laterne den Weg durch die dunklen, holprigen Straßen leuchtend, ging er die wenigen Schritte zum Frauenplan. „Denke dir Göthen mit der Handlaterne!" schrieb Johanna Schopenhauer, an die starren Formen hanseatischer Stadtrepubliken gewöhnt, ihrem Sohne.
Wer war diese Frau, deren Tee-Abende Goethe, der sich sonst von der Weimarer Well abschloß und zwischen seinen Kupferstichen, Münzey^Gesteins- brocken und optischen Instrumenten lebte, so selten versäumte? Daß sie einmal die gefeiertste deutsche Schriftstmerin war, daß Arthur Schopenhauer noch als Fünfzigjähriger für seine Frankfurter Mitbürger lediglich der Sohn der berühmten Johanna. Schopenhauer war, sind Tatsachen, die heute sonderbar -unb ein wenig lächerlich erscheinen.
Ihr Bilbnis im Goethe-Museum zeigt eine hübsche, dunkelhaarige Frau mit geistvoll spöttischem Mund. Von durchreisenden Besuchern, deren Zungen spitzer waren als die Pinsel Kügelgens und ber Barbua, wissen wir, baß sie klein, bick unb ein bißchen verwachsen war. Von ihrem Jugenbleben geben ihre Erinnerungen, bie, obwohl unoollenbet, zu den reizvollsten deutschen Memoiren gehören, ein anschauliches Bild. Es ist das Leben einer1 Danziger Patrizierfamilie im Rokoko, ein Leben, dem Handlungsbücher unb ber lutherische Katechismus zur Richtschnur dienen. Da kann der Ratsherr Trofiener voll echter Frömmigkeit dem Herrn danken, der ihyi eine Tochter geschenkt hat, und es dennoch als störend empfinden, daß diese Tochter gerade an einem Posttag — deren es damals nur zwei in der Woche gab — zur Welt kommt und dadurch die Erledigung ber Geschäftsbriefe Verzögerung erleibet. Von solcher Art ist auch ber Kaufherr Heinrich Floris Schopenhauer, ein Danziger Cato, ber bie um zwanzig Jahre jüngere Johanna Trofiener später heim- sührt. Er bestimmt für feinen Erstgeborenen ben
Namen Arthur, weil biefer in ben kaufmännischen Verkehrssprachen unoeränbert bleibt; unb ein einziges Mal verläßt ber reichsstädtische Republikaner am Hellen Tage sein Kontor: a-ls bie Gazette de Leyde bie Erstürmung ber Bastille melbet. Da Danzigs wirtschaftliche Bedeutung durch die Teilung Polens unaufhaltsam sinkt, siedelt er nach Hamburg über. Dort stürzt er eines Tages aus einem Kornspeicher und findet im Fleet den Tob, ben er vielleicht in einem feiner zeitweiligen Schwermutsanfälle gesucht hat. Johanna Schopenhauer zi?ht in bie kleine thüringische Resibenz, bie burch Goethes Namen europäische Bebeutung erlangt hat.
„Es wird mir leicht werden, wenigstens einmal in der Woche bie ersten Köpfe in Weimar, und vielleicht in Deutschland, um meinen Teetisch zu versammeln", schrieb sie damals. Ader es war eine wenig günstige Zeit für ästhetische Tees, dieser Sommer 1806! Die Uebersiedlung von Hamburg dauert drei Wochen, denn alle großen Straßen sind von preußischen Heeresabteilungen verstopft. Nicht lange ist Johanna in Weimar, da dröhnen von Jena her die Kanonen. Der Krieg jagt heran, wirbelt Dör sich her ben brüchig geworbenen Lorbeer ber friberiziani- schen Armee; Bagagewagen und Soldaten drängen sich in ben engen Straßen; Musketenschüsse knattern burch Nebel, Puloerschwaben unb fnifternbe Flammen. Dann kommen bie Marschälle bes Kaiserreichs in golbbeftidten Uniformen, ber Reisewagen Napoleons.
In t)en Tagen ber Not haben sich bie Menschen fester aneinanbergeschlossen, hat Goethe seine 23er» binbung mit Christiane in ber Sakristei ber Hofkirche legitimiert. Die Weimarer Gesellschaft verschließt empört ihre Salons bem „Bettschätzgen", bas plötzlich Staatsministersgattin ist. Nur Johanna meint gegenüber biefem engherzigen Spießertum: „Ich denke, wenn Goethe ihr seinen Namen giebt, können wir ihr wohl eine Tasse Thee geben."
Goethe hat ihr diese Tasse Tee nicht vergessen. Nirgends ist er so gern zu Gast gewesen wie in Johanna Schopenhauers Hause mit den warm getönten Teppichen, den feibnen Vorhängen unb ben bunklen Mahagonimöbeln. Balb versammelten sich hier alle Großen aus Alt-Weimars Spätzeit, unb bie Reiseführer erwähnten ben Salon ber Schopenhauer unter ben Sehenswürbjgkeiten ber Resibenz. Man kommt, plaubert, „neue Journale, Zeichnungen, Müsikalien werben herbeygeschsfft, besehen, belacht, gerühmt, wie es kommt. Alle, bie, was Neues haben, bringen es mit; Göthe sitzt an feinem Tischchen, zeichnet unb spricht. Die junge Welt musiziert im Nebenzimmer; wer nicht Lust hat, hört nicht bin. So roirb’s neune unb alles geht auseinander." Goethe schrieb an Knebel: „Bey Frau Hofrach Schopenhauer sind der Donnerstag und der Sonn
tag jeder auf feine Art interessant: der erste wegen vieler Societät, wo man eine sehr mannigfaltige Unterhaltung findet; ber zweyte, wo man wegen kleinerer Societät genötigt ist, auf eine concen- trierte unb concentrierenbe Unterhaltung zu denken; unb was bu bir kaum vorstellen könntest: in kurzem wirb unser geselliges Wesen eine Art von Kunstform kriegen ..." Der Geheime Rat selbst ist immer „ein wenig stumm und auf eine Art verlegen, wenn er kommt, bis er die Gesellschaft recht anae- sehen hat, um zu wissen, wer ba ist". Es finb viele in biefem Salon gewesen: Bernabotte unb Bettina, Tieck, Grimm unb Wilhelm von Humbolbt,' Fougue, Wielanb unb zahllose ber längst verblaßten kleinen Sterne. In biefem Salon bat Goethe bie Derbinbuna mit bem jungen Dr. Schopenhauer angeknüpft, bem bie Mutter, auf Anraten ihres Freundes Fernow, noch als Achtzehnjährigen ben Weg vorn Kontorschemel zur Universität geebnet hatte.
Der Verlust ihres Vermögens zwang Johanna, ihr schriftstellerisches Talent auszuwerten. Sie schrieb — meist für Damenjournale — kunstgeschichtliche Le- bensbilber, Schilberungen ber Reisen, bie sie einst burch bie meisten europäischen Länber geführt hatten. Einem ihrer zahlreichen Romane, „Gabriele", hat Goethe in „Kunst unb Altertum" eine eingehenbe Besprechung gewidmet; in ber gleichen Zeit wan- berte bas philosophische Hauptwerk ihres Sohnes, „Die Welt als Wille unb Vorstellung", unbeachtet in bie Stampfmühle.
1829 ist Johanna Schopenhauer aus Weimar fortgezogen in bas Landhaus einer rheinischen Freundin in Unkel bei Honnef, um bort, was sie in ihrem Danziger Französisch „ein schampätriges Leben" nannte, zu führen; eine gelähmte alte Frau, bie bie Welt zu vergessen begann. Vor hundert Jahren, am 16. April, ist sie gestorben; in Jena, nur wenige Meilen von Weimar entfernt, in dessen Geistesgeschichte sie ihren Platz gefunden hat.
Walter Schwerdtfeger.
Hochschulnachrichten.
In Bamberg ft a r b Professor Dr. Fritz Knapp, der bis zu feiner Entpflichtung im Jahre 1936 ben Lehrstuhl für neuere Kunstgeschichte an ber Universität Würzburg innehatte. Als Schüler von Woelfflin habilitierte er sich in Berlin, würbe balb nach Greisswalb berufen und ging von da nach Würzburg. Neben zahlreichen Veröffentlichungen zur Geschichte der italienischen Kunst des 15. und 16. Jahrhunderts hat Knapp bedeutende Arbeiten über Riemenschneider, Grünewald unb Balthasar Neumann geliefert. „__
Rührende Tierfreundschast.
Ein englischer Professor besaß ein Lanbhaus, zu bem er sich so oft zurückzog, wie seine beruflichen Verpflichtungen es ihm erlaubten. Es war ihm eine Freube, fein eigenes Gemüse zu ziehen, unb be- sonbers stolz war er auf feine ausgezeichneten Mohrrüben. Eines Tages aber mußte er feststellen, baß sie auf geheimnisvolle Weise weniger würben. Hier unb ba mürben bie Reihen bünner. Sonberdar kam es ihm vor, baß ber Räuber niemals ein großes Loch machte. Höchstens ein Pfunb Mohrrüben ver- schwanb auf einmal. Der Professor hielt aufmerksame Wache unb'fand auch bald ben Schulbigen heraus. Es war ein Hunb, fein eigener Hunb! Das kam ihm merkwürbig vor. Am allermerkwürbigften aber war bas Verhalten bes Hunbes. Er zog brei ober vier Mohrrüben aus ber Erbe, ohne einen Versuch zu machen, sie aufzufressen. Dagegen nahm er eine in sein Maul und lief damit fort, gefolgt von feinem Herrn. Der Hund lief geradeswegs zu dem Pferde- stall. Er hielt Freundschaft mit dem alten Pferd, das dort stand. Oft rieben bie beiden Tiere ihre Nasen kameradschaftlich aneinander. Und der Hund hatte gesehen, wie sein Herr Mohrrüben ausriß und sie feinem Freunde brachte. Das war die Lösung des Rätsels. Im Stall stellte der Hund sich auf die Hinterbeine auf unb reichte fein Geschenk bem Pferbe, wobei er voller Freube mit bem Schwanz roebelte, als fein Freunb bie Mohrrübe ergriff. Es ist klar, baß ber Professor ben Hund weiterhin als Mohrrübenräuber gewähren ließ.
'Seiftoriften
— „Das Innere Reich" (Herausgebert Paul Alverbes und K. B. von Mechow; Verlag Albert Langen ' Georg Müller, München) beginnt mit dem Aprilheft ben fünften Jahrgang. Was vier Jahre lang den Reiz' dieser Hefte ausmachte, findet man auch hier wieder: in Ina Seidels Novelle „Angst" die gehaltvolle Prosaerzählung; in Versen von Billinger, Claudius, Baron, Schult u. a. das lyrische Gedicht, das in dieser Zeitfchrift immer feine Heimstatt fand; weiter eine eindringliche geschichtliche Studie in Rudolf Stadelmanns Aufsatz „Scharnhorst und die Revolution seiner Zeit"; einen Blick auf die bildende Kunst (Plastiken von Richard Knecht). Gedanken über Kunst unb Genie, über Volk und Vaterland, den Menschen und bie Welt finbet ber Leser in Tagebuchnotizen Rubolf G. Binbings. Mit Vergnügen lieft man von Hanns Braun Aufzeichnungen seiner ostafrikanischen Reise, auch bie Umschau mit ihren Betrachtungen zum historischen Roman empfinbet man als gehaltvolle Ergänzung dieses Heftes.


