Ausgabe 
13.7.1938
 
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Das Fest der Turner.

Die schlesische Hauptstadt ist schon jetzt in Festes- stimmung. Sie zählt eine halbe Million Einwohner, dann aber kommen am 23. und 24. Juli über 200 000 deutsche Turner, davon über 40 000 aus dem Aus­lande. Bei der Eröfnungsfeier des Deutschen Turn- und Sportfestes wird der Reichssportfuhrer 6000 Fahnen des Reichsbundes für deutsche Leibesubun­gen weihen. An den eigentlichen Wettkämpfen wer­den 35 000 Männern und Frauen beteiligt sein. Auch der Nachwuchs tritt in imposanter Zahl an, allein 5500 Jugendliche werden sich in den volkstümlichen Leibesübungen zeigen. Gewaltig sind die Vorbe­reitungen für Unterbringung und Verpflegung. Hunderttausende werden als Zuschauer aus der Pro­vinz Schlesien und aus dem ganzen Reich zur Stelle sein. Es ist eine frohe Spannung und eine gehobene Stimmung schon jetzt in der ehrwürdigen Stadt an der Oder eingekehrt, die zu den schönsten Hoffnungen berechtigt. Die großen Arbeiten zum Ausbau des Hermann-Göring-Stadions sind so gut wie beendet; wo es noch nötig ist, greift der hilfs­bereite Reichsarbeitsdienst ein, die Ausschmückung der Stadt wird alles Bisherige solcher Feste über­treffen. .

Im Vorjahre hatte Breslau den Vorzug, das Deutsche Sängerfest zu begrüßen. In aller Erinnerung sind diese unvergeßlichen Tage, beson­ders der Abschluß, als der Führer von seinem Volke umjubelt wurde. Es waren ergreifende Sze­nen, als damals die österreichischen Sänger die Ab­sperrung durchbrachen, zu seinem Platze stürmten und ihm immer und immer wieder in einer Weise zujubelten, daß den Zuschauern die Tranen tn die Augen traten. Diesmal aber wird in Breslau das erste großdeutsche Turnfest gefeiert, es werden also historische Tage in der stolzen Reihe der Deutschen Turnfeste sein. Für Breslau ist es ein Vorzug, die organisatorischen Erfahrungen der großen Tage des Vorjahres anwenden zu können und einen Verlauf zu gewährleisten, der alle Be­sucher mit Freude und stolzen Erinnerungen er­füllen wird.

Nicht Breslau allein schmückt sich, die ganze große Provinz Schlesien hat sich in Öen Glanz des Sommers gehüllt, um die deutschen Brüder aus aller Welt festlich zu empfangen. Die Städte und Dör­fer, in das Grün der Wiesen gebettet, vom Segen der Kornfelder durchzogen, von den Gipfeln der Sudetenberge überragt, präsentiert sich das Land als das Bollwerk des Reiches im Osten. Seine Ver­gangenheit ist ein Teil der Geschichte aller deutschen Stämme, denn vor fast 1000 Jahren sind Siedler aus dem ganzen damaligen deutschen Sprachgebiet nach Ostland gefahren, um sich hier line neue Hei­mat zu suchen. So ist Schlesien in seinen vielge­rühmten Besonderheiten und Eigenschaften der 3n=. nigfeit, der Gemütlichkeit und der Treue die Ver­körperung der besten Kräfte des gesamten deutschen Volkstums: ob Oberdeutsche oder Niederdeutsche, alle haben dazu ihren Anteil gegeben.

Schlesien ist aber nicht nur das Land der Sänget und Dichter, sondern auch das Land der Bauern, der Soldaten und der emsigen Schaffenskraft. Sol­daten und Bürger sind hier in Breslau vor 125 Jahren zum Freiheitskampf aufgestanden, Bauern und Leineweber stritten in Blüchers Landwehr von der Katzbach bis Leipzig und Paris, Turner und Freiwillige ordneten sich im Sinne Jahns, Theo­dor Körners und Ludwig Friesens in das Heer der deutschen Sache. Schwer hat der Weltkrieg dieses Land getroffen, dem derFriede" nach allen Ver­lusten noch einen Teil seines Hinterlandes nahm, der an seine Grenze statt des verbündeten Oester­reich-Ungarn den verblendeten und chauvinistischen Sammelstaat der Tschechen mit neuen politischen und wirtschaftlichen Aspirationen setzte. Trotzdem ist der Schlesier stolz darauf, daß jenseits der hohen Berge, die das Land im Westen begrenzen, eben­falls deutsche Menschen wohnen und daß der Füh- rer der Sudetendeutschen, Konrad Henlein, ans der

Die mecklenburgische Heimat des GrasenZeppelin

Unweit von Bützow, nahe der Bahnstrecke Ham- burg^Rostock, liegt das Dorf Zepelin, in dessen §e sich das erste Denkmal befindet, das deutsche Männer im Jahre 1910 dem Grafen Ferdinand von Zeppelin setzten, dem Erfinder unserer lenk­baren Luftschiffe. Mitten im Walde erhebt sich der 3 Meter große Findling aus einem steinernen Sockel, der auf der Vorderseite eine Bronzeplatte mit Inschrift trägt, auf der Rückseite das Wappen der gräflichen Familie. Um das Denkmal hermm gruppieren sich 24 Steinblöcke als Zeichen der Be­sitzer der 24 umliegenden Gehöfte; jeder von u)nen förderte einen Stein herbei, ein Beweis dörflicher Gemeinschaft, wie wir sie erst heute im Zeichen des Nationalsozialismus wieder erleben. Die Bronze- platte trägt folgende Inschrift:

Dem Grafen Ferdinand von Zepelin an der Ursprungstätte seines Geschlechts 1286 1910

Es ist kein Schreibfehler, wenn hier der Name des alten Vorkämpfers um die Beherrschung der Lust mit einem P geschrieben wird, denn ur­sprünglich schreiben sich die Vorfahren des Grafen Ferdinand von Zeppelin mit einem p; erst der Großvater, der in württernbergische Dienste trat, nahm die weichere süddeutsche Schreibweise an, wie sie _ mit dem Namen seines Enkels verbunden für alle Zeiten in die Geschichte eingegangen ist. . Dieses kleine mecklenburgische Dörfchen dürfen wir in diesen Wochen getrost in Verbindung mit dem Gedenken bringen, das wir dem genialen Schwaben" entgegenbringen; denn hier liegt die Quelle seines Blutes, dessen Strom wir bis 1246 verfolgen können. In jenem Jahre taucht der Name des Dorfes Zepelin erstmalig in Urkunden cmf. Es ist interessant, daß man ihn von dem slawischen Czapla" herleitet, was so viel wie Reiher oder Storch bedeutet eine Tatsache wiederum, die man auf die vielen Brutplätze des braven Adebars zurückführt, welche man heute noch in der Gegend um das Dorf Zepelin herum findet.

Es ist ein alter Fliegerschnack, daß, wenn jemand vonfahren" oderFahrgast" der Lufthansa redet, dieser die Antwort erhält:Der Storch fährt auch nicht!" Wodurch man zum Ausdruck bringen will, daß die Bezeichnungfahren" verpönt, sobald das Beförderungsmittel schwerer als die Lust ist, so daß man bei derKiste" vonfliegen" redet, nur beim Luftschiff, das leichter ist als der tragende Sauer­stoff, vonfahren". Der Erfinder dieses geflügelten Wortes hat jedenfalls nicht den Ursprung der

Namen Zepelin und Zeppelin gewußt, sonst hätte er zwangsläufig einen anderen Vergleich wählen müßen. ~

Zurück zur Herkunft des Grafen Ferdinand! Der erste uns namentlich bekannte Urahn ist Heinrich von Zepelin im Dienste des Fürsten von Werle-Güstrow. Von hier läßt sich der männliche Stamm verfolgen und führt über die Ritter Dicke und Claus von Zepelin, die 1420 von Stralsund in Haft genommen werden, da man sie als Mörder eines schwedischen Marschalls verdächtigt, bis in das Mittelalter hinein. Zu gleicher Zeit teilt sich die Familie in drei Aeste, die nach Wulffshagen- Guthendorf, Zernekow (Pommern) und Thürkvw- Appelshagen führen. Diese Linie allein ist weiter zu verfolgen, denn die Dammern erloschen im 17. Jahrhundert, die Wulffshagen-Guthendorfer gingen später in Konkurs. Auch den Appelshagen-Thür- kowern ging es finanziell nicht zum Besten; so muhten viele von ihnen in fremde Dienste treten, um das Waffenhandwerk auszuüben. -

Einer von ihnen war Ferdinand Ludwig von Zepelin, der 1772 in Güstrow geboren war und als 16jähriger Jünglina Fähnrich in der Armee des Herzogs von Württemberg wurde. Er kämpfte bald gegen die Türken, später gegen Napoleon; 1800 wird er Rittmeister; 1805 muß er bei Marengo schwer verwundet seinen Abschied nehmen. Der Herzog aber übernimmt den fähigen Junker als Reisemarschall in seinen Dienst und schickt ihn 1807 nach Paris, als seinen Gesandten am Hofe des Kaisers der Franzosen. 1802 hatte jener Pauline Freiin von Maucler geheiratet, 1806 war er in den erblichen Grafenstand erhoben wor­den, als sein fürstlicher Herr König geworden war. Inzwischen hatte dieser Graf, der Großvater des berühmten Erfinders, die Schreibweise mit zwei pp angenommen. Wir brauchen uns jedoch nicht weiter mit ihm zu beschäftigen und wollen nur abschließend erwähnen, daß - Ferdinand Ludwig im Jahre 1812 Minister am Stuttgarter Hof wurde, und zwar als Nachfolger seines verstorbenen Bruders Karl, der gleichfalls württembergische Dienste genommen hatte. Der Ehe Ferdinand Ludwigs und der Freiin von Maucler entsproß Graf Friedrich, der Vater des Grafen Ferdinand. Er, der in völlig gesicherten Verhältnissen aufwuchs, heiratete in frühen Jahren die Tochter eines Schweizer Emigranten AmÄie Macaire d'Hogguer. Jacob Macaire, ihr Groß­vater, war einst um des Glaubens willen aus Genf gewandert und hatte sich in Konstanz am Boden­see niedergelassen. Hier wurde am 8. Juli 1838 Ferdinand von Zeppelin geboren!

Turn- und Sportbewegung hervorgegangen ist.

Das Deutsche Turn- und Sportfest wird wieder ein leuchtendes Beispiel von der Mannigfaltigkeit der Kraft unseres Volkes und unserer Kultur bieten. Ein Festspiel, ähnlich desjenigen zur 700-Jahrfeier Berlins, wird vor Augen führen, was im Verlauf einer tausendjährigen Geschichte das Land an der Oder und mit ihm seine standhafte Hauptstadt für deutsches Wesen bedeuteten. Das berühmte alte Stadtbild Breslaus mit feinem stolzen Rathaus ist dafür der Zeuge aus Stein und Geist. Von hier aus hat deutsche Kultur, aus dem Westen kommend, ihren Weg zu den Völkern des Ostens getragen, hat Städte gegründet und Dome gebaut, die noch heute von einer großen Leistung des Deutschtums aus der Vergangenheit Zeugnis ablegen. Auf dem Platz vor dem Schloß, in dem einst der große König residierte, als er seinen Titanenkampf um Schlesien führte, wird die gewaltige Schlußkundgebung des diesjäh­rigen Turnfestes stattfinden.

Berge und Täler rufen, Fahnen werden wehen und Glocken läuten, Herzlichkeit und Freude wer­den die Hunderte der Sonderzüge begrüßen, die aus dem ganzen Reich nach Breslau eilen:Schlesien

grüßt das Reich" und das Echo wird lautenDas Reich grüßt Schlesien!" B. R.

Förderung des Oelsaatenanbaues wird fortgesetzt.

Berlin, 12. Juli. (DNB.) Die Reichsregierung wird die erforderlichen Mittel bereitstellen, um a u ch im Erntejahr 1 9 3 9 die planmäßige Förde­rung des deutschen Oelsaatenanbaues im bishe­rigen Rahmen fortzusetzen. Den Anbauern von Oelsaaten werden von den Oelmühlen, die hierzu durch die Gewährung einer Ausgleichsoergütung in die Lage versetzt werden, wie bisher ange­messene Preise gezahlt werden. Darüber hin­aus werden auch im nächsten Jahr die Anbauer von Oelsaaten wieder die Möglichkeit haben, die bei der Verarbeitung dieser Saaten anfallenden Oel- kuchen zurückzu kaufen. Auch werden die An­bauer von Lein-, Raps-, Rübsen- und Mohnsaat, die diese Saaten im Lohnvertrag schlagen lassen, im Erntejahr 1939 die gleichen Vergünstig gungen wie im laufenden Jahr ethalten. Damit

ist die Preisentwicklung für Oelsaaten aus der Ernte 1939 sichergestellt worden.

DieSchweinefleischversorgung.

Das Ergebnis der Schweinezählung

vom 3. Juli 1938.

Berlin, 12. Juli. (DNB.) Nach Mitteilung des Statistischen Reichsamtes hatte die Sch weine- zählung vom 3. Juni 1938, in der die Be- stände im Saarland, aber noch nicht die in Deutsch­österreich enthalten sind, folgendes Ergebnis:

Altersklassen: Gesamtbestand darunter: Schlachtschweine (über 7i Jahr alt) Jungschweine (8 Wochen bis noch nicht 7i Jahr alt) Ferkel (unter 8 Wochen) trächtige Sauen davon Jungsauen

3. 6. 38

3. 6. 37

Mill. Stück

Mill. Stück

20,80

22,70

4,64

4,60

9,48

10,93

4,71

5,11

1,20

1,18

0,37

0,28

Bei den Schweinezählungen im Dezember 1937 und März 1938 war bereits, eine- Erhöhung der Nachzucht zu erkennen. Der Bestand an trächtigen Sauen lag bei der Märzzählung noch etwas unter der Zahl, die für die Schweinefleischversorgung er­forderlich ist. Die Junizählung ergibt, daß die Nachzucht weiterhin gefördert worden ist. Der Minderbestand gegenüber dem Vorjahr, der im März bei den Ferkeln noch 20 v. H. und bei den trächtigen Sauen 7,8 v. H. betrug, hat sich im Juni bei den Ferkeln auf 7,8 v. H. verringert und bei den trächtigen Sauen sogar in einem Mehrbestand von 1,7 v. H. verwan­delt. Der jetzige Umfang der Schweinehaltung ent­spricht noch nicht ganz dem für die Schweinefleisch­versorgung nötigen Bestand; es ist schon jetzt darauf zu achten, daß die Z a h l d e r Z u ch t s a u e n unter Berücksichtigung ihrer Nachzucht den gegebenen wirtschaftseigenen Futter verhältnif- f e n des Einzelbetriebes angepaßt fein muß. Zur Deckung des Bedarfs an Schweinefleisch ist die Ausmästung der zur Zeit auf Mast stehenden Schweine auf einmöglich st hohes Gewicht nach wie vor nötig.

Strafenanpaffungsverordnung für das Land Oesterreich.

Berlin, 12.3u(i. (DNB.) Im Reichsgesetzblatt ist eine Verordnung Strafanpassungsverordnung erschienen. Da von einer Einführung des noch gel­tenden reichsdeutschen Straf- und Strafverfahrens­rechts im Lande Oesterreich abgesehen und die Durch­führung der Rechtsvereinheitlichung auf dem Ge­biete des Strafrechts den vor dem Abschluß stehen­den Gesetzen des neuen Deutschlands vorbehalten bleiben, die die Erneuerung des gesamten Straf-, Strafverfahrens- und Strafoollzugsrechts bringen werden, beschränkt sich die Verordnung darauf, die Anwendung der im Lande Oesterreich eingeführten, in Gesetzen oder Verordnungen außerhalb des Reichsstrafgesetzbuchs (z. B. im Blutschutz­gesetz) enthaltenen reichsrechtlichen Strafvorschriften sicherzustellen. Da das österreichische Strafrecht die Freiheitsstrafarten des deutschen Reichs­strafgesetzbuches (Zuchthaus, Gefängnis, Haft, Fe­stungshaft) nicht kennt, mußten Bestimmungen dar­über getroffen werden, welche österreichischen Straf­arten den Strafen des deutschen Strafgesetzbuches entsprechen.

Unsere Aufgabe: Menst am Leben k Mene mit, werbe Mitglieb bet NSV.

Myron und sein Diskuswerfer.

Die Erwerbung des Myronschen Diskuswerfers durch das Deutsche Reich und seine Einverleibung in die Münchner Glyptothek ist ein Ereignis, das ganz Deutschland mit freudigem und dankbarem Stolz zur Kenntnis nimmt. Von den acht Marmor­kopien, die es von dem berühmten Myronschen Kunstwerk gibt, ist diese, nunmehr uns gehörige, die beste und vollständigste. Sie wurde erst im Jahre 1781 auf dem Esquilin wieder aufgefunden und fand zunächst ihren Platz im Palazzo Massimi. Ihr letzter Besitzer, der Fürst Lancellotti, hütete sie so eifersüchtig, daß lange Jahre hindurch nicht ein­mal eine gute Abbildung von ihr zu yaben war.

Von den Werken Myrons ist kein einziges im Original auf die Nachwelt gekommen. Bruchstück­weise müssen wir uns das Lebenswerk des großen Mannes zusammensuchen, aus den Schilderungen antiker Schriftsteller, aus Nachbildungen, aus Dar­stellungen auf Vasen oder Münzen. Entsprechend wenig wissen wir von der Person Myrons. Es ist uns nur bekannt, daß er aus Böotien stammte, aber meistens in Athen lebte, als Zeitgenosse des Phidias und des Polyklet und wie diese beiden ein Schüler des Ageladas war. Er arbeitete hauptsäch­lich in Bronze, sein Stil ist ungelöster und archa­ischer als der des Phidias, besonders was die Be­handlung des Antlitzes und des Haupthaares be­trifft. Die besten Anregungen zu feinen Athleten­statuen mag er bei den 80. Olympischen Spielen, 456 o. Ehr., erhalten haben. Aber obwohl er ein berühmter Meister seiner Zeit und Haupt einer Schule war, trug ihm der Ruhm keine irdischen Glücksgüter ein. Er starb so arm, daß niemand sein Erbe sein wollte.

Fast mehr als mit seinen Statuen von Gottern, Heroen und Achteten haben Zeitgenossen und Nach­welt sich mit Myrons Tierplastiken beschäftigt. Seine bronzene Kuh, die noch zu Ciceros Zeiten auf dem Pnyx bei Athen stand, später in den Tempel des Friedens zu Rom übergeführt wurde, wo Procopius sie im 7. Jahrhundert n. Chr. fcch, hat nicht weniger als 36 Epigramme antiker Schrift­steller hervorgerufen, und noch Goethe widmet ihr einen längeren Aufsatz, in dem er sich grundsätzlich mit dem Begriff des Natürlichen in der Kunst aus­einandersetzt. Die antiken Epigramme wetteifern darin, dieNatürlichkeit" der Myronschen Kuh zu preisen, wie Goethe es in seinem Aufsatz zusammen­faßt:Ein Löwe will die Kuh zerreißen, ein Stier sie bespringen, ein Kalb an ihr saugen, die übrige Herde schließt sich an sie an; der Hirte wirft einen Stein nach ihr, um sie von der Stelle zu bewegen, er dutet sie an; der Ackersmann bringt Kummet und Pflug, sie einzuspannen, ein Dieb will sie stehlen, eine Bremse setzt sich auf ihr Fell, ja Myron selbst verwechselt sie mit den übrigen Kühen seiner Herde." Demgegenüber betont Goethe, daß Myron nichtdas sogenannte Natürliche zu ge­

meiner Täuschung gesucht haben könne", sondern ben Sinn der Natur aufzufassen und auszu­drücken". Leider können wir uns feinen Begriff machen, wie die Kuh wirklich ausgesehen hat, da wir keine Nachbildung und auch keine deutliche Schilderung von ihr besitzen.

Die Statuen des Myron hattenihre Schicksale". In Ephesos stand ein Apollo von feiner Hand, den Marc Anton nach Rom brachte. Augustus aber gab ihn Ephesos zurück, wie es heißt der Warnung eines Traumes folgend. Ein anderer Apollo stand in einem Tempel in Agrigent, wohin ihn Scipio gebracht hatte. Von dort wurde er, wie Cicero behauptet, von dem sizilischen Statthalter Gajus Derres geraubt. Mehrere Heraklesstatuen waren von ihrer griechischen Heimat nach Sizilien und Rom gewandert. Die Kolossalgruppe des Zeus, der Pallas Athene und des Herakles, die Myron für den Heratempel in Samos geschaffen hatte, über­führte Marc Anton nach Rom. Doch Augustus loste die Gruppe auf, baute für den Zeus einen Tempel auf dem Kapitol und gab die beiden anderen Ge­stalten Samos zurück.

Eine der berühmtesten Gruppen war die der Pallas Athene und des Marsyas, die Plinius als Werk Myrons beschreibt, und von der wir Dar­stellungen auf einer griechischen Münze, einer Vase und einem Relief kennen. Außerdem sind zwei Kopien der Marsyasfigur erhalten, eine aus Mar­mor in Lebensgroße befindet sich im Lateran, die andere, nur etwa 60 Zentimeter groß und aus Bronze, ist im Besitz des Britischen Museums. Nach der griechischen Sage hatte Athene die Flöte er­funden. Während sie aber darauf blies, bemerkte sie, daß es ihre Züge entstellte, und zornig warf sie das Instrument von sich. Der Sathr Marsyas hob es auf und hoffte, durch die Töne, die er ihm entlockte, sogar Apollo mit seiner Leier zu über­treffen. Nach den Schilderungen der antiken Schrift­steller und nach dem Vasenbild muß die Gruppe des Myron die Göttin in einer zornigen Gebärde gezeigt haben, wie sie den Marsyas von dem Auf­heben der Flöte zurückschreckte. Die Marsyasfigur des Lateran wurde in Rom in den Ruinen einer antiken Werkstatt zusammen mit zahlreichen ande­ren Fragmenten und Werkzeugen gefunden. Miß- oerständllcherweise wurde die Gebärde des Marsvas zunächst als eine tänzerische ausgefaßt und in diesem Sinne restauriert.

Kein Werk bringt uns aber den Geist des griechischen Meisters so nah wie der Diskvbolos und von diesen wieder am meisten die jetzt für München erworbene Kopie. Die Verschmelzung von athletischer Kraft und harmonischer Schönheit ist m diesem Werke von höchster Vollkommenheit. Der jünglingshafte Athlet ist dargestellt in dem Augen­blick, bevor er den Diskus fortschleudert. Die Span­nung des unmittelbar bevorstehenden Wurfs durch- flutet rhythmisch den ganzen Körper, von dem fest aus dem Boden verankerten rechten Bein an, dessen l Zehen sich sogar noch fester an den Grund zu

klammern scheinen, während das linke, stärker ab» gebogene Bein frei spielt, durch den gebeugten und leicht gedrehten, wie ein Bogen gespannten Ober­körper, den frei pendelnden linken Arm, bis zu der emporgeschwungenen Rechten, die den Diskus um­klammert und dem nach der Scheibe zurückgewen­deten Haupt. Der Meister hat es verschmäht, seiner Gestalt eine individuelle Beseelung zu geben wie die Späteren es liebten. Sein Diskobolos ist der Typus des jugendlich - olympischen Wettkämpfers, schön einzig durch die Harmonie der Form, über- persönlich in seiner strengen Sachlichkeit, und grabe dadurch der vollkommenste Ausdruck eines Volkes und eines Zeitalters, das in dem sinnvoll beherrsch­ten menschlichen Leib das höchste Ideal der Schön­heit sah. C. K.

Beit Stoß.

Ein deutscher Meister der Spätgotik.

Sein Ruhm erfülle schier die ganze Christenheit, heißt es in der Urkunde des Krakauer Stadt­schreibers von Veit Stoß, als dieser 1489 den großen Marienaltar vollendet hatte. Wir wissen wenig von seinem Jugendleben.Almanus de Norinderga" wird er in der Urkunde genannt, ein Deutscher aus Nürnberg. Er stammt wahrscheinlich aus Dinkels­bühl. Selbst sein Geburtsjahr ist ungewiß; die An­gabe 1438 ist nicht urkund lick verbürgt, und wenn man jetzt dieses berühmten fränkischen Bildhauers, Malers und Kupferstechers der Dürerzeit gedenkt wie etwa Breslau, wo in diesen Tagen eine Veit-Stoß-Ausstellung eröffnet wird, so geschieht das nicht aus Anlaß einer 500-Jahr- feier, sondern um das Wirken eines der größten deut­schen Künstler des ausgehenden Mittelalters in die Erinnerung zurückzurufen.

Seine hervorragendste Schöpfung, der große Marienaltar, steht außerhalb der Reichs­grenzen, in einer gotischen Kirche Krakaus. Die­ser Auftrag für den jungen Nürnberger Meister ist keine Zufallserscheinung; er ist nur ein weiterer Beweis für den großen kulturellen Wirkungsbereich der alten Freien Reichsstadt. Krakau war damals der wichtigste Umschlagsplatz für den Handelsver­kehr mit dem Osten. Aber die Wagenkarawanen der reichen fränkischen Kaufherrn waren zugleich Wegbereiter für die deutschen Künstler und Ge­lehrten. Die zahlreiche deutsche Gemeinde war be­stimmend für das Leben der polnischen Königsstadt. Nach dem Muster des Magdeburger Stadtrechts wurde sie verwaltet; in ihren Kirchen finden mir Altäre, Grabdenkmäler und Gemälde von Peter Vischer, Veit Stoß, dem Dürer-Schüler Hans Süß von Kulmbach und manchen anderen.

In zwölfjähriger Arbeit schuf Veit Stoß, von seinem Bruder Matthias und einer Reihe schlesischer Kunsthandwerker, Maler und Goldschläger unter­stützt, den wundervollen Marienaltar, Schon die

Form, die Veit Stoß als Rahmen für seine wunder­vollen Holzplastiken wählte, zeigt die deutsche Her­kunft dieser Schöpfung, selbst wenn der Meister unbekannt geblieben wäre. Es i ft einer jener Flügelaltäre, deren bemalte und vergoldete Holz­bildnerei sich zwischen auseinanderzuklappenden, schmalen Flügeln befindet, die Darstellungen aus der biblischen Geschichte zeigen. Hier bildet das Leben der Gottesmutter das Thema. Im mittleren Schrein steht die überlebensgroße Gruppe vom Tod der Maria. Sie stirbt knieend, im Kreis der Apostel; ihr Angesicht trägt die heitere, kindlich-zarte Er­gebenheit, die man immer wieder an den Frauen- geftalten von Veit Stoß bewundert. Es ist das Meisterwerkeines der letzten, völlig unangetasteten Deutschen spütgottscher Art", von den in leiden­schaftlicher Bewegung erstarrten Figuren bis zu der edlen Schönheit der fchmalen Hände und dem schweren, unruhigen Faltenwurf der Gewänder.

Schon vor der endgültigen Fertigstellung hat die Krakauer Bürgerschaft dem deutschen Meister den Ehrenbürgerbrief ausgestellt,um seiner Tugend und Kunst willen, die er in der großen Tafel zu Unserer Lieben Frau bewiesen hat und in der Voll­endung derselben noch erzeigen wird". In den sieben Jahren, die Veit Stoß noch in Polen ver­blieb, meißelte er den roten Marmorsarkophag des Königs Kasimir für die Kathedrale in Krakau.

Unter der großen Zahl von Kunstwerken, die Veit Stoß nach der Rückkehr in - feine Heimatstadt Nürnberg geschaffen hat, ist vor allem der wundervolle Leuchter, der vom Chorder Nürn­berger St. Lorenzkirche herabhängt, zu nennen, der sogenannteEnglische G r u h", Maria und den kündenden Erzengel Gabriel in einem mit sieben Medaillons geschmückten Kranze darstellend.

Ein tragisches Schicksal traf den Künstler, der reich und berühmt 1496 in seine Vaterstadt zurück- gekehrt war. Durch den betrügerischen Bankrott eines Schuldners verlor er sein ganzes Vermögen. Da die Obrigkeit ihm nicht zu seinem Hecht ver­half, wurde er, wie Michael Kohlhaas, ein Rechts­brecher aus Rechtsgefühl. Er fälschte einen Schuld­schein. Der Betrug wurde entdeckt, und nur die Verwendung mächtiger Freunde rettete ihn vor der Todesstrafe, die das Gesetz verlangte. Aber er wurde gebrandmarkt wie ein gemeiner Verbrecher; durch beide Wangen stieß ihm auf öffentlichem Platz der Henker ein glühendes Eisen. Auch nach dem Gnadenbrief des Kaisers Maximilian, der dem Künstler die Ehre wiedergab und die Freiheit, den Ring der Staat zu verlassen, lasteten die Schatten dieses Zusammenbruchs noch schwer aus Veit Stoß.

Bewundernswert ist die Kraft, mit der er sich wieder emporgearbeitet hat. Er war ein Greis, der sich den Achtzig näherte, als er die schönen Holz­schnitzereien für den Hochaltar der Kirche Unserer Lieben Frauen zu Bamberg schuf. Auf dem Nürnberger Johannisfriedhof hat er feine letzte Ruhestätte gefunden. Walther Schwerdtfeger.