Ausgabe 
13.6.1938
 
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Nr. 135 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Montag, 13. Zuni 1938

Grundsteinlegung zum HI.-Heim in Gießen

Eine eindrucksvolle Feierstunde.

KutterGießen" zu Waffer gebracht

Links: Kreisleiter Backhaus bei der Grundsteinlegung. Rechts: Beigeordneter Vogt tauft den neuen Kutter. (Aufn. [2J: Neuner. Gieß. Anz.)

Am Vorabend des Bannsportfestes konnte die Gießener Marine-HI. eine besondere Feier begehen. Der lang gewünschte Kutter, der vor einiger Zeit von der MHI. eingeholt worden war, konnte in feierlicher Weihe getauft und dann zu Wasser gebracht werden. Zahlreiche Gäste aus dem Kreise der Partei, ihrer Gliederungen, der Wehr­macht und der Marine-Kameradschaft nahmen an

Nebenräumen enthalten, aber auch einen Feier- raum, der gehalten ist, den Feiern, zu deren Aus­gestaltung die Jugend neue Wege zu gehen beginnt, einen würdigen und bewußt feierlichen Rahmen zu geben.

Prof. Dr. Hamm erinnerte die Jugend an ihre große Verantwortung bei der Durchführung ihrer Erziehungsaufgabe und gab dem Wunsche Ausdruck, daß der Jugend Frohsinn nicht im Gleise sinn­licher Lustigkeit im besten Sinne des Wortes bei ihrer Arbeit zur Seite stehen möge.

Gebietsführer Brandt

erklärte, daß die Gießener HI. jetzt eine große Stunde erlebe. In dieser Stunde trete das Gefühl der Dankbarkeit und der Verbundenheit unserer Jugend mit der Generation der Eltern, mit der Partei, mit dem Staat in den Vordergrund. Die Jugend in Gießen habe besonders dankbar zu sein dafür, daß sie arbeiten dürfe unter der Führung der Partei, unter einem Kreisleiter wie Kreisleiter Backhaus und seinen Mitarbeitern, die der Jugend immer helfen und zu ihr stehen, daß sie mit einer Stadtverwaltung Zusammenarbeiten dürfe, deren Geist und Einstellung zur HI. hier wieder das beste Beispiel gebe.

Der Gebietsführer betonte dann unter Hinweis auf das Preisausschreiben der Stadt, wieviel Mühe sich die Stadtverwaltung gemacht habe, um wirklich das Bestmögliche erstehen zu lassen. Für diese Mühe­waltung danke er der Stadt Gießen hier nochmals.

Sodann erinnerte der Gebietsführer daran, un­ter welch ärmlichen Verhältnissen hinsichtlich der Räume und mit welch geringen Geldmitteln hie HI. bisher ihren Dienst zu leisten hatte. Heute könne die HI. nur sagen: Wir sind die Jugend mit der größten Verantwortung und wir sind stolz darauf, daß wir bisher mit wenig Geld und mit wenigen und kleinen Räumen unsere Arbeit ge­leistet haben.

Die Gedanken der HI. seien in dieser Stunde auf das Ziel der Arbeit in diesem Heime gerichtet: auf die Arbeit für Deutschland und für unseren Führer Adolf Hitler. Die Jungen und die Mädel, die sich in diesen Räumen zusammenfinden werden, sollen zu freien, aufrechten und stolzen deutschen Menschen werden. So wie Ihr, soll an j) dieses Haus nur dienen unserem Führer Adolf Hitler!

Oer Wortlaut der Grundstein-Urkunde

Bürgermeister Professor Dr. Hamm verlas hier­auf den nachstehenden 'Wortlaut der Grundstein- Urkunde:

Auf der sog. Schönen Aussicht am Wartweg, neben dem jetzigen Hause der Bannführung 116, fand am gestrigen Sonntagmittag die feierliche Grundsteinlegung zum HI.-Heim in Gießen statt. Zu der Feier waren neben der HI. und dem BDM. noch Ehrenabteilungen der Wehr­macht, der ff, des NSFK. und des Reichsarbeits­dienstes aufmarschiert, ferner waren Kreisleiter Backhaus, Gebietsführer Brandt, der Stand­ortsälteste der Wehrmacht, Divisionskommandeur Generalleutnant O ß w a l d mit Oberst und Regi­mentskommandeur Herrlein und Oberstleutnant Lange, als Vertreter des dienstlich auswärts wei­lenden Oberbürgermeisters und der Stadt Gießen Bürgermeister Professor Dr. Hamm, zahlreiche Politische Leiter, Führer von Gliederungen der Partei, Vertreter von Behörden usw. erschienen.

Schönes Sommerwetter begünstigte den Verlauf der denkwürdigen Feierstunde. Ein Marsch des HJ.-Musikzuges, ein gemeinsames Lied der Jungen und Mädels und ein Vorspruch eines Hitleriunaen mit dem Hinweis auf ein Wort des Führers leite­ten die Feier ein. Dann betonte'

Bannführer Nohrbach

zur Eröffnung der Feier, diese Stunde gelte einem Heim, in dem durch gemeinsame Arbeit an der jun­gen Generation Gewähr dafür, geschaffen werden soll, daß die jungen deutschen Menschen ihrer Auf­gabe im Sinne des Führers gerecht werden wür­den. Dann begrüßte der Bannführer die nelen Ehrengäste.

Bürgermeister Prof. Or. Hamm

erinnerte in seiner Ansprache daran, daß der Füh­rer im Jahre 1933 der deutschen Jugend ein gro­ßes Geschenk gemacht habe: die Selbsterziehung der Jugend durch die HI. Damit habe der Führer in hohem Maße sein Vertrauen in die deutsche Jugend bekundet.

Dieser Selbsterziehung sollen die HJ.-Heime dienen. Sie sollen Ausdruck eurer Ziele, eures Stre­bens sein. Alle Eltern müssen es freudig begrüßen, daß ihre Söhne oder ihre Töchter nicht mehr in un­zulänglichen Räumen zusammenkommen braulyen. sondern in einem Heim, in dem sie sich auch wirk­lich heimisch fühlen können."

Der Redner betonte dann, daß die Stadtverwal­tung mit der Schaffung des HJ.-Heimes nicht nur einem unwürdigen Zustand ein Ende bereiten, son­dern etwas Vorbildliches entstehen lassen wolle. Der Bau werde die nötigen Scharräume mit allen

der Feier vor dem Heim der Marine-Kameradschaft teil.

Bannführer Rohrbach (116) hieß die Gäste und Kameraden willkommen und gab seiner Freude darüber Ausdruck, daß der lanagehegte Wunsch der Marine-HI., einen Kutter zu oesitzen, nunmehr in Erfüllung Gegangen ist. Mit Worten der Aner­kennung gedachte er der großartigen Leistung der Kuttermannschaft der Gießener MHI. beim 49e« bietswettbewerb in Mainz, die sich dort nach einem Training von nur drei Wochen als zweitbeste Mannschaft qualifizierte. Der Bannführer gab dann der Hoffnung Ausdruck, daß sich noch mehr Mann­schaften aus der Gefolgschaft zu einer solchen Leistung emporarbeiten möchten und es möglich werden möge, den Ausrüstungsstand der MHI. auf zwei oder drei Kutter zu erhöhen. Dapn kam der Redner auf die großen Aufgaben der MHI. zu sprechen, er erinnerte ferner an die begeistern­den Waffentaten der deutschen Kriegsmarine wäh­rend des Weltkriegs und stellte sie der Jugend als leuchtendes Beispiel vor Augen. Dankbar gedachte Bannführer Rohrbach der Unterstützung durch den Oberbürgermeister, der der Jugend jederzeit alles Verständnis entgegengebracht habe.

Beigeordneter Vogt übermittelte die Grüße des dienstlich abwesenden Oberbüraermeisters und sprach von den Zielen, die sich die Kameraden der MHI. gestellt haben, hinauszufahren einst in die Welt, von deutscher Kraft zu künden und das Deutsch­bewußtsein der Deutschen im Auslande zu stärken. Der Kutter solle dazu beitragen, den Geist zu stählen, Hingabe und Ausdauer zu beweisen für

zu sorgen, daß die, die nach uns kommen, im Geiste unseres Führers erzogen werden.

Der Kreisleiter hob hierauf hervor, daß auch nach dieser Grundsteinlegung zum HJ.-Heim in Gießen noch viel zu tun fei, denn im Kreise Wetterau seien etwa 170 Ortschaften, in denen HJ.-Heime erstehen sollten. Er brachte dann als Hoheitsträger des Kreises Wetterau seine Freude über dieses Werk der Stadt Gießen zum Ausdruck. Die HI. von Gießen habe allen Grund, froh und ftol3 zu fei auf das, was hier für sie gebaut werden solle. Diese Stunde, in der der Reichsjugendführer von der Grenzmark aus eine große Reihe von HI.» Heimen im Reiche einweihe, fei auch für die Gieße­ner HI. eine große Stunde.

Oie Grundsteinlequng.

Nachdem der Kreisleiter die Urkunde in den Grundstein gelegt hatte, folgte die feierliche Grund-' steinlegung. Dabei sprachen, je mit drei Hammer­schlägen,

Kreisleiter Backhaus: Möge an dieser Stelle ein stolzes Gebäude der HI. erstehen, das dem Geiste der Zeit und der Größe unseres Führers Adolf Hitler entspricht. Möge in diesem Heim eine Jugend erzogen werden, die imstande ist, einmal die Geschicke unseres, Volkes zu übernehmen.

Bürgermeister Prof. Dr. Hamm: Es entstehe dieses Heim als Hort jugendlichen Verantwortungs- bewußtseins, jugendlichen Frohsinnes und jugend­lichen Kampfgeistes.

Gebietsführer Brandt: Wer auf unsere Fahne schwört, hat nichts mehr, das ihm 'selbst gehört. In diesem Geiste sollen Generationen durch dieses Haus gehen.

Bannführer Nohrbach

brachte in seiner Schlußansprache den Dank des Bannes 116 zum Ausdruck und betonte, daß die HI. in diesem Hause in Kameradschaft, in Disziplin und in eifriger Arbeit die weltanschauliche Schulung im Sinne des Führers noch mehr vertiefen und da­durch mit junge Männer heranbilden werde, wie unser Führer Adolf Hitler sie wünsche.

Hierauf fand die Feierstunde in der üblichen Weise ihren Abschluß.

Erfüllt vom Glauben an ein neues Jahr­tausend deutscher Geschichte wurde dieser Bau von der Stadt Gießen in der Amtszeit von Oberbürgermeister Ritter erstellt als eine Er­ziehungsstätte nationalsozialistischer Weltanschau­ung, echter Kameradschaft und wahrer Volksge­meinschaft, als ein steinernes Zeugnis des Drit­ten Reiches für alle Zeiten und als ein Hort der Treue zur Heimat, der Arbeit der jungen Nation an sich selbst und des Glaubens an den Führer. Dieses Heim wurde errichtet im sechsten Jahre der nationalsozialistischen Erhebung nach den Plänen des Architekten Müller-Offenbach.

Gießen, den 12. Juni 1938.

Der Führer des Gebiets Hessen - Nassau: Brandt.

Der Oberbürgermeister: Ritter. Der Kreisleiter: Backhaus.

Kreisleiter Backhaus

erinnerte in [einer Ansprache zunächst daran, daß bei dem Kampfe des Führers um die Macht nicht alte Männer in den ersten Reihen der Bewegung standen, sondern in der ersten Linie die Jugend, die junge Generation zu finden war. Dem Führer war es klar, daß für die Jugend, die einmal die Geschicke unseres Volkes in die Hand nehmen soll, besondere Erziehungsmethoden und besondere Er­ziehungsanstalten Geschaffen werden müßten, um die Jugend weltanschaulich zu schulen uni) einheit­lich auszurichten. Nach einem kurzen Hinweis auf die Adolf-Hitler-Schulen und die anderen neuen Erziehungsanstalten betonte der Kreisleiter, daß es nicht wieder so sein dürfe, wie im alten Kaiser­reich oder im Zwischenreich, daß wir eine un­politische Jugend haben und daß dann volksfremde Elemente die Jugend beeinflussen können zum Schaden unseres Volkes. Es dürfe niemals wieder­kommen ein 9. November 1918. Deshalb sei dafür

Oie lautlose Lthr.

Von K. Tleubert.

Als bei der kleinen Abendgesellschaft der Hausherr seinen alten Studienfreund Siebert mit dem Ehe­paar Heim bekannt machte, schien die junge Frau zu stutzen. Auch Siebert hatte eine überraschte Be­wegung gemacht. Wie zwei Fremde, die sich schon einmal irgendwo begegnet sind, standen sie sich gegenüber. Doch war dieses leise Erkennen für die anderen unbemerkt geblieben. Eine Sekunde nur hatte es gedauert. Sie lächelten höflich, und ihre Unterhaltung blieb den ganzen Abend über in einem sehr gesellschaftlichen Rahmen.

Es war schon spät. Einige junge Leuts tanzten immer noch im Gartensaal. In den anderen Räu­men faß man verstreut in kleinen Plaudergruppen. Ich werde mich bald verabschieden, dachte Siebert. Sein Zug ging morgen sehr früh. Er hatte sich in einen stillen Winkel des Herrenzimmers zurück­gezogen, der ihm einen Blick in das große Zimmer gewährte, wo Frau Heim eben mit einem jungen Manne tanzte. Ihr Mann saß drüben in angeregter Unterhaltung mit mehreren Herren.

Plötzlich kam sie ins Zimmer.Oh, es ist sehr heiß", sagte sie und lächelte. Dann ließ sie sich in einen Sessel fallen.

,Ha, hier ist es ein wenig kühler", bemerkte Siebert höflich. Leise fächelte sie mit einem Tuch. Man wird bald an den Heimweg denken müssen. Es ist doch schon recht spät", setzte sie die Unter­haltung fort, da er sie nur stumm ansah. Sein Blick machte sie ein wenig verlegen, und sie begann, da ihr Sessel vor einem Bücherregal stand, sich für die Bände zu interessieren. Dabei fiel ihr Blick auf die Uhr, die auf dem Kamin stand. Im Zimmer nebenan war in diesem Augenblick die Tanzmusik aus dem Schallplattenschrank verstummt.Mein Gott, es ist vielleicht schon viel später", rief sie leise, bte Uhr ist wohl stehengeblieben."

.."Sie geht, gnädige Frau. Schauen Sie hin, gleich rückt der Zeiger weiter. Es ist eine Uhr mit ge­räuschlosem Gang", sagte er.

Sie blickte noch einmal auf die Uhr, wie ab­schätzend.Die Pendüle ist schön, aber ich finde, Uhren muß man ticken hören."

,Hch stimme Ihnen zu. Ich habe sogar eine starke Abneigung gegen Uhren mit geräuschlosem Gang."

Sie mußte lachen.Ich habe eine Tante, die nicht einschlafen kann, wenn in ihrem Zimmer keine Uhr vorhanden ist. Eine Uhr, die tickt, wohlgemerkt."

Meine Abneigung beruht allerdings auf einem Erlebnis. Es ist keine besonders spannende Ge­schichte. Ich fürchte, Sie werden sich langweilen, wenn ich Sie Ihnen erzähle. Ich weiß also nicht..."

Bitte!" sagte sie nur. Er betrachtete nachdenklich den Kamin.

Glauben Sie an Liebe auf den ersten Blick?" fing er nach einer Weile unvermittelt an.Es soll so etwas geben", sagte sie.

Ich habe es einmal an mir selber erfahren. Damals arbeitete ich gerade an meiner Doktor­arbeit, hatte also im Grunde gar keine Gedanken für solche Dinge. Die Nächte saß ich am Schreib­tisch, mittags ging ich meist für eine Stunde in den nahen Park. Dort lernte ich das Mädchen kennen. Das heißt: ihren Namen habe ich nie er­fahren, ihre Verhältnisse blieben mir fremd. Ich sah sie nur dort im Park auf einer Bank sitzen, meist mit einem Buche beschäftigt. Ich war nicht sehr geschickt, glaube ich, aber nachdem mir uns in einer Woche mehrmals begegnet waren, lächelten wir uns an, und wir kamen ins Gespräch. Sie war nicht nur hübsch, im Gespräch lernte ich auch einen geistig aufgeschlossenen Menschen kennen, desien Anteilnahme an Dingen, die auch mich stark inter­essierten, meine Verliebtheit vollkommen machte. Verliebtheit?! Es ist nicht der richtige Ausdruck dafür. Man denkt dabei an fade Komplimente, an Ueberschwang und Zärtlichkeiten. Wir sprachen in diesem Stündchen auf der Bank, in der Mittags­sonne, nie von uns. Vom Leben sprachen wir und seinen vielfältigen Erscheinungen. Don dem Buch, das sie eben gelesen hatte. Aber schließlich merkte ich, daß es Zeit war, von uns, von mir, von meiner Liebe zu sprechen. Und ich bat sie um ein Wiedersehen, das nicht von einer zufälligen Begeg­nung abhängig sein sollte. Diesen Zustand des Zu­fälligen konnte ich plötzlich nicht länger ertragen. Wir verabredeten uns also für den Abend. Dann wollte ich ihr alles erzählen."

Wann war das?" fragte Frau Heim leise.

Es werden jetzt acht Jahre her sein", fuhr er fort. Dann machte er eine längere Pause.Genau so eine Uhr wie jene dort auf dem Kamin hing damals in meinem Zimmer. Man hört ihr Ticken nicht. Im Anfang dachte ich auch immer: sie ist stehengeblieben! Aber ich gewöhnte mich daran.

Am Nächmittag vor unserer Verabredung steckte ich wieder tief in der Arbeit. Dann schrak ich auf und blickte auf die Uhr, auf die lautlose Uhr. Ich hatte noch eine Stunde Zeit. Ich konnte noch Weiter­arbeiten. Vielleicht schaffte ich das Buch, das ich gerade vorhatte. Es waren noch vierzig Seiten.

Ich las weiter. Nach einer Weile klopfte es. Meine Wirtin brachte mir einen Brief.Schon die Abend- post", rief ich erschrocken aus und starrte auf die Uhr. Sie zeigte dieselbe Stunde an wie vorhin. Sie hatte schon gestanden, als ich vorhin auf sie geschaut hatte. Sie können sich denken, wie aufgeregt ich in den Stadtpark lief, an die Stelle, wo wir uns verabredet hatten. Es war eine halbe Stunde nach der vereinbarten Zeit. Das Mädchen war natürlich fort. Ich sah sie auch nie mehr."

Er lächelte merkwürdig und blickte die Frau an, die ihr Tüchlein wieder in Tätigkeit setzte, als wäre ihr heiß.Wie Sie sehen", sprach er weiter,ist es keine besonders spannende Geschichte. Aber mir ging es ziemlich nahe. So ist es eben. Liebe auf den ersten Blick. Aber Pech gehabt! Vielleicht ist es auch nur Einbildung von mir, daß das Mädchen damals für mich etwas übrig gehabt hatte. Es kann ja sein, daß sie damals abends gar nicht erschienen ist?"

Ich möchte es eigenttich annehmen", sagte die junge Frau, und eine feine Röte stieg in ihr Ge­sicht,nach dem, was Sie von ihr erzählten, gehört sie wohl nicht zu denen, die etwas versprechen, um es dann nicht zu halten. Das Mädchen ist bestimmt gekommen. Aber vielleicht hat es gedacht, daß Sie die Verabredung vergessen ober Ihr Wort nicht ge­halten haben?"Aber warum kam sie nie wieder in den Park?"

Sie war vielleicht nur zu Besuch in jener Stadt gewesen. Gewiß hat auch sie noch manchmal an Sie gedacht, an den Mann, der nicht' gekommen war." Er blickte aus die Uhr, die lautlos lief.Und heute ist jenes Mädchen wohl längst mit einem anderen glücklich", Jagte er.Ich hoffe es sehr."Und ©ie", horte er ihre Stimme,sind Sie denn in­zwischen nicht mit einer anderen glücklich geworden? Glauben Sie nicht an Vorbestimmung? Daß alles so hat sein sollen?"

Aus der Ecke, wo ihr Mann mit den Herren saß, klang Gelächter. Im Nebenzimmer ging ein Tango zu Ende.

Merkwürdig", sagte Siebert,diese Uhr erscheint mir plötzlich wie ein Gleichnis des Lebens. Kaum merklich rücken die Zeiger, man könnte glauben, die Zeit steht still, aber sie rinnt und rinnt. Unheimlich, wie schnell sie rinnt, wie lautlos. Man muß sie nutzen", schloß er aufatmend.Aber die Arbeit allein macht es nicht."

Wir haben ein Kind!" sagte sie und lächelte.

Da verstand er, was sie von der Bestimmung gesagt hatte.

Zeitschriften.

Die Juninummer derBerliner Mo­natshefte", Zeitschrift für neueste. Geschichte (Berlin W 15, Quaderverlag August Bach), ist der neuesten englischen Geschichte gewidmet. Dr. Karl- Heinz Pfeffer veröffentlicht eine Studie über:Die geistigen Grundlagen der englischen Außenpolitik". Staatssekretär a. D. Freiherr von Rheinbaben skizziert Persönlichkeit und Politik der drei Cham­berlains: Joseph, Austen und Neville. Der letzte Band der britischen Vorkriegsakten findet in dem Herausgeber der deutschen Ausgaben, Hermann Lutz, einen sachverständigen Interpreten. Dr. Friedrich Thimme teilt bedeutsame Briefe des ehe­maligen deutschen Botsachfters in London, Grasen Wolff-Metternich, über die deutsch-englischen Bünd- nisoerhandlungen von 1901 mit. Alle Beiträge, zu denen noch Ausführungen des Herausgebers über die Entente cordiale" gezählt werden dürfen, geben einen bedeutsamen Querschnitt durch die englische Außenpolitik der jüngsten Vergangenheit.

Das Innere Reich" (Herausgeber: Paul Aloerdes. Albert Langen/Georg Müller Ver­lag, München) läßt im Juni-Heft noch einmal die Märzereignisse nachklingen, und zwar in der Rück­wirkung, die sie bei den Sudetendeutschen gefun­den haben. Christoph Hienhardt beschreibt in einem Brief an einen Freund in England dieseböh­mischen Tage". In anderer Weise spricht Clemens von Podewils in einem epischen BerichtSöhne der Heimat" vom Leben der Sudetendeutschen. Außer dem Schluß der ergreifenden Erzählung Angst" von Ina Seidel steuert Georg Britting eine ErzählungDie bestohlenen Aebte", Eduard Lachmann eine noch vom Kriege her bestimmte schöne Arbeit bei mit dem Titel7009 RD 2", welches die Nummer einer Pariser Autodroschke ist. Josef Weinheber, Gerhard Schumann, Georg von der Bring, Gerhart Baron, Adolf Beiß und Annemarie Schwemmte sind mit Gedichten ver­treten.

Hockschulnachrichien.

Professor Dr. Spiridion Wukadinowicz, ein verdienter Mittler zwischen deutscher und pol­nischer Wissenschaft, ist in Krakau im Alter von 68 Jahren g e ft o r b e n. Er war, trotz seinem kroatischen Namen, der letzte Germanist her Kra­kauer Universität, ein ausgezeichneter Kenner Kleists und Goethes. Das Deutschtum in Polen verlio^ in ihm einen seiner besten Vorkämpfer,