Ausgabe 
13.1.1938
 
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lir.10 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Donnerstag, IZ.Zanuar (938

Mdel, komm zum deutschen Schwester'

Gespräche mit drei Führerinnen der deutschen Schwesternschaft.

Der Aufruf des Hauptamtsleiters Hil - ge n feldt an die weibliche Irgend Deutsch­lands, sich als Schwestern in den Dienst des deutschen Volkes zu stellen, gab den Anlaß zu den Gesprächen, die unser Mitarbeiter mit drei leitenden Vertreterinnen des deut­schen Schwesternwesens führte.

Trägerin der Gemeindepflege.

Auf drei großen Säulen ruht der Bau des na­tionalsozialistischen Schwesternwesens. Es sind dies: dieNS.-Schwesternschaft", derReichsbund der freien Schwestern und Pflegerinnen" und die Schwesternschaften des Deutschen Roten Kreuzes".

Mein erster Besuch galt der R S.-S ch w e st e r n- schaft imHause der deutschen Schwestern", das im Westen Berlins, in der Kurfürstenstraße 110, gelegen ist.

Sie wollen sicherlich von mir erfahren", so empfängt mich Frau Generaloberin Käte Böttger in ihrem Hellen und freundlichen Ar­beitszimmer,worin sich die zeitlich zuletzt ent­standene NS.-Schwesternschaft von den beiden an­deren Verbänden der deutschen Schwesternschaft unterscheidet? Da muß ich zunächst ausdrücklich be­tonen, daß sich die NS.-Schwester in ihrer fach­lichen Ausbildung als Krankenpflegerin in nichts von den Schwestern der älteren Verbände unter­scheidet. Jede NS.-Schwesternschülerin muß die vorschriftsmäßige Ausbildungszeit durchmachen und ihre Staatsprüfung als Krankenschwester bestanden haben. Dies also zunächst! Nun wird Ihnen begannt sein, daß die NS.-Schwesternschäft aus den in der Kampf­zeit der nationalsozialistischen Bewegung für die verwundeten SA.-Männer und für die hilfsbedürf­tigen Parteigenossen tätigenBraunen Schwe­stern" oderRote Hakenkreuz-Schwestern" hervor- gegangen ist. Damit ist aber den NS.-Schwestern eine geschichtliche Aufgabe gestellt, nämlich, nun auch in dem aus der nationalsozialistischen Bewe­gung erstandenen Dritten Reich getreueSchwe­stern des Volkes" zu sein. Das erfordert über die geschilderte fachliche Berufsausbildung hinaus eine weltanschauliche Schulung und Unterrichtung der NS.-Schwestern in der Rassen-, Bevölkerungs- und Dolkspflegepolitik des Führers. Die NS.-Schwestern sollen ja nicht nur gesund pflegen, sondern vor allem gesund erhalten und bewußt an der Er­ziehung des Volkes mitarbeiten, weshalb das Haupt­arbeitsgebiet öer NS.-Schwestern stets das der NS.- Gemeindeschwester sein wird. Ich darf Sie da an die Worte des Hauptamtsleiters H i l g e n f e l d t auf dem Parteitag 1937 erinnern, nach denen die Partei die alleinige Trägerschaft aller Gemeinde­stationen fordert!"

Wie stellen sich nun", werfe ich ein,die NS.- Schwestern selbst zu dieser Aufgabe als Trägerin der Gemeindepflege?"

Unsere Schwestern fiebern geradezu danach, als Gemeindeschwester eingesetzt Zu werden! Das kann aber erst mit 24 Jahren geschehen, da vorher noch eine Weiterbildung vornehmlich in der Wöch­nerinnen-, Säuglings- und Kleinkinderpflege durch­gemacht, praktische Erfahrungen gesammelt und die notwendige Lebensreife gewonnen werden müssen. Gerade heute bekam ich den Brief einer NS.-Schwester, die mir mitteilt, daß sie in der nächsten Woche 24 Jahre alt wird, und nicht ohne leise Ungeduld anfragt, wann und wo sie denn nun als NS.-Gemeindeschwester eingesetzt würde? Viel­leicht ersehen Sie gerade daraus, welche starke An­ziehungskraft der Berus einer NS.-Schwester auf das deutsche Mädel ausübt!"

Was heißt freie Schwester?

Nachdem ich mich verabschiedet habe, brauche ich imHause der deutschen Schwestern" nur ein Stock­werk höher zu steigen, um zu den Räumen des Reichsbundes der freien Schwestern und Pflegerinnen" zu gelangen, wo mich

Frau Oberin Margarete Liesegang in Vertretung der Frau Generaloberin R a n k> be­grüßt.

Der Beruf einer freien Schwester oder Pflege­rin", so erfahre ich auf meine Frage hin,hat im Laufe seines Bestehens manche Wandlung erfahren. Im Jahre 1886 gründete die Kaiserin Friedrich nach englischem Muster eine weltliche Krankenpflege­schule ohne konfessionelle Bindung, dasViktoria- Haus" in Berlin, angeschlossen an das Kranken­haus am Friedrichshain, das jetzige Horst-Wessel- Krankenhaus. Nach diesem Vorbild entstanden weltliche Krankenpflegeschulen, um jenen deut­schen Mädchen und Frauen eine Berufsmöglichkeit zu verschaffen, die unabhängig von einem Mutter­haus als Krankenschwester oder Pflegerin tätig sein wollen. Und, sehen Sie, diese Ausübung eines freien Berufes kennzeichnet noch heute das Wesen der freien Schwestern und Pflegerinnen. Dennoch war es ein weiter Weg, der von der Viktoria- schwester bis zu den heute im ,Reichsbund" zu­sammengeschlossenen Schwestern und Pflegerinnen hinführte."

Und welche Arbeitsplätze, Frau Oberin, stehen den freien Schwestern und Pflegerinnen offen?"

Alle Arbeitsplätze in der Krankenpflege, sei es in einer Anstalt, sei es in einer Prioatklinik, in einem Sanatorium oder als Prioatschwester. Aber auch als Betriebsschwester oder Fabrikpflegerin üben unsere Schwestern und Pflegerinnen ihren Beruf aus, wie auch in Kinder- und Müttererholungs- heimen, ja in der gesamten freien Wohlfahrts­pflege."

Ersetzt nun nicht gewissermaßen der Reichsbund als Organisation den freien Schwestern und Pflege­rinnen das Mutterhaus?"

Ja und nein! Nein, weil ein Mutterhaus dem Wesen des freien Schwestern- und Pflegerinnen­berufes widersprechen würde. Und ja, weil der Reichsbund natürlich diejenige Organisation ist, die den freien Schwestern und Pflegerinnen Rückhalt und Schutz gewährt, ihnen nach außen hin Achtung und Ansehen verschafft, ihnen Arbeitsplätze ver­mittelt, und durch eine zusätzliche Altersver­sicherung für den Lebensabend der freien Schwestern und Pflegerinnen sorgen will."

Oie Kameradin der Soldaten.

In der stillen Hansemannstraße, unweit des Zoo­logischen Gartens, steht das Haus des Deut­schen Roten Kreuzes, in dem Frau Luise von Oertzen als Generaloberin der Schwestern­schaften des Roten Kreuzes ihres Amtes waltet. Ihr gilt mein dritter Besuch.

Die Schwesternschaften des Roten Kreuzes", so beginnt Frau Generaloberin von Oertzen un­ser Gespräch,haben die verantwortungsvolle Auf­gabe, die erforderliche Anzahl geprüfter, irn Kriegs­sanitätsdienst ausgebildeter Schwestern für die Wehrmacht im Frieden und im Kriege, den zivilen behördlichen Luftschutz, den Amtlichen Sanitätsdienst bei besonderen Notständen sowie für die Mitarbeit an der Volksgesundheit bereitzustellen. Die Ausbildung unserer Schwestern, die im Krankenhaus und Laza­rett vor sich geht, währt zwei Jahre und endet mit dem Staatsexamen als Krankenschwester."

Auf meine Frage, ob in der Ausbildung der Rote-Kreuz-Schwestern seit dem Kriege viele Ver­änderungen vorgenommen wurden, höre ich:

Es versteht sich, daß mit dem Fortschritt der neuzeitlichen Kampfmittel auch die Sanitätsaus­bildung unserer Schwestern Schritt halten muß. Denken Sie nur an die Gasangriffe, die vor dem Krieg völlig unbekannt waren! Wir bilden unsere Schwestern aber auch als chirurgische Gehilfinnen des Arztes weit vollkommener aus als vor 1914, weil wir im Kriege einen Man­gel an chirurgisch geübten Schwestern hatten. Und endlich bilden wir heute unsere Schwestern auch als Hebammenschwester aus, um sie in die-

Eigenschast auch eine Kriegserfahrung! besetztes Gebiet oder in der Etappe zum Wohle eigenen oder fremden Bevölkerung einsetzen zu können. Zu dieser über das frühere Maß weit hin­ausgehenden Ausbildung als Wehrmachtsschwester und Kameradin des Soldaten gesellte sich seit der politischen Wende noch die weltanschauliche und volksgesundheitliche Schulung, die unfern Schwe­stern in unseren Mütterhäusern zuteil wird. So ist jedes Mutterhaus des Deutschen Roten Kreuzes zu­gleich eine Pflegestätte und Keimzelle national­sozialistischen Wollens und Glaubens."

Wie steht es nun, Frau Generaloberin, mit dem Nachwuchs für die Schwestern des Roten Kreuzes?"

Seitdem der Führer in der weiblichen Jugend Deutschlands den Sinn für die heroischen Ausgaben des Lebens wieder erweckt und gesteigert hat, wächst auch die Bereitschaft der deutschen Mädel, sich in die frohe Lebensgemeinschaft der Mutterhäuser des Roten Kreuzes einzufügen, um auf diese Weise das schöne Wort vorn Gemeinnutz, der vor den Eigennutz geht, nicht nur auszusprechen, sondern auch zu erleben!"

Dr. Friedrich Bubendey.

Aus der Stadt Gießen.

Das Alte stürzt...

Mit weitverzweigten Kronen überschatteten die Bäume einen kleinen Platz, an den wie an eine Insel die Wogen des Verkehrs einer Straßen­kreuzung branden. Man braucht nur einen kleinen Schritt auf den Bordstein des Bürgersteigs zu tun und man war in Sicherheit und umahnet von der gelassenen Kraft der wuchttgen Baumleiber, die zwei Arme nicht umspannen konnten. Im Frühling saßen da alte Männer und junge Mütter mit ihren Kindern als Erste auf niederen Bänken, freuten sich der sonnenwarmen Luft, der hellen Tage und des frohen Getümmels der Kinder, denen im kleinen Spielkasten der leichte Sand wie Goldstaub durch die Finger rann. Dann bauten die Bäume auf ihren Zweigspitzen kleine Blütenpyramiden in Rot und Weiß auf, daß das helle Laubarün mitleuchtete und der ganze Platz von ihrer Lichtfreude über­flutet war. Ab und zu streute der Wind von dem prangenden Ueberfluß eine Handvoll zur Erde, und die Kinder hatten ein neues Spiel. Sie sammelten die grünen erbsengroßen Früchte, die aus ihren rosigen und weißen Röckchen herausfielen, knipsten ihnen die winzigen Stiele ab und brachten sie in den kleinen Händen zur Mutter, damit sie die zier­lichen Kugeln aufbewahre.

Als später die Sommersonne heiß und drückend brannte, hatten die Kastanienbäume ihr Blätter­gefüge schon so dicht gebreitet, daß die Wipfel wie ein riesiger Schirm die Hitze abhalten konnten und kühlende Zuflucht wurden für jeden, der ein wenig Erholung und Erfrischung brauchte. Jähen Regen­überfällen wehrten sie ebenso, und es mochte prasseln und rauschen, der Eifer der hurtigen Trop­fen die Straßen wie mit Fäden und Netzen zu­spinnen, der Platz unter den Kastanien blieb trocken wie ein heiliger Raum, wie eine kleine Kapelle, von Gewölben überspannt.

Dann gab es noch einmal ein Kinderfest, als die reifen Kastanien an die Erde knallten und aus den stacheligen Hüllen platzten. Man konnte die durch­löcherten Früchte auf Schnüre reihen und wie Ketten um den Hals hängen. Man konnte sie aus­höhlen und kleine Winden aus ihnen machen. Aber da mußten schon die alten Männer mithelfen, die Geduld und Fertigkeit hatten. In den Boden der zu einer Schale ausgehöhlten Kastanie wurde ein Loch gebohrt, dann eine Haarnadel, die der Mutter abgebettelt war, durch die Wände der Schale von der einen Seite zur andern burdjgeftedt und zu einer Kurbel umgebogen. An einem daran be­festigten Faden, der durch das Loch geführt wurde, konnte pian nun eine andere dickere Kastanie oder einen schwereren Gegenstand heraufleiern und wie­der abschnurren lassen. Das war ein unterhaltsames Spiel! Die Mütter lächelten: sie hatten wieder ein­mal ihre Ruhe.

Nun sind vor Wochen junge Bäume gepflanzt worden! Weil die alten die Sicht versperrten und die Sicherheit der eiligen Fahrzeuge gefährdeten, wurden sie gefällt. Ein Stück Romantik ist ver­schwunden, eine kleine Idylle zu Ende. Aber neues Leben wächst und sucht nach neuen Formen. B.

Dornotizen.

Tageskalender für Donnerstag.

Stadttheater: 20 bis 22 Uhr,Meister-Se xiett (Comedian Harmonists)". Gloria-Palast (Selters­weg):Der zerbrochene Krug". Lichtspielhaus

(Bahnhofstraße):Der Berg ruft". Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde: 20.15 Uhr, in der Aula des Gymnasiums. Deutsche Stenographenschaft: 19.15 Uhr, in der Oeffentlichen Handelslehranstalt Anfängerlehrgang in Maschinenschreiben.

Gastspiel des Meister-Sextett (Comedian Harmonists) im Stadttheater.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute abend gibt das Meister-Sextett (Comedian Harmonists) ein einmaliges heiteres Gastspiel mit einer völlig neuen Vortragsfolge. UeberaU, wo das Meister-Sextett seine Lieder singt, strömt eine Welle von Frohsinn und glücklicher Unbeschwertheit über die Zuhörer hin. Auch bei uns haben diese luftigen Sänger ihren großen Kreis durch frühere Gastspiele gewonnen. Beginn 20 Uhr, Ende 22.15 Uhr. Außer Miete.

Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde.

In einem Vortragsabend der Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde spricht heute, Donnerstag

Auch am Tage die Haut gut pfle­gen. Das Gesicht mit Nivea-Creme leicht massieren, das kräftigt die Haut, regt sie an und erfrischt sie.

abend, in der Aula des Gymnasiums, Dr. Alfred Kaufmann (Gießey) über das ThemaPalä­stina inmitten der Zeitereignisse".

Krim Tremel-Eggert liest.

Der Goethe-Bund und Kaufmännische Verein schreibt uns: Zum 4. Dichterabend am kommenden Freitag ist die Dichterin Kuni Tremel-Eggert zu einer Lesung aus ihren Werken nach Gießen verpflichtet worden. Die Romane, Erzählungen und Novellen Kuni Tremel-Eggerts wurzeln in der Heimatlandschaft, dem bayrischen Frankenland. Die Dichterin mit ihrem Humor gilt als eine ausge­zeichnete Mittlerin ihrer Werke.

BOM.-ttntergau 116.

Das bereits angekündigte Referat im Rahmen des Rassepolitischen KursusKunst und Rasse" findet heute, 13. Januar, um 17 Uhr, in der Kinderklinik statt. Pünktliches Er« scheinen ist unbedingte Pflicht!

ZM.-!lntergau 116, Gießen.

Dienstbefehl!

Zu der am 16. Januar stattfindenden Besprechung der JM.-Gruppenführerinnen bringen die Gruppen­führerinnen von 5, 6, 8, 10, 12 und 16/116 die Dienstpläne mit

Vetr.: Wochenendschutung.

Die 4. und 5. Winterwochenendschulung findet voraussichtlich am 13.2. statt. Alle JM.-Gruppen- führerinpen, Schar- und Schaftsführerinnen sowie die Sportwartinnen und Geldverwalterinnen halten sich diesen Sonntag frei.

Gießener Gtadttheater.

Dscar Wilde:Lady Windermeres Fächer."

Wir haben dieses Stück hier vor sieben Jahren zuletzt auf dem Theater gesehen: inzwischen erschien (1936) der Film gleichen Namens, zu dem Karl Lerbs mit andern zusammen das Drehbuck schrieb: er hat, nach derFrau ohne Bedeutung , die wir vor einiger Zeit hier erlebten, nun auch Lady Windermere" selbst neu übersetzt... über­zeugt von der ungebrochenen Wirkungskraft und unveralteten Aktualität der Wildeschen Gesellschafts­stücke, die ja in der Tat in den letzten Jahren bei uns geradezu eine neue Blütezeit erlebt haben... im Theater wie auf der Leinwand.

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Das Schauspiel vorn Fächer der Lady Winder­mere stammt aus dem Jahre 1892; es ist das erste eigentliche Gesellschaftsstück Wildes, mit unverkenn­bar französischer Technik geschrieben, aber doch in Stil und Dialogführung ebenso unverkennbar ein echtes Kind Wildes, seines witzigen, sattrischen, frivolen und in der Freude am Paradoxen sich spiegelnden Geistes. Für manchen mag der Reiz des Stückes sich schon erschöpfen im reinen Amü­sement, im Vergnügen an diesen unübertrefflich formulierten, ganz unvermutet und nebenbei fallen­gelassenen, kleinen, frechen Randbemerkungen und Bonmots über die englische Gesellschaft, über den Klatsch, über Männer, Frauen, Liebe und Ehe...

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Solche Zuhörer würden vielleicht überrascht sein, von Wilde selbst zu vernehmen, er habe mit der Lady Windermere" die Geschichteeines guten Weibes" erzählen wollen wer kann diesem Spötter, der später so traurig endete, wirklich trauen? aber sie werden dann vielleicht finden, daß die Mrs. Erlynne, als eigentliche Hauptperson der Fabel, mit nicht weniger Recht und nicht weniger Ironieeine Frau ohne Bedeutung" ge­nannt werden darf als jene Mrs. Arbuthnot. Und wer an den Ernst und die Echtheit eines solchen Schicksals bei Wilde nicht zu glauben vermöchte, der wird wiederum die brillante Technik dermise en scene anerkennen müssen, die noch heute exakt und mit großartiger Wirkung ablaufende Mechanik unwiderstehlichen ^Theaters.

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Eines guten Weibes": die Mutter opfert sich selbstlos schweigend für ihr Kind; sie findet die.

Tochter knapp vor der gleichen (Situation, welche sie, die Mutter, vor Jahren ins Elend brachte. Sie gibt sich, schweren Herzens, nicht zu erkennen, ob­wohl sie von der Tochter auf Grund eines falschen Verdachtes beschimpft wird, und rettet der jungen Frau das Glück einer großen Liebe und einer wolkenlosen Ehe. Nur den Fächer, dessen geistes- gegenroärtige -Vertauschung im gefährlichsten Augen­blick eine Katastrophe verhindert, erbittet sie sich von der Ahnungslosen als Geschenk und Andenken.

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Die Aufführung, vom Intendanten Schultze- Griesheim in Szene gesetzt, war ausgezeichnet. Uns scheint, als ob die Spielleitung und die Ueber- setzung von Lerbs sich hier auf eine gewinnende Weise ergänzt hätten: das Stück schien uns im Ge­samteindruck höchst angenehm vermenschlicht, wobei weder die schlechterdings unwiderstehliche Theater­wirkung noch auch Wildes unverwechselbarer Esprit zu kurz tarnen. Die vier Akte wurden sehr kultiviert gespielt, präzis, federnd, mit großer Steigerung und jener Rundung, die zuletzt keine Frage oder Lücke mehr offen läßt. Herrn Löfflers Ausstattung: so zweckmäßig wie geschmackvoll.

Else Monnard spielte die Mrs. Erlynne mit seinem Gefühl für Möglichkeiten, Grenzen, Mischung der Wesenselemente, mit Intellekt und Herz, Salon­dame undgutes Weib", Abenteurerin und Mutter in einer Person, mit bestechender Eleganz und Ueberlegenheit. Frl. Retschy als Lady Winder­mere: einebezaubernde Puritanerin", wie Wilde durch Darlington es formuliert, sehr jugendlich, fast mädchenhaft wirkend; dabei wurde die innere Wandlung und Entwicklung vom ersten zum letzten Akt schön und einleuchtend profiliert. Herr von G s ch m e i d l e r als Darlington gab, sym­pathisch und fast überraschend, hier viel weniger den typisch Wildeschen Räsonneur als vielmehr einen Mann mit Herz, als den man diesen Lord bisher kaum kannte. Gepflegt und taktvoll Herr Weiland als Windermere. Frau Stirl brillierte mit den amüsanten Bosheiten der Herzogin von Berwick; ergötzliche Konversation machten im Sinne Wildes die Herren Lindt und D o l ck.

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Den sehr herzlichen Beifall konnte zuletzt der Intendant mit den Seinen entgegennehmen.

. _ Hans Thyriot.

//Der zerbrochene Krug."

Gloria-Palast.

Unter den zahlreichen Verfilmungen dichterischer Werke nimmt die desZerbrochenen Kruges" eine Sonderstellung ein: die Schöpfer des Filmes künstlerische Oberleitung: Emil Hannings; Re­gie: Gustav Ucicky; filmische Einrichtung: Thea von Harbou waren ehrfurchtsvoll und ein­sichtig genug, zu erkennen, daß jeglicheBearbei­tung" oderNeufassung" dieses klastischen deutschen Lustspiels von vornherein ein aussichtsloses Begin­nen sein würde, falls man sich dergestalt auf einen poetischen Wettkampf mit dem Genie seines Schöp­fers hätte einlassen wollen. Aus schuldigem Respekt schrieb man also an den Anfang der Bilderfolge den Namen des größten preußischen Dichters, Hein­rich von Kleist, und der Text folgt Vers für Vers getreu dem Wortlaut des Lustspiels. Was da­nach der Kamera zu tun übrig bliefT, war die der Bühne versagte Ausweitung des Schauplatzes, zu Anfang und zu Ende. Das Glockenspiel-Motiv (mit der Volkslied-Weiselieb immer Treu und Redlich­keit") ist zwar auch im Film nicht neu, aber mit Glück von der Potsdamer Garnisonkirche ins nie­derländische Dorf übertragen: es rahmt beziehungs­reich und lustig den bunten Reigen der Szenen ein. lieber ein nur photographiertes Theater gelangt der Film endlich auch insofern hinaus, als die Kamera im Bildausschnitt jeweils die Gruppe der Handeln­den herausgreifen und in den Vordergrund bringen kann, auf die es im Verlaufe des unvergleichlich komischen und meisterhaft geführten Rechtsstreites wesentlich ankommt. Im ganzen gibt die Spiel­führung dem Werke jene niederländisch-behaglich ausmalende und schildernde Breite, die wir von den Sittenbildern der Breughel, Ostade, Sten und Te- niers kennen. Inmitten Emil Hannings als Dorfrichter Adam. Dieser Adam ist eine der un­sterblichen charakterkomischen Gestalten der deut­schen und der Weltliteratur. Wie Jannings ihn sieht, anpackt und lebendig macht, ist herrlich: die Figur strotzt förmlich von Saft und Leben; er schil­dert seinen Mann mit der nämlichen Breite, Aus­führlichkeit und genießerischen Genauigkeit, wie jene Niederländer ihre Bilder malten, und wie der Film wiederum jegliche Szene angelegt hat. Er ist ein Schurke, und dennoch fällt es dem von stillem Ge­lächter geschüttelten Zuschauer schwer, ihn zu ver­dammen, wie es rechtens ist: seine Lügenphantasie, seine Bosheit und Bavernschläue. seine Angst und

sein schlechtes Gewissen äußern sich mit so viel na­türlichem Humor, mit so echtem Witz, daß man fast versucht ist, diese vierschrötig plumpe Erscheinung mit dem verbeulten Schädel und dem naiven Bie- dermannsgesicht anmutig zu nennen. Um seinet­willen vor allem muß man diesen Film auf sich wirken lassen, dessen schönstes Verdienst es ist, den Blick wieder auf eines unserer berühmtesten und ganz unvergänglichen Lustspiele gelenkt zu haben. Kayßler gibt den Gerichtsrat mit einer groß­artig weltmännischen Ueberlegenheit, Gülstorff den verschmitzt-beflissenen Schreiber Licht, die S al­lo ker in Herzensangst ein liebliches Evchen, Lina Carstens eine robuste flämische Bäuerin; sehr hübsch auch Dahlke als Veit Tümpel und die Flickenschildt mit der pointierten Zeugenaus­sage der Brigitte. (Tobis.)

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Das Vorprogramm bringt die Wochenschau, einen vornehmlich für weibliche Besucher interessanten Kulturfilm und auf der Bühne das akrobatische Tanzpaar Mary und Roberts.

Hans Thyriot.

Stilles Heldentum.

Die heldenmütige Tat eines Arztes wird in dem Jahresbericht des englischen Komitees für kolo­niale Entwicklung mitgeteilt. Dr. Corson in Tanganyika (Ostafrika), der sich mit dem Studium der gefürchteten Schlafkrankheit beschäftigt, wollte feftftehen, unter welchen Bedingungen sich die An­steckung bei dieser vollzieht, um dadurch Fortschritte in der Verhütung der Krankheit zu machen und der Weiterverbreitung der Geißel Afrikas entgegenzu* wirken. Er machte Versuche an seinem eigenen Kör* per, indem er zunächst das offene Ende einer Glas­röhre, in der infizierte Tfetfe-Fliegen waren, an feine bloße Hand hielt. Als dieser Versuch fein Ergebnis hatte, spritzte er sich das Blut eines schon erkrankten Meerschweinchens ein. Monatelang lag er in halber Bewußtlosigkeit, während seine Kol­legen verzweifelt um sein Leben kämpften. Schließ­lich gelang ihnen seine Rettung durch das neud Gegenmittel Germanin. Hätte er sein Leben ein­gebüßt, schreibt eine englische Zeitschrift dazu, so hätte die öffentliche Meinung, die allzu bereit ist, Filmstars oder beliebte Sporthelden zu feiern, sicher nicht viel Aufhebens davon gemacht. Still hätte er sich der tapferen Schar jener Aerzte und For­scher beigesellt, die ihr Leben für die Menschheit opferten»