Nr. 61 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhefsen)
Montag. U. März M8
Gießen grüßt den Führer und die deutschen Brüder in Oesterreich.
Oie Ereignisse in Oesterreich überall Tagesgespräch. — Unvergeßliche Abend-Kundgebung, prächtiger Klaggenschmuck in allen Straßen. —
Die nationalsozialistische Erhebung in Oesterreich hat auch in der Gießener Bevölkerung alle Herzen höher schlagen lassen. Mit freudiger und höchstgespannter Anteilnahme werden seit Samstag früh in allen Familien und Betrieben, auf Straßen und Plätzen, in Gaststätten und allüberall sonst diese großen Ereignisse von weltgeschichtlicher Bedeutung verfolgt.
Im Laufe des Samtstagvormittags wurden immer mehr Häuser unserer Stadt mit den Fahnen des Dritten Reiches geschmückt. Um die Samstagmittagzeit konnte man an sämtlichen Häusern und Wohnungen unserer Volksgenossen die Fahne unseres Führers Adolf Hitler als äußeres Zeichen der freudigen und begeisterten Zustimmung bemerken. In kurzer Zeit trugen unsere Straßenbilder einen Flaggenschmuck, wie wir ihn in diesem weiten Ausmaß nur bei ganz großen Ereignissen unseres nationalsozialistischen Reiches auch in unserer Stadt wahrnehmen konnten. Und seitdem ist unser Gießen geradezu mit einem Fahnenwald geschmückt.
Mit großer Spannung wurde am Samstagmittag in vielen Betriebsappellen, in Gaststätten und in den Wohnungen aller Radiobesitzer die von Reichs- nrirrifter Dr. Goebbels über alle deutschen Sender verkündete Proklamation des Führers angehört. Allenthalben konnte man hören, daß diese Kundgebung in den Herzen aller Volksgenossen stärksten und freudigen Widerhall gefunden hatte.
Nachdem die Nachmittagsstunden des Samstag die Spannung aller Volksgenossen weiter erhöht hatten, brachte uns der Samstagabend den Höhepunkt des Mitschwingens aller Herzen in Gießen: den großen Fackelzug und die Kundgebung auf Oswaldsgarten.
Großer Fackelzug.
Von 19.30 Uhr ab traten in der Ludwigstraße, auf dem LudwigHlatz und in den benachbarten Seitenstraßen die Parteiorganisationen, eine Ehrenkompanie der Wehrmacht und zahlreiche Betriebsgefolgschaften zu einem großen Fackelzug an. Während die Marschkolonnen zum Sammelplatz unterwegs waren, strömten Tausende von anderen Volksgenossen den Marschstraßen zu, andere wieder wanderten zum Oswaldsgarten, um sich dort beizeiten einen guten Platz zu sichern An vielen Häusern konnte man Jlluminationsschmuck sehen. Bald herrschte an den Verkehrs-Hauptpunkten großes Gedränge, in den Marschstraßen waren die Bürgersteige beiderseits der Fahrdämme dicht gesäumt von oer froh bewegten Menschenmenge besetzt.
Den Fackelzug eröffnete als erste Gruppe eine Ehrenkompanie des Infanterie-Regiments 116 mit der Regimentsmusik. Die Kompanie stand unter dem Kommando des Regimentsadjutanten, Hauptmann Dreher; sie marschierte mit Gewehr und aufgepflanztem Seitengewehr. Den Soldaten folgte mit geschultertem blanken Spaten eine Ehrenabordnung der Arbeitsdienstabteilung „Justus von Liebig" 5/222 in Gießen unter Führung des Oberstfeldmeisters Müller.
An der Spitze der zweiten Gruppe marschierte Kreisleiter Backhaus, neben ihm SA.-Brigade- führer Schwarz. Dann folgten mit der Standarte und den Sturmfahnen die Stürme der SA.- Standarte 116, der Marine- und der Reiter-SA., des NSKK., die Politischen Leiter der vier Gießener Ortsgruppen, eine Abteilung der Werkscharen und die HI.
In der dritten Gruppe marschierte das Jungvolk an der Spitze, dann folgte eine Abteilung ff, anschließend die Gefolgschaften zahlreicher Gießener Betriebe.
Der Marsch ging durch zahlreiche Straßen der
Augenblicksbild von der Kundgebung auf Oswaldsgarten. — Kreisleiter Backhausbat seiner Ansprache. — (Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)
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Stadt, in denen überall große Mengen Zuschauer ihre herzliche Sympathie und ihre begeisterte Anteilnahme an den Ereignissen in Oesterreich bekundeten.
Der Marsch endete auf Oswaldsgarten, wo die Marschgruppen zu der
großen Kundgebung
aufmarschierten. Den weiten Platz hatte eine nach Tausenden zählende Menschenmenge dicht umsäumt,
um auch hier Zeuge des großen Geschehens zu fein. Man kann wohl sagen, daß auf Oswaldsgarten noch nie zuvor so viele Menschen versammelt waren, als bei dieser nächtlichen Kundgebung am Samstagabend. Das Offizierkorps der Garnison war mit dem Standortältesten, Generalleutnant O ß w a l d , an der Spitze zugegen.
Nach der Meldung an den Kreisleiter und nach der Eröffnung durch den Kreispropagandaleiter Hey mann sprach
Kreisleiter Backhaus:
Wir erleben heute bei unseren deutschen Brüdern in Oesterreich einen ganz großen Tag. Die Nationalsozialisten haben in unserem Bruderland Oesterreich die Macht in die Hand genommen. Dies hat sowohl in Oesterreich selbst, als auch im Groß-Deut- jchen-Reich einen ungeheuren Jubel und große Begeisterung hervorgerufen.
In Oesterreich lebt eine rein deutsche Bevölkerung, die sich aus rassisch wertvollen Menschen zusammensetzt. Jahrhundertelang hat Oesterreich mit Deutschland zusammen ein Kaiserreich gebildet. Gemeinsames Blut und gemeinsame Kultur haben das ganze Volk damals miteinander verbunden. Erst im Jahre 1806 legte Kaiser Franz II. die Kaiserkrone nieder, und damit fiel das tausendjährige Reich. Es bedeutete eine Tragik des deutschen Volkes, daß dieser Zerfall vor 130 Jahren erfolgte und daß damit eine Trennung des deutschen Volkes hervorgerufen wurde. Aber wenn auch Staatsgrenzen zwischen den beiden Völkern bestanden, so muß doch gesagt werden, daß eine blutmäßige Verbundenheit auch in den letzten 130 Jahren vorhanden gewesen ist. Die Sehnsucht der beiden Völker, und vor allen Dingen auch der besten Männer dieser Völker, ist es immer
gewesen, sich einmal wieder in einem Reich zusammenzufinden.
Das letzte große Erlebnis der beiden Völker war der Weltkrieg, in dem beide Schulter an Schulter gegen eine Welt von Feinden gekämpft haben. Der tragische Ausgang dieses Krieges ließ die beiden Völker wiederum nicht zusammenkommen. Die politische Zerrissenheit und der jüdische Einfluß taten das ihrige, um beide Völker innerlich zu zerstören und ein Sichzusammenfinden unmöglich zu machen.
Deutschland hat die innere und äußere Ohnmacht der Systemzeit 1933 Gott sei Dank überwunden. Es hat zu seiner eigenen Kraft zurückgefunden und ist nun in einem fünfjährigen gigantischen Aufstieg wieder groß und mächtig geworden. Oesterreich dagegen erlebt jetzt in diesen Tagen seine Wiederauferstehung. 6% Millionen Deutsche wurden bis in die jüngste Zeit hinein geknebelt und unterdrückt, sobald sie ihr Deutschtum in irgendeiner Form zum Ausdruck brachten. Sie wurden wirtschaftlich unmöglich gemacht, man warf sie in die Gefängnisse und versuchte so, den nationalsozialistischen Gedanken mit allem Terror niederzuhalten.
Unser Führer Adolf Hitler, dessen Wiege in
Deutschösterreich gestanden und der auch seine Jugend dort verlebt hat, sah in diesen ganzen Jahren nach der Machtübernahme mit blutendem Herzen diesem Treiben zu und versuchte immer wieder, auf diplomatischem Wege eine Besserung der Lage für die deutschfühlende Bevölkerung zu erreichen. Keineswegs hat der Führer daran gedacht, Oesterreich etwa gegen den Willen des Volkes zu annektieren, im Gegenteil, der Führer hat eine friedliche Entwicklung gewollt. Das österreichische Volk sollte aus freien Stücken heraus entscheiden, ob es den Anschluß an Deutschland wünschte oder nicht. Dieser wurde jedoch immer wieder von den österreichischen Machthabern verhindert. Auch das Juliabkommen des Jahres 1936 und das Abkommen im Februar dieses Jahres, bei dem Herr Schuschnigg dem Führer den deutschen Frieden in die Hand versprochen hat, wurde gebrochen und sabotiert. Schuschnigg hat sogar seine engsten Mitarbeiter und Ministerkollegen in engstirniger Verbohrtheit und verlogenem Ehrgeiz hintergangen und betrogen. Die Ansetzung der sogenannten Wahl am nächsten Sonntag war ein einziger Volksbetrug und Schwindel; einzig und allein zu dem Zweck inszeniert, um das österreichische Volk zu betrügen und irgendwelchen internationalen Auftraggebern dienlich zu sein. Die Folgen dieses Verrates führten zu einem großen Chaos in Oesterreich und zu Unruhen mit blutigen Zusammenstößen, so daß Schuschnigg selbst nicht mehr Herr der Lage war.
Um nun einen lang anhaltenden blutigen Bürgerkrieg in Oesterreich zu verhindern, und um nicht Zustände herbeizuführen, wie wir sie in Spanien erleben, hat der nationalsozialistische Innenminister und jetzige Bundeskanzler Seyß-Jnquart den Führer gebeten, deutsche Truppen zu senden, um wieder Ruhe und Ordnung in Oesterreich herzu- stellen und eine ordnungsgemäße Wahl durchzuführen. Wenn diesem Ersuchen vom Führer nunmehr am heutigen Tage stattgegeben worden ist, d. h. wenn jetzt über die Grenze unsere Infanterie marschiert und die Maschinengewehre und Panzerwagen rollen und deutsche Flugzeuge die Grenze überfliegen, dann erklärt das deutsche Volk feier» lichst vor aller Wett, daß das keine illegale, sondern eine legale Handlung ist. Das österreichische Volk und die österreichische Regierung verlangen diesen Einmarsch, weil sie einzig und allein vom Groß- Deutschen-Reich Hilfe erwarten können. Und wenn nun die Ruhe und Ordnung in Oesterreich wiederhergestellt ist, dann mag das österreichische Volk frei entscheiden über sein zukünftiges Schicksal, und Deutschland wird diese Entscheidung respektieren.
Mit Bewunderung denken wir heute an alle die Heldentaten zurück, die deutsche Menschen genau wieder wie einst der große österreichische Freiheitsheld Andreas Hofer begangen hat. Sie haben diesen Kampf nur durchhalten können im Glauben an unseren Führer Adolf Hitler. Sie wußten ganz genau, daß er sie niemals verlassen würde. Sie haben deshalb auch geduldig ausgeharrt, bis die Freiheitsstunde nun endlich geschlagen hat. Wenn auch Juda bis zum letzten Augenblick versucht hat, die Befreiung des österreichischen Volkes zu unterbinden, so können wir nun mit Freude und Genugtuung feststellen, daß das Judentum auch diesen Kampf verloren hat und daß es seine Stellung in Oesterreich nunmehr aufgeben muß.
Meine deutschen Männer und Frauen! Wir leben heute wieder einmal in einer großen geschichtlichen Zeit. Daß wir den Befreiungstag un« serer österreichischen Brüder erleben können, verdanken wir einzig und allein der zielsicheren und klaren innen- und außenpolitischen Führung unseres Führers Adolf Hitler! Wenn wir zu- rückdenken an die Ohnmacht Deutschlands in den Jahren vor der Machtübernahme, dann erscheint es uns fast wie ein Traum, daß nach der Be-_ feitigung des Versailler Diktats und nach der Wiederaufrichtung unserer Wehrmacht Deutschland so groß und mächttg geworden ist, daß es dem Ersuchen der österreichischen Regierung Folge leisten konnte, deutsche Truppen in Oesterreich einmarschie-
Gießener Konzertverein.
IV. Orchesterkonzert.
Die Solistin des Konzerts am Heldengedenk- fonntag, Kammersängerin Käte Heidersbach, Staatsoper Berlin, zeigte in der Art und in der Intensität ihres Gestaltens die Bedingtheit von ihrer Bühnentätigkeit her. Da, wo sich nur eine Situation eröffnet, die ihr szenisch wirksame Kräfte erweckt, da finden sich alle maßgeblichen Komponenten in diesem Brennpunkte zusammen. In dieser Gesamtwirkung fesselt sie den Hörer durch die Geschlossenheit des Eindrucks, begründet in Musikalität und stimmlichem Können.
Ihr Bühnenfach gründet sich auf die Farbe ihres Organs, das durch die Kultur ihres Pianos ganz besonders dem Lyrischen zustrebt, aber im Aufwallen des Temperaments sich zu einem hohen Expansionsgrad zu erheben vermag wie am Schluß der Agathen-Arie. Mit dieser Szene aus Webers „Freischütz" konnte sie alle ihre Vorzüge ins hellste Licht rücken, die Innigkeit, Versunkenheit im Naturerleben und in der Gebetsszene, das Erwachen weiblichen Fühlens in der Steigerung bis zum höchsten Affett der Coda. Mit ganz besonderer Leichtigkeit des Tones gestaltete sie die Rezitation mit einem Reichtum an Nuancierungsmöglichkeiten, der fast in jedem Wort schon die seelische Haltung abprägte. Der Arie gingen vier Lieder von Hugo Wolf voraus, die im Bildhaften bzw. im Szenischen verwurzelt waren und sowohl in der Versunkenheit der Betrachtung wie der nachdenklichen Reflektion („Schlafendes Jususkind", „Auf ein altes Bild") besondere Werte wachwerden ließen Die Schlußwendung des „Heimweh" löste wohl angesichts der letzten politischen Ereignisse stürmischen Jubel aus. Die Hugo-Wolf-Lieder und die Freischütz-Arie wurden in sehr charakteristischer Weise von dem Orchester begleitet, besonders bei Hugo Wolf mit ausgesprochener Farbigkeit.
Das große Städtische Orchester selbst unter Prof. Temesvary hatte sich mit den Mozart-Variationen von Reger und der 1. Symphonie von Brahms hohe, aber durchaus erreichbare und vollendet zu meisternde Aufgaben gestellt, und gerade die Tatsache, daß wir bisher beide Werke in Gießen durch fremde Klangkörper gehört hatten, beweist um so stärker die hohe Stufe, auf der das Orchester zur Zeit steht. Dafür zeugten die Leistungen in allen Gruppen, voran die Holzbläser, Oboe, Klarinette, die Hörner und tue im Brahms sthr sauberen Posaunenklänge. Die vielfache Tei
lung des Streichkörpers bei Reger strebt fast einer solistischen Verantwortlichkeit des einzelnen zu. Um so erfreulicher erscheint der ausgeglichene Klang, der in seiner Farbtönung namentlich bei Reger letztem Ausgleich und klanglicher Schönheit zustrebte. Die überaus feinen dynamischen Differenzierungen waren bei Reger bis zum Aeußersten beachtet und zur Darstellung gebracht, und so wurde das Thematische in den verschiedenen Abwandlungen im klaren Profil erkennbar und dem musikalischen Grundton restlos dienstbar. Hier war es ein Nachspüren des Dirigenten in jeder Entwicklungsphase, ein Eingehen auf jedes einzelne Moment und doch wieder ein Sichfinden in der Gesamtstimmung. Ganz besonders stark in ihrer musikalischen Ausdruckskraft erwuchs die achte Variation mit ihrer seelischen Vertiefung; die Fuge war im einzelnen plasttfch in jeder Linie durchgegliedert und selbst im vollsten Orchesterklang durchsichtig; vielleicht hätte die Entwicklung vor dem marcatissimo=(£infaij der Hörner dieses Eintreten des Themas noch mehr unterstreichen können. Ueberwältigend war der Schluß der Fuge.
Die Brahms-Symphonie hat Professor Temesvary im Vergleich zu der früheren Aufführung dieses Werkes ganz besonders in dem Andante sostenuto vertieft, mit einer starken Füllung der Gefühlswerte. Die Ecksätze baute er im großen Zuge auf. Das sich ballende Drohen der Einleitung, die starke Energiefüllung im Hauptsatz und das feine Eingehen auf die mannigfachen Entwicklungen und Ansätze in der Durchführung. Der Adagio-Einsatz im Finale war ein Akt inneren Schauens, ein Durchleben der sich hervordrängenden Erregungen. Das Piü Andante mit seinen Hörnern und den Posaunen war eine verinnerlichte Szene des Ringens und des Wegfindens. Das Allegro gipfelte im höchsten Ausmaß in der Coda und in der Ueberleitung zu dieser hin.
Zum Schluß nahm der Beifall ein überaus stürmisches Maß an, Dank und Anerkennung kündend.
Dr. Hermann Hering.
Hochschulnachrichten
Geh. Regierungsrat Professor Dr. Eugen F r ö h - n e r, em. Ordinarius für Pathologie, Chirurgie und Pharmakologie an der Tierärztlichen Hochschule Berlin, vollendete dieser Tage das 80. Lebensjahr. Geh. Rat Fröhners Lehrbücher über Pathologie und Therapie der Haustiere und über tierärztliche Arzneimittellehre haben weite Verbreitung gefunden.
Das hat sich gelohnt!
Kleinigkeiten, die Geld einbrachten.
Millionen Menschen leben auf der Welt, die irgend etwas erfunden haben. Sie ließen sich ihre Erfindung vielleicht sogar patentieren, aber der erwartete Erfolg blieb aus. Einige wenige aber, meist arme und unbekannte Menschen, gelangten über Nacht zu Ansehen. Und was hatten sie erfunden? Eine Kleinigkeit, die aber einschlug! So sahen ihre Erfindungen aus:.
War es überhaupt eine Erfindung, eine Blechhülse als Bleistiftverlängerer zu benützen? Und war es weiter eine Erfindung, in das Ende der Hülfe einen Radiergummi zu stecken, so daß Bleistift und Radiergummi vereint find? Viele tausend Mark hat diese Erfindung eingebracht!
Wir sitzen auf geflochtenen Stühlen und hatten es für selbstverständlich, daß es geflochtene Stühle gibt. Ein Amerikaner, Georg P e a t o n hieß er, war als erster auf diesen Gedanken gekommen, Rohrgeflecht für Stuhlfitze zu verwenden. Er gründete eine Gesellschaft und nutzte feine Erfindung mit einem riesigen Gewinn aus. Viel Geld brachte die Erfindung des Pneumatiks dem englischen Arzt D u n l o p ein. Er hatte einen Sohn, dem er einmal ein Fahrrad schenkte. Fahrräder waren damals noch etwas ziemlich neues. Um die Erschütterungen durch das Straßenpflaster für den Fahrer möglichst gering zu machen, verwendete man als Bereifung Vollgummireifen, die ihren Zweck aber nur schlecht und recht erfüllten. Da kam Dun- lop auf den Einfall, einen mit Luft gefüllten Gartenschlauch als Stoßdämpfer zu verwenden. Der Erfolg war verblüffend — der Pneumatik war erfunden!
In Dresden lebte vor Jahren ein Mann, den es ärgerte, daß bei allen möglichen Gebrauchsgegenständen aus Karton sich die Ecken und Kanten rasch abnutzen. Er sann auf Abhilfe, fand sie und wurde ein gemachter Mann. Tausend andere hatten sich über das gleiche geärgert, aber keiner dachte an die Möglichkeit, dem Uebelffanb abzuhelfen. Und doch war es so einfach: man mußte den Karton mit Blech einfaffen. Sehen Sie sich einmal einen Briefordner an: die untere Kante des Ordners ist mit Blech verkleidet, und diese einfache B l e d) e i n f a f« f u n g hat ihrem Erfinder eine stattliche Summe eingebracht!
Jeder Herr verwendet zur Befestigung feines Kragens umklappbare Kragenknöpfe, jede Dame hat Druckknöpfe an ihrem Kleid. Kragenknopf und Druckknopf — zwei alltägliche, selbstoer
ständliche Gebrauchsgegenstände, verhalfen ihren Erfindern zu größtem Wohlstand.
Sollen wir noch mehr Gegenstände anführen, Kleinigkeiten, die wir als selbstverständlich benützen, die aber alle einmal erfunden werden mußten? Sehen Sie sich einmal um: Schreibfeder, Reißnagel, Büroklammern. Einsteckklammern und hunderterlei Dinge mehr, die Sie täglich in die Hand bekommen, machten ihre Erfinder zu gemachten Leuten. Sie glauben, daß wir die meisten Erfindungen nur dem Zufall verdanken? Edison, der Mann mit den meisten Patenten, wurde darüber einmal von einem jungen Mann befragt. Seine Antwort war verblüffend: „Zu jeder rechten Erfindung gehören vielleicht 2 v. H. Zufall, sicher aber 98 v. H. eingehenden Nachdenkens." Wer warten will, bis ihm der Zufall eine Erfindung in den Schoß legt, wird alt und grau werden — ohne Erfindung.
Jede Erfindung geht auf einen Einfall zurück. Ob sich der Einfall in die Wirklichkeit umsetzen und verwerten läßt, ist eine andere Frage. Viele Jahre des Studierens und Probierens find oft nötig, bis ber Einfall praktisch herstellbar gestaltet ist. Damit eine Erfindung aber auch verwertbar ist, damit sie aber auch von vielen Menschen gekauft wird, muß sie irgendein Bedürfnis befriedigen oder wecken. Damit find wir beim Wesen aller erfolgreichen Erfindungen. Die drahtlose Telephonie roar schon einige Jahre vor dem Aufkommen des Rundfunks da, aber niemand dachte nun daran, mit ihrer Hilfe drahtlose Nachrichten und Musik in jedes Haus zu bringen. Da fand in Amerika ein Boxkampf statt, auf dessen Ausgang man mit ungeheurer Spannung wartete. Ein findiger Geschäftsmann kam auf den Gedanken, den Verlauf und das Ergebnis des Kampfes drahtlos zu verbreiten. Jeder, der sich einen kleinen, billigen Empfänger kaufte, konnte zu Hause den ganzen Verlauf des Kampfes mitverfolgen. Ein Bedürfnis wurde so befriedigt, das Bedürfnis, auch weiterhin zu Haufe wichtige Ereignisse miterleben zu können, war geweckt: der Rundfunk wurde geboren, neue Industriezweige entstanden. Die Erfindung eines Kuhschwanzhatters, einer Schrittkontrollvorrichtung mit Hupe, die beim Aufsetzen des Fußes jedesmal ertönt, ober die Erfindung eines Zigarettenanzünders, ber mit Hilfe von Sonnenstrahlen arbeitet (diese drei finb tat- sächlich erfunden und patentiert worden), werden ihren Erfindern niemals Erfolg verschaffen, weil sie weder ein Bedürfnis befriedigen, noch jemals eines wecken werden. Wer erfolgreich erfinden will, chuß mit offenen Augen durch die Welt gehen und sich bei allen (ErJdjeinungen, die ihm entgegentreten, fragen: „Was könnte man hier noch besser machen?"
Walter Widmann.


