Nr. 265 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Freitag, tt. November 1938
Kundgebungen gegen die Juden in Gießen.
Im Verlaufe des gestrigen Donnerstag machte sich, wie in vielen anderen Teilen des Reiches, auch in Gießen die große Empörung aller deutschen Volksgenossen über den feigen Meuchelmord des Juden Grünspan an dem deutschen Gesandftchafts- rat vom Rath in einer Reihe von judenfeindlichen Kundgebungen Lust.
In den frühen Vormittagsstunden ging in der Synagoge am chindenburgwall ein Brand hoch, der sich rasch über das ganze Gebäude ausbreitete, so daß die alsbald zur Brandstelle geeilte Feuerwehr sich mit der Beschränkung des Feuers auf den Brandherd begnügen mußte; das Gebäude brannte im Verlaufe weniger Stunden bis aus die Umfassungsmauern aus. Etwa gegen 10 Uhr schlugen auch aus der Syangoge in der Steinstraße plötzlich Flammen heraus, und auch hier nahm der Brand in ganz kurzer Zeit eine solche Ausdehnung an, daß die Feuerwehr nur noch den Schutz der Nachbargebäude sicherstellen und die Brandstelle lokalisieren konnte; auch diese Synagoge brannte vollständig aus.
Die berechtigte Entrüstung unserer Volksgenossen richtete sich im Verlause des Vormittags auch gegen
die paar noch in Gießen vorhandenen jüdischen Geschäfte, deren Schaufenster- und Ladeneinrichtungen dabei in Trümmer gingen, um hierdurch den Juden deutlich zu machen, daß sie auch in unserer Stadt keinerlei Platz mehr haben. Die Abwehrdemonstra- tion unserer Volksgenossen beschränkte sich dabei von selbst auf die Beseitigung der wenigen jüdischen Geschäftsstätten, feiner der Demonstranten nahm irgendeinen Gegenstand mit sich fort. Die Hunderte von Volksgenossen, die diesem Vergeltungsakt als Zuschauer beiwohnten, zeigten unverhohlen ihr Einverständnis mit dieser Ausschaltung der jüdischen Geschäfte.
Eine Anzahl Juden begab sich schon im Laufe des Vormittags freiwillig in polizeiliche Schutzhaft, andere warteten ab, bis sie zu ihrer eigenen Sicherheit von der Polizei zur Schutzhaft abgeholt wurden. Die Polizei sicherte dadurch die Juden vor der starken und berechtigten Empörung, die wegen des verruchten jüdischen Verbrechens in Paris und wegen der unausgesetzten schamlosen Hetze des Weltjudentums gegen unser Volk und Reich alle deutschen Volksgenossen erfüllt.
Der zweite-----ril,.......a ------- _
13. November werden sich die Familien in allen Häusern des Großdeutschen Reiches zu Tisch setzen, um ein einfaches Gericht zu verzehren, und 80 Millionen Menschen werden vereint sein in dem Gedanken, anderen Volksgenossen zu helfen. Schon Tage vorher pflegen die Hausfrauen zu überlegen, welche Gerichte für diesen Sonntag zubereitet werden können. Wenn die deutsche Hausfrau einen Blick in die Läden und auf die Wochenmärkte wirft, findet sie die Speisekammer gefüllt mit wertvollen Nahrungsgütern aller Art. Reichsnährstand und Wirtschaftsgruppe Gaststätten- und Beherbergungsgewerbe, die gekneinsam entscheiden, welche Erzeugnisse und Gerichte an den einzelnen Eintopfsonntagen empfohlen werden sollen, ist die Arbeit nicht schwer- gefallen. Auch für den 13. November wird eine Reihe von Gerichten genannt, die nicht nur in den deutschen Gaststätten, sondern auch von den Hausfrauen mit Erfolg am nächsten Eintopfsonntag zubereitet werden können.
Als erstes Gericht wird genannt: Graupensuppe mit Mohrrüben und Hammelfleischeinlage. Die Mohrrübenernte dieses Jahres ist reich und gut. Jeder Verbraucher weiß, wie schmackyaft und nahrhaft Mohrrüben sind. Aber die Graupensuppe ist nicht weniger beliebt, insbesondere
Gmtopssonniag?
-n und Männern vom Arbeitsdienst, aber auch den Hitlerjungen ist dieses Gericht bekannt. Und zu diesen beiden guten Dingen noch eine Hammelfleischeinlaae I — An zweiter Stelle wird W e Oß - oder Wirsingkohl mit Rindfleisch empfohlen. Auch dieser Eintopf kann auf reichen Zuspruch rechnen. Weiß- und Wirsingkohl haben jetzt ihre große Zeit, und Waggon über Waggon rollt an die Märkte. Das Rindfleisch ist die rechte Beigabe zu diesem Gericht. Wie immer folgt als Nummer 3 das Fischgericht. Nachdem die deutsche Fischflotte wieder in voller Arbeit ist, dürfen wir auf eine ausreichende Fischversorgung hoffen. Als letztes Gericht steht der Gemüseeintopf nach Wahl ober vegetarisch auf dem Programm.
Da die beiden letztgenannten Eintopfgerichte nicht bestimmte Erzeugnisse nennen, sondern je nach der Versorgungslage und den Gewohnheiten der einzelnen Gebiete zubereitet werden sollen, sind insbesondere beim Gemüseeintopf viele Möglichkeiten gegeben. Der Blumenkohl wird dabei eine große Rolle spielen. Die Tatsache, daß wir all diese schmackhaften Gerichte billig Herstellen können, wird, wie bisher, auch den Ertrag des kommenden Eintopfsonntages günstig beeinflussen.
Größere Verkehrssicherheit -Neuer tlnsallschuß!
Fast 90000 Radfahrer verunglückten im vergangenen Jahr.
Verstärkter Gchuh für das Millionenheer der Radler durch die Tretstrahler.
Für einen sehr großen Teil unserer Volksgenossen ist das Fahrrad ein unentbehrliches Verkehrsmittel, 20 Millionen Deutsche fahren Rad, rund 12 Millionen Volksgenossen kommen zu Rad zur Arbeitsstätte. Etwa 40 d. H. der in der Industrie Beschäftigten sind Radler; in einigen Fällen erhöht sich der Anteil bis auf 75 v. H. Sehr hoch ist die Zahl der mit dem Rad zur Schule fahrenden Kinder und Jugendlichen. Ein Viertel des deutschen Volkes benutzt als Verkehrsmittel das Fahrrad!
Unvermeidbare Gefahren?
Diese Angaben scheinen auf den ersten Blick eine Erklärung dafür zu sein, wie es möglich ist, daß nahezu 9 0 0 0 0 Radfahrer an Verkehrsunfällen beteiligt sind — d. h. an einem Drittel aller Verkehrsunfälle —, daß über 2000
Volksgenossen dabei ihr Leben verlieren, daß 93 v. H. der tödlich verlaufenen Radunfälle auf berufstätige Menschen entfielen. Aber sind die Gefahren, die dem Radler drohen, wirklich unvermeidbar? Ist ihnen der Radfahrer tatsächlich schutzlos ausgesetzt? Die Verkehrssicherheit kann erhöht werden.
Es liegt zunächst an jedem radfahrenden Volksgenossen selbst, sich der bestehenden Gefahren zu erwehren. Er tut dies durch Befolgung seiner zehn Pflichten. Er wahrt Disziplin, beweist Verantwortungsbewußtsein, fährt mit Vorsicht und ist auch auf der Straße Kamerad.
Zu dieser Haltung, die von der Einsicht jedes einzelnen abhängt, tritt als weiterer Sicherheitsfaktor das verkehrssichere Fahrzeug. Für einen ordentlichen Menschen wird es eine Selbstverständlichkeit sein, daß er sein Rad in einem Zustand hält, der die
Aus der Stadt Gießen.
Bitte an die spitzen Hüte.
Ihr seid so schön behütet, Mädchen, Frauen! Wir Männer haben nie gewußt, daß es so viele Sorten von Spitzen gibt. Mancher Hut beginnt wie ein Zylinder und endet wie eine Stecknadel. Mancher verjüngt sich brutal. Andere Abarten sehen wie leicht geköpfte Zuckertüte aus. Schließlich gibt es ganz verwegene Formen, die den Kopfbedeckungen mittelalterlicher Burgfräuleins gleichen, wißt ihr, jenen, die vom hohen Altan den Rittern nachwmk- ten, wenn sie talwärts zogen —
Alle aber sind schön, alle diese Hüte. Kein anderes Wort kommt über die Lippen von uns Männern. Wir sind eben begeistert.
Indessen, wir gehen ins Kino, um mehr zu sehen, als Hüte. Wenn wir in diesem spitzbehüteten Herbst im Kinohaus sitzen, liegt vor uns eine schwarzgezackte Landschaft, eine Mond-Ebene mit spitzen und stumpfen Bergkegeln. Uns aber dürstet nach Handlung, nicht nach Scherenschnitten.
Vor unvorstellbar langen Zeiten, in grauen Vortagen der Mode, also vor einem guten halben Jahr etwa, trugen die Damen Tellertütchen. Sie waren sicher schrecklich, obwohl wir sie damals pflichschuldig süß und reizend fanden, wie heute die spitzen. Aber sie hatten einen Vorteil: sie störten nicht im Kino.
Wir möchten euch einen Hut kürzer machen, Mädchen und Frauen!
Nur im Kino.
Bitte, bitte! . r. k.
Dorrwtizen.
Tageskalender für Freitag.
Stadttheater: 20 bis 23 Uhr: „Dantons Tod". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Der Tag nach der Scheidung". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die vier Gesellen". — Deutscher Automobil-Club, Gießen: 20.30 Uhr, Neue Aula, Film- und Lichtbildervortrag Max Reisch (Wien) „40 000 Kilometer Auto-Abenteuer!".
Zum letztenmal „Dantons Tod".
Heute abend findet die letzte Aufführung des großen Erfolges „Dantons Tod", Drama von Georg Büchner, statt. Spielleitung Dr. Hannes Razum, Bühnenbilder: Karl Löffler. Die Vorstellung findet gleichzeitig als 7. Vorstellung der Freitag-Miete statt. Beginn 20 Uhr, Ende 23 Uhr.
Gießener Nonzertverein.
Als erstes Platzmiete-Konzert des diesjährigen Konzertwinters sindet am Donnerstag, 17. November, das erste große Orchesterkonzert des Städtischen Orchesters unter Leitung von Prof. Stefan Te- m e s v a r y statt. Die Solistin Maria Neuß (Violine) wird mit dem Mozartschen Violinkonzert A-dur erfreuen. — Das Winterprogramm 1938/39 schließt sich den vergangenen Jahren würdig an. Wir brauchen nur die Namen der Meisterkünstler wie Wilh. Backhaus, Alma Moodie, Claudio Arrau, Lore Fischer, Joh. Willy, Günther Ramin u. a., ferner das Wendling-Quartett, 4 Orchesterkonzerte des Städtischen Orchesters und Verdis Reguiem anzuführen. Ein Programm, welches sich mit jeder Großstadt vergleichen kann.
Von einem Straßenbahnwagen überfahren und getötet.
Aus der Straße Gießen—Wieseck ereignete sich am gestrigen Donnerstagabend ein schwerer Verkehrs- unfall, der leider den Tod eines Mannes ;ur Folge hatte. Dort befanden sich ein Mann und sein Enkelkind aus Wieseck mit Handwagen unterwegs nach Gießen. Der Mann, der etwa 60 Jahre alte Landwirt Ludwig Sommerlad, geriet dabei auf bis jetzt noch ungeklärte Weise plötzlich vor einen in voller Fahrt von Wieseck kommenden Sttaßenbahnwagen. Der Mann wurde von dem Wagen zu Boden gerissen und so unglücklich überfahren, daß der Tod auf der Stelle eintrat. Die polizeilichen Ermittlungen über die Schuldfrage sind noch im Gange.
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Roman von Kurt Riemann
Copyright by Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa
30 Fortsetzung. (Nachdruck verboten!,
Ach, es ist zum Verzweifeln! Es bleibt nichts anderes übrig, als ihn das Werk bauen zu lassen und bann erst alle Irrtümer zu beseitigen!
„Du bist recht mitteilsam, Karola!" lacht Herbert neoen ihr. „Ich erzähle dir schon eine ganze Weile von all dem, was man so am Ufer sieht, ich lasse mein Talent als Gesellschafter leuchten und funkeln, bin ein sogenannter amüsanter Plauderer . . . und du... hörst gar nicht zu. Bist mit deinen Gedanken ganz woanders." •
„Ich war mit ihnen bei dir, Herbert. Und du sollst auch kein Plauderer sein, ich kann Plauderer auf den Tod nicht ausstehen, du sollst einfach bei mir fein. Mehr möchte ich gar nicht."
„Karola! . . ." Er drückt ihr die Hand und zieht ihren Arm unter den seinen mit einem Griff, daß sie leicht aufschreit.
„Grobian!"
„Wenn du einmal von mir gingest . ober wenn ich einmal zweifeln mühte an dir . . . id) weiß nicht, was ich täte! Wird dir nicht bange vor deinem Liebhaber?" \
Sie sieht ihn mit feuchten Augen an, mit einem Dlick, der ihm ins Herz fährt wie ein glückseliger Schmerz.
„Ach, wir beide . . sagt er da nur, „wir beide . .
$n Wehlen verlassen sie das Schiff. Durch lichte Walder steigt der Weg auf. Links und rechts sehen sie manchmal in Abgründe, aus denen schroffe Felsen ragen, bizarr und seltsam geformt, ein versteinerter Garten voll unheimlicher Fabeltiere.
„Seltsam, zu bedenken, daß das alles einmal der Grund eines Meeres war, auf dem wir hier stehen!" meint Karola nachdenklich. „Was unten war, kam nad) oben, niemand weiß, wie es geschehen. Was eigentlich hat Bestand, wenn selbst die Felsen die Unruhe alles Lebens in sich tragen? Nichts!"
„Doch", entgegnet Herbert. „Einige wenige Dinge haben Bestand. Das Werk, das größer ist als seine Zeit ... und die Liebe, die mehr gibt als ihr Leben. Man wird's nicht anschauen können, was davon bleibt, aber es lebt im Gedächtnis der Menschen, es wirkt in ihrem Handeln weiter, als Ansporn, Vorbild und Weiser zu neuen Taten. Jahr
tausende sind vergangen, seit die Pyramiden erbaut wurden. Sie sprechen noch heute. Jahrtausende sind vergangen, seit Christus starb. Er ist heute lebendig wie damals, als er zum Kreuze schritt. Wir leben alle nur von dem Glanz der Vergangenheit. Wir sind Glieder einer Kette, deren Anfang wir nicht erkennen können, und deren Ende nur Gott zu ermessen weiß."
Von der Bastei schaut man weit ins Tal der Elbe hinein. Der Fluß erkämpft sich zwischen Felsblöcken und Berghängen seinen Weg. In Windungen, Kurven und Schlangenlinien sucht er die Ebene zu erreichen. Die Menschen aber steigen auf den Rücken der Berge, schauen in die Tiefe des Tals und sehen die Schiffe schwimmen, winzig klein wie Spielzeug, sehen die Eisenbahnzüge auf dem gegenüberliegenden Ufer stromab nach Dresden, stromauf nach Prag und Wien eilen. Die lange Rauchfahne liegt lang und fast unbewegt im Tal. Sie zerflattert erst, wenn der Zug schon längst darunter hinweggeeilt ist.
Herbert und Karola haben sich bei der Hand gefaßt, sie gehen durch die vielen Menschen, die jeder schöne Tag nach diesem Schaustück der Sächsischen Schweiz lockt, ohne einen von ihnen auch nur zu bemerken. Wie gleichgültig ist ihnen das alles!
Es geht ihnen, wie es den Liebenden vor Jahrtausenden schon gegangen sein mag: Wenn zwei sich lieben, dann lächelt Gott und schafft seine Welt von neuem und schöner — nur für diese zwei.
So sehen sie auch die Dame nicht, die da eben ihren Wagen aus der Menge der parkenden Automobile heraussteuern will, aber plötzlich mnehält, als habe sie etwas entdeckt, was sie außerordentlich interessiere.
„Ich bleibe noch!" winkt sie dem Parkwächter zu, der ihr hilfsbereit einen Weg aus dem Gewühl bahnen wollte, stellt den Motor ab und schlüpft schnell aus den Polstern.
Schau, schau, denkt die sehr gut gekleidete Dame, streift die Wildlederhandschuhe über und eilt sich, um die zwei nicht aus den Augen zu verlieren.
Nichtig, sie hat sich nicht getäuscht, das ist Karajan. Das Mädchen da ist ihr unbekannt. Aber Karajan ist es auf alle Fälle.
Sieht gut aus, das hat sie mit einem -olta festgestellt. Sehr gut sogar!
Und dann bleibt sie einen Augenblick stehen. Ob hier die rechte Gelegenheit ist, ihn auszuforschen. Charlie wartet auf Antwort, dringend und ungeduldig. Und ich habe ihm zu helfen. Natürlich. Aber warum klopft mir das Herz so? denkt sie. Ich habe Karajan einmal geliebt. Gut. Das ist lange vorbei. Es war schön, aber es war Wahnsinn
l Ist bas jetzt nicht lange vorbei? Sicherlich. Uno
doch klopft mir das Herz? Weil er dieses Mädchen bei sich hat, das so einfach aussieht wie eine Verkäuferin ober wie die Tochter eines kleinen Beamten? Lächerlich.
Oder bin ich feige? Habe ich Angst vor meiner Aufgabe?
Langsam geht sie hinter den beiden her. Jetzt steigen sie zur Terrasse hinauf. Wahrscheinlich wollen sie da oben Mittagbrot essen. Hm. Das ist eine vorzügliche Gelegenheit.
„Ein Tisch an der Mauer! Schnell! Herbert! Schnell! Wir können geradeswegs ins Tal sehen!" Karola hat die günstige Gelegenheit zuerst erspäht, sie läuft wie ein Schulmädchen und zieht ihn hinter sich her. Aufatmend setzen sie sich.
„Großartig!" lobt Karajan. „Du bist doch die Tüchtigere von uns beiden! Von Fabriken mag ich mehr verstehen als du, aber wie man zu einem anständigen Platz kommt, ich glaube, das Problem löst du wesentlich gewandter als ich."
„Auch der männliche Verstand hat eben seine Grenzen!"
„Werde nicht aufsässig, du ungeratenes Balg!"
Das hört niemand außer ihr und sie lacht ihm selig ins Gesicht.
Ungeratenes Balg ... das ist eine wunderschöne Liebeserklärung.
„Auf alle Fälle sitzen wir hier ausgezeichnet und werden essen wie die Fürsten!" fährt er fort. „Mach dich recht breit, Mädel, wir wollen jeden wegekeln, der es wagt, sich an unfern Tisch zu setzen!"
Sie essen mit dem gesunden Hunger junger Menschen, und keiner von beiden achtet auf die Frau, die sie vom Eingang her lange und eindringlich beobachtet.
Irene überlegt noch immer, ob sie Karajan anreden soll; aber es erscheint ihr überflüssig und gefährlich zugleich, eine Szene heraufzubeschwören. Und was soll sie von ihm erfahren? Sie weiß jetzt, daß er in Dresden ist. Das genügt zunächst. Von seinen Plänen wird er ihr sowieso nicht viel erzählen.
Langsam wendet sie sich, ohne gesehen worden zu sein, und geht zu ihrem Wagen.
Charly wird schmunzeln, wenn ich ihm sage, was ich gesehen habe! denkt sie vergnügt und freut sich, ihm behilflich sein zu können.
Lächelnd lenkt sie ihren Wagen aus der Reihe der parkenden Automobile.
Inzwischen sind auch Karola und Karajan fertig. Sie marschieren nun noch ein Stück in die bizarre Wildnis der versteinerten Gärten des Elbsandstein- gebirge«. Sie haben sich bei den Händen gefaßt und sind fröhlich wie Kinder. Er treibt Schabernack wie
eigene Gefährdung oder die anderer Verkehrsteilnehmer ausschließt. Abgesehen davon, daß er sich anderenfalls strafbar macht. Signalglocke, beide Bremsen, die Beleuchtung, alles hat in Ordnung zu sein.
Die Dunkelheit birgt für den Radfahrer besondere Gefahren: Oft wird er zu spät erkannt. Das Katzenauge ist als Schutzmittel nicht mehr ausreichend. Aus diesem Grunde soll es durch den T r e t st r a h - (er — so nennen wir mit einem deutschen Wort den „Pedal"-Rückstrahler — ersetzt werden.
Unbegründete Bedenken.
Der Tretstrahler hat sich als wesentlich besser er» wiesen und stellt die denkbar beste Sicherung des Radlers dar. Auf über 25 000 Fahrkilometer wurden Versuche angestellt, die ohne Ausnahme die erwarteten, in jeder Hinsicht befriedigenden Ergeb» nisse brachten. Bedenken, die da und dort nuftraten,.
daß je nach der Fußstellung die Wirksamkeit ausgeschaltet werden würde, oder aber mangelnde Sauberkeit — die jeder Radler vermeiden wird — sie beeinträchtige, haben sich als unbegründet herausgestellt.
Welche Räder müssen Tretstrahler haben?
Aus Grund dieser Erfahrungen sollen die Tretstrahler für alle Fahrräder eingeführt werden. Zunächst besteht die gesetzliche Pflicht zur Anbringung nur für die Räder, die feit dem 1. Oktober 1938 neu in den Verkehr kommen. Für die schon länger im Verkehr sich befindenden Räder ist aus produktionstechnischen Gründen die Anbringung zwar noch nicht angeordnet, es ist aber der ausdrückliche Wunsch des Reichsführers ff und Chefs der deutschen Polizei, daß die Anschaffung im Interesse einer erhöhten Verkehrssicherheit freiwillig schon jetzt erfolgt zum Schutze der Radfahrer und der anderen Verkehrsteilnehmer.
Eine Sonderregelung wurde für die Rennräder getroffen, die nur dann mit Tretstrahler ausgerüstet sein müssen, wenn sie im Straßenverkehr gefahren werden.
Die zehn pflichten für Radler.
Dor einiger Zeit hielten die Verkehrspolizisten jeden Volksgenossen an und überreichten ihm ein Merkblättchen mit den „Zehn Pflichten für Radfahrer". Man hat es inzwischen verlegt oder fortgeworfen. Man lernt ja so schnell, nicht wahr ...?" Trotzdem soll man Gelerntes ab und zu wiederholen. Zum eigenen Vorteil!
„Scharf rechts am Rand der Fahrbahn fahren!" Tust du das wirklich immer? Oder schlüpfest du nicht hier und dort zwischen Automobilen und Straßenbahnen unschön in der Mitte durch ...?
„Grundsätzlich nicht nebeneinander fahren!" Ein Schwätzchen mag sehr erbaulich sein; aber Lastwagenräder, die einen durch eigene Schuld überfahren, sind es nicht, daran denke, wenn Kamerad Fritz dir ganz schnell noch die Sache mit Müllers erzählen will!
„Die ßenfftange ft e t s sestha11en , Füße auf den Pedalen lassen!" Du lieber Himmel; wieviel Jongleure gibt es eigentlich? Man sehe sich einmal um; Schuljungen leisten Erstaunliches darin — allerdings, einmal kommt das bittere Ende!
„N u r bei ausreichendem Platz überholen!"
„Nach links in weitem und nach rechts in engem Bogen einbiegen!" Auch das
ein großer Junge, versteckt sich in den unmöglichsten Winkeln, narrt sie, kurz, ist glücklich und verliebt.
Sie läßt alles lächelnd geschehen und freut sich ihres großen Jungen. Dollgetrunken mit Sonne und Bergluft kehren sie am Abend zu dem Dampfer zurück.
Als sie auf dem Schift stehen, mitten unter den vielen Menschen, die nach Haus fahren, küßt cr plötzlich ihre Hand, ganz irnpulfiv. Ganz aus sich heraus.
„Du darfst mich nie verlassen, Karola", sagt er leise. „Ich habe keinen Menschen als nur dich allein/* Ganz fest erwidert Karola den Druck seiner Hand. Was auch kommen mag, immer wird sie auf seiner Seite stehen, fest und unbeirrt. Sie wird keinen Richter anerkennen als ihr Herz.
„Niemals", sagt sie, „niemals!" und spürt seinen Ring an ihrem Finger, den Ring, den seine Großmutter schon trug.
Schön war der Tag, schön wie die festliche Stadt, die sich nun naht, die in ihrer heitern Schönheit ihre Gäste immer empfängt wie eine fröhliche Frau, die auf uns wartete.
Als Karola am späten Abend den schmalen Plad der Plattleite hinauftteigt, ist sie sehr glücklich. Sie weiß, wie Karajan sie liebt, er wird sie immer lieben, auch wenn sie die Wahrheit sagen muß eines Tages.
Das erfüllt sie mit einer heitern Ruhe, mit fröhlicher Gelassenheit.
„Ich habe ihn getroffen!"
Irene wirft die Handschuhe auf das Bett, den Hut dazu, dann schüttelt sie das dunkle Haar, daß es in breiten Wellen sich locker um ihr Gesicht legt. Seit drei Tagen wohnen sie in Dresden, wie immer in dem großen Hotel am Zwinger. Irene läßt sich die Festspielwoche der Oper nie entgehen.
„Karajan?" fragt Meßdorf aus dem Schlafzimmer und fährt vom Bett auf, auf dem er rauchend und gelangweilt Zeitschriften durchblätterte.
„Ja. Deinen so sehr gefürchteten Doktor Herbert Karajan. Ich traf ihn auf der Bastei mit einem Mädchen. Uebrigens ein harmloses Ding."
Irene hört, wie ihr Mann sich schnell erhebt uni) zu ihr herüberkommt.
„Also doch! Habe ich also doch recht gehabt. Der Bursche hat etwas vor!" Darin liegt viel Schärfe, Mißtrauen und eine leise Drohung.
„Was hast du eigentlich mit Karajan zu tun?" (Fortsetzung folgt!)


