Hr.60 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
l?./l3. März 1938
Das Naihausbau-Projekt.
Oberbürgermeister Ritter hat in der Sitzung der Ratsherren am vorgestrigen Donnerstag das Rathausbau-Projekt stark in den Vordergrund des öffentlichen Interesses gerückt. Er hat dabei darauf hingewiesen, daß in dem Nachtraashaushalt für 1937 ein Betrag von 1000 Mark „für Aufstellung eines Raumprogramms und eines Entwurfs für das neue Rathaus" eingestellt wurde, um damit die erste Grundlage für oie Inangriffnahme dieses Projektes zu schaffen. Weiter hat er erklärt, daß im Haushalt für 1938 ein größerer Betrag vorgesehen werde, mit dessen Verwendung die weiteren Schritte zur Schaffung eines neuen Rathauses für Gießen stärker in Gang gesetzt werden sollen.
Mit dieser Entschließung leitet der Oberbürgermeister die Erfüllung einer Notwendigkeit ein, über die schon seit einer Reihe von Jahren kein Zweifel bestehen kann. Die Dringlichkeit eines Rathausbaues zur zentralen Zusammenfassung aller städtischen Derwaltungszweige ist in den Spalten des „Gießener Anzeigers" schon seit etwa 15 Jahren wiederholt dargelegt worden. Die bekannten Wirtschafts- und Finanznöte der früheren Zeit, aber auch die noch größere Dringlichkeit anderer Aufgaben während der letzten Jahre machten die Verwirklichung der Gedanken über die Rathausbaufrage bisher unmöglich. Erfreulicherweise sind nunmehr zahlreiche Vorbedingungen für diese Tat günstiger geworden. Damit eröffnen sich die Aussichten, daß der bisherige unleidliche Zustand der räumlichen Zersplitterung des städtischen Verwaltungsapparates mit all feinen Nachteilen in absehbarer Zeit behoben werden wird. Wer selbst die Erfahrung gemacht hat, wie störend und zeitraubend es ist, wenn man wegen irgendeiner Sache mehrere räumlich weit voneinander entfernt liegende Verwaltungsstellen aufsuchen muß und dabei ost doppelte oder dreifache Wege in Kauf zu nehmen hat, der wird es begrüßen, daß dieser Leerlauf sowohl für den Steuerzahler, als auch für den Verwaltungsapparat in abfehdarer Zeit verschwinden wird. Im Hinblick darauf ist denn auch der Entschluß des Oberbürgermeisters, das Rathausbau- Projekt nunmehr mit aller Energie anzupacken und es mit möglichster Beschleunigung vorwärtszutreiben, nur zu begrüßen.
Der künftige zentrale Rathausbau wird feinen Platz inmitten der Stadt an einer auch vom Verkehrsgesichtspunkt aus günstigen Stelle erhalten. Es ist vorgesehen, das neue Rathaus im Anschluß an das gegenwärtige, im Volksmund als „Alte Bürgermeisterei" bezeichnete Gebäude unter Hinzu- nahme des freien Platzes nach der Lonystraße zu, weiter des angrenzenden Backsteinbaues, in dem jetzt das Städtische Derficherungsamt untergebracht ist, sowie unter gleichzeitiger Einbeziehung des Gebäudes der früheren Loge an der gegenüberliegenden Ecke und des daneben gelegenen Verwaltungsgebäudes des Gaswerkes zu errichten. Alle diese Gebäude sollen abgerissen werden, um mit dem Neubau eine organische und städtebaulich einroanb# freie Lösung der Aufgabe zu schaffen. Eine wesentliche Rolle wird dabei natürlich das Ergebnis des Preisausschreibens zum Wettbewerb für zweckdienliche Projektvorschläge spielen, das sich an die deutschen Architekten wenden und voraussichtlich noch im bevorstehenden Sommer zu greifbaren Erfolgen führen wird.
Die Errichtung des neuen Rathauses an dieser Stelle wird natürlich auch eine Verlegung des Gaswerkes zur Folge haben. Hierüber, wie auch über die künftige Verwendung des jetzigen Stadthauses
Heute abend Groß-Kundgebung in Gießen zur Feier der nationalsozialistischen Erhebung in Oesterreich.
Aus Anlaß der nationalsozialistischen Erhebung in Oesterreich hat der Kreisleiter des Kreises Del- lerau, Pg. Backhaus, bestimmt, daß
heute Samstagabend, 21 Uhr, auf Oswaldsgarten
eine Großkundgebung stattfindet. Die gesamte Bevölkerung unserer Stadt ist dazu eingeladen. Die Kundgebung soll eine starke Bekundung unserer Verbundenheit mit unseren deutschen Brüdern in Oesterreich sein. Kreisleiter Backhaus wird aus Anlaß dieses bedeutsamen Ereignisses in Oesterreich über das Thema „Die Machtübernahme in Oesterreich" sprechen.
Großer Aaüelzug.
Der Kundgebung geht ein großer Fackel- zug voraus, an dem alle Gliederungen der Partei teilzunehmen haben. Zu diesem Fackelzug treten
die Gliederungen der Partei am Ludwigsplah bzw. in der Ludwigstraße um 19.30 Uhr an, und zwar in der gleichen Ordnung, wie es zur Feier des 30. Januar geschah: Der Fackelzug wird durch folgende Straßen führen: Ludwigstraße, Bleich- strahe, hindenburgwall, Frankfurter Straße, Ciebig- sirahe, Bahnhofstraße, Marktslraße, Marktplatz, Lindenplah, Dalllorstrahe, hitlerwall, Landgrafen- strahe, Landgraf-Philipp-Plah, Vrandplah, Sonnen- strahe, Kreuzplah, Seltersweg, Horst-Messel-Mall zum Oswaldsgarten.
Flamen heraus und Illumination der Häuser. Der Kreisleiter richtet an die Volksgenossen in Gießen und in allen Orten des Kreises Vetterau hiermit ferner die Aufforderung, als äußeres Zeichen der gesamtdeutschen Gemeinschaft und des
nationalsozialistischen Bekenntnisses sofort die Flaggen zu hissen und am heutigen Samstagabend alle Häuser in Stadt und Land f e st - lich zu illuminieren.
„Gin Volk - ein Reich."
Ueberall Großkundgebungen der NSDAP.
NSG. Aus Anlaß der Befreiung unserer Brüder in Deutsch-Oesterreich von schwerem Joch werden am heutigen Samstag in allen Orten des Gaues Hessen-Nassau Fackelzüge und Massenkundgebungen der NSDAP, veranstaltet. In der Gau- Hauptstadt Frankfurt a.M. findet um 22.30 Uhr auf dem Opernplah die große Abschlußkundgebung statt. Es spricht der Gauleiter! Die Bevölkerung aller Orte wird aufgefordert, ihre Anteilnahme durch Beflaggung und Illumination der Häuser zu beweisen.
Bergstraße sind bisher Entschlüsse noch nicht-gefaßt. Selbstverständlich wären auch für die ^-Standane neue Verwaltungsräume bereitzustellen, da diese Verwaltung mit dem Abbruch des früheren Logengebäudes ihre Unterkunft verlieren wird.
Die Verwirklichung dieses bedeutsamen Werkes wird natürlich in diesem und auch im nächsten Jahre nicht in allen Teilen abschließend möglich sein. Es handelt sich eben um ein kommunales Aufbauwerk von größtem Format, das ja auch in feinen Auswirkungen auf Jahrhunderte hinaus Geltung haben wird. B.
NSDAP., Ortsgruppe Gießen-Nord.
Die Zellenbefprechungen für den Monat März finden am Montag, 14. März, um 20.30 Uhr, wie folgt statt:
Zelle 1 im Restaurant „Frankfurter Hof", Lindengasse 2.
Zelle 2 im Restaurant „Zum Aquarium", Walltor- straße 5.
Zelle 3 im Restaurant „Zum ©ambrinus", Wetzsteingasse 10.
Zelle 4 im Restaurant „Zum Waldschlößchen", Horst-Wessel-Wall 64.
Zelle 5 in Gastwirtschaft Nohl, Ederstraße 6.
Zelle 6 in Gastwirtschaft Stephan, Steinstraße 74.
Zelle 7 in Gastwirtschaft „Stadt Marburg", Marburger Straße 23.
Zelle 8 in Gastwirtschaft Becker, Wiesecker Weg 44.
Zelle 9 in Gastwirtschaft Bönsel, (Babelsberger» straße 5.
Zelle 10 in Gastwirtschaft „Zur Pulvermühle", Rodheimer Straße 11.
Sämtliche Politischen Leiter, Amtswalter bzw. Amtswalterinnen der DAF., NSV. und NS.-Frauen- schaft haben an diesen Besprechungen teilzunehmen und werden ersucht, pünktlich um 20.30 Uhr in ihrem zuständigen Lokal anwesend zu sein.
Gtraßenausbau im Gchwarzlachgebiet.
. i |
■
Gegenwärtig werden zur weiteren Erschließung des Schwarzlachgebietes als Wohnviertel die Schottstraße und die Werrastraße verlängert. Diele Arbeiter sind jetzt damit beschäftigt, die Kanalisation zu legen. Wo sich heute noch Wiesen dehnen, werden in absehbarer Zeit Wohnhäuser emporwachsen. In dem durch den Straßenausbau neu erschlossenen Gebiet sollen, wie wir vor einiger Zeit bereits berichteten, über 100 neue Wohnungen gebaut werden.
(Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Wie deutsche Jugend
die im Weltkrieg Gefallenen ehrt!
Heldengedenktag---
Milde roärmelnbe Sonne, die den nahen Früh« ling verheißt, liegt erwartungsvoll über den Feldern, Sehnsucht nach neuem Blühen und neuem Leben nach kalter Winternacht!--
So schienen uns auch damals alljährlich die ersten Frühlingssonnenstrahlen in die dumpfen Schützengräben! --
Mit jedem neuen Frühling löst sich die Erinnerung an jene Zeit aus, — fühlt man heute wieder
AUSLEGEWARE VORLAGEN machen Ihr Heim noch gemütlicher!
PROSPEKT 61 DURCH BALATUM-WERKE • NEUSS
aufs Neue ihre magische Wirkung, — als Quelle neuen Lebens, neuer Zuversicht!
Und man denkt an die, die den Frieden und den Frühling in der Heimat nicht mehr erleben konnten, die neben uns fielen und ihr Leben als größtes Opfer für Heimat und Vaterland Hingaben, damit die Heimat gerettet, einem neuen Frühling entgegengehen konnte!--
Der Heimat Dank fei euch gewiß!--
Mit diesen und ähnlichen Gedanken betrete ich auf der Landstraße das saubere Dorf mit feinen freundlichen und alten, ehrwürdigen Häusern.
Mein Weg führt an der Schule vorbei.
Dort hat sich in geordneten Reihen die Schuljugend ausgestellt. Ein langer Zug setzt sich in Bewegung, an der Spitze wird ein großer, aus Efeu gewundener Kranz getragen, aus frischen Kinderkehlen ertönt ein Lied vom Vaterland! —
Der Zug geht hinauf zur alten, schon gelegenen Kirche mit dem alten und dem neuen Friedhof, hinter der die Gemeinde unter großen Bäumen in Erinnerung an ihre im Weltkrieg gefallenen Sohne ein schlichtes, aber würdiges Ehrenmal errichtet hat.
Eine rechteckige Wand, oben auf der Wand in
Gießener Gtadiiheaier.
Schiller: „Wilhelm Teil."
Der „Tell" ist das letzte große Werk, das, ein Jahr vor Schillers Tode, vollendet aus feiner Hand hervorging, zweifellos das volkstümlichste nicht nur von feinen Stücken, sondern auch wohl von den Dramen der deutschen Klassiker überhaupt. Daß diese Volkstümlichkeit nicht an die Entstehungszeit gebunden war, hat sich im Laufe von mehr als fünf Vierteljahrhunderten erwiesen. Auch später mußte jedermann empfinden, daß Schiller hier einen Stoff aufgegriffen und vollendet gestaltet hatte, der, obwohl nicht minder historisch als seine meisten anderen Dramenstoffe, doch dem Volksempfinden weitaus am nächsten kam, der weder der Antike, noch der englischen, französischen oder spanischen Geschichte entstammte: gewiß auch nicht der deutschen Vergangenheit im engeren und eigentlichen Sinne, — aber das Schicksal des Tell und der Freiheitskampf des Schweizervolkes find doch von jeher als ein deutsches Thema empfunden worden, um so mehr, je entschiedener und klarer das Empfinden und Handeln in diesem Drama einer überzeitlichnationalen Idee unterstellt war, wie es bei Schiller geschah. Darum begreifen wir den „Tell" seit langem nicht so sehr als eine dramatische Chronik aus dem eidgenössischen Mittelalter, wie als ein lebendiges Beispiel und dichterisches Vorbild nationaler Tat und völkischen Freiheitswillens schlechthin.
*
Der „Tell" ist unter den Schillerschen Dramen jenes, das am unbestrittensten und dauerndsten von allen in den geistigen Besitz der ganzen Nation übergegangen ist; das Stück auch, das der junge Deutsche allermeist zuerst kennen lernt von den klassischen Dramen, das er zuerst auf der Schule liest und zuerst auf dem Theater sieht. Kein anderes Schiller-Drama ist uns so vertraut und geläufig wie dieses, aus keinem wissen wir so viele Verse auswendig, die längst in den Zitatenschatz eingegangen sind und „geflügelte Worte" wurden; von keinem andern deutschen Stück, wenn wir allenfalls vom ersten Teile des „Faust" absehen, sind uns die Hauptszenen so lebendig und unvergeßlich gegenwärtig im Bewußtsein: das Rütli, der Apfelschuß, Attinghausens Tod und die hohle Gasse. Und es kann kein Zweifel sein, daß wir gerade heute, in ber Zeit eines mächtig neuerwachten Freiheitsgefühls und Nationalbewußtseins, ein herzlicheres Verhältnis zu diesem Schauspiel haben müssen als je zuvor.
*
.Es ist schon bei der Besprechung der letzten Gießener Aufführung vor sieben Jahren an einige ber bemerkenswertesten Daten aus der Entstehungs
geschichte des „Tell" erinnert worden: etwa daran, daß der Stoff ursprünglich in den dichterischen Projekten Goethes auftaucht, der, angeregt von der Schweizerreife im Herbst 1797, an eine epische Gestaltung der alten Tell-Sage dachte, den Plan aber dann aufgab und den Stoff schließlich „gern und förmlich" an Schiller abtrat. Aber auch Schiller hatte erst andere Entwürfe beiseiteschieben müssen, ehe er ernstlich an eine Bearbeitung der Fabel gehen konnte; es ist ferner bekannt, welche außerordentlichen Schwierigkeiten sich der Ausführung in den Weg stellten, und wie schwer Schiller mit diesem Stoff gerungen hat, bis er die Gestalt annahm, die ihn selber zu befriedigen vermochte, und die wir noch immer bewundern.
„Ich fühle, daß ich nach und nach des Theatralischen mächtig werde": das schrieb Schiller nicht etwa nach den „Räubern", auch nicht nach dem „Don Carlos", sondern nach der ersten Aufführung des „Tell" am 17. März 1804, ... wenig mehr als ein Jahr vor feinem Tode! „Nach und nach" — welch ein Wort, wenn man sich klarmacht, wer es sprach, wann es gesprochen wurde, und wenn man sich das unerhörte dramatische Werk vergegenwärtigt, das damals bereits vollendet war und heute zum ewigen Bestand der deutschen Dichtung und des deutschen Theaters gehört.
„Des Theatralischen mächtig" —: es gibt in der Tat kaum ein anderes Stück Schillers, in welchem Handwerk und Idee, die äußere, bühnengerechte, spannende und erregende Form des Schauspiels und die innere Kraft, das Polaritätsgefetz und das zeitlose Ethos dramatischer Dichtung eine so innige, schlackenlose, künstlerisch vollkommene Einheit bilden wie in diesem Schauspiel vom großen Freiheitskampf des schweizerischen Volkes. —
*
Intendant Schultze-Griesheim hatte das Schauspiel in Szene gesetzt. Man sah eine Aufführung, die — ohne unangemessene Effekthascherei — auf einen erfreulich unkonventionellen Ton gestimmt war und den Willen der Spielleitung spüren ließ, das Drama mit den Augen unserer Gegenwart zu sehen. Die Szenenfolge klar und übersichtlich gegliedert und aufgebaut; gestrichen war, soweit wir sehen konnten, nur die Parnciba- Szene, die ja gewöhnlich wegfällt. Die großen Volks- fzenen erschienen recht eigentlich als das Fundament des dramaturgischen Gefüges, von dem sich die in Tell verkörperte Ein^elhandlung scharf profiliert abhob: so waren die beiden großen Energieströme, welche die fünf Akte bewegen, gegeneinander abgesetzt und dennoch im Einklang.
llebrigens war die Aufführung allenthalben in einem großen Rahmen angelegt; das bezeugten sinnfällig die aus Herrn Löfflers Hand heröor- gegangenen Bühnenbilder« die mit einem unpo»
fanten Gebirgs-Prospekt sämtliche Szenen zugleich nach rückwärts abschlossen und zusammenfaßten, auch farbig und in der Linienführung ein schönes, malerisches, stimmunggebendes Bild boten; das bekundete sich ferner in einer räumlichen Ausweitung des Schauplatzes: die Maffenauftritte entwickelten sich (die übliche Vorhang-Grenze gegen das Parkett hin verwischend) mit lebendiger Wirkung aus dem Orchester-Raum heraus, wodurch der Beschauer gewissermaßen auch äußerlich den bewegten und bewegenden Vorgängen auf der Bühne näh er - gerückt schien.
*
Die Inszenierung war endlich spürbar bemüht, das Drama aller nur theatralischen Wirkung zu entkleiden; sie war auf einen einfachen, unpathetischen, menschlichen Ton gestimmt und kam eben damit dem Schwung und dem Herzklang der Schillerschen Dramatik am nächsten; dabei war auf nichts verzichtet, was man als poetisch oder romantisch im Sinne der Entstehungszeit ansprechen konnte: weder auf den lyrisch-melodramatischen Natureingang noch auf die Gewitterszene IV>.
Mitte und Höhepunkt des Ganzen war die Apfelschußszene, bühnenmäßig und seelisch durchgeformt und ausgefüllt; eindrucksvoll auch das Rütli, wiewohl hier einige leichte dialektische Schwankungen zu bemerken waren. Eine nochmalige große Steigerung ergaben die Hohle Gasse und gegen Ende der stürmisch ausbrechende Jubel des Volkes; im Sinne der Gesamtanlage war es ein guter Gedanke, die berühmten Schwurworte vom Rütli in der Schlußszene wiederholen und mit ihnen — über den Schillerschen Text hinaus,— das Schauspiel ausklingen zu lassen.
Den Tell gab Herr Neuhaus. Er spielte ihn so, wie es dem Stil der Inszenierung entsprach: einfach, schlicht und menschlich, als einen Biedermann und Bürger und guten Hausvater, in der Szene mit Frau und Kindern voll heiterer Unbekümmertheit, abseits der nächtlichen Verschwärung: um so stärker und unmittelbarer wirkten die Erschütterung in der Apfelschußszene und der Seelenkampf im berühmten Monolog vor der Tat.
Eine markante, wohlabgewogene Leistung sah man von Herrn v. Gschmeidler, der den Geß- ler spielte: nicht als den schnaubenden, tobenden Wüterich vergangener Theaterzeiten, sondern eher halblaut, aber scharf artikuliert, kalt, herrisch, brutal, dabei stellenweise mit einer fast eleganten, rittermäßigen Überlegenheit und Leichtigkeit des Tones.
Eine große und starke Szene hatte Herr Schorn, der den Melchthal mit anfangs verhaltener, dann leidenschaftlich ausbrechender Heftigkeit
gab. Allinghausen war Herr Geißler, in ber Sterbeszene von schöner, feierlicher Wirkung, zunächst aber erfreulich darauf bedacht, die Gestalt jener gebrechlichen Greisenhaftigkeit zu entrücken, in der sie früher oft schon im ersten Auftritt erschien.
*
Aus dem großen Aufgebot tüchtiger Sprecher seien ferner vor allem Herr Geiger als Stauffacher (mit den schönen Versen auf dem Rütli), Herr Kühne als Pfarrer und Herr V o l ck als Walter Fürst hervorgehoben. Herr Weiland gab den Rudenz als einen leidenschaftlichen jungen Ritter und Liebenden. — Unter den Frauen an erster Stelle: die mütterlich bewegte Hedwig (Rose Stirl) und die von Else Man narb ausgezeichnet gesprochene Stauffacherin. — Auch alle übrigen standen tüchtig und hingebungsvoll an ihrem Platz. Fast das gesamte Ensemble war auf der Bühne; auch der Intendant hatte eine Sprechrolle übernommen.
*
Der Beifall war nach den Hauptszenen und besonders zum Schluß herzlich und anhaltend.
Hans Thyriot.
Gloria-Palast: „Kameraden auf (See*.
Ein neuer Film ber Terra, ber in Form einer lockeren, anfänglich luftfpielhaft heiteren und unbeschwerten Spielhandlung einen Einblick in das Leben bei unserer Kriegsmarine gewährt: Dienst und Freizeit der Fähnriche, Ausbildung, Sport unb Spiel, Manöver und Regatta geben dankbare Motive und malerische Ausschnitte für den Kameramann; das persönliche Leben ist nicht vergessen, und die Liebe spielt natürlich auch hier die Rolle, die ihr in jedem ordentlichen Spielfilm von alters-- her zukommt. Kameradschaft und Disziplin sind die Leitgedanken, welche die Fabel beherrschen, und wenn die Handlung im ersten Teil ohne stärkere' Bewegung bleibt, so erhält sie gegen Ende dramatische Akzente unb ausgeprägt aktuelle Färbung: ein Geschwaber geht auf große Fahrt nach Spanien unb finbet in ben bärtigen Gewässern bald Ge- legenheit zum Eingreifen gegen sowjetspanische Piraten, die einen Passagierdampfer aufgebracht haben und einen wüsten Terror an Bord ausüben — Peter Francke und Korvettenkapitän I. A. Zerbe schrieben nach einer Idee von Toni Hup- pertz und I. A. Zerbe das Manuskript; Heinz Paul hatte die Spielleitung. Aus der Besetzung heben sich mit persönlich geformten Leistungen Theodor Loos (Admiral), Carola Höhn, Paul Wagner, Jos. Sieber, Jaspar von Oertzen, Rolf Weih und Reinhold Bernt heraus. — An der Kamera stand Hans Schneeberger; die Mufik schrieb Robert Küssel. Hans Thyriot.


