Ausgabe 
13.6.1938
 
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Berliner Fernsprechbuch ohneMüller".

Hier Ami, was beliebt?" - Es ist erst SO Lahre her. Ganze 94 Teilnehmer zählte das Verzeichnis.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)

In kurzer Zeit wird in Berlin wieder, wie all- jährlich, der größte Buchumtausch stattfinden, den wir uns oorstellen können. Rund 400 000 alte Bü­cher werden gegen die gleiche Anzahl neuer ein­getauscht. Es ist der Umtausch der F e r n - sprechbücher, deren neue Ausgabe uns alljähr­lich als Sommerbote erfreut. Man kann ohne lieber» treibung sagen, daß in einer Millionenstadt wie Berlin das Fernsprechregister wohl das Buch ist. das am m e i st en gelesen wird ... Als Kinder einer Zeit, die über so große Entfernungen denkt, hört, spricht und nun auch sieht, können wir uns gar nicht vorstellen, wie wir ohne diesen nützlichen Ratgeber auskommen könnten. Nicht viel mehr als 50 Jahre sind dabei erst vergangen, daß die Ber­liner mit dem erstenVerzeichnis der an der F e r n s p r e ch e i n r i ch t u n g Beteilig- t e n" überrascht wurden. Das war damals freilich eine Sensation. Doch war man keineswegs sehr er­baut von dieser neuen Segnung der Technik, die noch ein halbes Jahrzehnt nach ihrer Einführung von wissenschaftlichen Kapazitäten als ruhestörend bekämpft wurde.

Stephan mußte die Leute überreden.

Theater, Varietes, Krankenhäuser, Rettungsstellen fehlen, ja selbst die Feuerwehr vermochte da­mals den Nutzen einer fernmündlichen Brandmel­dung nicht einzusehen.

Reichskanzlei ohne Fernsprecher.

Dafür war die preußische Polizei forscher; das Polizeipräsidium war gleich mit zwei Rufnummern, davon eine für die Kriminalpolizei, verzeichnet. Hilfe! Heb er fall!" diesen808"-Ruf gab es also schon damals! Es war zwar noch ein gemütliches Berlin Anno 1881. Die Pferdebahn bimmelte durch die Leipziger Straße, und wer eine Klage über einen derKondukteure" hatte, konnte sich wie fortschrittlich! bei der Verwaltung der Großen Berliner Pferdebahn" beschweren. Von den Eisenbahnen hatte lediglich die Anhaltische eine Rufnummer. Und das große Publikum? Zur Schande der Reichshauptstädter müssen wir ge­stehen, daß sie sich noch sehr abwartend verhielten. Ein Maurermeister und der Herr Hofkonditor mach­ten eine rühmliche Ausnahme. So ist hinter den Buchstaben O, Q, U, X und P gähnende Leere im Fernsprechalphabet, während hinter T und Z sich wenigstens schon ein' Teilnehmer befindet. Nicht einen einzigen Berliner namens Müller

gibt es in diesem Verzeichnis (heute füllt diese Na- mensfamilie über 50 Spalten in unseren Fernsprech-Wälzern), während ein Schultze mit tz sich als Pionier seines Namens erweist. Selbst die Reichskanzlei und das Schloß finden sich mit keiner Rufnummer verzeichnet.

Idyll in der Großstadt.

Auch äußerlich hatte das Fernsprechbuch eine ganz andere Einteilung. Es bestand aus zwei Teilen, einer alphabetischen Ordnung und einer solchen nach der Nummernfolge, die aber 1882 wieder abgeschafft wurde. Die Angaben über einen Teilnehmer er­streckten sich über eine ganze Seite. Zu handschrift­lichen Nachträgen war weißer Raum ausgespart, da die Postverwaltung jeden neu hinzutretenden Teilnehmer den anderen schleunigst durch eine Post­karte mitteilte. Ein Idyll aus dem damals schon großstädtischen Berlin! Zwei öffentliche Fernsprech- stsllen gab es damals, von denen man ein fünf Minuten langes Gespräch für 50 Pfennig führen konnte. Es ist interessant, daß Bismarck bereits 1877 auf einen Brief des Generalpoftmeisters sich in Vazin die ersten Teltzphonapparate vorführen ließ. Damals wurde auch das WortFernsprecher" erfunden, das es also in Deutschland vor der Ein­richtung des Fernsprechers gab.Hier 21 m t was beliebt?" lautete damals die Formel, mit der sich Berlins einziges Fräulein vom Amt zu melden hatte. Wobei zu bemerken ist, daß der Fernsprechverkehr nur von 8 Uhr vormittags bis 9 Uhr abends stattfand. Denn bann war Berlins erstes Telephonfräulein schlafen gegangen ...

D. A. R.

Aus aller Welt.

Als ein Zeichen von sträflichem Leichtsinn und llebermut muß es wohl gegolten haben, feinen Na­men in jenem dünnen Heftchen verzeichnen zu las­sen, das die ersten 94 Teilnehmer umfaßte. 94 Teilnehmer! Der Generalpostmeister Stephan beklagte sich in einer Reichstagsdebatte einmal bitter über das geringe Interesse der Berliner.Es ist kaum glaublich, wie ich über die Achsel ange­sehen wurde, wenn ich mit Begeisterung von dem Instrument sprach; »bie man hier in Berlin selbst in den intelligentesten Kreisen vielfach meinte: ach, das ist wohl ein amerikanischer Schwindel, ein neuer Humbug usw. ... Ich mußte erst eigene Agenten herumschicken, um die ersten hundert Firmen dazu zu überreden." Als am 12. Januar^ 1881 die erste Vermittlungsstelle in der Französischen Straße er­öffnet wurde, waren ganze acht Teilnehmer an das Netz" angeschlofsen. Ende des Jahres waren es 458, im Jahr 1885 bereits 4324 Anschlüsse. Mühl­hausen im Elsaß aber hatte die Reichshauptstadt weit geschlagen. Am 24. Januar 1881 besaß es bereits 71 Teilnehmeranfchlüffe. Zum Vergleich: Neuyork hatte bereits 1879 den viertausendsten Teilnehmer gemeldet!

Etwas vergilbt ist schon das schmale, 24 Seiten starke Heftchen, das als erstes Berliner und deut­sches Fernsprech-Buch" im Reichspostministerium sorgfältig gehütet wird. Was waren das für tapfere Leute, die sich 1881 dem Gespött der lieben Nach­barn aussetzten, daß sie sich zu demamerikanischen Humbug" des Fernsprechers bekannten? Fast nur Geschäfte, voran die Banken, finden sich in dieser Aufstellung, bei der viele Nummern noch freige- lassen oder handschriftlich ergänzt sind. Die Börse hatte für damalige Verhältnisse selbstverständlich Rufnummer 1 und verfügte über acht weitere Sprechstellen. Dann folgtvn in bunter Reche Ban­ken, Zeitungen, Nachrichtesbüros, einige Hotels.

Oie Weihe

des neuen U-Boot-Ehrenmales.

Zur (Erinnerung an den unvergeßlichen Taten­ruhm deutscher H-Bootshelden während des Welt­krieges fgnb am Sonntagmittag auf der Adolf- Hitler-Schanze an der Kieler Förde bei Möltenort die feierliche Weihe des neuen H-Boot-Ehrenmales statt. Der Kommandiernde Ad­miral der Marineftation der Ostsee, Admiral A l - brecht, schritt unter den Klängen des Präsentier­marsches die Front der Ehrenformationen ab. Der Bundesführer des Dolksbundes deutsche Kriegsgrä­berfürsorge, Dr. Eulen, übergab das U-Boot- Ehrenmal dem NS.-Deukschen Marinebund und weihte es in dem Wunsche, daß ein jeder Besucher zuvor seinen Blick nach innen richten und Bluts­brüderschaft mit denen schließen möge, die hier für alle Zeiten geehrt sind.

IBaffenfag bet deutschen Kavallerie.

Aus Anlaß des 8. Waffentages der deut­schen Kavallerie veranstaltete die Stadt Erfurt für Generalfeldmarschall v. Mackensen, den Gauleiter und Reichsstatthalter Sandel, die Vertreter der Wehrmacht, der Partei unb des Staates im Rathaus einen Empfang. Eine viel­tausendköpfige Menge jubelte dem greifen Feld­herrn auf der Fahrt zum Rathause stürmisch zu. Nachdem der Oberbürgermeister den Feldmarschall willkommen geheißen hatte, trug sich dieser in das Goldene Buch der Stadt ein. Ein Vorbeimarsch und ein großes Reitturnier beschlossen den Waffentag.

Vollstreckung von vier Todesurteilen.

Am 11. Juni sind der Heinrich Nehrkorn und der Peter Bitter, beide aus Opladen, hinge- richtet worden, die vom Schurgericht in Düssel­dorf wegen Mordes und Raubes zum Tode und zum dauernden Verlust der bürgerlichen Ehren­rechte verurteilt worden waren. Die Verurteilten, vor­bestrafte Verbrecher, haben gemeinschaftlich mit dem noch jugendliche»» Horst Nehrkorn in Leverkusen einen Kraftdroschkenführer, den sie zu einer Fahrt bestellt hatten, unterwegs heimtückisch ermordet und seiner Barschaft beraubt.

Am 11.Juni wurden ferner der Karl Georg Ge­ne e und der Walter Krause hingerichtet, die vom Schurgericht in Bielefeld wegen Mordes zum Tode verurteilt worden waren. Genee und Krause haben in den Waldungen bei Schloß Holte den 20 Jahre alten Kraftwagenführer Johannes Rottmann ermordet, um sich seines Kraftwagens zur Durchführung eines geplanten Raubüberfalles zu bemächtigen und ihn als lästigen Tatzeugen zu beseitigen.

Riesiger Moor- und waldbrand auf der estlanbischen Insel Dagö.

Durch die Fahrlässigkeit eines Hirtenmädchens geriet auf der estländischen Insel Dagö ein Torf­moor in Brand. Das Feuer griff, begünstigt durch die herrschende Dürre, mit erschreckender Ge­schwindigkeit um sich. Bald standen sieben Quadrat­kilometer Moor in Flammen. Das Feuer griff auch auf einen angrenzenden Wald über. Dreißig

Bauernhöfe sind in Gefahr, ein Raub der Flammen zu werden. Mehr als taufend Einwohner, auch Irupenabteilungen, sind zur Brandbekämpfung auf- geboten worden. Endlich gelang es, an zwei Stellen den Brandherd einzudämmen.

Italien bautFamilien-wagen".

Die gefohlte italienische Presse kündigte in aus» sührlichen Schilderungen den neuen italieni­schenF a m i l i e n - W a g e n" an. Der neue 1100-ccm-Fiat ist ein stromlinienförmiger Sechssitzer mit einem Anschaffungspreis von 25500 Lire (etwa 3400 RM), einer Stundengefckwindigkeit von 100 Kilometer und einem Benzinverbrauch von neun Li­tern auf 100 Kilometer.

7»ach der Einnahme von Albococer vier Kilometer vor Castellon.

Saragossa, 11. Juni. (Europapreß.) Die nationalen Truppen haben am Samstag um die Mittagsstunde die wichtige Stadt Albocacer in der Provinz Castellon genommen und damit ein weiteres bebeutenöes Hindernis auf ihrem Vor­marsch nach Castellon und Valencia aus dem Wege geräumt. Die bolschewistischen Milizen hatten in und um Albocacer starke Befestigungen errichtet, die die Einnahme dieser Stadt verzögert hatten. Die nationalspanischen Truppen haben am Sonn­tag trotz starken Regens ihren Vormarsch auf Castellon della Plana fortgesetzt und 6eh Ort Borriol, 7 Kilometer nordwestlich von Castellon, besetzt. In weiterem Vorrücken haben sie dann die ersten feindlichen Schützengräben vier Kilometer vor Castellon erreicht.

Wetterbericht

Die Wetterlage hat sich seit Ende der Vorwoche wenig geändert. Noch immer strömen am Ostrande des westlichen, über dem OstStlantik aufgebauten Hochdruckgebiets in lebhaftester Weise Luftmassen mehr oder wenig höherer nördlicher Breiten des At­lantik auf das europäische Festland. Die Witterung ist daher auch bei uns sehr unruhig und wechselhaft. Auch kommt es dabei für die Jahreszeit zu niedri- gen Temperaturen, zeitweise zu Niederschlag, der besonders an den Nordrändern der Gebirge grö­ßere Ausmaße annimmt. Eine d"rchgreifende Aenderung ist vorerst noch nicht zu erwarten.

Vorhersage für Dienstag: Wechselhaftes Wetter und zeitweise auch Niederschläge. Bei leb- . haften nördlichen Winden mäßig kühl. *

Vorhersage für Mittwoch: Noch wenig Aenderung.

Hauptschriftleiter: Dr. Friedrich Wilhelm Lange. Stellvertreter des Hauptschristleiters: Ernst Blum- : schein. Verantwortlich für Politik und für die Bilder: Dr. Fr. W. Lange; für Feuilleton: Dr. Hans Thyriot; für den übrigen Teil: Ernst Blumschein. Anzeigen­leiter: Hans Beck. Verantwortlich für den Inhalt der Anzeigen: Theodor Kümmel. D. 21. V. 38: 9163. Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, K -G., sämtlich in Gießen. Monatsbezugs­preis RM. 2,05 einschließlich 25 Pf. Zustellgebühr, mit der Illustrierten 15 Pf. mehr. Einzelverkaufs­preis 10 Pf. und Samstags 15 Pf., mit der

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