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Nr.y yrkties Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Mittwoch, 12. ZanuarM8

Die Parole der Hitler-Zugend 1938.

Das Jahr der Verständigung.

Aus -er Stadt Gießen.

Eine Zigarette Und ein Brief.

Der junge Mann fiel mir auf, weil er plötzlich ohne ersichtlichen Grund die Straße überquerte. Von weitem glich er vielen jungen Männern seines Alters: er trug Gamaschen und Handschuhe^ den Mantelkragen hochgeschlagen und den mit einem kleinen Längsgraben eingetieften Hut ein wenig schief, dem linken Ohr zu.

Aber sein bleiches Gesicht stach so sehr von den anderen, mit eitler Selbstgefälligkeit und einem kleinen Glückslächeln maskierten Straßengesichtern ob, daß es mich geradezu erschreckte. Es gab ohne jede Scheu einen inneren Aufruhr der Gefühle preis. Die finster zusammengezogenen Augenbrauen, die zwei tiefen Falten über der Nasenwurzel schie- nen zum Letzten zu Abwehr oder Angriff gewappnet zu sein wider das Ungewisse, von dessen Drohen die flackernden Blicke erzählten.

Als der junge Mann den Bürgersteig erreicht hatte, steckte er sich hastig eine Zigarette in den Mundwinkel, fand aber, so wild er auch sämtliche Taschen nacheinander abklopfte und durchwühlte, kein Feuerzeug, sie anzuzünden. Während er rings­um, in die vorüderflutenden Menschen, nach einem Raucher spähte, benahm sich die Zigarette in seinem Mund nervöser als der wippende Schwanz einer Bachstelze. Ein Eisenbahnbeamter, auf den er los- ftürmte, war ihm lächelnd behilflich. Er drehte den Kopf feiner kleinen Shagpfeife nach der Seite und zog ein paarmal kräftig, daß es Glut gab, an der die Zigarette'rasch anbrannte. Qualmend aus Mund und Nase entfernte sich der junge.Mann mit langen Schritten.

Doch während ich noch über den Grund feiner sonderbaren Erregtheit nachsann und nicht zu ent­scheiden- roaate, ob Berufs- oder Liebesangelegen­heiten den Anlaß gegeben hatten, trat er über­raschend neben mich vor ein Schaufenster und riß einen Brief auf. Das zierliche Format des gefütter­ten Umschlags und die zarte Rosafarbe des Papiers bewiesen eindeutig, daß keine geschäftlichen ober be­ruflichen Dinge das seelische Gleichgewicht des jun­gen Mannes störten. Er paffte, daß die Zigarette fingergliedlang am Glühen war, ohne sie aus dem Munde zu nehmen, bis ihn ein Hustenreiz dazu Zwang. Es dauerte lange, bis er das kleine Blatt wendete, als ständen Dinge darastf, die nicht leicht zu begreifen' maren. Dabei kauten feine Zähne krampfhaft auf der Unterlippe, und der Daumen der Rechten, die den Brief hielt, hämmerte unauf­hörlich wie im Takt feines raschen Herzschlags auf das Papier. Mit einemmal schnellte er die Linke hoch, daß ihr der glimmende Stummel entfiel, und schüttelte die Finger wie ein Kind, das sich ver­brannt hat.

Futsch!" sagte er, indem er- den Brief in seine Faust knüllte und das knisternde Knäuel in die Manteltasche stopfte. Dabei glitt sein Blick zu dem tiiifgerecften Zeigefinger, der in der Spitze des Woll- bandschuhs ein kleines Loch zeigte.Futsch!" wieder­holte er noch einmal und sah mich wie um Bestäti­gung an. Ich nickte, obschon ich nicht wußte, ob sich seine Aeußerung auf den Handschuh, ober den Inhalt des Briefes bezog.

Ehe er mit schleppenden Schritten ging, wandte er mir noch einmal sein Gesicht zu. Es war völlig entspannt, ober wie eine welke Blume in all seinen Zügen erschlafft. P. B.

Kreishandwerkswalter in der OA§. neu eingesetzt.

NSG. Die Organisation des Deutschen Handwerks in der Deutschen Arbeits­front im Zuge der neuen Kreiseinteiluna der NSDAP, ist nunmehr abgeschlossen. Als Kreis­handwerksmeister wurden u. a. eingesetzt in

Alsfeld-Lauterbach: Johann Wilhelm Koch, Büdingen-Schotten: Spengler Paul Kossatz, Wetterau: Schneidermeister Otto Stein, Wetzlar: Graveur August Ludwig.

fahren der Ertüchtigung, der Schulung und des Jungvolkes wurde im letzten Jahre, im fUNpre ber HI., die Heimbeschaffungsaktion ein- h act 7~*nn ror uns im Fahrendes Baubeginnes W^eime einmal umsehen, so müssen wir fest- stellen, daß schon Gewaltiges geleistet würbe. Unter­stützt von Partei, Staat und Eltern blickten wir auf 543 neue Heime und Tausende von Notlösun­gen, weiterhin auf 96 vollendete oder angefangene neue Jugendherbergen.

Der vierte Reichsberufswettkampf gab uns das Mld, daß die gesamte schaffende Jugend über Kon­fessionen und Klassen geeint ist, und wir kommen von einem früheren Leistungskampf einzelner zu dem Berufswettkampf aller Schaffenden.

Die Ertüchtigung und Schulung wurde fortgesetzt

Im Vierjahresplan kämpft das deutsche Volk um seine absolute Freiheit. Die letzten Kräfte müssen mobil gemacht werden, um dieses große Ziel zu erreichen. Diesem Ziel dient auch der Berufswett­kampf aller schaffenden Deutschen. In einem gewal­tigen Leistungswettbewerb werden die wertvollsten und tüchtigsten Arbeitskräfte der Nation ihre Kräfte einsetzen, um ihre beruflichen Leistungen zu stei­gern und ihre weltanschauliche Einstellung unter Beweis zu stellen. Jeder, der am Berufswettkampf aller schaffenden Deutschen teilnimmt, reiht sich da­mit ein in die große Kampffront, in der. das deutsche Volk kämpft um Freiheit, Ehre und Frie­den. Rebeling,

Schulrat.

Wenn eine Landgemeinde von rund tausend Seelen, wie Langsdorf im Kreise Gießen, den Betrag von über 2000 Mark aufbringt, um ein stattliches Buch über ihr Gemeinwesen zum Druck zu bringen, so beweist das einen gesunden und starken Heimatsinn. Der aus Rodheim an der Bieber stammende Verfasser, der seit 1928 als Pfarrer zu Langsdorf wirkt, wandelt in feinem Buche keine ausgetretenen Pfade, sondern eigne Wege. Er registriert nicht einfach Daten, sondern er gestaltet schöpferisch seinen Stoff und läßt vor allem die Menschen, die das Dorf bilden, in den Vordergrund treten.

Die staatlich-politische Geschichte, eingeteilt in die Abschnitte: die prähistorische Zeit, aus Mittelalter und Neuzeit, hie Langsdorfer im Kampf mit ihrer Regierung, der Langsdorfer Judenkrawall, Kriegs- unb Heerwesen, bie Gemeindeverwaltung und ihre Organe, nimmt etwa den sechsten Teil des Ganzen ein.

Ein zweites Stück ist dent^Ackerbau, der Vieh­zucht, dem Forstwesen, dem Geldwesen sowie dem Handwerk und Gewerbe gewidmet.

Die Bau- und Siedlungsgeschichte iss hauptsächlich eine Geschichte der rund 200 Hofreiten.

Das.vierte Stück behandelt die allgemeine Kirchen­geschichte, die Pfarrer, das Bauwesen und Der- mögensangelegenheiten sowie die Langsdorfer Gläu­bigkeit.

Daran schließt sich die Geschichte der Schule und das Verzeichnis der Lehrer.

Das der Volkskunde eingeräumte sechste Stück berichtet über Dorfsagen, Hausnamen, Flurnamen und Hausinschriften.

Das siebente und letzte Stück, für die Familien-

und fand ihren sichtbaren Ausdruck in den Reichs­sportwettkämpfen, Zeltlagern und Fahrten sowie Heimabenden und Führerschulungen.

Große Vorarbeit würbe in der Grenz- und Aus- lanbsarbeit geleistet. Durch Grenz- und Auslands­fahrten wurde die direkte Fühlungnahme mit der Jugend anderer Länder angeknüpft. Reichsjugend­führer Baldur von Schirach lud tausend Söhne ehe­maliger französischer Frontkämpfer zu einem Be­such »ach Deutschland ein. Um die Jahreswende sanden in verschiedenen Gegenden Deutschlands deutsch-ausländische Jugenbgemeinschaftslaaer statt. In seiner Neujahrsbotschaft gab der Neichsjugend- führer die Parole: 1 9 3 8, das Jahr der Verständigung!"

Der Reichsberufswettkampf 1938.

Ein weiterer Aufruf.

Langsdorfer Heimatbuch.

Beiträge zur Geschichte und Volkskunde von Langsdorf.

Anmeldeschluß für den Reichsberufswellkampf 1938.

Die Anmeldung für den Reichsberufswettkampf aller schaffenden Deutschen ist nur noch bis zum 15. Januar 1938 möglich. Später eingehende An­meldungen haben keinen Anspruch auf Berücksichti­gung mehr. Wir fordern alle Schassenden im Kreise Wetterau auf, sich, soweit sie ihre Anmeldung noch nicht abgegeben haben, sofort bei dem Betnebs- obmann, ober bei ben Dienststellen der Deutschen Arbeitsfront anzumelden.

Die Betriebsführer unb Betriebsobmänner wer­den hiermit nochmals gebeten, alle Anmeldungen sofort an die Kreiswattung weiterzuleiten.

Die Deutsche Arbeitsfront, Kreiswattung Wetterau.

forscher von besonderer Bedeutung, verbreitet sich über die Langsdorfer Sippen im allgemeinen sowie über die vierzig noch blühenden alten Langsdorfer Stämme, über vierzehn der erloschenen sechzig alten Stämme und die Familie von Langsdorfs im be­sonderen. Der Langsdorfer Mensch ist der Gegen­stand eines kurzen Schlußkapitels.

Was der Verfasser in der Einleitung zu dem volkskundlichen Stücke sagt, gilt für bas ganze Werk:Es ist nicht unsere Absicht, in biesem Stück eine vollständige unb lückenlose Darstellung ber Langsdorfer Volkskunde zu geben... Es liegt uns gar nicht daran, in romantischer Verklärung das vergangene Brauchtum schimmern zu sehen. Der Erforscher gerade der Heimatgeschichte weiß zu gut, daß es auch auf dem Dorf die vielgerühmte ,gute alte Zeit* nie gegeben hat. Immer war das Leben unserer Väter ein schweres Ringen mit der Not des Lebens und mit den dämonischen Gewalten, die den Menschen schuldhaft unb qualvoll werben lassen. Worauf es uns in diesem Buche vornehmlich zu zeigen anfommt, ist dieses: wie aus dem tiefen Dunkel ber Jahrhunberte unser teures Dorf unb seine Menschen heraufgestiegen finb bis zur Gegen­wart."

Das Langsborfer Heimatbuch führt die Entwick­lung eines Dorfes in großen unb wesentlichen Zügen bem Leser lebenbig und fesselnd vor Augen. Wie sich eine Mundartdichtung, meng sie eine wirk­liche Dichtung ist, über den engen Kreis des Lokalen hinaus erheben kann, so ist es mit diesem Buche der Fall. Es spricht nicht nur zu den eingeborenen Langsdorfern, sondern zu jedem, ber für heimat­kundliche Dinge Sinn hat. Die für die Geschichte eines Dorfes ungewöhnlich vornehme und gediegene

Ausstattung entspricht seinem Inhalt. Der Ver­fasser unb bie Gemeinbe Langsborf können stolz darauf sein, was hier geschaffen mürbe.

Karl Esselborn.

Das Buch würbe im Auftrage ber Gemeinbe Langsborf von deren Pfarrer Dr. Hugo Friedrich H e y m a n n herausgegeben. Umfang 309 Seiten (3).

Dornotizen.

Tageskalender für Mittwoch.

Stadttheater: 19.30 bis 22.15 Uhr,Lady Winder­meres Fächer". Gloria - Palast (Settersweg): Der zerbrochene Krug". Lichtspielhaus (Bahn­hofstraße):Der Berg ruft". L.-B. Volkstum und Heimat, Arbeitsgemeinschaft Gießener Solda- tenkamerabschaften, Obst- unb Gartenbauverein Gie­ßen,Fünfziger" aller Jahrgänge, Kaufmännischer Verein von 1873, sämtlich um 20 Uhr in ber Neuen Aula, es spricht Amtsgerichtsrat i. R. Gros über Ernstes unb heiteres Alt-Gießen". Skiklu.b Gießen: 20 Uhr, im Kunstwissenschaftlichen Institut Lichtbilber-Vortrag.

ErstaufführungLady Windermeres Fächer".

Heute abend finbet im Stabttheater die Erst­aufführung bes GesellschaftsstückesLaby Winder­meres Fächer", Komödie in vier Akten von Oskar Wilde, in der Neubearbeitung von Karl Lerbs statt.

RUHL Seilersweg Nr. 67

adiO Telephon Nr. 3170

eparaturen (897 D

Spielleitung: Hermann Schultze - Griesheim. Büh­nenbild: Karl Löffler. Die Vorstellung findet als 15. Vorstellung ber Mittwoch-Miete statt. Anfang 19.30 Uhr, Ende 22.15 Uhr.

Hitler-Zugend Baun 116 Gießen.

Thealerring der Hitler-Jugend.

Am Montag, 17. Januar, findet die 5. Vorstel­lung für den Theaterring ber Hitler-Jugend statt. Es gelangenStreit am Lagerfeuer" unbDie Gans" von Heinz Steguweit zuk Aufführung. Der Dichter lieft aus feinen Werken.

BOM.- u.IM.-Untergau 116,Gießen.

Vetr.: hI.-Thealercing.

Am 17. Januar, 20 Uhr, beginnt bie 1. Vorstel­lung für dieses Jahr im Rahmen bes HJ.-The,ater- rings. Heinz Steguweit lieft aus feinen Wer­ken. Zwei Schwänke des Dichters werden von der Spielschar aufgeführt. Karten werden ab Donners­tag an der Dienststelle ausgegeben.

Vetr.: Wochenendschulung für Monat Januar.

Die Wochenendschulung für Monat Januar steigt nicht am 16. d. M., sondern wird entweder am 6. ober 13. Februar für beide Monate zusammen statt­finden. Der genaue Termin wird an dieser Stelle noch bekanntgegeben.

Schaufenster künden deutsche Leistung.

NSG. Die Deutsche Arbeitsfront führt durch ihre ReichsdienststelleDer Deutsche Handel" in der Zeit vom 13. bis 20. Februar unter dem MerkwortWir künden deutsche Leistung" einen Schaufensterwett­bewerb durch, der Auftakt und wesentlichen Bestand­teil des Berufswettkampfes aller schaffenden Deut­schen darstellt.

Teilnahmeberechtigt sind alle im Einzelhandel schaffenden Deutschen. Voraussetzung für die Zu­lassung ist die arische Abstammung. Die Teilnahme ist kostenfrei. Die Anmeldung hat spätestens bis 25. Januar auf bem dafür vorgesehenen Anmelde­schein zu erfolgen. In dem Wettbewerb ist ein Schaufenster mit einer guten Werbeidee bei mög­lichst geringem Kostenaufwand und sauberer tech­nischer Ausführung zu gestalten. Idee unb Aus­führung müssen von bem Wettbewerber selbst stam­men. Ein Teilnehmer kann mehrere Fenster ge-

Der Verteidiger Wiens.

Ium 300. Geburtstage

des Grafen Rüdiger von Starhemberg.

In dreißig furchtbaren, Jahren hatte der große Krieg das Reich zerstampft. Wie von einem Lava­strom vernichtet liegt das Land von ber Leitha bis zu den Weingärten am Abhang des Kahlenberges, das die ungeheuren Heermassen Kara Mustafas durchzogen haben zum Sturm des Islam gegen das Abendland. Der Himmel glüht vom Wiederschein der verbrannten Dörfer, als am 7. Juli 1683 der Wagen des neuernannten Stadtkommandanten über die Donaubrücke nach Wien rollt.In was für einen Stand aber ich diesen Posten gefunden, was für Mangel an allen Requisiten, und was für eine Be­stürzung unter dem Volke, werden I. M. diejenigen jo nicht haben hier bleiben wollen, genugsam remon- jtriret haben," meldet der Graf Rüdiger von Starhemberg tags darauf dem Kaiser. Die fieberhaften Arbeiten der letzten Wochen und die vierzigstünbigen Gebete konnten die Vernachlässigung von Jahren nicht wettmachen. Dabei war Wien, das Tor zum Reich, im Schnittpunkt wichtiger Straßen, mit seinen Rüst- und Lagerhäusern, die Operattcms- basis für jede Armee nach dem Osten. Nun wurde in aller Hast geschanzt, es wurden die Schindeldächer heruntergerissen, Wasserbottiche vor jedem Haus auf- gestellt, Wälle aufgeworfen. Der Bürgermeister An­dreas Liebenberg ergriff als erster den Schub­karren, um Steine und Erde zu fahren. Die zwei Monate der Belagerung begannen.

Von den Anhöhen bes Wiener Waldes schleuder­ten die dicken Mörser der Türken, von französischen Ingenieuren gerichtet, Steinkugeln und Brandbom­ben über bie Bastionen. Sklaven schachteten bie Lauf­gräben aus, in denen die Stadt bald gefangen hing. Tag um Tag berannten die Janitscharen die Wälle.

Ein Mann hält die Stadt. Der Graf von Star­hemberg ist in jeder Stunde auf den Wällen. Los- gerissenes Gestein zerbeult ihm den Eisenhut: der Chirurgus schneidet Kugeln aus seinem Fleisch. Zwei Tage fiebert er unter der Ruhr, denn er ißt feuchtes Brot und stinkende Heringe wie seine Soldaten. Un­erträglich sind die Sommertage in der verseuchten Stadt, in deren Straßen Mensch unb Tier verfaulen, in ber man durch das Gewölk von Staub, Rauch und Brandschwaden den Himmel nicht sieht. unter Rangstreitigkeiten der Befehlshaber, naht das Entsatzheer. Aber bie zusammengeschmvlzene Manm schäft kann dem Druck der Belagerer kaum noch Stunden Stand hatten. Mit Ketten, spanischen Rei­

tern und Wvlfseisen läßt Rüdiger von Starhemberg bie Stabt zum Straßenkampf corbereiten.Keine Zeit mehr verlieren, gnäbigfter Herr! keine Zeit!" hat er auf den Zettel gekritzelt, mit dem ein Bote sich in der Kacht des 11. September zum Entsatzheer durchschlägt. Garben von Raketen zerstieben über bem Stefansturm. Am Morgen sieht das Christen­heer unter grauen, flammendurchlohten Wolken die Stadt, die Abteilungen der Belagerer in der Ebene, die goldglänzenden Lagerzelte Kara Mustafas mit Bädern, Blumengärten und exotischen Tieren. An diesem Tag wird Wien befreit.

Mit diesem Tag endet auch Rüdiger von Star- Hembergs europäische Bedeutung, und durch vielfältige Verdrüsse und Mortificationes" ist er bald völlig aus dem Heere wegintrigiert worden. Der Kaiser gab ihm einen Türkenkopf und den Stefansturm in sein Wappen fürdie tapfere De- fenfion und erhattung Unserer von der Ottomani- schen Porten mit erschröcklicher Macht in die neunte Wochen so hart und eng gelägert gewesten Haupt- und ResidenzStadt Wien". Kupferstiche, Münzen und Lieder feierten den Verteidiger Wiens.

Ein österreichischer Historiker schrieb:Der Halb­mond auf den Mauern Wiens aufgepflanzt, hätte die Weltgeschichte geändert. Wie tausend Jahre frü­her Karl Martell in der Schlacht von Tours Eu­ropa vor der UÜberflutung der Araber rettete, fo war jetzt Starhemberg ber Mann, ber burch bie Verteibigung Wiens bie letzt« Sturmflut bes Islams von Europa abwehrte." Den Schwur, ben Kara Mustafa getan hatte, bie Stefanskirche in einen Pferbeftall zu verwanbeln, muß man als Sinnbilb verstehen. Deutfchlanb hätte offen vor ben Osmanen gelegen, wenn Wien fiel; Kultur unb Raffe bes Äbenblanbes waren bebroht von jenen kriegerischen Völkerschaften, die von ber turanischen Steppe her- eingebrodjen waren, als Träger ber Jbee einer Wettrevolution unter ber Fahne des Propheten. Dreihundert Jahre lang waren sie eine unaufhör­liche Bedrohung für das Reich gewesen. Dor ben Mauern Wiens brach sie enbgültig zusammen. Das ist Rübiger von Starhembergs unsterbliches Der- bienft. Walter Schwerdtfe^er.

Hochschulnachrichten.

Der Reichserziehungsminifter hat den nb. ao. Professor Dr. Georg Ma sing zum Orbinarius unb zum Direktor des neuerrichteten Institutes für allgemeine Metallkunde an ber Universität Göt­tingen ernannt.

1OOOO (Sulfren für einen Gah.

Der Arzt in der Anekdote.

Als im Jahre 1738 in Leiben der berühmte holländische Arzt Boerhave mit 70 Jahren starb und sein Nachlaß versteigert wurde, fand man ein stark versiegeltes Buch, das die Aufschrift ,,Die einzigen und tiefften Geheimnisse der Arzneikunst" trug. Die Schar ber Neugierigen unb Wissensbursti- gen, bie glaubten, hier bas Rätsel vom Stein ber Weisen gelöst zu finden, war groß unb so würben für ben Folianten bis zehntausenb Gulben geboten. Doch als der glückliche Besitzer enblich seinen Schatz öffnete, sah er nichts als leere unbeschriebene Blätter. Unb nur auf ber ersten Seite konnte er ben Satz lesen: Hatte ben Kopf kalt, bie Füß§ warm und den Leib offen, so kannst du aller Aerzte spotten.

*

Diese Regel hat wohl viel für sich, für ben Arzt aber, besten Patienten biefe Lorbeugemaßnahmen eben nicht beachtet haben, bürste sie kaum aus­reichen. Er muß heute auch als fertig ausgebilbeter Arzt sich ftänbig weiterschulen, wofür bie ärztliche Pflichtfortbilbung, wie wir sie in Deutfchlanb haben, zu sorgen hat. Auf einen Mebiziner, ber sich nicht um bie Fortschritte in seiner Wissenschaft kümmert, ließe sich jebenfalls jener Ausspruch anroenben, ben ber bekannte Berliner Anatom Wilhelm von Walbeyer in einer Antrittsvorlesung gegenüber ben jungen Stubenten äußerte:Meine Herren, bie Anatomie ist für (eben Arzt bie (Brunblage seiner Wissenschaft. Ein Arzt, ber bie Anatomie nicht be­herrscht, ist mit einem Maulwurf vergleichbar. Beibe arbeiten im Dunklen, unb bas Ergebnis ihrer Be­mühungen finb Erbhügel."

*

Die Anforderungen an ben Arzt, ber das höchste Gut eines Volkes, bie Gefunbheit, zu verwalten hat, können nicht hoch genug gestellt werben. So ist zu verstehen, baß Nubolf Virchow ben Stubenten gegenüber bei Prüfungen äußerst ftreng war. So fragte er auch mal roieber einen Kanbioaten, was bei einer Krankheit, bie er vorher genau beschrieben hatte, zu oerorbnen sei. Die Antwort lautete, die unb bie Arznei.Unb wieviel soll ber Kranke bavon nehmen?"Einen Eßlöffel voll, Herr Geheimrat." Nachbem bie Prüfung zu Enbe war, fiel bem Stu­benten ein, baß er sich in ber Dosis stark geirrt hatte. Voller Not versucht er bas Unheil nachträg­lich roieber gut zu machen, stürzt Virchow nach unb stammelt außer Atem:Herr Geheimrat, ich habe

mich in ber Dosis versehen, ich hätte nur 5 Tropfen geben dürfen". Virchow zuckte nur die Achseln:Be- baure, aber, ber Kranke ist bereits gestorben".

*

Ebenso bissig war Virchows Urteil über Kollegen, die dem ärztlichen Beruf nicht in vollem Maße genügten. So wurde in einer Gesellschaft, bei der Virchow anwesend war, über einen Arzt ge­sprochen, dessen Geiz allgemein bekannt war.Nicht einmal eine Kutsche hält er sich. Die wäre bet ber Ausbehnung seiner Praxis ungemein wichtig."Da sehen Sie"; meinte Virchow, ber von ben Fähig­keiten bes geizigen Arztes nicht viel hielt,baß Geiz eine vorteilhafte Eigenschaft sein kann; benn hätte er eine Kutsche, so würbe er noch viel mehr Schaden anrichten!" Allwissenb unb - ein Tausend- fünftjer ist ber Arzt allerdings nicht.Ein so gro­ßer Mann wie Sie kann gewiß alle Krankheiten heilen", versuchte eines Tages eine Dame ber Pariser Gesellschaft bem bekannten Arzt Petit zu schmeicheln.Sie irren sich. Gnädigste, es geht uns Aerzten wie ben Kutschern von Paris, bie kennen alle Straßen, aber sie wissen nicht, was in den Häusern vor sich geht."

*

Daß Geschwinbrgkeit keine Hexerei ist, zeigt jene Geschichte, die von bem Leipziger Psychiater Flechsig erzählt wirb. Er hatte einmal einen krassen Fall von Größenwahn zu behandeln. Es wurde ein armer Landgeistlicher in die Klinik ein­geliefert, der sich allen Ernstes einbildete, Papst Benedikt ber Fünfzehnte zu sein. Nach ber Be- hanblung stellte sich rasche Besserung ein. Als man Flechsig am anberen Tage nach dem Befinden des Kranken fragte, äußerte sich Flechsig sehr befriedigt: Unser Kranker hält sich nur noch für Benedikt den Vierzehnten, ich hoffe das Beste".

Dr. L. Spee.

Ein weißer Bison.

In der National Bison Range in Montana (USA.) wurde ein weißes Bisonkalb geboren. Die» fer Albino ist, wie die Frankfurter Wochenschrift Die Umschau" dazu bemerkt, das zweite seiner Art; ber erste Albino ist sein Vater, der heute vier Jahre alt ist. Beide Albinos stammen von dersel­ben Bisonkuh. Selbst in den Zeiten, in denen bie Prärien von Riesenherden von Bisons bevölkert waren, kamen weiße Exemplare nur selten vor, und sie wurden sehr geschätzt, so daß ihr Fell von den Indianern mit 10 bis 15 Pferden bezahlt wurde, während die Weißen bis zu 1000 Dollar für ein einziges weißes Bisonfell ausgaben.