(lr.86 Erstes Blatt
188. Jahrgang
vienrtag, 12. April 1938
Gietzener Anzeiger
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Belehrtes Ausland.
Daß Adolf Hitler der gesamtdeutschen Nation Cisen ins Blut gab und daß sich die Deutschen am Sonntag zum Führer und damit zu ihrer weltgeschichtlichen Mission bekannten, hat das Ausland an und für sich nicht überrascht. Nur die Größe des Triumphes hat die Welt in Erstaunen gesetzt. Der Eindruck ist um so tiefgehender, als er mit den politischen Vorurteilen, die in gewissen demokratischen Zeitungen kultiviert wurden, nicht übereinstimmt.
Im Sturm der nationalen Begeisterung und Pflicht sind die Mißvergnügten geradezu atomisiert worden, stellt sogar die französische Presse fest. Hatte man nicht vielfältige Hoffnungen auf den „selbständigen Charakter Oesterreichs", auf die ehe- v maligen Marxisten und Kommunisten, Zentrumsleute und sonstige Ueberbleibsel gesetzt? Die englische und französische Presse war vor der Wahl voll von Stimmen, die sich „im Namen der Freiheit" mit diesen angeblichen Rudimenten einer vergangenen deutschen Epoche beschäftigten, und jüdische Hetzfedern taten das ihre. Heute herrscht darüber Schweigen im ausländischen Blätterwalde, und man erkennt, daß das deutsche Volk in einer Freiheit stimmte, wie sie in den ausgepichten Demokratien nicht größer sein kann.
Alle Zeitungen, die englischen und französischen voran, betonen, daß die Geheimhaltung der Abstimmung durchaus gewährleistet war, daß auf niemanden irgendein Druck bei der Abstimmung ausgeübt wurde, daß aber die „heilige Pflicht", wie der Pariser „Jour" meint, ein „stolzes Volk" — so die „Epoque" — am Tage der Wahl einhellig für Adolf Hitler eintreten hieß. Bemerkenswert ist, daß die englischen Berichterstatter, die der Abstimmung der Deutschen in England a u f dem "KdF. - Dampfer „W i l h e l m G u st - l o f f" beiwohnten, die demokratische Art der Wahl rühmen. Das geschieht sogar im Labourorgan „Daily Herold" und im sattsam als deutschfeindlich bekannten „News Chronicle", wobei das liberale Blatt feststellt, der Korrespondent habe noch niemals ergreifendere Szenen von Massenfröhlichkeit gesehen.
Wenn das Pariser „Petit Journal" die Einstimmigkeit z. B. der Wählerschaft des romantischen Rothenburg ob der Tauber hervorhebt, und „voll Bewunderung" dafür ist, so fehlt doch in den Leitartikeln der Auslandspresse, abgesehen von polnischen, belgischen, skandinavischen und siüstlawrschen Stimmen, die Anführung der nackten Tatsache: Großdeutschland hat auf demokratischem Wege sich zum Anschluß und zur Politik des Führers in einem Maße bekannt, wie es bisher in der Geschichte noch niemals da war. Kein Staatsmann der Demokratien kann sich auf so einmütige und. so demokratisch zustandegekommene Willensäußerung der gesamten Nation stützen. Entweder wird ein demokratischer Gesamtwille künfttghin auch in den großen Demokratien geachtet, oder diese angeblichen demokratischen Vorkämpfer machen sich des Bruches ihrer .Heiligsten Ueberzeugungen" schuldig, wie es so oft geschah, wenn es sich „nur" um Deutschland handelte ...
Die liberale „Politiken" in Kopenhagen sagt, was die anderen Weltblätter verschweigen: Großdeutschland sei Tatsache, nur eine egoistische Furcht der Versailler Mächte habe bewirkt, daß es nicht früher und in anderer Form geschah. Was man 1919 beschlossen habe, um Deutschland niederzuhallen, sei zu einem Siege Hillers geworden, und darin liege eine politische Lehre. Wir glauben, darin liegt die Lehre, die gerade die Demokratien beherzigen sollten, daß man sich nämlich nicht ungestraft dem deutschen Dolkswillen entgegensetzen Darf, wie es heute noch z. B. in der Tschechoslowakei und im ehemaligen Deutsch-Südwest-Afrika geschieht. Wenn die Londoner „Times" jetzt plötzlich entdeckt, der österreichische Anschluß sei niemals eine Schranke gegen eine deutsch-englische Verständigung gewesen, so genügt der Hinweis darauf, daß gerade dieses Wellblatt bis zuletzt für das „arme, vergewaltigte und brutalisierte Oesterreich" eintrat wie einst für „poor Belgium“ und daraus zwischen den Zeilen die Folgerung zog, so lange der Führer bei „d i e - f e n Methoden" bleibe, könne man sich nicht mit Berlin verständigen. Nun, auf diese Methoden gab frei und einmütig Oesterreich die Antwort ... rt.
Auf dem „Wilhelm Gustlosf".
Bewundernde Anerkennung der englischen Presse.
London, 11. April. (DNB.) Einen großen Eindruck hat, wie ein Blick in die Londoner Presse ergibt, die Abstirnrnungsfahrt des neuen KdF. - Schiffes „Wilhelm G u st l o f f" hinterlassen. Zahlreiche englische Journalisten, die an Bord des Schiffes Gelegenheit hatten, die Wahlhandlung in allen Einzelheiten zu verfolgen, berichten spaltenlang über ihre Eindrücke und schildern hierbei auch das schöne Schiff. Sie find ohne Ausnahme begeistert und heben die Unparteilichkeit und absolute Korrektheit des Abstimmungsoorganges hervor. „Daily Telegraph" unterstreicht, daß die Abstimmung völlig geheim gewesen und keinerlei Zwang ausgeübt worden sei. Diese Feststellung ist insofern bedeutsam, als man in England nicht selten das Gegenteil behauptet hatte. Die britischen Pressevertreter hätten sogar Gelegenheit gehabt, der Zählung der abgegebenen Stimmscheine beizuwohnen. „Daily Mail" schildert die ausgezeichnete Unterbringung auf dem Schiff und die Gesellschaftsräume. Das Sonnendeck fei größer als ein Fußballplatz". Der Korrespondent des marxistischen „Daily Herold" erklärt, die Fahrt auf dem „Wilhelm Gustlosf" sei wie ein Sonntagsausflug
GroßdeuWands Vekenninis zu Adolf Wer im Wo der Welt.
Gin einzig dastehendes Ergebnis.
Die italienischePresse voller Bewunderung.
Rom, 11. April. (DNB.) Die fast 49 Millionen Ja-Stimmen, fo sagen die römischen Blätter in ihren ersten Kommentaren, sind nicht eine Abstimmung schlechthin, sondern vielmehr ein Volks- bekenntnis in des Wortes wahrstem Sinne. „Tribun a" sagt, das Ergebnis der Volksabstimmung in Oesterreich werde von Italien mit größter Sympathie begrüßt, ebenso wie es alle die Staaten tun werden, die die Aufrechterhaltung des europäischen Friedens aufrichtig wünschten. Das halbamtliche „G i o r n a l e d ' I t a l i a" schreibt, für jedermann, der die Realität der Dinge zu sehen vermöge, sei dieses Volksbekenntnis die Bestätigung einer geschichtlichen Notwendigkeit, die wohl verzögert, aber durch nichts auf die Dauer hätte verhindert werden können. Diese Tatsache verstehen, heiße der Gerechtigkeit dienen sowie der Ordnung und damit dem Frieden und dem Wiederaufbau Europas. Der Mailänder „Ambrofiano" meint, Italien könne die geschichtliche Tragweite des Großdeutschen Tages voll ermessen. Es sehe darin nicht wie einige europäische Länder eine Gefahr oder Bedrohung, sondern die Motive für eine verstärkte Hoffnung, daß in Europa ein gerechter und gefestigter Friede einziehen werde.
„M e f s a a g e r o" betont, Oesterreichs einstimmiges Ja habe auch die höchsten Erwartungen übertroffen. Es fei eine so positive Willenskundgebung, wie sie stärker und geschlossener vom nationalen Gewissen und nationalen Einheitswillen nicht hätte gegeben werden können. Besonders erwähnt das Blatt die Beteiligung des Kardinals I n n i tz e r. Bezeichnend sei auch das hervorragende Wahlergebnis des erst vor kurzem ins Reich zurück- gekehrten Saarlandes. — Der Mailänder „Corriere della Sera" spricht von einer totalitären Billigung des Anschlusses und stellt die Dankerklärung Adolf Hitlers an das deutsche Volk in den Vordergrund seiner Betrachtungen. Nichts erinnere mehr an die wüsten Wahlen in der weit zurückliegenden Zeit vor der Machtergreifung, als Deutschland in 37 Parteien und Kandidatenlisten zerspalten war. Aus der Rede des Gauleiters Bürckel im Wiener Konzerthaus werden die markantesten Sätze wiedergegeben. — Die „Stamp a"
London, 12. April. (DNB. Funkspruch.) Das Hauptinteresse der Londoner Morgenpresse konzentrierte sich am Dienstag morgen auf die baldige Unterzeichnung des eng'lisch-italienl- schen-Abkornmens. „Daily Telegraph" erklärt, man hoffe in London, daß das Abkommen spätestens am Donnerstag unterzeichnet werden könne. Ein Zusatz-Abkommen sehe das Inkrafttreten des Vertrages zu einem gegenseitig zu vereinbarenden Zeitpunkt vor. Die britische Regierung bestehe darauf, daß das Abkommen nicht inkraft- treten könne, bevor nicht die italienischen Freiwilligen aus Spanien zurückgezogen seien in Uebereinftimmung mit dem vom Nichteinmischungsausschuß getroffenen Abkommen, men.
Von den Dokumenten, aus denen sich das Abkommen zusammensetze, befasse sich eines auch mit der Zukunft Palästinas. Italien habe sich geweigert, England einen Blanko-Scheck zu geben, bevor nicht der Bericht der Palästina-Kommission vorliege. Ein anderes Dokument befasse sich mit der Frage der britischen und italienischen Interessen in Arabien und dem östlichen Teil des Roten Meeres, es enthalte eine volle Anerkennung des britischen Hinterlandes von Aden. Der unter dem Namen Clyton-Abkommen bekannte Geheimvertrag hinsichtlich des möglichen Eingreifens dritter Mächte in die beiderseitigen Interessensphären in Aratzien werde durch das Dokument bestätigt werden.
Das Abkommen über Aethiopien beziehe sich im besonderen auf die Festlegung der ost- afrikanischen Grenzen. In einem Sonder-
gewesen. Ein deutsches Mädel erklärte ihm, der „Daily Herald" sei Gift, weil er nicht die Wahrheit über Deutschland schreibe. Der Wahlakt ging vollkommen ordnungsgemäß vor sich. Man habe keinen Versuch gemacht festzustellen, wie die Wähler im einzelnen abgestimmt hätten. Im „News Chronicle" verzeichnet Cummings die freudige Stimmung an Bord des KdF.-Dampfers. Jedermann und jede Frau hätten vor Stolz und Freude gestrahlt. Er habe noch niemals eine ergreifendere Szene von Massenfröhlichkeit gesehen. Niemand könne behaupten, daß diese Freude nicht spontan gewesen sei. Er habe mit vielen Deutschen ge- prochen und später Gelegenheit gehabt, die Ab- timmung zu beobachten. Sie sei tatsächlich geheim gewesen. Sämtliche Blätter bringen Dutzende von Bittrem von Bord des „Wilhelm Gustlosf".
Ein bezeichnendes Abstimmungsergebnis !
Berlin, 11. April. (DNB.) An Bord des Panzerschiffes „Admiral Scheer", das im italieni-
fchreibt, die deutsche Abstimmung stehe hinsichtlich der Beteiligung als auch der Zahl der Ja-Stimmen in der Geschichte der Volksabstimmungen der ganzen Welt ohne Beispiel da. Die bisherigen Volksbefragungen im Reich zeigten überzeugend das Anwachsen der Größe und der geschichtlichen Bedeutung der Werke des Nationalsozialismus, die für die Wiedergeburt der Nation vollbracht wurden. Die Turiner „G a z z e 11 a bei Popolo" erklärt, das, was Dr. Goebbels als die „germanische Demokratie" bezeichnete, hübe durch das gewaltige Ergebnis der Abstimmung seine Krönung gefunden. Der triumphale Ausgang der Wahl fei ein neues Beispiel für die allgemeine Mobilisierung einer ganzen Nation.
Starker Eindruck auch in Belgien,
Brüssel, 11. April. (DNB.) Die überwältigende Abstimmung im Großdeutschen Reich hat auch in Belgien einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Das 99 progentige Ja übertrifft alle hier gemachten Voraussagen. Die „Gazette" unterstreicht, daß jedermann sich über den Wahlvorgang unterrichten konnte, und daß den Auslandsjournaliften ohne weiteres Zutritt zu den Wahlloka- l e n gegeben wurde. Es fei ihnen möglich gewesen, den Ablauf der Wahlhandlung zu beobachten und sich zu überzeugen, daß sie mit allen Garantien der Geheimhaltung durchgeführt wurde. Auch bei der Stimmenzählung seien die Auslandsjournalisten zugelassen worden, sie hätten z. B. feststellen können, daß die Wahlscheine in Zweifelsfällen als ungültig gezählt wurden. Allgemein werden auch die Ordnung, Ruhe und Disziplin des Wahlvorganges hervorgehoben. Die „Jndspendance Belge" hebt die freudige Atmosphäre der Volksgemeinschaft hervor, in der sich der Wahlvorgang abgespielt habe. Man habe sich persönlich von der peinlich genauen Befolgung der Wahlvorschriften und der Geheimhaltung überzeugen können. Die liberale ,,Het Laatest Nieuws" schreibt, daß die Volksabstimmung das Großdeutsche Reich befestigt habe. Die Stimmenzahl in Oesterreich sei noch günstiger als die im Altreich, was typisch für den Umschwung der öffentlichen Meinung in denjenigen Ländern sei, die durch die Zerrüttung der Nachkriegszeit einen Niedergang erlebt hätten.
Dokument würden dann diejenigen Fragen des nahen Ostens behandelt, an denen Aegypten interessiert sei. Teile des ursprünglichen Gentlemen- agreement vom Januar 1937 seien in das eine oder andere Dokument des neuen Abkommens eingebaut worden. Schließlich werde die italienische Oberhoheit in Aethiopien in einem besonderen Dokument behandelt. Schon seit einiger Zeit sei die britische Regierung der Ansicht gewesen, daß die tatsächliche Lage anerkannt werden sollte. Die französische Regierung sei derselben Ansicht. Nur noch ein oder zwei Punkte seien zu erledigen. Das werde wahrscheinlich bei einer neuen Zusammenkunft zwischen dem britischen Botschafter in Rom Lord Perth und dem italienischen Außenminister Graf C i a n o geschehen.
In der „Daily Mail" heißt es, das englisch-italienische Abkommen sei ohne Schwierigkeiten, die von den Pessimisten vorausgesagt worden seien, zustande gebracht worden. Alle Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Ländern, materielle wie psychologische, seien geprüft und aus dem Wege geräumt worden. Das Abkommen, das bindenden Charakter habe, werde nicht nur die Störungen zwischen England und Italien beseitigen, sondern könnte auch einen beruhigendenEin- fluß auf Europa ausüben. Wenn England in Genf zum Handeln übergehe, so würden andere Mitglieder der Liga wahrscheinlich folgen. — Die Dppofitionspreffe malt in schwärzesten Farben. „Daily Herald" meint, Chamberlains englisch-italienisches Abkommen werde im nächsten Monat schon in Genf erledigt werden, bevor es überhaupt in Kraft getreten fei.
schen Hafen Gaeta für die Durchführung der Volksabstimmung bereit lag, fanden sich am Sonntag, 10. April, mit den vielen Deutschen aus Rom auch große Gruppen von Angehörigen des katholischen Klerus und katholisch er Orden ein, die aus Deutschland stammen und zur Zeit in Rom tätig sind. Man bemerkte unter ihnen auch Emigranten des katholischen Klerus aus Deutschland, die eine unverhüllt f eind- seligeHaltung gegen die mit der Durchführung der Abstimmung beauftragten Personen einnahmen und dadurch ihre Einstellung zur Volksabstimmung sehr deutlich zu erkennen gaben. Bei der Auszählung des Ergebnisses stellte sich dann auch heraus, daß auf dem „Admiral Scheer" im Gegensatz zu den sonstigen im Ausland für die Durchführung der Volksabstimmung in Dienst gestellten Schiffe eine verhältnismäßig große Zahl von Nein- Stimmen zu verzeichnen war. Es beteiligten sich an der Abstimmung auf dem . Admiral Scheer" 6348 Personen, von denen 585’ Ja-Stimmen, 358 Nein-Stimmen und 135 ungültige Stimmzettel abgegeben wurden.
Das Kabinett Daladier.
Die erste Frage, die man nach der Neubildung einer französischen Regierung zu stellen pflegt, ist die nach ihrer Lebensdauer. Auch das fetzige Kabinett Daladier ist von dieser Gewohnheit nicht ausgenommen. Die Weltmeinung, die soeben das einmütige und jubelnde Bekenntnis des groß- deutschen Volkes zu Adolf Hitler staunend miterlebt hat, kann nicht anders als den Regierungsexperimenten der französischen Parteiendemokratie mit gemischten Gefühlen und einem soliden Mißtrauen Zu begegnen. Wenn man daran denkt, daß die beiden vorhergehenden Volksfrontregierungen Löon Blums nur 50 bzw. 26 Tage am Leben waren, so
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Ministerpräsident Daladier gibt den Journalisten Auskunft über seine Pläne. — (Scherl-M.)
scheint dieser Zweifel an der Existenzfähigkeit des 105. Kabinetts der Dritten Republik ja auch hinlänglich gerechtfertiat. Dazu kommt die schwache parlamentarische Grundlage, auf die sich Daladier mit seinen Ministerkollegen stützen muß. Zwei Lieblingswünsche von Damtier, entweder eine „große Koalition" unter Einbeziehung der Sozialdemokraten, oder ein „Kabi - nettdes öffentlichen Wohles" zu schaffen, haben sich nicht erfüllt. Unter einem „Kabinett des öffentlichen Wohles hätte man etwa ein Ministerium zu verstehen, das sich aus „repräsentativen Männern" zusammensetzt und das sich, wenn nicht formell, fo doch tatsächlich, auf eine Arbeitsgemeinschaft von den Sozialdemokraten an bis zu den rechtsstehenden Gruppen stützt. Frankreich ist im Augenblick viel zu aufgewühlt, als daß solche Blütenträume reifen könnten. Schwache Ansätze sind aber in dem Kabinett doch vorhanden. So gehören der neue Minister für die Handelsmarine d e Chappedelaine, der neue Justizminister Reynaud, der neue Pensionsminister Cham- poti er b e Ribes und schließlich der neue Kolonialminister Georges Mandel gemäßigten Rechtsgruppen an, ohne aber mit ihrem Eintritt in die Regierung ihre Parteifreunde ausdrücklich zu verpflichten.
Der fozialdemokratifcheNationalrat hat nun zwar in der Nacht vom Samstag auf Sonntag beschlossen, dem Kabinett die Unterstützung der Partei zuzusichern, aber ob dies Versprechen auch seine praktische Erfüllung in den Abstimmungsschlachten der Kammer finden wird, steht noch dahin. Denn der erwähnte Beschluß wurde nur mit einer schwachen Mehrheit gefaßt, und wie es mit der Parteidisziplin im französischen Parlament aussieht, das weiß alle Welt nur zu genau. Es kann also jederzeit, wenn das marxistische Agitationsbedürfnis es erfordert, der Fall eintreten, daß ein großer Teil der sozialdemokratischen Abgeordneten dem Kabinett Daladier seine Zustimmung versagt. So ist dieses Kabinett ein ausgesprochenes Minderheitskabinett.
Was außenpolitisch von dieser Regierung, die ja den engeren Volksfrontrahmen gesprengt hat, zu erwarten ist, muß abgewartet werden. In der Besetzung des Kolonialministeriums mit dem Abgeordneten Mandel vermögen wir allerdings kein günstiges Vorzeichen für die Lösung großer internationaler Probleme zu erblicken. Von dem Außenminister Bonnet, der früher Botschafter in Washington war, ist seine starke Hinneigung zu England und seine enge, aus gleicher Wirtschaftsgesinnung entsprungene Freundschaft mit vielen britischen Politikern bekannt. Auch der Ministerpräsident selber hat in der letzten Zeit wiederholt, vor allem auf einer im März dieses Jahres stattgefundenen Vortragsreife durch England, die Notwendigkeit eines engen Einvernehmens zwischen den beiden westeuropäischen Demokratien hervorgehoben. Es ist also wahrscheinlich, daß Paris künftig^ energischer als bisher den Londoner Kurs der internationalen Politik mitsteuern wird.
Anderseits muß von deutscher Seite anerkannt werden, daß sich Daladier ebenso wie der stellvertretende Ministerpräsident Chautemps immer um eine vorurteilslose Haltung gegenüber dem Dritten Reich bemüht haben, soweit das die französische Mentalität überhaupt zuläßt. Edouard Daladier ist eine aufgeschlossene und aufrechte Natur. Obgleich er oft Neigungen zur Linksorientierung bekundete, gelegentlich mit der geballten Faust grüßte und seine Partei einst in das Volksfrontlager führte.
Das englisch-italienische Abkommen.
Oie Londoner presse meldet Llebereinstimmung in allen punkten.


