Ausgabe 
14.3.1938
 
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reu zu lassen, ohne Gefahr zu laufen, dabei in außenpolitische Verwicklungen zu kommen.

Ist das nicht etwas unendlich Großes und Schönes? Und wie schlägt uns heute das Herz höher, wo wir wissen, daß die Verfolgung unserer deutschen Brüder in Oesterreich nunmehr zu Ende ist und daß wir uns das auch für alle Zukunft nicht mehr gefallen lassen werden. Wie unendlich aroß wird aber erst die Freude unseres Führers sein, der mit so unendlicher Liebe an seinen Lands­leuten hängt und dem es trotz aller Staatskunst bisher nicht möglich war, das Los der Deutschen zu bessern. Nun ist es erreicht. Oesterreich wird genau wie das Mutterland wieder frei, groß und stark werden.

Es leben unsere österreichischen Brüder!

Es lebe das Groß-Deutsche-Reich und fein Führer Adolf Hitler!

SA.-Vrigadesührer Schwarz wies dann in kurzen soldatischen Worten auf den Wert der soldatischen Lebenshaltung und des alle­zeit soldatischen Handelns hin. Er erinnerte an den Kampf und an das Muten und Leiden für Deutsch­land und für das Grohdeutsche Reich, an den vor- behaltlosen Einsatz der Kämpfer der nationalsozia­listischen Revolution und der nationalsozialistischen Soldaten für die große Idee und das Werk des Führers. Diese Kämpfe werden eingehen in die Unsterblichkeit der deutschen' Geschichte. Der natio­

nalsozialistische Soldat habe durch seinen Marschtritt in den letzten fünf Jahren Weltgeschichte marschiert. Durch seinen Marschtritt erhielt er dem deutschen Volke den Frieden und die Freiheit, durch ihn wurde Deutschlands Jugend frei, und durch seinen Marschtritt ist es jetzt gelungen, Millionen Deutsch- Oesterreicher heimzuführen ins Reich. Der Brigadefuh- rer gedachte sodann der Blutopfer der Bewegung im Reich und im deutschen Oesterreich, die mit ihrem Herz­blut das neue große Reich besiegelten. Während die Formationen auf das KommandoStillgestanden!" straffe soldatische Haltung annahmen und die Kom­panie der Wehrmacht das Gewehr präsentierte, wurde bei gesenkten Fahnen der gefallenen Helden der Bewegung im Reich und in Oesterreich gedacht, zugleich spielte die Mufik die Weise des Liedes vom guten Kameraden.

Dann sprach Brigade sichrer Schwarz weiter: Hebt die Fahnen, tragt sie weiter, laßt sie leuchten der deutschen Jugend für alle Zukunft! E i n Führer, ein Volk, ein Reich! Versailles ist zer- rissen! St. Germain ist vertreten! Der national­sozialistische Soldat marschiert in die Zukunft für das ganze und große deutsche Volk!

Anschließend spielte das Mustkkorps unserer 116er den Großen Zapfenstreich.

Danach schloß Kreisletter Backhaus die er- hebende Feiersturttre mit dem begeistert aufgenom­menem Gruß an den Führer, Volk und Reich und an das deutsche Oesterreich, dem allezeit die Liebe und die unwandelbare Treue aller Deutschen gehören.

Aus der Stadt Gießen.

Was heißt sparen?

Wer sich schon einmal über das Sparen Gedan­ken gemacht hat uNd das sind sicher weitaus die meisten Volksgenossen der wird bald finden, daß das Wort Sparen nicht so einfach zu erklären ist. Sparen betagt nämlich ganz allgemein zunächst soviel wie haushälterisch, wirtschaftlich umgehen mit Kräften, Sachen, Geld und Geldeswert. An diese Seite des Wortes Sparen denken wir, wenn in Verfolg des Vierjahresplanes von sparsamer Ver­wendung der dem deutschen Volk zur Verfügung stehenden Roh- und Hilfsstoffe, aber auch der Ab­fälle gesprochen wird. Dann aber hat Sparen noch eine andere Bedeutung. Sparen heißt nämlich auch soviel wie etwas erübrigen, um Rücklagen bilden zu können. Solche Rücklagen, solche Ersparnisse brauchen nicht unbedingt aus Geld zu bestehen, sie können z. B. auch in Form von angesammelten Le­bensmitteln, die in manchen Jahreszeiten in lieber- fülle vorhanden und dann preiswert sind (Obst, Ge­müse), angelegt werden. Meistens wird Sparen je­doch auf das Geldsparen bezogen. Leider verstehen viele Volksgenossen unter Geldsparen immer noch, trotz aller Aufklärungsarbeit z. B. der Sparkassen, das Ansammeln von Hartgeld und Scheinen im Hause in vermeintlich für sicher gehaltenen Ver­stecken (in Schränken, auf dem Dachboden, im Kel­ler, ja sogar hn Garten und im Viehstall). Geld, das sogespart" wird, ist nicht nur ständig der Ge­fahr des Verlustes, der Entwertung durch Außer­kurssetzung von Geldsorten und dem Zinsentgang ausgesetzt, sondern es ist auch der Volkswirtschaft entzogen. Jede gehamsterte Mark nämlich bringt an anderer Stelle den Güterkreislauf zum Stocken. Darum sollte jeder, der sich einmal Gedanken über das Wörtchen Sparen macht, beim Geldsparen stets dahin wirken, daß nicht mehr Geld als unbedingt nötig im Hause aufbewahrt wird, sondern z. B. auf Sparkastenbuch angelegt oder sonst in nuAbringen- der Weife der Volkswirtschaft wieder zugeführt wird.

Dornotizen.

Tageskalender für Montag.

NSDAP., Ortsgruppe Nord: 20.30 Uhr, Zellen­besprechungen in den bekanntgegebenen Lokalen. Gloria-Palast (Settersweg):Kameraden auf See". Lichtspielhaus (Bahnhofstraße):Die Fleder­maus". Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr, Kunstausstellung im Turmhaus am Brand.

Spietplanänberung im Sladttheaker.

Infolge Erkrankung von Ernst August Waltz ist die Erstaufführung vonDas Land des Lächelns"

auf Mittwoch, 23. März, verlegt worden. Am Freitag, 18. März, findet zum letztenmal eine Auf­führung des SchauspielsVerzicht" von Ilse Zander statt. Freitag-Miete. 24. Vorstellung.

Maja von Rabenau tanzt.

Die Intendanz des Stadttheaters hat die bekannte Tänzerin Maja von Rabenau (Berlin), die bereits in Gießen erfolgreich aufgetreten ist, für ein ein­maliges Tanzgastspiel am Sonntag, 20. März, ver­pflichtet. Maja von Rabenau tanzt im Rahmen der 11. Morgenveranstaltung des Stadttheaters. Am Flügel: Meinhart Becker. Anfang Punkt 11.30 Uhr, Ende 12.30 Uhr.

WHW., Ortsgruppe Gießen-Tlord.

Am Dienstag, 15., und Mittwoch, 16. d. M., wird im Bereich der Ortsgruppe Gießen-Nord die Pfund- fammlung durchgeführt. Die Hausfrauen werden ge­beten, die Pfundpäckchen bereitzulegen.

NSDAP. Ortsgruppe (Sießen-Ost.

Am Donnerstag, 17. März, 20.30 Uhr, findet im Singsaal des Realgymnasiums, ßubroigftrafce, ein Schulungsabend für sämtliche Führer, Walter und Warte der Partei und ihrer Gliederungen statt. Pünktliches Erscheinen ist Pflicht.

NS.-Frauenschast, Gießen.

gfs. Die Abt. Kultur, Erziehung, Schulung der vier Gießener Ortsgruppen-Frauenschaften veranstaltet am Montag, 14. März, 20 Uhr, in der Aula des Gymnasiums (Hindenburgwall) einen Lichtbildervor­trag überVerantwortung im Werkschaffen" (Von der Volkskunst bis zu den Bauten des Füyrersl. Wir fordern auch die Mitglieder der anderen Abteilungen auf, daran teilzunehmen.

BOM.-Untergau 116.

Vetr.i BDM.-Leislungsabzeichea.

Dienstag, 15.3., wird um 1814 Uhr im Hallenbad für das Leistungsabzeichen geschwommen.

Freitag, 18. 3., beginnt um 20% Uhr auf dem Untergau ein Sanikurs für das Leistungsabzeichen.

Die Erwerbung des BDM.-Leistunasabzeichens ist für Mädel und JM.-Führerinnen über 14 Jahre offen.

** Eine Achtzigjährige. Am heuttgen Montag, 14. März, kann die Witwe Frau Elise Pro sch er, Rodheimer Sttaße 27, zur Zeit im Landes-Alters- und Pflegeheim an der Licher

Straße, in körperlicher und geistiger Frische ihren 80. Geburtstag begehen. Die Jubilarin gehört zum langjährigen treuen Leserkreis des Gießener An­zeigers. Wir beglückwünschen!

Der tragische Tod des Feldwebels Nackow aufgeklärt.

Durch die unermüdlichen und umsichtigen Nach­forschungen der Beamten der Gendarmenestation Gie­ßen und der Gendarmerieabteilung ist es nach mehr­tägiger Arbett gelungen, den zunächst völlig rätsel­haften Tod des Feldwebels Rackow vom Jnfcm-' terie-Regiment 116 einwandfrei aufzuklären. Es hat sich herausgestellt, daß der bedauernswerte Mann am Tage des Unfalles abends in Wieseck ein Auto aus Corbach, das in Wieseck kurze Zeit hielt und auf allen Sitzen besetzt war, zur Mtfahrt nach Gießen benutzen wollte. Rackow stieg hinten auf den Kraftwagen auf, um auf diese Weise mitzukommen. Nach der Abfahrt hörten die Wagen­insassen am rückwärtigen Zeile des Autos zwar ein Geräusch, sie glaubten jedoch, der Mitfahrer fei ab» gesprungen. In dieser Annahme fuhren sie weiter, ohne zu wissen, daß Rackow in Wirklichkeit a b - gestürzt und mit einem schweren Schädelbruch auf der Sttaße liegengeblieben war. Der be­dauernswerte Mann ist bann, wie von uns gemel­det, einige Tage später in der Klinik verstorben. Seine Leiche wurde unter militärischen Ehren nach seiner Heimat Kolberg übergeführt.

Große Strafkammer Gießen.

Am Freitag hatten sich die Eheleute D. aus Alsfeld wegen schwerer Kuppelei zu verantworten. Der Anklage lag folgender Sachverhalt zu Grunde: Im Jahre 1935 befand sich ein gewisser Habermehl, ein Hochstapler ersten Ranges, im Arbeitsdienstlager in Alsfeld. Er gab sich dort als unehelicher Sohn eines Grafen aus und nannte sichBaron von unb zu Habermehl". Er verstaub es, sich an die damals 15jährige Tochter der Eheleute heranzumachen, und er wurde von den gutgläubigen Eltern nach feiner Entlassung aus dem Arbeitsdienst in ihrem Hause ausgenommen. Hier kam es, nachdem sich die jungen Leute verlobt hatten, mit Wissen und Duldung der angeklagten Eltern zu intimen Beziehungen zwischen den beiden, die den Anlaß zu dem lau­senden Verfahren bildeten. Die Angeklagten sind in dieser Sache vor einem Jahre von der hiesigen Strafkammer verurteilt worden, und zwar die Ehe­frau zu vier Monaten unb der Ehemann zu einem Monat Gefängnis.

Damals legte der angeklagte Ehemann Revision ein, während die Frau nicht von dem Rechtsmittel Gebrauch machte. Das Reichsgericht hob das Urteil

auf und verwies die Sache zur erneuten Hauptvev- Handlung an das Landgericht in Gießen zurück. In dieser Verhandlung, die im Herbst vorigen Jahres stattfand, erhielt die Eheftau s e ch s M o n a t e, der Ehemann drei Monate Gefängnis. Hier- gegen richtete sich erneut die Revision der Verteidi­gung, die sich in erster Linie darauf stützte, daß eine Erhöhung der Strafe nur bezgl. des Mitangeklagten möglich sei, der das Rechtsmittel einlegt, nicht je­doch für den, der die Strafe rechtskräftig werden läßt. Dieser Standpunkt ist vom Reichsgericht in einer Entscheidung vom Januar d. I. gebilligt wor- den. Die Sache wurde daher erneut zur Hauptver- Handlung an die hiesige Strafkammer zurückver- wiesen.

In der gestrigen Hauptvechandlung drehte es sich daher nur noch um die Frage der Strafzumessung, während die tatsächlichen Vorgänge unerörtert blie­ben. Im Gegensatz zu seiner früheren Auffassung hielt die Kammer nunmehr für erwiesen, daß die jungen Leute in der fraglichen Zeit bereits verlobt waren. Das Gericht vertrat die Auffassung, daß die beiden Angeklagten in ihrer Gutgläubigkeit den Schwindeleien des Habermehl zum Opfer gefallen sind und weniger in verbrecherischer Absicht g^an­beit haben. Es gelangte daher diesmal zu erheblich milderen Strafen und verurteilte die Eheftau zu zwei Monaten und den Ehemann zu drei Wochen Gefängnis. Die Untersuchungshaft wurde der Eheftau in der vollen Hohe von IVi Monaten angerechnet.

Rundfunkprogramm

Dienstag, 15. März.

6 Uhr: Präludium in d von Jakob Praetorius. Morgenspruch. Gymnastik. 6.30: Frühkonzert. Mit Jagdgesang und Hörnerklang den deutschen Wald ent­lang. 7: Nachrichten. 8.10: Gymnastik. 8.30: Froher Klang zurWerkpause. 9.40: Kleine Ratschläge für Küche und Haus. 9.52: Der Hüter der Volksgesundheit. 10: Schulfunk: Ring um Deutschland. Die deutschen Kriegsgräberstätten. 11.40: Volk und Wirtschaft: Wir verbrauchen mehr und warum? 12: Mittagskon­zert. 13: Nachrichten. 13.15: Mittagskonzert. 14: Nachrichten. 14.10: Meister der Orchesterplatte (III). 15: Bilderbuch der Woche. 15.30: Geht die Liebe durch den Magen? Ein Zwiegespräch von Erika Gel­dern. 15.45: Der weltwirtschaftiche Monatsbericht. 16: Klingende Kleinigkeiten. 17: Der Reichsarbeitsdienst spielt für das WHW. Wunschkonzert des Arbeits- gaues XXII Nordhessen zugunsten des Winterhilfs­werkes. 18: Zeitgeschehen. 18.30: Jahrhunderte fin­gen! Deutschlands Schicksal in flinen Liedern. 19: Nachrichten. 19.10: Vom deutschen Sprichwort. Eine Hörfolge mit Musik von Joseph Haydn. 20: Konzert. 21: Alte unb neue italienische Musik. 22: Nachrichten.

Großer Erfolg -er SA.

Die Altpapier-Sammelaktion am gestrigen Sonntag.

Die SA.-Kameroden der SA.-Standarte 116 Gießen hatten am vergangenen Samstag unb am gestrigen Sonntag eine große und besondere Auf­gabe, der sie sich mit der schon oft bewiesenen Hin­gabe widmeten. Es galt bte großzügige Sammel­aktion durchzuführen, durch die das Attpapier er­faßt werden sollte, das in vielen Haushaltungen, in Betrieben unb Geschäften aufgestapelt zu ver­muten war. Die Aufrufe, bie der Sammlung vor­ausgingen hatten ihre Wirkung getan. In den meisten Häusern lag das Attpapier gebündelt, oft in Kartons verpackt, bereit, so daß die SA.-Männer nur zuzugretfen brauchten.

Schon am Samstagmittag war eine stattliche An­zahl von Kameraden auf Oswalds garten angetreten. Auch eine Anzahl Kraftwagen stand bereit. Rasch wurden die Anweisungen aus gegeben und die ein­zelnen eingeteilten Mannschaften begaben sich mit ihren Fahrzeugen auf die Waage und fuhren in die ihnen zugewiesenen Stadtteile, um mit ihrer Sammlung zu beginnen. Rasch füllten sich die Wagen. Links und rechts schwärmten die Kame­raden in die Häuser aus und schleppten die Alt­papierpakete an den Rand des Gehsteiges. Der Kraftwagen fuhr bann jeweils nach und die Kame­raden, die den Wagen begleiteten, luden auf. Kaum eine Stunde war vergangen, da fuhren die ersten

Wagen mit ihren Lasten zuerst zur Waage an bet Unterführung Hammsttaße unb dann zum Ablade­platz am Hohleichweg, hinter dem Schlachthof. Ein Wage« nach dem anderen fuhr dort vor unb mit großem Eifer wurde abgeladen.Dann begab man sich wieder aufTour". Gegen 18 Uhr mußte die Sammlung abgeschlossen werden, denn wenig später hatten die SA.-Kameraden wieder tadellos zum Fackelzug anzutteten.

Am Sonntagvormittaa wurde die Sammlung mit unvermindertem Eifer fortgesetzt. Der Erfolg blieb btr großen Aktton nicht versagt. Es waren ins­gesamt etwa 730 Zentner Papier und Pappen ge» sammelt worden.

Gruppenführer Deckerle in Gießen.

Gruppenführer Beckerle nahm am gestrigen Sonntag Gelegenheit, sich von der Arbeit der SA.- Kamercwen der Standarte 116 in Gießen zu über­zeugen. Er begab sich mit seinem Stab zum Lager­platz unb besichtigte die angefahrene Menge des All­materials. Er gab dabei seiner großen Zufriedenheit über den überragenden Erfolg her Sammelaktton Ausdruck unb fpenbete ben jammelnben Mannschaf­ten großes Lob.

Abenteuer in Paris.

Vornan von Hans Hirthammer.

Copyright by Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.

7. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)

Das HotelZu den drei Milchfrauen" hätte sie ohne seine Führung wahrscheinlich gar nicht ge­funden. Es lag in der Gegend des Quartier Latin, in einem jener phantastisch engen und romantischen Gäßchen, wie sie von dem großen Dichter der >,Bohöme" so begeistert unb eindrucksvoll geschildert werden.

Das Hotel ist nicht sehr modern!" bereitete Heinz feine Begleiterin vor.Es hat weder Fahrstuhl noch Dampfheizung; aber dafür weist es andere Vorzüge auf, die Sie im Lause Ihres Aufenthaltes sicher herauskriegen werden.

Ich bin schon jetzt entzückt!" flüsterte Gerda, während sie bas Haus betraten, das in Große und Bauart eher einem Einfamilienhaus als einem Hotel ähnelte.

,Kcmn denn hier überhaupt mehr als ein ein­ziges Liebespaar gleichzeitig ein Unterkommen finden?"

Nun, Sie übertreiben etwas! Aber selbst wenn Ihre Bemerkung zuttäfe wären ,Die drei Milch- f rauen* nicht gerade recht für uns beide?" .Sie standen imDefttbül", wenn man bie kleine Diele mit diesem hochtrabenden Namen bezeichnen durste.

Aus einer Türöffnung, die mit einem Plüsch- vorhana abgeschlossen war, trat eine hübsche junge prau. Ihre dunklen Augen begannen bei ©tablers Anblick aufzuleuchten.

Oh, Monsieur Stadler, welch angenehme Ueber- raschung! Ich fürchtete schon, daß Sie Paris ver­gessen hätten!"

Wie könnte ich dies, Madame Pluchard, solange Sie darin leben?"

Die Frau lachte silbern auf.Oh, immer noch der alte!' Sie wandte sich an Gerda.Er ist ent- zückend, nicht wahr, Madame?"

Das ist Fräulein Bosch!" berichtigte Heinz.Ich habe ihr soviel von ben ,Drei Milchfrauen* vor- geschwärmt, daß sie sich entschlossen hat, auch hier zu wohnen. Also, Madame Pluchard, machen Sie mir keine Schande!"

Gewiß nicht! Stehen die Herrschaften in... Beziehungen zueinander, ich meine... wegen der

Zimmer? Ich hätte im ersten Stock zwei hübsche, nebeneinanberliegenbe Räume frei."

Fein! Die sind wie geschaffen für uns, voraus­gesetzt natürlich, Fräulein Bosch, daß Sie keine Be­denken haben, neben mir zu wohnen."

Nein!" sagte Gerda.Nicht die geringsten! Gegen allzu heftige Annäherungsversuche hoffe ich mich erfolgreich wehren zu können. Ich habe ledig­lich Sorge wegen meines, sagen wir mal. lauten Atmens. Hoffentlich sind die Wände nicht so dünn, daß davon auch andere geweckt werden."

Mein Schlaf ist sehr solide. Meinetwegen können Sie jede Nacht in Ihrem Zimmer Kegel schieben!"

Madame Pluchard führte die Gäste über eine ziemlich enge Wendeltreppe nach oben.

Ich muß dann gleich mal ein Gespräch mit Berlin führen. Ist das Telephon in Ordnung?"

Es war zufällig in Ordnung. Meist war es näm­lich wegen rückständiger Gebühren gesperrt.

Gerda Bosch war von dem Zimmerchen, in bas sie geführt wurde, restlos begeistert. Geblümte Tapeten, eine niedliche Diebermeiereinrichtung, rosa Kretonvorhänge am Fenster und dazu der Aus­blick auf einen allerliebsten, sorgsam gepflegten Blumengarten.

Das ist ja entzückend!" rief sie aus.

Madame Pluchard öffnete das Fenster, schlug die Decke von dem breiten, niederen Bett zurück unb prüfte ben Waschtisch.Ich werde sogleich Wasser eingießen lassen ober wünschen Mademoiselle ein Bad?"

Ja, bitte! Unb dann möchte ich gerne ein wenig schlafen. Die Reise hat mich ziemlich er­müdet."

Wie Sie wünschen, Fräulein! Ich werde dafür sorgen, baß Sie ungestört ruhen können. Werden Sie auswärts essen?"

Ich kann Ihnen Madame Pluchards Küche aufs wärmste empfehlen! Sie bekommen hier bie deli­katesten Pasteten von Paris."

Oh, Monsieur Stadler wenn Sie nicht im­mer übertreiben würden!"

Dann esse ich natürlich hier. Ich nehme aber an, Herr Stadler, daß ich mich habet Ihrer Ge­sellschaft erfreuen darf!"

."^Asto^iändlich wird es mir ein Vergnügen ftw, ,öie in die wohlschmeckenden Geheimnisse üer französischen Küche einzurühren. Unb nun recht angenehme Ruhe, Fräulein Gerda! Erholen Sie sich gut unb machen Sie sich keine unnötigen ftutanbr me0en *** Verschwindens von Herrn

Dann war (Serba allein. Sie begann ihre Koffer auszupacken.

Die Morgensonne schien warm und leuchtend durchs Fenster. Das Wasser in der Waschschüssel zauberte silberne Reflexe an die Decke.

Gerda lächelte, während sie sich langsam auszog und dabei die zuckenden Bewegungen der Sonnen­kringel an der Decke betrachtete.

Wenn man sich vorzustellen versuchte, baß der Mann, der da nebenan leise vor sich hinpfiss, Willy Ruland sei, dann konnte man wähnen, sich auf her Hochzeitsreise zu befinden.

Wo mochte Willy jetzt sein?

9.

Als Willy erwachte, wußte er zunächst nicht, was mit ihm geschehen war. Er sah um sich eine dämme­rige Helle. Sein Kopf schmerzte empfindlich.

Er wollte sich an die Schläfen greifen, aber feine Hände waren gefesselt.

Sofort stellte sich mit greller Klarheit die (Er­innerung ein. Der Zwischenfall im Zug, die Be­gegnung mit diesem gottoerbammten Bargent die ganzen phantastischen und spukhaften Gescheh­nisse wurden in seinem Gedächtnis wieder lebendig.

Er lag, an Händen und Füßen gefesselt, auf einem Bett, dessen Kissen den süßlichen Geruch eines Parfüms ausströmte. Um sich blickend, ent­deckte er einen Toilettentisch, einen Kleiderschrank und ein altes Sofa mit ^erschliffenem Bezug. Ein über einen Stuhl lästig hingeworfenes Kleidungs- stück bestätigte feine Vermutung, daß er sich in dem Zimmer jenes jungen Mädchens befand, das ihn allerdings zu spät vor Bargent ge- warnt hatte.

Willy versuchte sich in eine sitzende Stellung auf- zurichten, was ihm nach mehreren mißlungenen Versuchen auch gelang. Nun vermochte er einen Blick aus dem Fenster zu werfen, konnte aber nichts weiter sehen als eine hohe graue Brandmauer, bie wenige Meter vom Fenster entfernt in bie Hohe ragte.

Was nun? Wenn es ihm vielleicht auch gelang, sich der Fesseln zu entledigen, so war doch damit wenig gewonnen. Das Zimmer hatte Bargent ver­mutlich versperrt unb für den Fall eines Besuches würde er sich natürlich entsprechend sichern, sei es durch Bewaffnung ober durch Mitnahme seines Spießgesellen, dieses Monsieur Gregor!

Willy Ruland dachte daran, daß in wenigen Stunden die Verabredung im HotelEsplanade" war und ein ohnmächtiger Ingrimm erfaßte ihn.

Jetzt, im nüchternen Licht des Morgens, erschien es ihm unbegreiflich, daß er diesem verrückten Alten

so leichstinnig ins Garn gelaufen war. Wie hatte er bloß so unvorsichtig fein können, ihm in dieses Haus zu folgen?

Aber er war von diesem Kerl richtig behext ge­wesen... Nein, keine albernen Ausreden! Man hatte sich zweimal kurz hintereinander wie ein rech­ter Tölpel hereinlegen lassen; es wurde wirklich Zeit, daß man sich zusammenriß unb die Scharte auszuwetzen versuchte.

Wenn es wenigstens gelänge, die Hände freizu­bekommen! Er blickte sich aufmerksam im Zimmer um, konnte aber nichts entdecken, was dazu hätte dienen können, die Verschnürung der starken Leder­riemen aufzuscheuern.

Stunde um Stunde verging, ohne daß sich irgend etwas rührte. Das ganze Haus schien ausgeftorben. Kein Geräusch war vernehmbar.

Willy empfand ein Gefühl steigenden Unbeha­gens. Außerdem hatte er Hunger, einen ganz be­trächtlichen Hunger sogar. Eine anständige Mahl­zeit wäre ihm jetzt als äußerst willkommene Ab- wechslung seines im Augenblick reichlich eintönigen Daseins erschienen.

Und es war, als habe das Schicksal seine stumme Bitte vernommen. Irgendwo wurde eine Tür ge­öffnet, dann näherten sich Schritte, ein Schlüssel wurde umgedreht, die Tür zu Willys Gefängnis ging auf und auf ihrer Schwelle stand Listy. In der Hand hatte sie ein vielverheißendes Tragbrett.

Fräulein Listy!"

Sie blickte ihn abwesend an.Sie werden essen wollen!" sagte sie kurz und stellte das Tragbrett auf das Nachttischchen.

Allerdings! Aber wie soll ich esten, wenn ich keine Hand frei habe?"

Die Spur eines Lächelns huschte über Lissys Ge- sicht, es sah aber mehr nach Spott als nach Mit- gefühl aus.

Ich werde Ihnen eingeben."

Sie setzte sich neben ihn auf das Bett und begann die Speisen auf dem Teller zu zerteilen.

Willy, aufs höchste bestürzt über ihre Derände- rung, wollte eine Frage an sie richten; doch er kam nicht dazu, denn an der Tür stand Bargent.

Der Alte trug einen rotbraunen Morgenrock, der um den Leib mit einer Kordel zusammengehalten war. Semen Kops bedeckte eine wollene Mütze, bie Fuße staken in grünen Filzpantoffeln.

"Na, da sind wir ja!'r höhnte Willy.Gut ge- schlafen, verehrter Herr Bargent?"

Gewiß, danke!" gab der Gefragte schmunzelnd zurück.11 nb Ihr wertes Befindend

(Fortsetzung folgte